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Full text of "Vorlesungen uber Pathologie"

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Vorlesungen 



über 



PATHOLOGIE 



▼on 



RUDOLF VIRCHOW. 



Brsttr Bai4t 

Die Cellolar- Pathologie in ihrer Begrflndnng auf physiologische 

und pathologische Gewebelehre. 



Tiefte Aifltge. 



Berlin, 1871. 

Verlag von Angast Hiröchwald. 



Unter dco Maden No. 68. 



Die 



CELLULARPATHOLOGIE 



in ihrer BegründuDg aaf 



physiologische iind pathologische Gewebelehre, 



dargestellt 



▼on 



RUDOLF VIRCHOW, 

ord. off. Profetsttr der patbologiacbcD Anatomie , der allgemeioeo Pathologie and Therapie 
an der UniTertität, Director de^„^«ttallBflUchen loetitut« nod dirigirendem Arste 



■t 



▼ierte, nen bearbeitete atia stark ▼ermehrte Auflage. 



Mit 157 Holzschnitten. 



Berlin, 187L 

Verlag von Angnst Hirschwald. 



Unter den Linden No, 68. 






Der Verfaiser behalt »ich dm-* Recht <!cr Uebertetiuag lo fremd« Spraehui, besondert la'f 

Englische und Franzötiecbe vor. 



Vorrede zur ersten Auflage. 



Die Vorlesungen, welche ich hiermit dem weiteren ärztlichen 
Pnbliknm vorlege, wurden im Anfange dieses Jahres vor einem 
grösseren Kreise von Collegen, zumeist praktischen Äerzten Ber- 
lin's, in dem neuen pathologischen Institute der Universität ge- 
halten. Sie verfolgten hauptsächlich den Zw^eck, im Anschlüsse 
an eine möglichst ausgedehnte Reihe von mikroskopischen De- 
monstrationen eine zusammenhängende Erläuterung derjenigen Er- 
fahrungen zu geben, auf welchen gegenwärtig nach meiner Auf- 
fassung die biologische Doctrin zu begründen und aus welchen 
auch die pathologische Theorie zu gestalten ist. Sie sollten ins- 
besondere in einer mehr geordneten Weise, als dies bisher ge- 
schehen war, eine Anschauung von der cellularen Natur aller 
Lebensvorgänge, der physiologischen und pathologischen, der thie- 
rischen und pflanzlichen zu liefern versuchen, um gegenüber den 
einseitigen humoralen und neuristischen (solidaren) Neigungen, 
welche sich aus den Mythen des Alterthums bis in unsere Zeit 
fortgepflanzt haben, die Einheit des Lebens in allem Organischen 
wieder dem Bewusstsein näher zu bringen, und zugleich den 
ebenso einseitigen Deutungen einer grob mechanischen und che- 
mischen Richtung die feinere Mechanik und Chemie der Zelle ent- 
gegen zu halten. 

Bei den grossen Fortschritten des Einzelwissens ist es für 
die Mehrzahl der praktischen Aerzte immer schwieriger geworden, 



VI Vorrede zur ersten Auflag«. 

sieh dasjenige Haass der eigenen Anschannng zn gewinnen, wel- 
ches allein eine gewisse Sicherheit des Drtheils verbürgt. Täglich 
entschwindet die Möglichkeit nicht bloss einer Prüfung, sondern 
selbst eines Verständnisses der neueren Schriften denjenigen 
mehr, welche in den oft so mühseligen nnd erschöpfenden Wegen 
der Praxis ihre beste Kraft verbrauchen müssen. Denn selbst 
die Sprache der Medicin nimmt nach und nach ein anderes Aus- 
sehen an. Bekannte Vorgänge, welche das herrschende System 
seinem Gedankenkreise an einem bestimmten Orte eingereiht hatte, 
wechseln mit der Auflösung des Systems die Stellung und die 
Bezeichnung. Indem eine gewisse Thätigkeit von dem Nerven, 
dem Blute oder d-jm Gefässe auf das Gewebe verlegt, ein passiver 
Vorgang als ein activer, ein Exsudat als eine Wucherung erkannt 
wird, ist auch die Sprache genöthigt, andere Ausdrücke für diese 
Thätigkeiten , Vorgänge und Erzeugnisse zu wählen, und je voll- 
kommener die Kenntnies des feineren Geschehens der Lebensvor- 
gänge wird, um so mehr müssen sich auch die neueren Bezeich- 
nungen an diese feineren Grundlagen der Erkenntniss anschliessen. 

Nicht leicht kann Jemand mit mehr Schonung des Ueberlie- 
ferten die nothwendige Reform der Anschauungen durchzuführen 
versuchen, als ich es mir zur Aufgabe gestellt habe. Allein die 
eigene Erfahrung hat mich gelehrt, dass es hier eine gewisse 
Grenze gibt. Zu grosse Schonung ist ein wirklicher Fehler, denn 
sie begünstigt die Verwirrung: ein neuer, zweckmässig gewählter 
Ausdruck macht dem allgemeinen Verständnisse etwas sofort zu- 
gänglich, was ohne ihn jahrelange Bemühungen höchstens für Ein- 
zelne aufzuklären vermochten. Ich erinnere an die parenchymatöse 
Entzündung, an Thrombose und Embolie, an Leukämie und 
Ichorrhämie, an osteoides und Schleimgewebe, an käsige und 
amyloide Metamorphose, an die Substitution der Gewebe. Neue 
Namen sind nicht zu vermeiden, wo es sich um thatsächliche Be- 
reicherungen des erfahrungsmässigen Wissens handelt. 

Auf der anderen Seite hat man es mir schon öfters zum 
Vorwurfe gemacht, dass ich die moderne Anschauung auf veraltete 
Standpunkte zurückzuschrauben bemüht sei. Hier kann ich wohl 
mit gutem Gewissen sagen, dass ich eben so wenig die Tendenz 



Vorrede zur ersten Aufla|Te. VII 

habe, den Galen oder den Paracelsus zu rehabilitiren, als ich 
mich davor schone, das, was in ihren Anschauungen und Erfah- 
rungen wahr ist, offen anzuerkennen. In der That finde ich nicht 
bloss, dass im Alterthum und im Mittelalter die Sinne der Aerzte 
nicht überall durch überlieferte Vorurtheile gefesselt wurden, son- 
dern noch mehr, dass der gesunde Menschenverstand im Volke 
an gewissen Wahrheiten festgehalten hat, trotzdem dass die ge- 
lehrte Kritik sie für überwunden erklärte. Was sollte mich ab- 
halten, zu gestehen, dass die gelehrte Kritik nicht immer wahr, 
das System nicht immer Natur gewesen ist, dass die falsche Deu- 
tung nicht die Richtigkeit der Beobachtung beeinträchtigt? warum 
sollte ich nicht gute Ausdrücke erhalten oder wiederherstellen, 
trotzdem dass man falsche Vorstellungen daran geknüpft hat? 
Meine Erfahrungen uöthigen mich, die Bezeichnung der Wallung 
(Fluxion) für be»äer zu halten, als die der Congestion; ich kann 
nicht umhin, die Entzündung als eine bestimmte Erscheinungs- 
form pathologischer Vorgänge zuzulassen, obwohl ich sie als on- 
tologischen Begriff auflöse; ich muss trotz des entschiedenen 
Widerspruchs vieler Forscher den Tuberkel als miliares Korn, das 
Epitheliom als heteroplastische, maligne Neubildung (Cancroid) 
festhalten. 

Vielleicht ist es in heutiger Zeit ein Verdienst, das histo- 
rische Recht anzuerkennen, denn es ist in der That erstaunlich, 
mit w^elchem Leichtsinn gerade diejenigen, welche jede Kleinigkeit, 
die sie gefunden haben, als eine Entdeckung preisen, über die 
Vorfahren aburtheilen. Ich halte auf mein Recht, und darum 
erkenne ich auch das Recht der Anderen an. Das ist mein Stand- 
punkt im Leben, in der Politik, in der Wissenschaft. Wir sind 
es uns schuldig, unser Recht zu vertlieidigen, denn es ist die ein- 
zige Bürgschaft unserer individuellen Entwickelung und unseres 
Einflusses auf das Allgemeine. Eine solche Vertlieidigung ist keine 
That eitlen Ehrgeizes, kein Aufgeben des rein wissenschaftlichen 
Streben». Denn wenn wir der Wissenschaft dienen wollen, so 
müssen wir sie auch ausbreiten, nicht bloss in unserem eigenen 
Wissen, sondern auch in der Schätzung der Anderen. Diese 
Schätzung aber beruht zum grossen Theile auf der Anerkennung, 



VIII Vorrede zur ersten Auflage. 

die unser Recht, auf dem Vertrauen, das unsere Forschung bei 
den Anderen findet, und das ist der Grund, warum ich auf mein 
Recht halte. 

In einer so unmittelbar praktischen Wissenschaft, wie die 
Hedicin, in einer Zeit so schnellen Wachsens der Erfahrungen, 
wie die unsrige, haben wir doppelt die Verpflichtung, unsere Eennt- 
niss der Gesammtheit der Fachgenossen zugänglich zu machen. 
Wir wollen die Reform, und nicht die Revolution. Wir woUen das 
Alte conserviren und das Neue hinzufügen. Aber den Zeitge- 
nossen trübt sich das Bild dieser Thätigkeit. Denn nur zu leicht 
gewinnt es den Anschein, als würde eben nur ein buntes Durch- 
einander Yon Altem und Neuem gewonnen, und die Nothwendig- 
keit, die falschen oder ausschliessenden Lehren der Neueren mehr 
als die der Alten zu bekämpfen, erzeugt den Eindruck einer mehr 
revolutionären, als reformatorischen Einwirkung. Es ist freilich 
bequemer, sich auf die Forschung und die Wiedergabe des Ge- 
fundenen zu beschränken und Anderen die „Verwerthung^ zu 
überlassen, aber die Erfahrung lehrt, dass dies überaus gefährlich 
ist und zuletzt nur denjenigen zum Vortheil ausschlägt, deren 
Gewissen am wenigsten zartfühlend ist. Uebernehmen wir daher 
jeder selbst die Vermittelung zwischen der Erfahrung und der 
Lehre. 

Die Vorlesungen, welche ich hier mit der Absicht einer sol- 
chen Vermittelung veröffentliche, haben so ausdauernde Zuhörer 
gefunden, dass sie vielleicht auch nachsichtige Leser erwarten 
dürfen. Wie sehr sie der Nachsicht bedürfen, fühle ich selbst sehr 
lebhaft. Jede Art von freiem Vortrage kann nur dem wirklichen 
Zuhörer genügen. Zumal dann, wenn der Vortrag wesentlich dar- 
auf berechnet ist, als Erläuterung iür Tafel-Zeichnungen und De- 
monstrationen zu dienen, muss er nothwendig dem Leser un- 
gleichmässig und lückenhaft erscheinen. Die Absicht, eine ge- 
drängte Debersicht zu liefern, schliesst an sich eine speciellere, 
durch ausreichende Gitate unterstützte Beweisführung mehr oder 
weniger aus und die Person des Vortragenden wird mehr in den 
Vordeiptind treten, da er die Aufgabe hat, gerade seinen Stand- 
punkt deutlich zu machen. 



Vorrede zur ersten Auflage. IX 

Möge man daher das Gegebene für nicht mehr nehmen, als 
es sein soll. Diejenigen, welche Mnsse genag gefanden haben, 
sich in der laufenden Eenntniss der neueren Arbeiten zu erhalten, 
werden wenig Neues darin finden. Die Anderen werden durch 
das Lesen nicht der Mühe überhoben sein, in den histologischen, 
physiologischen und pathologischen Specialwerken die hier nur 
ganz kurz behandelten Gegenstände genauer studiren zu müssen. 
Aber sie werden wenigstens eine Uebersicht der für die cellulare 
Theorie wichtigsten Entdeckungen gewinnen und mit Leichtigkeit 
das genauere Studium des Einzelnen an die hier im Zusammen- 
hange gegebene Darstellung anknüpfen können. Vielleicht wird 
gerade diese Darstellung einen unmittelbaren Anreiz für ein sol- 
ches genaueres Studium abgeben, und schon dann wird sie genug 
geleistet haben. 

Meine Zeit reicht nicht aus, um mir die schriftliche Ausar- 
beitung eines solchen Werkes möglich zu machen. Ich habe mich 
deshalb genöthigt gesehen, die Vorlesungen, wie sie gehalten 
wurden, stenographireu zu lassen und mit leichten Aenderungen 
zu redigiren. Herr Cand. med. Langenhaun hat mit grosser 
Sorgfalt die stenographische Arbeit besorgt. Soweit es sich bei 
der Kürze der Zeit thun liess, und soweit der Text ohne diesel- 
ben für Ungeübte nicht verständlich sein würde, habe ich nach 
den Tafel - Zeichnungen und besonders nach den vorgelegten Prä- 
paraten Holzschnitte anfertigen lassen. Vollständigkeit liess sich 
in dieser Beziehung nicht erreichen, da schon so diej Veröffentli- 
chung durch die Anfertigung der Holzschnitte um Monate verzö- 
gert worden ist. 

Misdroy, am 20. August 1858. 



Vorrede zur zweiten Auflage. 



JJer vorliegende Versuch, meine von den hergebrachten abwei- 
chenden Erfahrungen dem grösseren Kreise der Aerzte im Zusam- 
menhange vorzufuhren, hat einen unerwarteten Erfolg gehabt: er 
hat viele Freunde und lebhafte Gegner gefunden. Beides ist ge- 
wiss sehr erwünscht, denn die Freunde werden in diesem Buche 
keinen Abschluss, kein System, kein Dogma finden, und die 
Gegner werden genöthigt sein, endlich einmal die Phrasen aufzu- 
geben und sich an die Sachen selbst zu machen. Beides kann 
nur zur Bewegung, zum Fortschritt der Wissenschaft beitragen. 

Allein Beides hat doch auch seine niederschlagende Seite. 
Wenn man ein Decennium hindurch mit allem Eifer gearbeitet und 
die Ergebnisse seiner Forschungen dem ürtheile der Mitwelt vor- 
gelegt hat, so stellt man sich nur zu leicht vor, dass mehr davon, 
dass vielleicht der grössere und wesentliche Theil allgemeiner be- 
kannt sein könne. Dies war, wie die Erfahrung gelehrt hat, bei 
meinen Arbeiten nicht der Fall. Einer meiner Kritiker erklärt es 
aus der Breite meiner Beweisführungen. Mag es sein, allein dann 
hätte ich vielleicht erwarten dürfen, dass andere Kritiker die Be- 
weise, welche sie hier nicht in ausreichender Weise fanden, in 
den Originalarbeiten aufgesucht hätten. Denn ausdrücklich hatte 
ich schon das erste Mal hervorgehoben, dass diejenigen, welche 
sich in der laufenden Kenntniss der neueren Arbeiten erhalten 
hätten, hier wenig Neues finden würden. 

In der neuen Ausgabe habe ich mich darauf beschränkt, den 
Ausdruck zu verbessern, Missverständliches schärfer zu fassen, 
Wiederholungen zu unterdrücken. Gewiss bleibt auch so noch sehr 
Vieles der Verbesserung bedürftig, aber es schien mir, dass dem 
Ganzen der frischere Eindruck der mündlichen Rede und des freien 
Gedankenganges möglichst erhalten bleiben müsse, wenn es noch 
weiterhin als ein wirksames Ferment für die an sich so ver- 



Vorrede zur zweiten Auflage. XI 

schiedenartigen Richtungen des medicinischen Lebens und Wirkens 
dienen sollte. Denn das Buch wird seinen Zweck erfüllt haben, 
wenn es Propaganda, nicht für die Cellular- Pathologie, sondern 
nur überhaupt für unabhängiges Denken und Forschen in grossen 
Kreisen machen hilft. 

Berlin, am 7. Juni 1859. 



Vorrede zur dritten Auflage. 



Uie neue Auflage, welche hiermit vor das Publikum tritt, hat 
wesentliche Umgestaltungen erfahren müssen. Der Verfasser hat 
sich genöthigt gesehen, die Form der Vorlesungen ganz aufzu- 
geben, weil sie ihn hinderte, wesentliche Veränderungen, insbe- 
sondere Neuerungen in den Text zu bringen. Solche Aenderungen 
waren aber vielfach noth wendig. Denn die Wissenschaft, insbe- 
sondere die deutsche, ist in den drei Jahren seit dem Erscheinen 
der ersten Auflage rüstig vorwärts geschritten, und wenn sie auch 
an den Grundanschauungen und Hauptlehrsätzen, welche hier dar- 
gelegt wurden, nichts geändert hat, so gestattete sie doch an 
vielen Punkten ein ungleich tieferes Eingehen. 

Aber die weitere Entfernung von dem Ausgangspunkte ge- 
stattet auch eine freiere üebersicht. Vieles hatte, wie es bei freien 
Vorträgen nur zu leicht geschieht, nur losen Zusammenhang; 
Anderes war, wie es die Demonstration bestimmter Präparate mit 
sich brachte, geradezu zerrissen. Dies ist dem Verfasser insbe- 
sondere bei der Durchsicht der inzwischen erschienenen englischen 
and französischen Uebersetzungen entgegen getreten, und er hat 
sich daher bemüht, durch schärferen Ausdruck, durch Umstellung 
des alten und Hinzufügung neuen Stoffes das Verständniss zu 
sichern. Deswegen sind auch noch einige neue Holzschnitte bei- 
gegeben. 



XII Vorrede zur dritten Auflage. 

Freilieb war es nicht möglich, überall das Einzelne der Be- 
weisführung zu liefern. Früher hatte der Verfasser daranf hinge- 
wiesen, dass diese Beweisführung in seinen Specialarbeiten zu 
suchen sei, aber Wenige haben darauf gehört, im Gegentheil haben 
Manche Frioritäts -Anklagen gegen den Verfasser erhoben, gleich 
als ob er seine Lehrsätze in diesem Werke zum ersten Male auf- 
gestellt hätte. Es ist daher nöthig geworden, an den betreffenden 
Stellen die Citate der früheren Arbeiten anzugeben. Wenn der 
Verfasser sich dabei darauf beschränkt hat, fast nur seine eigenen 
Arbeiten zu citiren, so glaubt er sich damit verantworten zu 
können, dass es ganz unmöglich gewesen sein würde, alle Beleg- 
stellen oder Werke zu citiren, auf welche sich seine Anschauungen 
stützen, dass aber diejenigen Leser, welche die citirten Stellen 
nachsehen wollen, an denselben in der Regel die einschlagenden 
Leistungen auch der anderen Untersucher gewissenhaft vorgetragen 
finden werden. 

Bei dem Zusammenstellen dieser Citate ist der Verfasser 
noch mehr, als er dies schon früher hervorhob, von der Thatsache 
durchdrungen worden, dass der grosse Erfolg des vorliegenden 
Werkes nur der leichten Form und nicht dem Inhalte zu danken 
ist. Denn in der That findet sich alles Wesentliche schon in seinen 
früheren Arbeiten ausgesprochen, ja es ist dort zum Theil weit 
klarer und schärfer ausgedrückt. Aber nur Wenige haben davon 
Kenntniss genommen, und Mancher nur zu dem Zweck, um es 
als sein Eigenthum zu verwerthen. Das kurzgefasste Büchlein 
aber ist in der kürzesten Frist in fünf Sprachen übersetzt worden ; 
es hat einer grossen Zahl von Lesern, wie ich aus dem Munde 
Vieler weiss, eine dauernde Anregung gegeben, und so möge in 
der Freude darüber der Schmerz vergessen sein, dass eine stren- 
gere Form der Darstellung noch jetzt eine so geringe Theilnahme 
findet. Hoffentlich wird dieser Mangel durch die jetzige Auflage 
nicht befördert werden. 

Dfirkheim, am 26. September 1861. 

Rud. Yirchow. 



Uebersicht der Holzschnitte. 



Seite 

Fig. 1. Pflanzenzellen aus einem jungen Triebe von Solanum tuberosum 5 

2. Rindenschicht eines Knollens von Solanum tuberosum 7 

3. Knorpelzellen vom Ossificationsrande wachsender Knorpel ... 8 

4. Verschiedene Arten von Zellen und Zellgebilden, a Leberzellen, 
6 Bindegewebskörperchen, c Capillargefäss, d Sternzelle aus einer 
Lymphdrüse, e Ganglienzellen aus dem Kleinhirn 10 

5. Freie Pflanzenzellenbildung nach Schieiden LI 

6. Pigmentzelle (Auge), glatte Muskclzelle (Darm), Stuck einer dop- 
peltcontourirten Nervenfaser 14 

7. Junge Eierstockseier vom Frosch 15 

8. Zellen aus katarrhalischem Sputum (Eiter- und Schleimkörperchen, 
Pigmentzelle) 15 

^ 9. Epiphysenknorpel vom Oberarm eines Kindes 18 

- 10. Zellenterritorien 19 

« 11. Schema der Globulartheorie 23 

., 12. Schema der Umböllungs- (Klümpchen-) Theorie 23 

., 13. Längsschnitt durch einen jungen Trieb von Syringa ■ 25 

. 14. Pathologische Knorpel Wucherung aus Rippenknorpel . 26 

., 15. Cylinderepitliel der Gallenblase 30 

. 16. Uebergangsepithel der Harnblase 30 

., 17. Senkrechter Schnitt durch die Oberfläche der Haut der Zehe (Epi- 
dermis, Rete Malpighii, Papillen) 32 

, 18. Schematische Darstellung eines Längsdurchschnittes vom Nagel 

unter normalen und pathologischen Verhältnissen 35 

., 19. ^ Entwickelung der Schweissdrüsen. B Stück eines Schweiss- 

dräsenkanals 38 

. 20. A Bündel des gewöhnlichen Bindegewebes. B Bindegewebs-Ent- 
wickelung nach dem Schema von Schwann. C Bindegewebs- 

Entwickelung nach dem Schema von Henle 40 

, 21. Junges Bindegewebe vom Schweinsembryo 42 

^ 22. Schema der Bindegewebs-Entwickelung ... 43 

^ 23. Durchschnitt durch den wachsenden Knorpel der Patella 45 

. 24. Knochenkürperchen aus einem pathologischen Knochen der Dura 

matcr cerebralis 48 



XIV Uebersicht der Holzschnitte. 

8vit« 

Yifl. 25. Muskel primitivbündel unter verschiedenen Verhältnisben 51 

. 26. Muskelelenaente aus dem Herzfleische einer Puerpera 54 

. 27. Glatte Munkeln aus der Harnblase 50 

. 28. Kleinere Arterie aus der Basis des Grossbirns HO 

. 29- Schematische Darstellung von Leberzellen. A Physiologrische An- 
ordnung. H Hypertrophie. C Hyperplasie 90 

. 30. Grosse Spindelzellen (fibroplastische Körper) aus einem Sarcoma 

fusocellulare der Rückenmarkshäuta 94 

. 31. Durchschnitt aus einer Epulis sarcomatosa des Unterkiefers ... 95 
. 32. Stück von der Peripheiie der Leber eines Kaninchens, die Ge- 

fasse injicirt 103 

. 33. Injection der Capillarcn der Rinde der Niere nach Beer ... . 105 

• 34. Injection der Gefasse der Rinde des Kleinhirns 106 

.. 35. Natürliche Injection der Gefasse des Corpus striatum eines 

Geisteskranken 107 

. 36. Injectionspräparat von der Muskelhaut des Magens 108 

. 37. Geßisse des Calcaneus-Knorpels vom Neugebomen 109 

.. 38. Knochenschliff aus der compacten Substanz des Femur 110 

. 39. Knochenschliff (Querschnitt) 111 

» 40. Knochenschliff (Längsschnitt) aus der Rinde einer sklerotischen 

Tibia 113 

. 41. Schliff aus einem neugebildeten Knochen (Osteom) der Arach- 

noides cerebraiis 116 

., 42. Zahnschliff mit Dentin und Schmelz 117 

. 43. Längs- und Querschnitt aus der halbmondförmigen Bandscheibe 

des Kniegelenkes vom Kinde 119 

. 44. Querschnitt aus der Achillessehne des Erwachsenen 121 

« 45. Querschnitt aus dem Innern der Achillessehne eines Neuge- 
bomen 122 

. 46 Längsschnitt aus dem Innern der Achillessehne eines Neuge- 
bomen 123 

. 47. Senkrechter Durchschnitt der Hornhaut des Ochsen nach Uis. . 126 

. 48. Flächenschnitt der Hornhaut parallel der Oberfläche nach His . 127 
« 49. Das abdominale Ende des Nabelstranges eines fast ausgetragenen 

Kindes, injicirt 128 

. 50. Querdurchschnitt durch einen Theil des Nabelstranges 129 

. 51. Querdurchschnitt vom Schleimgewebe des Nabelstranges 131 

.. 52. Elastische Netze und Fasern aus dem Unterhautgewebe des 

Bauches 133 

. 53. Injection der Hautgefasse, senkrechter Durchschnitt 137 

, 54. Schnitt aus der Tunica dartos 138 

. '):). A Epithel von der Cruralarterie- H Epithel von grösseren 

Venen 144 

. 56. Kleinere Arterie aus der Sehnenscheide der Extensoren 145 

. 57. Epithel der Nierengefässe. A. Flache Spindelzellen vom Neuge- 
bomen. B Bandartige Epithelplatte vom Erwachsenen 148 



Uebersicbt der Holzscbuiite. XV 

Sute 

V'iff. 58. nngleicbixiä.ssigc Zusammenziehung kleiner Gefasse aus der 
Schwimmhaut des Fros<hes nach Reizung (Copie nach Whar- 

tonJones) 152 

^ 59. Geronnenes Fibrin aus menschlichem Blute 168 

. 60. Kernhaltige rotbe Blutkörperchen von einem sechs Wochen alten 

menschlichen Fötus 171 

.. 61. Rothe Blutkorpereben des Erwachsenen 172 

- 62. Hämatoidin-Krystalle 177 

. 63. Pigment aus einer apoplectiscbeu Narbe des Gehirns 178 

. G4. Uämitikrystalle aus iBenscblichem Blute 179 

. Gfy. Farblose Blutkörperchen 182 

. 66. Farblose Blutkörperchen bei variolöser Leukocytose 183 

. 67. Fibriogerinnsel aus der Lungenarterie und ein Korn, aus dicht- 
gedrängten farblosen Blutkörperchen bestehend, bei Leukocytose 184 

• GS. Capillarstrom in der Froschschwimmbaut 185 

. 69. Schema eines Aderlassgef&sses mit geronrenem hyperinotischem 

Blute 187 

. 70. Durchschnitte durch die Rinde menschlicher Gekrösdrüsen . . . . 208 

. 71. Lymphkörperchen aus dem Innern der Lymphdrüsen-Follikel . . 211 

« 72. Kiterkörperchen und Kerne derselben bei Gonorrhoe 219 

. 73. Eingedickter käsiger Eiter 220 

• 74. Eingedickter, zum Theil in Auflösung begriffener, hämorrhagischer 

Eiter aus Empyem 221 

• 75. In der Fettmetamorphose begriffener Eiter 222 

.. 76. Durchschnitt durch die Rinde einer Axillardruse bei Tättowirung 

der Haut des Arms 224 

. 77. Das mit Zinnober, nach Tättowirung des Arms, gefüllte Reticu- 

lum aus einer Axillardrüse 225 

^ 78. Valvuläre Thrombose der Vena saphena 236 

^ 79. Puriforme Detritusmassen aus erweichten Thromben. A Körner 
des zerfallenden Fibrins. B Die freiwerdenden, zum Theil in der 
Rückbildung begriffenen Blutkörperchen. C In der Entfärbung 

begriffene uud zerfallende Blutkörperchen 238 

. 80. Autochthone und fortgesetzte Thromben der Cruralvenen-Aeste . 243 

. 81. Embolie der Lungenarterie 245 

.. 82. Ulceröse Endocarditis mitralis \on einer Puerpera 246 

. 83 — 84. Capillarembolie in den Penicilli der Milzarterie nach Endo- 
carditis 247 

. 85. Melanämie. Blut aus dem rechten Ilerzen 264 

. 86 Querschnitt durch einen Xervenstamm des Plexus brachialis ... 273 

- 87. Graue und weisse Nerrenfascni 274 

. 88. Markige Hypertrophie des Opticus innerhalb des Auges 276 

. 89. Tropfen von Markstoff: A aus der Markscheide von Himnerveu 

nach Aufquellung durch Wasser. H ans zerfallendem Epithel der 

Gallenblase 277 



XVI Uebersicht der Holzschnitte. 

Seit« 

Fig. 90. Breite und schmale Nervenfasern mit unrcgclroäiisi}i:er Aufquellung 

des Markstoffes 279 

.. 91. Vater' sches oder Pacini^sches Körperchen aus dem Unterhautge- 
webe der Fingerspitze 281 

. 1)2. Nerren- und Gefasspapillen der Haut der Fingerspitze. Tast- 
körperchen 283 

, 93. Grundstock eines spitzen Condyloms vom Penis mit Papillär- 

Wucherung 287 

^ 94. A Verticaldurchschnitt durch die ganze Dicke der Retina. 

B, C (nach H. Müller) Isolirte Radiärfasem 290 

. 95. Theilung einer PrimitiT-Nenrenfaser 295 

., 96. Nervenplexus aus der Submucosa des Darmes vom Kinde . . . 297 

^ 97. Elemente (Ganglienzellen und Nervenfasern) aus dem Ganglion 

Gasseri 301 

. 98. Ganglienzellen aus den Centralorganen. J, B^ Aus dem 

Räckenmarke. D Aus der Gehirnrinde 304 

• 99. Die Hälfte eines Querschnittes aus dem Halstheile des Rücken- 
markes 310 

.. 100. Schematische Darstellung des Nervenverhaltens in der Rinde des 

Kleinhirns nach Gerlach 312 

.. 101. Querdurchschnitt durch das Rockenmark von Petromyzon 

fluviatilis 314 

n 102. Blasse Fasern aus dem Rückenmarke des Petromyzon fluviatilis 315 

103. Ependyma ventriculorum mit Neuroglia. ca Corpora amylacea . 318 

104. Zellige Elemente der Neuroglia 321 

105. Schematischer Durchschnitt des Rückenmarkes bei partieller 
grauer Atrophie 324 

^ 106. Schema des Zustandes der Nerven -Molekeln, A im ruhenden, 

B im elektrotonischen Zustande nach Ludwig 339 

^ 107| I. Automatische Zellen aus der Flüssigkeit einer Hydrocele 

lymphatica 354 

« 107, II. Automatische Zellen aus Enchondrom 355 

^ 107, III. Dieselben Zellen mit stärkerer Verästelung der Fortsätze . . 356 
.. 107, IV. Bewegliche Eiterkörperchen des Frosches nach v. Reck- 
linghausen 357 

. 107. Gewundenes Hamkanälchen aus der Rinde der Niere bei Morbus 

Brightii 372 

- 108. Parenchymatöse Keratitis 377 

.. 109. Parenchymatöse Keratitis 379 

, HO. Kemtheilung in den Elementen einer melanoti^chen Geschwulst 

der Parotis »>82 

. 111. Markzellen des Knochens nach Kolli ker 383 

. 112. Kemtheilung in Muskel primitivbüodeln im Umfan^re einer Krebs- 

gesv*hwulst 3S5 

- 113. Wucherung (Proliferation) de» wachsenden Diaphysenknorpels von 
der Tibia eines Kindes (Länfrs.>chriitt) 387 



«* 



f 



Uebersicht der Holzschnitte. XVII 

Seite 

Fig. 113,11. Proliferation eines Myxosarkoms des Oberkiefers 3S9 

. 114 Fettzellgewebe aus dem Panniculus. ^4 Das gewohnliche Unter- 
hautgewebe mit Fettzellen. B Atrophisches Fett 406 

. 115. Interstitielle Fettwucherung der Uuskeln 407 

• 116. Darmzotteo und Fettresorption. A Normale Darmzotten, li Zotten 

im Zustande der Contraction. C Menschliche Darmzotten wäh- 
rend der Chylusresorption, /> bei Ghylusretention 410 

• 117. Die aneinanderstossenden Hälften zweier Lebe racini (Zonen der 

Fett-, Amyloid- und Pigmentinfiltration) 415 

« 118. Haarbalg mit Talgdrüsen von der äusseren Haut 418 

^ 119. Milchdrüse in der Lactation, Milch, Colostrum 419 

,. 120. Corpus luteum aus dem menschlichen Eierstock 424 

, 121. Fettmetamorphose des Herzfleisches in verschiedenen Stadien . 427 
r 122. Fettige Degeneration an Himarterien. A Fettmetamorphose der 

Muskelzellen in der Ringfaserhaut B Bildung von Fettkomchen- 

zellen in den Bindegewebskörperchen der Intima 429 

^ 123. Geschichtete amylacische Körper der Prostata (Concretionen) . 436 
^ 124. Amyloide Degeneration einer kleinen Arterie aus der Submucosa 

des Dünndarms 441 

• 125 Amyloide Degeneration einer Lymphdrüse 448 

^ 126. Corpora amyloidea aus einer erkrankten Lymphdrüse 448 

« 127. Verkalkung der Gelenkknorpel alter Leute 454 

- 128. Yerticalschnitt durch die Aortenwand an einer sklerotischen, 

zur Bildung eines Atheroms fortschreitenden Stelle 404 

. 129. Der atheromatose Brei aus einem Aortenheerde. aa* Flüssiges 
Fett, b Amorphe kömig - faltige Schollen, cc* Cholestearin- 
krystalle 466 

^ 130. Verticaler Durchschnitt aus einer sklerotischen, sich fettig me- 

tamorphosirenden Platte der Aorta (innere Haut) 467 

., 131. Condylomatöse Excrescenzen der Valvula mitralis 471 

» 132. Intracapsuläre Zellenvermebrung in der mittleren Substanz der 

Intervertebralknorpel 487 

133. Endogene Neubildung, blasentragende Zellen (Physaliphoren). 

A Aus der Thymusdrüse eines Neugebomen. B C Krebszellen 489 

r 134. Yerticalschnitt durch den Ossificationsrand eines wachsenden 

Astragalus (pathologische Reizung) 501 

r 135 — 36. Horizontalschnitte durch den wachsenden Diaphysenknorpel 

der Tibia, menschlicher Fötus von 7 Monaten 504 

r 137 — 38. Rachitische Diaphysenknorpel: markige und osteoide Um- 
bildung, Verkalkung und Verknöcbemng 507—9 

• 139. Periostwachsthum der Schädelknochen (Os parietale, Kind) . . 513 

^ 140 — 41. Osteoidchondrom vom Kiefer einer Ziege 515—16 

. 142. In der Heilung begriffene Fractur des Oberarms, Callusbildung . 519 

143. Demarkationsrand eines nekrotischen Knochenstückes bei Paedar- 

throcace, Knochenterritorien 521 

• 144. Interstitielle Eiterbildung bei puerperaler Mnskelentzündung . . 530 



XVIII rebersicht der Holzschnitte. 

Seite 

Fi^. 145. Eiteri(;e Granulation aus dem Unterhautgewebe des Kaninchens, 

im Umfange eines Ligaturfadens 536 

^ 146. Entwickelung von Krebs aus Bindegewebe bei Carcinoma 

mammae 539 

, 147. Beginnendes ßlumenkohlge wachs (Cancroid) des Collum uteri . 554 

. 148. Entwickelung Ton Tuberkel aus Bindegewebe in der Pleura . . 559 

• 149. Krebszellen 566 

, 150. Cancroidzapfen aus einer Geschwulst der Unterlippe mit Epi- 
dermis Perlen 568 

« 151. Cancroid der Orbita 569 

^ 152. Sarcoma mammae 572 



Erstes Capitel. 

Die Zelle nnd die cellalare Theorie. 



Einleitttog uDd Aofgsbe. Badoatang der SDStomUeheo Entdeck ongeo in dtr QeMhlehte der 
UedteiD. Geringer Einflaee der Zellentheorie saf die Pethologie. 

Di« Zelle alt leUlet wirkendes Element de« lebenden Korper«. Genauere Beetlmmang der Zelle 
tMe Pflansenzelie : Membran, Inhalt (Protoplaama)^ Kern. Die thieriaebe Zelle: die eiiiK«- 
kapeelte (Knorpel) und die einfache. Der Zellenkern (Nucleue). Daa Kernkorperchen 
(Naeleolua). Die Theorie der Zellenbildung 'aua freiem Cytoblaatem. Constans des Kerns 
und Bedentang desselben für die Erhaltung der lebenden Elemente. Der Zellk5rp«r und dss 
Protoplnsma. Verschiedenartigkeit des Zellenlnhalts nnd Bedeutung desselben für die Function 
df'r Tbeile. Die Zellen als TiUle Einheiten (ElemenUrorganismen). Der KSrper als sociale 
Einrichtung. Die Intercalluiarsubstans und die Zellenterritorien. 

Die Ceilularpatlioiogie Im Gegeusatse anr Unmoral- und Solidarpatbologie. 

Falsch« Elementartheile: Fasern, K&gelehen (ElementarkSrncheu). Entstehung der Zellen. Um- 
hnllongatheorie. Generatio aeqnivoca der Zellen. Das Gesiet» von der eonllnuirlichen Ent- 
«ickelung (Omnls eellnla e cellula). Pflanaen- und Knorpel waehsthum. 



Wir befinden uns inmitten einer grossen Reform derMedicin. Zum 
ersten Haie seit Jahrtausenden ist in unserer Zeit das gesammte 
Gebiet dieser so umfangreichen Wissenschaft der naturwissenschaft- 
lichen Forschung unterworfen worden. Lehrsätze, welche zu den 
ältesten Ueberlieferungen der Menschheit gehören, werden der Feuer- 
probe nicht bloss der Erfahrung, sondern noch mehr des Versuches 
ausgesetzt. Für die Erfahrung werden Beweise, für den Versuch 
zuverlässige Methoden gefordert. Ueberall dringt die Forschung auf 
die feinsten, den menschlichen Sinnen zugänglichen Verhältnisse; 
die Erkenntniss geht in zahllose Einzelheiten ans einander, welche 
das Bewusstsein von der einheitlichen Natur des menschlichen 
Wesens stören und welche Vielen mehr geeignet zu sein schei- 
nen, eiuen Schmuck des Wissens, als eine Handhabe des Han* 
delns darzustellen. Am meisten wird der ausübende Arzt be- 
drängt. Er, dem die Praxis kaum die Müsse des Lesens ver- 
gönnt, dem sowohl die ausreichenden literarischen Hülfsmittel, als 

Virehow, CeilularPathol. 4. Aufl. 1 



2 Erstes Gapitel. 

die Anschauung der neneren Erfahrungen nur zu oft abgehen, er 
findet sich verwirrt in einem Chaos, in welchem die Trümmer des 
Alten mit den Bausteinen des Neuen bunt durch einander geworfen 
zu sein scheinen. 

Und doch ist das Chaos nur scheinbar. Es besteht nur für 
den, welcher die Thatsachen nicht beherrscht, auf welchen die 
neue Anschauung sich begründet. Für den Eingeweihten lä^t sich 
wohl eine Ordnung herstellen, welche sowohl dem praktischen, als 
dem wissenschaftlichen Bedürfiiisse genügt, eine Ordnung, welche 
freilich weit davon entfernt ist, ein in sich abgeschlossenes System 
zu bilden, welche aber von einem allgemeinen biologischen Prin- 
cipe aus die Einzelerfahrungen nach ihrem besonderen Werthe und 
nach ihren Beziehungen unter einander in einen wissenschaftlichen 
Zusanmienhang zu setzen vermag. Diess ist das cellulare Prin- 
cip, welches in seiner Anwendung auf den zusammengesetzten, 
lebenden Körper uns zu einer Cellular-Physiologie und zu 
einer Cellular-Pathologie führt, welches aber in jeder dieser 
beiden Richtungen zunächst auf einer Anatomie des feinsten Ein- 
zelnen, auf der Histologie beruht. 

In der That ist die gegenwärtige Reform wesentlich ausge- 
gangen von neuen anatomischen Erfahrungen. Freilich waren es 
zumeist Erfahrungen der pathologischen Anatomie, welche die alten 
Lehrgebäude erschütterten, und noch jetzt scheint es Vielen, als 
sei damit genug gethan und als habe die Histologie nur die Be- 
deutung einer Luxuswissenschaft. Jeder Blick in die Vergangenheit 
zeigt uns aber, wie unrichtig es ist, wenn man glauben kann, der 
Einfluss der Anatomie auf die Medicin sei nur ein äusserlicher, ihr 
Werth ein mehr relativer. Die Geschichte der Medicin lehrt uns 
ja, wenn wir nur einen einigermaassen grösseren Ueberblick neh- 
men, dass zu allen Zeiten die bleibenden Fortschritte bezeichnet 
worden sind durch anatomische Neuerungen, dass jede grössere 
Epoche zunächst eingeleitet wurde durch eine Reihe bedeutender 
Entdeckungen über den Bau und die Einrichtung des Körpers. So 
ist es in der alten Zeit gewesen, als die Erfahrungen der Ale- 
xandriner, zum ersten Male von der Anatomie des Menschen aus- 
gehend, das galenische System vorbereiteten; so im Mittelalter, 
als Vesal die moderne Anatomie begründete und damit die Beform 
der Medicin begann ; so endlich im Anfange unseres Jahrhunderts, 
als Bichat die Grundsätze der allgemeinen Anatomie entwickelte. 



Bedeutung der Histologie. 3 

Wenn man den ansserordentlichen Einfluss erwägt, welchen 
seiner Zeit Bichat anf die Gestaltung der ärztlichen Anschauungen 
ausgeübt hat, so ist es in der That erstaunlich zu sehen, dass 
eine verhältnissmässig so lange Zeit vergangen ist, seitdem 
Schwann seine grossen Entdeckungen in der Histologie machte, 
ohne dass man die eigentliche Breite der neuen Thatsachen wür- 
digte. Es hat dies allerdings zum Theil trotz dieser Entdeckungen 
daran gelegen, dass immer noch eine grosse Unsicherheit unserer 
Kenntnisse über die feinere Einrichtung vieler Gewebe fortbe- 
standen hat, ja, wie wir leider zugestehen müssen, in manchen 
Theilen der Histologie selbst jetzt noch in solchem Maasse herrscht, 
dass Mancher kaum weiss, für welche Ansicht er sich entscheiden 
soll. Jeder Tag bringt neue Aufschlüsse, aber auch neue Zweifel 
über die Zuverlässigkeit eben erst veröffentlichter Entdeckungen. 
Ist denn überhaupt, fragt Mancher, in der Histologie etwas sicher? 
Giebt es einen Punkt, in dem Alle übereinstinmien ? Vielleicht 
nicht. Aber gerade um deswegen habe ich in den Vorträgen im 
Anfange des Jahres 1858, welche vor einem grossen Kreise von 
Gollegen, zunächst als Erläuterung unmittelbarer Demonstrationen, 
als Erklärung bestimmter, für die Ceberzeugung der Einzelnen 
durch eigene Anschauung und Prüfung eingerichteter Beweisstücke 
gehalten wurden und welche der gegenwärtigen Darstellung zu 
Grunde liegen, mich für verpflichtet erachtet, eine kurze und leicht 
fassliche üebersicht desjenigen, was ich durch langjährige, ge- 
wissenhafte Untersuchung für wahr zu halten mich berechtigt 
glaubte, auch dem weiteren Kreise der Aerzte zugänglich zu machen. 
Manches Einzelne ist seitdem berichtigt, manches Andere neu ent- 
deckt worden; die gegenwärtige Bearbeitung wird davon Zeugniss 
ablegen. Aber das Princip der Anschauung, welches ich für das 
gesammte Gebiet der Physiologie und Pathologie zu benutzen 
gelehrt habe und dessen erste schüchterne Ausführung in einer 
Arbeit des Jahres 1852*) niedergelegt ist, darf gegenwärtig als 
gesichert angesehen werden, und für denjenigen, welcher daran 
festhält, wird es auch künftig nicht schwer werden, neue Ergeb- 
nisse des Forschens an der richtigen Stelle aufzunehmen, oline 
dass er deshalb genöthigt wäre, die obersten Sätze aufzugeben. 



*) Ernäbrungseinheiten und Krankheitshcerde. Archiv für patbol. Anatomie, 
Phys. u. klin. Med. Bd. IV. S. 375. 



4 Erstes Capitel 

welche hier über die allgemeinen Grandlagen der Lebensthätig- 
keiten aufgestellt werden. 

Alle Versuche der froheren Zeit, ein solches einheitliches 
Princip zu finden, sind daran gescheitert, dass man zu keiner 
Klarheit darüber zu gelangen wusste, von welchen Theilen des 
lebenden Körpers eigentlich die Action ausgehe und was das 
Thätige sei. Dieses ist die Gardinalfrage aller Physiologie und 
Pathologie. Ich habe sie beantwortet durch den Hinweis auf die 
Zelle als auf die wahrhafte organische Einheit. In- 
dem ich daher die Histologie, als die Lehre von der Zelle und 
den daraus hervorgehenden Geweben, in eine unauflösliche Ver- 
bindung mit der Physiologie und Pathologie setzte, forderte ich vor 
Allem die Anerkennung, dass die Zelle wirklich das letzte 
Form-Element aller lebendigen Erscheinung sowohl 
im Gesunden, als im Kranken sei, von welcher alle Thä- 
tigkeit des Lebens ausgehe. Manchem erscheint es viel- 
leicht nicht gerechtfertigt, wenn in dieser Weise das Leben als 
etwas ganz Besonderes anerkannt wird, ja, es wird vielleii^ht 
Vielen wie eine Art biologischer Mystik vorkommen, wenn das 
Leben überhaupt aus dem grossen Ganzen der Naturvorgänge ge- 
trennt und nicht sofort ganz und gar in Chemie und Physik auf- 
gelöst wird. In der Folge dieser Vorträge wird sich jedermann 
davon überzeugen, dass man kaum mehr mechanisch denken kann, 
als ich es zu thun pflege, wo es sich darum handelt, die Vor- 
gänge innerhalb der letzten Formelemente zu deuten. Aber wie 
viel auch von dem Stoifverkehr, der innerhalb der Zelle geschieht, 
nur an einzelne Bestandtheile derselben geknüpft sein mag, immer- 
hin ist die Zelle der Sitz der Thätigkeit, das Elementar- 
gebiet, von welchem die Art der Thätigkeit abhängt, und sie be- 
hält nur so lange ihre Bedeutung als lebendes Element, als sie 
wirklich ein unversehrtes Ganzes darstellt. 

Nicht am seltensten ist gegen diese Auffassung der Einwand 
erhoben worden, man sei nicht einmal einig darüber, was eigent- 
lich unter einer Zelle zu verstehen sei. Dieser Einwand ist in- 
sofern unerheblich, als der Streit nicht um die Existenz der 
Zellen, sondern nur um ihre Deutung geführt wird. Im Wesent- 
lichen weiss jedermann, welche thatsächlich existirenden Körper 
gemeint sind; ob der Eine sie so, der Andere sie anders inter- 
pretirt, ist eine Frage zweiter Ordnung, deren Beantwortung den 



Die Pflanzenzelle. 5 

Werth des Prineips nicht berührt. Um so grössere Bedeutung 
hat sie für die Erörterung der Einzelvorgäuge, und es ist gewiss 
zu bedauern, dass nicht schon lange eine Einigung erzielt ist. 
Die Schwierigkeiten, auf welche wir hier stossen, datiren unmit- 
telbar von der ersten Begründung der Zellenlehre. Schwann, 
der auf den Schultern des Botanikers Schieiden stand, deutete 
seine Beobachtungen nach botanischen Mustern, und so kam es, 
dass alle Lehrsätze der Pflanzen- Physiologie mehr oder weniger 
entscheidend wurden für die Physiologie der thierischen Körper. 
Die Pflanzenzelle in dem Sinne, wie man sie zu jener Zelt ganz 
allgemein fasste und wie sie auch gegenwärtig häufig noch ge- 
fasst wird, ist aber ein Gebilde, dessen Identität mit dem, was 
wir thierische Zelle nennen, nicht ohne weiteres zugestanden 
werden kann. 

Wenn man von gewöhnlichem Pflanzenzellgewebe spricht, 
80 meint man in der Regel damit ein Gewebe, das in seiner 
einfachsten und regelmässigsten Form auf einem Durchschnitt 
aus lauter vier- oder sechseckigen, wenn es etwas loser ist, 
aus rundlichen oder polygonalen Körpern zusammengesetzt er- 
scheint. An jedem dieser Körper (Fig. 
1. a.) unterscheidet man eine ziemlich dicke 
und derbe Wand (Membran) und eine 
innere Höhlung. In der Höhlung können 
je nach Umständen, insbesondere je nach 
der Natur der einzelnen Zellen, sehr ver- 
schiedene StoiFe abgelagert sein, z. B. Fett, 
Stärke, Pigment, Eiweiss (Z e 1 1 eninhal t). 

Aber auch ganz abgesehen von diesen örtlichen Verschiedenheiten 
des Inhaltes, ist die chemische Untersuchmig im Stande, an jeder 
Pflanzenzelle mehrere verschiedene StoiFe nachzuweisen. 




Fig. l. Pflanzenzellen aus dem Centrum des jun^^en Triebes eines 
Knollens Ton Solanum tuberosum, n. Die |^e wohnliche Erscheinung des regel- 
missig polygonalen, dickwandigen Zellengewehes. 6. Eine isolirte Zelle mit fein- 
körnigem Aussehen der Höhlung, in der ein Kern mit Kernkorperchen zu sehen 
ist. r. Dieselbe Zelle, nach Einwirkung von Wasser; der Inhalt (Protoplasma) 
hat sich von der Wand (Membran, Capsel) zurückgezogen. An seinem Umfange 
ist eine besondere feine Haut (Primordialschlaucb) zum Vorschein gekommen. 
t/. Dieselbe Zelle bei längerer Einwirkung von Wasser; die innere Zelle (Proto- 
plasma mit Primordialschlaucb und Kern) hat sich ganz zusammengezogen und 
ist nur durch feine, zum Theil ästige Fäden mit der Zellhaut (Capsel) in Ver- 
bindung geblieben. 



6 Erstes Capitel. 

Die Substanz, welche die äussere Membran bildet, die so- 
genannte C e 1 1 n 1 s c , ist stickstoiFlos , und charactcrisirt sich 
durch die eigenthümliche, schön blaue Färbung, welche sie bei 
Einwirkung von Jod und Schwefelsäure annimmt. (Jod allein 
giebt keine Färbung, Schwefelsaure für sich verkohlt.) Dasjenige, 
was in der von der Cellulose - Haut umschlossenen üöhle liegt, 
wird nicht blau, es müsste denn zußlllig Stärke (Amylon) vor- 
handen sein, welche schon durch Jod allein blau gefärbt wird, 
[st die Pflanzonzelle recht einfach, so erscheint vielmehr nach der 
Einwirkung von Jod und Schwefelsäure eine bräunliche oder gelb- 
liche Hasse, die sich als besonderer Körper im Innern des Zellen- 
raumes isolirt und an der sich häufig eine besondere faltige, häufig 
geschrumpfte Umhüllungs-Haut erkennen lässt (Fig. I, c). Hugo 
v. Mohl, der zuerst (1844 — 46) diese innere Einrichtung genauer 
beschrieben hat, nannte jene Hasse das Protoplasma, die Um- 
hüllnngs - Haut den Primordial schlauch (Utriculus primor- 
dialis). Auch die gröbere chemische Analyse zeigt an den ein- 
fachsten Zellen nebeu der stickstoiFlosen äusseren Substanz eine 
stickstoffhaltige innere Hasse, und es lag daher nahe, zu schliessen, 
dass das eigentliche Wesen einer Pflanzenzelle darin beruhe, dass 
innerhalb einer stickstoflflosen Hembran ein von ihr differenter 
stickstoffhaltiger Inhalt vorhanden sei. 

Hau wnsste freilich schon seit längerer Zeit, dass noch an- 
dere Dinge sich im Innern der Zellen befinden. Insbesondere war 
es eine der am meisten folgenreichen Entdeckungen, als Rob. 
Brown den Kern (Nucleus) innerhalb der Pflanzenzelle entdeckte 
(Fig. 1, A u. r.). Unglücklicherweise legte man diesem Gebilde 
eine grössere Bedeutung für die Bildung, als für die Erhaltung 
der Zellen bei, weil in sehr vielen älteren Pflanzenzellen der Kern 
äusserst undeutlich wird, in vielen ganz verschwindet, während 
die Form der Zelle doch erhalten bleibt. 

Objecte zu gewinnen, welche das vollkommene Bild der 
Pflanzenzelle darbieten, ist nicht schwierig. Hau nehme z. B. einen 
Kartoffelknollen und untersuche ihn da, wo er anfängt, einen 
neuen Schoss zu treiben, wo also die Wahrscheinlichkeit besteht, 
dass man junge Zellen finden wird, vorausgesetzt, dass Knospung 
überhaupt in der Bildung neuer Zellen besteht. Im Innern des 
Knollens sind alle Zellen mit Amylonkömem vollgestopft; andern 
jungen Schoss dagegen wird in dem Haasse, als er wächst, das 




Vergleich der Pflanzen* und Thierzelle. ^ 

Amylou aufgelöst und verbpiucbt, und die Zelle zeigt sich wieder 
in ihrer einfacheren Gestalt. Auf einem Querschnitte durch einen 
jungen Scbössling nahe an seinem Austritte aus dem Knollen 
unterscheidet man etwa vier verschiedene Lagen: die Rinden- 
schicht, dann eine Schicht grösserer Zellen, dann eine Schicht 
kleinerer Zellen, und zu innerst wieder eine Lage von grösseren. 
In dieser letzteren sieht man lauter regelmässige Gebilde; dicke 
Kapseln von sechseckiger Gestalt und im In- ^ig. 2. 

nem derselben einen oder ein Paar Kerne ^ . | ^;==g^ 
(Fig. 1.). Gegen die Rinde (Korkschicht) und " L^^^-^J-^:: — r^ 
ihre Matrix (Gambium) hin sind die Zellen vier- 
eckig und je weiter nach aussen, um so platter, 
aber auch in ihnen erkennt man bestimmt 
Kerne (Fig. 2, a.). Ueberall, wo die sogenannten 
Zellen zusammenstossen, ist zwischen ihnen 
eine Grenze zu erkennen ; dann kommt die dicke Celluloseschicht, 
in welcher häufig feine Streifen (Ablagerungsschichten) zu be- 
merken sind, und im Innern der Höhle eine zusammengesetzte 
Masse, in welcher leicht ein Kern mit Kemkörperchen zu unter- 
scheiden ist, und an der nach Anwendung von Reagentien auch 
der Primordialschlauch (Utriculus) als eine gefaltete, runzlige Haut 
zum Vorschein kommt. Es ist dies die vollendete, aber einfache 
Form der Pflanzenzelle. In den benachbarten Zellen liegen ein- 
zelne grössere, matt glänzende, geschichtete Körper: die Reste 
von Stärkemehl (Fig. 2, c). 

Mit solchen Erfahrungen kam man an die thierischen Ge- 
webe, deren Uebereinstimmung mit den pflanzlichen Schwann 
nachzuweisen suchte. Die eben besprochene Deutung der ge- 
wöhnlichen pflanzlichen Zellenformen, wobei man jedoch den von 
Vielen geleugneten Primordialschlauch ganz unberücksichtigt zu 
lassen pflegte, diente als Ausgangspunkt Dies ist aber, wie die 
Erfahrung gezeigt hat, in gewissem Sinne irrig gewesen. Man 
kann die pflanzliche Zelle in ihrer Totalität nicht mit jeder thie- 
rischen zusaumienstellen. Wir kennen an thierischen Zellen keine 



Fig. 2. Aus der Rindenschicht eines Knollens von Solanum tuberosum 
nach Behandlung mit Jod und Schwefelsäure, a, Platte Rindenzellen, umgeben 
Ton der Kapsel (Zellhaut, Membran), ö. Grössere, viereckige Zellen derselben 
Art aus dem Cambium; die geschrumpfte und gerunzelte eigentliche Zelle mit 
dem Primordialschlauch innerhalb der Kapsel, c. Zelle mit Amylonkürnern, 
welche innerhalb des Primordialschlauches liegen. 






3 Erstes Capitel. 

soU'ben Ujiterschieilc zwischen stickstoiThaltigen und fttickstolflosen 
Schichten; in allen wesentlichen, die Zelle constituirenden Theilen 
kommen auch stickstoffhaltige Stoffe vor. Aber es giebt aller- 
dings gewisse Forraelemente im thierischen Leibe, welche an diese 
pflanzlichen Zellen unmittelbar erinnern; die am meisten charak- 
teristischen unter ihnen sind die Zellen im Knorpel, der seiner 
ganzen Erscheinung nach von den übrigen Geweben des thierischen 
Leibes so sehr abweicht, und der schon durch seine Gefässlosig- 

keit eine ganz besondere Stellung ein- 
nimmt. Der Knorpel schliesst sich in 
jeder Beziehung am nächsten an die Ge- 
webe der Pflanze an. An einer recht ent- 
wickelten Knorpelzelle erkennen wir eine 
5^^ ^ verhältnissmässig dicke äussere Schicht, in- 

nerhalb welcher, wenn wir recht genau 
zusehen, wiederum eine zarte Haut, ein Inhalt und ein Kern zu 
finden sind. Hier haben wir also ein Gebilde, das der Pflanzen- 
zelle durchaus entspricht. 

Man hat daher auch lange Zeit hindurch, wenn man den 
Knorpel schilderte, das ganze eben beschriebene Gebilde (Fig. 3, 
a — r/.) ein KnorpelkOrperchen genannt. Indem man dasselbe aber 
den Zellen anderer thierischer Theile coordinirte, stiess man auf 
Schwierigkeiten, welche die Kenntniss des wahren Sachverhält- 
nissps ungemein störten. Das KnorpelkOrperchen ist nehmlich 
nicht als Ganzes eine Zelle, sondern die äussere Schicht, die von 
mir sogenannte Capsel*), ist das Produkt einer späteren Ent- 
wickelnng (Absonderung, Ausscheidung). Im jungen oder wenig 
entwickelten Knorpel ist sie sehr dünn, während auch die Zelle 
kleiner zu sein pflegt. Geben wir noch weiter in der Entwicke- 
lung zurück, so treffen wir auch im Knorpel nichts als eine ein- 
fache Zelle, welche jene äussere Absonderungsschicht noch nicht 
besitzt, dasselbe Gebilde, welches auch sonst in thierischen Ge- 
weben vorkommt. 

Die Vergleichung zwischen thierischen und pflanzlichen Zellen, 



Fig. 3. Knorpelzcllen, wie sie am OssiBcationRrande wachsender Knorpel 
vorkommeD, ganz den Pflanzenzellen analog (vgl. die Erklärung zu Fig. 1). 
rt — f. entwickeltere, <i, jüngere Form. 

*) Archiv f. path. Anat u. Phjsiol. 1853. Bd. V. S. 419, Note. 



Die Thier/.elle. 9 

die wir allerdings machen müssen, ist demnach insofern zu be- 
schranken, als in den meisten thierischen Geweben keine Formelc- 
mente gefunden werden, die als Aequivaleute der Pflanzenzelle in 
der alten Bedeutung dieses Wortes betrachtet werden können. Ins- 
besondere entspricht die Cellulose-Membran der Pflanzenzelle nicht 
der thierischen Zellhaut. Aber bei einer anderen Deutung der Pflan- 
zcnzelle trifft die Vergleichung allerdings zu, nur muss man sofort 
davon abgehen, dass die thierische Zellhaut als stickstoffhaltig 
eine typische Verschiedenheit von der pflanzlichen als stickstoff'- 
loser darbiete. Vielmehr treffen wir in beiden Fällen eine stick- 
stoiThaltige Bildung von im Grossen übereinstimmender Zusammen- 
setzung. Wenn auch die sogenannte Membran (Capsel) der Pflan- 
zenzelle in der Gapsei der Enorpelzellen ein Analogen findet, so 
entspricht doch vielmehr die gewöhnliche Membran der 
Thierzelle dem Primordialschlauch der (inneren) Pflan- 
ze nzelle, wie ich schon 1847 hervorgehoben habe*). Erst 
wenn man diesen Standpunkt festhält, wenn man von der Zelle 
Alles ablöst, was durch eine spätere Entwickelung äusserlich 
hinzugekommen ist, so gewinnt man das einfache, gleichartige, 
scheinbar monotone Gebilde, welches sich in allen lebendigen 
Organismen wiederholt. Aber gerade diese Constanz ist das beste 
Kriterium dafür, das wir in ihm das wirklich Elementare haben, 
dasjenige Gebilde, welches alles Lebendige charakterisirt, ohne 
dessen Präexistenz keine neuen lebendigen Formen entstehen und 
an welches Fortgang und Erhaltung des Lebens gebunden sind. 
Erst seitdem der Begriff" der Zelle diese strenge Form bekommen 
hat, und ich bilde mir etwas darauf ein, trotz des Vorwurfes der 
Pedanterie stets daran festgehalten zu haben, erst seit dieser Zeit 
kann man sagen, dass eine einfache Form gewonnen ist, die wir 
überall wieder aufsuchen können, und die, wenn auch in Grösse, 
Gestalt und Ausstattung verschieden, doch in ihren wesentlichen 
Bestandtheilen immer gleichartig angelegt ist. 

Es liegt auf der Hand, dass der Ausdruck „Zelle**, welcher 
von den Cellulose-Capseln der Pflanzenzellen hergenommen ist, 
ein beträchtliches Stück seiner wirklichen Bedeutung verloren hat, 
seitdem er auf die mit zarten Primordialschläuchen oder Mem- 
branen umkleideten Körper übertragen ist, weh'he die neue Wissen- 



•) Archiv 1847. Bd. I. S. 218. 



10 Erstes Gapitel. 

Schaft im Auge hat. Denn hier handelt es sich nicht sowohl am 
hohle Bläschen, bei denen die Membran gewissennassen die Haupt- 
sache ist, sondern nm, wenn auch weiche, so doch solide Körper, 
deren äussere Begrenzungsschicht eine grössere Dichtigkeit besitzt, 
als das Innere, ja bei denen es fraglich ist, ob überhaupt diese 
Begrenzungsschicht ein nothwendiges Zubehör ist. Bevor wir je- 
doch diese Frage erörtern, wird es zweckmässig sein, die anderen 
Bestand theile der Zelle zu betrachten. 

Zuerst erwarten wir, dass innerhalb der Zelle ein Kern sei. 
Von diesem Kerne, der in der Regel eine ovale oder runde Ge- 
stalt hat, wissen wir, dass er, zumal in jungen Elementen, eine 
grössere Resistenz gegen chemische Einwirkungen besitzt, als 
die äussereren Theile der Zelle, und dass er trotz der grössten 

Flg. 4. 




Variabilität in der äusseren Gestalt der Zelle seine Gestalt im 
Allgemeinen behauptet. Der Kern ist demnach derjenige Theil der 
Zelle, der mit grösster Constanz in allen Formen fast unverändert 
wiederkehrt Freilich giebt es einzelne Fälle, sowohl in der ver- 
gleichenden, als auch in der pathologischen Anatomie, wo auch 
der Kern zackig oder eckig erscheint, aber dies sind ganz seltene 
Ausnahmen, gebunden an besondere Veränderungen, welche das 
Element eingegangen ist. Im Allgemeinen kann man sagen, dass, 
so lange es noch zu keinem Abschlüsse des Zellenlebens gekommen 
ist, so lange die Zellen sich als lebenskräftige Elemente ver- 
halten, die Kerne eine nahezu constante Form besitzen. Nur in 
den niedersten Pflanzen z. B. in den niedersten Pilzformen, ist 
es nicht möglich, einen Kern nachzuweisen. 

Der Kern seinerseits enthält bei entwickelten Elementen 
wiederum mit grosser Beständigkeit ein anderes Gebilde in sich, 

Fig. 4. a, Leberzelle. A. Spindelzelle des Biodcgcwebes. r. Capillarge> 
fäss. </. Grössere Sternzelle aus einer Lymphdrüse, e. Ganglienzelle aus dem 
Kleinhirn. Die Kerne überall gleichartig. 



• Cytoblastem und Gjtoblast. 11 

das sogenannte Kernkörperchen (Nncleolus). Man kann je- 
doch von demselben nicht sagen, dass es als ein nothwendiges 
Desiderat der vitalen Form erseheine; in einer erheblichen Zahl 
von jungen Elementen ist es noch nicht gelungen, es zu sehen. 
Dagegen treffen wir es bei gut entwickelten, älteren Formen, 
regelmässig, und es scheint daher eine höhere Ausbildung des 
Elementes anzuzeigen. 

Nach der Aufstellung, welche ursprünglich von Schieiden 
gemacht und von Schwann acceptirt wurde, dachte man sich 
lange Zeit das Yerhältniss der drei genannten Zellentheile (Mem- 
bran, Kern und Kernkörperchen) so, dass der Nucleolus bei der 
Bildung der Gewebe als das Erste aufträte, indem ör sich aus 
einer Bildungsflüssigkeit (Blastem, Gytoblastem) ausscheide, 
dass er schnell eine gewisse Grösse erreiche, und dass sich dann 
um ihn kleine Kömchen aus dem Blastem ^*^' '^' 

niederschlügen, um die sich wiederum eine «.;;;. ?....: c 

Membran verdichte. Damit wäre ein Nuc- -©.'Vlit:®'. 

leus fertig, um den sich allmählich wiederum - '••' ' - •"'^-• 
neue Masse ansammele und, zuerst an einer 
Seite des Nucleus, eine feine Membran er- 
zeuge (die berühmte Uhrglasform der Zellenmembran. Fig. 5. (V). 
Diese Darstellung der Bildung von Zellen aus freiem Blastem, 
wonach der Kern der Zelle voraufgehen und als eigentlicher ZcUeu- 
bildner (Cytoblast) auftreten sollte, ist es, welche man ge- 
wöhnlich unter dem Namen der Zellen theorie (genauer Theorie 
der freien Zellenbildung) zusammenzufassen pflegte, — eine 
Theorie, welche gegenwärtig vollständig verlassen ist, und für 
deren Richtigkeit keine Thatsache beigebracht werden kann. 

Wir werden späterhin eine Reihe von Thatsachen der physio- 
logischen und pathologischen Entwickelungsgeschichte besprechen, 
welche es in hohem Grade wahrscheinlich machen, dass der Kern 



ä:^^ 




Fig. 5. Freie Zellenbildunf^ nach Schieiden, Gnindzuge der wiss. Bo- 
Unik. I. Fig. 1. „Inhalt des Embryosackes von Vicia faba bald nach der Be- 
fruchtung. In der hellen, aus Gummi und Zucker bestehenden Flüssigkeit 
schwimmen Kornchen von Proteinverbindungen Ca.), unter denen sich einzelne 
grössere auffallend auszeichnen. Um diese letzteren sieht man dann die ersteren 
zu einer kleinen Scheibe zusammengeballt (b, c) Um andere Scheiben erkennt 
man einen hellen, scharf begrenzten Saum, der sich allmählich weiter von der 
Scheibe (dem Cytoblasten) entfernt und endlich deutlich als junge Zelle (d, e,) 
erkannt wird.** 



12 Erstes Capitel. 

allerdings eine aosäürordeutlii-h wichtige Rolle innerhalb der Zeile 
spielt, eine Rolle, die, wie ich gleich hervorheben will, weniger 
anf die Fonction, die speciGsche Leistung der Elemente sich be- 
zieht, als vielmehr anf die Erhaltung und Vermehrung der Ele- 
mente als lebendiger Theile. Die speciösche (im engeren Sinne 
animalische) Function zeigt sich am deutlichsten am Muskel, am 
Nerven, an der Drüsenzelle, aber die besonderen Thätigkeiten der 
Contraction, der Sensation, der Secretion scheinen in keiner Weise 
unmittelbar mit den Kernen etwas zu thun zu haben. Dass da- 
gegen inmitten aller Function das Element ein Element bleibt, 
dass es nicht vernichtet wird und zu Grunde geht unter der fort- 
dauernden Thätigkeit, dies scheint wesentlich an die Existenz 
des Kerns gebunden zu sein. Alle diejenigen zelligen Bildungen, 
welche ihren Kern verlieren, sind hinfällig, sie gehen zu Grunde, 
sie verschwinden, sterben ab, lösen sich auf. Ein menschliches 
Blutkörperchen z. B. ist eine Zelle ohne Kern; es besitzt höch- 
stens eine äussere Membran und einen rothen Inhalt, aber damit 
ist seine Zusammensetzung, soweit man sie erkennen kann, er- 
schöpft, und was man vom Blutkörperchen -Kern beim Menschen 
erzählt hat, bezieht sich auf Täuschungen, welche allerdings sehr 
leicht und häufig hervorgebracht werden dadurch, dass kleine Un- 
ebenheiten an der Oberfläche entstehen (Fig. 61). Man wurde 
daher nicht einmal behaupten können, dass Blutkörperchen Zellen 
seien, wenn man nicht wüsste, dass eine gewisse Zeit existirt, 
wo auch die menschlichen Blutkörperchen Kerne haben, nehmlich 
die Zeit innerhalb der ersten Monate des intrauterinen Lebens. 
Hier circuliren auch beim Menschen kernhaltige Blutkörperchen, 
wie man sie bei Fröschen, Vögeln, Fischen das ganze Leben hin- 
durch sieht. Das ist bei Säugethieren auf eine gewisse Zeit der 
Entwickelung beschränkt; in der späteren Zeit besitzen die rothen 
Blutkörperchen nicht mehr die volle Zellennatur, vielmehr haben 
sie einen wichtigen Bestandtheil ihrer Zusammensetzung einge- 
busst. Aber Alle sind auch darüber einig, dass gerade das Blut 
einer von jenen wechselnden Bestandtheilen des Körpers ist, deren 
Elemente keine Dauerhaftigkeit besitzen, vielmehr fort und fort 
zu Grunde gehen und ersetzt werden durch neue, die wiederum 
der Vernichtung bestimmt sind. Wie die obersten Epidermis- 
zellen, in welchen wir auch keine Kerne finden, sobald sie sich 
abschilfern, haben die ersten Blutkörperchen schon ein Stadium 



Zellenlnhalt ProtoplaBma. 13 

ihrer Entwickelang erreicht, wo sie nicht mehr jener Danerhartig- 
keit der innereD ZtisaniDienBetziiDg bedürfen, als deren BGrgen 
wir den Kern betrachten müSBen. 

Dagegen kennen wir, so vielfach auch gegenwärtig die Ge- 
webe nntersncbt sind, keinen Tbeil, der wächst, der eich ver- 
mehrt, Bei es physiologiscb , sei es pathologisch, wo nicht kern- 
haltige Elemente als die Ausgangspunkte der inneren Verände- 
rung nachweisbar wfiren, und wo nicht die ersten erkennbaren 
VerÄnderUDgen, welche auftreten, den Kern selbst betreffen, so 
dasB wir aas seinem Verhalten oft bestimmen können, was mög- 
licher Weise aus den Elementen geworden sein wQrde, wenn der 
Vorgang weiter fortgeschritten wäre. 

Längere Zeit hindurch verhtngte man für die Definition einer 
Zelle nicbt viel mehr, als die Membran, mochte sie nan rond 
oder zackig oder sternförmig sein, und den Kern, welcher von 
vom herein eine andere chemische BeschafTenbeit besitzt, als diu 
Membran. Es ist indess damit lange nicht alles Wesentliche er- 
schöpft. Denn die Zelle ist ausser dem Kern gefüllt mit einer 
verii&ltoissm&ssig grösseren oder kleineren Menge von Inhatts- 
masse, und ebenso in der Regel der Kern seinerseits, in der 
Art, dass der Inhalt des Eems wieder verschieden zu sein pflegt 
von dem Inhalte der Zelle. Innerhalb mancher ^ 

Zellen sehen wir Pigment, ohne dasa der Kern 
davon etwas enthielte (Fig. 6, c). Innerhalb einer 
Maskelzelle wird conttactile Substanz abgelagert, 
die Trägerin der Contraclions-Eraft; der Kern -i^bv 
bleibt Kern (Fig. 6, b.). Eine Nervenfaser kann ^| 
um den Axencylinder Mark ausscheiden, aber der o 
Eem bleibt ausserhalb, der Axencylinder inner- 
halb des Markes unversehrt (Fig. 6, c). In der 
Mehrzahl der thierischen Zellen nimmt der soge- 
nannte labalt den verhältnissmässig grössten Raum 
ein; er ist wenigstens quantitativ nnzweifetbaft 
der Hanptbestandtheil dessen, was ich deuZell- 
kürper nenne. Allein schon Mobl schrieb dem 



Fig;. G. 1. I^Kioenlzelle aus der Chorioides oculi. b. Glatte HuBkelzelle 
au dem Darm. r. Stack einer doppcllconlourirten Nervenfaser mit AxencylindFr, 
Marksrheide und «andfll&ndifrem, niirlenlirtem Kfm in der äusseren Scheid?. 



14 Erstes Capitel. 

Inhalte der Pflanzenzellen auch qualitativ eine bedeutende Rolle zu, 
indem er darin eine besondere, eiweisshaltige Flüssigkeit von grossem 
functionellen Werthe, das von ihm sogenannte Protoplasma, an- 
nahm. In neuerer Zeit hat diese Auffassung auch bei den Unter- 
suchen! der thierischen Zellen immer mehr Anklang gefunden, so 
dass gegenwärtig von Vielen das Protoplasma oder was man 
früher allgemein den Zelleninhalt nannte, als der wichtigste und 
gewissermaassen essentielle Theil des ganzen Gebietes angesehen 
wird. Es stellt nach dieser Auffassung eine in allen Zellen, we- 
nigstens allen noch lebenskräftigen, vorkommende Grundsubstanz 
dar, in welcher ausser dem Kern je nach besonderen Entwicke- 
lungsverhältnissen noch eine grössere Menge meist in kömiger 
Form abgeschiedener Stoffe (Fett, Pigment, Glykogen u. s. w.) 
eingeschlossen sein können. 

Sieht man davon ab, dass nicht wenige Zellen um sich herum 
allerlei äussere Stoffe (Intercellular- oder Extracellular- 
substanz) anhäufen, beziehungsweise abscheiden, so wird man 
nicht bezweifeln können, dass die besonderen (specifi sehen) 
Eigenthümlichkeiten, welche einzelne Zellen oder Zellengruppen 
an bestimmten Orten und unter besonderen Bedingungen erreichen, 
zu einem grossen Theile gebunden sind an wechselnde Eigenschaf- 
ten des Zelleninhalts (Intracellularsubstanz) und dass haupt- 
sächlich von diesen die functionelle (physiologische) Verschiedenheit 
der Gewebe abhängig ist. Diess darf uns jedoch nicht abhalten, 
daran festzuhalten, dass innerhalb der verschiedensten Gewebe jene 
Bestandtheile, welche die Zelle gewissermaassen in ihrer abstracten 
Form darstellen. Kern und Zellkörper, mit grosser Regelmässig- 
keit wiederkehren, und dass durch ihre Zusammenfugung ein ein- 
faches Element gewonnen wird, welches durch die grosse Reihe 
der lebendigen pflanzlichen und thierischen Gestaltungen, so äusser- 
lich verschieden sie auch sein mögen, so sehr die innere Zusam- 
mensetzung dem Wechsel unterworfen sein mag, eine ganz beson- 
dere Formbildung als bestimmte Grundlage der Lebenserscheinun- 
gen erkennen lässt. 

Betrachtet man z. B. die jüngsten Eierstockseier des Frosches, 
bevor die Abscheidung der Dotterkömer begonnen hat, so wird 
man nicht daran zweifeln können, dass man es mit wirklichen Zellen 
zu thun hat, wenngleich sie durch allmähliches Wachsthum eine 
colossale Grösse zu erreichen vermögen. 



Eizelle und katarrhal isdie Zollen. 



Im GegflDsatze daza nehme man ein gewöhnliches klinisches 
Object: Zellen von einem frischen katarrhalischen Spntnm. Es 
Bind hier im VerhftltnisB sehr kleine Elemente, die eich bei stär- 
kerer VergrOBserong als vollkommen kugelige Gebilde ^^ ^ 
darstellen, oud an denen man erst nach Einwirkang ^i 
von Wasser and anderen Reagentien dentlich eine A r<^\ 
Hembran, Kerne nod einen im frischen Zustande trü- .^2 ^ 
ben Inhalt onterscheidet. Die meisten von den klei- ^ ^P 
nen Elementen gehören nach der gehrftnchlichen Ter- ' 

minologie in die Reibe der Eiterkßrpercben; die grösseren, als 
Schleimkörpercben oder katarrhalische Zellen zn bezeichnen, ent- 
halten znm Theil Fett oder granschwarzes Pigment in Form von 
KOmem. Aber so klein sie sind, so besitzen sie doch die ganze 
typische Eigenthümlichkeit der grossen Zellen; alte wesentlichen 
Charaktere der grossen finden sich an ihnen wieder. Das ist 
aber meines Erachtens das Entscheidende, dass, wir mögen nnn die 



Fig. 7. Jonge Eieretockseler vom Froscb. A. Eine gani junge Eizelle. 
R. Eine gröatere. C. Eine noch grössere mit beginnender Äbscheidvng brauner 
Körnchen an dem einen Pol (t.) und mit iusserer Einfaltung der Zellmembran 
durch Eindringen TOn Wasser, u. Membran des Graafscben Follikels, t. Zell- 
nembran. c Eemmembran. </. Kern körpereben. S. Bierstock. Vergrüss. 150. 

Fig. 8. Zellen aua frischem katarrhalischem Sputum. A. Eiterkörpereben. 
lt. gmni frisch. 6. nach Behandlung mit Essigsäure: innerhalb der Hembran ist 
der Inhalt aufgeklärt und man sieht drei kleine Kerne. R, SchleimkörpercheD. 

' ' ' h. mit Pigmentkömchen. Vorgr. 300. 



16 Erates Capitel. 

grossen oder die kleinen, die pathologischen oder die physiologischen 
Zellen zusammenhalten , dies Uebereinstimmende sich immer 
wiederfindet. 

Es darf nicht überraschen, dass der Werth der einzelnen, 
die vollendete Zelle zusammensetzenden Theile vielfacher Deutung 
ausgesetzt ist und dass die Definition der Zelle immer neue 
Formulirungen erhält, trotzdem dass man immer dasselbe Gebilde 
oder wenigstens denselben Körper meint. Seitdem die sogenannte 
Membran der Pflanzenzelle als ein secundäres Abscheidun^spro- 
duct, als blosse Gapsei erkannt ist, hat natürlich der frühere 
Zelleninhalt, das Protoplasma, eine grössere Bedeutung erlangt. 
Der Kern ist mehr in den Hintergrund getreten, nachdem man 
ihm nicht mehr die Präexistenz und die Rolle des Gytoblasten 
beilegt. Noch ungünstiger liegt die Frage, ob die Membran ein 
nothwendiges Erforderniss der Zelle ist, und nicht bloss unter 
den Botanikern, sondern auch unter den Zoologen (Max Schnitze) 
giebt es nicht wenige und ausgezeichnete Forscher, welche die 
Zelle als vollkommen constituirt betrachten, sobald ein Kern mit 
dem dazu gehörigen Protoplasma vorhanden ist. Erst auf einer 
gewissen Entwickelungshöhe würde sich dieses Protoplasma mit 
einer Membran bekleiden und zum Zelleninhalt werden, wie man 
es bei der Furchung des Eies und der Bildung der Primordial- 
Zellen so lange angenommen hat. Glücklicherweise hat diese 
schwierige Frage für die Pathologie keine principielle Bedeutung. 
Abgesehen davon, dass bei fast allen physiologischen und patho- 
logischen Zellen von einiger Bedeutung Membranen isolirbar sind, 
wird doch auch vom Standpunkte derjenigen, welche die Membran- 
losigkeit vieler Zellen behaupten, weder die Existenz, noch der 
entscheidende Werth der Zellen in Frage gestellt. Ob eine Zelle 
im alten Sinne des Wortes ein Bläschen oder im neuen ein solides 
Körperchen ist, ist daher eine Detailfrage, welche das cellulare 
Princip nicht berührt. 

Dieses Princip aber ist meiner AuflTassung nach der einzig 
mögliehe Ausgangspunkt aller biologischen Doctrin. Wenn eine 
wirkliche Uebereinstimmung der elementaren Formen durch die 
ganze Reihe alles Lebendigen hindurchgeht, wenn man vergeblich 
in dieser grossen Reihe nach irgend etwas Anderem sucht, was 
als organisches Element an die Stelle der Zelle gesetzt wer- 
den könnte, so muss man nothwendig auch jede höhere Ausbil- 



Sociale Einrichtung der Organismen. 17 

dung, sei es einer Pflanze, sei es eines Thieres, betrachten als 
eine fortschreitende Summimng grösserer oder kleinerer Zahlen 
von Zellen. Wie ein Banm eine in einer bestimmten Weise za- 
sammengeordnete Masse darstellt, in welcher als letzte Elemente 
an jedem einzelnen Theile, am Blatt wie an der Wnrzel, am 
Stamm wie an der Blüthe, zellige Elemente erscheinen, so ist es 
auch mit den thierischen Gestalten. Jedes Thier erscheint 
als eine Snmme vitaler Einheiten, von denen jede den vollen 
Charakter des Lebens an sich trägt. Der Charakter nnd die 
Einheit des Lebens kann nicht an einem bestimmten einzelnen 
Punkte einer höheren Organisation gefunden werden, z. B. im 
Gehirn des Menschen, sondern nur in der bestimmten, constant 
wiederkehrenden Einrichtung, welche jedes einzelne Element an 
sich trägt. Daraus geht hervor, dass die Zusammensetzung eines 
grösseren Körpers, des sogenannten Individuums, immer auf eine 
Art von gesellschaftlicher Einrichtung herauskommt, einen Or- 
ganismus socialer Art darstellt, wo eine Masse von einzelnen 
Existenzen auf einander angewiesen ist, jedoch so, dass jedes 
Element (Zelle oder, wie Brücke sehr gut sagt, Elementar- 
Organismus) für sich eine besondere Thätigkeit hat, und dass 
jedes, wenn es auch die Anregung zu seiner Thätigkeit von an- 
deren Theilen her empfängt, doch die eigentliche Leistung von sich 
selbst ausgehen lässt. 

Ich habe es deshalb für nothwendig erachtet, den Gesammt- 
Organismus oder das Individuum nicht bloss in seine Organe und 
diese in ihre Gewebe, sondern auch noch die Gewebe zu zerlegen 
in Zellenterritorien. Ich habe gesagt Territorien, weil wir in 
der thierischen Organisation eine Eigenthümlichkeit finden, welche 
in der Pflanze fast gar nicht oder doch nur in sehr unvollkom- 
mener Weise zur Anschauung kommt, nehmlich die Entwickelung 
grosser Massen sogenannten intercellularen Stoffes. W^ährend 
die Pflanzenzellen in der Regel mit ihren äusseren Absonderungs- 
schichten, den vorher erwähnten Capseln, unmittelbar aneinander 
stossen, so jedoch, dass man immer noch die alten Grenzen 
unterscheiden kann, so finden wir bei den thierischen Geweben, 
dass diese Art der Anordnung die seltnere ist. In der oft sehr 
reichlichen Masse, welche zwischen den Zellen liegt (Zwischen- 
oder Grundsubstanz, Intercellularsubstanz), können wir 
selten von vornherein fibersehen, inwieweit ein bestimmter Theil 

VIrehov, CelluUr-PathoI. 4. Aafl. 2 



davoD der einen, ein anderer der anderen Zelle angehöre; sie er- 
Rcheint als ein gleichmässigcr ZwischeDstoff. 



Nach der Ansiebt Schwann'a war die Intercellalarsubstaaz 
Gytoblastem, fär die Ent-wlckelnng neuer Zellen bestimmt. Dies 
halte ich nicht für richtig, vielmehr bin ich dnrch eine Reihe 
von ErfahroDgen za dem Schlüsse gekommen, dass die Inter- 
cellularsabstanz, wie sie von den Zellen gebildet (abgeschieden) 
wird, so auch in einer bestimmten Abhängigkeit von ibneo bleibt, 
in der Art, dass man aach in ihr Grenzen ziehen kann, and das 
gewisse Bezirke von ihr der einen, gewisse der anderen Zelle an- 
gehören.' Darob pathologische Vergälle werden diese Grenzen 
scharf bezeichnet, nnd es läs&t sich direct zeigen, wie jedesmal ein 
bestimmtes Gebiet von Zwischensnbstanz beherrscht wird von dem 
zelligen Elemente, welches in seiner Mitt« gelegen ist. 

Es wird jetzt deatlich sein, wie ich mir die Zellen-Territorien 
denke: Es gibt einfache Gewebe, welche ganz ans Zellen bestehen, 
Zelle an Zelle gelagert (Fig. 10,.^.). Hier kann über die Grenze 
der einzelnen Zelle keine Meinongsverschiedenheit bestehen, aber 
es ist ndthig, hervorzuheben, dass mch in diesem Falle jede ein- 
zelne Zelle ihre besonderen Wege gehen, ihre besonderen VerSode- 
rungen erfahren kann, ohne dass mit Nothwendigkeit das Geschick 
der zunächst liegenden Zellen daran geknüpft ist. In andern Ge- 
weben dagegen, wo wir Zwischenmassen haben (Ftg. 10, it.), ver- 
sorgt die Zelle ausser ihrem eigenen Inhalt noch eine gewisse 

Fie. 9 Epipb;seDkDorp«1 tod) Oberanne «ia«g Kindes, ta der Ellenbenge. 
Dm Oliject war zuerst mit cbromaBurem Kall nnd dann mit Bsaii^lufe behao- 
delL In der homof;enen Grandsubstanz (Intercellularsubitanz) sieht man bei 
1. Knorpel hüfalen mit noch dünner Wand (Capael), in welchen die Knorp«lzellen, 
mit Kern und Kemkörpercben veraeben, sich deutlich abgrenzen. 6. Capselu 
(Ilüblen) mit zwei , durch TbeJIung der früher einfachen entstandeneB Zellen- 
'- Tbniluni; der CapHi-ln nach TheilooK der Zellen- d. Ansei nanderröcken der 
l^tbi-ilten C'ap!>«ln iliirrh ZwiMbeDlaeerunj; vnn liitercellularaubstanz. — Knor- 
pel wnchnt hu in. 



Zellenterritorien. 



19 



Menge von äusserer Substanz, die an ihren Veränderungen Theil 
nimmt, ja sogar häufig frühzeitiger afficirt wird, als das Innere 
der Zelle, welches durch seine Lagerung mehr gesichert ist, als 



Fig. 10. 



J 





die äussere Zwissenmasse. Endlich gibt es eine dritte Reihe von 
Geweben (Fig. 10, C), deren Elemente unter einander in cngeien 
Verbindungen stehen. Es kann z. B. eine Zelle mit anderen zu- 
sammenhängen und dadurch eine reihen- oder flächenrormige 
Anordnung entstehen, ähnlich der bei den Gapillaren und anderen 
analogen Gebilden. In diesem Falle könnte man glauben, dass 
die ganze Reibe beherrscht werde von irgend Etwas, was wer 
weis wie weit entfernt liegt, indessen bei genauerem Studium er- 
gibt sich, dass selbst in diesen ketten- oder hautartigen Einrich- 
tungen eine gewisse Unabhängigkeit der einzelnen Glieder besteht, 
und dass diese Unabhängigkeit sich äussert, indem unter gewissen 
äosseren oder inneren Einwirkungen das Element nur innerhalb 
seiner Grenzen gewisse Veränderungen erfährt, ohne dass die 
nächsten Elemente dabei betheiligt sind.*) 



Fig. 10. Schematische Darstellung der Zelleoterritorien. A. Einfaches Zel- 
lengewebe (Epidermis). B. Gewebe mit Intercellularsubstanz (Knorpel), in wel- 
chem nach nnten hin die Zellenterritorien abgegrenzt sind. (/. Kernhaltiges, 
scheinbar homogenes Gewebe (Capillargcfäss), in welchem die Territorien durch 
ponktirte Linien angedeutet sind. 

*) Lange, nachdem dieses geschrieben war, haben die Untersuchungen von 
Heidenhain fär die Knorpel, von Auerbach und Eberth für die Capillaren 
auch die physiologische Realität der Zellcnterritorien erwiesen. 

2' 



20 Erstes Gapitel. 

Das Angeführte wird zunächst genügen, am za zeigen, in 
welcher Weise ich es für nothwendig erachte, die pathologischen 
Vorgänge zu localisiren, sie auf bekannte histologische Elemente 
zurückzuführen, warum es mir z. B. nicht genügt, von einer 
Thätigkeit der Gefässe oder von einer Thätigkeit der Nerven zu 
sprechen, sondern warum ich es für nothwendig erachte, neben 
Gefässen und Nerven die grosse Zahl von kleinen Tbeilen ins 
Auge zu fassen, welche thatsächlich die Hauptmasse der Körper- 
substanz ausmachen. Es ist nicht genug, dass man, wie es seit 
langer Zeit geschieht, die Muskeln als thätige Elemente daraus 
ablöst; innerhalb des grossen Restes, der gewöhnlich als träge 
Masse betrachtet wird, findet sich noch eine ungeheure Zahl wirk- 
samer Theile. 

In der Entwickelung, welche die Medicin bis in die letzten 
Tage genommen hat, finden wir den Streit zwischen den humo- 
ralen und solidaren Schulen der alten Zeit immer noch erhalten. 
Die humoralen Schulen haben im Allgemeinen das meiste Glück 
gehabt, weil sie die bequemste Erklärung und in der That die 
plausibelste Deutung der Erankheitsvorgänge gebracht haben. Man 
kann sagen, dass fast alle glücklichen Praktiker und bedeutenden 
Kliniker mehr oder weniger humoralpathologische Tendenzen ge- 
habt haben; ja diese sind so populär geworden, dass es jedem 
Arzte äusserst schwer wird, sich aus ihnen zu befreien. Die 
solidarpathologischen Ansichten sind mehr eine Liebhaberei specu- 
lativer Forscher gewesen; sie sind nicht sowohl aus dem unmittel- 
baren pathologischen Bedürfnisse, als vielmehr aus physiologischen 
und philosophischen, selbst aus religiösen Erwägungen hervor- 
gegangen. Sie haben den Thatsachen Gewalt anthun müssen, so- 
wohl in der Anatomie, als in der Physiologie, und haben daher 
niemals eine ausgedehnte Verbreitung gefunden. Meiner Auf- 
fassung nach ist der Standpunkt beider ein unvollständiger; ich 
sage nicht ein falscher, weil er eben nur falsch ist in seiner £x- 
clusivität; er muss zurückgeführt werden auf gewisse Grenzen, und 
man muss sich erinnern, dass neben Gefässen und Blut, neben 
Nerven und Centralapparaten noch andere Dinge existiren, die 
nicht ein blosses Substrat der Einwirkung von Nerven und Blut 
sind, auf welchem diese ihr Wesen treiben. 

Wenn man nun fordert, dass die medicinischen Anschauungen 
auch auf dieses Gebiet sich übertragen sollen, wenn man anderer- 



Die Cellularpathologie. 21 

8eit8 verlangt, da^s auch innerhalb der homoral- nnd nenropatho- 
logischen Vorstellungen man sich schliesslich erinnern soll, dass 
das Blut ans vielen einzelnen für sich bestehenden nnd wirkenden 
Theilen besteht, dass das Nervensystem aus vielen thätigen Sonder- 
Bestandtheilen zusammengesetzt ist, so ist dies eine Forderung, 
die freilich auf den ersten Blick manche Schwierigkeiten bietet. 
Aber wenn man sich erinnert, dass man Jahre lang nicht bloss 
in den Vorlesungen, sondern auch am Krankenbette von der 
Tbätigkeit der Capillaren gesprochen hat, einer Thätigkeit, die 
Niemand gesehen hat, die eben nur auf bestimmte Doctrinen hin 
angenonmien worden ist, so wird man es nicht unbillig finden, 
dass Dinge, die wirklich zu sehen sind, ja die, wenn man sich 
übt, selbst dem unbewafTneten Auge nicht selten zugängig sind, 
gleichfalls in den Kreis des ärztlichen Wissens und Denkens auf- 
genonmien werden. Von Nerven hat man nicht nur gesprochen, 
wo sie nicht dargestellt waren; man hat sie einfach supponirt, 
selbst in Theilen, wo bei den sorgfältigsten Untersuchungen sich 
nichts von ihnen hat nachweisen lassen; man hat sie wirksam 
sein lassen an Punkten, wohin sie überhaupt gar nicht vordringen. 
So ist es denn gewiss keine unbillige Forderung, dass dem grös- 
seren, wirklich existirenden Theile des Körpers, dem „dritten 
Stande^, auch eine gewisse Anerkennung werde, und wenn diese 
Anerkennung zugestanden wird, dass man sich nicht mehr mit 
der blossen Ansicht der Nerven als ganzer Theile, als eines zu- 
sammenhängenden einfachen Apparates, oder des Blutes als eines 
bloss flüssigen Stoffes begnüge, sondern dass man auch innerhalb 
des Blutes nnd des Nervenapparates die ungeheure Masse kleiner 
wirksamer Centren zulasse. Dann wird sich nicht nur ein neues, 
grosses Gebiet, das der zelligen Gewebselemente, in die ärztliche 
Betrachtung einfügen, sondern es wird möglich sein, auch Blut 
nnd Nerven von dem Standpunkte der Cellularphysiologie aus zu 
würdigen, und so den alten Streit dei Humoral- und Solidar- 
pathologie in einer einigen Cellularpathologie zu versöhnen. 

Die wesentlichen Hindernisse, welche bis in die letzte Zeit 
in dieser Richtung bestanden, waren nicht so sehr pathologische. 
Ich bin überzeugt, man würde mit den pathologischen Verhält- 
nissen ungleich leichter fertig geworden sein, wenn es nicht bis 
vor Kurzem unter die Unmöglichkeiten gehört hätte, die wirklichen 
Elementartheile des thierischen Leibes zu ermitteln und eine 



22 Kriite« Gapitel. 

einfache UeberHicht der physiologischen Gewebe zu liefern. Die 
alten Anschauungen, welche zum Theil noch aus dem vorigen 
Jahrhundert überkommen waren, haben gerade in demjenigen 
Gebiete, welches pathologisch am häufigsten in Betracht kommt, 
nämlich in dem des Bindegewebes, so sehr vorgewaltet, dass noch 
jetzt eine allgemeine Einigung nicht gewonnen ist, und dass jeder- 
mann genöthigt ist, sich durch die Anschauung der Objecle selbst 
ein Urtheil darüber zu bilden. 

Noch in den Elementa physiologiae von Hall er findet man 
an die Spitze des ganzen Werkes, wo von den Elementen des 
Körpers gehandelt wird, die Faser gestellt. Halle r gebraucht 
dabei den sehr characteristischen Ausdruk, dass die Faser (fibra) 
für den Physiologen sei, was die Linie für den Geometer. 

Diese Auffassung ist bald weiter ausgedehnt worden, und die 
Lehre, dass. für fast alle Theile des Körpers die Faser als Grund- 
lage diene, dass die Zusammensetzung der allermannichfachsten 
Gewebe in letzter Instanz auf die Faser zurückführe, ist nament- 
lich bei dem Gew^ebe, welches, wie sich ergeben hat, pathologisch 
die grösste Wichtigkeit hat, bei dem sogeuannten Zellgewebe am 
längsten festgehalten worden. 

Im Laufe des letzten Jahrzehnts vom vorigen Jahrhundert 
begann indess schon eine gewisse Reactiou gegen diese Faser- 
lehre, und in der Schule der Naturphilosophen kam frühzeitig 
ein anderes Element zu Ehren, das aber in einer viel mehr spe- 
culativen Weise begründet wurde, nämlich das Kügelchen. 
Während die Einen inmier noch an der Faser festhielten, so 
glaubten Andere, wie in der späteren Zeit noch Milne Ed- 
wards, so weit gehen zu dürfen, auch die Faser wieder aus 
linear aufgereihten Kügelchen zusammengesetzt zu denken. Diese 
Auffassung ist zum Theil hervorgegangen aus optischen Täuschun- 
gen bei der mikroskopischen Beobachtung. Die schlechte Me- 
thode, welche während des ganzen vorigen Jahrhunderts und eines 
Theiles des gegenwärtigen bestand, dass man mit massigen In- 
strumenten im vollen Sonnenlicht beobachtete, brachte fast in 
alle mikroskopischen Objecto eine gewisse Dispersion des Lichtes, 
und der Beobachter bekam den Eindruck, als sähe er weiter 
nichts, als Kügelchen. Andererseits entsprach aber auch diese 
Anschauung den naturphilosophischen Vorstellungen von der ersten 
Entstehung alles Geformten. 




Die E lernen tarfaser und das Elemeniarkägelchen. 23 

Diese Kügelchen (Körnchen, Granula, Moleküle) haben sich 
sonderbarer Weise bis in die moderne Histologie hinein erhalten, 
nnd es gab bis vor Kurzem wenige histologische Werke, welche 
nicht mit den Elementarkörnchen anfingen. Hier und da sind 
noch vor nicht langer Zeit diese Ansichten von der Eugelnatur 
der Elementartheile so überwiegend gewesen, dass auf sie die 
Zusammensetzung, sowohl der ersten Gewebe im Embryo, als 
auch der späteren begründet wurde. Man dachte sich, dass eine 
Zelle in der Weise entstände, dass die Kügelchen sich 
sphärisch zur Membran ordneten, innerhalb deren sich ^'* " 
andere Kügelchen als Inhalt erhielten. Noch von « ^ 
Baumgärtner und Arnold ist in diesem Sinne 
gegen die Zellentheorie gekämpft worden. 

In einer gewissen Weise hat diese Auffassung in 
der Entwickelungsgescbichte eine Stütze gefnnden; in 
der sogenannten ümhüllungstheorie, — einer Lehre, die eine 
Zeit lang stark in den Vordergrund getreten war (Henle). Da- 
nach dachte man sich, dass, während ursprünglich eine Menge von 
Elementarkügelchen zerstreut vorhanden wäre, diese sich unter 
bestimmten Verhältnissen zusammenlagerten, nicht in Form sphä- 
rischer Membranen, sondern zu einem compacten Haufen, einer 
Kugel (Klümpchen), und dass diese Kugel 
der Ausgangspunkt der weiteren Bildung ^'ß^^ 

werde, indem durch Differenzirung der ^ 
Masse, durch Apposition oder Intussusce- 
ption aussen eine Membran, innen ein Kern '^'^^ 
entstehe. 

Gegenwärtig kann man weder die Faser noch das Kügel- 
chen oder das Elementarkörnchen als einen histologischen Aus- 
gangspunkt betrachten. So lange als man sich die Entstehung 
von lebendigen Elementen aus vorher nicht geformten Theilen, 
also aus Bildungsflüssigkeiten oder Bildangsstoßen (plastischer 
Materie, Blastem, Gytoblastem) hervorgebend dachte, so 








Fig. II. Schema der Globulartheorie. n. Faser aus linear aufgereihten 
Elementarkömchen (Molekularkömchen). 6. Zelle mit Kern und sphärisch ge- 
ordneten Kömchen. 

Fig. 12. Schema der UmhuUungs- (Klümpchen-) Theorie. *i» Getrennte 
iilementarkömchen. 6. Kornchenhaufen (Klümpchen). c, Kornchenzelle mit 
Membran und Kern. 



24 Erste» Capitel. 

lange konnte irgend eine dieser Auffassungen allerdings Platz 
finden, aber gerade hier ist der Umschwung, welchen die alier* 
letzten Jahre gebracht haben, am meisten durchgreifend gewe- 
sen. Die Bildungsstoife finden sich wesentlich innerhalb der 
Zellen (Endoblastem). Auch in der Pathologie können wir 
gegenwärtig so weit gehen, als allgemeines Princip hinzustellen, 
dass überhaupt keine Entwickelung de novo beginnt, 
dsss wir also auch in der Entwickelungsgeschichte 
der einzelnen Theile, gerade wie in der Entwickelung 
ganzer Organismen, die Generatio aequivoca zurück- 
weisen*). So wenig wir noch annehmen, dass aus saburra- 
lem Schleim ein Spulwurm entsteht, dass aus den Resten einer 
thierischen oder pflanzlichen Zersetzung ein Infusorium oder 
ein Pilz oder eine Alge sich bilde, so wenig lassen wir in der 
physiologischen oder pathologischen Gewebelehre es zu, dass sich 
aus irgend einer unzeiligen Substanz eine neue Zelle aufbauen 
könne. Wo eine Zelle entsteht, da muss eine Zelle vorausgegan- 
gen sein (Omnis cellula e cellula), ebenso wie das Thier 
nur aus dem Thiere, die Pflanze nur aus der Pflanze entstehen 
kann. Auf diese Weise ist, wenngleich es einzelne Punkte im 
Körper giebt, wo der strenge Nachweis noch nicht geliefert ist, 
doch das Princip gesichert, dass in der ganzen Reihen alles Leben- 
digen, dies mögen nun ganze Pflanzen oder ganze thierische Orga- 
nismen oder integrirende Theile derselben sein, ein ewiges Gesetz 
der continuirlichen Entwickelung besteht. Die Erfahrung 
lehrt keine Discontinuität der Entwickelung in der Art, dass eine 
neue Generation von sich aus eine neue Reihe von Entwickelungen 
begründete. Alle entwickelten Gewebe können weder auf ein kleines 
noch auf ein grosses einfaches Element zurückgeführt werden, es 
sei denn auf die Zelle selbst. In welcher W^eise diese continuir- 
liche Zellenwucherung (Proliferation), denn so kann man 
den Vorgang bezeichnen, in der Regel vor sich geht, das lässt 

^) Der neueste Versuch von Pouchet, die Lehre von der Urzeugung we- 
nigstens für Pilze und Infusorien wieder einzusetzen, darf wohl durch die vor- 
trefflichen Experimente von Pasteur als zurückgeschlagen angesehen werden. 
Trotzdem wird das theoretische Bedürfoiss, eine natürliche Schöpfungsgeschichte 
zu construiren, begreiflicherweise immer von Neuem zu der Annahme einer Ur- 
zeugung fähren, wenn man sie auch allmählich auf die allerkleinsten Micrococci 
oder auf gestaltlose Protisten beschränkt Das Bedürfniss erkenne ich an, aber 
die Thatsachen streiten dagegen, und am allerwenigsten gestatten sie für die 
Pathologie eine Ausnahme. 



Das Gesetz der i'OiitJuuirlicheii Eiitwicktluiij.'. 25 

sich an waebaendeD Theüen sowohl von Ptlanzen, als von Thieren 
sehr leicht sehen. 

Betrachten wir z. B. einen Längsscbnitt au» der jungen 
Koospe eines Flieder-Strauches, wie sie die warmen Tage des 
Februar entwickelt haben. In der 
Knospe ist schon eine Menge von '''*■ ''■ 

jungen Blättern angelegt, jedes ans 
zahlreichen Zellen zusammengesetzt 
In diesen jüngsten Theilen bestehen 
die Süsseren Schichten aQs ziemlich 
regelmäBsigen Zellenlagen , die mehr 
platt viereckig erscheinen , während 
in den inneren Lagen die Zellen 
mehr gestreckt sind, nnd in einzel- 
nen Abschnitten die Spiralfascm auf- 
treten. Kleine Auswüchse ( Blatt- ' 
baare) treten überall am ßaude her- 
vor, ganz ähnlich gewissen thieriscbea 
Excrescenzen , z. B. aa den Zotten 
des Chorions, wo sie die Orte be- 
zeichnen, an welchen junge Zotten 
hervorwachsen werden. An unserem 
Objecte (Fig. 13) sehen wir die klei- 
nen kolbigen Zapfen, die sich in ge- 
wissen Abständen wiederholen, nach 
Innen mit den Zelleareihen des Cam- 

biums zusammenhäDgend. Aß diesen zarten Bildungen kann man 
am besten die feineren Formen der Zelle unterscheiden und zu- 
gleich die eigenthümlicbe Art ihres Wachsthums entdecken. Das 
Wachsthnm gebt so vor steh, dass an einzelnen zelligen Ele- 
menten eine Theilnng eintritt and sich eine quere Scheidewand 
bildet; die H&lften wachsen als selbständige Elemente fort und 
vei^rOesem sich nach und nach. Nicht selten treten auch Längs- 
theilungen ein, wodurch das ganze Gebilde dicker wird (Fig. 13, c"). 

Fig. 13. Lingsscbnitt durch ein junges Februar-Blatt vom Asie einer Sf- 
rios*. A. Die Rinden- und Cambium-Scbicht: unter einer sehr platten Zcllen- 
Uge siebt man grössere, vierei^kifte , kernballiee Kelten, aus denen durcb fort- 
gebende Quirtheilung kleine Haare (o) bervornacbseo, die immer länger werden 
(b) vnd durcb Lüigstheilung sieb verilicken Cr-}- B. Die Genis».''cbicht mit Spi- 
rklfiHrn. C. Einfacbe, Tiereckige, längliche Kinden-Zellen. — Pfluizenwachslbum. 



26 Erstes Cipitol. 

Jeder Zupfen, jedes Fflauzenhaar ist also uröprütiglicli eine einzige 
Zelle; iadem sie sich qaertheilt and immer wieder qnertheilt 
(Fig. 13, a, b), schiebt sie ihre Glieder vorwärts und breitet sieh 
dann bei Gelegenheit anch seitlich dnri'fa Lfiogsthellnsg aas. In 
dieser Weise wachsen die Haare hervor, und dies ist im All- 
gemeinen der Hodns dea Wacbstboms nicht nnr in der Pflanze, 
soodem anch in den physiologischen und pathologischen Bildan- 
gea des thierischeo Leibes. 

Nimmt ntan eia Stück Rippenkoorpel im Stadinm des pntho- 
logischeo WachBthuDB, so erscheinen schon für das blosse Aage 
Verftuderungen: man sieht kleine Buckel der Oberfläche des Knor- 
pels. Dem entsprechend zeigt das Mikroskop Wnchenuigen der 
^,, ,, Enorpelzellen. Hier finden sich diesel- 

ben Formen wie bei den Pflanzeozellen : 
grössere Gruppen von zelligen Elemen- 
ten, welche je aus einer früheren Zelle 
hervorgegangen sind , in mehrfachen 
Reihen angeordnet , mit dem einzigen 
Unterschiede von den wachemden 
Fflanzenzellcn , dass zwischen den ein- 
zelnen Gruppen Intercellolarsnbstanz vor- 
handen ist. An den Zellen miterschei- 
det man wieder die äussere Kapsel, die 
sogar an einzelnen Zellen mehrfach ge- 
,.drei— nnd mehrfacher Lage, und darin 
erst kommt die eigentliche Zelle mit KOrper, Kern und Kem- 
kOrpcrcheu. Nirgends gibt es hier eine andere Art der Ncnbil- 
dung, als die fissipare; ein Element nach dem andern theilt 
sieh: Generation gebt aus Generation hervor. 

PJK. 14. KnorpelirurbeniDK aus item Rippenkoorpel eines Erwachsenen- 
ürrMxere Gruppen von Kaarpelzcllen inaerballi einer (tcmeiiiM'haftlirhen llm- 
i{rviuuDfC ißlKclilkh sogenannio Hutterzellcn) . ilurch succesNite Tbeilunfren aus 
einieliien /.eilen hervorgegangen. Am Kanilc obea ist eine solche Oruppe durcb- 
»ehniltcn, in iler man eine Knorpeizelle mil mehrfacher Umlage rung tou Kaplei- 
Hchichten (lusscror Absoudeninii^masst:) siebt Vergroes. 300. 




schichtet ist, in zwei- 



Zweites Capitel. 

Die physiologischen Gewebe. 



Analoniach« CUatificatioa d«r Gewebe. Die drei aUgemein-bistologiscben Kategorien. Die «pe- 
«iellen G«web«. Die Organe und Systeme oder Apparate. 

Ol« Bpithellalgewebe. Platten-, Cylinder- nnd Uebergangaepittael. Epidermis und Bete Mal- 
pl^hii. Nagel und Nagelkrankheften. Haare. Linse. Pigment. DrfitienseUen. 

Die Gewebe derBindesobstans. Da^ Binde- oder Zellgewebe. Die Tbeorien von 8 eh wann,, 
Henle nnd Belchert. Meine Theorie. Dl« Bindegewebsk5rperchen. Die Fibrillen des 
Bindei$ewebes als Intercellnlarsubstans. Secretion derselben. Der Knorpel (hyaliner, Faser« 
nnd Netzknorpel). Ineapsnllrte nnd freie Knorpelkörperchen (Knochenknorpel). Schleim- 
gewebe. Pigmentirtes Blnd^ewebe. Fettgewebe. Anastomose der Elemente: saftfrihrendes 
Röhren- oder Kanalsjrstem. 

Die hSberen Thlergewebe: Muskeln, Nerven, GeflUse, Blnt, Lymphdrüsen. Vorkommen 
dieser Gewebe in Verbindung mit luterstiüalgewebe. 

Muskeln. Quergestreifte. Fasersellen. Herr.muskulatur. Muskelkörperchen. Fibrillen, Dis- 
diaklastea. Glatte Muskelfasern. Muikelatrophie. Die contraetlle Snbstaus (Syntonin) und 
die Contractilitat überhaupt. Cutis anseriaa und Arrectores pilornm. 
Gefisse CaplUaren. Contraetile Gefisse. 



Die normalen Gewebe lassen sich ohne Zwang in drei KategorieD 
einiheilen: Entweder man hat Gewebe, welche einzig und allein 
ans Zellen bestehen, in welchen Zelle an Zelle liegt, also in dem 
modernen Sinne Zellengewebe. Oder es sind Gewebe, in 
welchen regelmässig eine Zelle von der andern getrennt ist durch 
eine gewisse Zwischenmasse (Intercellularsubstanz), in welchen 
also eine Art von Bindemittel existirt, das die einzelnen Ele- 
mente in sichtbarer Weise aneinander, aber auch auseinander hält. 
Hierher gehören die Gewebe, welche man heut zu Tage gewöhn- 
lich unter dem Namen der Gewebe der Bindesubstanz zu- 
sammenfasst, und in welche als Hauptmasse dasjenige eintritt, was 
man früherhin allgemein Zellgewebe nannte. Endlich gibt es eine 
dritte Gruppe von Geweben, in welchen specifische Ausbildungen 



28 Zweites Capitel. 

der Zellen Statt gefunden haben, vermöge deren sie eine ganz 
eigenthümliehe Einrichtung erlangt haben, znm Theil so eigen- 
thnmlieh, wie sie einzig und allein der thierischen Oekonomie zu- 
kommt. Diese Gewebe höherer Ordnung sind es, welche eigent- 
lich den Gharacter des Thieres ausmachen, wenngleich 
einzelne unter ihnen Uebergänge zu Pflanzenformen darbieten. 
Hierher gehören die Nerven- und Muskelapparate, die Gefässe und 
das Blut. Damit ist die Reihe der Gewebe abgeschlossen. 

Eine solche Gruppirung der histologischen Erfahrungen unter- 
scheidet sich sehr wesentlich von derjenigen, welche nach dem 
Vorgange von Bichat so lange die allgemeine Anatomie beherrscht 
hat. Die Gewebe der älteren Schule stellten zu einem grossen 
Theile nicht so sehr dasjenige dar, was wir heute als die Gegen- 
stände der allgemeinen Histologie betrachten, sondern vielmehr 
das, was wir als den Inhalt der speciellen Histologie bezeichnen 
müssen. Wenn man die Sehnen, die Knochen, die Fascien als 
besondere Gewebe nimmt, so giebt dies eine ausserordentliche 
Mannichfaltigkeit von Ejttegorien (Bichat hatte deren 21), aber 
es entsprechen ihnen nicht eben so viele einfache Gewebs- 
formen. 

In unserem Sinne lässt das ganze anatomische Gebiet sich 
zunächst zerlegen nach allgemein-histologischen Kategorien (eigent- 
liche Gewebe). Die specielle Histologie beschäftigt sich sodann 
mit dem Falle, wo eine Zusammenfügxmg von zum Theil sehr 
verschiedenartigen Geweben zu einem einzigen Ganzen (Organ) 
Statt findet. Wir sprechen z. B. mit Recht von Knochengewebe, 
allein dieses Gewebe, die Tela ossea im allgemein-histologischen 
Sinne, bildet für sich keinen Ejiochen, denn kein Knochen besteht 
durch und durch, einzig und allein aus Tela ossea, sondern es 
gehören dazu mit einer gewissen Nothwendigkeit mindestens Pe- 
riost und Gefässe. Ja, von dieser einfachen Vorstellung eines 
Knochens unterscheidet sich die jedes grösseren, z. B. eines Röhren- 
knochens; dies ist ein wirkliches Organ, in dem wir wenigstens 
vier verschiedene Gewebe unterscheiden. Wir haben da die eigent- 
liche Tela ossea, die Knorpellage am Gelenk, die Bindegewebs- 
schicht des Periosts, das eigenthümliehe Mark. Jeder dieser ein- 
zelnen Theile kann wieder eine innere Yerschiedenartigkeit der 
zusammensetzenden Bestandtheile darbieten; es gehen z. B. 6e- 



Epitbelialformation. 29 

fasse und Nerven mit in die Zasammensetznng des Markes, der 
Beinhaat n. s. f. ein. Alles dies zusanunengenommen, giebt erst 
den ToUen Organismus eines Knochens. Bevor man also zu den 
eigentlicben Systemen oder Apparaten, dem speciellen Vor- 
wurfe der descriptiven Anatomie kommt, hat man eine ganze 
Stufenfolge zu durchlaufen. Man muss sich daher bei Diskus- 
sionen mit Anderen immer erst klar werden, was in Frage ist. 
Wenn man Knochen und Knochengewebe zusammenwirft, so gibt 
dies eine eben so grosse Verwirrung, als wenn man Nerven- und 
Gehinmiasse einfach identificiren wollte. Das Gehirn enthält viele 
Dinge, die nicht nervös sind, und seine physiologischen und pa- 
thologischen Zustände lassen sich nicht begreifen, wenn man sie 
auf eine Zusammenordnung rein nervöser Theile bezieht, wenn 
man nicht neben den Nerven auf die Häute, das Zwischengewebe, 
die Gefässe Rücksicht nimmt. 

Betrachten wir nun die erste allgemein -histologische Gruppe 
etwas genauer, nämlich die einfachen Zellengewebe, so ist un- 
zweifelhaft am leichtesten übersichtlich die Hörn- oder Epitbe- 
lialformation, wie wir sie in der Epidermis und dem Rete Mal- 
pighii an der äussern Oberfläche, im Gylinder- und Plattenepithe- 
lium auf den Schleim- und serösen Häuten antrelFen. Der Name 
Epithelium stammt von Ruysch, der zuerst an der Brustwarze 
(^i^A.!]) ein ablösbares Häutchen auffand, welches er weiterhin in 
ähnlicher Weise auch an Schleimhäuten nachwies. Heusinger 
hat das Verdienst, den Zusammenhang aller Homgebilde darge- 
legt zu haben, indem er die chemische und physikalische Ueber- 
einstimmung derselben lehrte. Das allgemeine Schema ist hier, 
dass Zelle an Zelle stösst, so dass in dem günstigsten Falle, wie 
bei der Pflanze, vier- oder sechseckige Zellen unmittelbar sich an 
einander sehliessen und zwischen ihnen nichts Anderes weiter, 
als höchstens eine geringe Kittsubstanz, gefunden wird. So ist 
es an manchen Orten mit dem Platten- oder Pflasterepithel 
(Fig. 17). Die besonderen Formen der Epithelialzellen sind offen- 
bar grossentheils Druckwirkungen. Wenn alle Elemente eines Zellen- 
gewebes eine vollkommene Regelmässigkeit haben sollen, so setzt 
dies voraus, dass sich alle Elemente völlig gleichmässig entwickeln 
und gleichzeitig vergrössem. Geschieht ihre Entwicklung dagegen 
unter Verhältnissen, wo nach einer Seite hin ein geringerer Wider- 



30 



Zweites Capitrl. 




stand besteht, bo kann en sein, dass 
e die Elemente, wie bei den Sftolen- oder 
Cylinderepithelien, nur in einer Rich- 
tung aaswachsen and sehr lang wer- 
den, während sie in den andern Rich- 
tungen sehr dOnn bleiben. Aber anch 
ein fiolcbes Element wird, aaf einem 
Qacrächnitt angesehen, sich al» ein sechseckiges darstellen: wenn 
wir Cylioder- Epithel von der freien Flüche her betrachten, ttn 
sehen wir aaeh bei ihm ganz regelmfUsig polygnonale Formen 
(Fig. lö. b). 

Fl(. I«. 




.®'-. 



;/ 



i 



Im Gegensätze dazu finden sich aasserordentlich nnregel- 
mftssigo Fonnen an solchen Orten, wo die Zellen in nnregel- 
mässigcr Weise bervorwachsen , so besonders coDstant an der 
Oberfläche der Uamwege (Fig. 16), in der ganzen Aasdebnnng 
der Schleimhaat von den Nierenkelchen bis znr Urethra. An 
allen diesen Stellen trifil man sehr gewöhnlich Anordnungen, wo 
einzelne Zelten an dem einen Ende rond sind, wfihrend sie an 
dem anderen in eine Spitze aoslanfen, andere Zellen ziemlicli 
grobe Spindeln darstellen, andere wieder an einer Seite platt ab- 
(■erondet, an der anderen ansgebnchtet sind, oder wo eine Zelle 
sieb so zwischen andere einschiebt, dass sie eine kolbige oder 
zackige Form annimmt. Immer entspricht hier die eine Zelle der 



FiK. 15. Siul«n- oder CylinderepiUiel der Gallenblase, a. ^ 
b&niteiide Zelleu, TOn d«r Seite Keseben, mit Kern und Keniküq>eKheD , der 
lobalt leicht Un^ ge«treift, am freien Rande (oben) ein dickerer, fein radiär 
)[e»lreifler Sanm. b. Aebnliche Zellen, biilb toq der freien Flüche (oben, aiisfieu) 
trcüeben, tun die sechseckige Üeatalt dea Querscbniltee und den dicken Bandsaum 
tu zeifccn. e. Durch Imbibition Teränderte, etwas nfgequollene und am oberen 
Saum aufgefaserte Zellen. 

Pig. 16. (lebergangsepilbel der üaniblaBe. n. Eine grössere, am Rande 
ausgebu'-hlete Zelle mit keulen- und spinilelförmigen , feineren Zellen begebt, 
b. daiuielbe: die grüMere Zelle mit iwei Kernen, c*. Eine grössere, unregelmäKHic 
erUtce Zelle mit vier Kernen, d. Eine äbnliche mit iwei Kernen und 'J von der 
Flärhe aus gewhenen (IruWn, den Kandausluir-bluneen enbtprecheiid (vgl. Archiv 
f. path. Anal. u. Phyx. K<l. III. Taf- I. Fig. 8.) 



Oberhaut. 31 

Fonn der Lücke zwischen den anderen, und es ist nicht die 
Eigenthümlichkeit der Zelle, welche die Form bedingt, sondern 
die Art ihrer Lagerang, das Nachbarverhäitniss, die Abhängigkeit 
von der Anordnung der nächsten Theile. In der Richtung des ge- 
ringeren Widerstandes bekommen die Zellen Spitzen, Zacken und 
Fortsätze der mannichfaltigsten Art. Diese Art von Epithel nannte 
man, da sie sich nicht recht unterbringen Hess, mit He nie Ueber- 
gangs-Epithel, weil sie schliesslich gewöhnlich in deutliches Platten- 
oder Gylinderepithel übergeht. Zuweilen ist dies aber nicht der Fall 
and man könnte ebenso gut einen anderen Namen dafür einführen. 
Sie stellt das Vorbild zu der vielbesprochenen Polymorphie 
gewisser pathologischer Epithelialzellen, z. B. der Krebszellen dar. 

An der Oberhaut (Epidermis) haben wir den günstigen Fall, 
dass eine Reibe von Zellenlagen über einander liegt, was an 
vielen Schleimhäuten nicht der Fall ist. Es lassen sich daher 
die jungen Lagen (das Rete Malpighii oder die Schleim- 
schicht der früheren Autoren) von den älteren (der eigent- 
lichen Epidermis) bequem trennen. 

Wenn man einen senkrechten Durchschnitt der Hautoberflächo 
betrachtet, so erblickt man zumeist nach aussen ein sehr dichtes, 
verschieden dickes Stratum, welches aus lauter platten Elementen 
besteht, die von der Seite her wie einfache Linien aussehen. Man 
könnte sie bei dieser Betrachtung für Fasern halten, welche über- 
einander geschichtet mit leichten Niveau -Verschiedenheiten die 
ganze Oberhaut zusammensetzen. Von der Fläche aus gesehen, 
erweisen sie sich jedoch als rundlich-ovale Plättchen, die bei Ein- 
wirkung von Alkalien sich zu dickeren, linsenförmigen Körpern 
aufblähen. Unterhalb dieser Lagen folgt in verschiedener Mäch- 
tigkeit das sogenannt« Rete Malpighii, welches unmittelbar bis an 
die Papillen der Haut (Lederhaut, Cutis, Gorium) reicht. Unter- 
suchen wir nun die Grenze zwischen Epidermis und Rete, so er- 
gibt sich fast bei allen Arten der Betrachtung, dass fast plötzlich 
an die innerste Lage der Epidermis sich Elemente anschliessen, 
die zunächst noch immer platt sind, aber doch schon einen grös- 
seren Dickendurchmesser haben, innerhalb deren man sehr deutlich 
Kerne erkennt, welche in den Plättchen der Epidermis fehlen. 
Diese ziemlich grossen Elemente stellen den Uebergang dar von 
den ältesten Schichten des Rete Malpighii zu den jüngsten der 
Epidermis. Hier ist der Punkt, von wo aus sich die Epidermis 



32 Zwei«» Capite]. 

regeaerirt, welclio ihreraeits eine träge Masse darstellt, die aa der 
Oberfläche durch Beibnng und Abbl&ttemng allmählich entfernt 
wird. Und hier ist im Allgemeinen aach die Grenze, wo die 

FIS. II. 



pathologischen Processe eioeetzen. Je weiter wir gegen die Tiefe 
hin QDtersuchen, am so kleiner werden die Elemente; die letzten 
stehen als kleine Cylinder auf der Oberfläche der Hantpapillen 
(Fig. 17, r, r). 

Im Grossen ist das Verhältnis» der verschiedenen Schichten 
an der ganzen Hautoberfläche überall dasselbe, ao maDoicbfaltig 
anch im Einzelneq die Besonderheiten sein mOgen, welche sie in 



Fi|^. 17. Senkrechter Schnitt diircb die Oberfliche der Haut von der Zehe, 
mit R93if[4äure behKodelt. P. P. Spitxea durcbschtiillener Papillen, in denen mftn 
je eine ijefä^s.'ichlinee und daneben kleine spinileKürmiKe und an der BasiK netz- 
iürmigt BindegewetMelemenie bemerkt: links eine Ausbieinin^ der Papille, ent- 
sprechend einem nicht mehr dargestullton , tierer pelt'eenen Tanlkürpercben. 
U. H. Dat Rete Ualpighü. innächal an der Papille eine sehr dirhle Lage kleiner 
c^linderfi'irmifter Zellen (r, r). nach aussen immer [grösser werdende polygonale 
Zellen. E. Epidermis, aus plallen, dirbteren Zellenlagen bestehend. >'''. >. Ein 
durrhlreleniler SrhKeisokanal. — Vergr»»«. :iU0. 



Epidermis und Rete Malpigbü. 33 

Beziehung anf Dicke, Lagerang, Festigkeit und ZnsammenfügxLng 
darbieten. Ein Darchschnitt z. 6. des Nagels, der seiner äusseren 
Erscheinung nach gewiss weit von der gewöhnlichen Oberhaut ab- 
weicht, zeigt doch im Allgemeinen dasselbe Bild, wie diese; er 
unterscheidet sich nur in einem Punkte wesentlich, nehmlieh dadurch, 
dass sich an ihm zwei verschiedene epidermoidale Gebilde überein- 
anderschieben. Dadurch entsteht eine Gomplication, die, wenn man 
sie nicht erkennt, zu der Annahme gewisser specifischer Verschie- 
denheiten des Nagels von anderen Theilen der Epidermis fuhren 
kann, während sie doch nur durch eine eigenthümliche Verschiebung 
gewisser Epidermislagen gegen andere bedingt ist. Die äusserst 
dichten und festen Plättchen, welche den frei zu Tage liegenden 
Theil, das sogenannte Nagelblatt, zusammensetzen, lassen sich 
auf verschiedene Weise wieder in Formen zurückführen, in denen 
sie das gewöhnliche Bild von Zellen darbieten; am deutlichsten 
durch Behandlung mit einem Alkali, wo ein jedes Plättchen zu 
einer grossen, rundlich-ovalen Blase anschwillt. 

In den oberen Schichten der Oberhaut werden die Zellen 
überall platter, und in den äussersten findet man, wie gesagt, 
gar keine Kerne mehr. Trotzdem besteht kein ursprünglicher 
Unterschied zwischen der Epidermis und dem Rete Malpighii; das 
letztere ist vielmehr die Bildungsstätte (Matrix) der Epidermis 
oder die jüngste Epidermislage selbst, insofern von hieraus immer 
neue Theile sich ansetzen, sich abplatten und in die Höhe rucken, 
in dem Maasse, als aussen durch Waschen, Reiben u. s. w. Theile 
verloren gehen. Auch zwischen der untersten Schicht des Rete 
und der Oberfläche der Cutis gibt es keine weitere Zwischenlage 
mehr, keine amorphe Flüssigkeit, kein Blastem, das in sich Zel- 
len bilden könnte; die Zellen sitzen direct auf der Bindegewebs- 
papille der Cutis auf. Es ist hier nirgends ein Raum, wie man 
noch vor Kurzem dachte, in welchen aus den Papillen und den 
in ihnen enthaltenen Gefässen Flüssigkeit transsudirte, damit aus 
und in derselben neue Elemente durch freie Urzeugung entstän- 
den und hervorwüchsen. Eine blosse Schieimschicht , welche als 
Cytoblastem für die neuen Zellen diente, ist absolut nicht wahr- 
nehmbar. Durch die ganze Reihe der Zellenlagen des Rete und 
der Epidermis besteht dasselbe Continuitätsverhältniss , wie man 
es an der Rinde eines Baumes kennt. Die Rindenschicht einer 
KartoiTel (Fig. 2) zeigt in gleicher Weise aussen korkhaltige epi- 

VlrrhA». Cellular-PiithAl. I. Aufl. 8 



34 Zweites Capitel. 

dermoidale ElemeDte and darunter, wie im Bete Halpighii, eine 
Lage kernhaltiger Zellen, das Gambiom, welches die Matrix des 
Nachwuchses für die Rinde darstellt. 

Sehr ähnlich verhält es sich am Nagel. Betrachtet man den 
Durchschnitt eines Nagels, quer auf die Längsrichtung des Fin- 
gers, so sieht man dieselbe Anordnung, wie an der gewöhnlichen 
Haut, nur entspricht jede einzelne Ausbuchtung der unteren Fläche 
nicht einer zapfenförmigen Verlängerung der Cutis, einer Papille, 
sondern einer Leiste, welche über die ganze Länge des Nagel- 
bettes hinläuft und welche mit den Leisten zu vergleichen ist, die 
an der Volarseite der Finger zu sehen sind. Auf diesen Leisten 
des Nagelbettes befinden sich sehr niedrige und verkommene Pa- 
pillen, an deren Oberfläche das mehr cylindrisch gestaltete jüngste 
Lager des Bete Malpighii aufsitzt; daran schliessen sich immer 
grössere Elemente an, und endlich folgt eine hornig -blätterige 
Schicht, welche der Epidermis entspricht. 

Es ist jedoch, um dies gleich vorweg zu nehmen, da wir auf 
den Nagel nicht wieder zu sprechen kommen werden, seine Zu- 
sammensetzung deshalb schwierig zu ermitteln gewesen, weil man 
sich ihn als einheitliches Gebilde gedacht hat. Daher hat sich 
der Streit hauptsächlich um die Frage gedreht, wo die Matrix 
des Nagels sei, ob er von der ganzen Fläche wachse, oder nur 
von dem kleinen Falz, in welchem er hinten steckt. Die eigent- 
liche feste Masse, das compacte Nagelblatt, wächst allerdings 
nur von hinten her und schiebt sich über die Fläche des soge- 
nannten Nagelbettes hinweg, aber das Nagelbett erzeugt seiner- 
seits eine bestimmte Masse von Zellen, die als Aequivalente einer 
Epidermislage zu betrachten sind. Macht man einen Durchschnitt 
durch die Mitte eines Nagels, so kommt man zu äusserst auf das 
von hinten gewachsene Nagelblatt, dann auf die losere Substanz, 
welche von dem Nagelbett abgesondert ist, dann auf das Bete 
Malpighii, und endlich auf die Leisten, auf welchen der Nagel 
ruht*). Es combiniren sich also in der Nagelbildung zwei Epi- 
dermoidalstrata: ein äusseres oder oberes, dessen Matrix das Bete 
im Falz ist, und ein inneres oder unteres, dessen Matrix das 
Bete des Bettes ist 



^) \e\. meine Abhandlnni; sur normalen und pathologischen Anatomie der 
Nägel und der <»>erhaut, insbesondere ober hornige Entartung und Pilzbildung 
an den Nägeln. Vgl. Wnrzb. Verhandl. 1854. V. 83. 



Der Nagel. 



35 



So begreift man, dass das Nagelblatt bis zu einem gewissen 
Maasse locker liegt nnd sich leicht vorwärts bewegen kann, in- 
dem es sich anf einer beweglichen Unterlage vorschiebt. Aber 
es ist auch sofort zu verstehen, wie leicht man sich in der Den- 
tang des Bildes, welches senkrechte Darchschnitte dnrch den Nagel 
gewähren, täaschen kann, und wie nahe es liegt, anzunehmen, 
auch das Nagelblatt beziehe seine Elemente wenigstens zomXheil 
ans der Matrix des Bettes. Es fügen sich jedoch die von letzterer 
gelieferten Elemente nur lose der unteren Fläche des Nagelblattes 
an. Diese Fläche besitzt daher, entsprechend den erwähnten Lei- 
sten, seichte Ausbuchtungen, so dass der wachsende Nagel, indem 
er über die Leisten fortgleitet, seitliche Bewegungen nur inner- 
halb beschränkter Grenzen machen kann. Man kann daher sagen: 
es bewegt sich das von hinten wachsende Nagelblatt über ein 
Polster von lockerer Epidermismasse nach vorn (Fig. 18, a) in 
Binnen, welche zwischen den längslaufen- 
den Leisten oder Falten des Nagelbettes 
gelegen sind. Das Nagelblatt selbst, frisch 
untersucht, besteht dagegen aus einer so 
dichten Masse, dass man einzelne Zellen 
daran kaum zu unterscheiden im Stande 
ist, ja, dass man ein Bild bekommt, wie 
an manchen Stellen im Knorpel. Aber 
durch Behandlung mit Eali, welches die 
Zellen aufquellen macht und von einander 
trennt, kann man sich überzeugen, dass er 
überall nur aus Epidermiszellen besteht. 

Kennt man diese Entvnckelung, so las- 
sen sich die Krankheiten des Nagels in 
leicht fasslicher Weise von einander schei- 
den. Es gibt nehmlich Krankheiten des 



Fig. 18. 





Fig. 18. Schematische Darstellung des Längsdurchschnittes Tom Nagel. 
a. Das normale Verb&ltniss: leicht gekrümmtes, horizontales Nagelblatt, in seinem 
Falze steckend nnd durch ein schwaches Polster von dem Nagelbette getrennt. 
6. Stiirker gekrümmtes und etwas dickeres Nagel blatt mit stark verdicktem Polster 
und stärker gewölbtem Nagelbette, der li'alz kürzer und weiter, c Onychogry- 
phosis: das kurze und dicke Nagelblatt steil aufgerichtet, der Falz kurz und weit, 
das Nagelbett anf der Fläche eingebogen, das Polster sehr dick und aus über- 
einander geschichteten Lagen von lockeren Zellen bestehend. 

3* 



36 Zweites Capitel. 

Nagelbettes, welche das Wachstbom des Nagelblattes nicht än- 
dern, aber Dislocationen desselben bedingen. Wenn auf dem Nagel- 
bette eine sehr reichliche Entwickeinng von Polstermasse stattfindet, 
so kann das Nagelblatt in die Höhe gehoben werden (Fig. 18, i), 
ja es kommt, namentlich an den Zehen, nicht selten vor, dass 
es, statt horizontal, senkrecht in die Höhe wächst nnd der Raum 
nnter ihm von dicken Anhäufungen des blätterigen Polsters er- 
füllt wird (Fig. 18, c). Selbst Eiterungen können auf dem Nagel- 
bette stattfinden, ohne dass die Entwickeinng des Nagelblattes 
dadurch gebindert wird. Die sonderbarsten Veränderungen zeigen 
sich bei den Pocken. Wenn eine Blatter auf dem Nagelbett 
sich bildet, so bekommt der Nagel nur eine gelbliche, etwas 
unebene Stelle; entwickelt sich dagegen die Pocke im Nagel- 
falze, so sieht man Wochen nachher das Bild der Pocke in einer 
kreisförmig vertieften, wie ausgeschnittenen Stelle des sich all- 
mählich vorschiebenden Nagelblattes, als einen Beweis des Aus- 
falls von Elementen, gerade wie auf der Epidermis. Denn jede 
Krankheit, welche den Nagelfalz (die Matrix) trifft, ändert auch 
das Nagelblatt, und wenn der Falz zerstört wird, so kann ein 
wirkliches Blatt nicht mehr nachgebildet werden ; das Bett bedeckt 
sich dann nur mit einer hornigen, unregelmässig geschichteten 
Masse, wie sie sich zuweilen auch auf grossen Narben anderer 
Hautstellen, namentlich nach partiellen Amputationen des Fnsses, 
erzeugt. — 

Wie am Nagel, so erfahren auch an anderen Orten unter 
besonderen Verhältnissen die epidermoidalen Elemente besondere 
Umwandlungen, wodurch sie ihrem ursprünglichen Habitus ausser- 
ordentlich unähnlich werden und allmählich Erscheinungsformen 
annehmen, die es jedem, welcher die Entwickelungsgeschichte 
nicht kennt, unmöglich machen, ihre ursprüngliche Epidermis- 
Natur auch nur zu ahnen. So ist es mit den Haaren. Die am 
meisten abweichende Entwickeinng findet sich jedoch an der 
Erystalllinse des Auges, welche ursprünglich eine reine Epider- 
mis-Anhäufung ist. Sie entsteht bekanntlich dadurch, dass sich ein 
Theil der Haut von aussen sackförmig einstülpt. Anfangs bleibt 
durch eine leichte Membran die Verbindung mit den äusseren 
Theilen erhalten, durch die Membrana capsulo-pupiUaris; später 
atrophirt diese und lässt die abgeschlossene Linse im Innern des 



Linse. Pigment. Drüsenzellen. 37 

Auges liegen. Die sogenannten Linsenfasern sind also weiter 
nichts, wie schon Carl Vogt zeigte, als epidermoidale Elemente 
mit eigentfaümlicher £ntwickelniig, und die Regeneration derselben 
z. B. nach Extraction der Cataract, ist nur so lange möglich, als 
noch Epithel an der Capsel vorhanden ist, welches den Neubau 
übernimmt und gleichsam ein dünnes Lager von Rete Malpighü 
darstellt. Dieses reproducirt in derselben Weise die Linse, wie 
das gewöhnliche Rete Malpighü der Haut die Epidermis; nur ist 
die Regeneration der Linse gewöhnlich unvollständig, da die sich 
vermehrenden Rete-Zellen hauptsächlich am Umfange der Linsen- 
kapsel liegen. Die neu gebildete Linse ist daher in der Regel 
ein Ring, der in der Mitte nicht ausgefüllt ist. 

Unter den sonstigen Modificationen epithelialer Gebilde wer- 
den wir noch gelegentlich die eigenthümlichen Pigmentzellen 
zu erwähnen haben, die an den verschiedensten Punkten aus der 
Umwandlung von Rete- oder Epithelial -Elementen hervorgehen, 
indem sich der Lihalt der Zellen entweder durch Imbibition färbt 
oder in sich durch (metabolische) Uipsetzung des Inhalts Pigment 
erzeugt. So entstehen Pigmentzellen in dem Rete gefärbter Haut- 
stellen oder gefärbter Racen, bei Naevi und Bronzekrankheit; so 
bilden sich die dunkle Zellenschicht der Ghorioides oculi (Fig. 6), 
gewisse pigmentirte Zellen in den Alveolen der Lunge (Fig. 8). — 

Zu den Epithelien gehört noch eine andere, ganz besondere 
Art von Elementen, die bei dem Zustandekommen gewisser höherer 
Functionen des Thiers eine sehr bedeutende Rolle spielen, nehm- 
lich die Drüsenzellen. Die eigentlich activen Elemente der ge- 
wöhnlichen, mit Ausfuhrungsgängen versehenen Drüsen sind we- 
sentlich epitheliale. Es ist eines der grössten Verdienste von 
Remak, gezeigt zu haben, dass in der normalen Entwickelung 
des Embryo von den bekannten drei Keimblättern das äussere 
und innere hauptsächlich epitheliale Gebilde hervorbringen, von 
denen unter Anderem durch allmähliche Wucherung die Drüsen- 
gestaltung ausgeht. Schon andere Forscher hatten ähnliche Beob- 
achtungen gemacht, insbesondere Eölliker. Gegenwärtig kann 
man es als allgemeine Doctrin hinsteUen, dass die Drüsenbildung 
überhaupt als ein directer Wucherungsprocess von Epithelial* Ge- 
bilden zu betrachten ist. Früher dachte man sich Gytoblastem- 
Haufen, in denen unabhängig Drüsenmasse entstände; allein mit 
Ausnahme der Lymphdrüsen, welche in ein ganz anderes Gebiet 



geh&ren, eottutfiben sämmtliche Drüsen in der Weise, dasa an 
einem gewissen Punkte in ähnlicher Art, wie ich von den Aaa- 



wflchsen der Pflanzen angegeben habe (S. 25), epiüieliale Zellen 
anfangen sich zu tbeilen, sich wieder nnd wieder Uieilen, bis all- 
mählich ein kleiner Zapfen von zelligen Elementen entatanden 
ist (Fi{(. 19. A). Dieser wächst nach innen nnd bildet, indem 
er sich seitlich aasbreitet und im Innern aoshOMt, einen Drüsen- 
gang (Fig. 19, ^, welcher demnach sofort ein Continnnm mit 
Süsseren Zellenlagen darstellt. So entstehen die Drüsen der 
Oberfläche (die Schweiss- nnd TalgdrSaen der Hant, die Milch- 
drüse), so entstehen aber auch die inneren Drüsen des Dige- 
stionstractas (Hagendrüsen, Lieberkübnscbe Darmdrüsen, Leber), 
der Eierstock o. s. w. Die einfachsten Formen, welche eine 
Drüse darbieten kann, kommen beim Menschen nicht vor. Es 
sind dies einzellige Drüsen, wie sie in neuerer Zeit bei 
niederen Thieren vielfach gefunden sind. Die menscblichea Drü- 
sen sind stet« Anfafinfungen von vielen Elementen, die jedoch 
genetisch auf ziemlich einfache Anlagen zurückführen. Freilieb 
geben ausser den epithelialen Elementen in unsem zasammen- 
gesetztcn Drüsen noch andere nothwendige Bestandtheile (Binde- 
gewebe, Gefässe, Nerven) in die Znsammensetzong ein, und man 

Fig. 19. A. Eotniclielung der ScbweisidrnseQ durch WacheniDg' der Zellon 
des Rele Halpif^hii uarh innen e. Bpidenois, r. Bett Halpighii, gg solider 
Zapfen, der ersleo Drösenaalsße enleprecbend- Nach Källiker. 

B. SlDCk eines Scbveissdrüsealuuula im entwickelten Znttande. ( t Tuaica 
propria. e e Epitheilageo. 



Drüsen. ^ 39 

kann nicht sagen, dass die Drüse, als Organ betrachtet, bloss aus 
Drüsenzellen bestehe. Jedoch ist man darüber gegenwärtig ziem- 
lich einig, dass das bestimmende Element in der Zusammensetzung 
die Drüsenzelle ist, ebenso wie bei den Muskeln das Muskelpri- 
mitivbündel, und dass die specifische Thätigkeit der Drüse haupt- 
sächlich in der Natur und eigenthümlichen Einrichtung dieser Ele- 
mente begründet ist. 

Im Allgemeinen bestehen also die Drüsen aus Anhäufungen 
von Zellen, welche in der Regel offene Kanäle bilden. Wenn man 
von den Drüsen mit zweifelhafter Function (Schilddrüse, Neben- 
nieren) absieht, so gibt es beim Menschen nur die Eierstöcke, 
welche eine Ausnahme machen, indem ihre Follikel nur zu Zeiten 
offen sind; aber auch sie müssen offen sein, wenn die specifische 
Secretion der Eier stattfinden soll. Bei den meisten Drüsen 
konunt freilich bei der Secretion noch eine gewisse Menge trans- 
sudirter Flüssigkeit hinzu, allein diese Flüssigkeit stellt nur das 
Vehikel dar, welches die Elemente selbst oder ihre specifischen 
Produkte wegschwemmt. Wenn sich in den Hodenkanälen eine 
Zelle ablöst, in welcher Samenfäden entstehen, so transsudirt 
zugleich eine gewisse Menge von Flüssigkeit, welche dieselben 
fortträgt, aber das, was den Samen zum Samen macht, was das 
Specifische der Thätigkeit gibt, ist die Zellenfunction. Die blosse 
Transsudation von den Gefässen aus ist wohl ein Mittel zur Fort- 
bewegung, gibt aber nicht das specifische Produkt der Drüse, das 
Secret im engeren Sinne des Worts. Wie am Hoden, so geht 
im Wesentlichen an allen Drüsen, an denen wir mit Bestimmtheit 
das Einzelne ihrer Thätigkeit übersehen können, die wesentliche 
Eigentbümlichkeit ihrer Energie von der Entwickelung, Umgestal- 
tung und Thätigkeit epithelialer Elemente aus. — 

Die zweite histologische Gruppe bilden die Gewebe der 
Bindesubstanz. Es ist dies diejenige Gruppe, welche gerade 
für mich das meiste Interesse hat, weil von hier aus meine all- 
gemein-physiologischen Anschauungen zu dem Abschlüsse ge- 
kommen sind, den ich im Eingange kurz darstellte. Die Aende- 
rungen, welche es mir gelungen ist, in der histologischen Auffas- 
sung der ganzen Gruppe herbeizuführen, haben mir zugleich die 
Möglichkeit gegeben, die Cellulardoctrin zu einer gewissen Abrun- 
düng zu bringen. 



40 Zweites Capitel. 

Die Hanptglieder dieser Gnippe sind das Bind egowebe, 
das Scbleimgewebe, der Knorpel, das Enocbengewebe, 
das Zahnbein, die KeurogUa nnd das Fettgewebe. Be- 
trachten wir zuerst das Bindegewebe als das für die Auffassiuig 
der fibrigen mehr oder weniger bestimmende. Bis in die nenest« 
Zeit biess es fast allgemein Zellgewebe (tela cellnlosa) , weil 
man annahm , dass es regelmässig kleinere Bäome (ceüalae, 
areolae) enthalte. Erst Johannes Müller führte den Äns- 
drack Bindegewebe (tela conjnnctoria s. connectiva), freilich tau 
für eine gewisse Art, ein; er meinte damit, was wir gegen- 
wärtig interstitielles Gewebe za nennen pflegen, nehmlich 
dasjenige „Zellgewebe", welches Organe oder Organtheile mit 
einander vertiiDdet. Sehr langsam, znm Theil ans blossem Wider- 
willen gegen den schlechten Namen Zellgewebe, ist die Bezeich- 
nnng Bindegewebe auf alles Zellgewebe nnd auf alle daraas zn- 
sammen gesetzten Theile (Lederhant, Sehnen, Fascien) aasgedehnt 
worden. Gegenwärtig moss man sich fast in Acht nehmen, nicht 
noch weiterzugehen nnd anch die übrigen Glieder dieser Gmppe 
dem Bindegewebe zoznrechnen. „Bindesabstanz" soll diesem wei- 
teren KJassenbegriff entsprechen. 

Seit Haller betrachtete man das Zellgewebe oder, wie man 
aach wohl sagte, das Faeergewebe (tela fibrosa) als wesentlich 
aas Fasern (fibrae, fibrillae) zusammengesetzt nnd sah in diesen 




Fig. 20. A.Bäoäe\ tod gcwöhnlichein locki^m Biodegewebe (lotercellulv- 
substani). im EoJe in faine Fibrillen zenplitiemd. 

B. Srben» dar DiadegewebB-GntwicIieluTi); nach ScbnaDii. a. Spindeltelle 
(KeüchwinileB Kiirp«rcbeo. fibroplastischeB Körperchen Lebert) mit Kern und 
Kerokörperi'beQ. b. Zerkläftnng des Zellkörpers in Fibrillen. 

'.'. Schema der Bindegewebs-Entwickelung nticb Benle. a. Ufalin« Grund- 



Theorie des Bindegewebes. 41 

Fasern, wie im ersten Capital (S. 22.) hervorgehoben ist, die 
eigentlich elementare Form des Organischen. In der That, wenn 
man Bindegewebe an verschiedenen Begionen, z. B. an den Sehnen 
and Bändern, der Pia mater, dem snbserösen nnd submucösen 
Zellgewebe untersucht, so findet man überall wellige Faserbündel 
(Fascikel), sogenanntes lockiges Bindegewebe (Fig. 20, A). 
Die Zusammensetzxmg dieser Bündel glaubte man um so be- 
stimmter auf einzelne Fasern zurückfuhren zu können, als wirk- 
lich nicht selten an dem Ende der Bündel isolirte Fädchen heraus- 
stehen. Trotzdem ist gerade auf diesen Punkt vor etwa 25 Jahren 
ein ernsthafter Angriff gemacht worden, der, wenngleich in einer 
anderen, als der beabsichtigten Richtung, eine sehr grosse Bedeu- 
tung gewonnen hat. Reichert suchte nehmlich zu zeigen, dass 
die Fasern nur der optische Ausdruck von Falten seien, und 
dass das Bindegewebe vielmehr an allen Orten eine homogene, 
jedoch mit grosser Neigung zur Faltenbildung versehene Masse 
darstelle. 

Schwann hatte die Bildung des Bindegewebes so darge- 
stellt, dass ursprünglich zellige Elemente von spindelförmiger Ge- 
stalt vorhanden wären, die nachher so berühmt gewordenen 
geschwänzten Eörperchen, Spindel- oder Faserzellen 
(fibroplastischen Körper Lebert's, Fig. 4, 6), und dass aus sol- 
chen Zellen unmittelbar Fascikel von Bindegewebe in der Weise 
hervorgingen, dass der Körper der Zelle in einzelne Fibrillen sich 
zerspalte, während der Kern als solcher liegen bliebe (Fig. 20, E). 
Jede Spindelzelle würde also für sich oder in Verbindung mit 
anderen, an sie anstossenden und mit ihr verschmelzenden Spindel- 
zellen ein Bündel von Fasern liefern. Heule dagegen glaubte 
aus der Entwickelungsgeschichte schliessen zu müssen, dass ur- 
sprünglich gar keine Zellen vorhanden seien, sondern nur ein- 
faches Blastem, in welchem Kerne in gewissen Abständen sich 
bildeten; die späteren Fasern sollten durch eine directe Zerklüf- 
tung des Blastems entstehen. Während so die Zwischenmasse 
sich differenzire zu Fasern, sollten die Kerne sich allmählich ver- 
längern und endlich zusammenwachsen, so dass daraus eigenthüm- 
thümliche feine Längsfasem entständen, die sogenannten Kern- 



sobstanz (Blastem) mit regelmässig eingestreuten, nucleolirten Kernen. 6. Zer- 
faserung des Blastems (directe Fibrillenbildung) und Umwandlung der Kerne iu 
Kemfasem. 



42 Zweites Capitel. 

raserD(Pig. 1^0, r, 6). Reichert hat gegenüber dieBen Ansichten 
einen ansserordentlich wichtigen Schritt getban. Er bewies nehm- 
licb, dass ursprünglich nnr Zellen in grosser UasBe vorhanden 
sind, zwischen welche erst später homogene Intercellukrmasse ab- 
gelagert wird. Zu einer gewissen Zeit verBchmölzen dann, wie 
er glaubte, die Membranen der Zellen mit der Intercellnlarsub- 
stanz, nnd es komme nnn ein Stadium, dem von Henle beschrie- 
benen analc^, wo keine Grenze zwischen den alten Zellen und 
der Zwischenmasse mehr eiiBtire. Endlich sollten auch die Kerne 
in einigen Formen gänzlich verschwinden, während sie in anderen 
sich erhielten. D^egen tengoete Reichert entschieden, dass die 
spiodeU&rmtgea Elemente von Schw ann überhaupt vorkämen. 
Alle spindelförmigen, geschwänzten oder gezackten Elemente 
wären Konstproducte, gleich wie die Fasern, welche man in der 
ZvrigchenmasBe sähe und welche nur scheinbar etwas für sich 
Eiistirendes darstellten, da sie in Wahrheit eine falsche Deutung 
des optischen Bildes, der Ausdruck blosser Falten und Streifnngen 
einer an sich durchans gleichmässigeo Substanz seien. 

Meine üntersnchungen haben gelehrt, dass die Anffassung 
sowohl von Schwann, als von Reichert bis zu einem gewissen 
Grade auf richtigen Anschanungen beruht. Erstlich mit Schwann 



Fig. 31. Bindegewebe Tom Seh weinsembrjo nach Ungerem Kocben. Orasae. 
T.aai Tbeil isoUile, zum Tbeil noch Jd der GnmdsubBtaDz eiog^schlosseue und 
aiustomodrende SpindelHllea (BindegewebskÖrpercfaeD). Grosse Kerne mit »b- 
gclüsler UembrKQj zum Tbeil geschrumpfter Zelleoiiibftlt- Tergr, 350. 



Bindegewebe. 43 

nnd gegeo Reichert, das» in der That BpiDdeIfQrmige (Fig. 21) 
tmd BtemfOrmige Elemente mit Tollkommener Sicherheit existiren, 
dann aber gegen Schwann und mitHenle und Reichert, dass 
eine directe Zerklfiftni^ der ZeUen zu Fasern nicht geschieht, 
dass vielmehr dasjenige, was wir nachher ah Bindegewebe TOr 
uns sehen, an die Stelle der früher gleicfamässigen Intercellnlar* 
Substanz tritt. Ich fand femer, dass Reichert sowohl, als 
Schwann nnd Henle darin Unrecht hatten, wenn sie zuletzt 
im besten Falle Kerne oder Kernfasem bestehen Hessen; dass 




vielmehr in den meisten Fällen anch die ZeUen selbst sich er- 
halten. Das Bind^ewebe der späteren Zeit onterscheidet sich 
der allgemeinen Stnictnr nnd Anlage nach in gar nichts von dem 
Bindegewebe der früheren Zeit. Es gibt nicht ein embryonales 
»der unreifes Bindegewebe mit Spindeln und ein aasgebildetes 
oder reifes ohne diese, sondern die Elemente bleiben dieselben, 
wenngleich sie oft nicht sofort zu sehen sind*). 

Hit dem Nachweise von der Persistenz der Zellen im Binde- 



Vig- 22. Schema der Bindegeveba - Entwickeluog Docb meinen Uolersu- 
chnngeo. A. Jängstes Stadium. Hyaline Grundsubstanz (Intercellulareubstaui:) 
mit grässeren Zellen (BindegewebskÜrpercheu); letztere in regelmienigen Abstän- 
den, reihenweise gestellt, Anfangs geireunt. spindelförmig und einfach, sp&terfaiu 
anattomosirend und Teristelt. B. Aelleres Stadium: bei n. streifig gewordene 
ifibrilllre) Gnmdsubstani , durcb die reibenweise Eintagerung von Zellen faaci- 
enl&r ergebeinend; die Zellen scbmäler und feiner werdend; bei b. nacb Ein- 
wirkang Ton Essigaiure ist da« streifige Aussehen der Onindsubstuii wieder 
verscbwnnden, nnd man sieht die noch kenkbaltigen, feinen und langen anasto- 
a Faaenellen iBindegewebskörpercheti). 



44 Zweites Capitel. 

gewebe gelangte ich zn einer gänzlich verschiedenen Betrachtungs- 
weise der physiologischen and pathologischen Bedeutung der einzelnen 
Bestandtheile. Während bis dahin die Fasern als die eigentlich con- 
stituirenden Elemente des Bindegewebes angesehen waren, wie es 
Robin und die französische Schule noch heute thun, so rückten 
sie in meiner Vorstellung als Bestandtheile der Intercellularsub- 
stanz in eine durchaus untergeordnete Stellung. Sie verhalten 
sich zu den Bindegewebszellen, oder, wie ich sie gewöhnlich nenne, 
den Bindegewebskörperchen, wie die Fasern des Fibrins in 
einem Blutgerinnsel zu den Blutkörperchen. Sie geben dem Ge- 
webe Consistenz, Dehnbarkeit, Widerstandsfähigkeit, Ausdehnungs- 
fähigkeit, Farbe und Aussehen, aber sie sind nicht die Sitze der 
Lebensthätigkeit, nicht die lebenden Mittelpunkte des Gewebes. 

Da die Substanz, welche sich zwischen den Bindegewebs- 
körperchen befindet, ursprünglich homogen ist und erst später 
fibrillär wird, so muss man sich vorstellen, dass die Fibrillation 
in ähnlicher Weise vor sich geht, wie in dem Fibringerinnsel, wel- 
ches zuerst auch homogen und gallertartig ist. Und da femer 
die Substanz zwischen den Zellen später auftritt, als die Zellen, 
so kann man sie nicht im Sinne Henle's als Cytoblastem be- 
trachten, sondern sie lässt sich nur als ein von den Zellen ge- 
liefertes Secret ansehen. In der letzten Zeit haben Manche mit 
Max Schnitze Werth darauf gelegt, die Intercellularsubstanz 
nicht als ein Secret aufzufassen, sondern als die äussere, meta- 
morphosirte Schicht der Zellen oder, um in der Schulsprache zu 
reden, als das veränderte Protoplasma selbst. Dieser Streit ist ein 
rein doctrinärer. Denn auch die Vorstellung von der Secretion 
der Intercellularsubstanz geht davon aus, dass das Secret einmal 
innerhalb der Zellen befindlich gewesen sei, und es versteht sich 
von selbst, dass eine Zelle nach geschehener Secretion der Inter- 
cellularsubstanz um so viel kleiner sein muss, als Secret aus ihr 
hervorgetreten ist (vorausgesetzt, dass sie nicht wieder neue Sub- 
stanz von aussen her in sich aufgenommen hat). Dass aber wirk- 
lich die Gorticalschicht der Bindegewebskörperchen in Intercellular- 
substanz verwandelt werde, hat noch Niemand dargethan. 

Demnach ist das Bindegewebe aufzufassen als zusammenge- 
setzt aus Zellenterritorien (S. 17), von denen jedes eine Zelle 
mit dem ihr zugehörigen Antheil von Intercellularsubstanz ent- 
hält, und deren Grenzen gänzlich verschmolzen sind. Man kann 



Knorp«!. 45 

dioss auch so anedrücken, dass man sagt: das Bindegewebe be- 
steht ans einer im Wesentlichen faserigen InterceUnlarsnbstanz 
nnd Zellen, welche in regelmässigen Abständen in dieselbe einge- 
schlossen sind. Diese Formel gilt übrigens fQr sämmtliche Gewebe der 
Bindesobstanz, nur dass die BeschafTeDheit der InterceUnlarsnbstanz 
verschieden nnd keineswegs Oberall faserig ist. Im ansgebildeten Zu- 
stande besteht wenigstens scheinbsr fast überall der grOsete Tbeil 
des Gewebes ans IntercellnlarsnbstaDz, und deshalb ist diese letz- 
tere in hohem Maasse für die änssere Erscheionag des Gewebes 
bestimmend. Die Zellen sind der Masse nach meist unbedeutend 
nnd sie kQnnen die mannicbfacbsten Formen haben. Daher lassen 
die Gewebe sich nicht darnach unterscheiden, dass das eine nur 
made, das andere dagegen geschwfinzte oder sternförmige Zellen 
entbSit; vielmehr künnen in allen Geweben der Bindesubstanz 
runde, lange, eckige oder verfistelte Elemente vorkommen. 

Der einfachste Fall ist der, dass runde Zellen in gewissen 
Abständen liegen, durch Interceünlarsubstanz getrennt. Das ist 
diejenige Form, welche wir am schönsten in deaKoorpela finden, 
z. B. in den GelenkOberzügeo, wo die Zwischenmasse vollkommen 
homc^en und an ihr nichts zu sehen ist, als eine vielleicht hier 
und da schwach gekörnte, im Ganzen jedoch völlig wasserklare 
Sabstanz, so homogen, dass, wenn man nicht die Grenze des Ob- 
jectes vor sich hat, man in Zweifel sein kann, ob überhaupt etwas 



Fig. 33. Senkr«cht«T DarcbschDitt durch den wachsenden Knorpel der Pa- 
UIU. a. Die Gelenkfl&cbe mit parallel gelagerten Spindelzellen (Knorpel kürper- 
eben), b. Beginnende Wucherang der Zellen, c. Vorgeschrittene Wucbernng: 
groMe, randliche Onippeo; innerhalb der ansgedebnten Capaeln immer zahlrej- 
cbere rnnde Zellen. — Vergröss. 50. 



46 Zweites Gapitel. 

zwischen den Zellen vorhanden ist. Diese Substanz characteri- 
sirt den hyalinen Knorpel. 

Unter gewissen Verhältnissen wandeln aber die runden Ele- 
mente sich auch im Knorpel in l&ngliche, spindelförmige um, z. B. 
ganz regelmässig gegen die Glelenkoberflächen hin. Je näher man 
bei der Durchforschung des Gelenkknorpels der freien Oberfläche 
kommt (Fig. 23, a), um so platter werden die Zellen; zuletzt sieht 
man nur kleine, flach linsenförmige, auf einem Längsdurchschnitt 
spindelförmig erscheinende Körper, zwischen denen die Intercellu- 
larsubstanz zuweilen ein leicht streifiges Aussehen zeigt. Hier tritt 
also, ohne dass das Gewebe aufhört, Knorpel zu sein, ein Typus 
auf, den wir viel regelmässiger im Bindegewebe antreffen, und es 
kann leicht daraus die Vorstellung erwachsen, als sei der Gelenk- 
knorpel noch mit einer besonderen Membran überzogen. Dies ist 
jedoch nicht der Fall. Es legt sich keine Synovialhaut über den 
Knorpel ; die Grenze des Knorpels gegen das Gelenk bin ist über- 
all vom Knorpel selbst gebildet. Die Synovialhaut fängt erst da 
an, wo der Ejiorpel aufhört, am Ejiochenrande. 

An anderen Stellen geht der Knorpel über in ein Gewebe, wo 
die Zellen nach mehreren Richtungen Fortsätze aussenden, dadurch 
sternförmig werden, und wo die endliche Anastamose der Ele- 
mente sich vorbereitet; endlich trifft man Stellen, wo man nicht 
mehr sagen kann, wo das eine Element aufhört und das andere 
anfängt: sie hängen durch ihre Fortsätze direct mit einander zu- 
sammen, sie anastomosiren, ohne dass eine Grenze zwischen ihnen 
zu erkennen wäre. Wenn ein solcher Fall eintritt, so wird die 
bis dahin gleichmässige hyaline Intercellularsubstanz ungleich- 
massig, streifig, faserig. Solchen Knorpel hat man schon seit 
langer Zeit Faserknorpel genannt 

Von diesen beiden Arten unterscheidet man eine dritte, den 
sogenannten Netzknorpel, so an Ohr und Nase, wo die Ele- 
mente rund sind, aber eine eigenthümliche Art von dicken, steifen 
Fasern um sie herum liegt, deren Entstehung noch nicht ganz erforscht 
ist, die aber offenbar durch eine Metamorphose der Intercellular- 
substanz entstehen. 

Wir haben schon früher (S. 8) gesehen, dass der ausgebil- 
dete Knorpel incapsulirte Zellen hat. Hier ist also die Zelle 
von der Intercellularsubstanz noch durch eine besondere, oft sehr 
dicke Wand getrennt. Wenn nun nicht bezweifelt werden kann. 



Knorpel-, Schleim- und Fett^webe. 47 

dass auch diese Wand ein Secretionsprodnct der Zelle ist, so 
folgt, dass, genau genommen, die Gapsei der Intercellular- 
snbstanz angehört, deren jüngster Theil sie ist. In 
allen Rippenknorpeln ist es gewöhnlich, um einzelne Zellen sogar 
zwei und mehr Gapseischichten zu sehen (Fig. 14), unter deren 
Ausbildung die Zelle immer kleiner und kleiner wird, so dass sie 
manchmal nur noch als ein granulirtes Eügelchen im Innern der 
Capselhöhle erscheint. Durch Jodzusatz lässt sie sich jedoch 
leicht erkennen, indem sie sich roth färbt, während Gapsei- und 
Intercellularsubstanz nur gelb werden. Die Existenz der Gapsei ist 
in hohem Haasse characteristisch für den Knorpel. Aber sie ist 
nicht entscheidend, denn in jungem und unentwickeltem Knorpel, 
sowie in dem von mir als Knochenknorpel (osteoidem Gewebe) 
benannten Gewebe fehlt sie und die Intercellularsubstanz stösst 
unmittelbar an die Oberfläche der Zelle. 

Mit diesen verschiedenen Typen, welche der Knorpel an ver- 
schiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten seiner Entwickelung 
darbietet, sind auch alle die Verschiedenheiten gegeben, welche 
die übrigen Gewebe der Bindesubstanz darbieten. Es gibt auch 
wahres Bindegewebe mit runden, mit langen und sternförmigen 
ZeUen. Ebenso finden sich innerhalb des eigenthümlichen Gewe- 
bes, welches ich Schleimgewebe genannt habe, runde Zellen 
in einer hyalinen, spindelförmige in einer streifigen, netzförmige 
in einer maschigen Grundsubstanz. Das Haupt -Kriterium für 
die Scheidung der Gewebe beruht daher auf der Bestimmung der 
chemischen Qualität der Intercellularsubstanz. Bindegewebe wird 
ein Gewebe genannt, dessen Grundsubstanz beim Kochen Leim 
(Golla, Gluten) gibt; Knorpel liefert aus seiner Zwischenmasse 
Chondrin, Schleimgewebe einen durch Alkohol in Fäden fällbaren 
und in Wasser wieder aufquellenden, durch Essigsäure fällbaren 
und im Ueberschuss sich nicht lösenden, dagegen in Salz- und 
Salpetersäure löslichen Stoff, das Mucin (Schleimstoflf). 

Weitere Verschiedenheiten des Gewebes können sich späterhin 
einstellen durch die besondere Gestaltung und Füllung der ein- 
zelnen ZeUen. Auch die Knorpel- und Bindegewebszellen führen 
zuweilen Farbstoffe, wie die epithelialen: es gibt also auch 
pigmentirte Bindesubstanz. Was wir kurzweg Fett nennen, ist 
ein Gewebe, welches sich hier unmittelbar anschliesst und welches 
sich wesentlich dadurch unterscheidet, dass die einzelnen Zellen 



48 Zweites Capitel. 

sich haafenweiee vermehren, vet^ssem oad mit Fett ToUstopfen, 
wobei der Eem zar Seite gedrSngt wird. An sich ist die Stm- 
ctar des Fettgewebes aber dieselbe wie die des Biodegewebes, and 
unter Umständen kann das Fett so vollständig schwinden, dass 
das Fettgewebe wieder aof einfoches gallertartiges Bindegewebe 
oder Snbleimgewebe znrfickgefahrt wird'j. Dod omgekehrt kann 
nicht bloss Schleim- and Bindegewebe sich direct in Fettgewebe 
omwandeln, sondern es kann anch ganz direct fetthaltiges Hark 
ans Knorpel* oder Knochengewebe entstehen. 

unter den Geweben der Bindesnbstaoz besitzen diejenigen 
für die pathologische AnBchanoiig die grösste Wichtigkeit, in wel- 
chen eine netzfßrmige Änordnnng der Elemente besteht, oder an- 
ders ausgedrückt, in welchen die Elemente durch AnsläDfer oder 



Fortsätze ontereinander anastomoBiren (Fig. 31; '22, A; 24). 
Ueberall, wo solche Anastomosen Statt finden, wo ein Element 
mit dem anderen zusammenhängt, da ]&iist sich mit einer gewissen 
Sicherheit darthon, dass diese Anastomosen eine Art von Robren- 
oder Kanalsystem darstellen, welches den grossen Eanalsystemen 

Fig. 24. KnofbenlEÖrpercben ans einem pathologi»cbeii Knochen tod der 
Dun mstor cerebrftlia. Hau sieht die lerittelten tiud anwtomoeirenden ForUUie 
derselben (KnocheDkanülchen) nnd iuaerhalb der Enachenkörpercben klein« 
Punkte, irelcbe den trichteiTünaigea Anfang der Kanilcbeo beieirbnen. 
VergrOM, 600. 

*) ArchiT f. path. Anatomie und Phjrsiol. I8J9. XVI. 15. 



Die höheren Thiergewebe. 49 

des Körpers angereiht, welches namentlich neben den Blnt- und 
Lymphkanälen als eine nene Erwerbung unserer Anschauungen 
betrachtet werden muss, also eine Art von Ersatz für die alten 
Vasa serosa bietet, die in der früher angenommenen Weise nicht 
existiren. Eine solche Einrichtung kommt vor im Faserknorpel, 
Bindegewebe, Knochen, Schleimgewebe an den verschiedensten 
Theilen und jedesmal unterscheiden sich die Gewebe, welche solche 
Anastomosen besitzen, von denen mit isolirten Elementen durch 
ihre grössere Fähigkeit, krankhafte Processe zu leiten. — 

Nachdem wir die Gruppe der Epithelial- oder Epidermoidal- 
formation und die der Bindesubstanzen betrachtet haben, so bleibt 
uns noch eine ebenso grosse, als wichtige Gruppe, deren einzelne 
Glieder freilich nicht in der Weise, wie dies bei der Epithelial- 
und Bindegewebs-Formation der Fall ist, eine wirkliche Verwandt- 
schaft untereinander haben. Ihre Uebereinstimmung ist vielmehr 
eine physiologische, indem sie die höheren animalischen 
Gebilde darstellen, welche sich durch die specifische Art ihrer 
Einrichtung und Leistung von den mehr indifferenten Epithelial- 
und Bindegeweben unterscheiden. Hierhin zähle ich das Muskel- 
gewebe, das Nervengewebe, die feineren Gefässe mit 
Blut, Lymphe und Lymphdrüsen. Allerdings sind diese Ge- 
webe unter sich so verschieden, dass man aus jedem derselben 
eine besondere Gruppe bilden könnte. Ich will darüber nicht 
streiteiL Indess spricht die praktische Bequemlichkeit, sämmtliche 
Gewebe höherer Dignität in eine einzige Gruppe zusammenzu- 
lassen, für meinen Vorschlag. 

Ein anderer Umstand scheint auf den ersten Anblick die 
Notbwendigkeit einer solchen Vereinigung darzuthun. Gerade die 
Elemente der Hauptglieder dieser Gruppe stellen sich uns dar 
in der Form von zusammenhängenden, weithin durch den Körper 
▼erbreiteten, mehr oder weniger röhrenartigen Gebilden. Wenn 
man Muskeln, Nerven und Gapillaren mit einander vergleicht, so 
kann man sehr leicht zu der Vorstellung kommen, es handle sich 
bei allen dreien um wirkliche Röhren, welche mit einem bald 
mehr, bald weniger beweglichen Inhalt gefüllt seien. Diese Vor- 
stellung, 80 bequem sie für eine oberflächliche Anschauung ist, 
genügt jedoch deshalb nicht, weil wir den Inhalt der verschiede- 

Virrhow, CeilDUr I'4thol. 4. Aufl. 4 



50 Zweites GapiteL 

nen Röhren nicht einfach vergleichen kOnnen. Das Blut, welches 
in den GefSssen enthalten ist, Ifisst sich nicht als ein Analogen 
des Axencylinders oder des Markes einer Nervenröhre, oder der 
contractilen Substanz eines Mnskelprimitivbündels betrachten. 
Allerdings bt die Entwickelnng mancher Gebilde, welche ich in 
dieser Gruppe zusammenfasse, noch ein Gegenstand grosser 
Differenzen, und die Ansicht über die zellige Natur vieler der 
hier einschlagenden Elemente findet noch Widersacher. So viel 
ist indess sicher, wenn wir die fötale Entwickelung ins Auge fassen, 
dass die Blutkörperchen ebenso gut Zellen sind, wie die einzelnen 
Elemente der Geßlsswand, innerhalb deren das Blut strömt, und 
dass man das Gef&ss nicht als eine einfache Bohre bezeichnen 
kann, welche die Blutkörperchen umfasst, wie eine Zellmembran 
ihren Inhalt Deshalb ist es nothwendig, dass man bei den GefSssen 
den Inhalt von der Wand, dem eigentlichen Gefässe trennt und 
dass man die Aehnlichkeit der Ge&se mit den Nervenröhren und 
Muskelbundeln nicht zu stark hervorhebt. Von entschiedener Be- 
deutung ist auch hier die Entwickelungsgeschichte. Nur was ge- 
netisch zusammengehört, muss zusammengehalten werden. Es ist 
aus diesem Grunde berechtigt, zum Blute die Lymphdrusen hinzu- 
zunehmeu, insofern das Verhältniss beider zu einander ein gleiches 
ist, wie wir es bei den EpitheUalformationen zwischen Epidermis 
und Bete angetroffen haben. Die Lymphdrüsen unterscheiden 
sich von den eigentlichen Drüsen nicht allein dadurch, dass sie 
keinen Ausführungsgang im gewöhnlichen Sinne des Wortes be- 
sitzen, sondern sie stehen auch ihrer Entwickelung nach keines- 
wegs den gewöhnlichen Drüsen gleich ; in ihrer ganzen Geschichte 
scbliessen sie sich so eng an die Gewebe der Bindesubstanz, dass 
man eher versucht sein kaun, anzunehmen, dass sie aus einer 
Umwandlung von Bindegewebe hervorgehen. 

Bei der Mehrzahl der höheren Grewebe tritt noch eine eigen- 
thümlicbe Schwierigkeit hervor, welche wir schon bei den Drusen 
(S. 38) kennen gelernt haben. Manche dieser Gewebe kommen 
überhaupt nirgends ganz rein vor. Sie sind vielmehr gemischt 
und zusammengehalten durch interstitielles Gewebej welches 
von den specifischen Elementen ganz verschieden ist und aus- 
nahmslos irgend einer Art von Bindesubstanz angehört. Es ent- 
steht daher in der Regel ein zusammengesetzter, organartiger Bau, 
dessen Erforschung grosse Vorsicht erfordert, da sehr leicht die 



Quer^Streift« Muskeln. 51 

mehr indifTerenten Elemente des interstitielleii Gewebes (welches 
wohl von Intercellolarsobstanz za uoterscheideD ist) mit den 
eigentlich üuctioaellen Elementen verwechselt werden kOnoen. 
Bin Hoskel besteht ans wirklich muskulösen Elementen nnd Inter- 
stitialgewebe mit BindegewebskOrperchen , zn welchen noch Ge- 
Osse und Nerven hinzukommen. Das Gehirn enthält Nerven- 
zellen, Nervenfasern nnd Interstitialgewebe mit einfachen Zellen, 
Gef&see n. 8. w. Gehirnzellen im strengen Sinne des Wortes 
sind Nerven- oder Ganglienzellen, im weiteren kOnnen aach Glia- 
zellen ebenso genannt werden. 

Unter den Gliedern der hier in Rede stehenden Gmppe hat 
man gewöhnlich die maskntOsen Elemente als die einfachsten 
betrachtet. Untersucht man einen gewöhnlichen rothen Hnskel, 
so findet man ihn wesentlich zosammengesetzt aus einer Menge 
von meistentheils gleich dicken Cylindern (den Primitivbündeln 
oder Hnskelfasern), die auf einem Querschnitte sidi als mnde 
EOrper darstellen. An ihnen nimmt man alsbald die bekannten 
Querstreifen wahr, das heisst breite Linien, welche sich gewöhn- 
lich etwas zackig über die Oberfl&che des Bündels erstrecken, und 
welche nahezu so breit sind, wie die Zwischenräume, welche sie 
trennen (Fig. 25, a). Neben dieser 
Querstreifong sieht man weiterhin, Ft(. 3i 

namentlich nach gewissen Präpara- 
tioDsmethoden, eine der Länge nach 
verlanfende Streifnng, die sogar in 
manchen Präparaten so überwiegend 
wird, dass das MnskelbSndel fast nur 
längegefltreiit erscheint Wendet man 
nun Essigsäure an, so zeigen sich, 
während die Streifen erblassen, an 
der Wand, hier und da auch mehr 
gegen dieHitt« des Cylinders hin, in 
gewissen Abständen grosse, randlich- 



Fig. 35. Eine Onipp« tod HuskelprimitiihändelD (Muskel fasern). ••■ Die 
nfttörlicbe ErscheiDang einei frischen Primitivbündels mit seinen (juerstrelfeii 
(Bändern oder Scheiben). A- Ein Bündel nach leichler Einwirkung von Essiff- 
üänr«: die Kerne traten deutlich hervor und man sieht in dem einen xwei Kern- 
kürpercben, den anderen TÜllig Rclheilt c. Stärkere Einwirkung der Essigsäure: 
der Inhalt quillt am Ende aus der Scheide (Sarcalemni) berrur. U. Fettige Atro|ihie. 
Venrrös». 300. 



52 Zweites Capitel. 

ovale Kerne mit glänzenden, ziemlich grossen Kemkörperchen, 
bald in grösserer, bald in kleinerer Zahl. Anf diese Weise ge- 
winnen wir, nachdem wir dnrch die Einwirkung der Essigsäure 
die innere Substanz geklärt haben, ein Bild, welches an Zellen- 
formen erinnert, nnd man ist daher nm so mehr geneigt gewesen, 
das ganze Primitivbündel als ans einer einzigen Zelle hervorge* 
gangen anzusehen, als nach der älteren Ansicht innerhalb eines 
jeden Muskels die einzelnen Primitivbündel von dem einen Inser- 
tionspunkte bis zu dem andern reichen sollten, also so lang gedacht 
wurden, als der Muskel selbst. Letztere Annahme ist freilieh 
durch Untersuchungen, welche unter Brücke's Leitung in Wien 
durch Roll ett angestellt wurden, erschüttert worden, indem dieser 
nachwies, dass im Verlaufe vieler Muskeln sich Enden der Pri- 
mitivbündel mit zulaufenden Spitzen finden. Diese Enden schieben 
sich ineinander, und es entspricht demnach keineswegs die Länge 
aller Primitivbündel der ganzen Ausdehnung des Muskels. Allein 
diese Entdeckung, statt die Ansicht von der zelligen Natur der 
Primitivbündel zu erschüttern, hat sie vielmehr befestigt; sie zeigt, 
dass auch das fertige Muskelprimitivbündel sich verhält, wie eine 
Faserzelle (Fig. 105, A). 

Die einzige bekannte Ausnahme von dieser Einrichtung findet 
sich, wie Eberth gefunden hat, an der Herzmuskulatur, welche 
durch das Bestehen verzweigter und anastomosirender Bündel 
schon seit Leeuwenhoek die Aufmerksamkeit auf sich gezogen 
hatte, und welche auch durch den Mangel eines ausgebildeten 
Sarcolemma eine so eigenthümliche Stellung einnimmt. Hier gibt 
es statt der FaserzeUen kürzere, mit platten Enden oder eckigen 
Grenzen aneinanderstossende und so mit einander verschmelzende 
Abtheilungen, von denen jede für sich eiuer Zelle entspricht. 

Auf der anderen Seite sind gerade iu der letzten Zeit von 
verschiedenen Seiten Beobachtungen gemacht worden, welche 
eher geeignet schienen, die einzellige Natur der Primitiv- 
bündel in Zweifel zu ziehen. Leydig hat zuerst die Ansicht 
aufgestellt, dass in jedem Cylinder (Primitivbündel) eine Reibe 
von zelligen Elementen kleinerer Art enthalten sei. In der That 
liegt jeder Kern in einer besonderen, langgestreckten Lücke, 
welche durch das Auseinanderrücken der quergestreiften (contra- 
etilen) Substanz des Bündels gebildet wird. Die Lücke ist nach 
Leydig von einer besondern Membran umschlossen und sie stellt 



Quergestreifte Muskeln. 53 

nach seiner Ansicht eine intramnscnläre Zelle vor. Es handelt sich, 
sobald diese letzte Zusammensetzung discutirt wird, um äusserst 
schwierige Verhältnisse, und ich bekenne, dass, so sehr ich von der 
nrsprfinglich einzelligen Natur der Primitivbondel überzeugt bin, 
ich doch die sonderbaren Erscheinungen im Innern derselben zu 
gut kenne, als dass ich nicht zugestehen müsste, dass eine an- 
dere Ansicht aufgestellt werden könne. 

An jedem Cylinder (Primitivbondel) kann man leicht eine 
membranöse äussere Hülle (Sarcolemma) und einen Inhalt 
unterscheiden. In letzterem liegen die Kerne und an ihm kann 
man im natürlichen Zustande die eigenthümliche Quer- und Längs- 
streifung erkennen. Diese Streifung ist durchaus eine innere und 
nicht eine äussere. Die Membran an sich ist vollkommen glatt 
und eben^ die Querstreifung gehört dem Inhalt an, welcher im 
Grossen die eigentliche rothe Muskelmasse, das Fleisch darsteUt. 
Jedes Primitivbündel ist daher ein nach beiden Seiten hin zuge- 
spitzt endigender, meist sehr langer Cylinder, der eine Membran, 
einen Inhalt und Kerne besitzt, also die Eigenschaften einer sehr 
verlängerten Zelle darbietet. Damit stimmt die Entwickelungs- 
geschichte überein, insofern jedes Primitivbündel in der That durch 
doppelseitiges Wachsthum aus einer einzigen, ursprünglich ganz 
einfachen Bildungszelle hervorgeht, in welcher sich erst allmählich 
der specifische Inhalt, die Fleischsubstanz ablagert. Nun sieht 
man aber von Anfang an, dass die Ablagerung dieses specifischen 
Inhalts nicht an allen Punkten der Zellen erfolgt, sondern dass 
die nächste Umgebung des Kerns frei davon bleibt. Auch für pa- 
thologisch neugebildete Muskelzellen habe ich dies nachgewiesen*). 
Je grösser die Muskelzellen werden, um so mehr tritt diese von 
specifischem Inhalt freie Lücke um den Kern hervor, und zwar 
so, dass sie, wenn man den Cylinder von der Fläche aus be- 
trachtet, als ein spindelförmiger Baum erscheint, während er auf 
einem Querdurchschnitt meist eckig oder sternförmig aussieht und 
nicht selten sich in verästelte und anastomosirende Fortsätze ver- 
folgen lässt. Letztere ninmit man zuweilen, namentlich am Herz- 
muskel des Menschen, auch bei der Betrachtung von der Fläche 



•) Würzb. Verhandl. 1850. I. 189. Archiv f. path. Anat. 1854. VIl. 137. 
Taf. II. Fig. 4. 



her ala feine interfibrillärc Linien oder Strk-he wahr (Fig. 26, ('). 
Wie mir scheint, erstrecken sich diese Fortsätze ananterbrochen 



in das von Cohnheim entdeckt« intermuscnläre Gittarwerk, wel- 
clies die Fleischäobütanz darctiBetzt. Al)er die Ansicht«D Ober 
die Natnr der nm die Kerne gelegenen ZeicbDongen gehen noch 
weit auseinander. Während Leydig, wie erwäimt, sie als eine 
Art von Bindegewebskörperchen nnd die apecifische Inbalts- 
raasse des Primitivbündels als ein Analogen der Bindegewebs- 
Interrellalarsubstanz betrachtet, nimmt Rollett sie mit den dazn 
gebOrigen Fortsätzen als ein Intramnscalfires LacaneD8jBt«m. Max 
Schnitze endlich denkt sich diese von ihm als MnskelkOrper- 
chen bezeichneten Gebilde als membranlose Körper, nur ans 
Kern and Protoplasma bestehend, so jedoch, dase das Proto- 
plasma derselben mit dem in der übrigen Fleischsabstanz vor- 
handenen and hier dnrcb die Einlagentog anderer Beetandtheile 
zum Theil verdeckti^n Protoplasma oontinnirlich zusammenhänge. 
Zunächst fragt es sieb hier also, ob die Gebilde von Uem- 
branen begrenzt sind, wie vollständige Zellen, oder Dicht; sodann, 
ob sie nur Lacunen und feinste Kanäle darsteilen, oder Körper 



Fig. 3ij. Uuskelelemente »ua dem HerifleiBche einer Puerpera. A. 'E'tf^a- 

Ihümlk-Iie, den FoserzclIeD der Uilzpulpe ganz ähnliche Spiiidelzellen, vielleicht 
ilcm Sarrolcmma angehi'in'g, bei ilem Zerrupfen d^a Präpantcs frei geworden. 
a. hntbiDundrömiif! gekrümmte, an einem Ende etsas platte Zelle, von der Fläche 
iresehcn. b. eine ähnliche, von der Seile ee^ehe□, der Kem platt, c. d. Zellen, 
(leren Kerne in einer hemiüsen Aushucbtuug der Membran liegen; '. eine äbn- 
lloho Zelle, von der Flüi-be gesehen, der Kem wie aufgelagert S. Ein Frimiiii- 
bündel ohne Hülle (■'^arriilemma) mit deutlirben Lfingätibrillen und grossen rand- 
lichen Kcrnfii, ton denen einer zwei Kenikürperchen enthält (beginnende Th«i- 
lung . ('. Ein Primitivbüiidel. lerzupfL und leicht durch Essigsäure gelichtet; 
■tisser einem getheilten Kcni« siebt man »wischen den Längsfibrillen feine pfrie- 
menfürmige Striche, die Andeutung TOn Ätulaufern der intramuskuliren Körper 
(Lücken, Zeiieu,. - Vergrfis». 30Ü. 



Quergestreifte Muskeb. 55 

mit Fortsätzen. Beides ist sehr schwer zn entscheiden, nnd es 
ist mir nicht gelangen , constante Resnltate zn erlangen. An 
Froschmnskeln, wie es Sczelkow ganz richtig dargelegt hat*), 
findet sich eine so dentlich dnrch scharfe, dnnkle Contonren be- 
grenzte Zeichnung, dass man an der Existenz von Membranen 
kaum zweifeln möchte; am Herzmuskel des Menschen habe ich 
bänfig, jedoch nicht in der Mehrzahl der Fälle, dasselbe gesehen. 
Unter pathologischen Verhältnissen, wie von A. Böttcher, nament- 
lich aber von C. 0. Weber gezeigt ist, nnd wie ich bestätigen 
kann, findet man nm die Kerne blasige, durchaus zellenähnliche 
Gebilde, oder doch sehr deutliche, differente Absätze, z. 6. Pigment- 
kömchen (in der braunen Atrophie). In der grossen Mehrzahl 
der Muskeln kann ich von Membranen nichts erkennen und noch 
weniger Körper oder Fortsätze isoliren. Es ist daher wohl mög- 
lich, dass die Beschaffenheit dieser Gebilde eine wechselnde ist; 
jedenfalls können wir von der Entscheidung dieser Frage unser 
Urtheil nicht abhängig machen, da wir aus der Entwickelungs- 
geschichte ganz bestimmt wissen, dass die fraglichen Gebilde im 
Innern von Zellen entstehen. 

Wir müssen daher das Primitivbündel (die Muskelfaser) als 
eine ursprüDglich einfache, jedoch späterhin zusammengesetzte 
Zelle betrachten, welche im entwickelten Zustande sowohl kern- 
haltige Muskelkörperchen, als eine specifische Inhaltsmasse um- 
schliesst. Letztere ist es, an der unzweifelhaft die Eigenschaft 
der Contractilität haftet, und die je nach dem Zustande der Gon- 
traction selbst in ihren Erscheinungen variirt, indem sie bei der 
Contraction kürzer und breiter wird, während die Zwischenräume 
zwischen den einzelnen Querbändern oder Streifen sich etwas ver- 
schmälem. Es erfolgt also bei der Contraction eine Dmordnung 
der kleinsten Bestandtheile, und zwar, wie aus den Untersuchungen 
von Brücke hervorgeht, nicht bloss der physikalischen Molecüle, 
sondern auch der sichtbaren anatomischen Bestandtheile Brücke 
hat nehmlich, indem er den Muskel im polarisirten Lichte unter- 
suchte, verschiedene optische Eigenschaften der einzelnen Substanz- 
lagen gefunden, derer, welche die Querstreifen und derer, welche 
die Zwischenmasse darstellen. Jene bestehen aus Theilchen, welche 
das Licht doppelt brechen (Disdiaklasten;, diese nicht. 

•) ArchW f. path. Anat. 1860. XIX. 215. Taf. V. 



5li Zwrileü Cspitel. 

Bei gewissen Methoden der fräparation kann mua den In- 
halt eines jeden Mnskel-PrimitivbCiDdels in Platten oder Scheiben 
(Bowman's discs) zerlegen, welche ihrerseits wieder ans lauter 
kleinen Efirnchen (Bowman's sarcoas elements) znsanimenge- 
setzt sind. In Wirklichkeit besteht jedoch der Inhalt des Primi- 
tivbündels ans einer grossen Menge feiner Längsfibrillen, von denen 
jede, entsprechend der Lage der Qnerstreifen oder scheinbaren 
Scheiben des Primitivbündels, kleine Körner enthält, welche dorcb 
eine blasse Zwiscbenmasse zasammengehalten werden. Indem non 
viele Primitivfibrillen zusammenliegen, so entsteht durch die sym- 
metrische Lage der kleinen EOmehen eben der Anschein von 
Scheiben, die eigentlich nicht vorhanden sind. Je nach der Th&- 
tigkeit des Maskeis nehmen diese Theile eine veränderte St«l- 
loDg zQ einander an: bei der Contraction nähern sich die Körner 
einander, während die ZwiscbensubstaDz kürzer nnd zugleich 
breiter wird. 

VerhätnissmSssig sehr viel einfocher erscheint dieZosammeD' 
Setzung der glatten, organischen oder, obgleich weniger be- 
zeichnend, unwillkürlichen Muskelfasern. Wenn man irgend 
einen Tbeil derjenigen Oi^ane, worin glatte Hnskelfiisern ent- 
halten sind, untersucht, so findet man in der Mehrzahl der Fälle 



Fii;. 'JT. Glatt« llusk«lli am der Wand der HambluH. A. Zu lanunea hän- 
gendes Bündel, au8 dem bei a, a einzelne, isolirte Fasera«llen herTortrelon, wib- 
rend bei b die einfacben Darchicbnilte derselben erscheinen. B. Bin solches 
Bündel nach Behandlung mit Essigsiure, wo die langen und scbmalen Kerne 
deutlich «erden; a und b wie oben. — S'ergr. 300. 



Glatte Muskelfasern. 57 

zunächst in ähnlicher Weise, wie bei den qaergestreiften Muskeln, 
Ideine Bündel, z. 6. in der Muskelhaut der Harnblase. Innerhalb 
dieser Fascikel unterscheidet man bei weiterer Untersuchung eine 
Reihe von einzelnen Elementen, von denen eine gewisse Zahl, 6, 
10, 20 und mehr durch eine gemeinschaftliche Bindemasse zu- 
sammengehalten wird. Nach der Vorstellung, welche bis in die 
letzten Tage allgemein gültig war, würde jedes einzelne dieser 
Elemente ein Analogen des Primitivbündels der quergestreiften 
Muskeln darstellen. Denn sobald es gelingt, diese Fascikel in ihre 
feineren Bestandtheile zu zerlegen, so bekommt man als letzte 
Elemente lange spindelförmige Zellen, die in der Regel in der 
Mitte einen Kern besitzen (Fig. 6, 6). Nach derjenigen Anschauung 
dagegen, welche in den letzten Tagen von verschiedenen Seiten 
aofilngt bewegt zu werden, namentlich angeregt durch Leydig's 
Untersuchungen, würde man vielmehr ein Fascikel, worin eine 
ganze Reihe von Faserzellen enthalten ist^ als Analogen eines 
quergestreiften Primitivbündels betrachten müssen. Berücksichtige 
ich jedoch die Entwickelungsgeschichte, so erscheint es mir zweck- 
mässig und den bekannten Thatsachen am meisten entsprechend, 
die einzelne Faserzelle als Aequivalent des Primitivbündels fest- 
zuhalten. 

An einer solchen spindelförmigen oder Faser-Zelle ist es schwer, 
ausser dem Kern und dem Zellkörper etwas Besonderes zu unterschei- 
den. Bei recht grossen Zellen und bei starker Yergrösserung unter- 
scheidet man allerdings häufig eine feine Längsstreifung (Fig. 5, b\ 
$0 dass es aussieht, als ob auch hier im Innern eine Art von Fi- 
brillen der Länge nach geordnet wäre, während von einer Quer- 
streifang nur bei der Contraction (Meissner) etwas wahrzu- 
nehmen ist. Trotzdem haben die blassen, glatten Muskeln che- 
misch eine ziemlich grosse Uebereinstimmung mit den quer- 
gestreiften, indem man eine ähnliche Substanz (das sogenannte 
Syntonin Lehmann's) aus beiden ausziehen kann durch ver- 
dünnte Salzsäure, und indem gerade einer der am meisten chara- 
cteristischen Bestandtheile, das Ereatin, welches in dem Muskel- 
fleisch der rothen Theile gefanden wird, nach der Untersuchung 
von 6. Siegmund auch in den glatten Muskeln des Uterus vor- 
kommt. Brücke hat neuerlich auch in glatten Muskeln eine 
doppeltbrechende Substanz nachgewiesen. 

Ausserordentlich häufig findet man bei der Untersuchung von 



58 Zweites Gapitel. 

rotben Muskeln pathologisch interessante Steilen, insbesondere 
Bündel, welche das Bild des Muskels in der sogenannten pro- 
gressiven (fettigen) Atrophie darbieten. Ein solches dege- 
nerirtes Bündel ist meist kleiner und schmäler, und zugleich zeigen 
sich zwischen den Längsfibrillen kleine Fettkörnchen aufgereiht 
(Fig. 25, d). Was an den Muskeln die Atrophie überhaupt macht, 
ist die Verkleinerung des Durchmessers der Primitivbündel , also 
die Abnahme der Fleischsubstanz ; bei der fettigen Atrophie kommt 
dazu noch die gröbere Veränderung, dass im Innern des Primitiv- 
bündels kleine Reihen von Fettkörnchen auftreten, unter deren 
Vermehrung die eigentliche contractile Substanz an Masse abninunt. 
Je mehr Fett, desto weniger contractile Substanz, oder mit an- 
deren Worten: der Muskel wird weniger leistungsfähig, je geringer 
der normale Inhalt seiner Primitivbündel wird. Auch die patho- 
logische Erfahrung bezeichnet daher als die Trägerin der Con- 
tractilität eine bestimmte Substanz. 

Sehen wir hier zunächst ab von der Contractilität kleiner 
Zellen, welche für die Beurtheilung der sogenannten motorischen 
Vorgänge ohne Bedeutung sind, und halten wir uns an jene Er- 
scheinungen, welche Ortsveränderungen zusammengesetzter Theile 
bedingen, so finden wir als Grund derselben überall muskulöse 
Elemente. Während man früher neben der Muskelsubstanz noch 
manche andere Dinge, z. B. das Bindegewebe (als Ganzes, nicht 
bloss in seinen Zellen) als contractu annahm, so hat sich, na- 
mentlich seit den wichtigen Entdeckungen von Eölliker, die 
Lehre von den Bewegungen im menschlichen Körper eigentlich 
auf jene Substanz zurückgezogen, und es ist gelungen, fast alle 
die so mannichfaltigen und zum Theil so sonderbaren motorischen 
Phänomene auf die Existenz von grösseren oder kleineren Theilen 
wirklich muskulöser Natur zurückzufahren. So liegen in der Haut 
des Menschen kleine Muskeln, ungefähr so gross, wie die kleinsten 
Fascikel von der Hamblasenwand , aus ganz kleinen Faserzellen 
bestehende Bündel, welche vom Grunde der Haarfollikel gegen die 
Haut verlaufen, und welche, wenn sie sich zusammenziehen, die 
Oberfläche der Haut gegen die Wurzel des Haarbalges nähenL 
Das Resultat davon ist natürlich, dass die Haut uneben wird und 
man, wie man sagt, eine Gänsehaut bekommt. Dies sonderbare 
Phänomen, welches nach den früheren Anschauungen unerklärlich 



war, worde sofort and einfach erklärt dnreh den Nachweis jener 
rein mikroskopischen Mnskeln, der Ärrectores pilornm. 

So wissen wir gegeowärtig, dass die mittlere Haut grosserer 
Gflläsee grosseotheils ans Elementen dieser Art besteht, and dass 
die ContractJoiisph&uomeae der Gefässe einzig und allein anf die 



Wirkoi^; von Mnskeln zarückbezogeo werden müssen, welche in 
ihnen in Form von Ring- oder Längsmaskeln enthalten sind. Eine 
kleine Vene oder eine kleine Arterie kann sich nnr soweit znsam- 
menziehen, als sie mit Haskeln versehen ist; sie nnterscheiden 
üch haaptsächlich durch den Umstand, dass entweder mehr die 
L&ngs- oder mehr die Qnermnskalator entwickelt ist. 

Diese Beispiele sind besonders geeignet za zeigen, wie eine 
einfache anatomische Entdeckang die wichtigsten AofschlQsse über 
zom Theil ganz weit anseinanderliegende physiologische Erfahmn- 

Fig. S8. Kleine Arterie aus der Basis des Orossbirns DBcb Behandlung mit 
Estiftsäure. A kleiner Slamm, B und C Krübere Aesle, D und D feinste Aeste 
(»piilare AHerien) a, .a Adientilia mit Ki.-inen, «elclie, der LSDRenau^debnunK 
entsprechend, anfangs in doppeller, später in einfacber Laf;e sich finden, mit 
ttreifigeT Onind Substanz, bei Zi und E einfache Lage mil Längskernen, hier und 
da durch Fett kötncben häufen ersetzt (fettige Degeneration), b, h Hedia (Ring- 
fater- oder Muskelbaut) mit langen, walzenfürmigen Kernea, nelche quer um dal 
GeRM Terlaufeu und am Bande (auf dem scheinbaren Querschnitt) als runde 
Körper encbe'nen; bei D und F. immer seltener werdende Querkeme der Uedia. 
c, c Inlima, b«i Z> nnd E mit L&ngskernen. Vergr. 300. 



60 . Zweites Capitel. 

^en gibt, und wie an den Nachweis bestimmter morphologischer 
Elemente sofort die wichtigsten Verdeutlichungen von Funktionen 
geknüpft werden können, die ohne eine solche thatsächliche Vor- 
aussetzung ganz unbegreiflich sein wurden oder eine ganz will- 
kürliche Erklärung finden müssten. 

Ich übergehe es hier, über die feineren Einrichtungen des 
Nervenapparates zu sprechen, weil ich später im Zusammenhange 
darauf zurückkommen werde; sonst würde dies der Gegenstand 
sein, welcher hier zunächst anzuschliessen wäre, weil zwischen 
Muskel- und Nervenfasern in der Einrichtung vielfache Aehnlich- 
keiten bestehen. Zu den Nerven gehören aber nothwendig die 
Ganglienzellen, welche die einzelnen Fasern untereinander verbin- 
den, und welche als die wichtigsten Sanmielpunkte des ganzen 
Nervenlebens betrachtet werden müssen, und ich verspare mir 
daher die Betrachtung dieser Gebilde für spätere Capitel. 

Auch über die Einrichtung des Gefässapparates will ich hier 
nicht im Zusammenhange handeln, und nur so viel sagen, als 
nothig ist, um eine vorläufige Anschauung zu geben. 

Das Capillar-Gefäss ist eine einfache Röhre (Fig. 4, r.), welche 
bei der mikroskopischen Betrachtung aus einer einfachen Haut zu 
bestehen scheint, an welcher nichts wahrzunehmen ist, als von 
Strecke zu Strecke platte Kernen, welche, wenn das Gefäss von der 
Fläche angesehen wird, dasselbe Bild darbieten, wie an den Muskel- 
elementen, welche aber gewöhnlich mehr am Rande bemerkbar w^erden 
und hier pfriemenformig oder oval erscheinen, indem man nur ihre 
scharfe Kante oder einen kleineren Theil ihrer Fläche wahrnimmt. In 
der Nähe ihres Ursprunges aus den Arterien schliesst sich äusser- 
lich noch eine feine, aus Bindegewebe bestehende Adventitia an. Bis 
vor Kurzem war man allgemein der Meinung, dass die CapiUar- 
Membran ganz continuirlich sei und nur aus pathologischen Er- 
scheinungen schloss ich (S. 19. Fig. 10, c), dass sie in einzelne 
Zellenterritorien zu zerlegen sei. Mein damaliges Schema ist durch 
Untersuchungen von Auerbach, Eberth und Hoyer im Jahre 
1 865 als der Ausdruck einer thatsächlichen Zusammensetzung aus 
platten Zellen bestätigt worden, deren Grenzen sich durch Anwen- 
dung von Reagentien, namentlich von Silbemitrat deutlich nach- 
weisen lassen. Ob man diese Zellen als blosse Epithelien und 
die Capillaren dem entsprechend als blosse Intercellulargänge zu 
betrachten habe, ist mir jedoch zweifelhaft, da die Entwickelungs- 



Gelasse. 61 

geschichte der Gapillaren mit der soDst bekannten Entstehung der 
epithelialen Gebilde nicht ganz übereinstimmt. 

Diese einfachsten Gefässe sind es, welche wir heut zn Tage 
einzig nnd allein Gapillaren nennen. Von ihnen können wir nicht 
sagen y dass sie sich durch eigene Thätigkeit erweitem oder ver- 
engern, höchstens dass ihre Elasticität eine Yerengxmg möglich 
macht. Mit Ausnahme von Stricker hat niemand in neuerer Zeit 
an ihnen eigentliche Vorgänge der Gontraction oder des Nachlasses 
derselben bemerkt. Die früheren Discussionen über die Gontracti- 
lität der Gapillaren sind wesentlich auf kleine Arterien und Venen 
zu beziehen, deren Lumen sich durch Gontraction ihrer Muskel- 
wand verengt oder sich bei Nachlass der Gontraction unter dem 
Blutdrucke erweitert. Es war dies eine überaus wichtige That- 
sache, welche sofort aus der genaueren histologischen Eenntniss 
der feineren und grösseren Gefässe hervorging; sie lehrte, dass 
man überhaupt nicht von allgemeinen Eigenschaften, am wenigsten 
von einer überall in gleicher Weise vorhandenen Thätigkeit der 
Gefässe sprechen kann, insofern der capillare Theil wesentlich 
anders gebaut ist, als die kleinen Arterien und Venen. Diese 
sind höchst zusammengesetzte Organe, während das Gapillargefäss 
eine einfache Röhre von fest elementarem Bau darstellt. 



Drittes CapiteL 

Physiologische Eintheilong der Gewebe. 



UBs«a«f«a4« Ambilduif d«r MMtMilMlMa KeaataiM der G«««be. VeneUedcuwUg« fiobimttr 
■cb^iaaBfea aa schtiabar glcicliartig«a Blcmcaicn. PraktisehM BadärfaiM eiacr phTsiolofi- 
aekea Grappiraag : 

I) Hacli der Faaeüoa. MotoruclM Blemrate: matkaloM, epUbeUal« (PliaiaMnellM , Saaeafi- 
d«a), biBd«s««ebiga (Pigm«at). ScUaiMabtoadeniiHt: Schleimhiate, 8chleimdraMa, Scklefm- 
gtvtba. 

S) Nach der Lcbaasdaaar dar Elaaaata. Daa«r- aad Z«itg«wtbe. Pathologitcba Aasdaraaf dar 
aatürliehaa Yerhiltaiss« (H^terochroaie). Lehr« von der AllTeriaderttehkcit daa Korpera 
darek Scoffweeliecl (Maateraag). ODtersckeidaag tob Daaer- aad VarbraaekMtoffea te dea 
Bleaieataa. Wechtelfewebe (McUplasie). Abfilli;;« Gevebe: Epidermia (DaeqoaaMllMi), 
Deeidoa utariaa. Blafaeb« Zeiticevebc. Oertliche Verechiedaahelt dar Labaaadauer daaaalbaa 
Gewebaa. Notbveadickett aiaer LoealgetcUehte der Gvwcb«. 

S) Nach der Zelt dar BaUUbaag aad des Abeterbeas der Oavab« (geaetiack« Blattailoaf)* 
Jagendlieke aad teaeKireade Gewebe. AUgcmeia« aad locale Chroaolegi« dar Gewab«. Ba- 
bryeaal« Geweh«; aafertige «der aarcif«: Matri«alar> «sd üeberfaaf «gevebe. CWrda dar^ 
•aali«. Scbleioigeveb«. Bildaagegewebe aad Vorgewebe (Anlagea. Keimgevebe). BUdaaga- 
oder PriaM>rdialBeUea. AJIgeaieiae GultiKkeil der Batwickelaagegeaeta«. 

4) Haeh der YerwaadtMhaft «ad Abttaaaiaag. Coatlaaitito > Geeeta. Hetarolaga VerUadaagaa 
e«a Gewabeelea««tea. Die hietelogi«<he Snbetitatioa aad die hiatologiaeb«a AcqaWalaate. 
Abstaamaag der Bleaieal« (Deecaadeas). 



Die anatomische Eintheilimg der Gewebe ist eine wichtige nnd un- 
erlfissliche Vorbedingung for die physiologische Betrachtung der- 
selben, nnd es ergeben sich, wie wir gesehen haben, ans der 
Kenntniss des Bans der Tbeile ohne Weiteres sehr wichtige Auf- 
schlüsse über ihre Thätigkeit Allein damit alleui ist es nicht ge- 
than. Vielmehr ist eine selbständige physiologische Untersuchung 
nothwendig, um die besondere Bedeutung der einzelnen Gewebe 
zu ermitteln und für jeden Ort im Körper festzustellen, welche 
Thätigkeiten von seinen Elementen ausgehen. 

Ganglienzellen finden sich an den verschiedensten Orten des 
Körpers. Niemand zweifelt daran^ dass sie im Gehirn eine andere 



Verschiedene Leistang ähnlicher Elemente. 63 

Bedentong haben, als am Sympathicus, an der Hirnrinde eine an- 
dere als im Streifenhfigel. Hanehe Verschiedenheiten der Grösse 
und Gestalt, der Verbindung und inneren Einrichtung derselben 
lassen sich an diesen verschiedenen Orten wahrnehmen. Nichts- 
destoweniger genügen diese anatomischen Verschiedenheiten nicht, 
um die physiologisch so verschiedene Energie der einzelnen Grup- 
pen zu erklären. 

Epitheliale Zellen konmien unter den mannichfaltigsten Ver- 
hältnissen vor. Höchst auffallende Verschiedenheiten ihres Baues 
finden sich an den einzelnen Orten. Wir begreifen, dass eine 
Flinunerzelle andere Wirkungen hervorbringt, als ein Epidermis- 
plättchen. Aber wir sind nicht im Stande zu erkennen, warum 
die Epithelien der Milchdrüse so wesentlich andere Leistungen 
hervorbringen, als die Epithelien der Speicheldrüsen, oder warum 
die Flimmerzellen der Himventrikel nicht dieselbe physiologische 
Stellung einnehmen, wie die Flimmerzellen des Uterus. 

Wenn vrir aus der physiologischen Forschung Verschiedenheiten 
scheinbar gleichartiger Elemente erkennen, so gelangen wir damit 
allerdings sofort zu neuen Fragestellungen und Vermuthungen in 
Beziehung auf die weitere anatomische Untersuchung, und es ist 
keineswegs unwahrscheinlich, dass man auf dem Wege einer der- 
artigen Untersuchung alknählich zu einer ungleich grösseren Er- 
kenntniss der localen Verschiedenheiten in dem Bau und 
der Einrichtung histologisch gleichwerthlger Elemente 
kommen wird, als wir sie gegenwärtig besitzen. Nur darf man 
bei einer solchen Ho&ung nicht übersehen, dass diese Histologie 
der Zukunft noch nicht existirt und dass man sich daher vorläufig 
mindestens noch damit begnügen muss, neben einer anatomischen 
Ordnung der Gewebe auch noch eine physiologische oder genauer 
gesagt, mehrere physiologische zuzulassen. 

In der That gibt es mehr als ein Principium dividendi für 
die physiologische Gruppirung der Gewebe. Je nach der Richtung, 
in welcher die Fragestellung geschieht, fällt auch die Antwort 
verschieden aus. Der specifische Physiolog ¥rird zuerst immer 
nach der Function fragen. Welche Thätigkeit übt ein Gewebe 
aus? Diese Sichtung der Untersuchung führt zu einer Eintheilung 
der Gewebe nach ihrer Function. Eine kurze Umschau ergibt so- 
fort, dass Gewebe, welche ganz verschiedenen anatomischen Grup- 
pen angehören, bei dieser Art der Betrachtung einander genähert 



64 Drittes Capitel. 

werden. Frage ich nach den Geweben, deren Function Bewegung 
ist, so werde ich zunächst an die Muskeln gewiesen. Aber un- 
zweifelhaft ist auch die Flimmerbewegung Bewegung, unzweifelhaft 
haben die Samenfäden Bewegung. Und doch knüpft sich hier die 
Bewegung an epitheliale Erzeugnisse, welche von den eigentlichen 
Muskeln anatomisch weit entfernt sind. Sollen wir desswegen die 
Samenfäden zu den muskulösen Elementen oder die letzteren zu 
den epithelialen rechnen? Gewiss liegt hier ebenso wenig ein 
Grund zu einer solchen Vereinigung vor, als wenn wir Schwärm- 
sporen und Infusorien vereinigen wollten. Allerdings hat es eine 
Zeit gegeben, wo man sämmtliche Schwärmsporen zu den Infu- 
sorien rechnete, wo sogar die Mehrzahl der beweglichen Algen 
eben dahin gezählt wurde, aber mit Recht betrachtet man diesen 
Standpunkt als einen überwundenen. 

Die Bewegung „sitzt" jedoch nicht bloss in muskulösen und 
epithelialen Elementen; sie findet sich auch an bindegewebigen. 
Nehmen wir ein zugleich pathologisch interessantes Beispiel. Ax- 
mann hatte bei Fröschen gesehen, dass nach Durchschneidung 
der gangliospinalen Nerven die in der Haut zahlreich verbreiteten 
Pigmentzellen ihre Strahlen verlieren. Er nannte dies eine Atro- 
phie und schloss daraus auf einen nutritiven Einfluss der ganglio- 
spinalen Nerven. Die in Frage stehenden Pigmentzellen sind 
grosse, sternförmige Bindegewebskörperchen. Bei der Wichtigkeit 
dieser Angabe beschloss ich eine experimentelle Prüfong derselben 
und veranlasste Herrn Lothar Meyer zu einer solchen. Alsbald 
ergab sich, dass es sich um keine Atrophie, sondern um eine 
Gontraction handelte*). Die Zellen ziehen ihre Fortsätze ein, ihr 
Körper vergrössert sich in demselben Maasse, und das früher über 
eine grössere Fläche vertbeilte Pigment häuft sich an einzelnen 
Stellen an. Das grobe Ergebniss dieser unzweifelhaften Bewe- 
gung ist eine Farbenveränderung der Froschhaut. 

Wir finden also, dass in allen drei Gruppen der Gewebe mo- 
torische Thätigkeit nachweisbar ist, und jeder Denkende vnrd da- 
her auch veranlasst werden, seine etwaigen Betrachtungen über 
motorische Elemente oder noch allgemeiner über motorische 
Gewebe auf alle drei Gruppen auszudehnen. Von diesem Gesichts- 
punkte aus ergibt sich eine Eintheilung aller Gewebe in zwei Ab- 

♦) Mein Archiv 1854. Bd. VI. S. 266. 



Der Schleim. ß5 

theilnngen : motorische und nicht motorische. Dagegen lässt sich 
nicht das Mindeste sagen. Aber man darf anch nicht übersehen, 
dass diese Eintheilnng eine wesentlich praktische ist. Sie mag 
dorchans wissenschaftlich durchgeführt werden, aber sie greift eine 
einzige Seite der Betrachtung anf, sie wählt ein einziges Merkmal, 
eine einzige Eigenschaft aus der ganzen Summe der Merkmale 
und Eigenschaften dieser Gewebe oder Elemente. Sie kann daher 
keinesweges als eine eigentlich wissenschaftliche Eintheilung gel- 
ten, wenngleich sie für die wissenschaftliche Betrachtung und Un- 
tersuchung von dem grössten Nutzen ist. 

unter den Absonderungen hat seit den ältesten Zeiten eine 
das Interesse der Aerzte ganz besonders auf sich gezogen, die 
des Schleims. Schon in der kölschen Priesterschule wird das 
Phlegma als einer der vier Cardinalsäfte des Körpers aufgeführt, 
und noch heute hat sich eine freilich sehr verwischte Erinnerung 
daran in der Bezeichnung des phlegmatischen Temperamentes er- 
halten. In der That war die glasige, gallertartige, gequollene Be- 
schaifenheit des Schleims wohl geeignet, die Aufmerksamkeit auf 
sich zu ziehen, und die Häufigkeit seines Hervortretens unter 
krankhaften Verhältnissen, die nicht selten bedenkliche Heftigkeit 
der dadurch bedingten Zufälle berechtigte dazu, den phlegmatischen 
Krankheiten eine hervorragende Stelle in dem Systeme anzuwei- 
sen. Mehr und mehr knüpfte sich jedoch die Forschung über die 
Scbleimabsonderung an die Schleimhäute, und als Bichat 
sein System der allgemeinen Anatomie aufstellte, hatte er nur 
eine allseitig anerkannte Ueberzeugung zu fixiren, indem er aus 
den Schleimhäuten eine besondere Gewebsgruppe machte. Es hat 
ziemlich lange gedauert, ehe man erkannte, dass glasige Scbleim- 
absonderungen nicht an allen Schleimhäuten vorkommen. Man 
weiss jetzt, dass wohl die Schleimhaut des Collum uteri ein sol- 
ches Secret liefert, aber dass dies keineswegs an der „Schleim- 
haut^^ der Vagina oder an der des Corpus uteri der Fall ist. Das 
Ileum und die Speiseröhre sondern keine zähen Schleimmassen ab, 
wie sie so reichlich an der Schleimhaut der Luftröhre zu Tage treten. 

Man ist so von den Schleimhäuten zu den Schleimdrüsen 
gekommen, und Mancher hilft sich damit, dass er alle Schleimab- 
sonderung auf diese zurückführt. Aber sonderbarerweise sind ge- 
rade manche Schleimhäute, an deren Oberfläche wir die zähesten 
und klebrigsten Scbleimbeschläge finden, wie die der Harnblase 

Virrho«, CVIIuUr PithoJ. 4. Aufl. 5 



66 Drittes Capitel. 

und des Collum uteri, ungemein ann an Drusen, und diese an sich 
ziemlich unvollkommenen Drüsen sind durchaus nicht als die Spe- 
cialsitze der Secretion zu erkennen. Wären sie es jedoch, so 
würde man auf ihre Epithelien als auf die activen Factoren der 
Absonderung zurückkommen müssen, da bekanntlich der Schleim 
nicht im Blute präexistirt, also nicht einfach transsudiren kann. 
Muss man, wie es meiner Meinung nach nothwendig ist, auch eine 
Schleimabsonderung von der Fläche gewisser Schleimhäute aner- 
kennen, so gelangt man zu demselben Gedanken, dass die Epi- 
thelien die Schleimabsonderer seien. 

Darf man nun sagen, die Schleimabsonderung sei überall die 
Function gewisser Epithelialzellen, die man Schleimzellen 
nennen kann? Die Erfahrung hat gelehrt, dass diese Auffassung 
irrthnmlich ist. Ich habe für eine grosse Reihe physiologischer 
und pathologischer Gewebe den Nachweis geliefert, dass der 
Schleim in derselben glasigen, gallertartigen, gequollenen Weise, 
wie er frei an der Oberfläche der Schleimhäute erscheint, auch 
im Innern von Geweben und zwar wesentlich als ein intercel- 
lularer Stoff vorkommt. Ich sah mich deshalb veranlasst, ein 
Schleimgewebe aufzustellen, welches weder mit dem Schleimhaut- 
gewebe Bi Chat 's, noch mit dem Schleimdrüsenge webe identisch 
ist. Es ist kein epitheliales Gewebe, sondern ein Glied in der 
Gruppe der Bindesubstanz. Nichts desto weniger wird man auch an 
ihm nicht umhin können, den intercellularen Schleim als ein Ab- 
sonderungsprodukt der Zellen zu betrachten. Nur handelt es sich 
hier um eine parenchymatöse (innere) und nicht um eine ober- 
flächliche (äusserliche) Absonderung. Aensserlich kann sie erst 
werden, wenn an dem Schleimgewebe eine Ulceration eintritt, wie 
es bei dem Carcinoma mucosum (coiloides) vorkommt. 

Es finden sich demnach Schleimzellen in zwei verschiedenen 
Gruppen vor: epitheliale und bindegewebige. Für eine Untersu- 
chung über Schleimentstehung und Schleimabsonderung ist es ge- 
wiss nützlich, sich an die Gruppen nicht zu kehren und nur die 
besonderen Gewebe zusammenzustellen und zu vergleichen, in wel- 
chen dieser Vorgang vorkommt. So ist der physiologische Bota- 
niker berechtigt, alle diejenigen Pflanzengewebe zusammenzustellen, 
in welchen Pflanzenschleim oder Gummi oder Amylon vorkommen, 
und eine solche Zusammenstellung ist von hohem praktischen 
Werthe für den Landwirth, den Kaufmann, die Hausfrau. Aber 



Dauer- mu\ Zeitp^cwelie. 67 

nichts berechtigt, eine solche praktische Eintheilung als die erste 
Aufgabe des wissenschaftlichen Forschers hinzustellen. 

Wenn der physiologische Specialist zuerst nach der Function 
fragt, so fragt der Patholog, auch wenn er ganz physiologisch zu 
Werke geht, zuerst nach der Existenz der Theile. Es erklärt 
sich diese Differenz aus dem Umstände, dass der Physiolog ge- 
sunde Verhältnisse voraussetzt und den Bestand des Körpers an 
Geweben unter solchen Verhältnissen als einen gegebenen und 
konstanten betrachtet, der Patholog dagegen, durch traurige Er- 
fahrungen belehrt, das Zugrundegehen und den Verlust von Theilen 
als ein nur zu häufiges Ergebniss des kranken Lebens kennt. 
Pur den Arzt handelt es sich vor Allem um die Erhaltung der 
Theile. Wissenschaftlich analysirt, ist dies die Frage von der 
Lebensdauer und der Ernährung der Theile. 

Nun ist es bekannt, dass die verschiedenen Elemente des 
Korpers auch im gesunden Leibe eine sehr verschieden lange 
Lebensdauer besitzen und aus diesem Grunde auch manche Ge- 
webe, ja selbst manche Organe nicht die gleiche Lebensdauer 
haben, wie der gesammte Körper. Die Pupillarmembran schwindet 
schon vor der Geburt, die EihüUen werden mit der Geburt abge- 
worfen, der Nabelstrang folgt alsbald, das Wollhaar, die Thymus- 
drfise, die männliche Brustdrüse, die Milchzähne kommen nach 
und nach an die Reihe, die Eifollikel, die weibliche Brust, die 
Zähne nnd das Kopfhaar schwinden bald frfiher, bald später. Man 
kommt so ganz natürlich zu einer grossen Zweitheilung in blei- 
bende (permanente) und nicht bleibende (temporäre) Ge- 
webe, oder, wie man kurz sagen kann, in Dauergewebe und 
Zeitgewebe. Unter letzteren bilden die abfälligen (telae ca- 
dncae s. deciduae) eine besondere Unterabtbeilung. Zwischen den 
Daner- und Zeitgeweben stehen in einer höchst eigenthümlichen 
Stellung die Wechselgewebe (telae mutabiles s. mutantes). 

Man muss jedoch sehr vorsichtig sein in der Anwendung 
dieser Ausdrücke. Unter pathologischen Verhältnissen kann ein 
Zeitgewebe persistiren und ein Dauergewebe hinfällig wer- 
den. Die Thymusdrüse kann sich bis nach der Pubertät erhalten, 
während sie sonst bald nach der Geburt schwindet. Die männ- 
liche Brust kann nicht bloss persistiren, sondern sich auch stärker 
entwickeln. Und umgekehrt kann bald dieses, bald jenes Gewebe 
o<ler Organ schwinden, „phthisisch'' werden, das sonst zu den 

5' 



68 ' Drittes Capitol 

permanenten gehört Ein Kind kann ohne Arme und Beine, ohne 
Herz und Gehirn geboren werden, weil schon die Anlagen im 
Mntterleibe verkünmierten. Ein ganzer Muskel, eine ganze Niere 
kann bis anf einen kümmerlichen Rest von Interstitialgewebe 
«atrophiren"^. Ein Fuss kann durch Brand absterben and, wie 
der Nabelstrang, abgeworfen werden. 

An dieser Stelle, wo es sich um physiologische Verhältnisse 
handelt, berühren uns diese, der Lehre von der fleterochronie 
angehürigen Fragen nicht Wir haben es hier nur mit der natür- 
lichen Verschiedenheit der Lebensdauer einzelner Eörpertheile, 
welche der typischen Entwickelung angeboren, zu thun. Ein ein- 
ziges, freilich sehr verbreitetes Vordrtheil tritt uns jedoch entgegen: 
ich möchte es das Vorurtheil von der Allveränderlichkeit der 
Eörpertheile nennen. In einer bedauerlichen Uebertreibung wohl- 
berechtigter Erfahrungssätze über den Stoflw'echsel ist man dahin 
gekommen, zu berechnen, wie viele Jahre gewisse Theile, wie 
viele der ganze Körper gebrauche, um gänzlich erneuert zu sein. 
Die in ihrer Ausschliesslichkeit unannehmbare Lehre von der 
Mauserung (C. H. Schultz) hatte ein grosses Stück ihrer Popu- 
larität dieser Auffassung zu verdanken. 

Wie es möglich gewesen ist, die auffalligsten Thatsachen so 
sehr zu übersehen, ist schwer zu begreifen. Selbst ausgezeichnet 
hinfällige Theile lassen doch deutlich erkennen, dass, so lange sie 
existiren, ihre Substanz dauerhaft ist Man mag den ZahnwechseL 
wie den Haarwechsel, eine Mauser nennen, aber nichts berech- 
tigt, die Elemente des Zahns oder des Haares als in fortdau- 
ernder Erneuerung begriifen anzusehen. Der Zahnschmelz besteht 
aus verkalkten Epithelien, welche, soweit wir wahrnehmen kön- 
nen, weder in ihrem Kalk, niuh in ihrer organischen Grundsub- 
stanz einer Erneuerung unterliegen. Das Zahnbein kann durch 
Ersatz aus der Pulpe neuen Zuwachs bekommen, aber weder seine 
Röhrchen, noch seine Intercollularsubstanz lassen erkennen, dass 
ihre Molekeln dun*h neue Molekeln ersetzt werden. Das Bindege- 
webe, diese so weit verbreitete und so massenhaft im Körper vor- 
handene Süb>tÄnz, ist gewiss in allen seinen wesentlichen Be- 
standtheilen in hohem Maas^e dauerhaft. Die Elemente der Linse, 
trotz ihrer Zartheit, bestehen häufig ohne Veränderung bis zum 
hr»ch>ten Alter. 

Diese Bestäudiukeit der wesentlichen Bestandtheile der 



Dauer- und Wechselstoife. 69 

Gewebselemente schliesst den Wechsel unwesentlicher nicht aus. 
Eine Drüsenzelle kann inmierfort Stoffe in sich aufnehmen, sie 
umsetzen und die Umsetzungsprodukte als Secrete wieder aus- 
scheiden, ohne dass ihr histologischer Bestand dadurch unmittelbar 
betroffen wird. Eine Leberzelle zeigt in der aufföUigsten Weise, 
wie durch die Nahrung allerlei Stoffe in sie eingeführt und eine 
Zeit lang in ihr abgelagert werden : Fett und Glykogen sind Stoffe, 
die eine Zeit lang vorhanden sind, um später wieder zu ver- 
schwinden. Aber niemand hat dargethan, dass der Kern oder die 
Kdrpersubstanz der Leberzellen einem gleichen Wechsel unterliegt. 
Wir haben vielmehr allen Grund anzunehmen, dass eine Leber- 
zelle von der Zeit der vollendeten Ausbildung des Organs bis zum 
höchsten Alter persistiren kann, ohne dass sie in allen ihren Be- 
standtheilen einer Erneuerung unterlegen hat. Auch in dem ein- 
zelnen Gewebs -Element (wenngleich keineswegs in jedem) muss 
man daher Dauerstoffe und Wechselstoffe (Verbrauchs- 
stoffe) unterscheiden. 

Das Verhältniss dieser Stoffe zu einander kann zu verschie- 
denen Zeiten in demselben Elemente sehr verschieden sein. Die 
grossen glatten Muskelfasern des schwangeren Uterus enthalten 
offenbar ungleich mehr Verbrauchsstoffe, als die überaus kleinen 
und gleichsam verkümmerten des ruhenden Uterus. Eine prall 
gefüllte Fettzelle besteht dem Volumen nach fast ganz aus W^ech- 
selstoff; eine atrophische kann beinahe vollständig auf ihre Dauer- 
stoffe zurückgeführt sein. Was wir Stoffwechsel nennen, ist eben 
keine einfache Umschreibung für Ernährung, wenigstens nicht für 
Emäbmng im strengeren Sinne des Wortes, wo es die auf Er- 
haltung des Elementes gerichtete Thätigkeit bezeichnet. 
Mit dieser letzteren haben wir es im Augenblicke allein zu thun. 
Denn Dauergewebe in unserem Sinne sind solche Gewebe, welche 
der Regel nach während des ganzen entwickelten Lebens sich er- 
halten; Zeitgewebe solche, welche sich nur für eine gewrisse Zeit 
erhalten und dann „auf natürliche Weise sterben^. 

Auch hier müssen wir vor einer Verwechselung warnen. Ein 
Gewebe kann aufhören zu existiren, ohne dass es stirbt oder hin- 
fallig vrird. Das subcutane Schleimgewebe des Fötus findet sich 
nicht mehr im Erwachsenen und doch ist es weder geschwnnden, 
noch gestorben. Im Gegentheil, es lebt fort in einer anderen Ge- 
stalt, nehmlich als Fettgewebe. Seine Zellen existiren noch, sie 



70 Drittes C'apitel 

erbalten su-h durch fortdauernde Ernährung, obwohl sie mit Fett 
gefüllt siud. Hier handelt es sich also nm eine Gewebsumwan- 
delang (Metamorphose, Metaplasie). So hört der Zeitknorpel auf 
zu existiren, aber seine Elemente bestehen fort, obwohl sie nicht 
mehr Knorpel-, sondern Mark- oder Knochenkörperchen sind. Der 
Zeitknorpel verknöchert und wenngleich keineswegs, wie man 
früher annahm, seine organische Grundlage ganz und gar in dem 
Knochen als sogenannter Ejiochenknorpel fortbesteht, so sind doch 
seine Zellen in die neue Bildung eingegangen. In diesen Wech- 
selgeweben finden wir also Persistenz der Zellen bei 
Veränderung des Gewebscharakters. 

Manche abfälligen Gewebe (telae caducae) bieten gerade das 
umgekehrte Bild dar. Die Zellen fallen ab, ohne dass der Charakter 
des Gewebes überhaupt aufhört zu existiren. Das beste Beispiel 
dafür bietet uns die Epidermis. Die obersten ^>ehichten derselben 
bestehen eigentlich nicht mehr aus lebenden Elementen. Es smd 
kernlose, verhornte, zusammengetrockoete Schüppchen, welche noch 
eine Zeit lang der Unterlage einen Schutz gewähren, aber welche 
ausser Stande sind, selbst die niederste Leistung des Lebens, die 
Selbsterhaltung, auszuführen. Sie werden endlich lose und blättern 
ab, wie die Rinde eines Baumes. Aber schon ist neuer Nach- 
wuchs da, der an ihre Stelle tritt. Immer neue epidermoidale 
Theile gehen aus dem Rete hervor und trotz aller Verluste an 
der Oberfläche erhält sich die Oberhaut als Gewebe. Aehnlich ist 
es mit den Epithelien mancher Drüsen (Milchdrüse), mit dem Blute 
und der Lymphe. 

Unter pathologischen Verhältnissen erreichen die hier erwähnten 
Verhältnisse ein ungleich höheres Maass und sie werden in dem- 
selben Grade auffälliger. An der Oberhaut sind es die desqua- 
mativen Prozesse, welche in der allergröbsten Form die allmäh- 
liche Abblätterung der oberflächlichen Epidermisschichten erkennen 
lassen. Eine ähnliche Abblätterung zeigt der Nagel, während die 
Haare zerklüften und „zerfasern^. Aber auch an Schleimhäuten 
geschieht Aehnliches : die desquamativen Katarrhe des Darms, der 
Niere und Harnblase, der Scheide (Fluor albus) bringen die ab- 
gelösten Epithelien bald in Form zusammenhängender Lamellen und 
Fetzen, bald als isolirte Zellen zu Tage. 

Aber wir würden das Hauptbeispiel übergehen, wenn wir nicht 
jener eigenthümlicben Erscheinung gedächten, von welcher ich den 



Abfällige Gewehe. 71 

Nameu für diese Gruppe hergenommen habe: ich meine die Ab- 
lösung der Deeidua uterina bei der Geburt und während des 
Wochenbettes, sowie in den selteneren Fällen des Abortus und 
der Dysmenorrhoea membranacea. Auch diese Haut galt bis in 
die neuere Zeit als eine Exsudathaut, als eine Pseudomembran von 
mehr oder weniger strukturloser Beschaffenheit (membrane antiiste 
Robin). Erst das genauere Studium ihrer Entwickelung hat ge- 
lehrt, dass die Deeidua keine Pseudomembran, kein Exsudat ist, 
sondern ein durch Wucherung vergrösserter Theil der Uterin- 
schleimhaut selbst*). Sie ist dem entsprechend auch nichts we- 
niger als strukturlos, sondern sie besteht durch und durch aus 
deutlich geformten Geweben. Aber zum Unterschiede von den 
bloss desquamativen Prozessen, welche nur das Epithel betreffen, 
greift die Deeidua - Bildung tief in das eigentliche Gewebe der 
Dterinschleimhaut, denn dasjenige, was sich als puerperale De- 
eidua löst, besteht zum grösseren Theile aus stark vergrösserten 
Zellen des Bindegewebes. Selbst Gefässe sind durchaus keine 
Seltenheit in der Deeidua, wie sie sich von den Eihäuten des 
Xeugebornen ablösen lässt. Aber, wie bei der Desquamation, so 
bleibt auch hier ein Theil des Gewebes sitzen, und dieser dient 
später als Matrix für die regenerative Neubildung, 

Sowohl von den Wechselgeweben, als von den hinfälligen Ge- 
weben unterscheiden sich die einfachen Zeitgewebe (telae 
temporariae) dadurch, dass ihre Elemente zu Grunde gehen (ab- 
sterben), aber nicht durch neue ersetzt werden. Der M eck ersehe 
Knorpel, ein langer und starker Faden, der sich beim Fötus von 
dem mittleren Ohr aus an der inneren Seite des Unterkiefers bis 
zur Symphyse des Kinns erstreckt, schwindet schon mit dem 8. Fö- 
talmonat bis auf die daraus gebildeten Hammer und Ambos. Die 
Thymusdrüse, euie der grössten Lymphdrüsen des Körpers, „atro- 
phirt^ nach der Geburt gänzlich; alle ihre unzähligen Zellen 
(Lymphkörperchen) verschwinden; jede Erinnerung ihres lympha- 
tischen Baus geht verloren; an ihrer Stelle findet sich später nur 
ein kümmerlicher Rest losen Fett- und Bindegewebes. Unter der 
Ausbildung der Keilbeinhöhlen verschwindet fest alles vorhandene 
Knochengewebe und Mark aus den sphenoidalen Wirbelkörpem, 



*) Froriep*8 Neue Notizen 1847. März. No. 20. Gesammelte Abhandlungen 
zur wissenscbaftl. Medicin Frankf. 1856. S. 775. 



72 Drittes Capitel. 

ohoe aach nur eine Spur zu hinterlassen. Die Nabelarterien ob- 
literiren nach der Gebnrt, d. h. sie verstreichen, ohne dass in 
den Ligamenta vesicae lateralia, welche an ihre Stelle treten, ein 
erkennbarer Rest ihrer meist so mächtigen Mnscularis übrig 
bleibt. 

Unter Umständen kann das grosse Endergebniss bei den ab- 
fälligen Geweben demjenigen bei den einfachen Zeitgeweben sehr 
ähnlich sein. Wenn epidermoidale Theile immerfort abfallen, so 
ist die Persistenz des Gewebes, wie wir gesehen haben, nar durch 
Nachwuchs möglich. Hört jedoch der Nachwuchs gänzlich auf, so 
wird auch der Defect ein vollständiger und dauernder. Dies 
kommt allerdings bei der eigentlichen Epidermis nur unter er- 
schwerenden pathologischen Verhältnissen vor, z. B. bei gewissen 
nässenden Exanthemen; 'auch beim Nagel nur bei wirklichen 
Krankheiten des Falzes. Aber es ist ein sehr gewöhnliches Er- 
eigniss bei den Haaren, wenn ihre Matrix, die Haarzwiebel ver- 
ödet Es tritt dann dauernde Alopecie ein. 

Die Dauerhaftigkeit eines Gewebes ist in keiner Weise ab- 
hängig von seiner Festigkeit. Im Gegentheil zeigt sich bei ge- 
nauerer Untersuchung, dass gerade die Weicbtheile (Gehirn und 
Nerven, Muskeln, manche Drüsen) sich einer grossen Bestän- 
digkeit ihrer Elemente erfreuen, während das Knochengewebe, 
nächst dem elastischen das festeste des ganzen Körpers, durch- 
aus nicht jene Starrheit und Unveränderlichkeit zeigt, welche 
sprüchwörtlich geworden ist. Die Verknöcherung schützt nicht 
vor dem Wechsel. Mit verhältnissmässiger Leichtigkeit wird das 
Knochengewebe wieder weich und verwandelt sich durch Meta- 
plasie in Mark. 

Wir stossen hier auf eine neue und nicht wenig verwirrende 
Eigenschaft der thierischen Gewebe. Dasselbe Gewebe kann 
je nach dem Orte, an dem es vorkommt, ein Dauer-, 
ein Wechsel- und ein Zeitgewebe sein. Unzweifelhaft be- 
stehen gewisse Theile der Knochen mindestens von der Pnbertät 
an, manche schon länger, bis zum Tode, sind also ausgezeichnetes 
Dauergewebe. Andere dagegen tragen in ebenso ausgezeichnetem 
Sinne den Charakter des Wechselgewebes, indem sie mit fort- 
schreitendem Alter sich in Mark verwandeln. Andere endlich, wie 
das Keilbein, gewisse Theile des Felsenbeins schwinden schon bald 
nach der Pubertät und an ihre SteUen treten, wie bei den Vögeln, 



Localgeschichte der Gewebe. 73 

loftfohreiide Räume. Es gibt also eine tela ossea permanens, eine 
t. 0. mntans nnd eine t. o. temporaria s. transitoria. Von den 
Knorpeln ist es längst anerkannt, dass es Danerknorpel (cartila- 
gines permanentes) nnd Zeitknorpel (cartilagines temporariae) gibt. 
Man kann demnach auf Grand der Lebensstatistik der Gewebe 
keine allgemeingültige Eintheilnng derselben machen, sondern man 
kann nnr für die einzelnen Orte im Körper statistisch fest- 
stellen, ob ein bestimmtes Gewebe an dieser Stelle permanent 
oder nnr temporär vorkommt. 

Eine solche Kenntniss ist aber nnentbehrlich für die Ueber- 
sicht der Lebensvorgänge. Indem wir ersehen, dass die Thymus- 
drüse im ersten Lebensjahre schon hinschwindet, während die 
übrigen Lymphdrüsen bis zum Greisenalter und zum Tode aus- 
halten, indem wir lernen, dass die Gefässe des Glaskörpers schon 
vor der Geburt obliteriren, während die der Retina fortbestehen, 
indem wir erkennen, dass der Müll er 'sehe Faden beim Manne 
früh obliterirt, während der Wo Iff sehe Gang sich zum Vas defe- 
rens entwickelt, so erschliesst sich uns sofort der Einblick in eine 
Reihe bemerkenswerther Eigenthümlichkeiten der Entwickelung. 
Dass die Schädel -Synchondrosen früh verknöchern, während die 
Wirbel - Synchondrosen knorpelig blieben, dass das Schleimgewebe 
um die Niere in Fettgewebe übergeht, während dasjenige im Glas- 
körper seine Beschaifenheit bewahrt, ist auf den ersten Blick schwer 
verständlich, aber nothwendig zu wissen, um die Local-Geschichte 
nnd örtliche Bedeutung der Gewebe zu würdigen. 

Die Local-Geschichte der Gewebe erhält jedoch ihre Vervoll- 
ständigung erst durch eine genaue Zeitbestimmung, bei der 
sowohl Anfang, als Ende des Gewebes festzustellen ist. Wir kom- 
men damit auf die ebenso schwierige, als wichtige genetische 
Untersuchung, deren Ehiführung in die moderne Pathologie ich 
seit einer langen Reihe von Jahren mit besonderem Eifer zu för- 
dern bestrebt gewesen bin. Nicht alle Gewebe des Körpers ent- 
stehen zu derselben Zeit und nicht alle sterben zu gleicher Zeit. 
Auch in dieser Beziehung stellt der Organismus keine Einheit 
dar, sondern nur eine Gemeinschaft, und die Bezeichnungen, 
welche vnr für die Entwickelungsperioden des Gesammt-Organismus 
mit Recht wählen, passen keineswegs für die einzelnen Theile uod 
Gewebe. Es gibt jugendliche Gewebe im hohen Greisen- 



74 Drittes Capitel. 

alter und senescirende*) Gewebe im Fötus. Selbst der 
Bulbus des ergrauten Haares erzeugt doch immer noch neue 
Elemente und bis zum Tode hin strömen immer wieder junge 
Blutkörperchen in die Gefässe ein. Andererseits sieht schon das 
fötale Leben zahlreiche Elemente zu Grunde gehen. Der Meckei- 
sche Knorpel und der Wolff'sche Körper sind grösstentheils ver- 
schwunden, wenn das Kind zur Welt kommt; die Pupillarmembran, 
die Yasa omphalomesaraica haben um dieselbe Zeit aufgehört zu 
existiren. Manche Grewebe lassen sich in eine allgemein-chro- 
nologische Reihenfolge bringen. Schleimgewebe ist im Allge- 
meinen früher da, als Fettgewebe; Knorpel früher, als Eoioehen. Rothe 
Blutkörperchen sind jünger, als farblose. Aber dies gilt nicht all- 
gemein. Denn die Bildung des Schlcimgewebes ist nicht überhaupt 
abgeschlossen, wenn die des Fettgewebes beginnt; sie ist nur 
abgeschlossen an der Stelle, wo Schleimgewebe in Fettgewebe 
übergeht. An anderen Orten kann neues Schleimgewebe entstehen, 
während das früher vorhanden gewesene seine Metaplasie längst 
gemacht hat. Farblose Blutkörperchen bilden sich von Neuem, 
nachdem unzählige rothe zu Grunde gegangen sind. Dieselbe 
Art von Gewebe kann also an einem Orte jünger, an 
einem anderen Orte älter sein. An der Epiphyse eines 
Röhrenknochens beginnt die Knochenbildung zu einer Zeit, wo die 
Diaphyse schon seit Monaten zum grossen Theil verknöchert ist. 
An den Lippen erreicht die Haarbildung zur Zeit der Pubertät 
die Stärke, welche sie an der Schädelhaube schon in dem ersten 
Lebensjahre zu zeigen pflegt. 

Manche sonst verdiente Forscher haben den Sinn solcher Er- 
scheinungen gänzlich verkannt. Sie sprechen z. B. von embryo- 
nalen oder fötalen Geweben im Erwachsenen. Dies ist ein 
blosses Spiel mit Worten. Ein Gewebe, welches schon im Embryo 
vorhanden ist und sich als solches extrauterin erhält, ist darum 
kein embryonales. Permanenter Knorpel, permanentes Schleimge- 
webe sind eben so wenig embryonal, als die KrystaUlinse oder die 
Hornhaut. Wenn jedes Gewebe, das sich im Erwachsenen so vor- 
findet, wie es im Fötus besteht, fötal genannt werden sollte, so könnte 
man auch die Epidermis des inneren Präputialblattes fötal nennen, 
weil sie feucht zu sein pflegt und eine Vernix caseosa liefert. Em- 

*) Mein Handbuch der spec. Palh. u. Ther. 1854. Bd. I. S. 310. 



Matricular- und Uebergangsgewebe. 75 

bryonal im strengeren Sinne des Wortes (d. h.dem Embryo angehörig) 
ist nur ein anfertiges, unreifes oder Uebergangs-Gewebe 
ans der früheren Zeit des intrauterinen Lebens. Embrj'onale Mus- 
keln sind schmale und verhältnissmässig kurze Cylinder oder 
Faserzeilen mit schmalen Lagen von Fleischsubstanz im Innern. 
Embryonale Nerven haben noch keine Markscheide. Embryonales 
Bindegewebe hat noch runde Zellen und eine nicht -faserige Zwi- 
schensubstanz. Aber nicht jedes unfertige Gewebe ist darum em- 
bryonal. Das Rete Malpighii, die Haarzwiebel, die Zahnpulpe sind 
und bleiben unfertige Gewebe, denn es soll aus ihnen Epidermis, 
Haar, Zahnbein entstehen. Sie werden überhaupt niemals fertig, 
denn sie sind eben zum Nachwuchs bestimmt, sie sind Matri- 
cular-Gewebe, welche nicht bloss den Mutterboden für die Er- 
satzzellen darstellen, sondern welche aus sich selbst durch Pro- 
liferation diese Ersatzzellen hervorbringen. Die Mehrzahl der 
gewöhnlichen Matricular- Gewebe findet sich daher in Verbindung 
mit abfälligen Geweben; eine kleinere Zahl besorgt gelegentlich 
das Ersatz - Geschäft für die Wechselgewebe, z. B. Knorpel und 
Beinhaut für den Knochen. Zwischen der Matrix und dem daraus 
hervorgegangenen Tochtergewebe ist die Stelle, wo man das 
üebergangsgewebe (tela transitoria) zu suchen hat, und nur 
in dem Falle, dass die ganze Matrix durch die Proliferation auf- 
gezehrt wird, wie es im Ovulum geschieht, welches in seiner To- 
talität in Bildungszellen aufgeht, tritt das Üebergangsgewebe als 
eigentlich embryonales für eine gewisse Zeit hindurch scheinbar 
ganz selbständig auf. 

Wirklich embryonal sind eben nur Gewebe des Embryo. Der 
Nabelstrang z. B. besteht seinem grössten Tbeile nach aus em- 
bryonalem Schleimgewebe; der Glaskörper des Embryo desgleichen. 
Aber man hat kein Recht, auch den Glaskörper des Erwachsenen 
aus embryonalem Schleimgewebe bestehen zu lassen, bloss deshalb, 
weil das Sehleimgewebe in ihm persistirt. Hier liegt vielmehr ein 
Dauergewebe vor, welches mit dem Augenblicke der Geburt auf- 
gehört hat, embryonal zu sein. 

Es giebt vielleicht kein Gewebe, welches in einem so hohen 
Maasse den Charakter eines embryonalen Zeitgewebes an sich 
trägt, als die Chorda dorsualis (Notochorde R. Owen). Es 
ist dies ein aus grossen, blasigen Zellen zusammengesetzter Strang, 
welcher ursprunglich durch die ganze Ausdehnung der später von 



76 Drittes Capitel. 

den Wirbelkörpern und den Z wischen wirbeUcheiben eingenomme- 
nen Region vom Keilbein bis zum Steissbein hindnrchlänft. Er 
stellt ein fast reines Zellengewebe dar, welches man Tersncht sein 
könnte, den Epithelialformationen anzureihen, wenn er nicht seiner 
ganzen Stellung nach den Geweben der Bindesubstanz angehörte. 
Indes bleibt die Intercellular-Secretion an ihm auf ein Minimum 
beschränkt. Früher nahm man allgemein an, dass nur bei den 
niedrigsten Fischen die Chorda persistire, dass sie dagegen bei 
allen höheren Wirbelthieren und namentlich beim Menschen ein 
rein embryonales oder fötales Gewebe sei, welches schon vor der 
Geburt gänzlich verkümmere. Erst Heinrich Müller hat dar- 
gethan, dass ein Theil der Chorda sich noch nach der Geburt er- 
hält. Daraus folgt, dass genau genommen selbst dieses Gewebe 
den Namen eines embryonalen nur während einer gewissen Zeit- 
daner verdient; der laxere Gebrauch, auch die nach der Geburt 
noch fortbestehenden Theile fötal zu nennen, rechtfertigt sich nur 
dadurch, dass dieselben in der That nur einen für das spätere 
Leben bedeutungslosen Rückstand einer fötalen Bildung darstellen. 
Eine derartige Concession darf jedoch nicht zu immer weite- 
ren Forderungen gemissbraucht werden. Was soll man davon 
sagen, wenn im Ernst von einigen Schriftstellern erklärt wird, 
das Schleimgewebe sei embryonales oder fötales Bindegewebe? 
Sieht man nicht, dass man mit gleichem Rechte das Enorpelge- 
webe aus der Reihe der selbständigen Gewebe streichen und das- 
selbe einfach als embryonales Knochengewebe bezeichnen könnte? 
Ich will gar nicht davon sprechen, dass nicht einmal die voraus- 
gesetzte Thatsache richtig ist, indem das Schleimgewebe gewöhn- 
lich in Fettgewebe, aber nicht in eigentliches Bindegewebe über- 
geht. Aber gesetzt, es wäre richtig, dass Schleimgewebe das Bil- 
dungsgewebe für Bindegewebe sei, so muss man sich doch dar- 
über klar werden, dass nicht jedes Bildungsgewebe (tela for- 
mativa s. formans) embryonal genannt werden kann, gleichviel zu 
welcher Zeit des Lebens es sich findet. Es gibt dreierlei Ärt^n 
von Bildungsgewebe: Matriculargewebe (Matrices) iin engeren 
Sinne des Wortes, welche durch Proliferation, also durch Hervor- 
bringung neuer Elemente, ein Tochtergewebe erzeugen, neben wel- 
chem sie fortbestehen, blosse Vorgewebe (telae praecursoriae), 
welche durch die Proliferation verzehrt werden und nach der Er- 
zeugung der neuen Gewebe nicht mehr vorhanden sind, und end- 



Keimte webe. 77 

lieb üebergangsgewebe (telae transitoriae), welche sich durch 
Metaplasie, ohne wesentliche YerändeniDg in der Zahl ihrer Ele- 
mente, in andere Gewebe umbilden. Im Embryo kommen alle 
drei Arten Tor, und man fasst sie gelegentlich wohl unter dem 
Sanmitnamen der Anlagen oder Eeimgewebe (telae germi- 
nativae) zusammen. 

Die Eizelle ist gewissermaassen der Prototyp eines Vorgewe- 
bes, denn obwohl durch fortschreitende Proliferation aus ihr die 
späteren Gewebe des Embryo hervorgehen, so hört sie selbst doch 
auf zu existiren. Sie verhält sich in dieser Beziehung, wie jene 
Epithelialzellen , aus deren Wucherung die von ihnen selbst ganz 
verschiedenen Drüsenzellen hervorgehen. So erklärt es sich, 
dass auch die Drüsenbildung eine einmalige ist, die sich nicht 
fortsetzt oder wiederholt, wie die Bildung der Haare oder des Na- 
gels oder der Epidermis, bei denen ein gewisser Theil der ger- 
minativen Zellen als Matrix persistirt. Die Haarzwiebel, die Falz- 
zellen des Nagels, das Rete Malpighii wuchern ebenfalls, aber nicht 
alle ihre Elemente gehen gleichzeitig oder kurz nach einander in 
das neue Gewebe auf. So ist der Knorpel eine wahre Matrix, die 
trotz reichlichster Wucherung an den meisten Orten noch einen 
gewissen Rest unversehrter Substanz übrig behält, aus welcher 
immer wieder von Neuem Mark und Knochengewebe erzeugt 
werden können. Allerdings besteht, wie leicht ersichtlich, zwischen 
den Yorgeweben und den Matriculargeweben keine scharfe Grenze. 
Die Bildung der Krystallinse wird frühzeitig abgeschlossen, und, 
wie wir gesehen haben, niemals später wird nach dem Verlust 
derselben eine neue vollständige Linse regenerirt. Nichtsdesto- 
weniger persistirt ein gewisser Theil der germinativen Zellen und 
eine unvollständige Reproduction der Linse ist daher allerdings 
möglich. Das Kapsel -Epithel ist demnach mehr als Matrix und 
nicht als blosses Vorgewebe aufzufassen. 

Manche embryonale Gewebe erscheinen unter Verhältnissen, 
wo man versucht wird, sie entweder für Matriculargewebe oder 
wenigstens für Vorgewebe zu halten. Die Chorda dorsualis liegt 
inmitten der späteren Wirbelkörper und ihr knorpelartiger Cha- 
rakter legte es nahe, in ihr die erste Anlage der späteren Wir- 
belkörper und zwar namentlich der knorpeligen Matrices derselben 
zu sehen. In der That hat man geglaubt, dass aus ihr oder doch 
aus ihrer Scheide die Vertebralknorpel hervorgingen. Erst die 



78 Drittes Gopitel. 

neuere Forscbong hat gelehrt, dass dies ein Irrthnm war, indem 
die Knorpel ausserhalb der Chorda und ihrer Scheide entstehen. 
Aehnlich war es mit dem sogenannten MeckeTschen Knorpel, 
dessen Lage in unmittelbarer Verbindung mit dem Unterkiefer es 
wahrscheinlich machte, dass er wirklich die Matrix des Unterkie- 
fers sei. Aber auch hier erweist sich der Knochen als eine äussere 
Belagsmasse des Knorpels. Während der letztere daher sich hier 
als ein rein fötales Zeitgewebe darstellt, so gehen aus seinem hin- 
teren Ende allerdings der Hammer undAmbos, namentlich in sehr 
deutlicher Weise der Hammerfortsatz hervor, und es erweist sich 
daher dasselbe Gebilde, welches an seinem vorderen Ende eine 
bloss temporäre Bedeutung hat, in seinem hintersten Abschnitte 
als ein wirkliches Yorgewebe. 

Was die Uebergangsgewebe betrifft, so entstehen sie entwe- 
der aus den Yorgeweben oder aus Matriculargeweben. Die aus 
der Furchung der Eizelle entstehenden Ur- oder Bildungszellen 
(cellulae primordiales s. formativae) bieten ein schönes Beispiel 
dafar. Die farblosen Blutkörperchen stehen ihnen nahe. Manche 
Uebergangselemente zeichnen sich durch ganz besondere, sonst 
fast gar nicht normal vorkommende Formen aus. Ich erinnere in 
dieser Beziehung an die vielkemigen Riesenzellen des Knochen- 
marks. Andere Uebergangselemente wiederum haben so indiffe- 
rente und gleichmässige Formen, sie stellen so sehr die einfachste 
Erscheinnng nicht differenzirter Zellen dar, dass man ge- 
rade deshalb vielfach geneigt ist, sie sämmtlich zu identificiren, 
und, wie früher unter dem Namen von Primordial- oder Ex- 
sudatzellen, so jetzt unter dem der farblosen Blutkörperchen 
zusammenzufassen. Gerade im Knochenmark, wie in der Milz, 
kommen neben grossen und vielkemigen Elementen solche kleine, 
runde, einfache Zellen sehr häufig vor. 

Der entwickelte Organismus zeigt in allen diesen Beziehungen 
keine durchgreifenden Yerschiedenheiten von dem fötalen. Die 
blosse Form der Elemente oder Gewebe genügt daher keineswegs, 
dieselben für fötal oder embryonal auszugeben. Die Gesetze 
der Entwickelung gelten für alle Zeiten des Lebens, 
und wenn dieselben nicht zu allen Zeiten in gleicher Ausdehnung 
und Häufigkeit zur Geltung kommen, so darf man darüber nicht 
vergessen, dass die Bedingungen nicht zu allen Zeiten gleiche 
sind. Eine corrccte Terminologie ist aber nur zu gewinnen, wenn 



Continaität der Gewebe. 79 

wir jedem Lebensalter seine besondere Beziehung lassen. Gerade 
die Pathologie mnss in dieser Beziehung besonders streng sein, 
da ihr Erfahrungsgebiet eine grosse Reibe von Erscheinungen um- 
fasst, welche im gewöhnlichen Leben auf gewisse Zeiten der Ent- 
wickelung, z. B. auf das embryonale Leben beschränkt sind, wel- 
che aber unter krankhaften Verhältnissen zu ganz ungehörigen 
Zeiten auftreten. Muskel- und Nervenfasern von ganz embryo- 
nalem Charakter können im Zeitalter der Pubertät oder noch spä- 
ter entstehen, aber wenn man sie ihres Charakters wegen embryo- 
nal nennen wollte, so wurde man Gefahr laufen, die grösste Ver- 
wirrung hervorzurufen. 

Es erhellt aus diesen Erörterungen, dass wir trotz der Wich- 
tigkeit der physiologischen Gesichtspunkte doch einer rein anato- 
mischen Classification der Gewebe nicht entbehren können. Sie 
bildet für die Physiologie und Pathologie eine ebenso nothwendige 
Grundlage, wie die anatomische Classifikation der Pflanzen und 
Thiere für die Botanik und die Zoologie. Gleichwie jedoch der 
Botaniker und der Zoolog jede einzelne Species und Varietät, ja 
wie der Gärtner und der Viehzüchter jedes Individuum von Baum 
und Thier besonders in seinen Eigenschaften und Eigenthümlich- 
keiten studiren muss, so wird auch der Physiolog und noch mehr 
der Patholog auf eine gleiche Individualisirung und Localisirung 
seiner Forschungen hingewiesen. 

Bevor ich jedoch diese Betrachtungen schliesse, muss ich 
noch ein Paar Augenblicke bei der Erörterung einiger wichtiger 
principieller Punkte verweilen, welche die thierischen Gewebe in 
ihrer Verwandtschaft unter einander und Abstammung von einan- 
der betreffen, und welche wiederholt zu allgemeinen, mehr phy- 
siologischen Formulirungen Veranlassung gegeben haben. 

Als Reichert es unternahm, die Gewebe der Bindesubstanz 
zu einer grösseren Gruppe zusammenzufassen, ging er hauptsäch- 
lich von dem philosophischen Satze aus, dass der Nachweis der 
Continuität der Gewebe über ihre innere Verwandtschaft ent- 
scheiden müsse. Sobald man erkennen könne, dass irgend ein 
Theil mit einem andern continuirlich (durch inneren Zusammen- 
hang, nicht durch blosses Zusammenstossen) verbunden sei, so 
müsse man auch beide als Theile eines gemeinschaftlichen Ganzen 
betrachten. Auf diese Weise suchte er zu beweisen, dass Knor- 
pel, Beinhaut, Knochen, Sehnen u. s. f. wirklich ein Continuum, 



80 Drittes Capitel. 

eine Art von Gnindgewebe des Körpers bildeten, die Bindesab- 
stanz, welche an den verschiedenen Orten gewisse Differenzinm- 
gen erfahre, ohne dass jedoch der Charakter des Gewebes als sol- 
chen dadurch aofgehoben würde. Dieses sogenannte Gontinni- 
täts-Gesetz hat bald die grOssten Erschütterungen erfahren, 
und gerade in der jüngsten Zeit sind so gefährliche Einbrüche in 
dasselbe geschehen, dass es kaum noch möglich sein dürfte, dar- 
aus ein allgemeines Kriterium für die Bestimmung der Art eines 
Gewebes herzunehmen. Man hat immer neue Thatsachen für die 
Continuität solcher Gewebs - Elemente beigebracht, welche nach 
Reichert toto coelo auseinander gehalten werden müssten, z.B. 
von Epithelial- und Bindegewebe; insbesondere haben sich die 
Angaben gehäuft, dass cylindrische Epithelzellen in fiadenförmige 
Fasern auslaufen, welche direct in Zusammenhang treten mit 
Bindegewebs-Elementen, z. B. am Darm. Ja, man hat sogar in 
der neuesten Zeit eine Reihe von Angaben gemacht, nach denen 
solche Zellen der Oberfläche nach Innen fortgehen und dort mit 
Nervenfasern in unmittelbarem Zusanmienhang stehen sollten, z. B. 
am Gehirn. Was das letztere betrifft, so muss ich bekennen, dass 
ich noch nicht von der Richtigkeit der Darstellung überzeugt bin, 
allein was den ersteren Fall anbelangt, so besteht ein wirkliches 
Continuitäts -Yerhältniss der Elemente. Man ist also nicht mehr 
im Stande, scharfe Grenzen zwischen jeder Art von Epithel und 
jeder Art von Bindegewebe zu ziehen; es ist dies nur da möglich, 
wo Plattenepithel sich findet, und auch hier nicht überall, wäh- 
rend die Grenzen zweifelhaft sind überall, wo Gylmder - Epithel 
existirt. 

Ebenso verfälschen sich die Grenzen auch anderswo. Während 
man früher zwischen Muskel- und Sehnen-Elementen eine scharfe 
Grenze annahm, so hat sich auch hier, zuerst durch Hyde 
S alter und Huxley, ergeben, dass an die Elemente des Binde- 
gewebes direct Faserzellen sich anschliessen, welche nach und 
nach den Charakter quergestreifter Muskehi annehmen. Auf 
diese Art ergeben sich in dem Bindegewebe sowohl mit den 
Elementen der Oberfläche, als mit den edleren Elementen der 
Tiefe continuiriiche Verbindungen. Erwägt man nun anderer- 
seits, dass die Elemente des Bindegewebes aller Wahrscheinlich- 
keit nach bestimmte Beziehungen zu dem Gefässapparat, insbe- 
sondere zu den Lympbgefässen haben, so liegt es sehr nahe, in 



Abstammung der Gewebe. 81 

dem Bindegewebe eine Art von indifferentem Sammelpunkt, 
eine eigenthomliche Einrichtnog far die innere Verbindung der 
Theile zu sehen, eine Einrichtung, die allerdings nicht für die 
höheren Funktionen des Thieres, aber wohl für die Ernährung und 
Entwickelung von der allergrössten Bedeutung ist. 

Noch viel auffälliger sind die Beziehungen zwischen den letz- 
ten Verzweigangen der peripherischen Nerven und den Elementen 
anderer Gewebe. Seit Doyfere hat sich die Aufmerksamkeit haupt- 
sächlich der Verbindung zwischen den letzten Ausläufern der mo- 
torischen Nerven und den Huskelprimitiv bündeln zugewendet, und 
es ist nicht mehr zweifelhaft, dass die ersteren das Sarkolemm 
dorchbohren und in direkten Gontakt mit der Fleischsubstanz tre- 
ten. Noch weiter gehen die Verbindungen zwischen den terminalen 
Nerven und den Epithelien. Hensen hat in Froschlarven die 
Nervenfädchen bis zu den Eernkörperchen der Hautepithelien ver- 
folgt; Lipmann hat Aehnliches an dem hinteren Epithel der 
Hornhaut und selbst an den Eörperchen der Hornhaut wahrge- 
nommen. Pflüg er sah die letzten Nervenausläufer an die Zellen 
der Speicheldrüsen treten. 

An die Stelle des Gontinuitätsgesetzes muss man daher noth- 
wendig etwas Anderes setzen. Nicht der Zusammenhang zwischen 
den Theilen, welcher möglicherweise erst einer späteren Entwicke- 
lungszeit angehört, und welcher Verbindungen zwischen Theilen 
sehr verschiedener Natur herbeiführen kann, sondern die Entste- 
hung ist entscheidend. Die Verwandtschaft der Gewebe führt 
zurück auf eine gemeinsame Abstammung (Descendenz). 
Allerdings lehrt die Geschichte des befruchteten Ei's, dass in letz- 
ter Abstammung die verschiedenartigsten Gewebe von einem ge- 
meinschaftlichen Anfange ausgehen, aber in dem Fortgange der 
Proliferation kommen wir an gewisse Stadien, wo die einzelnen 
Zellen oder Zellengruppen ihre Differenzirnng beginnen, und von 
hier aus kehrt jede Zelle oder Zellengruppc ihre besondere Eigen- 
thnmlichkeit heraus. Eine gewisse Familienähnlichkeit kann ihnen 
allen anhaften; nichtsdestoweniger geht eine jede Gruppe ihren ei- 
genen Weg, der von dem der anderen verschieden ist. Bei Men- 
schen einer bestinmiten Race finden sich gewisse Eigenschaften der 
Haare und der Haut, des Schädel- und Zahnbaus, der Grösse und 
des Umfanges der verschiedensten Skelettheile mit so grosser Be- 
ständigkeit wieder, dass wir aus einzelnen Merkmalen auf die Auwe- 

Virehov, CHInUr-Paihol. 4. Aufl. G 



82 Drittes Gapitel. 

senheit der anderen schliessen können. Der gemeinsame Ursprung 
aller Gewebe von dem einen befruchteten Ei gibt die allerdings nur 
grobe Erklärung dieser Erfahrung. Von Zelle zu Zelle pflanzt sich 
wenigstens etwas aus dem ursprünglichen Vorgewebe fort. Je mehr 
sich die Matriculargewebe ausbilden, um so sichtbarer wird die Ver- 
wandtschaft ihrer Derivate unter einander. Wenn aus dem Rete Mal- 
pighii des Embryo einerseits Haarzwiebeln, andererseits Schweiss- 
und Talgdrüsen entstehen, so lässt sich vermuthen, dass eine ge- 
wisse Beziehung zwischen Haarbildung und Absonderung von 
Schweiss und Talg bestehen muss, und es begreift sich, dass Bei- 
des bei einem Neger anders ist, als bei einem Weissen. 

Eine genauere Eenntniss der Stammbäume der Gewebe 
wird manches noch jetzt bestehende Räthsel lösen. Leider sind 
die embryologischen Erfahrungen noch keineswegs sicher genug, 
um aach nur eine üebersicht zu geben^ Hat doch erst in neuerer 
Zeit His alle früheren Vorstellungen angegriffen, indem er das 
embryonale Bindegewebe- gar nicht von der Eizelle, sondern von 
dem Dotter ausgehen lässt, der sich ausserhalb derselben befindet. 
Schon die früheren Embryologen waren darin einig, dass eine an- 
dere Quelle für das Bindegewebe, als für die Epithelialformation 
besteht, dass besondere Heerde für Muskel- und Nervenbildung 
existiren. Je weiter die Forschung schreitet, um so sicherer wird 
sich von diesem Felde aus die genetische Topographie des 
Körpers gestalten lassen. 

Für den erwachsenen Körper, ja schon für die späteren Zeiten 
der fötalen Entwickelung ist von entscheidender Wichtigkeit das 
Gesetz der histologischen Substitution. Bei allen Geweben 
derselben Gruppe besteht die Möglichkeit, dass sie gegenseitig für 
einander eintreten. Zu verschiedenen Zeiten des Lebens finden 
sich an derselben Stelle verschiedene Glieder einer Gewebsgruppe. 
Bei verschiedenen Thierklassen wird an einem bestimmten Orte 
des Körpers das eine Gewebe ersetzt durch ein analoges Gewebe 
derselben Gruppe, mit anderen Worten, durch ein histologisches 
Aequivalent. 

Eine Stelle, welche Cylinderepithel trägt, kann Plattenepithel 
bekommen ; eine Fläche, die anfänglich flimmerte, kann später ge- 
wöhnliches Epithel haben. So treffen wir an der Oberfläche der 
Himventrikel zuerst Flimmer-, späterhin einfaches Plattenepithel. 
Die Schleimhaut des Uterus flimmert für gewöhnlich, aber in der 



Histologische Aequivalente. g3 

Gravidität wird die Schicht der Flimmercylinder an der Decidna 
ersetzt durch eine Lage von Plattenepithel. An Stellen, wo wei- 
ches Epithel vorkommt, entsteht nnter umständen Epidermis, z. B. 
an der vorgefallenen Scheide, an den Stimmbändern. In der Scle- 
rotica der Fische findet sich E[norpel, während sie beim Menschen 
ans dichtem Bindegewebe besteht; bei manchen Thieren kommen 
an Stellen der Haut Knochen vor, wo beim Menschen nur Binde- 
gewebe liegt, aber auch beim Menschen wird an vielen Stellen, 
wo gewöhnlich Knorpel liegt, zuweilen Knochengewebe gefunden, 
z. B. an den Rippenknorpeln. Knorpel kann sich in Schleimge- 
webe, dieses in Fettgewebe oder in Ejiochengewebe umwandeln, 
wie es bei der gewöhnlichen Knochen-Entwickelung der Fall ist. 
Am anfffiOigsten sind diese Substitutionen im Gebiete der Mus- 
keln. Der Oesophagus besitzt in seinem oberen Abschnitte quer- 
gestreifte, im unteren glatte Muskelfasern. Bei einigen Fischen 
findet sich quergestreifte Muskulatur an Theilen des I^ahrungska- 
nals, wo die anderen glatte haben, z. B. am Magen des Schlamm- 
peitzgers (Cobitis) und am Darm der Schleie (Tinea). 

Nicht alle diese Substitutionen sind gleichwerthig. Ein Theil 
derselben führt direkt auf Metaplasie (S. 70) zurück, indem die 
Elemente persistiren und entweder ihren Charakter ändern, oder 
eine andere Art von Intercellularsubstanz abscheiden. Wenn Knor- 
pel in Schleimgewebe übergeht, so bleiben seine Zellen bestehen 
und die Intercellularsubstanz wird weich. Ein anderer Theil der 
Substitutionen, nehmlich alle diejenigen, bei welchen es sich um 
verschiedene Arten von Thieren handelt, also alle diejenigen, 
welche der vergleichenden Anatomie angehören, zeigt uns paral- 
lele, aber nicht continuirliche Reihen. Haare und Federn sind 
parallele, Knorpel und Knochen continuirliche Aequivalente. 



G 



» ^ 



Viertes CapiteL 

Die pathologischen Gewebe. 



Dl« pmtholofiMlMB Ocvtbe (KcoplMmen) «ad Ihr« CUati6eation. B«d«atang d«r V««cial«ri«atloB. 
Di« Doctrin tob d«n •pecifiich«n Elem«ntcn: Kreba, Tob«rk«l. DI« phjtiologlsclMB Yorbll- 
d«r (Reprodsctlon). Binfsch« (bUtioldf) ood saMinnieng««etat« (orfaaold« «ad t«r«toldc) 
Neabildaag««. Honolofl« «ad H«t«rologic ( Het«rotopl« , Hetcrochroal« , Il«t«roM«tri« ;. 
Maligaitit. Hjptrtrophl« nad HyperpUtie. Kriteri^a der Homolog i«. Degca«ratioB. Progno- 
ttiteb« Ocalchtapaakt«. 

Uag«w5haUcbc Aaalogi«« d«r patboloicItcheB 6«««be: Krcb«. B«rkom (6piBd«lM}l«B, Rl«««a«cllea}. 
▲bfUmmoag d«r pathologuchea Gewcb«: CoBtiaoillt der fiatwickcloag, DUcoBUaaiUt d«i 
Typa«. Patbologlftche SnbstUatioaca «ad AeqQlvaleat«. Homologe uad heurolog« 8ab«ti> 
tatloa. Bllduag p«r prlman aut ««eeadaai iatcBtioaam. VerachiedeaarUg« Satatchaog d«r<- 
••Ibea Gcwob« aatcr Teracbied«aeB BediogoBgea: Kaochea, Bladeg«w«b«. Orgaalaatioa fibrl- 
afii«r Blaateme. M«Upla«l«. V«r«ehicdeBartlg« AbstamiaaBg d«raelb«n G«wcb«art 



n enn man von pathologischen Geweben spricht, so kann man 
natürlich damit nnr die pathologisch neu entstandenen meinen, 
und nicht etwa die durch irgend eine pathologische Störung yer- 
änderten physiologischen Theile. Es handelt sich also hier um 
eigentliche Neubildungen, Neoplasmen, um das, was im Laufe 
pathologischer Processe an neuen Geweben zuwächst, und es fragt 
sich: lässt sich das, was wir physiologisch als allgemeine Typen 
der Gewebe hingestellt haben, auch pathologisch festhalten? Darauf 
antworte ich ohne Rückhalt: ja, und so sehr ich auch darin ab- 
weiche von vielen der lebenden Zeitgenossen, so bestimmt man 
auch noch in den letzten Jahren die ganz besondere (speeifische) 
Natur der Elemente vieler pathologischen Gewebe hervorgehoben 
hat, so bin ich doch überzeugt, dass jedes pathologische Gebilde 
ein physiologisches Vorbild hat, und dass keine pathologische Form 
entsteht, deren Elemente nicht zurückgeführt werden könnten auf 
ein in der thierischen Oekonomie gegebenes Vorbild. 



Classification der Neoplasmen. g5 

Die Classification der pathologischen Nenbildangen ist früher- 
hin meistentheils versucht worden vom Standpunkte der Vascu- 
larisation aus. Bis zur Zeit der Zellentheorie hat man die Frage 
von der Organisation bestimmter Theile entschieden durch den Nach- 
weis ihrer Vascularisation oder Nicht- Vascularisation. Man nahm 
jeden Theil als organisirt, der Gefässe enthielt, jeden als nicht or- 
ganisirt, der keine Gefässe führte. Dies ist für den heutigen Stand- 
punkt an sich schon eine Unrichtigkeit, insofern wir auch physiolo- 
gische Gewebe ohne Gefässe, wie die Knorpel, das Epithel haben. 

So lange als man, entsprechend dem niedrigen Stande der 
mikroskopischen Technik, die zelligen Elemente höchstens als 
Kügelchen kannte und diesen Eügelchen sehr verschiedene Be- 
deutung beilegte, war es zu verzeihen, dass man sich an die Ge- 
fässe hielt, insbesondere seit John Hunter die Yergleichung der 
pathologischen Neubildung mit der Entwickelung des Hühnchens 
im Ei in die allgemeine Vorstellung eingeführt und zu zeigen ver- 
sucht hatte, dass ähnlich, wie das Punctum saliens im Hühnerei 
die erste Lebenserscheinung darstelle, so auch in pathologischen 
Bildungen Blut unj Geßlss das Erste sei. Nach diesem Vorbilde be- 
schrieben noch Rust und Kluge manche „parasitischen^ Neubil- 
dungen als versehen mit einem unabhängigen Gefösssystem, wel- 
ches, ohne Wurzel in den alten Gefässen, sich, wie im Hühnchen, 
ganz selbständig bilden sollte. Freilich hatte man schon vor dieser 
Zeit vielfach versucht, die scheinbar so abweichenden Formen der 
Neubildungen auf physiologische Paradigmen zurückzuführen; na- 
mentlich ist dies ein wesentliches Verdienst der Naturphilosophen 
gewesen, in jener Zeit, wo die Theromorphie eine grosse Rolle 
spielte und man in den pathologischen Dingen vielfache Analogien 
mit den Zuständen niederer Thiere fand, hat man auch angefan- 
gen, VergleichuDgen zwischen den krankhaften Neubildungen und 
bekannten Theilen des gesunden Körpers zu machen. So sprach 
der alte J. F. Meckel von dem brustdrüsenartigen, dem pan- 
creasartigen Sarkom. Die Heteradenie, die heterologe Bildung 
von Drüsensubstanz, welche in der neuesten Zeit von Paris aus 
als eine Neuigkeit beschrieben worden ist, war in der deutschen 
naturpbilosophischen Schule vor einem halben Jahrhundert eine 
ziemlich allgemein angenonunene Thatsache. 

Erst seitdem man die histologische Seite der Entwickelungs- 
gescbichte zu bebauen begonnen hat, hat man sich mehr und mehr 



86 Viertes Capitel. 

davon überzeagt, das» die meisten Neubildungen Theile enthalten, 
welche irgend einem physiologischen Gewebe entsprechen. Selbst 
in den mikrographischen Schulen des Westens hat man sich theil* 
weise begnügt anzunehmen, dass es in der ganzen Reihe der Neu- 
bildungeli nur ein besonderes Gebilde gäbe, welches specifisch ab- 
weichend sei von allen natürlichen Bildungen, nämlich den Krebs. 
Von ihm nahm man an, dass er ganz und gar von den physiolo- 
gischen Geweben abweiche, Elemente sui generis enthalte, während 
man eigenthumlicher Weise das zweite Gebilde, das die Aelteren 
dem Eürebsgewebe anzunähern pflegten, nämlich den Tuberkel, viel- 
fach bei Seite liess, obwohl man doch auch für ihn kein Analogon 
fand. Aber man deutete ihn als ein unvollständiges, mehr rohes 
(c rüdes) Product, als ein nicht recht zur Organisation gekomme- 
nes, gewissermaassen unfertiges Gebilde, und glaubte ihn daher 
mehr den blossen Exsudationen anreihen zu dürfen. 

Wenn man jedoch den Krebs oder den Tuberkel sorgfältiger 
betrachtet, so kommt es auch bei ihnen nur darauf an, dasjenige 
Stadium ihrer Entwickelung aufzusuchen, in welchem sie die Höhe 
ihrer Gestaltung erreicht haben. Man darf weder zu früh unter- 
suchen, wo die Entwickelung unvollendet, noch zu spät, wo sie 
über ihr Höhenstadium hinausgerückt ist. Hält man sich an die 
Zeit der Entwickelungshöhe (Acme, Florescenz), so lässt sich 
für jedes pathologische Gewebe auch ein physiologisches Vorbild 
finden, und es ist eben so gut möglich, für die Elemente des 
Krebses solche Vorbilder zu entdecken, wie es möglich ist, die- 
selben für den Eiter zu finden, der, wenn man einmal specifische 
Gesichtspunkte festhalten will, ebenso im Rechte ist, als etwas 
Besonderes betrachtet zu werden, wie der Krebs. Beide stehen 
sich darin vollkommen parallel, und wenn die Alten von Krebs- 
eiter gesprochen haben, so haben sie in gewissem Sinne Recht 
gehabt, da der Eiter vom Krebssafte sich nur durch die Ent- 
wickelungshöhe der einzelnen Elemente unterscheidet 

Eine Classification auch der pathologischen Gebilde lässt sich 
ganz in der Weise aufstellen, die wir vorher für die physiologi- 
schen Gewebe versucht haben. Zunächst gibt es auch hier Ge- 
bilde, welche, wie die epithelialen, wesentlich aus zelligen Theilen 
zusammengesetzt sind, ohne dass zu diesen etwas Erhebliches hin- 
zukommt (epitheliale Neubildungen). In zweiter Linie 
treffen wir Gewebe, welche sich denen der Bindesubstanz an- 



Pathologische Organe. 87 

schliessen, indem regelmässig neben zelligen Theilen eine gewisse 
Menge von Zwischensnbstanz vorhanden ist (bindegewebige 
Nenbildnngen). Endlich in dritter Linie kommen diejenigen 
Bildungen , welche sich den höber organisirten Theilen, Blut, 
Muskeln, Nerven u. s. w. anschliessen. Es ist jedoch von vorn 
herein hervorzuheben, dass in den pathologischen Bildungen die- 
jenigen Elemente häufiger vorhanden sind, ja entschieden vor- 
walten, welche nur den niederen Graden der eigentlich thierischen 
Entwickelung entsprechen, dass dagegen im Ganzen diejenigen 
Elemente am seltensten nachgebildet werden, welche den höher 
organisirten, namentlich den Muskel- und Nervenapparaten ange- 
hören. Ausgeschlossen sind jedoch auch diese Bildungen keines- 
w^s; vielmehr kennen wir jede Art von pathologischer Neubil- 
dung, sie mag auf ein Gewebe bezüglich sein, auf welches sie will, 
wenn es nur überhaupt einen erkennbaren Habitus hat. Nur in 
Beziehung auf die Häufigkeit und die Wichtigkeit der einzelnen 
neu gebildeten Gewebe besteht eine Verschiedenheit in der Art, 
dass die grOsste Mehrzahl der pathologischen Producte überwiegend 
epitheliale oder Elemente der Bindesubstanz führen, und dass von 
denjenigen Gebilden, welche wir in der letzten Klasse der nor- 
malen Gewebe zusammenfassten, am häufigsten Gefässe und Theile, 
welche mit der Lymphe und den Lymphdrüsen verglichen werden 
können, neu entstehen, am seltensten aber wirkliches Blut, Mus- 
keln und Nerven. 

Dass man diesen so einfachen Standpunkt noch jetzt vielfach 
leugnet, erklärt sich nicht bloss daraus, dass das Verständniss der 
pathologischen Histologie überall die genaueste Eenntniss der 
physiologischen voraussetzt und ohne diese ganz und gar in die 
Irre geht, sondern vielleicht noch mehr daraus, dass es sich hier 
nicht bloss um einfache Gewebe, sondern häufig um besondere und 
grössere Zusamni^nordnungen von Geweben handelt, welche sich 
zu einer Art von pathologischen Organen zusammenfügen. 
Ein Dermoid besteht nicht bloss aus Epidermis oder aus Binde- 
gewebe, sondern es stellt eine pathologische Reproduction des 
Derma in seiner ganzen Zusammensetzung als Hautorgan dar, 
in welche Zusammensetzung Epidermis und Bindegewebe, Haare, 
Talg- und Schweissdrüsen, Fettgewebe und glatte Muskeln, Ge- 
fässe und Nerven eintreten können. Ein Osteom besteht nicht bloss 
aus Knochengewebe (tela ossea), sondern es kann ausserdem Mark, 



88 Viertes Oapitel. 

Knorpel ond Bindegewebe enthalten. Und so entspricht aach der 
Krebs nicht einem einzigen physiologischen Gewebe, sondern er 
enthält, ähnlich wie eine Druse, zellige Elemente in besonderen 
Hohlräumen oder Kanälen, welche getragen werden durch ein 
Stroma von Bindegewebe mit Gefissen. Alle diese Arten von 
Nenbildongen entsprechen also den Gegenständen der speciellen 
Histologie, der Organenlehre, und ihre gesammte Lebensgesehichte, 
ihre Entwickelnng und Rückbildong lässt sich nicht nach dem 
Maassstabe einfacher Grewebe benrtheileu, sondern nur nach dem 
Vorbilde zusammengesetzter Organe des Körpers, grösserer ana- 
tomischer Gruppen von Theilen des Organismus, welche bekannt- 
lich gerade durch ihre Zusammenfügung aus verschiedenen Ge- 
weben eine weit grössere Mannichfaltigkeit des Lebens und Er- 
krankens darbieten, als dies an einfachen Geweben möglich ist. 

Es zerfällt daher die ganze Reihe der Neoplasmen in zwei 
grössere Kategorien; einfache (histioide) und zusammen- 
gesetzte (organoide). Die einfachen finden sich in den zu- 
sammengesetzten wieder. Epithel und Bindegewebe können jedes 
für sich eine Neubildung aufbauen: sie können aber auch zu- 
sammentreten und eine Art von pathologischem Organ erzeugen. 
Kommen dazu immer mehr und mehr Gewebe, so kann endlich 
ein so complicirtes Grefuge entstehen, dass es nur mit grösseren 
Systemen des Körpers zu vergleichen ist. Indess ist dies selten 
und auch dann gewöhnlich so unordentlich, dass man diese Ka- 
tegorie als einen blossen Anhang zu der Lehre der Neubildungen 
zu betrachten hat. Manche dieser systematoiden Neubildungen 
gleichen so sehr gewissen Monstrositäten, ja ihre Grenze gegen 
die eigentlich fötalen Missbildungen ist so schwer zu ziehen, dass 
ich sie mit dem allgemeinen Namen der teratoiden belegt 
habe*). 

Wenn man diesen rein physiologischen Gesichtspunkt festhält, 
so wirft sich sofort die Frage auf, was aus der Lehre von der 
Heterologie der krankhaften Producte wird, einer Lehre, welche 
aufrecht zu erhalten man ülch seit langer Zeit bemuht hat, und auf 
welche die naturliche Anschauung scheinbar mit einer gewissen 
Nothwendigkeit hinführt. Hierauf kann ich nicht anders antworten, 
als dass es keine andere Art von Heterologie in den krankhaften 

•) Geschwülste. BJ. 1, S- 1)6. 



Heterologie und Malignitat. 89 

Gebilden gibt, als die ungehörige Art ihrer Entstehung oder 
ihres V^orkommens, und dass diese Ilngehörigkeit sich entweder 
darauf bezieht, dass ein Gebilde erzeugt wird an einem Punkte, 
wo es nicht hingehört, oder zu einer Zeit, wo es nicht erzeugt 
werden soll, oder in einem Grade, welcher von der typischen 
Norm des Körpers abweicht. Jede Heterologie ist also, genauer 
bezeichnet, entweder eine Heterotopie, eine Aberratio loci, oder 
eine Aberratio temporis, eine He tero chronic, oder endlich eine 
bloss quantitative Abweichung, Heterometrie. Schleimgewebe, 
welches im Gehirn entsteht, findet sich am unrechten Orte; eine 
Schleimgewebsgeschwulst, welche am Nabel eines Erwachsenen 
wächst, zeigt eine Gewebsbildung zar unrechten Zeit; die Mola 
hydatidosa stellt eine excessive Neubildung von Schleimgewebe 
an den Zotten des Chorion dar, also eine Neubildung in unge- 
höriger Menge. 

Man muss sich aber wohl in Acht nehmen, diese Heterologie 
im weiteren Sinne des Wortes nicht zu verwechseln mit der Ma- 
li gni tat. Die Heterologie im histologischen Sinne bezieht sich 
auf einen grossen Theil von pathologischen Neubildungen, die von 
dem Standpunkte der Prognose durchaus gutartig genannt werden 
müssen. Nicht selten geschieht eine Neubildung an einem Punkte, 
wo sie freilich durchaus nicht hingehört, wo sie aber auch keinen 
erheblichen Schaden anrichtet, oder wo der Schaden, den sie an- 
richtet, nicht aus dem Wesen, der Art der Geschwulst als solcher, 
sondern aus ihrer Lage, ihren Nachbarverhältnissen zu anderen 
Theilen, also aus den Zufälligkeiten des Sitzes und der Entwicke- 
lung zu erklären ist. Es kann ein Fettklumpen sich sehr wohl 
an einem Orte erzeugen, wo wir kein Fett erwarten, z. B. in der 
Submucosa des Dünndarms, aber im besten Falle entsteht dadurch 
ein Polyp, der auf der inneren Fläche des Darms hervorhängt 
und der ziemlich gross werden kann, ehe er Erankheitserschei- 
nnngen hervorruft. Tritt dieser Fall aber ein, so folgen daraus 
Erscheinungen der Zerrung, des Druckes, der Hemmung, also 
Erscheinungen mechanischer Art, aber keine einzige Erscheinung 
wirklich maligner Art. Denn wir können nur das busartig nennen, 
was seiner Natur nach schädlich ist, nicht das, was nur durch 
besondere Verhältnisse, per accidens, schädlich wirkt. 

Betrachtet man die im engeren Sinne heterolog zu nennenden 
Gebilde in Beziehung zu den Orten, wo sie entstehen, so ergibt 



90 Viertes Capitel. 

aich ihre Trenaang von den homologen dorcfa deo Nachweis, dus 
sie von dem Typns desjenigen Theils, in welchem sie entstehen, 
abweichen. Wenn im Fettgewebe eine Fettgeäcbwolst oder im 
Bindegewebe eine Bindegewebs -Geschwnlst sich bildet, so ist der 
Typas der BUdong des Neneo homolog dem Typas der Bildung 
des Alten. Alle solche Bildnngen fallen der gewöhnlichen Bezeich- 
nung nach unter den Begriff der Hypertrophie, oder, wie ich zur 
geoauereo Unterscheidung vorgeBchlagen habe zu sagen, der Uy - 
perptasie*). Hypertrophie in meinem Sinne bezeichnet den 
Fall, wo die einzeben Elemente eine betr&chtltcbe Masse von Stoff 
in sich aufnehmen und dadurch grosser werden, und wo durch 
die gleichzeitige Vergrösserung vieler Elemente endlich ein ganzes 
Organ anschwillt. Bei einem dicker werdenden Muskel werden alle 
Primitivbündel dicker. Eine Leber kann einfach dadurch hyper- 
trophisch werden, dase die einzelnen Leberzellen sich bedeutend 



vergrösscrn. In diesem Falle gibt es eine wirkliche Hypertrophie 
ohne eigentliche Neubildung. Von diesem Voi^ange ist wesentlich 
verschieden der Fall, wo eine Vergrössenmg erfolgt durch eine 
Vermehrung der Zahl der Elemente. Eine Leber kann 

Fig. 39. S«beaiati9«he DBratellnngeu tod LeberzelteD. A. Einfacbe phj- 
ainloKische ADOrdnnn^ derselbeo. B. Hypertrophie, a einfacbe, b mit KettauT- 
nahme (fi'ttige Degeneration, Fetlleber). C. Ujpcrplasic (numeriscbe oder ail- 
junetive U;pertropbie), a Zelle mit Kern und gelhciltem Kernkürpercben. b ge- 
lheilte Kerne, i-, c gctbeilte und daher kleinere Zellen. 

*] Handbuch der apec. Pathol. u. Th«rapie. 1854. 1. 321—28. 



Hyperplasie. 91 

nehmlich anch grösser werden dadurch, dass an der Stelle der ge- 
wöhnlichen Zellen sich eine Reihe von kleineren entwickelt. Eben- 
so sehen wir darch einfache Hypertrophie das Fettpolster der Haut 
anschwellen, indem jede einzelne Fettzelle eine grossere Masse von 
Fett aafoimmt; wenn dies an Tansenden nnd aber Tausenden, ja 
man kann sagen, an Hunderttausenden und Millionen von Zellen 
geschieht, so ist das Resultat ein sehr grobes und augenfälliges 
(Polysarcie). Allein es kann eben so gut sein, dass sich im Fettge- 
webe neben den alten Zellen neue hinzubilden und eine Yergrösserung 
der Gewebsmasse erfolgt, ohne dass die Elemente für sich eine Yer- 
grösserung erfEÜiren. Es handelt sich hier um wesentlich verschiedene 
Processe: um einfache und um numerische Hypertrophie. 
Hyperplastische Processe (numerische oder adjunctive Hyper- 
trophie) bringen in allen Fällen Gewebe hervor, welche dem Ge- 
webe des alten Theiles gleichartig sind. Eine Hyperplasie der Le- 
ber bringt wieder Leberzellen, die des Nerven wieder Nerven, die 
der Haut wieder die Elemente der Haut hervor. Ein heteroplasti- 
scher Process dagegen erzeugt Gewebselemente, welche freilich 
natürlichen Formen entsprechen, z. B. Elemente von drüsenartiger 
Natur, Nervenmasse, Theile von Bindegewebs- oder epithelialer 
Structur, aber diese Elemente entstehen nicht durch einfache Zu- 
nahme der vorher vorhanden gewesenen, sondern durch eine Neu- 
bildung mit Umwandlung des ursprünglichen Typus des Muttei^e- 
webes. Wenn sich Gehirnmasse im Eierstock bildet, so entsteht 
dieselbe nicht aus präexistirender Gehirnmasse, nicht durch irgend 
einen Akt einfacher Vermehrung; wenn Epidermis im Muskel- 
fleische des Herzens entsteht, so mag sie noch so sehr überein- 
stimmen mit der auf der äusseren Haut, sie ist doch ein hetero- 
plastisches Gebilde. Wenn sich Haare von ganz natürlichem Bau 
in der Himsubstanz finden, so mag man die grösste Uebereinstim- 
mung finden zwischen ihnen und Haaren der Körper -Oberfläche; 
es werden dies immer heteroplastische Haare sein. So sehen wir 
Knorpelsubstanz entstehen, ohne dass ein wesentlicher Unterschied 
zwischen ihr und der gewöhnlichen, bekannten Knorpelsubstanz be- 
steht, z. B. in Enchondromen. Dennoch erscheint das eigentliche En- 
chondrom als eine heteroplastische Geschwulst, selbst am Ediochen. 
Denn der fertige Knochen hat an den Theilcn, wo das Enchon- 
drom sich bildet, keinen Knorpel mehr, und die Phrase von dem 
Knochenknorpel, als der organischen Grundlage des Knochens, ist 



92 Viertes Capitel. 

eben nur eine Phrase. Es ist entweder die Tela ossea oder die 
Tela medallaris, in welcher das Eachondrom sitzt, und gerade da, 
wo eigentlicher Knorpel liegt, z. B. am Gelenkende, entstehen 
keine Enchondrome in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes. Da- 
gegen finden wir sehr ausgezeichnete Enchondrome in Drüsen, 
z. B. in den Speicheldrüsen, im Hoden. Es handelt sich hier also 
nicht um eine Hypertrophie oder Hyperplasie, die ein normaler 
Knorpel eingeht, sondern es ist eine vollständige Neubildung, 
welche eine Veränderung des localen Gewebstypus darstellt. In 
meinem Sinne kann daher dasselbe Gewebe das eine Mal 
homolog, das andere Mal heterolog sein. Fettgewebe in 
der Nierenkapsel ist homolog, in der Nierensubstanz heterolog. 
Epithel in Drüsenkanälen ist homolog, im Knochen heterolog. Die- 
selbe Geschwulst kann an einer Stelle homolog, an einer anderen 
heterolog sein. Eine Knochengeschwulst (Osteom) am Knochen 
ist hyperplastisch, im Gehirn heteroplastisch. 

Diese Auffassung ist wesentlich verschieden von der früher 
gangbaren, wie sie z. B. Lob stein vertrat, als er die Neubil- 
dungen in homöo plastische und heteroplastische eintheilte. Denn 
bei ihm, wie noch in der neuesten französischen Schule, gilt als 
homöoplastisch jede Neubildung, welche eine den physiologischen 
Geweben oder Organen des Körpers entsprechende Zusammen- 
setzung zeigt; eine jede solche wurde zugleich als gutartig angese- 
hen. Ich dagegen nehme in Beziehung auf die Frage von der Hete- 
rologie und Homologie keine Rücksicht auf die Zusammensetzung 
des Neugebildes als solchen, sondern nur auf das Yerhältniss des- 
selben zu dem Mutterboden, aus dem es hervorgeht. Heterologie 
in diesem Sinne bezeichnet die Yerschiedenartigkeit in dem Typus 
der Entwickelung des Neuen gegenüber dem Alten, oder, wie man 
gewöhnlich zu sagen pflegt, die Entartung (Degeneration), 
die Abweichung von der Eigenart des typischen Gewebes. 

Hiermit ist zugleich der entscheidende prognostische Anhalts- 
punkt gegeben. Wir kennen Geschwülste, welche den allergröss- 
ten Einklang ihrer Elemente darbieten mit den bekanntesten phy- 
siologischen Geweben. Eine Epidermis-Geschwulst kann, wie ich 
schon hervorgehoben habe, in ihren Elementen vollständig über- 
einstimmen mit gewöhnlicher Oberhaut, aber sie ist trotzdem nicht 
immer eine gutartige Geschwulst von bloss localer Bedeutung, 
welche abgeleitet werden dürfte von einer einfach hyperplastischen 



Degenerative Neubildung. 93 

Vermehrung präexistirender Gewebe, denn sie entsteht zaweilen 
mitten in Theilen, welche fem davon sind, Epidermis oder Epithel 
zu besitzen, z. B. beim Eankroid im Innern von Lymphdrüsen, 
in dicken Bindegewebslagen, welche von allen Oberflächen entfernt 
Uegen, ja sogar im Knochen. In diesen Fällen ist gewiss die Bil- 
dung von Epidermis so heterolog, als sich überhaupt etwas hete- 
rolog denken lässt. Anch hat die praktische Erfahrung gelehrt, dass 
es durchaus unrichtig war, aus der blossen Uebereinstinmiung der 
pathologischen Epidermis mit physiologischer auf den gutartigen 
Verlauf des Falles zu schliessen. Vielmehr zeigt uns die Beob- 
achtung der Kranken, dass jeder Fall verdächtig ist und uns zur 
Vorsicht mahnen muss, wo mr eine heterologe !N^eubildung an- 
treffen. 

« 

Gerade das ist, wie ich mit besonderer Betonung bemerken 
muss, nahezu der schwerste und am meisten begründete Vorwurf 
gewesen, welcher den mikrographischen Schilderungen der jüngst 
verflossenen Zeit gemacht wurde, dass sie, in dem Sinne Lob- 
stein 's von dem allerdings verzeihlichen Gesichtspunkte der hi- 
stologischen Uebereinstimmung mancher normalen und abnormen 
Bildungen ausgehend, jedes pathologische Neugebilde für unschäd- 
lich ausgaben, welches eine Eeproduction von präexistirenden und 
bekannten Körpergeweben darstellte. Wenn meine Ansicht richtig 
ist, dass überhaupt innerhalb der pathologischen Entwickelung 
keine absolut neuen Formen gefunden werden, dass es überall 
nur Bildungen gibt, die in der einen oder anderen Weise als Re- 
productionen physiologischer Gewebe betrachtet werden 
müssen, so fällt jener Gesichtspunkt in sich selbst zusammen. 
Für die Richtigkeit meiner Ansicht kann ich aber die Thatsache 
beibringen, dass ich bis jetzt in den Streitigkeiten über die Gut- 
oder Bösartigkeit bestimmter Geschwxdstformen bis auf einen Fall 
immer noch Recht behalten habe, und dass ich in diesem Falle, 
wo ich der Erfahrung mehr Recht einräumte, als meiner Theorie, 
gerade durch eine neue Erfahrung von der Zuverlässigkeit dieser 
Theorie fiberzeugt wurde. Es handelte sich dabei um die Mali- 
gnität einer Art des Dermoids. — 

Dass es einer so langen Zeit bedurft hat, diese so einfachen 
Gesichtspunkte zu gewinnen, erklärt sich zum grossen Theile aus 
der ungenauen Kennt niss der selteneren histologischen Formen, 
zum kleineren aus der allerdings ungewöhnlichen Entwickelung 



94 TieTtea Capjtel. 

mancher pathologiscbeo Elemente. Die Krebszelle entfipricbt, wie 
ich gezeigt habe*), ihrer ganzen Erscbeinong nach den Zelteo der 
EpitbelialformatioD. Aber in der Mehrzahl der Krebse haben die 
Zellen eine Grösse, Gestalt, Eernentwickelnng, wie sie ao dem 
gewöhnlichen Epithel selten vorkommt Dagegen zeigt das früher 
(S. 30, Fig. 16.) erwähnte Epithel derHamwege die grösst« Ueber- 
einstimmnng damit, nnd man würde gewiss viel früher anf die rich- 
tige Deatnng gekommen sein, wenn man dieses eigentb&mliche Epi- 
thel früher richtig gewürdigt hätte. In den sogenannten Epiderrois- 
krebsen oder Kankroiden dagegen finden sich so entschieden epider- 
moidole Formen, dass man glanbte, diese Gescbwalstart ganz von 



Fig. 30. Grosse .Spindcliellen (fibroplasttsche Körper) in ihrer lutiirlicbeD 
AnorilnunK am einem .Sarromi rusiM?elliilare der Kürkenmarkitbäiile. Verfp^u. 
350. C'Jwthwäl''"' »■ S. 197. V\g. I3G). 

•) ArchiT 1847. Bd. I. S. 105. 



Sarkome. {t& 

den Krebsen trennen and zn den einfach hypertrophlBchen ood daher 
jmtartigen BUdnngen stellen zu mfissen. In den SpiDdelsarkomon 
finden sich so grosse imd etgenthümliche Zellen, dass noch jetzt 
Mancher sich weigert, sie den gewöhnlich so kleinen Spindelzellen 
des Bindegewebes (Fig. 4b. 21.) parallel zn stellen; hat man sich 
von der kolossalen Entwickelnng dieser Spiudekellen in der De- 
cidna uterina Qberzengt, so verschwindet das Anffällige. In den 
BiesenzeUensarkomen wiederum trilTt man überaas grosse, stellen- 
weise fast ODgebenerliche Zellen mit zahlreichen Kernen, fQr die 



jede Analogie zn fehlen scbeint. Allein das Stndiam des jai^en 
EDochenmarkes oder der Rindenschicht der NebenniereD lehrt nns 
aoalf^e Formen anch im normalen Entwickelnngsgange kennen. 
Aof dieser Stufe der Erkenntniss ai^elangt, stosseo wir anf 



Fig. 31. DarchBchnitt auB einer Epnlis urcom&tosa des Unterkiefers. Zahl- 
reiche, dicht gedrängte SpiDdeUellea (fibroplaslische Körper) bilden ein« Art von 
naschigem Qeröst, in dessen Räumen lielkemigo, mit feineren und grölieren 
Portsmtien leraebeue Rieseniellen (myeloide Zellen, Hjeloplaxen) liegen. Vergr. 
300. (Oeecbwölste II. S. 317. Fig. l.iS). 



96 Viertes Capitel. 

eine neue Schwierigkeit. Jedesmal, wo eine pathologische Bildung 
auf physiologische Vorbilder zurückgeführt wird, erhebt sich die 
Frage, ob sie nicht direct von einem solchen physiologischen Ge- 
bilde abstamme. In der That liegt es nahe, an eine continuir- 
liche Ent Wickelung zu denken, und wir haben die ernstliche Ver- 
pflichtung, in jedem solchen Falle zu prüfen, ob nicht wirklich 
ein entsprechend zusammengesetzter oder gebauter Theil Matrix 
des pathologischen sei. Wenn man weiss, dass vielkemige Riesen- 
zellen im Knochenmark vorkommen, so wird man geneigt sein, 
mit Nelaton jedes Riesenzellensarcom (tumeur a myeloplaxes) 
vom Knochenmark abzuleiten. Sieht man, dass das Kankroid in der 
Regel aus Epidermiszellen besteht, so liegt nichts näher, als das- 
selbe auf eine örtliche Wucherung präexistirender Epidermis zu- 
rückzufuhren. Allein die Erfahrung mahnt hier zu grosser Vor- 
sicht. Sonst kommt man leicht zu Schlüssen, wie sie früher oft 
genug gemacht sind, dass z. B. ein Teratom des Eierstocks, weil 
es Knochen und Zähne, Haut und Haare, ja selbst Muskeln und 
Hirnmasse enthält, ein degenerirter Fötus sei oder aus einer aber- 
rirten Embryobildung herstamme. Man darf den blossen Wahr- 
scheinlichkeiten nicht zu sehr nachgeben, sonst macht man blosse 
Conjectural-Pathologie. 

Eine unbefangene Prüfung lehrt allerdings, dass alle patho- 
logischen Gewebe continuirlich aus physiologischen hervorgehen, 
aber keinesweges so, dass ihr Typus immer unverändert der ihrer 
physiologischen Matrix bleibt. Die Entwickelung selbst ist 
stets continuirlich, der Typus aber kann discontinuir- 
lieh sein, und gerade diese Aenderung des Typus ergibt für mich 
das entscheidende Kriterium der Heterologie. Wenn die Neuroglia 
des Gehirns gewöhnliches Bindegewebe oder ausgezeichnetes Schleim- 
gewebe hervorbringt, so geschieht dies durch continuirliche Vor- 
gänge, aber der Typus der Neuroglia geht dabei verloren. Ein 
Enchondrom des Hodens entsteht continuirlich aus dem schwachen 
Interstitialgewebe der Drüse, aber ein bis dahin ganz unerhörtes 
Gewebe tritt im Hoden auf. Das eine Gewebe wird hier durch ein 
anderes, das aus ihm hervorgegangen, aber von ihm verschieden 
ist, substituirt. 

Wir finden demnach auch hier, wie im physiologischen Leben, 
gewisse Substitutionen und Aequivalente von Geweben, 
und gleichwie im Physiolofi^ischen die Grenze dieser Substitiooen 



Homologe und beterologe Substitutionen. 97 

durch das ein för allemal gegebene Entwickelnngsgesetz der Spe- 
cies bezeichnet ist, so geschieht anch pathologische Substitution 
stets durch Gewebe, deren Vorkommen in der Species physiolo- 
gisch nachweisbar ist. 

In krankhaften Zuständen gibt es heterologe Substitu- 
tionen, wo ein bestimmtes Gewebe ersetzt wird durch ein Gewebe 
anderer Art, aber nie durch ein der menschlichen Organisation frem- 
des Gewebe. Selbst dann, wenn der Ersatz von dem alten Ge- 
webe des Ortes ausgebt, kann die Neubildung mehr oder weniger 
abweichen von dem ursprünglichen Typus der Matrix. So tritt an 
die Stelle der Haut, welche durch Yerschwärung verloren gegan- 
gen ist, eine Narbe, die nicht bloss Binde webe, sondern auch 
Epidermis enthält, obwohl die Matrix dieser Epidermis das Binde- 
gewebe der Cutis und nicht das (verloren gegangene) Bete Mal- 
pigfaii sein kann. 

Es geschieht also die Substitution entweder durch Ersetzung 
vermittelst eines Gewebes aus derselben Gruppe (Homologie) oder 
durch ein Gewebe aus einer anderen Gruppe (Heterologie). Auf 
letztere muss die ganze Doctrin von den specifischen Elementen 
der Pathologie zurückgeführt werden, welche in den letzten De- 
cennien eine so grosse Bolle gespielt haben. Denn diese Gewebe 
sui generis sind nicht insofern specifisch, als sie im natürlichen 
Entwickelungsgange des Körpers kein Analogen finden, sondern 
nur insofern, als sie unter gewöhnlichen umständen nicht zu den 
constituirenden Theilen derjenigen Organe gehören, in welchen sie 
unter krankhaften Verhältnissen erzeugt werden. Deshalb er- 
scheinen sie nicht sowohl als Bestandtheile des Organs, welches 
sie erzeugt, als vielmehr als Bestandtheile der Neubildung (ge- 
wissermaassen des pathologischen Organs), welches aus ihnen zu- 
sammengesetzt ist, und wir vergessen nur zu leicht, dass auch 
diese Neubildung, wenngleich kein an sich notbwendiger, doch ein 
continuirlich zusammenhängender Theil jenes physiologischen Or- 
gans, und somit des ganzen Organismus ist. 

Diese Erkenntniss ist um so schwieriger, als in der Begel 
die heterologe Substitution nicht direct, sondern auf einem Um- 
wege erfolgt. Denn nicht immer entsprechen sofort die ersten 
Anlagen der Neubildung dem endlichen Producte; selbst die Hy- 
perplasie geschieht nicht inmier durch sofortige Erzeugung homo- 
loger Elemente (per primam intentionem). Sehr häufig 

TirehAw. CrllaUr-Pathol. 4. Anfl. 7 



gg Viertes Gapitel. 

schiebt sich znerst ein Stadium indifferenter Bildungen ein, aus 
denen sich erst langsam die besonderen Formen der späteren Zeit 
differenziren (per secnndam intentionem). Dasselbe Ge- 
webe kann auf die eine und auf die andere Weise ent- 
stehen. Ans dieser Erfahrung, die ich nicht genug betonen kanu, 
erklären sich zahlreiche Widerspruche der Mikrographen, welche das 
Meiste dazu beigetragen haben, die Mikrographie überhaupt in Hiss- 
kredit zu bringen. Jeder Forscher betrachtet seine Beobachtungen 
als die maassgebenden, und statt zu fragen, ob nicht vielleicht auch 
der andere Forscher richtig gesehen habe, erklärt er die fremden 
Angaben, welche mit den seinigen nicht übereinstimmen, sofort 
für falsch. Wie immer, fahrt die Exclusivität zur Einseitigkeit und 
damit zum Irrthum. So hat lange der Streit darüber geschwebt, 
ob Knochen immer aus Knorpel entstehe. Schon die älteren Beo- 
bachter behaupteten, er könne auch aus Membranen entstehen. 
Ich habe dargethan, dass er aus Bindegewebe und aus Mark her- 
vorgehen kann*). Spätere Beobachter haben dann geradezu ge- 
leugnet, dass Knorpel direct in Knochengewebe übergehe, und 
in diesem Augenblicke hat diese Meinung das Uebergewicht. 
Meiner üeberzeugung nach ist dieselbe einseitig und daher irrthüm- 
lich. Vielmehr entsteht Bindegewebe aus Knorpel in doppelter 
Weise: gewöhnlich per secnndam intentionem aus Mark, welches 
aus Ejiorpel durch Metaplasie hervorgegangen ist, aber in gerin- 
gerem umfange auch per primam intentionem aus Knorpel In 
ähnlicher Weise verhält es sich mit dem Bindegewebe. Lange 
Zeit liess man alles pathologisch neugebildete Bindegewebe aus 
fibrinösem Blastem (plastischer Lymphe) entstehen, welches auf 
dem Wege der Exsudation aus dem Blute austreten sollte. Von 
diesem ganz exclusiven Standpunkte aus bestritt man sogar die 
Möglichkeit einer Organisation des Thrombus innerhalb der 6e- 
fässe, obwohl doch in demselben derselbe Faserstoff vorhanden ist, 
der die eigentlich plastische Substanz des Exsudates darsteUen 
sollte. Ich habe nicht bloss die Entstehung von Bindegewebe aus 
dem Thrombus, sogar die Yascularisation des letzteren nachgewie- 
sen**), sondern auch die Entstehung von Bindegewebe an Orten, 
wo niemals ein fibrinöses Blastem erkennbar ist. Bindegewebe 



^ Mein Archiv 1847. I. 135. 1853. Y. 438, 444, 455. 
^ Gesammelte Abhftndl. 1856. S. 323. 



Umbildung per primam et secundam intentionem. 99 

entsteht direct ans Knorpel, ans Knochengewebe, ans Nenroglia. 
Die eine Art der Entstehnng schliesst die andere nicht 
ans. Sogar an derselben Stelle kann Bindegewebe anf verschie- 
dene Art sich bilden, z. B. an der inneren Oberfläche einer Ar- 
terie kann es entstehen dnrch Wnchernng der Intima nnd dnrch 
Organisation von Thrombnsmasse. Zuweilen verwandelt sich ein 
anderes Gewebe, wie wir sahen, dnrch Metaplasie unmittelbar in 
Bindegewebe; andermal erzengt präexistirendes Bindegewebe neues 
dureh directe Hyperplasie, ohne dass der Charakter des Gewebes 
sieh während dieser Zeit im Wesentlichen ändert; andermal wie- 
derum entsteht aus präexistirendem Bindegewebe zuerst ein in- 
düTerentes Granulationsgewebe und erst dieses geht durch Meta- 
plasie wieder in Bindegewebe über. Es entsteht also * nicht nur 
dasselbe Gewebe unter verschiedenen Bedingungen auf verschiedene 
Weise, sondern es kann sogar dieselbe Matrix dasselbe Ge- 
webe auf verschiedene Weise hervorbringen. Ich be- 
merke jedoch ausdrücklich, dass, soweit unsere bisherigen Erfah- 
rungen reichen, dieser Satz nicht auf alle pathologischen Gewebe 
und nicht auf alle Matrices Anwendung findet. 



Fünftes Capitel. 

Die Emährang und Ihre Wege. 



8«lb«terhaltan^ all Grundlage der Lehre Tom Leben. Brnihning and fitofTweehael. Brathrvag 
Im Blnne des GcMmint-Organltmoa: NabraDgaatoffe, Verdaanng, Cirealatlon. Bmihnng I« 
eellalaren Sinne. Bndoainose und Ezoamoae, todcer Btoffweehael. InteraedUrer Stoffvecbael 
(Trantito-Verkehr). Eigentlich nntritlTer Stoffwccbacl. Bm&bningtalnbeiteB «od Krankbeiu- 
heerd«. 

Thftlgkalt der Gefiaae bei der Bm&hrung. Verhlltniaa tod Geflaa nnd Geweb«. Leb«r. Miere. 
Gehirn. Uoakelhant den Uagena Knorpel. Knochen. 

Abliingigkeit der Gewebe tob den Gefiaaen. UeUBtaaan. Geflaaterrltorlen (vaacnlire Biab«il«a) 

Die Ernibningaleltung In den Saftkan&len der Oeweb«. Knochen. Zahn. PaaerknorpeL Hora- 
hant Bandacheiben. 



JJie Gnmdlage aller Vorstellongen fiber das Leben bildet die £r- 
fahruDg von der allem Lebendigen zukommenden Fähigkeit der 
Selbsterhaltung. Sowohl das organische Gesammt-Individuum, 
als die einzelne Zelle sind vermöge ihrer inneren Einrichtung 
(Organisation) befähigt, sich unter den mannichfaltigsten äusseren 
Verhältnissen zu erhalten, Störungen, die sie erlitten haben, aus- 
zugleichen (zu reguliren), und eine Reihe von Thätigkeiten zu 
äussern, deren einfachstes Ergebniss die Erhaltung des Status 
quo ist. Die Gesammtheit der Vorgänge, durch welche dieses Er- 
gebniss erzielt wird, pflegt man mit einem allerdings sehr dehn* 
baren und daher auch häufig nur wenig zutreffenden Ausdrucke 
Ernährnng (Nutrition) zu nennen*). Als das eigentliche Wesen 
der Ernährung gilt wiederum sehr allgemein der Stoffwechsel, 
d. h. die Aufnahme, Assimilation, Zersetzung (Desintegration) und 
Wiederausscheidung gewisser Stoffe, welche dieser Anschauung 
entsprechend Nahrungsstoffe genannt werden. 



*) V^l. meinen Vortrag über Nahmngs- und Genussmittel. Berlin 1868. S. 23. 



Ernährung und Stoffwechsel. 101 

Es ist leicht verständlich, dass in der Meinung vieler Phy- 
siologen und Pathologen, namentlich vieler praktischen Aerzte die 
Lehre von der Ernährung als der Ausgangspunkt aller weiteren 
Erörterungen erscheint, und wir wollen daher diesen Punkt sofort 
besprechen, um so mehr, als ich die überlieferten Vorstellungen 
in mehrfacher Beziehung nicht als berechtigt anerkenne. Selbst 
die Physiologie hat erst in den letzten Jahren angefangen, sich 
derjenigen Betrachtungsweise anzunähern, welche ich seit langer 
Zeit als die entscheidende vertheidigt habe. Zwei Umstände na- 
mentlich sind es gewesen, welche die Vereinbarung erschwert 
haben. Einerseits die hervorragende Stellung, welche den Vor- 
gängen der Ernährung im Gesammt-Organismus ange- 
wiesen wurde. Die Folge davon war, dass man die Forschung 
wesentlich auf die Geschichte der NahrungsstofFe in den „ersten 
Wegen *^, d. h. die Verdauung, und im Blute beschränkte, dass 
man also gewissermaassen da Halt machte, wo in der cellularen 
Anschauung die Ernährung im engeren Sinne eigentlich erst be- 
ginnt, nehmlich an den Geweben. Denn begreiflicherweise sind 
für denjenigen, welcher die Ernährung der einzelnen Theile als 
das Wesentliche ansieht, alle anderen Vorgänge nur Vorberei- 
tungen, und so wichtig Verdauung und Circulation auch sein 
mögen, so können sie doch nur als Akte gelten, welche die Be- 
stimmung haben, den Elementartheilen geeignetes Material für 
ihre Ernährung zu liefern. — Andererseits war der Umstand für 
die Einigung der verschiedenen Forscher hinderlich, dass man 
glaubte, mit dem blossen äusserlichen Stoifwechsel, der soge- 
nannten Endosmose und Exosmose, das Hauptsächliche der Er- 
nährung abgethan zu haben. Man übersah dabei, dass es auch 
im Todten einen Stoffwechsel gibt, wie die Geschichte der im 
menschlichen Körper selbst eingeschlossenen mortificirten Theile 
deutlich erkennen lässt*), und dass es viel mehr auf den inneren 
Stoffwechsel ankommt, der sich durch blosse Endosmose und 
Exosmose nur unvollständig erkennen lässt. Aufnahme und Ab- 
gabe von Stoffen können erfolgen, ohne dass damit eine Ernäh- 
rung bewirkt wird. Gleichwie ein Infusorium ein Indigokorn oder 
den Kieselpanzer einer Diatomee „frisst^, möglicherweise ohne 
Mund und Magen in sein Inneres aufnimmt, und diese Körper 



*) Yerhandlangen der Berliner medic. Gesellschaft 1867. S. 254. 



102 Fünftes Capitel. 

nachher wieder, möglicherweise ohne After, auswirft, so ^^frcssen*' 
viele Zellen Fett, ohne es zu assimiliren oder zu verbranchen, 
and sie werfen es später wieder aas, ohne es „verdant^ zn ha- 
ben. Dieser, wie ich ihn genannt habe*), nnr intermediäre 
Stoffwechsel (Transito -Verkehr) ist von dem eigentlich nutritiven 
wohl zu trennen. 

Ich bin von Anfang an**) davon ausgegangen, dass die Zellen 
die eigentlichen Ernährungseinheiten seien und dass sie ge- 
rade ans diesem Grunde auch als die eigentlichen Erankbeits- 
einheiten (Krankheitsheerde) anfgefasst werden mossten. 
Meine eigenen Vorstellungen haben sich insofern erweitert, ald 
ich später in schärferer Weise, als es mir ursprünglich erschien, 
die formativen und functionellen Vorgänge von den nutritiven ge- 
trennt habe. Trotzdem muss ich noch gegenwärtig daran festhält 
ten, dass die cellulare Nutrition in der That die erste Grund- 
lage für die Betrachtung der vitalen Vorgänge bildet. In diesem 
Sinne wollen wir ans auch zunächst mit ihr beschäftigen. 

Gewöhnlich betrachtet man in der Lehre von der Ernährung 
die Gefässe als diejenigen Kanäle, welche nicht nnr den Stoff- 
verkehr vermitteln, sondern auch durch bald active, bald passive 
Hülfe den einzelnen Theil in seinem Stoffverkehr überwachen. Seit 
lange hat man daher das Bestimmende bei dem Emäbrnngsvor- 
gange mit einem Ausdrucke, der sich auch in die heutige Sprache 
hinübergeschlichen hat, in der Thätigkeit der Gefässe gesucht, 
wie wenn die Gefässe ein unmittelbares Regiment über die ihnen 
benachbarten oder von ihnen versorgten Gewebstheile aasübten. 

Wie ich schon früher bei Gelegenheit der Muskelfasern her- 
vorhob (S. 61), so können wir hent zu Tage voo einer Action 
der Gefässe nur in so weit sprechen, als Maskelfasem in den- 
selben vorhanden sind, und als sich demnach die Gef&sse durch 
Zusammenziehung ihrer Muskeln verengem oder verkürzen können. 
Die Verengerung hat das Resultat, dass der Durchtritt der Flüs- 
sigkeiten gehemmt wird, während umgekehrt bei Erschlaffung oder 
Lähmung der Muskeln das durch den Blutdruck erweiterte Gefitos 
den Durchtritt der Flüssigkeiten begünstigen kann. Gestehen wir 
dies zu, aber vergessen wir auch nicht, die Gewebsmasse, welche 

•) Archiv 1857. XL 574. 

**) Ebendas. 1852. IV. 387. 1S55. VIU. 15. 1856. IX. 40. Gesammelte 
Abbaodl. 1856. S. 50. 



Leber-Capillaren. 103 

neben den Grefössen liegt, nnd wetcbe man sich gewöhnlich als 
eine sehr einfache und trl^^e Masse vorstellt, mit in Betracht zu 
ziehen. 

Wenn wir Theile wählen, in welchen die Gef^see recht dicbt 
liegen, in welchen vielleicht fast eben so viel an Geissen vorhanden 
ist, als an Gewebe, so sehen wir, dass jedes einzelne Spatinm, wel- 
ches zwischen den Geßssen fibrig bleibt, durch eine ganz kleine 
Zahl von Elementen erfüllt wird. Ein solches Organ ist die Le- 
ber, bei der in der That dieses Verhältniss ganz zutrifft. Denn 
eine Leber im gefQlltea Zustande der Gefässe hat nahezu so viel 
Volumen GefÄss, als eigentliche Lebersobstanz. Betrachten wir 
einen einzelnen Acinas der Leber für sich, so finden wir in dem 
glücklichsten Falle des Qaerschoittes in seiner Mitte die Vena 
centralis oder intralobularis, die zur Lebervene gebt, im Umfange 
Aeste der Pfortader, welche in das Innere des Acinus capillare 
Zweige senden. Letztere bilden sofort ein Anfangs langmaschiges, 
später kfirzeres Netz, welches sich in der Rtcbtnng gegen die Vena 
centralis (hepatica) fortsetzt und zuletzt in dieselbe einmündet. 
Das Blut strOmt also, indem es von der V. intcrlobularis (por- 
talis) eintritt, durch das Capillametz hindurch zur Vena intra- 
lobolaris, von wo es durch die Venae hepaticae wieder zum Her- 
zen zurückgeführt wird. Hat man nun eine injicirte Leber vor 
sich, so sieht man dieses Netz 
so dicht, dass dasjenige Gewebe, fi^ u. 

welches die Haschen des Netzes 
erfällt, fast geringer an Masse 
erscheint, als der Raum, welcher 
von den Geissen eingenommen 
wird. So kann man si<'h leicht 
vorstellen, wie die älteren Auto- 
ren, vor Allen Rnysch, durch 
ihre Injectionen auf die Vermn- 
tbuDg kommen konnten, dass fast 
Alles im EOrper ans GeßUsen 

beat&nde ond dass die verschiedenen Organe nur durch Differenzen 
in der Anordnung ihrer Geftsse sich unterschieden. Gerade um- 

Fig. 32. stück TOn der Peripherie der Leber eines Kamncbeiis; die Qe- 
EUm ToUbommeD iajicirt Vergr. 11. 



104 Fünftes Capitel. 

gekehrt, wie an einem Injectionspräparat, erscheint jedoch das 
Yerhftltniss an einem gewöhnlichen Präparat ans einer blutleeren 
Leber. Hier nimmt man die Gefasse fast gar nicht wahr. Man 
sieht wohl ein ähnliches Netz, aber dies ist das Netz der Leber- 
zellen (Fig. 29.), welche, dicht an einander gedrängt, allein vor- 
handen zu sein scheinen. Es ergiebt sich also, dass Gefässnetz 
nnd Zellennetz sich anf das Innigste dnrchflechten, so dass über- 
all fast unmittelbar an der Gefässwand Zellen des Leberparen- 
chyms liegen. Zwischen den Zellen und der Gefässwand bemerkt 
man nur sehr schwer noch eine feine Lage, von der es unter den 
Histologen immer noch streitig ist, ob sie einer besonderen und 
continuirlichen Wand zuzuschreiben ist, welche die feinsten Gallen- 
gänge zusammensetzt, oder ob nur eine minimale Menge von Bin- 
degewebszellen die Zellennetze umgreift. 

In diesem Falle kann man allerdings ein sehr einfaches Ver- 
hältniss zwischen den Gefässen und den Zellen annehmen; man 
kann sich vorstellen, dass das Blut, welches in den Gefässen 
strömt, je nach den Erweiterungszuständen der letzteren und je 
nach seiner Menge unmittelbar auf die anstossenden Elemente 
emwirkt und unmittelbar EmährungsstofFe an sie abgiebt, sowie 
ZersetzungsstofFe aus ihnen aufiiimmt. Freilich kann man in Be- 
ziehung auf die Ernährungsverhältnisse entgegenhalten, dass es 
sich hier um eine ganz eigenthumliche Gefäss-Einrichtung handelt, 
die wesentlich venöser Natur ist, zusammengesetzt aus Pfortader- 
und Lebervenenästen, allein in dasselbe Capillametz geht auch 
die Arteria hepatica hinein, und das Blut lässt sich in dem Netz 
nicht mehr in seine einzelnen arteriellen und venösen TheQe zer- 
legen. Die Injectionen gelangen von jedem der Gefässe zuletzt in 
dasselbe Capillametz hinein. Nichts desto weniger halte ich es 
fär berechtigt, gerade bei einem Organe, wie die Leber, welches 
einen so ausgezeichnet intermediären Stoffverkehr hat, die grosse 
Nähe der Capillaren für wichtiger in Beziehung anf diesen Stoff- 
verkehr, als in Beziehung auf die eigentliche Ernährung zu halten. 
Jedenfalls begreift man leicht, dass alle Produkte des Transito- 
Verkehrs zuerst und am stärksten in denjenigen Zellen erscheinen, 
welche von dem einströmenden Blute zuerst berührt werden. Es 
sind dies die peripherischen Zellen der einzelnen Acini. 

Etwas anders ist das Yerhältniss schon in der Niere. Macht 
man einen feinen Durchschnitt durch die Rindensubstanz, nach- 



Nieren •Capillareo. )05 

dem man vorher die Gefässe sorgfältig injicirt hat, so bemerkt 
man, dass letztere die HarnkaDälchea ziemlich dicht nmepiDoeii 
(F^. 33, c, t). Diese sind ihrerseits zasammengesetzt aas einer 
stmktnrlosea Haat, der soge- 
nannten Tonica propria (Fig. p,,, 33. 
33, &), und einem zusammen- 
hängenden Epithel, welches das 
freie Kanallnmen (d) omgiebt. 
Hier bleibt zwiachea den Ge- 
issen nnd der Tonica propria 
noch ein kleiner Ranm, in wel- 
chem bei genanester Untersn- 
choog ein fast straktarloses, 
feiostreifiges Bindegewebe mit 
Zellen , Bindegewebskörperchen 
(a), gelagert ist. Die Epithelial- 
zellen sind demnach von den 
Capillaren getrennt dnrch die 
Tnnica propria und diese Binde- 

gewebslage, und die Blntflassigkeit mnss, nm zn den Epithelzellen 
Säfte abgeben zu k&nnen, nicht nnr die Capillarwand , sondern 
auch die genannten zwei Septa durchdringen, deren Znstände na- 
tfiriich nicht ohne Bedentong fQr die Möglichkeit dieser Dnrch- 
dringnog sein können. Ueberdies bemerkt man leicht, dass eine 
grossere Zahl von Zellen stets einer einzigen Capillarschlinge an- 
liegt, nnd es bedarf wohl nnr dieser Erinnerung, um daraof auf- 
merksam zn machen, dass es schwer erklärlich sein würde, wie, 
was zuweilen vorkommt, nnr einzelne Zellen besondere nutritive 
Abweichungen zeigen, wenn in der That die Gefässe das allein 
Bestimmende bei der ErnähniDg wären. 

So einfach, wie in der Leber und in der Niere, gestalten 
sich aber die Verhältnisse in den meisten anderen Tbetlen nicht; 



Fig. 3S. Durchgchnitt durch die BiDdeasubstaiiz einer küaitlich injicirlen 
■nenschlichen Niere, a. Bindegewebskörperchen des Stromu oder des intersti- 
liellea Gewebes, dessen Masse in der Zeichnung etons zn gross ausgefallen ist 
b. Tnnica propria des Harn kanälchens, c, c. Capillorgeßisse. d. Dos Harnka- 
nilcben mit seinem Gpitbellager. Vergr. 300. (Nach A. Beer, Die Binitesub- 
staiu der menschlichen Niere. Berlin 1859. Fig. 9.) 



106 FänfteB Cspilel. 

gewohnlich liegen ziemlich bedeutende ZwischenrSnme zwischen 
den einzelneD GeftsBen, nnd nicht anbetrftchtlicfae Mengen von 
EleiDeDt«n Bind in jeder einzeloen Capillar-Uasche entiialten. Ja, 
in demselben Organe sind diese VerhältniBse sehr Terschiedeo, je 
oachdem die Function der einzelnen Theile einen rascheren Wech- 
sel der Stoffe erfordert. Nii^ends tritt dies so aafl&Uig hervor, als 
im Gehirn, Hier ist die GeßtsBverbreitnng in der weissen Substanz, 
<tie hauptsächlich Nervenfasern enthält, ziemlich sp&rliofa, während 
sie in der graaen Substanz, welche die GanglienzelleQ führt, äber- 
aas reichlich ist. Das eioe hier abgebildete Object (Fig. 34) zeigt 



eine kfinstliche Injection der Rinde des Kleinhirns, das zweite (^g. 
35) die natQrliche GefässfüUe in dem sehr rothen Corpus stria- 
tum eines Geisteskranken, der unter einer starken Hyperämie 
des Gehirns gestorben war. Der Schnitt ist quer durch das Cor- 
pus striatum gelegt, und man erkennt von Strecke zu Strecke 
grossere, bei darchfallendem Lichte dunkel erscheinende Stelleo, 
rundliche Flecke (Fig. 35, a, a, a), die bei auffallendem Liebte 



Fi IC. 34. Künsllii'lie Injwlioii der Rinde «lex nicq»chlii.'b«u Klciohirnf 
a II WcisM Sulwliiiz der Arbor ritae, g <j. graue Suh$U□^ > : Suld zKi>rhrD 
den Ojri, io welche die Arterien mit der Pia msler eiutrelcn und lun da Acfle 
in die Binuubsluit nenden, welche in der grnucu Substanz ein gaia feine« N'eti 
bilden, (nn Tbeil aber in grösseren Slimmen zur weissen Subslaoi durtbtreten, 
wo sie lebr spirliche Nebe bilden. Nach einer Injection de« Henn GerlacL 
Gani ichwache Vergröuemng. 



Gefttsae dee Gehirns. 



und für das blosse At^e weiss aasschea nnd Qaerdurchscbnitte 
jener Bündel von Nerveofasem darstellen, welche in langen Zügen 



gegen das Rückenmark hinzieheo. Geisse treten in diese Bün- 
del fast gar nicht ein. Die übrige Masse dagegen besteht ans 
der eigentlichen granen Substanz des Corpus striatnm; innerhalb 
derselben verbreitet sich ein sehr feinmaschiges Ge^snetz, wie 
denn überhaupt die graue Snbstanz der Nervencentren sich so- 
wohl im Innern, als an der Rinde durch ihren grossen Ge^s- 
reichthnm vor der weissen Substanz auszeichnet. In dem Objecl 
sieht man einzelne grössere Gefässe, von welchen Aeste ausgehen, 
die sich immer feiner verzweigen, bis sie endlich in ganz fein- 
maschige Capillarnetze überziehen. Allein so eng dieses Netz in 
der grauen Sabstanz anrh sein mag, so stOsst doch keinesweges 
jedes einzelne Element der Hirnsnbstanz unmittelbar an ein Ca- 
pillargefäss. 

Gleichmässiger ist die GcfSssvertheilting an der Muskelhant 
des Magens: hier bilden die Gefässe ziemlich regelmässige, 



V'ig. 35. Naiiirliche Injevlio» des Corpus striatum «iti<^a Geisteskranken, 
n a. Gcllsslose Lärken, entsprechend den Zügen von Nerrenfasem, welche d»8 
Ganglion durchselzen. VcrgröiHs. 80. 



unter einander dsrcb QaeraDaBtomoseu in Verbindung stehende 
Netze, von denen aus sich immer kleinere Gefässe veräBteln, die 
znletzt feinste Ketze bilden, so dass dadnrcli das Ganze in eine 
Reihe von nnregelmässig viereckigen Abtheilnngen zerlegt wird. 
Änf jeden letzten Zwiscbenraam ^It eine grössere Zahl von Hns- 
kelelementen, so dass die Gefässe an einigen Stellen die Unskel- 
fosem berühren, an anderen Stellen entfernter davon liegen. 

Verfolgt man in dieser Weise die Einrichtang der verschie- 
denen Organe nnd Gewebe, so kommt man von solchen, welche 
nach der Injection fast nar ans Gefässen za bestehen scheinen, 
mit der Zeit zu deiyenigen, welche fast gar keine GefUsse ent- 
halten nnd endlich zd solchen, welche wirklieb keine mehr führen. 
Dieses Verbältniss trifll man am meisten ausgesprochen in den 
Epithelialfonnationen , welche anch da, wo sie am mächtigsten 
ausgebildet sind, keine GefÜsse besitzen; näcbstdem in den Ge- 
weben der Bindesnbstanz, nnd hier wieder am reinsten am Knor- 
pel, weniger rein am Knochengewebe. Der entwickelte normale 
Knorpel hat überhaupt gar keine GefSsse; der entwickelte Kno- 
chen enthält allerdings Geisse, aber in einem sehr wechselnden 
Maasse and zum Theil recht spärlich. Dass der entwickelte Knor- 
pel keine Gefässe enthält, davon gibt fast jedes Knorpelprüparat 
Zcngniss (Fig. 9, 14, 23). Eine fast beständige Aasnabme davon 
macht der wachsende Knorpel, der sich zar Verknöcherung an- 
schickt, gleichviel ob im physiologischen oder pathologischen 
Wege. Besonders interessant ist das Verhältniss an jungem, wach- 



Fig. 36. InjectioDspriparat von der Uuskelbsut des Uagens eineB Eaniii- 
ebens, II mal vergrößert. 



GeAsse der Knorp«!. 109 

setidem Knorpel. Fig. 37. zeigt eineD Scbnitt kiis dem CalcaneaB 
eines nengeboTnen ^Ddea, wo von der schoo gebildeten centralen 



Knocfaenmasse, dem sogenannten Enochenkem ans Gefösse in den 
noch sehr reichlichen peripherischen Knorpel hineingehen. Das 
Präparat zeigt an seiner äuBBersten Oberfl&trhe die Uebergänge zq 
dem Pfirichondrium , während der untere Thell des Schnittes bis 
nahe an die Grenze des schon gebildeten Enochenkems reicht. 
Von hier ans steigen grosse Ge^se anf, welche von der Arteria 
Dutritia herstammen; sie endigen mittea im Knorpel, indem sie 
Schlingen nnd Netze bilden nnd gleichsam Zottenbänme inmitten 
des Knorpels darstellen, welche sehr ähnlich sind den Chorion- 
Zotten am Ei. In der That wachsen von der Arteria nntritia her 
die GefSsse in den Knorpel hinein, aber nnr bis zu einer gewissen 
Höhe. Hier lösen sie sich in wirkliche Schlingen oder in ein 
feines Netzwerk von Capillaren anf, ans dem sich Venen zosam- 
mensetzen, die in derselben Richtung, in welcher die Arterien 



Fig. 37. Durcbscbnitr des Calcanena - Knorpel i Tom Neugebomea. C. der 
Knorp«! , deSMD Zellen durch feine Pnnlite angedeutet sind. P. Pericbondrinni 
und uiitoweQdes Fasergewebe. a. die AuMtuelle un Knochen, mit deo Ton 
der Arteria nntritis anfgleigenden Gef&ssscblingen. 6 t. Geßase, die durch du 
PericboDdrinin gegen den Knorpel andringen. VergrÖH. 11. 



1 10 Fünftes Capilel. 

herkamen, znrückgehea. Die ganze übrige Masse besteht aas ge- 
fSsslosem Knorpel, dessen Eßrperchen bei schwacher Vergrösse- 
ning als feine Faakte erscheinen. Es liegt also ein ganzes Heer 
von EnorpelkOrperchen zwischen den letzten Schlingen nnd der 
äusseren Oberfläche, die meisten sehr entfernt von den finssersten 
GefSssenden. Diese ganze Lage ist in ihrer Ernähmng aller- 
dings abhängig von dem Safte, der aas den Endscfalingen aas- 
tritt, znm Theil anch von den 
Flg. M Stoffen, welche die spärlichen Ge- 

fässB des Perichondrinms znffihreii, 
jedoirh nicht 80, daas jedes Körper- 
chen eine besondere Beziebnng za 
einzelnen Gefässen oder Geföss- 
tbeilen hätte. Die von der Arteria 
natritia stammenden Gefässe be- 
zeichnen an allen Knorpeln schon 
ziemlich frühzeitig ungefähr die 
Grenze, bis za welcher späterhin 
die Oasißcation fortschreiten wird, 
während derjenige Theil, welcher 
als Knorpelrest am Gelenk liegen 
bleibt, niemals Gefösse enthält. 
Was die Knochen selbst an- 
' betrifil, so ist bei ihnen das Ge- 

wiss -Verhältniss ein ziemlich ein- 
faches, aber anch zugleich ein sehr 
charakteristisches. Wenn man die 
äussere Oberfläche der Enochen- 
rinde betrachtet, so sieht man 
schon mit dem blossen Äuge kleine 
Löcher (Poren). Es sind dies die 
Oeffnungen von Kanälen, durch 
welche Ge^se aas dem Periost 
in die Enochenrinde eintreten. Bei 
einer massigen VergrOssenuig er- 
kennt man, dass diese Kanäle (Fig. 
38, «, »*) alsbald unter der Ober- 



7i^. 38. Knochen RchlifT uns der rompftctcn KiDilensubatiuiz eines Oa rcmorii. 



EDochengeflsse. Hl 

fläche sich Terfisteln. So entsteht ein System unter einander ana- 
stomosirender Rohren, die znweilen mebr schr&g aach Innen geben, 
aber im Wesentlichen eine Läi^nchtm^ einhalten. Zwischen 
diesen Maschen bleiben verh&ltnissmässig breite Zwischenränme, 
welche von dem eigentlichen Enocheogewebe erfüllt sind. In dem 
letzteren liegen die KnocheDkJjrpercheo, grade so, wie in dem vo- 
rigen Beispiele die KnorpelkOrperchen , nnd zwar im Allgemeinen 
in Reihen parallel den Geissen. Nnr die am meietes peripheri- 
schen Lagen der Rinde zeigen EnochenkOrperchen , welche der 
Oberfl&cha parallel sind nnd deren Längsrichtang an langen Eno- 
eben (Rohrenknochen) der Lfingsaxe entspricht, üntersncbt man 
dagegen Onerschoilte, so bekommt man natürlich an den Stellen, 
wo vorher Längskanfile zn sehen waren, einfache mnde LOcher, 
IJorchscbnitte (Fig. 3^, a) za Gesicht, hier and da dan-h eine 



schrSge Verbindnng vereinigt. Zwischen ihnen befindet sich die 
eigentliche Tela ossea mit den EnocheDkOrperchen, in lamellösen 



P P. die dfm Periost lugewenilele Obrrfl&ctie, in welcher pirallele Zöge tOD 
E)ioch«DkörpercbeD lie(;eii. f i>. grüssere OeOaEe, die auB dem Periost in den 
KDoefaeD eiadringeu und sich b*)d verfislein. «' v' kleiner« Oeftue derselben 
Art. Alle dunklen Züge und Flecke beieicbnen ongeicbliffene OefisskuiUe. Sie 
sind von parallelen und concentriscben Lagen Ton Enochenkürpercben begleitet. 
Vergröas. 130. 

Fig. 39. Knochen Bchliff. a queTdurcbscbniltener Hark- (QetisB-) Kanal, um 
welchen die coDcentriachen Lamellen l mit Süochenkörpercheii nnd anaitomoei- 
rendeu Koocbenkanftlcben liegeo. r l&ngadnrcbscbnittMie, parallele Lamellen. 
■ imregelmiMige Lsgamng in den Utesten EDOcbenwhichten. « Oeflukanal. 
Versröaa. 380. 



112 Fünftes Gapitel. 

Schichten gelagert, und zwar concentrisch Tim die Gefässe. Im 
Allgememen kann man daher sagen, dass die compakte Substanz 
der Knochen durchweg ans einer Znsammenordnnng paralleler 
Lagen von Knochengewebe besteht, welche zu mehreren die ein- 
zelnen Gefässe umgeben. Nur da, wo diese Systeme von concen- 
trischen Lamellen endigen, gewissermaassen in den Räumen, 
welche zwischen diesen Systemen übrig bleiben, findet sich eine 
geringe Hasse von Knochengewebe (Fig. 39, t), welche nicht die- 
selbe Anordnung zeigt, sondern sich mehr unabhängig verhält; 
bei genauer Analyse zeigt sich, dass sie aus kleinen Säulen ge- 
bildet ist, welche meist senkrecht auf der Längsaxe des Knochens 
stehen und in eine Art von Bogen übergehen, die der Längsaxe 
parallel sind. Dies sind die Ueberreste der bei dem Dickenwachs- 
thum des Knochens zuerst gebildeten, also ältesten Balken der 
Tela ossea. 

Da man meistentheils in den Kanal-Durchschnitten, die man 
in Schliffen des Knochens gewinnt, die Gefässe selbst nicht mehr 
erkennt, so nannte man die Höhlungen (Fig. 38 v, v% 39 a, v), 
in denen die Gefässe verlaufen, Harkkanäle, insofern uneigentlich, 
als in diesen engen Kanälen meist kein Hark enthalten ist; man 
sollte eigentlich sagen: Gefösskanäle, doch ist jener Ausdruck so 
allgemein angenonmien, dass man ihn auch da gebraucht, wo die 
Gefässwand sich unmittelbar an die innere Oberfläche der Höh- 
lung anlegt. Häufig bezeichnet man die Kanäle auch nach ihrem 
Entdecker Havers. Im nächsten Umfange dieser Kanäle liegt 
stets eine Reihe von eigenthümlichen Gebilden: längliche oder 
rundliche, bei durchfallendem Lichte gewöhnlich schwarz erschei- 
nende Körper, die mit Zacken oder Ausläufern versehen sind. 
Hau nannte sie Knochenkörperchen (Fig. 24) und ihre Ausläufer 
Knochenkanälchen (Ganaliculi ossei). Johannes Hüller, welcher 
die Ansicht hegte, dass die Kalksubstanz in ihnen abgelagert sei 
und das dunklere Aussehen, welches sie bei durchfallendem Lichte 
darzubieten pflegen, eben von ihrem Kalkgehalte herrühre, be- 
zeichnete die Kanälchen als Ganaliculi chalicophori, ein Name, der 
heut zu Tage ganz gestrichen ist, weil man sich überzeugt hat, 
dass der Kalk gerade in ihnen nicht, sondern überall in der ho- 
mogenen Gmndsubstanz enthalten ist, welche zwischen ihnen 
liegt. 

Als man erkannte, dass der Absatz des Kalkes in dem 



SuocbeokörpercbeD. 1 13 

Knochengewebe gerade omgekehrt, wie man geglaubt hatte, statt- 
findet, so ging man alsbald in das andere Extrem über, indem 
man den Namen der EöiocbeiikSrperchen durch den der Knochen- 
lücken (LacQDea) ersetzte ond amiahm, der Knochen enthalte 
nar eine Reihe von leeren Höhlen nnd Kanälen, in welche ailan- 
fiills Flüssigkeit oder Gas gelange, welche aber eigentlich doch 
nar Spalten des Knochens darstellten. Einzelne nannten sie ancb 
geradezu Knocfaenspältchen (Brach). Ich habe mich bemüht, auf 
verschiedene Weise den Nachweis zn führen, dass es wiriüiche 
Körperchen sind and nicht bloss Höhlen in einem Gmndgewebe, 
mit einem Wort, dass es Gebilde sind, mit besonderen Wandnn- 
gen and eigenen Grenzen versehen, welche sich ans der Gnind- 
sabstanz aaslösen lassen. Durch chemische Einwirkung, insbeson- 
dere durch Maceration in concentrirter Salz- oder Salpetersfture, 
kann man es dahin bringen, dass die Grundsubstanz sich auflöst 
und die Eörperchen frei werden. Dadurch ist wohl am sichersten 
der Nachweis geliefert, dass es körperliche, wirklich für sich be- 
stehende Gebilde sind. Ueberdies erkennt man in ihnen Kerne, 



Fig. 40. EDocbenKbliir (LlngsscbniU) ans dar Rinde eiaar aklerotiMiMU 
TibiA. a <t Hkrk- (Gefüts-) Kmnäle, iwiscben ibnen die grossentheil« parallel, bei 
b eoncenbriach (Qnerechnitt) geordneten KnocbenkörpeTcbeD. Vergr. Sa 

VlrcbsB, CtUnlu-PaUial. t. *gl. 8 



114 Fnnftes Capitel. 

und, auch ohne auf die Entwickelnngsgeschichie einzageben, findet 
man, dass man es auch hier wieder mit zelligen Elementen stem- 
f&rmiger Art zn thnn hat Die Znsammensetznng des Knochens 
ergiebt demnach ein Gewebe, welches in einer scheinbar ganz ho- 
mogenen, verkalkten Gmndmasse (Intercellnlarsnbstaoz) sehr re- 
gehnässig vertheilt die eigentlichen, sternförmigen Enochenzellen 
enthält. 

Die Entfernung zwischen je zwei Enochengefftssen ist oft sehr 
bedeutend; ganze Lamellensysteme schieben sich zwischen die 
Markkanäle ein, mit zahlreichen Enochenkörperchen durchsetzt. 
Hier ist es gewiss schwierig, sich die Ernährung eines so com- 
plicirten Apparates als abhängig von der Thätigkeit der zum Theil 
so weit entfernten Gefässe zu denken, namentlich sich vorzustellen, 
wie jedes einzelne Körperchen in dieser grossen Zusammensetzung 
immer noch in einem Specialverhältniss der Ernährung zu den 
Greftssen stehen soll. Ueberdies lehrt die Erfahrung, dass wirklich 
jedes einzelne Eüiochenkörperchen fiir sich ein besonderes Emäh- 
rungs-YerhältDiss besitzt. — 

Ich habe diese Einzelheiten vorgefahrt, um die lange Stufen- 
leiter zu zeigen, die von den gefässreichen und den gefäss- 
haltigen zu den gefässarmen und den gefässlosen Thei- 
len stattfindet. Will man eine einfache und zugleich befriedigende 
Anschauung der Ernäbrungs-Yerhältnisse haben, so glaube ich es 
als logische Forderung aufstellen zu müssen, dass Alles, was von 
der Ernährung der gefässreichen Theile ausgesagt wird, auch für 
die gefässarmen und für die gefässlosen Gültigkeit haben muss, 
und dass, wenn man die Em&hrnng der einzelnen Theile in eine 
direkte Abhängigkeit von den Gefässen oder dem Blute stellt, 
man wenigstens darthun muss, dass alle Elemente, welche in 
nächster Beziehung zu einem und demselben Gefässe stehen, wel- 
che also in ihrer Ernährung auf ein einziges Gefäss angewiesen 
sind, auch wesentlich gleichartige Lebensverhältnisse darbieten. 
In dem Falle vom Knochen mfisste jedes System von Lamellen, 
welches nur ein Gefäss für seine Ernährung hat, auch immer 
gleichartige Zustände der Ernährung darbieten. Denn wenn das 
Gefäss oder das Blut, welches in demselben circulirt, das Thätige 
bei der Ernährung ist, so könnte man höchstens zulassen, dass 
ein Theil der Elemente, nehmlich der zunächst an den Gefäss- 
kanal anstossende, ihrer Einwirkung mehr, ein anderer, nehmlich 



Vasculäre Territorien 115 

der entferntere, weniger ausgesetzt sei; im Wesentlichen müssten 
sie aber doch eine gemeinschaftliche und gleichartige, höchstens 
quantitativ verschiedene Einwirkung erfahren. Dass dies keine 
unbillige Anforderung ist, dass man eine gewisse Abhängigkeit 
bestimmter Gewebs - Territorien von bestimmten Gefässen aller- 
dings zugestehen muss, davon haben wir die schönsten Beispiele 
in der Lehre von den Metastasen, namentlich in dem Studium der 
Veränderungen, welche durch die Yerschliessung einzelner Gapil- 
largefässe zu Stande kommen, wie wir sie aus der Geschichte der 
Capillar-Embolie kennen. In solchen Fällen sehen wir in der That, 
dass ein ganzes Gewebsstuck, so weit es in einer unmittelbaren 
Beziehung zu einem Gefässe steht, auch in seinen pathologischen 
Verhältnissen ein Granzes vorstellt, ein vasculäres Territo- 
rium, eine Gefässeinheit. Allein diese Gefässeinheit erscheint 
vor einer feineren Auffassung immer noch als ein Vielfaches, als 
eine mehr oder weniger grosse Summe von Ernährungseinheiten 
(Zellenterritorien) und es genügt nicht, den Körper etwa in lauter 
Gefässterritorien zu zerlegen, sondern man muss noch innerhalb 
derselben weiter auf die Zellenterritorien zurückgehen. 

In dieser Auffassung ist es, wie ich glaube, ein wesentlicher 
Fortschritt gewesen, dass durch meine Untersuchungen innerhalb 
der Gewebe der Bindesubstanz, wie ich früher hervorgehoben habe 
(S. 48), ein besonderes System anastomosirender Elemente nach- 
gewiesen ist, und dass wir auf diese Weise anstatt der Vasa se- 
rosa, welche sich die Früheren far diese nächsten Zwecke der Er- 
nährung zu den Capillaren hinzudachten, eine thatsäcbliche Ergän- 
zung bekommen haben, durch welche die Möglichkeit von Saft- 
strumungen an Orten gegeben ist, die an sich arm an Gefässen 
sind. Wenn wir beim Knochen stehen bleiben, so wären Vasa 
serosa eine nicht zu rechtfertigende Annahme. Die harte Grund- 
substanz ist durch und durch ganz gleichmässig mit Kalksalzen 
erfallt, so gleichmässig, dass man gar keine Grenze zwischen den 
einzelnen Kalktheilchen wahrnimmt. Wenn Einzelne angenommen 
haben, dass man kleine Kömer daran unterscheiden könne, so ist 
dies ein Irrthum. Das Einzige, was man in der Grundsubstanz 
siebt, sind die Canaliculi, welche zuletzt alle zurückfahren auf die 
Körper der Knochenzellen (Knochenkörperchen), und welche ihrer- 
seits wieder verästelt sind. Die inneren Enden dieser Aeste, dieser 
kleinen Fortsätze reichen unmittelbar bis an die Oberfläche des 

8* 



Gefösökanals (Markkanala). Sie setzen also unmittelbar da ein, 
wo die Ge^smembran anliegt (Fig. 41), denn man kann sie 



dentlich auf der Wand des Eanalä als kleine LOcberchen wahr' 
nehmen. Da nnn die verschiedeoen EnochenkOrperchen wieder 
QDter sich in offener YerbindaDp; stehen, so ist dadarcb die H(%- 
liirhkeit gegeben, dass eine gewisse Qnantit&t von Saft, welcher 
an der inneren Fläche des Gefässkanals anfgenommen ist, dnrch 
die ganze Gewebsmasse hindurch dringt, nicht diffus, sondern 
inneThalb dieser feinen pr&destinirten uud continuirlichen Wege, 

Fig. 41. Schliff SU8 einsm neug:ebi1ileteii Enocbeo der AracbnoidSB c«ra- 
bralis, der nbrif;ens guit nonnate Verhältnis» des Bauet zeigt Hau sieht tioen 
veristelten Geßsa- (Uark-) Kanal mit den in ihn einmaDdenden uod m d» 
Knocbenkörpcivben führenden KnochenkaD&lcheii Vergröss. 350. 



KftDUe der Z&hii« und Bandscheiben. 117 

welche der Iiyection vom Ge^se aas nicht mehr zogfinglicfa sind. 
Eine Zeitlang hat mao geglaubt dase die Kanälchen vom Gewisse 
ans 2D injiciren seien, allein dies ist nur vom leeren (macerirten) 
GreßksB- oder Uarkkanal aas möglich. 

Es ist dies ein ganz fthnlicbes Verhältniss, wie am Zahn, wo 
man von der leeren Zahnhöhle ans die Zahnkanälcfaen oder Zahn- 
rObreheo (Fig. 4^) injiciren kann. Spritzt man CarminlßsuDg in eine 
leere Zahnhöhle, so sieht man die 
Zahokan&lcbeD zahlreich neben ein- '''■- *^- 

ander als nahezu parallel, nnr we- " 

nig strablig auseinander gehende 
RAbreo zn der Oberfl&che anfstei- 
gen. Die Zahnsnbstanz bildet eben 
ancb eine breite Lage von gef&ss- 
loser Substanz. GeßLsse finden sich 
nur in der HarkbOhle des Zahns; 
von da nach aussen haben wir 
weiter nichts, als die eigentlii.-he 
Zahnsnbstanz (Deutio) mit ihrem 
Rohrensystem , welches an der 
Krone bis nahe an den Schmelz 
(Fig. 42, S) reicht, an der Zahn- 
wurzel dagegen unmittelbar über- 
geht in eine Lage von wirklicher 
Enocbensnbstanz (Cement). Hier 
sitzen die Knochen körperchea am 
Ende dieser Robren auf. Eine 
ähnliche Einrichtung ffir die Saft- 
strftmDug, wie vom Marke der 
Knochen, geht hier von der Zahn- 

polpe ans; der Emäbrongssaft kann durch RObren bis zum Schmelz 
und zum Cement geleitet werden. 

Diese Art von RohreoBystemen , die im Knochen und Zahn 
in einer so ausgesprochenen Weise sich findet, ist in den weichen 
Gebilden mit einer ungleich geringeren Klarheit zn erkennen. Das 
ist wohl der hauptsächliche Grund gewesen, weshalb die Analogie, 



Fig. 42. ZahnscblilF lon der Erone. n insücre Oberfläche doa Zahos. 
• inaera Otwi» gegen die Harkfaühle hin. S Schmelz, l) DenÜD. Vergr. 150. 



118 Fünft«» Capitel. 

welche zwischen den weichen Geweben der Bindesabstanz und den 
harten der Knochen besteht, nicht recht znr Anschannng gelangt 
ist. Am deutlichsten sieht man solche Einrichtungen an Ponkten, 
die eine mehr knorpelige Beschaffenheit haben, namentlich im 
Faserknorpel. Aber es ist noch viel mehr bezeichnend, dass wir 
von dem Knorpel eine Reihe von Debergängen za anderen Gewe- 
ben der Bindesnbstanz finden, in welchen sich stets dasselbe Ver- 
hältniss wiederholt. Zuerst Theile, die chemisch noch zum Knor- 
pel gehören, z. B. die Hornhaut, welche beim Kochen Gbondrin 
gibt, obgleich sie Niemand als wirklichen Knorpel ansieht. Viel 
auffälliger ist die Einrichtung bei solchen Theilen, bei denen die 
äussere Erscheinung für Knorpel spricht, ohne dass die chemischen 
Eigenschaften übereinstimmen, z. B. bei den Gartilagines semilu- 
nares im Kniegelenk, jenen Bandscheiben zwischen Femur und 
Tibia, welche die Gelenkknorpel vor zu starken Berfihrungen 
schützen. Diese Theile, welche bis vor Kurzem allgemein als 
Knorpel beschrieben wurden, geben beim Kochen nicht Chondrin, 
sondern Leim. In diesem harten Bindegewebe treffen wir, wie in 
der Hornhaut und dem Faserknorpel, dasselbe System von ana- 
stomosirenden Elementen mit einer ungewöhnlichen Schärfe und 
Klarheit. Gefässe fehlen darin fast gänzlich; dagegen enthalten 
diese Bandscheiben ein ßöhrensystem von seltener Schönheit. Anf 
dem Durchschnitte sieht man, dass das Ganze sich zunächst zer- 
legt in grosse Abschnitte, ganz ähnlich wie eine Sehne; diese zer- 
fallen wieder in kleinere, und die kleinen endlich sind durchsetzt 
von einem feinen, sternförmigen System von Röhren, oder wenn 
man will, von Zellen, insofern der Begriff einer Röhre und der 
einer Zelle hier zusammenfallen. Die Zelleunetze, welche das Röh- 
rensystem bilden, gehen nach aussen hin in die Grenzlager der 
einzelnen Abschnitte über, und hier sehen wir nebeneinander be- 
trächtliche Anhäufungen von Spindelzellen. Auch in den Band- 
scheiben hängt dieses Netz von Röhrchen nur äusserlich zusam- 
men mit dem Circulationsapparat: Alles, was in das Innere des 
Gewebes gelangen soll, muss auf grossen Umwegen ein Kanal- 
system mit zahlreichen Anastomosen passiren, und die innere £r- 
nähning ist ganz und gar abhängig von dieser Art der Leitung. 
Die Bandscheiben sind Gebilde von beträchtlichem Umfiange und 
^osser Dichtigkeit; und da hier alle Ernährung auf das letzte 
feine System von Zellen zurückzuführen ist, so haben wir es noch 



Kanäle der Buiitscheiben. 119 

viel mehr, als beim Knorpel, mit einer Art der Saflznfnbr zn thtm, 
welche nicht mehr direkt vod den Geissen bestimmt werden 
Icum. 

Ffir daa Verständnies der f... *-.. 

Abbildung (Fig. 43) füge ich 
noch hinzu, dass die letzten Ele- 
mente der Bandscheiben als sehr 
ideine Zellkörper erscheinen, die 
in laoge, feine Fäden ansgeheo, 
welche sich verästeln. Durch- 
schnitte dieser Fäden stellen sich 
als kleine Punkte mit einem 
hellen Centnim dar. Alle Fäden 
lassen sich mit grosser Be- 
stimmtheit bis an gemeinschaft- 
liche ZeUkOrper verfolgen, ganz 
wie im Knochen. Es sind feinste 
Bohren, die in innigem Zusam- 
menhang unter einander stehen, 

nur dass sie sich an gewissen Punkten zu grosseren Haufen sam- 
meln, durch welche die Hauptleitung erfolgt, und dass die Zwi- 
scheDsobstanz in keinem Falle Kalk aufnimmt, sondern stets ihre 
Bind^ewebsnatur beibehält. 



Fif- 43. Durcbschnitl aue der halbmondförmigea Bftodscbeibe (Csrtilago 
aemiluDaris) des EniegeleokB vom Eiode. a. Fuenüüe mit apmdelförm^n, pa- 
r«ll«l JieKeDdeu und snottomosirendeD Zellen (Längsschnitt), b. Netziell«D mit 
breiten fenweigten und anutomosirenden Kaoälcbun (Querschnitt). Hll EBsifr- 
sänra behandelt Te^r. 350. 



Sechstes Capitel. 

Weiteres Aber Emälining und Saftleltimg. 



B«hnra, Hornhant, Nabelttnng. 

Weichet Bindegewebe (Zellgewebe). ElMtlsches Gewebe. Stniktarloie HSate: Taoleae propriee, 

Cntleala. BlMÜeehe Membranen: Sarkolemm. 
LederhADt (Derma). Papillark&rper: Tascolire Besirke. unterhast (inbentanes, sobserSaea, anb- 

maeSsei Gewebe). Taniea dartoa. 
Das feinere Kanaliystem des Bindegewebes: Körperehen, Lacnnen. Bedeotnag der Zellen fSr 

die SpedalTertheilang der Bmihrangssifte innerhalb der Gewebe. YegetatiTer Cliarakter der 

Brnihning. BleetiTe Eigensehaften der Zellen. 



Die Bandscheiben, wie wir sie in der am meisten ansgesprochenen 
Form im Kniegelenke an den sogenannten Semilimar- Knorpeln, 
die eben keine Knorpel sind, kennen gelernt haben, besitzen 
eigentlich die Eigenschaften platter Sehnen. Die einzelnen Stmctnr- 
verhältnisse, die wir in ihnen gefanden haben, wiederholen sich im 
Qaerschnitte der Sehnen. Betrachten wir daher zunächst diese oft 
so vernachlässigten Gebilde. Ich wähle dazu eine Reihe von Ob- 
jecten ans der Achilles-Sehne sowohl des Erwachsenen, als des 
Kindes, welche verschiedene Entwickelnngs-Stadien zeigen. Es ist 
dies fiberdem eine Sehne, die manche Bedeutung far operative 
Zwecke hat, die also schon aus praktischen Gründen wohl einen 
kleinen Aufenthalt entschuldigt. 

An der Oberfläche einer Sehne sieht man bekanntlich mit 
blossem Auge eine Reihe von parallelen weisslicben Streifen ziem- 
lich dicht der Länge nach verlaufen, welche das atlasglänzende 
Aussehen bedingen. Bei mikroskopischer Betrachtang erscheinen 
die Streifen natürlich mehr getrennt: die Sehne sieht deutlich 



SehiHD. 121 

fescicolirt ans. Noch viel deatlicber ist dies atif einem Qaer- 
scbnitte, -wo man scbon mit blossem Auge eine Reihe von klei- 
neren nnd grösseren Abtheilongeo (Bündeln, Fascikeln) wahrnimmt. 
VergrOssert man das Object, bo zeigt sich eine innere Einrichtung, 
welche fast ganz deijenigen entspricht, welche bei den Semilonar- 
Knorpeln geüchUdert iBt. Am finsseren umfange der Sehne liegt 
ringsomher eine faBerige Kasse, eine Art von lockerer Scheide, 
in der die Geßsse enthalten sind, welche die Sehne ern&hren. 
Die grösseren Gefässe bilden in der Scbeide ein Geflecht, welches 
die Sehne änsserlich umspinnt. Aus diesem Geflechte treten an 
einzelnen Stellen mit Fortsetzungen der Scbeide Gefässe in das 
Innere, indem sie sich in den Zwischenlagen oder Scheiden der 
Fascikel (Fig. 44 a, b) ver&steln. In das Innere der Fascikel 



selbst geht dagegen ebensowenig etwas ron GelSssen hinein, als 
in das Innere der Bandscheiben; hier finden wir vielmehr wieder 

Fig. 44. Qaeracliiult am der Achilles-Sehne einet Enrachsenu. Von der 
Sehnenscheide aus «ieht min bei a, b ond c Scheidew&nde otch innen linTen, 
welche Dascfaeurörniig iniammenUn^en nnd die primlren nnd secnndlren Kuci- 
kel abgrenzen. Die grösseren (a nnd b) pfl^en Oeßsse ni fähren, die kleineren 
(r) nicht mehr- Innerhalb der secnndlren Fascikel rieht man das feine Haschen' 
neti der Sehnenkörperchen (Netuellen) oder das internediire Saftkanalsystem. — 
TerpÖss. 80. 



122 Secb8t«8 Capitd. 

das mebrfadi besprochene Zellennetz, oder anders ansgedrfickt, 
das eigentbümliche saftßbrende Kanalsystom , dessen Bedeutong 
wir beim Enochen kennen gelernt haben. 

Uaa kann demnach die Sehne zonädist in eine Reihe von 
grösseren (primäreo) BOndeln zerlegen, diese aber wieder in eine 
gewisse Summe von kleioeren (secundäreD) Pascikela (heilen. So- 
wohl jene, als diese sind dnrch Züge einer faserigen, Gefässe and 
Faserzellen enthallenden Bindesabstanz getrennt, so dass der 
Qnerschnitt der Sehne ein maschiges Aussehen darbietet. Vim 
diesem interstitiellen oder interfasciculären Gewebe, das sii'h von 
der eigeothSmlichen SebnensnbataDz nur durch seine Lockerbeil, 
sowie dnrch die dichtere Änbftnfnng zelliger Elemente and dnruli 
die Anwesenheit der Geisse nnterst^eidet, beginnt ein zusammen- 
hängendes Netz sternförmiger Elemente (SehnenkörperKhea). 



welche in das Innere der Fascikel bineingeheo, unter sich anaato- 
inosiren und die Verbindui^ zwischen den äusseren geÖLsshaltigeo 
nnd den inneren ge^slosen Theilen der Fascikel herstellen. Dies 
Verhältniss ist in einer kindlichen Sehne sehr viel deutlicher, als 

Fig. 45. Querscbaitt aus dem Innero der ÄcfailleB-Sehne eines NeugebarnBD. 
a die ZKischeomasse , welcbe die secundiren Fsscikel Bcheidet (entaprMlieDd 
Fig 44, e), ganz und gar aus dJcfatgedräneten Spindelzellen bestehend. Hit 
diesen in direkler Anastomose sieht man seiUich bei 6, h nebt- und spindelför- 
mige Zellen in das Imiere der Fascikel lerlaufen. Die Zellen sind deutlieh kern- 
haltig. Vergröss. 300. 



Sebaou. 123 

Id einer erwachsenen. Je ftlter nehmlicb die Theile werden, am 
so länger nnd feiner werden im Allgemeinen die Aosläofer der 
Zellen, so dass man an vielen Schnitten die eigentlichen Zellen- 
kOrper gar nicht trifft, sondern nur feine, in Fäden zo verfotgende 
Pmikte oder ptinktf&nnige OeffnuDgen erhliukt. Die einzelnen Zell- 
kürper rücken also mit fortBchreitendem Wachsthnm weiter ans* 
einander nnd es wird immer schwierii^er, die Zellen in ihrer gan- 
zen Aosdehnnng mit ihren Fortsätzen auf einmal zn Übersehen. 
Ani-h muss man flieh erst über diis Verhfiltniss von Längs- and 
Qaerschnitt in'e Klare setzen, nm die vorkommenden Bilder ri«:h- 
tig zn verstehen. Wo nehmlich anf einem Längsschnitte spio' 
tielfSnnige Elemente liegen, da treffen wir auf einem Qnerschnitte 



sternförmige, nnd umgekehrt entspricht dem Zellennetze des Qaer- 
»^'hnittes die regelmässige Abwechselung von reihenweise gestellten 
spindelförmigen Elementen des Längsschnittes ganz nach dem 
Schema, wie wir es für das Bindegewebe überhaupt anfgestellt 



Fig. id. Längsschuitt aus dem Innerii der Acbilles-Sehne eineB Neu^rcbor- 
iieii, o, o, n Scfaeidsti (JnteLsli'ielles Uewebe), A, b Fasdkel. la beiden siclil 
uian Spindel fTjrmiKD Kernxelleii, v.nm Theil anaslümosirend , mit leii'lit län^ sAtrei- 
6a«r GrundatibataDz , die Zellen in den Scheiden dichter, in den Fascikelu spär- 
licher, bei c der Dorchscfanitt eines iaterstitielleii Blut-Qeß^ses. Vergr. 350. 



124 Sechstes Gapitel. 

haben. Die Elemente sind also auch hier nnr scheinbar ein&ch 
spindelförmig, wenn man einen reinen Längsschnitt betrachtet: ist 
dieser etwas schräg gefallen, so sieht man die seitlichen Aoslftii- 
fer, durch welche die Zellen einer Reihe mit denen der anderen 
communiciren. 

Bis jetzt hat man das fortgehende Wachsthum der Sehnen 
nach der Geburt noch nicht zum Gegenstande einer regehnässigen 
Untersuchung gemacht, und es ist nicht bekannt, ob dabei noch 
eine weitere Vermehrung der Zellen stattfindet; so viel ist jedoch 
sicher, dass die Zellen später sehr lang xmd die Abstände zwischen 
den einzelnen Eernstellen ausserordentlich gross werden. Das 
Structurverhältniss an sich erleidet dadurch jedoch keine Verän- 
derung ; die ursprünglichen Zellen erhalten sich, ohne in ihrer Form 
und ihren Lagerungs-Verhältnissen wesentliche Veränderungen zu 
erfahren, auch in dem grossen Bohrensystem, welches in der aus- 
gewachsenen Sehne das ganze Gewebe durchzieht. Daraus erklärt 
sich die M(yglichkeit, dass, obwohl die Sehne in ihren innersten 
Theilen keine Gefässe enthält und, wie man bei jeder Tenotomie 
sehen kann, nur wenig Blut in den äusseren Gefässen der Seh- 
nenscheide und den inneren Gewissen der Interstitien der grösse- 
ren Bündel empfängt, doch eine gleichmässige Ernährung der 
Theile stattfinden kann. Diese lässt sich in der That nur so den- 
ken, dass auf besonderen, von den Gefässen xmterscheidbaren We- 
gen Säfte durch die ganze Substanz der Sehne in regelmässiger 
Weise vertfaeilt werden. Nun sind aber die natürlichen Abthei- 
lungen der Sehne fast ganz regelmässig, so dass ungefähr auf 
jedes einzelne zellige Element eine gleich grosse Menge von Zwi- 
schensubstanz kommt, und da die Zellenmaschen des Innern sich 
direkt in die dichten Zellenbündel der Interstitien und diese bis 
an die Gefässe verfolgen lassen (Fig. 44, 45), so darf man wohl 
unzweifelhaft in diesen Zellen die Wege einer intermediären Saft- 
strömung sehen, welche nicht mehr durch freie Ostien mit den 
Wegen der allgemeinen BlutstrOmung zusammenhängen. 

Es ist dies ein neues Beispiel für meine Ansicht von den 
Zellenterritorien. Ich zerlege die ganze Sehne, abgesehen von pri- 
mären und secundären Fascikeln, in eine gewisse Zahl von Reihen 
linear und maschenf&rmig verbundener Zellen; jeder Reihe rechne 
ich ein gewisses Gewebsgebiet zu, so dass z. B. auf einem Längs- 
schnitte etwa die Hälfte der Zwischenmasse der einen, die andere 



Homhautbau. 125 

Hälfte derselben der anderen Zellenreihe zngehören würde. Das, 
was man als die eigentlichen Bündel der Sehne betrachtet, wird 
hier also noch weiter zerspalten, indem die Sehne in eine grosse 
Zahl von besonderen Emähnmgs- Territorien anseinander gelegt 
wird. 

Ein solches Yerhfiltniss finden wir überall bei den Geweben 
dieser Gmppe wieder. Ans ihm leitet sich, wie man sich dnrch 
direkte Anschaunng überzengen kann, zugleich die Grösse der 
Krankheitsgebiete ab: jede Krankheit, welche wesentlich 
auf einer nutritiven Störung der inneren Gewebs-Ein- 
richtnng beruht, stellt immer eine Summe aus den 
Einzelveränderungen solcher Territorien dar. Die Bil- 
der, welche man bei diesen Untersuchungen gewinnt, gewähren durch 
die Zierlichkeit der inneren Anordnung zugleich einen wirklich ästhe- 
tischen Genuas, und ich kann nicht leugnen, dass, so oft ich einen 
Sehnenschnitt ansehe, ich mit immer erneutem Wohlgefallen diese 
netzförmigen Einrichtungen betrachte, welche in so zweckmässiger 
Weise die Verbindung des Aeusseren mit dem Inneren herstellen, 
und welche, ausser in dem Knochen, kaum in irgend einem an- 
deren Gebilde mit so grosser Schärfe und Klarheit sich darlegen 
lassen, wie in der Sehne. — 

^- Dem Bau xmd den Einrichtungen nach schliesst sich hier am 
leichtesten die Hornhaut an. Denn in ähnlicher Weise, wie die 
Sehne ihr peripherisches Gef&sssystem hat und ihre inneren Tbeile 
dnrch das feine saftführende Röhrensystem ernährt werden, so 
reichen auch an der Hornhaut nur die feinsten Gefässe, und auch 
diese kaum eine Linie weit, über den Kand herüber, so dass nicht 
bloss der centrale Abschnitt, sondern der grösste Theil der Cor- 
nea vollkommen gefässlos ist, was schon wegen der Durchsich- 
tigkeit des Gewebes sich als nothwendig ergibt. Der grösste Theil 
der Hornhaut ist daher in seinen Ernährungs - Einrichtungen so 
gestellt, dass er vom Umfange und von den Flächen her Stoffe 
aofiiehmen und leiten kann, ohne dass es dazu direkter Gefäss- 
verbinduDg bedürfte. 

Die Substanz der Hornhaut besteht nach der älteren Ansicht 
au über einander geschichteten Lamellen (Platten oder Blättern), 
welche mehr oder weniger parallel durch die ganze Ausdehnung der 
Hornhaut gehen. Eine genauere Untersuchung zeigt jedoch, dass 
die Lamellen, wie beim Knochen, nicht vollkonmien getrennt sind. 



126 



Sechstes Gapitel. 



da88 vielmehr die einzelnen Gewebs-Schichten, welche allerdings im 
Grossen lamellös über einander gelagert sind, unter einander viel- 
fach zusammenhängen ; sie liegen nicht in irgend welcher Art lose 
oder fest auf einander, sondern sie haben unter sich direkte Ver- 
bindungen. Es ist daher die Cornea vielmehr als eine überall zu- 
sammenhängende Masse anzusehen, deren fast homogene Grund- 



Flg. 47. 




Substanz in gewissen Richtungen oder Zügen unterbrochen wird 
durch zellige Elemente (Hornhautkörperchen), ganz in der- 
selben Weise, wie dies bei den anderen verwandten Geweben, 
welche wir schon besprochen haben, gesehen wird. Ein Vertical- 
schnitt zeigt uns spindelförmige Elemente, welche unter einander 
anastomosiren, zugleich aber auch seitliche Ausläufer haben. Be- 
trachtet man sie von der Fläche, im Horizontalsclmitte, so erwei- 
sen sie sich als vielstrahiige, sternförmige, aber sehr platte Zellen«, 
den Enochenkörperehen vergleichbar. 

Indem nun diese Zellen in regelmässiger Weise, nehmlich in 
mehrfachen, parallelen Ebenen, in die Grundsubstanz eingelagert 
sind, so entsteht eben jene lamellöse, blätterige oder plattenartige 



Fig. 47. Senkrechter Durchschnitt der Hornhaut des Ochsen, um die Gestalt 
und Anastomose der Ilomhautzellen (Körperchen) zu zeipren. Hie und da sieht 
man durchschnittene, als Faseni oder Punkte erscheinende Zellenfortsätze. Vor^. 
r>00. Nach II i 8 Wurzh. Verhandl. IV. Taf. IV. Fip. 1. 



Der Nabelgtrang. 



Beschaffenheit des ganzen Gewebes. Die Blätter der Hombant 
sind die Analoga der Bündel der Sehne. — 

Ich schliesee ein anderes Giewebe hier an, das sonst in der 
Histologie nicht besonders bevorzugt ist, das aber gewiss kein 
geringes Intaresse hat, nehmlich das Schleimgewebe. Wir fin- 
den dasselbe in besonders reichlicher Anb&nfhng in dem Nabel- 
Strang, wo es die sogenannte Wharton'sche Snlze darstellt*). 
Diese gehOrt auch zn den Geweben, welche allerdings Geisse 
nhren, aber doch eigentlich keine Gef&sse besitzen. Denn die 
Gflftsse, welche durch den Nabelstrang hindarchgeleitet werden, 
sind nicht EmährnngsgeAsse für die Nabelstrangsnbstanz, wenig- 
stens nicht in dem Sinne, wie wir von Emährongsgef&ssen an 
anderen Tbeilen sprechen. 

Wenn man nehmlich von nntritiven Gefässen 
spricht, so meint man damit stets solche Gef&ese, 
welche in die Theile, die ernährt werden sollen, Ga- 
pillaren senden. Die Aorta thoracica ist nicht das nntritive 
Oel&gs des Thorax, eben so wenig als die Aorta abdominalis oder 
die Vena cava das ffir den Bauch. Man sollte also, wenn es sieb 
nm den NabelstrauK handelt, erwarten, dass ausser den beiden 
Nabel -Arterien nnd der Nabel-Vene noch Nabelstrang -Capillaren 



Frg. 48. FlichenBchnitt der Flonihaut, parallel der Obarfl&rbe; die stem- 
fönnigen, platten Körpsrchen mit ihreo onastomoBireaden ForisHtEeD- Noch IIi>, 
ebMtdas. Fig. II. 

*) Thom. Wbsrton (Aüenograpbia. AmBlalod. IG59. pag. 2SS) sagt sebr 
rbarakteristwcb : Ljmphaedticliu vel gelndna, quae eonim .virea gerit, altemm 
snceuin albumJDi OTorum similiorem sbdudt (a placenta} ad tuniculuD um- 
bilkalem. 



128 Sechstel Cftpilel. 

exisüren. Allein Arterien und Vene verlaufen, ohne anch nur das 
Mindeste von Aesten abzugeben, vom NEU>el bis zur Placenta hin; 
erst hier beginnen die Verästelangen. Die einzigen capillaren Ge- 
fasse, die überhaupt in dem Nabelstrange eines etwas entwickelten 
Fötus gefonden werden, reichen nnr etwa 4 — 5 Linien, selten 
eia wenig mehr von der Bancbhant aus in denjenigen Theil des 
Nabelstranges hineio, welcher nach der 
^t- *«■ Gebart persistirt. Je nachdem dieser 

gefässhaltige Theil höber oder niedriger 
heraufreicht, wird auch der spätere Nabel 
verBcfaieden entwickelt. Bei sehr niedri- 
ger Ge^Bschicht wird der Nabel sehr 
tief, bei sehr grosser gibt es einen pro- 
minirenden Nabel. Die Capillaren be- 
zeichnen die Grenze, bis zu welcher das 
permanente Gewebe reicht; die Portio 
cadaca des Nabelstranges hat keine eige- 
nen GeOsse mehr. 

Dieses Verbältniss, welches mir fOr 

die Theorie der ErnäbruDg sehr wichtig 

zu eeiü scheint, übersieht man sehr leicht 

mit blossem Ai^e an injicirten Früchten 

vom fünftea Monate an, sowie an Neugebornen. Die gefässhaltige 

Schicht setzt sich zuweilen fast geradlinig ab. 

Freilich ist ein solches Object nicht absolut beweisend, denn 
CS kOnaten immerhin einzelne feine Gefässe noch weiter gehen, 
welche nicht mit blossem Auge erkennbar wären. Aber ich habe 
gerade diesen Punkt zum Gegenstände einer speziellen Cntersu- 
chung gemacht*), und obwohl ich eine Reihe von menschlichen 
NabelsträDgeo bald von den Arterien, bald von den Venen ans 
ii^icirt habe, so ist es mir doch nie gelangen, auch nor das 
kleinste collaterale Gefäss zn sehen, welches über die Grenze der 
Portio persistens hinausgii^. Der ganze hioAUige Tbeil des Na- 



Fig. 49. Das abdomiDale Ende des Nabelstranges eine« fast ausgetragenen 
Kindes, injicirt. A die Bauchwand. B der persislirende Tbeil mit dichter Oe- 
(Iss-lDJedioD am BMde. C Portio cadoca mit den Windungen der NabelgeOis«. 
» die Capillargrenie. 

*} ArcbiT f. patfa. Anatomie und Pbjaiol. 1851. III. 459. 



Der Nabelstranjt. 129 

belstranges, das lange Stück, welcheB zwischen dem cntanen An- 
satz und der Placeatar-AoflOsnnfc liegt, ist vollständig capillarlos, 
nnd es ist in ihm nichts weiter von Gemsen vorhanden, als die 
drei grossen Stämme. Diese zeichnen sich aber sämmtlich dnrch 
sehr dicke Wandungen ans, welche, wie wir erst dnrch Eölliker's 
Untereachnng wissen, aasserordenüich reich an glatten Hoskel- 
fasem sind. 

Anf einem Qaerschnitte dnrch den Nabelstrang bemerkt man, 
wie die dicke mittlere Haut der Gefösse ganz nnd gar ans diesen 
Unskelfasem besteht, eine unmittelbar an der anderen, so reichlich, 
wie es sonst kanm an irgend einem vollständig entwickelten Ge- 
ßUse gefanden wird. Diese Eigentbiimlichkeit erklärt die anffal- 
lend grosse Contractilitfit der Nabelgeßsse, welche bei Einwirkung 
mechuiischer Heize, beim AKschneiden mit der Scheere, beim 
Kneifen oder naf elektrische Reize im Grossen so leicht in Wir- 
kung tritt. Zuweilen verengem sii^h die Geisse anf äussere Reize 
selbst bis zum Verschlusse ihres Lumens, so dass nach der Geburt 
auch ohne Ligatur, z. B. nach Abreisseo des Nabelstranges, die 
Blatmig von selbst stehen kann. Die Dicke der Wandungen dieser 



Gelasse ist daher leicht begreiflich, denn zn der an sich so dicken 
Hnscolaris kommt noch eine innere md eine, wenn auch Dicht 

Fig. 50. QaerdorchMhnitl durch einen Theil des Nabel Siran (tes. Links liebt 
nun den Durchschnitt einer Nabelorterie mit sehr starker Muskalhaut, daran 
■chliesat sich das allmählich immer weiter werdende Zellennet* des Schleimge- 
webea. Vergr. 80. 



130 Sechstes Capitel. 

gerade sehr stark entwickelte, äussere Haut; daran erst schliesst 
sich das sulzige Gallert*6ewebe (Schleimgewebe). Durch diese 
Lagen hindurch würde also die Ernährung geschehen mfissen. Ich 
kann nun allerdings nicht mit Sicherheit sagen, von wo aus das 
Gewebe des Nabelstranges sich ernährt; vielleicht nimmt es aus 
dem Liquor Amnios Emährungsstoffe auf; auch will ich nicht in 
Abrede stellen, dass durch die Wand der Gefässe EmährungsstoiFe 
hindurchtreten mögen, oder dass sich von den kleinen Gapillaren 
des persistirenden Theils aus nutritives Material fortbewegt. Aber 
in jedem Falle liegt eine grosse Hasse des Gewebes fem von 
allen Gefässen und von der Oberfläche; sie ernährt und erhält 
sich, ohne dass eine feinere Circulation von Blut in ihr vorhan- 
den ist. Man hat nun allerdings lange Zeit hindurch sich mit 
diesem Gewebe nicht weiter beschäftigt, weil man es mit dem 
Namen der Sülze (Gallerte) belegte und es damit überhaupt aus 
der Reihe der Gewebe in die vieldeutige Gruppe der blossen An- 
häufungen oder Ausschwitzungen von organischer Masse warf. 
Ich habe erst gezeigt*), dass es wirklich ein gut gebildetes Ge- 
webe von typischer Einrichtung ist, und dass dasjenige, was im 
engeren Sinne die Sülze darstellt, der ausdrückbare Theil der 
Intercellularsubstanz ist, nach dessen Entfernung ein leicht fase- 
riges Gewebe zurück bleibt, welches ein feines, anastomotisches 
Netz von zelligen Elementen in derselben Weise enthält, wie wir 
es eben an der Sehne und an anderen Theilen kennen gelernt 
haben. Ein Durchschnitt durch die äusseren Schichten des Na- 
belstranges zeigt eine Bildung, welche viel Aehnlichkeit mit dem 
Habitus der äusseren Haut hat: ein Epldermoidal- Stratum, dar- 
unter eine etwas dichtere cutisartige Lage, dann die Wharton- 
sche Sülze, welche der Textur nach dem Unterhautgewebe ent- 
spricht und eine Art von Tela subcutanea darstellt. Dies hat 
insofern für die Deutung einiger Gewebe der späteren Zeit ein 
besonderes Interesse, als die Sülze des Nabelstranges dadurch 
ihre nächste Verwandtschaft documentirt mit dem Panniculus 
adiposus, der aus ursprünglichem Schleimgewebe hervorgeht, 
sowie mit dem Glaskörper, welcher der einzige Gewebs-Rest 
ist, der, soweit ich bis jetzt ermitteln konnte**), beim Menschen 



•) Wärzb. Verhandl. 1851. U. 160. 
••) Wärzb. Verhandl. IL 317. Archiv f. patb. Anat IV. 486. V. 278. 



Du Qawebe des Nsbelatitioges. 131 

wfthrend des ganzea Lebens in dem Zostande einer zitternden 
Gallerte oder Snlze verharrt. Er ist der letzte Kest des embryo- 
nalen ünterbantgewebes, welches bei der Entwickelong des Anges 
mit der Linse (der frOheren Epidermis, S. 36) von ansäen ein- 
gestülpt wird. 

Die Haopt - Hasse des Nabeletrangea besteht ans einem 
mascfaigeu Oewebe, dessen Haschenr&nme Schleim (Uacin) mid 
einzelne mndliche Zellen enthalten and dessen Balken ans einer 
streifig -laserigeu Substanz bestehen. Innerhalb dieser letzteren 
liegen atemf&rmige Elemente. Stellt man durch Behandlung mit 



EssigsSore ein gntes Prftparat her, so bekommt man ein regel- 
rechtes Ketz von Zellen za Gesicht, welches die Masse in so 
regelmässige Äbtheilongen zerlegt, dass darch die Anastomosen, 
welche diese Zellen dnrch den ganzen Nabelstrang haben, eben 
anch eine gleichmftssige Vertheilnng der Sftfte dnrch die ganze 
Snbstanz mSglicb wird. — 

Ich habe bis jetzt eine Keihe von Geweben vorgefahrt, die 
alle darin fibereinkaneD, dasa sie entweder sehr wenig Capillar- 
gefltsse oder gar keine besitzen. In allen diesen Fftllen erscheint 



Flg. 51. QatrdnrcbBchDitt Tom Schleimgeirebe des NabeUtraDges, das Ha- 
Mbaimeti der tternfönnigen Körper Dach Bebandlong mit Essigs&nre und Oljcerin 
danteUeod. Tergr. 300. 



132 Sechstes Capitel. 

der Schluss sehr einfach, dass die besondere zellige Kanal -Ein- 
richtung, welche sie besitzen, far die Saftströmang diene. Uan 
könnte aber, znmal wenn man das Schleimgewebe nicht anerkennt, 
meinen, es sei dies eine Ansnahms-Eigenschaft, die nur den ge- 
fässlosen oder gefässarmen, im Allgemeinen harten Theilen zu- 
käme, und ich mnss daher noch ein Paar Worte fiber die Weich- 
tbeile hinzufügen, welche einen ähnlichen Bau haben. Alle Ge- 
webe, welche wir bisher betrachtet haben, gehören nach der Clas- 
sification, welche ich im Eingänge gegeben habe, in die Reihe der 
Bindesnbstanzen : der Faser -Knorpel, das fibröse oder Sehnenge- 
webe, das Schleim-, Knochen- und Zahngewebe müssen sämmtlich 
derselben Klasse zugerechnet werden. In dieselbe Kategorie gehört 
aber auch die ganze Masse dessen, was man gewöhnlich imter 
dem Namen des eigentlichen Zellgewebes begriffen hat und 
worauf zumeist der von Joh. Hüller*) vorgeschlagene Name des 
Bindegewebes passt; jene Substanz, welche die Zwischenräume 
der verschiedenen Organe in bald mehr, bald weniger grosser 
Menge erfüllt, welche die Verschiebung der Tbeile gegen einander 
ermöglicht, und von der man sich früher dachte, dass sie grössere 
oder kleinere, mit einem gasförmigen Dunst (Halitus serosus) 
oder Feuchtigkeit gefüllte Räume (Zellen im groben Sinne, Areolen) 
enthielte (S. 40). 

An den meisten Orten liegen darin zahlreiche Arterien, Venen 
und Capillaren, und die Einrichtung für die Ernährung ist die 
allergünstigste von der Welt. Trotzdem besteht auch hier neben 
den Blutgefässen überall eine feinere Einrichtung der Ernähmngs- 
wege genau in derselben Art, wie wir sie eben kennen gelernt 
haben, nur dass, je nach dem besonderen Bedürfnisse, an einzel- 
nen Theilen eine eigenthümliche Veräaderung der Zellen stattfindet, 
indem nach und nach an die Stelle der einfachen Zellennetze und 
Zellenfasern eine compactere Bildung tritt, welche durch eine di- 
rekte Umwandlung daraus hervorgeht, das sogenannte elastische 
Gewebe. 

Wenige Monate, nachdem ich meine ersten Beobachtungen 
über die Zellen und Röhrensysteme der Bindesubstanzen mitge- 



*) Maller, Handb. der Physiol. I. 2. 1834. S. 410: «Das Zell|;6webe, 
welches durch »eine Eigenschaft, andere Gewebe mit einander tu vereinigen, anch 
ßindef;ewel>e (genannt werden könnte.' 




Elastische Fasern. ]33 

theilt hatte, veröffentlichte Don der 8 seine Beobachtungen über 
die Umbildung der Bindegewebszellen in elastische Elemente, — 
eine Erfahrung, welche für die Vervollständigung der Geschichte 
des Bindegewebes von grosser Bedeutung geworden ist. Wenn 
man nehmlich an solchen Punkten untersucht, wo das Bindege- 
webe grossen Dehnungen ausgesetzt ist, wo es also eine grosse 
Widerstandsfähigkeit besitzen muss, so findet man in derselben 
Anordnung und Verbreitung, welche sonst die Zellen und Zellen- 
röbren des Bindegewebes darbieten, elastische Fasern, und man 
kann nach und nach die Umbildung der einen in die anderen so 
verfolgen, dass es nicht zweifelhaft bleibt, dass nicht bloss die 



Fig. 52. 




feineren (He nie 's sogenannte Eernfasem, Fig. 20 und 22), son- 
dern auch die gröberen elastischen Fasern direkt durch eine che- 
mische Veränderung und Verdichtung der Wand von Bindege- 
webskörperchen hervorgehen. Da, wo ursprünglich eine einfache, 
mit langen Fortsätzen versehene Zelle lag, da sehen wir nach 
and nach die Membran nach innen hin an Dicke zunehmen und 
das Licht stärker brechen, während der eigentliche Zelleninhalt 
sich inmier mehr reducirt und endlich verschwindet. Das ganze 
Gebilde wird dabei gleichmässiger, gewissermaass^n sklerotisch 
und erlangt gegen Reagentien eine unglaubliche Widerstandsfähig- 
keit, so dass nur die stärksten Gaustica nach längerer Einwirkung 



Fig. 52. Elastische Netze und Fasern aus dem Unterhautgewebe vom Bauche 
einer Frau, a, a grosse, elastische Körper (Zellkorper) mit zahlreichen anasto- 
moäirenden Ausläufern. 6, 6 dichte elastische Faserzüge, an der Grenze grösserer 
Mascbenraume. c, c mittelstarke Fasern, am Ende spiralig retrahirt. </, d feinere 
elastische Fasern, bei e feinspiralig zurückgezogen. Vergr. 300. 



134 Sechstes Gapitel. 

dasselbe zu zerstören im Stande sind, während es den kaustischen 
Alkalien nnd Säuren in der bei mikroskopischen Untersuchungen 
gebräuchlichen Concentration vollkommen widersteht. Je weiter 
diese Umwandlung fortschreitet, um so mehr nimmt die Elasticitftt 
der Theile zu, und wir finden in den Schnitten diese Fasern ge- 
wöhnlich nicht gerade oder gestreckt, sondern gewunden, aufge- 
rollt, spiralig gedreht oder kleine Zikzaks bildend (Fig. 52, c, e). 
Dies sind die Elemente, welche vermöge ihrer grossen Elasticitftt 
Retractionen derjenigen Theile bedingen, an welchen sie in grösserer 
Masse vorkommen, z. B. der Arterien, der elastischen Bftnder. 
Man unterscheidet gewöhnlich feine elastische Fasern, welche eben 
die grosse Verschiebbarkeit besitzen, von den breiteren, welche 
keine gewundenen Formen annehmen. Der Entstehung nach 
scheint indess zwischen beiden Arten kein Unterschied zu sein; 
meiner Meinung nach gehen beide aus Bindegewebszellen hervor 
und die spätere Anordnung wiederholt die ursprüngliche Anlage. 
An die Stelle eines Gewebes, welches aus Grundsubstanz und 
einem maschigen, anastomosirenden Zellengewebe besteht, tritt 
nachher ein Gewebe, dessen Grundsubstanz durch grosse elasti- 
sche Maschennetze mit höchst compacten und derben Fasern ab- 
getheilt wird. 

Ich will damit jedoch keineswegs behauptet haben, dass alle 
Dinge, welche man gelegentlich elastische Fasern nennt, auf die- 
selbe Weise entstehen. Im Netzknorpel wird die Intercellularsub- 
stanz von sehr starken, rauhen Fasern durchsetzt, welche die ge- 
wöhnlieh runden ZeUen umziehen, aber weder einen Zusammenhang 
mit ihnen haben, noch aus ihnen hervorgehen. Manche neuere 
Beobachter sind der Meinung, dass in ähnlicher Weise auch die 
elastischen Fasern des Bindegewebes Producte der Intercellular- 
substanz seien. Dieses scheint mir unrichtig zu sein. Allerdings 
verdichtet sich auch die InterceUularsubstanz des Bindegewebes an 
gewissen Orteft zu einer homogenen, glasartigen, strukturlosen 
Membran von ganz ähnlichem Aussehen, wie die elastischen 
Fasern. Dahin gehören namentlich die sogenannten Tunicae 
propriae der Drusenkanäle, z. B. der Niere, der Schweissdrfisen, 
für welche die englische Terminologie den Namen der Basement 
membranes eingeführt hat. Dahin scheint auch das Sarkolemm 
der Muskelprimitivbündel zu zählen zu sein, welches allerdings 
den Eindruck einer Zellmembran macht, welches aber erst im 



Elastische Häute und Fasern. 135 

Laufe der späteren Entwickelong mehr hervortritt und gelegentr 
lieh z. B. in den Trichinen-Eapseln eine kolossale Dicke erreicht. 
Manche dieser Bildungen hat man, nach Analogie der Ghitinhäate 
niederer Thiere, als eine Ansscheidong der Zellen, als sogenannte 
Cuticulae anfgefasst, indess passt diese Bezeichnung nur für 
solche Häute, welche nach aussen von den Zellen liegen, nicht für 
solche, v^relche, wie die Tunicae propriae der Drüsenkanäle, nach 
innen von denselben sich befinden. Wenn ich daher für die ela- 
stischen Membranen eine Ableitung derselben aus der Intercellu- 
larsubstanz zulasse, so halte ich doch daran fest, dass die eigent- 
lichen elastischen Fasern aus den Zellkörperu des Bindegewebes 
entstehen. 

Bis jetzt ist nicht mit Sicherheit ermittelt, ob die Verdich- 
tung (Sklerose) der Zellen bei dieser Umwandlung so weit fort- 
geht, dass ihre Leitungsfähigkeit völlig aufgehoben, ihr Lumen 
ganz beseitigt wird, oder ob im Innern eine kleine Höhlung übrig 
bleibt. Auf Querschnitten feiner elastischer Fasern sieht es so 
aus, als ob das Letztere der Fall sei, und man könnte sich daher 
vorstellen, dass bei der Umbildung der Bindegewebskörperchen in 
elastische Fasern eben nur eine Verdichtung und Verdickung mit 
gleichzeitiger chemischer Umwandlung an ihren äusseren Theilen 
stattfände, schliesslich jedoch ein Minimum des Zellenraumes übrig 
bliebe. Was für eine Substanz es ist, welche die elastischen Theile 
bildet, ist nicht ermittelt, weil sie absolut unlöslich ist; man 
kennt von der chemischen Natur dieses Gewebes nichts, als einen 
Theil seiner Zersetzungs-Produkte. Daraus lässt sich aber weder 
seine Zusammensetzung, noch seine chemische Stellung zu den 
übrigen Geweben beurtheilen. 

Elastische Fasern finden sich überaus verbreitet in der 
iiusseren Haut (Cutis), namentlich in den tieferen Schichten der 
eigentlichen Lederhaut; sie bedingen hauptsächlich die ausser- 
ordentliche Resistenz dieses Theiles, die sich auch nach dem Tode 
erhält und von der die Güte der Schuhsohlen und anderer, star- 
ker Abnutzung ausgesetzter, aus Leder gefertigter Geräthe ab- 
hängt Die verschiedene Festigkeit der einzelnen Schichten der 
Haut beruht wesentlich auf ihrem grösseren oder geringeren Ge- 
halt an elastischen Fasern. Den oberflächlichsten Theil der Cutis 
dicht unter dem Bete Malpighii bildet der PapiUarkörper, worunter 
man nicht nur die Papillen selbst, sondern auch eine Lage von 



13ti äeth»te8 Capilel. 

flach fortlaufender Gutissubstanz mit kleinen Bindegewebskörper- 
chen zu verstehen hat. In die Papillen selbst steigen nur feine 
elastische Fasern und zwar in Bündelform auf. In der Basis der 
Papillen erscheinen dann zuerst feine und enge Maschennetze (Fig. 
17, P, P)y welche nach der Tiefe zu mit dem sehr dicken und gro- 
ben elastischen Netz zusammenhängen, welches den mittleren, am 
meisten festen Theil der Haut, die eigentliche Lederhaut (Der- 
ma) durchsetzt. Darunter folgt endlich ein noch gröberes Maschen- 
netz innerhalb der weniger dichten, aber immerhin noch sehr so- 
liden, unteren Schicht der Cutis, welche endlich in das Fett- oder 
Unterhautgewebe (die Unterhaut) übergeht. 

Wo eine solche Umwandlung der Bindegewebskörperchen in 
elastisches Gewebe stattgefunden hat, da trifll man manchmal fast 
gar keine deutlichen Zellen mehr. So ist es nicht bloss an der 
Cutis, sondern auch namentlich an gewissen Stellen der mittleren 
Arterienhaut, namentlich der Aorta. Hier wird das Netz von ela- 
stischen Fasern so überwiegend, dass es nur bei grosser Sorgfalt 
möglich ist, hier und da feine zellige Elemente dazwischen zu 
entdecken. In der Cutis dagegen findet man neben den elastischen 
Fasern eine etwas grössere Menge von kleinen Elementen, die 
ihre zellige Natur noch erhalten haben, allerdings in äusserst 
minutiöser Grösse, so dass man danach besonders suchen muss. 
Sie liegen gewöhnlich in den Räumen, welche von den grossma- 
schigen Netzen der elastischen Fasern umgrenzt werden; sie bil- 
den hier entweder ein vollkommen anastomotisches, kleinmaschiges 
System, oder sie erscheinen auch wohl als mehr gesonderte, 
rundlich-ovale Gebilde, indem die einzelnen Zellen nicht deutlich 
mit einander in Verbindung stehen. Dies ist namentlich in dem 
Papillarkörper der Haut der Fall, der sowohl in seiner ebenen 
Schicht, als in den Papillen zahlreiche kernhaltige Zellen führt, 
im geraden Gegensatze zu der zugleich mehr gefässarmen eigent- 
lichen Lederhaut. Es bedarf der Papillarkörper einer ungleich 
zahlreicheren Menge von Gefässen, da diese zugleich das Emah- 
rnngsmaterial für das ganze, über der Papille liegende und für 
sich gefässlose Oberhantstratum liefern müssen. Trotz der ver- 
hältnissmässigen Grösse dieser Gefässe bleibt doch nur eine kleine 
Menge Emährungssaft der Papille als solcher zur Disposition. 
Jeder Papille entspricht daher ein gewisser Abschnitt der darüber 
liegenden Oberhaut, welcher mit der Papille zusammen einen ein- 



Haut im,] Unterhalt. 137 

zi|;eD vascolären oder ErnähruDgabezirk durstellt. luner- 

Plu. 5t 



halb dieses Bezirkes zerfällt sowohl die Oberhaut, als &u<;b die 
Papille als solche wieder in so viele Elementar- (bistoloipacbe) 
Territorien, als überhaupt Elemente (Zellen) darin vorhanden 
sind. 

Die ÜQterhaat (tela snbcntanea) besteht an den meisten 
Stellen des KOrpers keineswegs, wie man noch jetzt so bänfig 
bOrt, ans Zellgewebe, sondern ans Fettgewebe (pannicolas adi- 
posos). Sie verhält sieb in dieser Beziehung ganz ähnlich, wie an 
sehr vielen Orten das subserOse Gewebe, welches gleichfoUs 
eine vorwiegende Neigung zur Fettabsetzang erkennen läset. Die 
snbpericardialen , snbpleuralen , subperitonäalen , snbsynovialen 
Schiebten sind bei gut genährten Personen mehr oder weniger 
vollständig aus Fettgewebe gebildet Wesentlich verschieden ver- 
hält eich das ssbmacGBe Gewebe, welches wohl gelegentlich 
wahres Fettgewebe ist, jedoch meist aus loserem Bindegewebe, 
seltener ans Scbleimgewebe besteht. Ihnen am oäcbsten steht 
unter den subcutanen Lagern die Unterbaut des Scrotum (Tn- 
nica dartos), welche überdies noch dadurch ein besonderes In- 
teresse darbietet, dass sie ausnehmend reich an Gelassen und 
Nerven ist, ganz entsprechend der besonderen Bedeutung dieses 
Theiles, und daaa sie ausserdem eine grosse Masse von organi- 
sehen Muskeln und zwar von jenen kleinen Hautmaskeln besitzt, 
die ich früher erwähnt habe (S. 58). Letztere sind die eigentlich 
wirksamen Elemente der contractilen Tunica dartos. Gerade hier, 
wo man früher auf contractiles Zellgewebe zurückgegangen war, 
ist die Menge der kleinen Hantmnskeln überaus reichlich; die 



Fig. 53. InjccIioDapräparat voit der Haut, »eukrerhter hurchschoitl. A' Epi- 
tlermU, 1} Rote Ualpighü, P die Ilaulpapilleu mit den auf- und ibBloigeDtleii 
Gefisaen (ScbUogen). C Cutis. Vei^r. 11. 



kräftigeo Ranzelangen des HodensackeB entstehen einzig nnd allein 
dorch die Gontraction dieser feinen Bündel, welche man nament- 



)i<:h nach Cannin^rbong sehr leicht von dem Bindegewebe unter- 
scheiden kann. Es sind Fascikel von ziemlich gleicher Breite, 
meist breiter, als die Bindegewebsbflndel; die einzelnen Elemente 
sind in ihnen in Form von langen glatten Faserzellen zosammett- 
geordnet. Jedes Mnskel-Faseikel zeigt, wenn man es mit Essig- 
ftSore behandelt, in regelmässigen Abständen jene eigenthfimlicben, 
langen, baafig stfibcbenartigen Kerne der glatten Hnekiilatnr, und 
zwischen denselben eine streifige Äbtheilong nach den einzelnen 
Zellen, deren Inhalt ein leicht kftmiges Aussehen hat. Das sind 



Fig. M. Schnitt «ni der Tudim dartos dsi Scrohims. Man sieht nebeo- 
einander parallel eine Arterie (a), eine Vena (r) und einen Nerven (n); ersten 
beide mit kleinen Aeaten. R«cbts und links daran or)(aoiscbe Uuekelbändel (m, m) 
und daiwiscben weiches Bindegewebs (r, e) mit grossen anaitomosirenden Zellen 
und feinen elutiscben Fasern- Vergr. 300. 



Weiches Bindegewebe. 139 

die Ranzler des Hodensackes (Gormgatores scroti). DaDeben 
finden sich in der überaus weichen Hant anch noch eine gewisse 
Zahl von feinen elastischen Elementen und in grösserer Menge 
das gewöhnliche weiche, lockige Bindegewebe mit einer grossen 
Zahl verhältnissmässig umhngreicher, spindel- und netzförmiger, 
schwach granulirter Eernzellen. 

Das weiche Bindegewebe verhält sich daher, abgesehen von 
den in dasselbe eingelagerten, dem Bindegewebe als solchem nicht 
angehörigen Theilen (Gelassen, Nerven, Muskehi, Drüsen), wie das 
harte: überall ein Netz verzweigter und unter einander anastomo- 
sirender Zellen in einer, grossen Schwankungen der Gonsistenz 
und der inneren Zusammensetzung unterworfenen Grundsubstanz. 
Um jedoch die grosse Verschiedenheit der Ansichten, die noch 
immer über diesen schwierigen Gegenstand besteht, nicht zu ver- 
schweigen, so wollen wir hier erwähnen, dass eine grosse Zabl 
auch* der neuesten Beobachter nicht bloss die zellige, sondern so- 
gar die körperliche Natur der von mir beschriebenen Bindegewebs- 
zellen oder Bindege webskörperchen , sowie aller der ihnen aequi- 
valenten Gebilde (Knochen-, Hornhaut-, Sehnen -Eörperchen) ge- 
radezu in Abrede stellt, und an die Stelle derselben blosse Zwi- 
schenräume, Aushöhlungen oder Lücken (Lacuncn) setzt, welche 
sich zwischen den Bündeln oder Lamellen des Gewebes an den 
Punkten finden sollen, wo die Bündel oder Lamellen nicht voll- 
ständig mit einander in Berührung kommen. Die Erfahrung, dass 
die Bindegewebsmasseo , welche an die Oberfläche treten, an ver- 
schiedenen Orten mit einer derberen, mehr homogenen, zuweilen 
elastischen oder glasartigen Haut oder Schicht (Tunica propria 
S. 134) bedeckt sind, ist zu Hülfid genommen worden, um zu er- 
klären, dass auch jene Zwischenräume, Aushöhlungen oder Lücken 
von wirklichen Membranen umgrenzt sein könnten, ohne dass diese 
Membranen einem Zellkörper zugehörten. Selbst der umstand, 
dass ich auf verschiedene Weise sowohl aus dem Binde- und 
Schleimgewebe, als auch aus Knochen und anderen Hartgebilden 
verästelte Körper isolirt habe, eine Erfahrung, welche durch zahl- 
reiche andere Untersucher, wie Fei. Hoppe, His, KöUiker, 
H. Müller, Leydig, v. Hessling, A. Förster bestätigt ist, 
hat den Kritikern nicht genügt; man hat dagegen erklärt, dass 
auch eine blosse Lücke, die von Membranen umgrenzt sei, sich 
durch Auflösen der umliegenden Substanz isoliren lasse. Man 



|4U Sothstes Capitel. 

Übersah dabei, dass aus frischen Geweben die Isolations-Methode 
nicht bloss Membranen, sondern wirkliebe Körper mit solidem In- 
halt liefert. Solche Widersprüche lassen sich durch blosse De- 
batten und Reden überhaupt nicht zum Schweigen bringen. Hier 
kann nur die eigene Erfahrung genügen, sobald sie mit philoso- 
phischem Sinne, mit genauer Berücksichtigung der Uistogenie and 
in möglich grösster Ausdehnung über das gesammte Gebiet der 
thierischen Organisation ausgeführt wird. Sicherlich gibt es Binde- 
gewebslager und Bindegewebsbündel, deren oberflächlichste Schicht 
durch spätere DiiFerenzirung eine hautartige Verdichtung erfahren 
hat, und welche also eine Art von Hülle oder Scheide besitzen, 
aber eben so sicher ist es, dass dies keine allgemein-gültige Er- 
fahrung ist, und dass, selbst wenn sie allgemein wäre und wenn 
sie auch für die inneren Einrichtungen des weichen und harten 
Bindegewebes, der Knochen und Sehnen Gültigkeit hätte, daraus 
doch weiter nichts folgen würde, als dass auch die Bindegewebs-, 
Knochen- und Sehnenkörperchen sich, wie die Knorpelkörperchen, 
mit einer besondem Kapselmembran umgeben könnten. Nach- 
dem selbst so hartnäckige Opponenten, wie Heule, zugestanden 
haben, dass im Innern jener sogenannten Lücken sehr häufig 
Kerne, Inhalt (Protoplasma), ja wirkliche Zellen zu finden seien, 
so bewegt sich der Streit nur noch um die Formel, nicht mehr 
um die Thatsachen. Meiner Anschauung genügt das Zugeständ- 
niss, dass in diesen Geweben, namentlich im Bindegewebe, ver- 
zweigte und zusammenhängende Röhrchen und Canälchen existiren, 
welche sich an gewissen Knotenpunkten zu grösseren Laeunen 
sammeln, und dass diese Röhrchen, Canälchen und Laeunen von 
zelligen Theilen erfüllt sind, welche sowohl bei der ersten Anlage 
des Gewebes vorhanden sind, als sich durch das ganze Leben 
des Individuums erhalten können*). 

Diese persistirenden Zellen des Bindegewebes hat man früher 
völlig übersehen, indem man als die eigentlichen Elemente des 
Bindegewebes die Fibrillen desselben betrachtete. Wie wir schon 
früher (S. 41) gesehen haben, so liegen diese Fibrillen in der 
Kegel in Bündeln zusammen. Trennt man die einzelnen Theile 
des Bindegewebes von einander, so erscheinen kleine Bündel von 
welliger Form und streifigem, fibrillärem Aussehen. Die Vorstel- 

*) Archiv f. patb. AuaL u. Phys. XVI. l. 



EmähruD^ iTD Bindof^ewehe. 141 

lang von Reichert, dass dieses Aussehen nnr dnrch Falten- 
bildnng bedingt würde, darf in der AusdehnnDg, wie sie auf- 
gestellt wurde, nicht angenommen werden; man muss vielmehr 
neben den Fibrillen eine gleichmässige Grundmasse, eine Art von 
Sattsubstaoz zulassen, welche die Fibrillen innerhalb des Bündels 
zusammenhält. Nach den Untersuchungen von Rollett scheint 
dies nicht selten auch im wahren Bindegewebe Mucin zu sein. 
Indess ist dies eine Frage von untergeordneter Bedeutung, in so 
fem es ganz und gar unzulässig ist, die der Intercellularsubstanz 
angehörenden Fibrillen des Bindegewebes als eigentliche organische 
Elemente zu betrachten. Dagegen ist es äusserst wichtig, zu 
wissen, dass überall, wo lockeres Bindegewebe sich findet, in der 
Unterhaut, im Zwischenmuskel- Gewebe, in den serösen Häuten, 
dasselbe durchzogen ist von meist anastomosirenden Zellen, welche 
auf Längsschnitten parallele Reihen, auf Querschnitten Netze bil- 
den und welche in ähnlicher Weise die Bündel des Bindegewebes 
von einander scheiden, wie die Enoehenkörperchen die Lamellen 
der Knochen, oder wie die Hornhautkörperchen die Blätter der 
Hornhaut. 

Neben ihnen finden sich überall die mannichfachsten Gefäss- 
verästelungen, und zwar namentlich so viele Capillaren, dass eine 
besondere Leitungs- Einrichtung des Gewebes selbst geradezu un- 
nöthig erscheinen könnte. Allein dieser Schluss ist nur bei ober- 
flächlicher Betrachtung richtig. Eine genauere Erwägung ergiebt, 
dass auch diese Gewebe, so günstig ihre Capillarbahnen liegen, 
einer Einrichtung bedürfen, welche die Möglichkeit darbietet, dass 
eine Special-Yertheilung der ernährenden Säfte auf 
die einzelnen zelligen Bezirke in gleichmässiger und 
dem jeweiligen Bedürfnisse entsprechender Weise 
stattfinde. Erst wenn man die Aufnahme des Ernäbrungsma- 
terials als eine Folge der Thätigkeit (Anziehung) der Gewebs- 
Elemente selbst auffasst, begreift man, dass die einzelnen Bezirke 
nicht jeden Augenblick der Ueberschwemmung vom Blute aus 
preisgegeben sind, dass vielmehr das in dem Blute dargebotene 
Material nur nach dem wirklichen Bedarf in die Theile aufge- 
nommen und den einzelnen Bezirken in verschiedenem Maasse zu- 
geführt vrird. So erklärt es sich auch, .dass unter normalen Ver- 
hältnissen der eine Theil nicht durch die anderen in seinem Be- 
stände wesentlich benachtheiligt wird. 



142 Sechstes Capitel. 

Auf diese Weise erscheint die Ern&hraog in einer munittel- 
baren Beziehung zn dem Leben der einzehien Tbeile, dessen Fort- 
dauer trotz der durch die Thätigkeit und die Verrichtungen des 
Theiles eintretenden Veränderungen ja eben nur möglich ist durch 
eine mit Wechsel der Stoffe verbundene Erhaltung und Emfth- 
rung der Datürlichen Zusammensetzung. Diese Erhaltung setzt 
aber ihrerseits bleibende regulatorische Einrichtungen in jedem 
einzelnen Theile voraus, in der Art, dass der Theil für sich eine 
bestimmende Einwirkung auf Abgabe und Aufiiahme von Stoffen 
ausübt, in ähnlicher Weise, wie dies auch bei den Theilen der 
Pflanze stattfindet. Denn der Begriff der Vegetation beherrscht 
dieses ganze Gebiet des thierischen Lebens. Schon die erste Dar- 
stellung, welche ich von den Emährungseinheiten und Erankheits- 
heerden des menschlichen Körpers gegeben habe*), stützte sich 
wesentlich auf den Parallelismus, der durch das ganze Gebiet des 
Organischen geht, und jede weitere Forschung hat diese An- 
schauung nur bestärkt. Die einzelne Zelle innerhalb eines Ge- 
webes wird nicht ernährt, sondern sie ernährt sich, d. h. sie 
entnimmt den Ernährungsflüssigkeiten, welche sich in ihrer Um- 
gebung befinden« den für sie erforderlichen Theil. Sowohl quan- 
titativ, als qualitativ ist die Ernährung daher ein Ergebniss der 
Thätigkeit der Zelle, wobei sie natürlich abhängig ist von Quan- 
tität und Qualität des ihr erreichbaren Emährungsmaterials, aber 
keineswegs in der Art, dass sie genöthigt wäre, aufiEunehmen, was 
und wie viel iHr zuOiesst. Gleichwie die einzelne Zelle eines Pilzes 
oder einer Alge aus der Flüssigkeit, in der sie lebt, sich so viel 
und so beschaffenes Material nimmt, als sie für ihre Lebenszwecke 
braucht, so hat auch die Gewebszelle inmitten eines zusammen- 
gesetzten Organismus elective Fähigkeiten, vermöge welcher sie 
gewisse Stoffe verschmäht, andere aufiiimmt und in sich verwen- 
det. Das ist die eigentliche Nutrition im cellularen Sinne. 



•) ArchW f. path. Anat. u. Physiol. 1852. IV. 375. 



Siebentes Capitel. 

Circnlation und Blntmisehnng. 



Arteri«B. Ihr« ZatunmengetsaDg: Epitbel, lotinia, M«dia (MaicnUris), Adventlila. CapUlaren. 
CaplIUre Arterien and Venen. ContlnaitSt der Gef&sswand. Porosität derselben. Haemor- 
rhagia per diapedesin. Venen. Gef&sse in der Schwangerichaft. 
Eigenschaften der Gefisswand: 
1) Contractilit&t. Rhythmische Bewegung. Active oder Reiiangs-Hyporlmie. Iscbaale. Gegen- 
reise. Collaterale Flnxlon. 
1) Slastldtlt und Bedentang dertelben fär die Schnelligkeit und Gieiehm&ssigkcit des Blut- 

•trones. Erweiterang der Gefisse. 
3) PermcabUitit. DüTasion. Speeifische AffinitSten. Verbiltnias ron BIntsafuhr nnd Erntbmng. 
Die Dräeensecretlon (Leber). Speeifische Thltigkeit der Gewebselemente. 
Dyskrasie. Traneitoriseher Charakter und localer Ursprang derselben. Sinferdyskraaie. Hlnor- 
rliagisehe Diatbeae. Syphilis. 



In den letzten Gapiteln habe ich in eingehender Weise versucht, 
ein Bild von den feineren Einrichtnngen für die Saftströmongen 
innerhalb der Gewebe zu liefern, und zwar namentlich von den- 
jenigen, wo die Säfte selbst sich der Beobachtung mehr entziehen. 
Wenden wir uns nunmehr zu den gröberen Wegen nnd den edle- 
ren Säften, welche in der gangbaren Anschauung bis jetzt eigent- 
lich allein Berücksichtigung fanden. 

Die Vertheilung des Blutes im Körper ist zunächst abhängig 
von der Vertheilung der Gefässe innerhalb der einzelnen Organe. 
Indem die Arterien sich in immer feinere Aeste auflösen, ändert 
sich allmählich auch der Habitns ihrer Wandnngeu, so dass end- 
lich feine Kanäle mit einer scheinbar so einfachen Wand, wie sie 
überhaupt im Körper angetroffen wird, sogenannte Haarröhrchen 
(Gapillaren), daraus hervorgehen. Histologisch ist dabei Folgendes 
zu bemerken: 

Jede Arterie hat verhältnissmässig dicke Wandungen, und 



144 Siebentes Capitel. 

selbst an deDJeQigen Arterien, die man mit blossem Äuge eben noch 
als feiDste Fad^hen verfolgen kann, unterscheidet man mit Hülfe 
des Hikroskopes nicht bloss die bekannten drei Häate, sondern 
noch ausser diesen eine feine Epithelialschlcht , welche die innere 



Olierilärbe bekleidet; sie pflegt gewüholich nicht als eine besondere 
Haut bezeichnet zu werden. Die innere und äussere Haut (Intima 
and Adventitia) sind wesentlich Bindegewebsbildongen , welche in 
grösseren Arterien einen zunehmenden Gehalt au elastischen Fa- 
sern erkennen lassen; zwischen ilinen liegt die verhältnissmäasig 
dicke, mittlere oder Kingfaserhant, welche als Sitz der Mnsknlatnr 
fast den wichtigsten Bestaodtheil der Arterienwand sosmacht. Die 
Muskulatur findet sich am reichlichsten in den mittleren und klei- 
neren Arterien, während in den ganz grossen, nameatlicb in der 
Aorta, elastische Blätter den überwiegenden Bestandtheil auch der 
Ringfaserhaut ausmachen. An kleinen Arterien bemerkt man bei 
mikroskopischer Untersnchang leicht innerhalb dieser mittleren 
Haut (vergl. Flg. -Jü />, 6. Fig. 54 «) kleine Qner-Abtheilungeu, 
entsprechend den einzelnen masculOsen Faserzellcn, welche so dicht 
um das Gefii.'^.s hcrnmiiegon, dass wir Faserzelle neben Faaerzelle 
fast ohne irgend eine Unterbrechung finden. Die Dicke dieser 
Schicht kann man durch die Begrenzung, welche sie nach innen 
and aussen durch Längsfaserbäute erßLhrt, bequem erkennen; da« 



Fig. -W. A. Epithel ton der Cniralarterie (ArcbJT f. palh. An«l, Bd. III. 
Via. 9 und 13. S. 6G9). u Kemtbeilnnfr. 

B Bpilbel von criiBiieren Veaen. u, a OrfiüMre, graaulirle, runde, einkernig 
Zellen (farblnse Blulkrlrpprcben?!- b, b {JlnRliche nnil npindeJrCrmiKe Zellen nil 
ftelheiltem Kern und KernkörpercheD. >- Groose, platle Zellen mit twei Eemen, 
Ton denen Jeder drei Kemkr'.rpeivben bcsilit und in Tbeitung begriffen iil. 
d Zuummenhäneendea Epitbel, die Kerne in progressiver TheiluDg, eine Zelle 
mil necb» Kernen. Vercr ^2(). 



Artorien. J4ö 

einzige Tänscbeode sind nmde ZeichnoDgen, welche mao hie nnd 
da in der Dicke der Ringfaserhaat, aber nur am Rande der 6e- 
ftflse (Fig. 28 b, b. Fig. 56 m, m) erblickt, nnd welche wie einge- 



streate nmde Zellen oder Kerne anssehen. Dies sind die im 
scheinbaren Querschnitte gesehenen Faeerzellen oder deren Kerne. 
Am deutlichsten aber erkennt man die La^e der Media nach Be- 
handlnng mit Essigsäure, welche in der Flächenansicbt des Geiäsaea 
längliche, qaergelagerte Kerne in grosBer Zahl hervortreten l&sst. 

Diese Schicht ist es, welche im Allgemeinen der Arterie ihre 
Besonderheit gibt, nnd welche sie am dentlichsten anterscbeidet 
Ton den Venen. Freilich gibt es zahlreiche Venen im Körper, die 
bedentende Mnskelschicbten besitzen, z. 6. die oberflächlichen Haat- 
venen, besonders an den Extremitäten, indesa tritt doch bei kei- 
ner derselben die Haskelschicht als eine so dentlich abgegrenzt«, 
gleichsam selbständige Hant hervor, wie die Media der Arterien. 
Bei den kleineren Gefftssen beschrankt sich dieses Vorkommen 
einer dentlich ansgesprochenen Ringfaserhaut wesentlich anf arte- 
rielle Gefässe, so dass man sofort geneigt ist, wo man mikrosko- 
pisch einen solchen Bau findet, anch die arterielle Katur des Ge- 
fässes anzunehmen. 

Diese anch bei mikroskopischer Betrachtung immer noch gröase> 
reo Arterien, die freilich selbst im gefüllten Znstande für das blosse 
Ange nur als rothe Fäden erscheinen, gehen nach und nach in 



Fig. 56. Kleinere Arterie aus der Sehnenscheide der Exlensoren einer frisch 
unputirUn Hand, a, a Adveotitia. n, m Uedia mit starker JUu^kelbaut, t, t In- 
tiiDft, tbeils mit LlnKsfalten, theÜB mit Längskernen, an dem Seitenaste aus den 
dnrcbrissenen luMeren Hinten bervorstebend. Vergr. 3(K). 



146 Siebentes Gapitel. 

kleinere fiber. Bei dreihondertmaliger yergr(^8sening sehen v^vc 
sie sich in Aeste auflösen, und auch auf diese setzen sich, selbst 
wenn sie sehr klein (im vtdgären Sinne schon capillar) sind, zu- 
nächst die drei Häute noch fort. Erst an den kleinsten Aesten 
verschwindet endlich die Muskelhaut, indem die Abstände zwischen 
den einzelnen Querfasem immer grösser werden und zugleich 
immer deutlicher die innere Haut durch sie hindurchscheint, 
deren längs^'egende Kerne sich mit denen der mittleren unter 
einem rechten Winkel kreuzen (Fig. 28 D, E). Auch die Adven- 
titia oder äussere Haut lässt sich noch eine Strecke weit verfolgen 
(an manchen Stellen, wie am Gehirn, häufig durch Einstreuung 
von Fett oder Pigment deutlicher bezeichnet, Fig. 2S D^ E), bis 
endlich auch sie sich verliert und nur die einfache Haar -Röhre 
übrig bleibt (Fig. 4 c). Die Vermuthung würde also dafür spre- 
chen, dass die eigentlichen Capillar -Membranen mit der Intima 
der grösseren Gefässe zu vergleichen wären, indess haben die 
neueren Erfahrungen (S. 60) vielmehr die Anschauung genährt, 
dass auch die Intima der Arterien in den Gapillaren verschwinde 
und dass die Epithelialschicht zuletzt allein übrig bleibe. 

Ich bemerke dabei ausdrücklich, dass die gewöhnliche Sprache 
der Pathologen und noch mehr die der Aerzte den Ausdruck der 
Capillaren in einer sehr willkürlichen Weise verwendet, und dass 
namentlich sehr häufig Gefässe, die mit blossem Auge noch als 
Linien, Striche oder Netze erkannt werden, Capillaren genannt wer- 
den. Dies sind jedoch in der Regel wirkliche Arterien oder Ve- 
nen : Capillaren im strengen Sinne des Wortes sind makroskopisch 
unsichtbar. Man mag nun immerhin auch von capillaren Ar- 
terien und capillaren Venen sprechen, indess folgen aus 
einem solchen Sprachgebrauch leicht grosse Irrthümer, und der- 
selbe ist daher keineswegs empfehlenswerth. Man muss aber wis- 
sen, dass selbst in der mikrographischen Sprache bis in die neueste 
Zeit hinein ähnliche Verwechselungen sehr gewöhnlich waren und 
dass daraus manche Missverständnisse sich erklären, welche bei 
einer strengeren Terminologie leicht hätten vermieden werden 
können. 

Innerhalb der eigentlich capillaren Auflösung ist an den 
Gefllssen weiter nichts bemerkbar, als die früher schon erwähnten 
Kerne, deren Längsausdehnung der Längsaxe des Gefisses ent- 
spricht, und welche so in die Gefässwand eingesetzt sind, dass 



Gapülareiu 147 

man eine zellige Abtheilnng nm sie hemm ohne besondere che- 
mische Hfllfsmittel nicht weiter zn erkennen vermag. Die Gefäss- 
hant erscheint hier ganz gleichmässig, absolut homogen und ab- 
solut continuirlich (Fig. 4, c). Während man noch vor 20 Jahren 
darfiber discutirte, ob es nicht Gefasse gäbe, welche keine eigent- 
lichen Wandungen hätten und nur Aushöhlungen, Ausgrabungen 
des Parenchyms*) der Organe seien, sowie darüber, ob Gefässe 
dadurch entstehen könnten, dass von den alten Lichtungen aus 
sich neue Bahnen durch Auseinanderdrängen des benachbarten 
Parenchyms eröffneten, so ist heut zu Tage kein Zweifel mehr, 
dass das menschliche Gefässsystem , mit Ausnahme der Milz und 
der mütterlichen Placenta, überall continuirlich durch Membranen 
geschlossen ist. An diesen Membranen ist es nicht mehr mög- 
lich, eine Porosität zu sehen. Selbst die feinen Poren, welche 
man in der letzten Zeit an verschiedenen anderen Theilen wahr- 
genommen, haben bis jetzt an der Gefässhaut kein Analogen ge- 
funden; wenn man von der Porosität der Gefässwand spricht, so 
kann dies nur in physikalischem Sinne von unsichtbaren, eigent- 
lich molekularen Interstitien oder in grob mechanischem Sinne von 
wirklichen Gontinuitätstrennungen geschehen. Eine Collodiumhaut 
erscheint nicht homogener, nicht continuirlicher , als die Gapillar- 
haut Eine Reihe von Möglichkeiten, die man früher zuliess, z. B. 
dass an gewissen Punkten die Continuität der Gapillarmembran 
nicht bestände, fallen einfach weg. Von einer „Transsudation^ 
oder Diapedese des Blutes durch die Gefässhaut, ohne Ruptur 
oder Hiatus derselben, kann gar nicht weiter die Rede sein. Denn 
obwohl wir die Rupturstelle oder Spalte nicht in jedem einzelnen 
Falle anatomisch nachweisen können, so ist es doch ganz undenk- 
bar, dass das Blut mit seinen Eörperchen anders, als durch ein 
Loch in der Gefässwand austreten könne. Dies versteht sich nach 
histologischen Erfahrungen so sehr von selbst, dass darüber keine 
Discussion zulässig ist. 

Nachdem die Capillaren eine Zeit lang fortgegangen sind, so 
setzen sich nach und nach aus ihnen kleine Venen zusammen, 
welche gewöhnlich in nächster Nähe der Arterien zurücklaufen 



*) Um Tielfacben, an mich ergangenen Anfragen aber die Bedeutung des 
Wortes Parenchym zu genügen, verweise ich auf Galenus de temperamentis 
Lib. II. cap. 3. Tiscerum propriam substantiam Erasistratus parenchyma Yocat. 

10* 



148 



Siebentes Capitel. 



Fig. &7. 



(Fig. 54 v). Nicht ganz selten wird eine Arterie von zwei Venen 
begleitet, die zu beiden Seiten derselben liegen. An den Venen 
fehlt im Allgemeinen die charakteristische Ringfaserhant der Ar- 
terien, oder sie ist wenigstens sehr yiel weniger ausgebildet. Da- 
für trifft man in der Media der stärkeren Venen derbere Lagen, 
die sich nicht so sehr durch die Abwesenheit von Muskel -Ele- 
menten, als durch das reichlichere Vorkommen longitndinell ver- 
laufender elastischer Fasern charakterisiren; je nach den verschie- 
denen Localitäten zeigen sie verschiedene Mächtigkeit. Nach innen 
folgen dann die weicheren und feineren Bindegewebslagen der 

Intima, und auf dieser findet sich 
wieder zuletzt ein plattes, ausser- 
ordentlich durchscheinendes Epi- 
theliallager , das am Schnittende 
sehr leicht aus dem Gefässe her- 
vortritt und oft den Eindruck von 
SpindelzeUen macht, so dass es 
leicht verwechselt werden kann 
mit spindelförmigen Muskelzellen 
(Fig. 57). Die kleinsten Venen be- 
sitzen ein ähnliches Epithel, be- 
stehen aber ausserdem eigentlich 
ganz aus einem mit Längskemen versehenen Bindegewebe (Fig. 
54, v). 

Diese Verhältnisse erleiden keine wesentliche Aenderung, 
wenn auch die einzelnen Theile des Geftssapparates die äusserste 
Vergrösserung erfahren. Am besten sieht man dies bei der 
Schwangerschaft, wo nicht bloss am Uterus, sondern auch an 
der Scheide, an den Tuben und Eierstöcken, sowie an den Mutter- 
bändem sowohl die grossen und kleinen Arterien und Venen, als 
auch die Capillaren eine so beträchtliche Erweiterung zeigen, dass 
das übrige Gewebe, trotzdem dass es sich gleichfalls nicht uner- 
heblich vergrössert, dadurch wesentlich in den Hintergrund ge- 
drängt wird. Indess eignen sich doch gerade Theile des puerpe- 
ralen Geschlechtsapparates vortrefilich dazu, das Verhältniss der 




Fif^. 57. Epithel der Nierengefässe. ^.Flache, längs gefaltete Spindelzellen 
mit grossen Kernen vom Neugebomen. B, Bandartige, fast homogene Epithel- 
platte mit Längskemen vom Erwachsenen. Veigr. 350. 



Gefässe in der SchwangerschafL 149 

Gewebs - Elemente zu den Gefässbezirken zn übersehen. An den 
Fimbrien der Tuben siebt man innerhalb der Scblingennetze, 
welche die sehr weiten Gapillaren gegen den Rand hin bilden, 
immer noch eine grössere Zahl von grossen Bindegewebszellen 
zerstreut, von denen nur einzehie den Gefässen unmittelbar an- 
liegen. In den Eierstöcken, besonders aber an den Alae vesper- 
tilionum findet man ausserdem sehr schön ein Verhältniss, welches 
sich an den Anhängen des Generations-Apparates öfter wiederholt, 
ftbnlich dem, wie wir es beim Scrotum betrachtet haben (S. 137); 
die Gefässe werden nehmlich von ziemlich beträchtlichen Zügen 
glatter Muskeln begleitet, welche nicht ihnen angehören, sondern 
nur dem Crefässverlaufe folgen und zum Theil die Gef&sse in sich 
aufnehmen. Es ist dies ein äusserst wichtiges Element, insofern 
die Contractionsverhältnisse jener Ligamente, welche man gewöhn- 
lich nicht als muskulös betrachtet, keinesweges bloss den Blut- 
gefässen zuzuschreiben sind, wie erst neuerlich James Traer 
nachzuweisen gesucht hat; vielmehr gehen reichliche Züge von 
Muskeln mitten durch die Ligamente fort, welche in Folge davon 
bei der menstrualen Erregung in gleicher Weise die Möglichkeit 
zu Zusammenziehungen darbieten, wie wir sie an den äusseren 
Abschnitten der Geschlechts wege mit so grosser Deutlichkeit 
wahrnehmen können. An der weiblichen Scheide habe ich im 
Prolapsus auf mechanische oder psychische Erregungen eben so 
starke Querrunzelungen auftreten und bei Nachlass derselben 
wieder verschwinden sehen, wie es am männlichen Scrotum be- 
kannt ist. — 

Wenn man nun dj^ Frage auf wirft, welche Bedeutung die 
einzelnen Elemente der Gefässe in dem Körper haben, so versteht 
es sich von selbst, dass für die gröberen Vorgänge der Circulation 
die contractilen Elemente die grösste Bedeutung haben, dass aber 
auch die elastischen Theile und die einfach permeablen homogenen 
Häute auf viele Vorgänge einen bestimmenden Einfluss ausüben*). 
Betrachten wir zunächst die Bedeutung der muskulösen Ele- 
mente und zwar an denjenigen Gefässen, welche hauptsächlich 
damit versehen sind, an den Arterien. 



*) Ifan vergleiche fdr die Special-Behandlung der hierher gehörigen Fragen 
den Abschnitt über die örtlichen Störungen des Kreislaufes in dem von mir 
herausgegebenen Handbuche der speciellen Pathologie und Therapie. Erlangen, 
1854. I. 95 ff. 



150 Siebentes Gapitel. 

Wenn eine Arterie irgend eine Einwirkung erfährt, welche 
eine Zasammenziehung ihrer Muskeln hervorruft, so wird &at&r- 
iich das Gefäss sich verengern müssen, da die contractilen Zellen 
der Media ringf&rmig nm das Gefäss herumliegen; die Verengerung 
kann erfahrungsgemäss unter Umständen bis fast zum Verschwin- 
den des Lumens gehen. Die natürUche Folge wird dann sein, 
dass in den betreffenden Eörpertheil weniger Blut gelangt. Wenn 
also eine Arterie auf irgend eine Weise einem pathologischen 
Irritans zugänglich, oder wenn sie auf physiologischem Wege ex- 
citirt und zur Thätigkeit angeregt wird, so kann diese Thätigkeit 
nur darin bestehen, dass ihre Lichtung enger und die Blutzufuhr 
erschwert wird. Man könnte freilich, nachdem man die Muskel- 
Elemente der Gefässwandungen erkannt hat, den alten Satz wieder 
au&ehmen, dass die Gefässe, wie das Herz, eine Art von rhyth- 
mischer, pulsirender, oder gar peristaltischer Bewegung erzeugten, 
welche im Stande wäre, die Fortbewegung des Blutes direct zu 
fördern, so dass eine arterielle Hyperämie durch eine vermehrte 
selbständige Pulsation (Propulsion) der Gefässe hervorgebracht 
würde. 

Es ist allerdings eine einzige Thatsache bekannt, welche eine 
wirkliche rhythmische Bewegung der Arterienwandungen beweist; 
Schiff hat dieselbe zuerst an dem Ohre der Kaninchen beobachtet. 
Allein sie entspricht keineswegs dem Rhythmus der bekannten 
Arterien -Pulsation; ihr einziges Analogen findet sich in den Be- 
wegungen, welche schon früher von W harten Jones an den 
Venen der Flughäute von Fledermäusen entdeckt worden waren, 
aber diese gehen in einer äusserst langsamen und ruhigen Weise 
vor sich. Ich habe diese Erscheinung an Fledermäusen studirt 
und mich überzeugt, dass der Rhythmus weder mit der Herzbe- 
wegung, noch mit der respiratorischen Bewegung zusammenfällt; 
es ist eine ganz eigenthümliche, verhältnissmässig nicht sehr aus- 
giebige Contraction, welche in ziemlich langen Pausen, in längeren 
als die Circulation, in kürzeren als die Respiration, erfolgt*). Auch 
die Zusammenziehungen der Arterien am Kaninchenohr sind un- 
gleich langsamer, als die Herz- und Respirations- Bewegungen. 

Unzweifelhaft sind dies selbständige Pulsationen der Gefässe, 
aber sie lassen sich nicht in der Weise verwerthen, dass die frfi- 

•) Mein Archiv. XXVII. S. 224. 



ActWe Hyperämie. 151 

here Ansicht von dem localen Zustandekommen der mit den Herz- 
bewegungen isochronischen Pulsation dadurch gestützt werden 
könnte. Die Beobachtung ergiebt viehnehr, dass die Muskulatur 
eines Gefässes auf jeden Reiz, der sie in Action setzt, sich zu- 
sammenzieht, dass aber diese Zusammeoziehung sich nicht in pe- 
ristaltischer Weise fortpflanzt, sondern sich auf die gereizte Stelle 
beschränkt, höchstens sich ein wenig nach beiden Seiten darüber 
hinaus erstreckt, und an dieser SteUe eine gewisse Zeit lang an- 
hält. Je muskulöser das Gefäss und je direkter der Reiz ist, um 
so dauerhafter und ergiebiger wird die Contraction, um so stär- 
ker die Hemmung, welche die Strömung des Blutes dadurch er- 
fährt. Je kleiner die Gefässe sind, je mehr vorübergehend der 
Reiz war, um so schneller sieht man dagegen auf die Contraction 
eine Erweiterung folgen, welche aber nicht wiederum von einer 
Contraction gefolgt ist, wie es für das Zustandekommen einer 
Pulsation nothwendig wäre, sondern welche mehr oder weniger 
lange fortbesteht. Diese Erweiterung ist nicht eine active, son- 
dern eine passive, hervorgebracht durch den Druck des Blutes 
auf die (durch die erste Contraction) ermüdete, weniger Widerstand 

leistende Gefässwand. 

Untersucht man nun die Erscheinungen, welche man gewöhn- 
lich unter dem Namen der activen Hyperämien oder Con- 
gestionen zusammenfasst*), so kann kein Zweifel darüber sein, 
dass die Muskulatur der Arterien wesentlich dabei betheiligt ist. 
Sehr gewöhnlich handelt es sich dabei um Vorgänge, wo die Ge- 
fässmuskeln gereizt wurden, wo aber der Contraction alsbald ein 
Zustand der Relaxation folgt, wie er in gleich ausgesprochener 
Weise sich an den übrigen Muskek selten vorfindet, ein Zustand, 
der oflFenbar eine Art von Ermüdung oder Erschöpfung ausdrückt, 
und der um so anhaltender zu sein pflegt, je energischer der Reiz 
war, welcher einwirkte. An kleinen Gefassen mit wenig Muskel- 
fasern sieht es daher öfters so aus, als ob die Reize keine eigent- 
liche Verengerung hervorriefen, da man überaus schnell eine Er- 
schlafifong und Erweiterung eintreten sieht, welche längere Zeit 
andauert und ein vermehrtes Einströmen des Blutes mögUch 

macht. 

Diese selben Vorgänge der Relaxation können wir expen- 



*) Handbach der spee. Path. I. 141. 



152 



SiebeDteB Cspit«!. 



mentcll am leichtesten herstelleo 
dadurch, daxs wir die Geßs»- 
nerven einea Theiles dorch- 
achneiden, während wir die Ver- 
eofterang (abgeäeheo von den 
Methoden der direkt«n Reizonft) 
in sehr grosser Ansdehnnog er- 
zengen, indem wir die Gefäsa- 
nerven einem sehr energischen 
Reiz QQterwerfeD. Oass man 
diese Art von Verengerung so 
spät kennen gelernt hat, erklärt 
sich daraus, dasa die Nerven- 
reize sehr gross sein müasen, 
indem, wie Claude Bernard 
gezeigt hat, nur starke elektri- 
Bche Ströme dazu aasreichen. 
Andererseits sind die Verhält- 
nisse nach Darchschneidung der 
Nerven ao den meisten Theilen 
so complieirt, dass die Erweite- 
mog und Durchschneidung der 
Gefäasuerven der Beobachtung 
sich entzogen hat, bis gleichfalls 
durch Bernard der glückliche 
Punkt entdeckt und in der 
Durchschneidung der sympathischen Nerven am Halae der Expe- 
rimentation ein zuverlässiger und bequemer Beobachtungsort er- 
schlossen wurde. 

Mag die Erweiterung des Gefäsaes, oder, mit anderen Worten, 
die Relaxation der Geßlssmuskeln unmittelbar durch eine Lähmung 
der Nerven, durch eine Unterbrechung oder Hemmung des Ner\*en- 
eiB6asses hervorgebracht sein, oder mag sie die mittelbare Folge 
einer vorausgegangenen Reizung sein, welche eine Ermfidnng setzte, 
in jedem Falle iat sie bedingt durch eine Art von Paralyse der 
Gefösswand. Active Hyperämie ist daher iusofem eine falsche Be- 




Fifc- ^8. Uni^leichmässise ZuMmmeniiebuni; kleiner GeflSM 
Scbwimoihaut de» Frosches. Cupje nach Whftrton Jones. 



Ischämie. 153 

Zeichnung, als der Zustand der Gefässe dabei ein vollständig pas- 
siver ist. Alles, was man auf die dabei vorausgesetzte Activität 
der Gefässe gebaut hat, ist, wenn nicht gerade auf Sand gebaut, 
doch äusserst unsicher; alle weiteren Schlüsse, die man daraus 
gezogen hat in Beziehung auf die Bedeutung, welche die Thätigkeit 
der Gef&sse für die Ernährungs -Verhältnisse der Theile selbst 
haben sollte, fallen in sich selbst zusammen. 

Wenn eine Arterie wirklich in Action ist, so macht sie keine 
Hyperämie ; im Gegentheil, je kräftiger sie agirt, um so mehr be- 
dingt sie Anämie des Theils, oder, wie ich es bezeichnet habe, 
Ischämie*). Die geringere oder grössere Thätigkeit der Arterie 
bestimmt das Mehr oder Weniger von Blut, welches in der Zeit- 
einheit in einen gegebenen Theil einströmen kann. Je thätiger 
das Gefäss, um so geringer die Zufuhr. Haben wir aber 
eine Reizungs - Hyperämie , d. h. eine vermehrte Zufuhr durch er- 
müdete und daher passiv erweiterte Arterien, so kommt es the- 
rapeutisch gerade darauf an, die Gefässe in einen Zustand von 
Thätigkeit zu versetzen, in welchem sie im Stande sind, dem an- 
drängenden Blutstrome Widerstand entgegenzusetzen. Das leistet 
uns der sogenannte Gegenreiz, ein höherer Reiz an einem schon 
gereizten Theile, welcher die erschlaffte Gefassmuskulatur zu 
dauernder Verengerung anregt, dadurch die Blutzufuhr verkleinert 
und die Regulation der Störung vorbereitet. Gerade da, wo am 
meisten die Reaction, d. h. die regulatorische Thätigkeit in An- 
spruch genommen wird, da handelt es sich darum, jene Passi- 
vität zu überwinden, welche die (sogenannte active) Hyperämie 
unterhält. 

Längere Zeit hindurch betrachtete man es als unmöglich, dass 
die Strömung in erweiterten Gefässen eine beschleunigte sei. 
Man bezog sich auf die bekannte hydraulische Erfahrung, dass 
die Stromschnelligkeit in einer erweiterten Röhre ab-, in einer 
verengerten zunehme. Allein man übersah dabei, dass es sich am 
Gefässapparat nicht um einfache Röhren, sondern um ein System 
communicirender Röhren handelt, und dass keineswegs gleiche 
Mengen von Blut in der Zeiteinheit in jeden einzelnen Theil dieses 
Systems einströmen. Die hydraulischen Verhältnisse sind ganz 
verschieden, je nachdem wir den Stanmi sei es der Aorta, sei es 



*) Handbuch der spec Pathol. u. Therapie. I. 122. 



154 Siebentes Capitel. 

der Lnngenarterie oder irgend einen mehr peripherischen Arterienast 
ins Auge fassen. Eine Yerengenmg des Stammes der Aorta oder 
der Lungenarterie wird sicherlich die Beschleunigung des Blutr 
stroms an der verengten Stelle, eine Erweiterung die Verlangsa- 
mung desselben zur Folge haben. Wenn aber ein arterieller Ast 
im Bein oder in der Lunge sich verengert, so wird das an der 
Yerengerungsstelle in seiner Fortbewegung beeinträchtigte Blut 
mit grösserer Kraft den collateraien Aesten zuströmen und hier 
sich einen leichteren Abfluss eröffnen. Wir finden dann neben 
der Ischämie das, was ich die collaterale Fluxion genannt 
habe*). — 

Gehen wir nun von den muskulösen Theilen der Geftsse über 
auf die elastischen, so treffen wie da eine Eigenschaft, welche 
eine sehr grosse Bedeutung hat, einerseits für die Venen, deren 
Thätigkeit an vielen Stellen nur auf elastische Elemente beschränkt 
ist, andererseits für die Arterien, insbesondere die Aorta und ihre 
grösseren Aeste. Bei diesen hat die Elasticität der Wandungen 
den Effect, die Verluste, welche der Blutdruck durch die systoli- 
sche Erweiterung der Gefässe erfährt, auszugleichen und den un- 
gleichmässigen Strom, welchen die stossweisen Bewegungen des 
Herzens erzeugen, in einen gleichmässigen umzuwandeln. Wäre 
die Gefässhaut nicht elastisch, so würde unzweifelhaft der Blut- 
strom sehr verlangsamt werden und zugleich durch die ganze 
Ausdehnung des Gefässapparates bis in die GapiUaren Pulsation 
bestehen ; es würde dieselbe stoss weise Bewegung, welche im An- 
fange des Aortensystems dem Blute mitgetheilt wird, sich bis in 
die kleinsten Verästelungen erhalten. Allein jede Beobachtung, 
welche wir am lebenden Thiere machen, lehrt uns, dass innerhalb 
der Gapillaren der Strom ein continuirlicher ist. Diese gleich- 
massige Fortbewegung wird dadurch hervorgebracht, dass die 
Arterien in Folge der Elasticität ihrer Wandungen den Stoss, 
welchen sie durch das eindringende Blut empfangen, mit derselben 
Gewalt dem Blute zurückgeben, sonach während der Zeit der fol- 
genden Herz - Diastole einen regelmässigen Fortschritt des Blutes 
in der Richtung zur Peripherie hin unterhalten. 

Lässt die Elasticität des Gefässes erheblich nach, ohne dass 



*) Handb. der spec. Pathol. u. Ther. I. 122, 129, 142, 173. 



Elasticit&t und Permeabilität der Ge^shäute. 155 

zugleich das Gefäss starr und unbeweglich wird (Verkalkung, 
Amyloidentartung) , so wird die Erweiterung, welche das Gefilss 
unter dem Drange des Blutes empfängt, nicht wieder ausgeglichen« 
das Gefäss bleibt im Zustande der Erweiterung, und es entstehen 
allmählich die bekannten Formen der Ektasie, wie wir sie an 
den Arterien als Aneurysmen, an den Venen als Varicen kennen. 
Es handelt sich bei diesen Zuständen nicht so sehr, wie man in 
neuerer Zeit geschildert hat, um primäre Erkrankungen der innem 
Haut, sondern um Veränderungen, welche in der elastischen und 
muskulären mittleren Haut vor sich gehen. — 

Wenn demnach die muskulösen Elemente der Arterien den 
gewichtigsten Einfluss auf das Maass und die Art der Blutver- 
theilung in den einzelnen Organen, die elastischen Elemente die 
grösste Bedeutung für die Herstellung eines schnellen und gleich- 
massigen Stromes haben, so üben sie doch nur eine mittelbare 
Wirkung auf die Ernährung der ausserhalb der Gefässe selbst 
liegenden Theile aus, und wir werden für diese Frage in letzter 
Instanz hingewiesen auf die mit einfacher Membran verse- 
henen Gapillaren, ohne welche ja nicht einmal die Wandbe- 
bestandtheile der grösseren, mit Vasa vasorum versehenen Gefässe 
sich auf die Dauer zu ernähren und zu erhalten vermöchten. In 
den letzten Decennien hat man sich meist damit beholfen, dass 
man zwischen dem flüssigen Inhalte des Gefässes und dem Safte 
(Parenchymflüssigkeit) der Gewebe Diffusionsströmungen an- 
nahm: Endosmose und Exosmose. Die Gefasshaut galt dabei 
als eine mehr oder weniger indiflerente Membran, welche eben 
nur eine Scheidewand zwischen zwei Flüssigkeiten bilde, die mit 
einander in ein Wechselverhältniss treten. In diesem Verhältnisse 
aber würden die zwei Flüssigkeiten wesentlich bestimmt durch 
ihre Concentration und ihre chemische Mischung, so dass, je nach- 
dem die innere oder äussere Flüssigkeit concentrirter wäre, der 
Strom der Diffusion bald nach aussen, bald nach innen ginge, und 
dass ausserdem je nach den chemischen Eigenthümlichkeiten der 
einzelnen Säfte gewisse Modificationen in diesen Strömen entstän- 
den. Im Allgemeinen ist jedoch gerade diese letztere, mehr che- 
mische Seite der Frage wenig berücksichtigt worden. 

Nun lässt sich nicht in Abrede stellen, dass es gewisse That- 
sachen giebt, welche auf eine andere Weise nicht wohl erklärt 



156 Siebentes Gapitel. 

werden können, namentlich wo es sich nm sehr grobe Abände- 
rungen in den Goncentrationszuständen der Säfte handelt. Dahin 
gehört jene Form von Gataract, welche Kunde bei Fröschen 
künstlich durch Einbringung von Salz in den Darmkanal oder in 
das Unterhautgewebe erzeugt hat. Dahin gehören insbesondere 
jene Stasen im Gefässapparat, welche Schuler*) an amputirten 
Froschschenkeln durch Einwirkung von Salzlösungen hervorbrachte. 
Allein in dem Maasse, als man sich beim physikalischen Studium 
der Diffusions-Phänomene überzeugt hat, dass die Membran, welche 
die Flüssigkeiten trennt, kein gleichgültiges Ding ist, sondern dass 
die Natur derselben unmittelbar bestimmend wirkt auf die Fähig- 
keit des Durchtritts der Flüssigkeiten , so wird man auch bei der 
Gefässhaut einen solchen Einfluss nicht läugnen können. Indess 
darf man deshalb nicht so weit gehen, dass man etwa der Ge- 
fässhaut die ganze Eigenthümlichkeit des vasculären Stoffwechsels 
zuschriebe ; am wenigsten darf man daraus erklären wollen, warum 
gewisse Stoffe, welche in der Blutflüssigkeit vertheilt sind, nicht 
allen Theilen gleichmässig zukommen, sondern an einzelnen Stel- 
len in grösserer, an anderen in kleinerer Masse, an anderen gar 
nicht austreten. Diese Eigenthümlichkeiten hängen offenbar ab 
einerseits von den Verschiedenheiten des Druckes, welcher auf 
der Blutsäule einzelner Theile lastet, andererseits von den Beson- 
derheiten der Gewebe; namentlich wird man sowohl durch das 
Studium der pathologischen , als besonders durch das Studium der 
pharmakodynamischen Erscheinungen mit Nothwendigkeit dazu ge- 
trieben, gewisse Affinitäten zuzulassen, welche zwischen be- 
stimmten Geweben und bestimmten Stoffen existiren, Beziehungen, 
welche auf chemische Eigenthümlichkeiten zurückgeführt werden 
müssen, in Folge deren gewisse Theile mehr befähigt sind, aus 
der Nachbarschaft und somit auch aus dem Blute gewisse Sub- 
stanzen anzuziehen, als andere. 

Betrachten wir die Möglichkeit solcher Anziehungen etwas 
genauer, so ist es von einem besonderen Interesse, zu sehen, wie 
sich solche Theile verhalten, die sich in einer gewissen Entfernung 
vom Gefässe befinden. Lassen wir auf irgend einen Theil direkt 
einen bestimmten Reiz einwirken, z. B. eine chemische Substanz, 
ich will annehmen, eine kleine Quantität eines Alkali, so bemer- 



•) Wureburger Verhandl. 1854. IV. 248. 



Chemische Affinitäten der Gewebe. 157 

ken wir, dass kurze Zeit nachher der Theil mehr ^Emähnmgs- 
material'' aufnimmt, dass er schon in einigen Stunden um ein 
Beträchtliches grösser wird, anschwillt und trübe wird. Eine feinere 
Untersuchung ergiebt, dass die Elemente selbst solcher Gewebe, 
welche in hohem Grade durchsichtig sind, wie die Hornhaut, reich- 
lich eine kOrnige, yerhäitnissmässig trübe Substanz enthalten, die 
nicht etwa aus eingedrungenem Alkali, sondern ihrem wesentli- 
chen Theile nach aus Stoffen besteht, welche den Eiweisskörpern 
verwandt sind. Die Beobachtung ergiebt, dass ein solcher Vor- 
gang in allen gefässhaltigen Theilen mit einer Hyperämie beginnt, 
so dass der Gedanke nahe liegt, die Hyperämie oder Gongestion 
sei das Wesentliche und Bestimmende. Wenn wir aber die feine- 
ren Verhältnisse studiren, so ist es schwer zu verstehen, wie das 
Blut, welches in den hyperämischen Gefässen ist, es machen soll, 
um gerade nur auf den gereizten Theil einzuwirken, während andere 
Theile, welche in viel grosserer Nähe an denselben Gefässen lie- 
gen, nicht in derselben Weise getroffen werden. In allen Fällen, 
in welchen die Gefässe der Ausgangspunkt von Störungen sind, 
welche im Gewebe eintreten, finden sich auch die Störungen am 
meisten ausgesprochen in der nächsten Umgebung der Gefässe und 
in dem Gebiete, welches diese Gefässe versorgen (Gefässterri- 
torium). Wenn wir einen reizenden, z. B. einen faulenden Kör- 
per in ein Blutgefäss stecken, wie dies von mir in der Geschichte 
der Embolie in grösserer Ausdehnung festgestellt ist, so werden 
nicht etwa die vom Gefässe entfernten Theile der Hauptsitz der 
activen Veränderung, sondern diese zeigt sich zunächst an der 
Wand des Gefässes selbst und dann an den anstossenden Gewebs- 
Elementen*). Wenden wir aber den Reiz direkt auf das Gewebe 
an, so bleibt der Mittelpunkt der Störung auch immer da, wo der 
Angriffspunkt des Reizes liegt, gleichviel, ob (refässe in der Nähe 
sind oder nicht. 

Wir werden darauf später noch zurückkommen; hier war es 
mir nur darum zu thun, die Thatsache in ihrer Allgemeinheit 
vorzuführen, um den gewöhnlichen, eben so bequemen als trüge- 
rischen Schluss zurückzuweisen, dass die (an sich pajssive) Hyper- 
ämie bestinunend sei für die Ernährung des Gewebes. 



*} Gesammelte Abhandlungen zur wissenschaftlichen Medicin. 1856. S. 294, 
337, 456. 



158 Siebentes Gapitel. 

Bedürfte es noch eines weiteren Beweises, um diesen, vom 
anatomischen Standpunkte ans vollständig unhaltbaren Schlnss zu 
widerlegen, so haben wir in dem vorher erwähnten Experiment 
mit der Dnrchschneidnng des Sympathicus die allerbequemste 
Handhabe. Wenn man bei einem Thiere den Sympathicus am 
Halse durchschneidet, so bildet sich eine Hyperämie in der ganzen 
entsprechenden Eopfhälfte aus: die Gefässe sind stark erweitert, 
das Ohr wird dunkelroth und heiss, die Gonjunctiva und Nasen- 
schleimhaut strotzend injicirt. Diese Hyperämie kann Tage, 
Wochen, Monate laug bestehen, ohne dass auch nur die mindeste 
gröbere nutritive Störung daraus folgt; die Theile sind, obwohl 
mit Blut überfüllt, so weit wir dies wenigstens bis jetzt übersehen 
können, in demselben Emährungs - Zustande wie vorher. Wenn 
wir Entzündungsreize auf diese Theile appliciren, so ist das Ein- 
zige, was wir feststellen können, dass die Entzündung schneller 
verläuft, ohne dass sie jedoch an sich oder in der Art ihrer Pro- 
ducte wesentlich anders wäre als sonst**). 

Die grössere oder geringere Masse von Blut, welche einen 
Theil durchströmt, ist also nicht als die einfache Ursache der 
Veränderung seiner Ernährung zu betrachten. Es besteht wohl 
kein Zweifel darüber, dass ein Theil, der sich in Beizung befin- 
det und gleichzeitig mehr Blut empfängt als sonst, auch mit grös- 
serer Leichtigkeit mehr Material aus dem Blute anziehen kann, 
als er sonst gekonnt haben würde oder als er können würde, wenn 
sich die Gefässe in einem Zustande von Verengerung und vermin- 
derter Blutfülle befänden. Wollte man gegen meine Auffassung 
einwenden, dass bei hyperämischen Zuständen locale Blutentzie- 
hungen oft die günstigsten Effecte hervorbringen, so ist das kein 
Gegenbeweis. Denn es versteht sich von selbst, dass wir es einem 
Theile, dem wir das Emähmngsmaterial abschneiden oder verrin- 
gern, schwerer machen, Material aufzunehmen, aber wir können 
ihn nicht umgekehrt dadurch, dass vnv ihm mehr Emährungs- 
material darbieten, sofort veranlassen, mehr in sich aufzunehmen; 
das sind zwei ganz verschiedene und auseinander zu haltende 
Dinge. So nahe es auch liegt, und so gerne ich auch zugestehe, 
dass es auf den ersten Blick etwas sehr Ueberzeugendes hat, aus 



*) Handbuch der speciellen Pathologie. I. 151, 247. Oesammelte Abbandl. 
S. 319. 



Specifische Affinit&ten. 1S9 

der günstigen Wirknng, welche die Abschneidnng der Blntznfdhr 
anf die Hemmung eines Vorganges hat, der unter einer Steigerang 
derselben entsteht, auf die Abhängigkeit jenes Vorganges yon die- 
ser Steigerung der Zufuhr zu schliessen , so meine ich doch , dass 
die praktische Erfahrung nicht in dieser Weise gedeutet werden 
darf. Es kommt nicht so sehr darauf an, dass, sei es in dem 
Blute als Ganzem, sei es in dem Blutgehalte des einzelnen Thei- 
les, eine quantitative Zunahme erfolgt, um ohne Weiteres in der 
Ernährung des Theiles eine gleiche Zunahme zu setzen, sondern 
es kommt meines Erachtens darauf an, dass entweder besondere 
Zustände des Gewebes (Reizung) bestehen, welche die Anziehungs- 
verhältnisse desselben zu bestimmten Stoffen ändern, oder dass 
besondere Stoffe (specifische Substanzen) in das Blut ge- 
langen, auf welche bestimmte Gewebe oder Theile von Geweben 
eine besondere Anziehung ausüben. 

Prüft man diesen Satz in Beziehung auf die humoralpatho- 
logische Auffassung der Krankheiten, so ergiebt sich sofort, wie 
weit ich davon entfernt bin, die Richtigkeit der humoralen Deu- 
tungen im Allgemeinen zu bestreiten. Vieknehr hege ich die feste 
Ueberzeugung, dass besondere Stoffe, welche in das Blut gelangen, 
einzehie Theile des Körpers zu besonderen Veränderungen indu- 
ciren können, indem sie in dieselben aufgenommen werden ver- 
möge der specifischen Anziehung der einzelnen Gewebe 
zu einzelnen Stoffen*). Wir wissen, dass eine Reihe von 
Substanzen existirt, welche, wenn sie in den Körper gebracht 
werden, ganz besondere Anziehungen zum Nervenapparate dar- 
bieten, ja dass es innerhalb dieser Reihe wieder Substanzen gibt, 
welche zu ganz bestimmten Theilen des Nervenapparates nähere 
Beziehungen haben, einige zum Gehirn, andere zum Rückenmark, 
zu den sympathischen Ganglien, einzelne vneder zu besonderen 
Theilen des Gehirns, Rückenmarks u. s. w. Ich erinnere hier an 
Morphium, Atropin, Worara, Strychnin, Digitalin. Andererseits 
nehmen wir wahr, dass gewisse Stoffe eine nähere Beziehung 
haben zu bestimmten Secretionsorganen, dass sie diese Secretions- 
organe mit einer gewissen Wahlverwandtschaft durchdringen, dass 
sie in ihnen abgeschieden werden, und dass bei einer reichlicheren 



^ Handb. der spec. Path. und Ther. I. 276. 



160 Siebentes Gapitel. 

Zufahr solcher Stoffe ein Zastand der Reizung in diesen Organen 
stattfindet. Dahin gehören Harnstoff, Kochsalz, Canthariden, Ga- 
beben. Allein nothwendig setzt diese Annahme voraus, dass die 
Gewebe, welche eine besondere Wahlverwandtschaft zu besonderen 
Stoffen haben sollen, überhaupt existiren: eine Niere, die ihr Epi- 
thel verliert, bfisst damit auch ihre Secretionsfähigkeit fQr die 
specifischen Stoffe ein. Jene Annahme setzt femer voraus, dass 
die Gewebe sich in ihrem natürlichen Zustande befinden: weder 
die kranke, noch die todte Niere hat mehr die Affinität zu be- 
sonderen Stoffen, welche die lebende und gesunde Drüse besass. 
Die Fähigkeit, bestimmte Stoffe anzuziehen und umzusetzen, kann 
höchstens für eine kurze Zeit in einem Organe erhalten, wel- 
ches nicht mehr in einer eigentlich lebenden Verfassung bleibt. 
Wir werden daher am Ende immer genöthigt, die einzelnen Ele- 
mente als die wirksamen Factoren bei diesen Anziehungen zu be- 
trachten. Eine Leberzelle kann aus dem Blute, welches durch 
das nächste Gapillargefäss strömt, bestimmte Substanzen anzie- 
hen, aber sie muss eben zunächst vorhanden und sodann ihrer 
ganz besonderen Eigenthümlicbkeit mächtig sein, um diese An- 
ziehung ausüben zu können. Wird das vitale Element verändert, 
tritt eine Krankheit ein, welche in der molekularen, physikalischen 
oder chemischen Eigenthümlicbkeit desselben Veränderungen setzt, 
so wird damit auch seine Fähigkeit geändert, diese besonderen 
Anziehungen auszuüben. 

Betrachten wir dies Beispiel noch genauer. Die Leberzellen 
stossen fast unmittelbar an die Wand der Capillaren, nur geschie- 
den durch eine dünne und vielleicht nicht einmal continuirliche 
Schicht einer feinen Bindegewebslage. Wollten wir uns nun den- 
ken, dass die Eigenthümlicbkeit der Leber, Galle abzusondern, 
bloss darin beruhte, dass hier eine besondere Art der Gefäss-Ein- 
richtung wäre, so würde dies in der That nicht zu rechtfertigen 
sein. Aehnliche Netze von Gefässen, welche zu einem grossen 
Theile venöser Natur sind, finden sich an manchen anderen Orten 
z. B. an den Lungen. Die Eigenthümlicbkeit der Gallenabsonde- 
mng hängt offenbar ab von den Leberzellen, und nur so lange als 
das Blut in nächster Nähe an Leberzellen vorüberströmt, besteht 
die besondere Stoffanziehung, welche die Thätigkeit der Leber 
charakterisirt 



Thätigkeit der Leber. 161 * 

Enthält das Blut freies Fett, so nehmen nach einiger Zeit 
die Leberzellen Fett in kleinen Partikelchen auf; wenn der Zu- 
fluss fortgeht, so wird auch das Fett in den Zellen reichlicher nnd 
es scheidet sich nach nnd nach in grösseren Tropfen innerhalb 
derselben ab (Fig. 29, ß, 6). Was wir beim Fett wirklich sehen, 
das müssen wir nns bei yielen anderen Substanzen, die sich in 
gelöstem Zustande befinden, denken, z. B. bei vielen metallischen 
Giften, die wir auf chemischem Wege aus dem Gewebe darstellen 
können. Immer aber wird es für die Aufnahme solcher Stoffe 
wesentlich sein, dass in der Leber Zellen in einem ganz bestimmten 
Zustande vorhanden sind; werden sie krank, entwickelt sich in 
ihnen ein Zustand, welcher mit einer wesentlichen Veränderung 
ihres Inhaltes verbunden ist, z. B. eine Atrophie, welche endlich 
das Zugrundegehen der Theile bedingt, dann wird damit auch die 
Fähigkeit des Organs, Stoffe aufzunehmen und abzuscheiden, ins- 
besondere Galle zu bilden, immer mehr beschränkt werden. Wir 
können uns keine Leber denken ohne Leberzellen; diese sind, soviel 
wir wissen, das eigentlich Wirksame, da selbst in Fällen, wo der 
Blutzufiuss durch Verstopfung der Pfortader beschränkt ist *), Galle, 
wenn auch vielleicht nicht in derselben Menge, abgesondert wird. 

Diese Erfahrung hat gerade an der Leber einen besonderen 
Wertb, weil die Stoffe, welche die Galle zusammensetzen, bekannt- 
lich nicht im Blute präformirt sind, wir also nicht einen Vorgang 
der einfachen Abscheidung, sondern einen Vorgang der wirkli- 
chen Bildung für die Bestandtheile der Galle in der Leber vor- 
aussetzen müssen. Diese Frage hat noch an Interesse gewonnen 
durch die bekannte Beobachtung von Bernard, dass an diesel- 
ben zelligen Elemente auch die Eigenschaft der Zuckerbildung ge- 
bunden ist, welche in so colossalem Maassstabe dem Blute einen 
Stoff zuffihrt, der auf die inneren Umsetzungs-Prozesse und auf 
die Wärmebildung den entschiedensten Einfluss hat. Sprechen wir 
also von Leberthätigkeit, so kann man in Beziehung sowohl auf 
die Zucker-, als auf die Gallenbilduug darunter nichts anderes 
meinen, als die Thätigkeit der einzelnen Elemente (Zellen), und 
zwar eine Thätigkeit, die darin besteht, dass sie aus dem vor- 
überströmenden Blute Stoffe anziehen, diese Stoffe in sich um- 



•) Würzb. Verhandl. (1855). VII. 21. 

VIrrbow, Cr11n1ar-P«tbol. 4. Anfl. 11 



162 Siebentes Capitel. 

setzen und dieselben in dieser umgesetzten Form entweder an das 
Blnt wieder zurückgeben, oder in Form von Galle den Gallen- 
gangen überliefern. 

Ich verlange nun für die Cellnlarpathologie nichts weiter, als 
dass diese Auffassung, welche für die grossen Secretions- Organe 
nicht vermieden werden kann , auch auf die kleineren Organe und 
auf die Elemente angewendet werde, dass also einer Epithel- 
zelle, einer Linsenfaser, einer Enorpelzelle bis zu einem gewissen 
Maasse gleichfalls die Möglichkeit zugestanden werde, aus den 
nächsten Gefässen, wenn auch nicht immer direkt, sondern oft 
durch eine weite Transmission, je nach ihrem besonderen Bedürf- 
nisse, gewisse Quantitäten von Material zu beziehen, und nachdem 
sie dasselbe in sich aufgenommen haben, es in sich weiter umzu- 
setzen, so zwar, dass entweder die Zelle für ihre eigene Entwik- 
kelung daraus neues Material schöpft (Assimilation), oder 
dass die Substanzen im Innern sich aufhäufen, ohne dass die Zelle 
davon unmittelbar Nutzen hat (Retention), oder endlich, dass 
nach der Aufnahme selbst ein Zerfallen der Zelleneinrichtong ge- 
schehen, ein Untergang der Zelle eintreten kann (Necrobiose). 
Auf alle Fälle scheint es mir nothw endig zu sein, dieser speci- 
fischen Action der Elemente, gegenüber der specifischen 
Action der Gefässe, eine überwiegende Bedeutung beizulegen, und 
das Studium der localen Prozesse seinem wesentlichen Thcile nach 
auf die Erforschung dieser Art von Vorgängen zu richten. — 

Mit diesen Ergebnissen können wir uns zu einer Kritik der 
humoralpathologischen Systeme wenden, welche seit langer Zeit 
auf das Studium der sogenannten edleren Säfte, gewissermaas- 
sen auf die Lehre von der Ernährung im Grossen begründet wur- 
den. Fasst man zunächst das Blut in seiner normalen Wirkung 
auf die Ernährung ins Auge, so handelt es sich dabei nicht so 
wesentlich um seine Bewegung, um das Mehr oder Weniger von 
Zuströmen, sondern um seine innere Zusammensetzung. Bei einer 
grossen Masse von Blut kann die Ernährung leiden, wenn die Zu- 
sammensetzung desselben nicht dem natürlichen Bedürfnisse der 
Theile entspricht; bei einer kleinen Masse von Blut kann die Er- 
nährung verhältnissmässig sehr günstig vor sich gehen, wenn jedes 
einzelne Partikelchen des Blutes das günstigste Verhältniss der 
Mischung besitzt. 




Theorie der Dyscrasien. 163 

Betrachtet man das Blut als Ganzes gegenüber den anderen 
Theilen, so ist es das Gefährlichste, was man thun kann, das, 
was zu allen Zeiten die meiste Verwirrung geschaflfen hat, anzu- 
nehmen, dass man es hier mit einem constanten, in sich unab- 
hängigen Fluidum zu thun habe, von dem die grosse Masse der 
übrigen Gewebe mehr oder weniger direkt abhängig sei. Die 
meisten humoralpathologischcn Sätze stützen sich auf die Voraus- 
setzung, dass gewisse Veränderungen, welche im Blute eingetre- 
ten sind, mehr oder weniger dauerhaft seien, und gerade da, wo 
diese Sätze praktisch am einflussreiclisten gewesen sind, in der 
Lehre von den chronischen Dyscrasien, pflogt man sich vor- 
zustellen, dass die Veränderung des Blutes eine continuirliche sei, 
ja, dass durch Vererbung von Generation zu Generation eigcn- 
thümliche Veränderungen in dem Blute übertragen werden und 
sich erhalten können. 

Das ist meiner Meinung nach der Grundfehler, der eigent- 
liche Angelpunkt der Irrthüraer. Nicht etwa, dass ich bezwei- 
felte, dass eine veränderte Mischung des Blutes anhaltend bestehen, 
oder dass sie sich von Generation zu Generation fortpflanzen 
konnte, aber es scheint mir unlogisch, zu glauben, dass sie sich 
im Blute selbst fortpflanzen und dort erhalten kann, dass das 
Blut als solches der Träger der Dyscrasie ist. 

Meine cellularpathologischen Anschauungen unterscheiden sich 
darin von den humoralpathologischcn wesentlich, dass ich das Blut 
nicht als einen dauerhaften und in sich unabhängigen, aus sich 
selbst sich regenerirenden und sich fortpflanzenden Saft, sondern 
als ein in einer constanten Abhängigkeit von anderen Theilen be- 
findliches flüssiges Gewebe betrachte. Man braucht nur dieselben 
Schlüsse, die man für die Abhängigkeit des Blutes von der Auf- 
nahme neuer Emährungsstoffe vom Magen her allgemein zulässt, 
auch auf die Untersuchung der Abhängigkeit desselben von den 
Geweben des Körpers selbst anzuwenden. Wenn man von einer 
Säuferdyscrasie spricht, so wird Niemand die Vorstellung haben, 
dass Jeder, der einmal betrunken gewesen ist, eine permanente 
Alkoholdyscrasie besitzt, sondern man denkt sich, dass, wenn 
immer neue Mengen von Alkohol eingeführt werden, auch immer 
neue Veränderungen des Blutes eintreten, so dass die Verände- 
rung am Blute so lange bestehen muss, als die Zufuhr von neuen 



164 Siebentes Gapitel. 

ßchädlichen Stoffen geschieht, oder als in Folge früherer Znfahr 
einzelne Organe in einem krankhaften Znstande yerharren. Wird 
kein Alkohol mehr zugeführt, werden die Organe, welche durch 
den früheren Alkoholgenuss beschädigt waren, zu einem normalen 
Verhalten zurückgeführt, so ist kein Zweifel, dass damit die Säu- 
ferdyscrasie zu Ende ist. Dieses Beispiel, angewendet auf die 
Geschichte der übrigen Dyscrasien, erläutert ganz einfach den 
Satz, dasB jede dauernde Dyscrasie abhängig ist von 
einer dauerhaften Zufuhr schädlicher Bestandtheile 
von gewissen Punkten (Atrien oderHeerden) her. Wie 
eine fortwährende Zufuhr von schädlichen Nahrungsstoffen eine 
dauerhafte Entmischung des Blutes setzen kann, eben so vermag 
die dauerhafte Erkrankung eines bestimmten Organs dem Blute 
fort und fort kranke Stoffe zuzuführen. 

Es handelt sich dann also wesentlich darum, für die einzel- 
nen Dyscrasien Ausgangspunkte, Localisationen zu suchen, 
die bestimmten Gewebe oder Organe zu finden, von denen aus das 
Blut die besondere Störung erfährt. Ich will gern gestehen, dass 
es in vielen Dyscrasien bis jetzt nicht möglich gewesen ist, diese 
Gewebe oder Organe aufzufinden. In vielen anderen ist es aber 
gelungen, wenn man auch nicht bei jedem derselben ericlären kann, 
in welcher Weise das Blut dabei verändert wird. Jedermann 
kennt jenen merkwürdigen Zustand, welchen man ungezwungen 
auf eine Dyscrasie beziehen kann, den scorbutischen Zustand, die 
Purpura, die Petechial-Dyscrasie. Vergeblich sieht man sich jedoch 
nach entscheidenden Erfahrungen darüber um, welcher Art die 
Dyscrasie, die Blutveränderung ist, wenn Scorbut oder Purpura 
sich zeigt. Das, was der Eine gefunden hat, hat der Andere 
widerlegt, ja es hat sich ergeben, dass zuweilen in der Mischung 
der gröberen Bestandtheile des Blutes gar keine Veränderung ein- 
getreten w*ar. Es bleibt hier also ein Quid ignotum, und man 
wird es gewiss verzeihUch finden, wenn wir nicht sagen können, 
woher eine Dyscrasie kommt, deren Wesen wir überhaupt nicht 
kennen. Auch schliesst die Erkenntniss der Art der Blntverän- 
derung nicht die Einsicht in die Bedingungen der Dyscrasie in 
sich, und eben so wenig findet das Umgekehrte Statt. Bei der 
hämorrhagischen Diathese wird man es immerhin als einen we- 
sentlichen Vortheil betrachten müssen, dass wir in einer Reihe 



Oertlicher Ursprung der Dyscrasien. 165 

von Fälleo auf ihren Ausgangspunkt in einem bestimmten Organe 
hinweisen können, z. B. auf die Milz oder die Leber*). Es han- 
delt sich jetzt zunächst darum, zu ermitteln, welchen Einfluss die 
Milz oder die Leber auf die besondere Mischung des Blutes aus- 
üben. Wüssten wir genau, wie das Blut durch die Einwirkung 
dieser Organe verändert wird, so wäre es vielleicht nicht schwer, 
aus der Kenntniss des kranken Organs auch sofort abzuleiten, 
wie das Blut beschaffen sein wird. Aber es ist doch schon we- 
sentlich, dass wir über das blosse Studium der Blutveränderungen 
hinausgekommen und auf bestimmte Organe geführt worden sind, 
in welchen die Dyscrasie wurzelt. 

So muss man consequent schliessen, dass, wenn es eine sy- 
philitische Dyscrasie gibt, in welcher das Blut eine . virulente Sub- 
stanz führt, diese Substanz nicht dauerhaft in dem Blute enthalten 
sein kann, sondern dass ihre Existenz im Blute gebunden sein 
muss an das Bestehen localer Heerde, von wo aus immer wieder 
neue Massen von schädlicher Substanz eingeführt werden in das 
Blut**). Folgt man dieser Bahn, so gelangt man zu dem schon 
erwähnten und gerade für die praktische Medicin äusserst wichti- 
gen Gesichtspunkte, dass jede dauerhafte Veränderung in dem 
Zustande der circulirenden Säfte, welche nicht unmittelbar durch 
äussere, von bestimmten Atrien aus in den Körper eindringende 
Schädlichkeiten bedingt wird, von einzelnen Organen oder Geweben 
abgeleitet werden muss; es ergibt sich weiter die Thatsache, dass 
gewisse Gewebe und Organe eine grössere Bedeutung für die Blut- 
mischung haben, als andere, dass einzelne eine nothwendige Be- 
ziehung zu dem Blute besitzen, andere nur eine zufällige. 

Ich komme also mit den Alten darin überein, dass ich eine 
Verunreinigung (Infection) des Blutes durch verschiedene Sub- 
stanzen (Miasmen) zulasse, und dass ich einem grossen Thcilo 
dieser Substanzen (Schärfen, Acrimonien) eine reizende Ein- 
wirkung auf einzelne Gewebe zuschreibe. Ich gestehe auch zu, 
dass bei acuten Dyscrasien diese Stoffe im Blute selbst eine fort- 
schreitende Zersetzung (Fermentation, Zymosis) erzeugen 



•) Handb der spec. Path. und Ther. I. 246. 

**) Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie. 1858, XV. 217, 
Qeschwülste II. 476- 



lOö Siobcütos Capitel, 

können, obwohl ich nicht weiss, ob dies in allen Fällen, die man 
so deutet, richtig ist. Aber sicher ist es, dass diese Zymosis 
ohne ncne Zufuhr sich nicht dauerhaft erhält, und dass jede 
anhaltende Dyscrasic eine erneuerte Zufuhr schädlicher Stoffe in 
das Blut voraussetzt. 



Achtes Capitel. 



Das Blut. 



llorpbolofl^sehe (aa«tomUche) nnd chemitehe Verinderungen des Blutes (Djscrasiea). 

Fsserstoff. Fibrillen desselben. Vergleich mit Sclileim und Bindegewebe. Homogener gallertiger 
Zuütsnd. 

Rothe Blutkörperchen. Kern, Membran und Inhalt derselben. Gestalt bei den verschiedenen Wir- 
belthleren; diagnostische Schwierigkeiten. Zusammensetsung des Zellkörpers: Häoiatinf Ha- 
mog'obin. Stroms. Verioderangen der Farbe und der Clestalt. Bluikrystalle (Hamatoidin, 
Haoiln, HSmatokrystallin). 

Farbioie Blutkörperchen. Numerisches Vcrhiltoiss. Struktur. Vergleich mit Eiterkörperchen. 
Klebrigkeit und Agglutination derselben. Specifisches Gewicht. Cruata granulosa. Diagnose 
Ton F.iter- und farblosen Blutkörperchen. Die Lehren von der Eiterresorption und von der 
Lymphexsodation. Lebenseigenschaften der farblosen Körpereben: Bewegung, Aufnahme an- 
derer Körper, Auswanderung. Bedeutung dieier Erfahrungen für die cellulare Doctrin. 



YV enn man die verschiedenen krankhaften Veränderungen des Blutes 
(Dyscrasien) in Beziehung auf Werth und Quelle ansieht, so 
lassen sich von vornherein zwei grosse Kategorien von dyscrasi- 
schen Zuständen unterscheiden, je nachdem nehmlich abweichende 
morphologische Bestandtheile im Blute enthalten sind, oder die 
Abweichung eine mehr chemische ist und an den flüssigen Be- 
standtheilen sich findet. Dabei versteht es sich aber wohl von 
selbst, dass in der Regel die morphologischen (anatomischen) 
Dyscrasien nicht ohne chemische Dyscrasie verlaufen und umge- 
kehrt: unsere Methoden der Blutuntersuchung sind aber noch so 
unvollkommen, dass wir uns in der Regel an die eine oder andere 
Möglichkeit halten müssen. Ebenso ist es klar, dass die morpho- 
logischen Veränderungen der Blutmischung entweder durch Ver- 
änderungen der natürlichen Elemente (Blutkörperchen) oder durch 
Hinzufügung fremder, der Blutmischung normal nicht zukommen- 
der Theile bedingt sein können. 



168 Achtes Capitei. 

Einer der flüssigen Stoffe des Blutes, der Faserstoff (Fibrin), 
hat häufig als ein morphologischer oder doch als ein fester Be* 
standtheil des Blutes gegolten, weil er vermöge seiner Gerinnbar- 
keit sehr bald, nachdem das Blut aus dem lebenden Körper ent- 
fernt ist, eine sichtbare Form annimmt. Diese Auffassung ist auch 
in der neueren Zeit noch vielfach in der Praxis festgehalten worden, 
wie sie denn traditionell in der Medicin seit langer Zeit bestanden 
hat, insofern man fibrinarmes Blut als dissolutes zu bezeichnen 
und die Qualität des Blutes viel weniger nach den Blutkörperehen, 
als nach dem Fibringehalt zu schätzen pflegte. Eine solche Tren- 
nung des Faserstoffes von den flüssigen Bestandtheilen des Blutes 
hat insofern einen wirklichen Werth, als derselbe eben so, wie 
die Blutkörperchen, eine ganz eigenthümliche Erscheinung ist, so 
einzig und allein in dem Blute und den ihm zunächst stehenden 
Säften sich findet, dass man ihn in der That mehr mit den Blut- 
körperchen in Zusammenhang bringen kann, als mit dem Blut- 
wasser (Serum). Betrachtet man das Blut in Beziehung auf seine 
eigentlich specifischeu Theile, durch welche es Blut ist und durch 
welche es sich von anderen Flüssigkeiten unterscheidet, so kann 
man nicht umhin anzuerkennen, dass auf der einen Seite die ro- 
then, hämatinhaltigen Eörperchen, auf der anderen Seite das Fibrin 
der Intercellular-Flüssigkeit (Liquor sanguinis, Plasma) es sind, in 
welchen die Unterschiede am meisten hervortreten. 

Betrachten wir daher zunächst diese specifischeu Bestand- 
theile etwas näher. Die morphologische Schilderung des Faser- 
stoffes ist verhältnissmässig schnell gemacht. Untersuchen wir ihn, 
wie er im Blutgerinnsel vorkommt, so finden wir ihn fast immer 

in der Form, wie ihn Malpighi 
p,^ j^5 . beschrieben hat und von welcher 

er den Namen trägt, der fibrillären. 
Die geronnene Substanz zeigt wirk- 
liche Fasern von etwas zackiger 
Gestalt, welche sich vielfach durch- 
setzen und dadurch äusserst feine 
Geflechte, zarte Haschennetze bilden. Die Fasern sind in den ein- 



Fig. 59. Geronnenes Fibrin aus menscblicbem Blute, a Feine, b gröbere 
und breitere Fibrillen; c in das Gerinnsel eingeschlossene rothe und farblose 
Blutkörperchen. Yergr. 2S0. • 




Fibrin. 169 

zelnen Fällen von sehr verschiedener Breite. Gewöhnlich sind sie 
sehr fein; zuweilen finden sich aber nngleich breitere, fast band- 
artige, welche viel glatter sind, sich aber im Uebrigen ziemlich 
auf dieselbe Weise durchsetzen and verschlingen. Es sind dies 
Eigenthümlichkeiten , über deren Bedeutung bis jetzt ein sicheres 
Urtheil noch nicht gewonnen ist. Ich finde solche Verschieden- 
heiten ziemlich häufig, bin jedoch nicht im Stande, die Bedingun- 
gen dafür anzugeben. Betrachtet man einen Blutstropfen während 
der Gerinnung, so sieht man überall, wie zwischen den Blutkör- 
perchen feine Fibrin-Fäden anschiessen. In dem Coagulum 'finden 
sich daher die morphologischen Elemente in den Maschenräumen 
des entstandenen Netzwerkes (Fig. 59, c), rings umschlossen und 
zuweilen nicht wenig verdrückt durch die Fasern desselben. 

In Beziehung auf die Natur dieser Fasern können wir her- 
vorheben, dass es histologisch nur noch zweierlei Arten von Fasern 
gibt, welche mit ihnen eine nähere Aehnlichkeit darbieten*). Die 
eine Art kommt in einer Substanz vor, welche sonderbarer Weise 
eine gewisse Verbindung zwischen den ältesten kraseologischen Vor- 
stellungen und den modernen bildet, nehmlich im Schleim (S. 65). 
In der hippokratischen Mcdicin fällt der Blutfaserstoff noch unter 
den Begriff des Phlegma (Mucus), und die antike Lehre von 
dem phlegmatischen Temperament würde in moderner Formel ganz 
wohl als fibrinöse Erase übersetzt werden können. In der That, 
wenn wir den Schleim mit dem Faserstoff vergleichen, so müssen 
wir zugestehen, dass eine grosse formelle Uebereinstimmung in 
ihrer Gerinnung besteht. Wie das Fibrin, bildet auch der Schleim, 
zumal bei Zusatz von Wasser oder organischen Säuren, Fasern 
und Häute, welche unter einander zu oft sehr sonderbaren Figuren 
zusammentreten. Dass auch in der Absonderung von Schleim und 
Faserstoff gewisse Beziehungen bestehen, werden wir später dar- 
legen. — Die andere Substanz, welche hierher gehört, ist die 
lutercellularsubstanz des Bindegewebes, der leimgebende Stoff, das 
Collagen (Gluten der Früheren), und es ist gewiss interessant, 
sich daran zu erinnern, dass noch im vorigen Jahrhundert, ja hier 
und da noch in dem gegenwärtigen, die Speckhaut des Blutes als 
Gluten bezeichnet wurde. Die Fibrillen des Bindegewebes verhal- 
ten sich nur insofern anders, als die des Faserstoffes, als sie in 

*) Gesammelte Abhandl. S. 137. 



170 Achtes Capitel. 

der Regel nicht netzförmig, sondern parallel verlaufen; im Cebri- 
gen sind sie den Fibrin -Fasern in hohem Maasse ähnlich. Die 
Interccllularsubstanz des Bindegewebes stimmt auch darin mit dem 
Faserstoff überein, dass ihr Verbalten gegen Reagentien sehr 
analog ist. Wenn wir diluirte Säuren, namentlich die gewöhn- 
lichen Pflanzensäuren oder auch schwache Mineralsäuren darauf 
einwirken lassen, so quellen sie auf und unter den Augen ver- 
schwinden die Fasern, so dass wir nicht mehr sagen können, wo 
sie bleiben. Die Masse schwillt auf, es verschwindet jeder Zwi- 
schenraum, und es sieht aus, als ob die ganze Masse ein conti- 
nuirliches, vollkommen homogenes Gewebsstück bildete. Waschen 
wir dasselbe langsam aus, entfernen wir die Säure wieder, so 
lässt sich, wenn die Einwirkung keine zu concentrirte war, wieder 
der faserige Zustand herstellen. Es ist dies Verhalten bis jetzt 
noch unerklärt, und gerade deshalb hatte die Ansicht Reichert's, 
welche ich früher (S. 41, 141) erwähnte, etwas Bestechendes, dass 
die Substanz des Bindegewebes eigentlich homogen und die Fasern 
nur eine künstliche Bildung oder eine optische Täuschung seien. 
Indessen isoliren sich beim FaserstoiT noch viel deutlicher als beim 
Bindegewebe die einzelnen Fibrillen so vollständig, dass ich nicht 
umhin kann, zu sagen, dass ich die Trennung in einzelne Fäser- 
chen für wirklich bestehend und nicht bloss für künstlich und 
eben so wenig für eine Täuschung des Beobachters halte. 

Eine fernere Uebereinstinmiuug ist die, dass sowold beim 
Fibrin, als beim Bindegewebe jedesmal vor dem Stadium des 
Fibrillären ein Stadium des Homogenen oder Gallertigen liegt. 
Betrachtet man die Gerinnung fibrinöser Flüssigkeiten, so sieht 
man nicht etwa von vornherein Fasern entstehen, sondern die 
ganze Flüssigkeit „gesteht" zuerst zu einer ganz gleichmässigen 
Masse, welche zuweilen so fest ist, dass man sie in einem Stücke 
aufheben kann. Erst aus dieser homogenen Gallerte scheiden sich 
die Fasern aus, mit deren Bildung die Zusammenziehung des Ge- 
rinnsels, die eigentliche Coagulation auftritt*). In ähnlicher Weise 
erscheint auch die Intercellularsubstanz des Bindegewebes zuerst 
bei ihrer Bildung als homogene Intercellularsubstanz (Schleim); 
erst nach und nach sieht man sich Fibrillen, wenn ich mich so 



*; Froricp's Neue Noluea 1845. Sept. Nu. 769. Gesammelte Abhand- 
lungen. S. 5'J, 05. 



Rothe Blutkürperchen. 171 

ausdrücken darf, ausscheiden oder, wie man gewöhnlich sagt , dif- 
ferenziren. Die Bildung der Fasern, die Fibrillation lässt sich 
daher recht wohl mit der Krystallisation vergleichen, und in der 
That gibt es auch unter den anorganischen StoflFen gewisse Ana- 
logien. Manche Niederschläge von Kalksalzen oder Kieselsäure 
sind ursprünglich vollkommen gelatinös und amorph; nach und 
nach scheiden sich aus ihnen solide Körner und Krystalle aus. 

Man kann also immerhin den Namen der Fibrillen für die 
gewöhnliche Erscheinungsform des Faserstoffes beibehalten, aber 
man muss sich dabei erinnern, dass diese Substanz ursprünglich 
in einem homogenen, amorphen, gallertartigen Zustande existirte, 
und wieder in denselben übergeführt werden kann. Diese üeber- 
führung geschieht nicht nur künstlich, sondern sie macht sich auch 
auf natürlichem Wege im Körper selbst, so dass an Stellen, wo 
vorher Fibrillen vorhanden waren, später der Faserstoff wieder 
homogen angetroffen wird. Die Coagula der Aneurysmen, manche 
Thromben der Venen werden allmählich in homogene, knorpelartig 
dichte Massen verwandelt. — 

Was nun den zweiten specifischen Antheil des Blutes betrifft, 
die Blutkörperchen, so habe ich schon hervorgehoben (S. 12), 
dass gegenwärtig ziemlich alle Histologen darüber einig sind, dass 
die farbigen Blutkörperchen des Menschen und der Säugethiere 
im erwachsenen Zustande keine Kerne besitzen. Ihre zelligc 
Natur könnte daher in Zweifel 
gezogen werden, wenn wir nicht ^'« ^^ 

wüssten, dass sie zu gewissen 9^ Tf ^ » 

Zeiten der embrj'onalen Ent- %^§'.^.^ ^® Ä®* 
Wickelung (Fig. 60) je einen '^^ %f' 

Kern besitzen. Mehrere neuere 

Beobachter, namentlich Brücke, leugnen jedoch auch die Existenz 
einer Membran an ihnen, so dass man versucht ist, auf jene ältere 
Bezeichnung der Blutkörncr zurückzukommen, welche auch auf 



Fiij. 60. Kernhaltige Blutkörperchen von einem menschlichen, sechs Wochen 
alten Fötus, a Verschieden j^rosse, homofjcnc Zellen mit einfachen, relativ prrossen 
Kernen, von denen einzelne leicht granulirt, die meisten mehr gleichmässig sind, 
bei • ein farbloses Körperchen, b Zellen mit äusserst kleinen, aber scharfen 
Kernen und deutlich rothem Inhalte, c Nach Behandlunpf mit Essigsäure sieht 
man die Kerne zum Theil geschrumpft und zackig, bei mehreren doppelt; bei * 
ein granulirtes Körperchen. Vergr. 280. 



172 Achtes Gapitel. 

blosse Coucretionen chemischer oder mechanischer Art anwemlbar 
ist. lüdess erscheint im Bewnsstsein der heutigen Zeit, me Mir 
sahen (S. 16), die Membranlosigkeit an sich als kein Gnmd, die 
zellige Natur eines organischen Elements in Abrede zu stellen, 
und da in den früheren Monaten des Embryolebens die rothen 
Blutkörperehen nicht nur genetisch aus unzweifelhaften Bildungs- 
zellen durch fortschreitende Umbildung hervorgehen, sondern auch 
unter Umständen eben solche Membranen zeigen (Fig. 60, a u. c), 
wie sie an anderen Zellen nachweisbar sind, so wird man unbe- 
denklich aussagen können, dass die rotlien Blutkörperchen des 
Menschen sowohl in der späteren Zeit der fötalen Entwickelung, 
als namentlich in der Zeit nach der Geburt einfache kernlose Zel- 
len sind. 

Ganz abweichend von allen anderen Zellen ist die Gestalt 

derselben beim Menschen und den Saugethieren. 

^'»- ^^ Sie stellen nehmlich platte, Scheiben- oder 

dOCU ^ tellerförmige Bildungen mit zweiseitiger cen- 

•» hf^J^^ traler Depression dar. Der dickere Rand er- 
^^Or scheint daher als ein dunkler gefärbter Ring, 
die dünnere Mitte als eine ganz schwach ge- 
färbte Fläche. Bei Vögeln, Amphibien und Fischen, bei welchen 
sich der kernhaltige Zustand während des ganzen Lebens erhält, 
findet sich zugleich eine ovale Gestalt, die übrigens merkwürdiger- 
weise auch bei dem Lama und Eameel vorkommt. Der allemie- 
derste Fisch, der Amphioxus, hat überhaupt keine Blutkörperchen 
und beim Leptocephalus bleiben sie ungefärbt. Bei keinem anderen 
Gewebe sind die Verschiedenheiten der Elemente bei verschiede- 
nen Thieren so gross, wie gerade bei den rothen Blutkörperchen, 
und man sollte daher ungemein vorsichtig sein, aus Erfahrungen, 
welche nur für die Blutkörperchen einer Gattung Gültigkeit haben, 
allgemeine Formeln abzuleiten. Andererseits sind nur ausnahms- 
weise die Blutkörperchen einer Gattung mit so charakteristischen 



Fig. 61. Menschliche Blutkurperchen vom Erwachsenen, a das grewuhnlicbe, 
scheibenförmige rothc, b das farblose Blutkörperchen, c rothe Körpereben, von 
der Seite und auf dem Rande stehend gesehen, d rothe Körperchen in Geld- 
roHenform zusammengeordnet, e zackige, durch Wasserverlust (Exosmose) ge- 
schrumpfte rothe Körper. / geschrumpfte rothe Körper mit bügeligem Rand 
und einer kemartigen Erhebung auf der Fläche der Scheibe, g noch dich- 
tere Schrumpfung, h höchster Grad der Schrumpfung (melanöso Körpereben). 
Vergr. 280. 



Hämatin und Hämoglobin. 173 

EigenthümlichkeiteD ausgestattet, dass man daraus diagnostische 
Unterschiede abzuleiten vermöchte. Namentlich vom gerichtsSrzt- 
lichen Standpunkte aus wäre es im höchsten Grade erwünscht, 
wenn ein sicheres Merkmal nachgewiesen würde, wodurch die Blut- 
körperchen des Menschen von denen der Säugethiere unterschieden 
werden könnten. Allein alle Versuche, ein solches zu finden, sind 
bis jetzt fruchtlos gewesen. Das einzige, an sich nicht einmal 
durchgreifende Merkmal, dass die Blutkörperchen dos Menschen 
etwas grösser sind, als die der meisten Säugethiere, ist in der 
Regel nicht verwerthbar, da man es in forensischen Fällen meist 
mit altem und häufig sogar mit getrocknetem Blute zu thun hat. 

Der eigentliche Zellkörper der rothen Blutkörperchen besteht 
aus einer ziemlich zähen Masse, an welcher die Farbe haftet. 
Letztere erscheint unter dem Mikroskope bei den einzelnen Kör- 
perchen als eine mehr gelbliche, sogar leicht ins Grünliche spie- 
lende. Gewöhnlich bezeichnet man in der Kürze die gefärbte 
Substanz als Hämatin, Blutfarbstoff. Allein der rothe Zellkör- 
per ist keine einfache chemische Substanz, und das, was man Hä- 
matin nennt, bildet eben nur einen Theil davon; einen wie grossen 
Theil, lässt sich bis jetzt noch gar nicht ermitteln. Was sonst 
noch innerhalb des Blutkörperchens enthalten ist, das gebort 
wesentlich der chemischen Untersuchung an, und diese ergiebt 
in den verschiedenen Wirbelthierklassen und Gattungen ebenso 
gut chemische, wie morphologische Verschiedenheiten. Beim 
Menschen nahm man früher neben dem Hämatin gewöhnlich 
noch eine besondere Substanz, das Globulin an; gegenwärtig be- 
trachtet man als die Hauptmasse des rothen Zellkörpers das 
Hämoglobin, aus welchem erst durch Zersetzung das Hämatin 
selbst und verschiedene andere, namentlich eiweissartige Stoffe 
entstehen. Dieses Hämoglobin ist nach der Annahme Rollett's 
in einem schwammigen Stroma enthalten, welches möglicher- 
weise noch wieder aus verschiedenen stickstoffhaltigen Stoffen be- 
steht. Man beobachtet dasselbe an gefrorenem Blute, bei welchem 
das Hämoglobin die Blutkörperchen verlässt und an das Serum 
tritt. Ob wirkliches Protoplasma und damit eine wahre Contrakti- 
lität an den rothen Körperchen vorhanden ist, lässt sich nach den 
heutigen Erfahrungen noch nicht mit Sicherheit aussagen. 

Was wir direkt beobachten können, sind gewisse Verände- 
rungen der Farbe und Gestalt, welche durch äussere 



174 Acbtes Capitel. 

Agentien hervorgerufen werden. Da das Hämoglobin Sauerstoff, 
Kohlenoxyd und Stickoxyd absorbirt, wahrscheinlich auch Kohlen- 
säure aufnimmt, so ist es leicht begreiflich, dass dadurch die 
Farbe der Blutkörperchen und damit die des Blutes im Ganzen 
geändert wird. Noch viel auffälliger ist die Farbenveränderung 
durch stärkere chemische Körper, namentlich die intensiv grüne 
durch Schwefelwasserstoff und die schwärzliche oder bräunliche 
(atrabiläre) durch organische und mineralische Säuren und Al- 
kalien. Manche dieser Farbenveränderungen erfolgen ohne erheb- 
liche Gestaltveränderungen; andere, wie die der stärkeren chemi- 
schen Körper, unter schneller Zerstörung der Blutkörperchen. Da- 
bei ist es jedoch, namentlich auch für forensische Untersuchungen, 
von grosser Wichtigkeit, dass gerade kaustische Alkalien (Natron, 
Kali), concentrirt angewendet, die Blutkörperchen erhalten, wäh- 
rend, diluirt angewendet, sie dieselben schnell zerstören. — Die 
meisten Gestaltveränderungen erfolgen unter der Einwirkung von 
chemischen Lösungen, welche den Blutkörperchen Wasser entzie- 
hen; in Folge davon schrumpfen sie und erleiden sie eigenthüm- 
liche Gestaltsveränderungen, die sehr leicht Irrthümer herbeiführen 
können. Dies sind nicht unwichtige Verhältnisse, auf die ich des- 
halb noch mit ein paar Worten eingehen will. 

Wenn ein rothes Blutkörperchen dadurch einem Wasserverluste 
ausgesetzt ist, dass eine stärker concentrirte Flüssigkeit auf das- 
selbe einwirkt, so bemerkt man zuerst, dass in dem Maasse, als 
Flüssigkeit exosmotisch austritt, an der Oberfläche des Körper- 
chens kleine Hervorragungen entstehen, welche anfangs sehr zer- 
streut liegen, sich bald an dem Rande, bald auf der Fläche finden 
und im letzteren Falle zuweilen täuschend einem Kerne ähnlich 
sehen (Fig. Gl, ^, /). Dies ist die Quelle für die irrthümliche 
Annahme von Kernen, welche man so viel beschrieben hat. Beob- 
achtet man ein Blutkörperchen unter Einwirkung concentrirter 
Medien längere Zeit, so treten immer mehr Höcker hervor und 
das Körperchen wird in seinem Flächendurchmesser kleiner. Da- 
bei bilden sich immer deutlicher kleine Falten und Höcker an der 
Oberfläche: das Körperchen wird zackig, sternförmig, eckig (Fig. 
Gl, ff). Solche zackigen Köq)er sieht man jeden Augenblick, wenn 
man Blut untersucht, welches eine Zeit lang an der Luft gewesen 
ist. Denn schon die blosse Verdunstung erzeugt diese Verände- 
rung. Sehr schnell können wir sie hervorbringen, wenn wir die 



Gcstaltveränderungen der rotben Blutkörperchen. 175 

Mischnng des Semms durch Zusatz vdn Salz oder Zucl^er ändern. 
Dauert die Wasser-Entziehung fort, so verkleinert sich das Kör- 
perchen noch mehr; endlich wird es wieder rund und glatt (Fig. 
Gl, /*), vollkommen sphärisch, und zugleich erscheint seine Farbe 
viel saturirter; der Inhalt sieht ganz dunkel schwarzroth aus. Es 
lässt sich daraus eine nicht uninteressante Thatsache erschliessen, 
nehmlich die, dass die Exosmose wesentlich eine Wasser-Eatzie- 
hung ist, wobei vielleicht dieser oder jener andere Stoff, z. B. Salz, 
mit austritt, wobei aber die wesentlichen Bestandtheile zurück- 
bleiben können. Das Hämoglobin insbesondere folgt dem Wasser 
nicht; das Blutkörperchen hält dasselbe zurück, so dass in dem 
Maasse, als viel Flüssigkeit verloren geht, natürlich das Hämoglo- 
bin im Innern dichter werden muss. 

umgekehrt verhält es sich, wenn wir diluirte Flüssigkeiten 
anwenden. Je mehr die Flüssigkeit verdünnt wird, um so mehr 
vergrössert sich das Blutkörperchen: es quillt auf und wird blas- 
sen Behandeln wir die unter der Einwirkung concentrirter Flüs- 
sigkeiten verkleinerten Blutkörperchen mit gewöhnlichem Wasser, 
so sehen wir, mo die kuglige Form wieder in die eckige und 
diese in die scheibenförmige zurückgeht, wie das Blutkörperchen 
sich sodann immer mehr wölbt, sich oft ganz sonderbar gestaltet, 
und wieder blasser wird. Diese Einwirkung kann man, wenn man 
die Verdünnung des Blutes recht vorsichtig eintreten lässt, so weit 
treiben, dass die Blutkörperchen kaum noch gefärbt erscheinen, 
während sie doch noch sichtbar bleiben. In den gewöhnlichen 
Fällen, wo man viel Flüssigkeit auf einmal zusetzt, wird in der 
EinrichtuDg des Blutkörperchens eine so grosse Revolution her- 
vorgebracht, dass alsbald ein Entweichen des Hämoglobins aus 
dem Körperchen stattfindet. Wir bekommen dann ausserhalb der 
Blutkörperchen eine rothe Lösung, in welcher die Farbe frei an 
der Flüssigkeit haftet. Ich hebe diese Eigenthümlichkcit deshalb 
hervor, weil sie bei mikroskopischen Untersuchungen immerfort 
vorkommt, und weil sie eine der merkwürdigsten Erscheinungen 
bei der Bildung pathologischer Pigmentirungen erklärt, wo wir ein 
ganz ähnliches Entweichen des gefärbten Inhaltes aus den Blut- 
körperchen antreffen (Fig. 63, a). Gewöhnlich drückt man sich 
80 aus, das Blutkörperchen werde aufgelöst, allein es ist eine 
schon längst bekannte Thatsache, welche zuerst von Carl Hein- 
rich Schultz erkannt wurde, dass, wenn auch scheinbar gar 



176 Achtes Capitel. 

keine Blutkörperchen mehr in der Flüssigkeit vorhanden sind, man 
durch Zufügen von Jodwasser die Membranen wieder deutlich 
machen kann. Aus dieser Erfahrung geht hervor, dass nur der 
Grad der Aufblähung und die ausserordentliche Verdünnung der 
Häute das Sichtbarwerden der Blutkörperchen gehindert hat. Es 
bedarf schon sehr stürmischer Einwirkungen durch chemisch dif- 
ferente Stoffe, um ein wirkliches Zugrundegehen der Blutkörper- 
chen zu Stande zu bringen. Setzt man unmittelbar, nachdem man 
die Blutkörperchen mit ganz concentrirter Salzlösung behandelt 
hat, Wasser in grosser Menge hinzu, so kann man es dahin brin- 
gen, dass man den Blutkörperchen, ohne dass sie aufquellen, den 
Inhalt entzieht, und dass die Membranen oder die Stromata sicht- 
bar zurückbleiben. Dies ist der Grund gewesen, weshalb Denis 
und Lecanu davon gesprochen haben, dass die Blutkörper Fibrin 
enthielten ; sie haben geglaubt, indem sie die Körper erst mit Salz 
und dann mit Wasser behandelten, Fibrin aus ihnen darstellen zu 
können. Dieses sogenannte Fibrin ist aber, wie ich gezeigt habe*), 
nichts Anderes, als eine Zusammenhäufung von Membranen oder, 
wie man jetzt sagen würde, von Stromata der Blutkörperchen, 
aber allerdings bestehen dieselben aus einer Substanz, die den 
eiweissartigen Stoffen verwandt ist und daher, wenn sie in gros- 
sen Haufen gewonnen wird, Erscheinungen darbieten kann, die an 
Fibrin erinnern. Ob im üebrigen die rothen Blutkörperchen, wie 
neuerlich wieder Heynsius gefunden zu haben glaubt, wirkli- 
ches coagulables Fibrin enthalten, ist eine andere Frage, da 
sie sich nicht an die Rückstände zersetzter Blutköiperchen an- 
knüpft. 

Was nun die Inhaltssubstanzen der Blutkörperchen anbetrifft, 
so haben gerade sie in der neueren Zeit ein erhöhtes Interesse 
gewonnen durch die mehr morphologischen Produkte, welche ans 
ihnen hervorgehen, und welche in die ganze Anschauung von der 
Natur der organischen Stoffe eine Art von Umwälzung gebracht 
haben. Es handelt sich hier namentlich um eigenthümliche ge- 
färbte Erystalle, die unter gewissen Verhältnissen aus dem Blut- 
farbstoffe entstehen, und durch deren Beobachtung zuerst die An- 
sicht von der Nichtkrystallisirbarkeit der eiweissartigen Stoffe wider- 



*) ZeiUcbrift für rationelle Medicin. 1846. Bd. IV. S. 281. Gesammelt« 
Abhandl. S. 88. 



H&matoidin. 177 

legt worden ist. Sie besitzen fibrigens nicht bloss ein grosses chemi- 
sches, sondern auch ein sehr erhebliches praktisches Interesse. Wir 
kennen bis jetzt schon drei verschiedene Arten von gefärbten 
Krystallen, iur welche das Hämoglobin gemeinschaftliche 
Quelle ist. 

Der ersten Form, welche ich zuerst genauer kennen lehrte, 
habe ich den Namen Hämatoidin gegeben*). Es ist dies 
eins der häufigsten Um wandlungs - Produkte , wel- 
ches innerhalb des Körpers spontan aus Hämatin ^^' **• 
entsteht, und zwar oft so massenhaft, dass man 0j 

es mit blossem Auge wahrnehmen kann. Seine ^^ Ji 

Krystalle erscheinen in ihrer ausgebildeten Form ^^^»^ 
als schiefe rhombische Säulen von schön gelbrother, ^^ ^ 
bei dickeren Stücken von intensiv rubinrother Farbe; 
sie stellen eine der schönsten Krystallformen dar, die wir über- 
haupt kennen. Auch in kleinen Tafeln finden sie sich nicht sel- 
ten, manchmal ziemlich ähnlich den Formen der Harnsäure. In 
der Mehrzahl der Fälle sind die Krystalle sehr klein, nicht bloss 
makroskopisch unerkennbar, sondern selbst für die mikroskopische 
Betrachtung etwas difBcil. Man muss ein scharfer Beobachter oder 
speciell darauf vorbereitet sein, sonst bemerkt man häufig nicht« 
weiter an den Stellen, wo dieses feine Hämatoidin liegt, als eckige 
Kömer oder kleine Striche oder scheinbar gestaltlose Klümpehen. 
Erst wenn man genauer zusieht, lösen sich die Kömer oder Striche 
in kurze rhombische Säulen, die Klümpehen in Aggegrate von 
Krystallen auf. 

Das Hämatoidin kann als das regelmässige typische Endglied 
der Umbildungen des Hämatins an Stellen des Körpers betrachtet 
werden, wo grössere Mengen von Blut liegen bleiben (stagniren). 
Ein apoplectischer Heerd des Gehirns heilt in der Regel so, dass 
ein grosser Theil des Blutes in diese Krystallisation übergeht, und 
wenn wir vielleicht 10 Jahre nachher bei der Autopsie eine ge- 
färbte Narbe an dieser Stelle finden, so können wir fast mit Ge- 
wissheit darauf rechnen, dass die Farbe von Hämatoidin abhängt. 
Wenn eine junge Dame menstmirt imd die Höhle des Graafschen 



Fi^. 62. Hämatoidin -Krystalle in verschiedenen Formen (Archiv f. patli. 
Anat Bd. I. Taf. lU. Fig. 11). Vergr. 300. 

^ Archiv f. path. Anatomie und Physiol. 1847. I. 391. 

Virchow, C«naUr-Pfttbol. i. Anfl. 12 



Achtes Capitel. 

Fi(. U. 



Follikels, aas welchem das Ei aasgetreten ist, sich mit coagnlir- 
tPin Blatc füllte so geht daa Üämatio 8ilDiäbli<!h in HämatoidiD über, 
nnd wir treflbn xpäter an der Stelle, wo das Ei gelegen war, einen 
mennig- oder zinDoberfarbenen Fleck, als letztes Denkmal des Er- 
eignisses. Anf diese ^Veise künnen wir rückwärts die Zahl der 
apoplectiscben Anßlle zäbleo, oder berechnen, wie oft ein jnnges 
Mädchen menstmirt war. Jede Estravasation kann ihr kleines 
Coiitingent von Hämatoidin-Erystallen zurücklassen, nnd diese, 
wenn sie einmal gebildet sind, bleiben als vollständig widerstands- 
ßlbige, compacte Körper im loDem der Organe beliebig lange Zeit 
liegen. 

Theoretisch besitzt das Hämatoidln noch ein besonderes In- 
teresse dadnrch, dass es eine Reihe von Eigenschaften darbietet, 
welche es als den einzigen, bis jetzt bekannten, mit dem Gallen- 
farbstofTe (Cholepyrrhin, Bilimbin) verwandten Stoff im Efirper 
erscheinea lassen. Dnrch direkte Bchandlong mit Uineralsänren 
oder nach vorherigem Behandeln and Anfscbliessen desselben ver- 
mittelst AlkaUen bekommt man dieselbe oder eine ganz ähnliche 
Reihe der schönsten Farben-Veränderangen, wie man sie dorch 
fiehaadlnng mit Salpetersäure an dem GallenfarbstofT erzielt. An- 
dererseits lässt sich durch Chloroform aus der Galle ein krystal- 
lisirbarer Farbstoff extrahiren, welcher die grösste Uebereinstimmung 



Vig. G3. rii;iiieiit aus einer apoplectistbcn Narl« des Uehirni (Archiv 
Bd. 1. S 401. 454. Taf. lU. Fi^. T|. n in der Enterbung begriffene, k>>ni\g 
l^eiiordcne Blulkürperchen. b Zellen der Neu ro); IIa, zum Theil niil kömigeiD uoil 
krf^tatlini^chem Pierneni versehen, c ri^'neailömer. d Hämatoidin-Krystoll«. 
/ Terr<ile[eit (ierä^i, sein altes Lumen mit kümigem und kryitulliniarbem rothen 
Pi^^ineiit erfüilt. ^'erg^. 300. 



Hämin. 1 79 

mit dem Hämatoidin darbietet. Man kann daher nicht zweifeln, 
dass das letztere mit GallenfarbstoiF sehr nahe verwandt ist. Da 
man anch ans anderen Gründen yermnthen mnss, dass die gefärbten 
Tbeile der Galle Umsetznngsprodnkte des Blntroths sind, so ist 
mit dem von mir nachgewiesenen pathologischen Vorgänge zugleich 
eine wichtige Anfklämng für einen der bedeutendsten Secretions- 
Vorgänge des Körpers geliefert, und manche dunkle Beobachtung 
der Vorzeit in ein neues Licht gestellt. Wenn im Innern von 
Extravasaten eine gelblich-rothe Substanz entsteht, welche man 
wirklich als eine neugebildete Art von Gallenfarbstoif bezeichnen 
kann, so versteht man leicht jene sonderbaren Farbenhöfe um 
gequetschte und ekchymotische Stellen, jene eigenthümlichen gelb- 
lichen und bräunlichen Färbungen alter Blutmassen, welche den 
Grund zu der antiken Lehre von der Atra bilis und den me- 
lancholischen Processen abgegeben haben. 

Die zweite Art von Krystallen, welche aus Hämoglobin her- 
vorgehen, wurde später entdeckt; sie sind denen des Hämatoidins 



Pif. 64. 

4» .Jlt_ ^ 







sehr ähnlich, unterscheiden sich aber dadurch, dass sie nicht 
als spontanes Produkt im Körper vorkommen, sondern künstlich 
dargestellt werden müssen. Sie haben eine mehr dnnkel bräun- 
liche Farbe, stellen gewöhnlich platte rhombische Tafeln mit 
spitzeren Winkeln dar, sind gegen Reagentien ausserordentlich 
widerstandsfähig und zeigen bei der Einwirkung der Mineral- 
säuren den eigenthümlichen Farben Wechsel nicht, welcher das 
Hämatoidin charakterisirt. Sie haben von ihrem Entdecker, 
Teichmann, den Namen des Hämin's bekommen, doch ist 
er in der neuesten Zeit selbst darüber zweifelhaft geworden, 
ob es nicht eine Art von Hämatin selbst (salzsaures Hämatin) 



Fi|;^. 64. Ilämiii-Kry stalle, künstlich aus menschlicbem Blute dargestellt. 
Vergr. 300. 

12* 



180 Achtes Gapitel. 

sei. Pathologisch hat das Hämin bis jetzt gar kein Interesse, 
dagegen hat es eine sehr grosse Bedentung gewonnen ffir die ge- 
richtliche Medicin dadurch, dass die Herstellnng seiner Krystalle 
in der letzten Zeit als eines der sichersten Mittel für die Erken- 
nung von Blutflecken angewendet worden ist. Ich selbst bin in 
forensischen Fällen in der Lage gewesen, solche Proben mit sehr 
entscheidendem Erfolge zu machen. Zu diesem Zwecke mengt 
man am besten getrocknetes Blut in möglichst dichtem Zustande 
mit trockenem, krystallisirtem und gepulvertem Kochsalz, bringt 
dann auf diese trockene Mischung Eisessig (Acetum glaciale) und 
dampft bei Eochhitze ab. Ist dies geschehen, so findet man da, 
wo vorher die Blutreste oder die zweifelhafte hämatinhaltige Sub- 
stanz waren, die Häminkrystalle. Es ist dies eine Reaction, die 
mit zu den sichersten und zuverlässigsten gehört, die wir über- 
haupt kennen. Denn es ist keine andere Substanz bekannt, welche 
eine solche Umbildung erleidet, als das Hämatin. Diese Probe 
ist ferner deshalb ausserordentlich wichtig, weil sie auch auf ganz 
minimale Mengen anwendbar ist; nur darf die Menge nicht über 
eine zu grosse Fläche verbreitet sein. Die Probe würde also nur 
schwer anwendbar sein, wenn es sich um ein Tuch handelte, wel- 
ches in eine dünne, wässerige, mit Blut gefärbte Flüssigkeit ge- 
taucht war. Aber ich habe an dem Rocke eines Ermordeten, an 
dessen Aermel Blut gespritzt war, und wo einzelne Blutstropfen 
nur eine Linie im Durchmesser hatten, aus solchen Flecken noch 
zahllose Häminkrystalle darstellen können, natürlich mikrosko- 
pische*). In Fällen, wo die gewöhnliche chemische Probe wegen 
der geringen Menge absolut fehlschlagen mfisste, sind wir noch 
im Stande, Hämin zu gewinnen. Bei so wenig Masse ist die 
Grösse der Krystalle freilich auch nur sehr geringfügig; wir finden 
dann, wie beim Hämatoidin, kleine, mit spitzen Winkeln versebene, 
intensiv braun gefärbte Nadeln. 

Die dritte Substanz, welche in diese Reihe hineingehört, ist 
das früher sogenannte Hämatokrystallin, über dessen Ent- 
deckung die Gelehrten streiten, weil es eben stückweis gefunden 
worden ist. Die erste Beobachtung darüber ist von Reichert 
an Extravasaten im Uterus des Meerschweinchens gemacht, in 
einem Präparate, das, wie ich denke, schon in Spiritus gelegen 



•) ArchiT t path. An*t u. Phyeiol. 1857. XU. 337. 



Hämatokrystallin. Igl 

hatte. Seine Beobacbtimg wurde besonders dadurch bedentnngs- 
YoU, dass er an diesen Erystallen nachwies, dass sie sich in ge- 
wisser Beziehung wie gewöhnliche eiweissartige Substanzen ver- 
hielten, indem sie unter der Wirkung gewisser Agentien grösser, 
unter der anderer kleiner würden, ohne dabei ihre Form zu ver- 
ändern, — eine Erscheinung, welche man bis dahin an Erystallen 
noch nicht kannte. Später sind diese Erystalle wieder entdeckt 
worden von EöUiker; Funke, Eunde und namentlich Leh- 
mann haben sie genauer imtersucht. Es hat sich herausgestellt, 
dass bei verschiedenen Thierklassen dieselben sehr verschieden sind, 
indessen hat sich bis jetzt ein bestimmter Grund dafür und eine 
Ansicht über die Gonstanz ihrer Zusammensetzung nicht gewinnen 
lassen. Beim Menschen sind es ziemlich grosse Erystalle. Man 
hat anfangs geglaubt, sie kämen nur an dem Blute gewisser Or- 
gane, namentlich der Milz, vor, allein es hat sich ergeben, dass 
sie aus jedem Blute, nur in gewissen Erankheits - Prozessen 
leichter, gewonnen werden können. In einzelnen sehr seltenen 
FäUen kommt es vor, dass man sie im Blut von Thier- Leichen 
schon gebildet findet. Diese Erystalle sind sehr leicht zerstörbar; 
sowohl wenn sie eintrocknen, sds wenn sie feucht oder durch ir- 
gend ein flüssiges Medium berührt werden, gehen sie zu Grunde; 
man beobachtet sie daher nur in gewissen Uebergangsstadien, 
welche gerade getroifen werden müssen, bei der Zerstörung von 
Blutkörperchen. Die gut ausgebildeten Formen beim Menschen 
bilden vollkommen rechtwinklige Tafeln oder Säulen; aber sehr 
oft sind sie äusserst klein und man sieht nur einfache Spiesse, 
welche in grossen Massen an gewissen Stellen in das Object hin- 
einschiessen. Dabei haben sie die Eigenthümlichkeit, dass sie sich 
immer noch verhalten, wie das Hämatin selbst, indem sie durch 
SauerstoiF hellroth, durch Eohlensäure dunkelroth werden. Lange 
stritt man darüber, ob die ganze Masse der Erystalle aus Farb- 
stoff bestehe, oder ob der Farbstoff nur eine Tränkung an sich 
farbloser Erystalle bilde; gegenwärtig ist man darin übereinge- 
kommen, das Hämatokrystallin als identisch mit dem Hämoglobin 
anzuerkennen. Es versteht sich demnach für die Beurtheilung der 
Erystalle von selbst, dass die Farbe durchaus charakteristisch ist, 
und dass sie mit der gewöhnlichen Blutfarbe unmittelbar zusam- 
menfiült. 

Eehren wir jetzt zu den natürlichen morphologischen Ele- 



182 Achtes Capitel. 

menten des Blutes zurück, so treifen wir als fernereo Bestand- 
theil die farblosen Körperchen [Lymphkörperchen des Blutes, 
Leukocyten Robin's]*). Sie kommen im Blute des gesunden 
Menschen in verhältnissmässig kleiner Zahl vor. Man rechnet un- 
gefähr auf 300 rothe Eörpercben 1 farbloses. Wie sie sich gewöhn- 
lich im Blute finden, stellen sie spiiärische Eörperchen dar, welche 
in der Regel etwas grösser, zuweilen etwas kleiner oder auch eben 
so gross, wie die rothen Blutkörperchen sind, von denen sie sich 
aber auffallend durch den Mangel jeder Färbung und durch ihre 
vollkommen kugelige Gestalt unterscheiden. In einem Blutstropfen, 
Fif. 6S. der zur Ruhe gelangt, pflegen sich die 

•O ' ®/6^ -^ rothen Körperchen in Reihen von der 

''®@®(^ ©Q bekannten Form der Geldrollen, mit 
^®^®@<@ &l ihren flachen Scheiben an einander, 

^%3 zusammenzulegen (Fig. 61, d.); in 

den Zwischenräumen derselben be- 
merkt man hier und da ein blasses sphärisches Gebilde, an dem 
man zunächst, wenn das Blut ganz frisch ist, nichts weiter er- 
kennen kann, als eine leicht höckerig oder uneben aussehende 
Oberfläche. Lässt man Wasser hinzutreten, so sieht man, dass 
das Körperchen aufquillt; in dem Maasse, als es mehr Wasser 
aufnimmt, erscheint zuerst deutlich eine Membran, dann sieht man 
einen allmählich klarer hervortretenden körnigen Inhalt und zuletzt 
einen oder mehrere Kerne. Die scheinbar homogene Kugel ver- 
wandelt sich auf diese Art nach und nach in ein zartwandiges, 
oft so brüchiges Gebilde, dass bei unvorsichtiger Einwirkung des 
Wassers die äusseren Theile anfangen zu zerfallen oder geradezu 
bersten und im Innern ein leicht körniger Inhalt erkennbar wird, 
welcher sich mehr und mehr lockert und innerhalb dessen ein 
einziger, gewöhnlich in der Theilung begriffener oder mehrere 
Kerne erscheinen. Das Sichtbarwerden der letzteren ist viel schnel- 
ler zu erlangen, wenn man das Object mit Essigsäure behandelt. 



Fi^. 65. Farblose Blutkörperchen aus einer Vena arachnoidealis eines Gei- 
steskranken. A. Frisch, a in ihrer natürlichen Flüssigkeit, 6 in Wasser unter- 
sucht. B. Nach Behandlung mit Essigsäure : o — r einkernige, mit immer grösse- 
rem, granulirtem und »(hliesslich nucleolirtem Kern, d einfache Kemtheilung. 
e weitere Kerntheilung. /— A Dreitheilung des Kerns in allm&hligem Fortschreiten, 
r — k vier und mehr Kerne. Vergr. 280. 

*) Gesammelte Abhandlungen. S. 212. 



Farblose Blutkörpcrcheu. 183 

welche die Membran darehscbeiDend macht, den trüben Inhalt 
klärt und den Kern gerinnen und schrumpfen lässt. Die Kerne 
erscheinen dann als scharf und dunkel contourirte Körper, seltener 
einfach, meist mehrfach, je nach den Umständen. Kurz, wir be- 
kommen in der Mehrzahl der Fälle auf diese Weise ein Object zu 
sehen, wie es 6 fiter bock zuerst als die gewöhnliche Erscheinung 
der Eiterkörperchen kennen gelehrt hat. 

Die Frage von der Aehnlichkeit oder Unähnlickeit der farb- 
losen Blutkörperchen mit den Eiterkörperchen beschäftigt noch 
inmierfort die Beobachter, und die Ansichten über die Beziehung 
der farblosen Blutkörperchen zu der Pyämie und zu der Pyogene- 
sis werden wahrscheinlich noch eine Reihe von Jahren gebrauchen, 
ehe sie so weit geklärt sind, dass nicht immer wieder einseitige 
Rückfälle eintreten. Es ist nehmlich allerdings sehr trügerisch, 
dass man in manchem Blut Körperchen findet, welche nur einen 
einzigen, und zwar grossen, nicht selten mit einem Kernkörper- 
chen versehenen Kern haben, während man in anderem Blut nur 
mehrkernige Körperchen antriift. Da nun diese letzteren die grösstc 
Aehnlichkeit mit Eiterkörperchen haben, so ist es solchen Beob- 
achtern, welche durch Zufall früher im normalen Blut nur einker- 
nige Körperchen getroffen hatten, nicht zu verdenken, wenn sie in 
einem neuen Falle, wo sie mehrkernige sehen, glauben, sie hätten 
etwas wesentlich Anderes vor sich, nehmlich Eiterkörperchen im 
Blute, und es handle sich um Pyämie. Allein sonderbarer Weise bil- 
den die einkernigen die Ausnahme und man kann lange suchen, ehe 
man ein Blut findet, wo alle Körperchen nur einen Kern besitzen. 
Das nebenstehende Object (Fig. 6ü) ist von einem 
Blute, in welchem fast lauter einkernige Elemente und ^^^' ^* 
zwar in überaus grosser Menge existirten ; es fand sich (g)^ ^ 
bei einem Manne, welcher an den Blattern gestorben i@®^Ji^ 
war, und bei welchem zugleich eine höchst auffällige ^^ 

acute Hyperplasie der Bronchialdrüsen bestand. 

Nun könnte man glauben, dass dies wesentlich verschiedene 
Qualitäten von Blut seien. Dagegen muss bemerkt werden, dass 
allerdings in den Fällen, wo die eine oder andere Art von farb- 



Fi<r. G6. Farblose Blutkörperchen bei varioloser Leukocytose. a freie oder 
nackte Kerne. 6, b farblose Zellen mit kleinen, einfachen Kernen, c grössere, 
farblose Zellen mit grossen Kernen und Kemkörperchen. Vergr. 300. 



Ig4 Achtes Capitel. 

losen Zellen massenhaft existirt, man eine pathologische Erschei- 
nung vor sich hat, w&hrend bei geringer Zahl derselben nur ein 
früheres oder späteres Entwickelungsstadiam der Elemente vor- 
liegt. Denn ein mid dasselbe Blutkörperchen kann im Verlaufe 
seiner Lebensgeschichte einen und mehrere Kerne haben, indem 
der einfache in ein früheres, die mehrfachen in ein späteres Le- 
bensstadium fallen. Bei demselben Individuum sieht man in kurzer 
Zeit, oft schon in Stunden den Wechsel eintreten, so dass in einem 
Blute, welches vorher nur einkernige Eörperchen hatte, sich später 
mehrkemige finden, — ein Beweis von der raschen Veränderung, 
welcher diese Gebilde unterworfen sind*). — 

Nachdem wir so die verschiedenen festen Bestandtheile kurz 
gemustert haben, welche sich in dem geronnenen Blute finden, 
haben wir noch einige Worte hinzuzufageu in Beziehung auf die 
gröberen Verhältnisse, welche sie unter einander darbieten. Ge- 
wöhnlich nimmt man an, dass von den morphotischen Bestand- 
theilen nur zwei der groben Beobachtung mit blossem Auge zu- 
gänglich werden, nehrolich die rothen Blutkörperchen, als Haupt- 
bestandtheil des Cruors, und das Fibrin, welches bei Gelegenheit 
eine Speckhaut bilden kann, dass dagegen die farblosen Elemente 
ohne besondere Hülfsmittel in keiner Weise wahrzunehmen seien. 
Dies ist eine Vorstellung, welche noth wendig berichtigt werden 

muss. Die farblosen Körper machen 
Fig. 67. sich, wo sie in grösserer Menge vor- 

handen sind, für das geübtere Auge 
bei der Trennung der Blutbestand- 
theile, namentlich wenn während der 
Gerinnung Bewegung vorhanden ist, 
sehr deutlich geltend; sie zeigen eine 
Eigenthümlichkeit, die man insbeson- 
dere kennen muss, wenn es sich um 
die Kritik des Leichenbefundes han- 





F i ^. 67. A Fibringerinnsel aus der Lungenarterie, den End&aten derselben 
entsprechend, bei a, a mit grösseren Platten von leukocyto tischen Haufen besetzt, 
bei 6, bf b mit analogen Körnern. Natürliche Grösse. 

B, Ein Stack eines solchen Korns oder Haufens, ans dichtgedrängten farb- 
losen Blutkörperchen bestehend. Vergr. 280. 

*) Med. Zeitung des Vereins für Heilkunde in Preussen. 1846. No. 35. 
Gesammelte Abhandl. S. 162, sowie 650. 



Klebrigkeit der farblosen Blutkörperfheu. Ig5 

delt, und deren Nichtkenotnias zu grossen Irrthümem geführt hat. 
Sie besitzen nehmlich, wie dies schon in den älteren DiscQSsionen 
zn Tage getreten ist, welche Ascherson mit £.11. Weber -ge- 
habt hat, eise besondere Elebrigkeit (Viscosität), so dass sie mit 
Leichtigkeit an eioander haften, sich anch onter Umständen an 
anderen Theilen festsetzen, wo die rothen Eßrperchen diese Er- 
scheinung nicht darbieten. Die iN^eignng, an anderen Tbeilen an- 
zokleben, ist besonders dann sehr dentlicb, wecn zugleich ihrer 
mehrere nnter einander in die Lage kommen, gegenseitig mit 
einander zu verkleben. So geschiebt es aassorordentlicb leicbt, 
dasB in einem Blnte, in welchem an sich eine Vermehrnng an 
farblosen ESrpern besteht, Agglutinationen derselben vor sich ge- 
hen, sobald der Druck, unter welchem das Blut fliesst, nacblässt; 
in jedem Geisse, wo sich die StrOmuug verlangsamt, wo eine 
AbschwächuDg des Druckes stattfindet, kann eine solche Aggluti- 
natioD der Efirperchen geschehen*). 

Die Rlebrigkeit der farblosen Blutkörperchen hat überdies 
den Effect, dass, wieA^cberson dargethan hat, bei der gewöhn- 
lichen StrOmung des Blutes durch die Gapillargeßsse die farblosen 
Edrperchen sich gewöhnlich etwas langsamer fortbew^en, als die 
rothen, und dass, während die rothen mehr im 
Centnun des Capillargeßsses in einem continuirlichen ^<*- ^' 
Strome schwimmen, am Umfange ein verhältniss- 
mäesig grosser Raum bleibt, innerhalb dessen sich 
die farblosen Körperehen, und zwar oft so ans- 
schliesslicb, bewegen, dass Weber zu dem Schlüsse 
kam, ea stecke jedes Capillargefäss in einem Lymph- 
gefässe, itmerbalb dessen die farblosen Blnt- oder 
LymphkOrpercben schwömmen. Allein es kann dar- 
&ber gar kein Zweifel sein, dass es sich meist um 
einfache Kanäle bandelt, in welchen die farblosen 
EOrperchen den Wandungen näher liegen, als die 
rothen. Hier ist es, wo man, während die Hauptmasse der Kör- 
perchen sich fortbewegt, einzelne für einen Augenblick festsitzen, 

Fig. 68. Capillargefäaa ans der Froschschwimmhaut. r der centrale Strom 
der rotben KÜrperchen. I, I, l die träge, peripberische Schicht des Blutttrones 
mit den farblosen Blutkörperchen. Ver^. 300- 

*) Ked. Zeitung des Vereins für Heilkunde in Prenisen. 1847. No. 4. Ge- 
sammelle Abband). S. 163. 



186 Achtes Capitel 

dann sich losreissen uod wieder langsam fortgehen sieht, so da^^s 
der Name der trägen Schicht für diesen Theil des Biutstromes 
ein vollkommen recipirter geworden ist. 

Diese beiden Eigenthümliehkeiten, dass bei einer Abschwä- 
cbung des Blutstromes die Körperchen an den Wandungen des 
Gefässes stellenweise haften bleiben, gewissermaassen an ihnen 
ankleben, und dass sie unter einander zu grösseren Klumpen sich 
zusammenballen, haben zusammen die Wirkung, dass, wenn im 
Blute viele farblose Körper vorhanden sind und der Tod, wie in 
den gewöhnlichen Fällen, unter einer allmählichen Abschwächung 
der Triebkraft erfolgt, in den verschiedensten Gefässen die farb- 
losen Körper sich zu kleinen Haufen zusammenballen und in der 
Kegel am Umfange des späteren Blutgerinnsels liegen bleiben. 

Ziehen wir z. B. aus der Lungenarterie den gewöhnlich sehr 
derben Blutstrang heraus, welcher ihr Anfangsstück erfüllt, so 
kann es sein, dass an seiner Oberfläche kleine Körner (Fig. 07, .4) 
sitzen, Knöpfchen von weisser Farbe, welche aussehen, wie ein- 
zelne £iterpunkte, oder welche gar zu itiehreren perlschnurartig 
zusammonbäDgen. Dieses Vorkommen ist am häufigsten an den- 
jenigen Orten des Gefässsystems, wo die Zahl der Körper an sich 
am grössteu ist, daher insbesondere in der Strecke zwischen der 
Einmündung des Ductus thoracicus und den Lungencapillaren. 
Ziemlich leicht vermag das blosse Auge an dem Abscheiden dieser 
Massen das mehr oder weniger reichliche Vorkommen der farb- 
losen Körperchen zu erkennen. Unter Umständen, wo die Zahl 
derselben sehr gross wird, sieht man auch wohl ganze Häufchen, 
die wie eine Scheide einzelne Abschnitte des Gerinnsels umlagern. 
Bringt man ein solches Häufchen unter das Mikroskop, so sieht 
man viele Tausende von farblosen Körpern zusammen. 

Erfolgt die Gerinnung des Blutes, während dasselbe in Ruhe 
ist, so tritt eine andere Erscheinung sehr deutlich hervor, wie 
man sie in Aderlass-Gefässen sehen kann. Gerinnt der Faserstoff 
nicht sehr schnell oder geradezu langsam, wie bei entzündlichem 
Blute, so fangen innerhalb der ruhenden Blutflüssigkeit die Blut- 
körperchen an, sich vermöge ihrer Schwere zu senken. Diese 
Sedimentirung geht bekanntlich so weit, dass, wenn man frisch 
gelassenes Blut durch Quirlen seines Faserstoifes beraubt (defi- 
brinirt), oder durch Zusatz von Mittelsalzen die Gerinnung hindert 
oder wenigstens sehr verlangsamt, die Flüssigkeit nach und nach 



Speckbaut des Blulcs. 187 

vollkommeD klar wird, indem die Rdrpercfaeu za Bodea ftillen. 
Weaa wir ein an farblosen Blutkörperchen reiches Blat defibriniren 
und stehen lassen, so bildet sich ein doppeltes Sediment, ein 
rotbes und ein weisses. Das rothe bildet das tiefste, das weisse 
das höhere Stratam; letzteres siebt vollständig so ans, wie wenn 
eine Lage von Eiter über dem Blnte läge. Wird das Blat nicht 
defibrinirt, gerinnt e» aber langsam, dann kommt die Seoknng 
nicht voUstAndig za Stande, sondern es wird nnr der höchste Theil 
der BlatRässigkeit von Eörperchen frei; wenn dann späterhin der 
FaserstofT gerinnt, so zeigt sich die bekannte Grosta phlogistica, 
die Speckhaat, and wenn wir nach den farblosen Blntkörper* 
eben Sachen, so finden wir sie als eine besondere Schicht an der 
aoteren Grenze der Speckhaat. Diese Besoaderbeit erklärt sich 
einfach aas dem verschiedenen specifischen Gewichte, welches die 
beiden Arten von BlntkOrperchen haben. Die farblosen sind immer 
leichte, an fester Snbstanz arme, sehr zarte Gebilde, während die 
rothen ein relativ bleiernes Gewicht haben dnrch ihren grossen 
Gehalt an Hämoglobin. Sie erreichen daher verhältnissmässig sehr 
schnell den Boden, während die farblosen noch im Fallen begriffen 
sind. Wenn man zwei verschieden si-hwere Snbstanzen frei in der 
Luft hernnterbllen lässt, so kommen ja 
auch bei genügender Höhe wegen des "«■ *'■ 

Widerstandes der Lnft die leichteren Kör- -^ 

per später am Boden an. 

In der Regel bildet bei der Gerinnung 
im Aderlassblate der weisse Cmor nicht 
eine continairliche, sondern eine unter- 
brochene Lage, in der Weise, dass an der 
unteren Seite der Speckhant kleine Häuf- 
chen oder Knötchen haften'). Daher hat 
Piorry, welcher zuerst diese Beobachtung 
machte, aber sie ganz falsch deutete, in- x ^ — —- =s 



Fig. ET. Scbema eines AdcrlassEcßsses mit f^eronnenem hyperinotlsi 
Blute. □ das Niveau der BlutAüssiekeit; c die berhcrföriDiKe Speckhaul, i 
Ljmphschicht ICruor lymphsticu», Crusla Kranuloaa) mit den körniffen und o 
beerartigen Anhäufungeü der farhiosen KÖrperchen, r der rothe Cnior. 

*) Gesammelte Abband lungeu S. 1S3. 



188 Achtes Capitel. 

dem er sie auf eine Entzundnog des Blntes selbst (Haemitis) be- 
zog und darauf die Doctrin der Pyämie begründete, diese Form 
von Speckhant als Grusta granalosa s. tnberculosa bezeich- 
net. Sie bedeutet nichts weiter, als eine massenhafte und grup- 
penweise Anhäufung der farblosen Blutkörperchen (Crusta lym- 
phatica). 

Unter allen Verhältnissen gleicht diese Schicht dem Aussehen 
nach dem Eiter, und da nun, wie wir vorher gesehen haben, auch 
die einzelnen farblosen Blutkörperchen die Beschaffenheit von Eiter- 
körperchen haben*), so ist es leicht begreiflich, dass man nicht 
bloss bei einem gesunden Menschen in die Lage kommen kann, 
seine farbloseu Blutkörperchen für Eiterkörperchen zu halten, son- 
dern noch mehr bei Kranken, wo das Blut oder andere Theile 
voll von diesen Elementen sind. Die Frage, wie sie wiederholt 
aufgeworfen ist, liegt sehr nahe, ob die Eiterkörperchen nicht ein- 
fach extravasirte farblose Blutkörperchen seien, oder umgekehrt, 
ob die innerhalb der Glefässe gefundenen farblosen Blutkörperchen 
nicht von aussen her aufgenommene Eiterkörperchen seien. Bejaht 
man diese letztere Frage, so gelangt man auf dem hauptsächlich 
durch die französischen Autoren (Ribes, Yelpeau, Marächal) 
verfolgten Wege zu der Lehre von der Eiterresorption**). 
Nimmt man dagegen die erstere Auffassung an, so kommt man 
auf eine Anschauung, wie sie schon seit Hewson in der engli- 
schen Literatur sehr verbreitet ist: mit der „plastischen Lymphe^ 
treten auch „Lymphkörperchen^ aus. Diese Lehre von der 
Lymphexsudation ist namentlich durch W. Addison und 
Paget vertreten worden, und sie hat neuerlich in Beziehung 
auf die farblosen Eörperchen sichere thatsächliche Unterlagen 
erhalten. So sehr schwanken die herrschenden Lehrsätze. Wäh- 
rend vor kaum zwei Decennien jede aufiällige Vermehrung der 
farblosen Blutkörperchen im Blute den Verdacht, ja die zuver- 
sichtliche Annahme einer purulenten Infection erregte, so gilt jetzt 
jede ungewöhnliche Rundzelle an beliebiger Stelle des Körpers 
für ein farbloses Blutkörperchen, und wie es damals nöthig war, 
der unberechtigten Ausdehnung der Pyämie -Lehre entgegen zu 



*) Gesammelte Abhandlungen S. 653. 
**) Ebendas. S. 462, 640, 645. 




Lebenserscbemungen der farblosen Blutkörperchen. 189 

treten, 80 mnss man jetzt der nngemessenen Erweiterong der Lehre 
Ton der Lymphexsudation Schranken setzen. 

Allein die neuere Forschung hat auf diesem Felde überaus glfick- 
liche Erfolge gehabt, indem sie zu einer genaueren Beobachtung der 
Lebenserscheinungen der farblosen Blutkörperchen ge- 
führt hat. Schon Wharton Jones hatte spontane Gestaltverän- 
derungen dieser Gebilde beschrieben, wobei sie nach Art gewisser 
niederer pflanzlicher und thierischer Organismen Fortsätze aus sich 
hervortreiben und wieder zurückziehen. Weitere Untersuchungen 
haben bestätigt, dass in der That sehr lebhafte Bewegungen 
an den Eörpersubstanz der farblosen Blutkörperchen vorkom- 
men, die man in gewissem Sinne als Contractionen bezeichnen 
kann, wenngleich dieser Ausdruck, den wir bisher gewohnt wa- 
ren, nur auf die in ganz bestimmter Eichtung geschehende Zu- 
sammenziehung muskulöser Theile zu beziehen, leicht zu Miss- 
verständnissen Veranlassung geben kann. Häckel sah sodann 
die farblosen Blutkörperchen niederer Thiere Farbstoffkörperchen 
in sich aufnehmen; v. Recklinghausen wies dasselbe für die 
Wirbelthiere nach und lehrte damit ein wichtiges Mittel kennen, 
die Zellen durch Aufnahme von gefärbten Theilen gleichsam zu 
markiren. Endlich beobachteten Waller und Gohnheim die 
Auswanderung der farblosen Blutkörperchen aus den Gefässen 
lebender Thiere auf die Oberflächen und in die Gewebe der Um- 
gebung bei anhaltender Fixirung bestimmter Stellen unter dem 
Mikroskope. 

Auf diese Weise ist gerade an einer Art von Elementen, 
welche früher kanm der Aufmerksamkeit des Arztes werth er- 
schienen, eine Fülle der wichtigsten Lebensthätigkeiten , ja eine 
Freiheit und Selbständigkeit dieser Thäügkeiten dargethan wor- 
den, welche die farblosen Blutkörperchen zu einem der günstig- 
sten Objecto für die Demonstration vitaler Yorgäoge und zu- 
gleich zu einem der bedeutungsvoUsten Ausgangspunkte patholo- 
gischer Studien erheben. Als ich vor nunmehr 25 Jahren den 
Satz aussprach: „Ich vindicire für die farblosen Blutkörper- 
chen eine Stelle in der Pathologie^*), da hatte ich freilich noch 



*) Med. Zeitung des Vereins fnr Heilkunde in Preussen. 1846. September. 
No. 36. 



190 Achtes Capitel. 

keine AhnuDg von den weitaussehenden Conseqnenzen , welche 
sich an diesen Versuch geknfipft haben. Denn man kann schon 
jetzt sagen, dass die cellnlare Doctrin nirgends eine so unzweifel- 
hafte Bedeutung erlangt hat, als durch die immer zahlreicheren 
Erfahrungen über diese früher so vernachlässigten Gebilde. 



Neuntes Capitel. 

Blntbildnng und Lymphe. 



WerhAoI aad Rrsatf der BlatbcflUndtheile. Die rothen Kürperehen. HinrällfKkeit derselben. 
Theilnng derselben bei Embryonen. Zerbrurkelung bei ungünstigen Einwirkungen. Ersatz 
«04 der Lympbe. 

Dm Fibrin. Die Lymphe und ihre Gerinnung. Nichtgerinnnng des Capillarblntes in der Leicbe. 
Das lymphatisch« Exsudat. Fibrinogene Snbstant. 8peckhautbildung. Lymphatisches Blut, 
Hyperinose, phiogittischc Krase. Locale Pibrinbildung. Fibrintranssndatlon. Fibrinbüdnng 
im Blute. 

Die farblosen Blutkörperchen (LymphkSrperehen). Ihre Vermehrung bei Hyperlnose und 
Hypinos« (Erysipel, Psendoeryüipel , Typhus). Lenkocytose und Leukämie. Die lienale und 
lymphatische Leukimie. 

Mila- nnd Lymphdrüsen als h&matopoetische Organe. Stnictur der Lymphdrüsen. Rinden« 
and Marksnbstan«. Das eigentliche Parenchym derselben: Follikel (Markstrange), Reticulum, 
Lymphsinas. Varenchymtellen (Lymphdrüsenkorperchen) und ihr Verh&ltniss an Lymph- und 
farblosen Blutkörperchen. Diagnose and Abstammung der lettteren. — Bau der Miis. 8ieb< 
fSrmige Einrichtung der Qefisswinde in der Pulpa. — Umbildung farbloser Blutkörperchen 
in fftrbig«. Ort derselben. Das rothe Knochenmark. 

Lymphgefisse. Zusammenhang mit dem Rohrensystem des Bindegewebes. Bau der grösseren 
Lymphgeflsse: Contrsktllitit und Klappen derselben. Lymphcapiilaren (Lymphgefias- Wurzeln): 
einfache Epithel -Wand. Bedeutung der Bindegewebskorpercben und der Lymphe überhaupt. 
Recrementitielle und plastische Natur der Lymphe. 



Hat 



man sich mit den einzelnen morphologischen Elementen des 
Blutes und den besonderen Eigenthümlichkeiten derselben bekannt 
gemacht, so ist das Nächste die Frage nach der Entstehung der- 
selben. 

Aus den Erfahrungen über die erste Entwickelung der Blut- 
elemente lassen sich wesentliche Rückschlüsse machen auf die 
Natur der Veränderungen, welche unter krankhaften Verhältnissen 
in der Blutmasse stattfinden. Früher betrachtete mau das Blut 
mehr als einen in sich abgeschlossenen Saft, welcher allerdings 
gewisse Beziehungen nach aussen habe, aber doch in sich selbst 
eine wirkliche Dauer besitze; man nahm deshalb an, dass sich 



192 Neuntes Capitel. 

anch besondere Eigenschaften dauerhaft daran erhalten, ja viele 
Jahre hindurch fortbestehen könnten. Natürlich durfte man dabei 
den Gedanken nicht zulassen, dass die Bestandtheile des Blutes 
vergänglicher Natur seien, und dass neue Elemente hinzukämen, 
welche alte, verloren gegangene ersetzten. Denn die Dauerhaftig- 
keit eines Theiles als solchen setzt entweder voraus, dass er in 
senien Elementen dauerhaft ist, oder dass die Elemente innerhalb 
des Theiles immerfort neue erzeugen, welche alle Eigenthümlicb- 
keiten der alten erben. Für das Blut müsste man also entweder 
annehmen, seine Bestandtheile wären wirklich durch Jahre fort- 
bestehend und könnten Jahre lang dieselben Veränderungen be- 
wahren, oder man müsste sich denken, dass das Blut von einem 
Theilchen auf das andere etwas übertrüge, in der Art, dass von 
einem mütterlichen Bluttheilchen auf ein töchterliches etwas He- 
reditäres fortgepflanzt würde. Von diesen Möglichkeiten ist die 
erstere gegenwärtig gänzlich unhaltbar. Es denkt im Augenblick 
wohl Niemand daran, dass die einzelnen Bestandtheile des Blutes 
eine Dauer von vielen Jahren haben. Dagegen lässt sich die Mög- 
lickeit nicht von vorn herein zurückweisen, dass innerhalb des 
Blutes die Elemente eine Fortpflanzung erfahren, und dass sich 
von Element zu Element gewisse erbliche Eigenthümlichkeiten 
übertragen, welche zu einer gewissen Zeit im Blute eingeleitet 
sind. Allein mit einer gewissen Zuverlässigkeit kennen wir solche 
Erscheinungen der Fortpflanzung des Blutes nur aus einer frühe- 
ren Zeit des embryonalen Lebens. Hier scheint es nach Beobach- 
tungen, die erst in der neuesten Zeit von Remak und Metsch- 
nikow wiederum bestätigt sind, dass die vorhandenen Blutkör- 
perchen sich direkt theilen, in der Art, dass in einem Eörper- 
chen, welches in der ersten Zeit der Entwickelung sich als kern- 
haltige Zelle darstellt, zuerst eine Theilung des Kernes eintritt 
(Fig. 60, <r), dass dann die ganze Zelle sich einkerbt und nach 
und nach wirkliche Uebergänge zu einer vollständigen Theilung er- 
kennen lässt. In dieser frühen Zeit ist es daher allerdings zulässig, 
das Blutkörperchen als den Träger von Eigenschaften zu betrach- 
ten, welche sich von der ersten Reihe von Zellen auf die zweite, 
von dieser auf die dritte u. s. f. fortpflanzen. 

Allein in dem Blute des entwickelten Menschen, ja selbst im 
Blute des Fötus der späteren Schwangerschaftsmonate sind solche 
Theilungs- Erscheinungen nicht mehr bekannt, und keine einzige 



Faserstoff der LyflupBe. I93[ 

Yon den Thatsachen, welche man aus der Entwickelungsgeschichte 
beizubringen vermag, spricht dafür, dass in dem entwickelten Blnte 
eine Vermehrung der zelligen Elemente durch direkte Theilung 
oder irgend eine andere im Blute selbst gelegene Neubildung statt- 
finde. Man weiss wohl, dass unter gewissen Verhältnissen, z. B. 
bei Einwirkung von Hamstoflf und manchen Salzen, die rothen Blut- 
körperchen sich einschnüren und endlich in Stücke zerfallen oder 
einzelne, meist rundliche Stückchen (Körnchen) von sich abschnüren, 
allein diese Stückchen, welche noch 6. Zimmermann als die 
ersten Anfänge neuer Blutkörperchen betrachtete, sind nichts an- 
deres, als Trümmer. So lange man die Möglichkeit als erwiesen 
betrachtete, dass aus einem einfachen Cytoblastem durch direkte 
Ausscheidung diiferenter Materien Zellen entständen, so lange 
konnte man auch in der Blutflüssigkeit sich neue Niederschläge 
bilden lassen, aus denen Zellen hervorgingen. Allein auch davon 
ist man zurückgekommen. Alle morphologischen Elemente des 
Blutes, wie sie auch beschaffen sein mögen, leitet man gegen- 
wärtig von Orten ab, welche ausserhalb des Blutes liegen. Ueberall 
geht man zurück auf Organe, welche mit dem Blute nicht direkt, 
sondern vielmehr durch Zwischenbahnen in Verbindung stehen. 
Die Hauptorgane, welche in dieser Beziehung in Frage kommen, 
sind die lymphatischen. Die Lymphe ist die Flüssigkeit, welche, 
während sie dem Blute gewisse Stoffe zuführt, die von den Ge- 
weben kommen, zugleich die körperlichen Elemente mit sich bringt, 
aus welchen die Zellen des Blutes sich fort und fort ergänzen. 

In Beziehung auf zwei Bestandtheile des Blutes dürfte es 
kaum zweifelhaft sein, dass diese Anschauung eine vollkommen 
berechtigte ist, nehmlich in Beziehung auf den Faserstoff und die 
farblosen Blutkörperchen. Was den Faserstoff anbetrifft, dessen 
morphologische Eigenschaften ich im vorigen Capitel besprach, so 
ist es eine sehr wesentliche und wichtige Thatsache, dass derjenige 
FaserstoflF, welcher in der Lymphe circulirt*), gewisse Verschie- 
denheiten darbietet von dem Faserstoffe des Blutes, welchen wir 
zu Gesiebt bekommen, wenn wir Extravasate oder aus der Ader 
gelassenes Blut betrachten. Der Faserstoff der Lymphe hat die 
besondere Eigenthümlichkeit, dass er unter den gewöhnlichen Ver- 
hältnissen innerhalb der Lymphgefässe weder im Leben noch nach 



*) Gesammelte Abhandl. S. 105. 

VIrehow, C«Ual«rPAthol. 4. Aufl. 13 



194 Neuntes Capitel. 

dem Tode gerinnt, während das Blut in manchen Fällen schon 
während des Lebens, regelmässig aber nach dem Tode gerinnt, so 
dass die Gerinnungsfähigkeit dem Blute als eine regelmässige 
Eigenschaft zugeschrieben wird. In den Lymphgefässen eines 
todten Thieres oder einer menschlichen Leiche findet man keine 
geronnene Lymphe, dagegen tritt die Gerinnung alsbald ein, sobald 
die Lymphe mit der äusseren Luft in Contact gebracht oder von 
einem erkrankten Organe her verändert wird. 

Allerdings zeigt sich auch innerhalb der Gefässe einer Leiche 
am Blute eine sehr auffällige und schwer zu erklärende Verschie- 
denheit. Während das Blut des Herzens und der grösseren Ge- 
fässe nach dem Tode gerinnt, so bleibt das Gapillarblut 
flüssig. Sonderbarerweise übersieht man diese wichtige Erschei- 
nung fast immer, so wichtig sie auch für die Deutung des örtli- 
chen Verhaltens der Färbung der Gef&sse, insbesondere der post- 
mortalen Ortsveränderungen, Senkungen u. s. w. des Blutes ist. 
Aber das Gapillarblut der Leiche unterscheidet sich dadurch von 
der Lymphe, da: s es auch nicht mehr gerinnt, wenn es aus den 
Gapillaren entleert und der Luft ausgesetzt wird. 

Was nun die Lymphe anbetrifft, so muss ich noch immer an 
der Anschauung festhalten, dass in derselben kein fertiges Fibrin 
enthalten ist, sondern dass dies erst fertig wird, sei es durch den 
Contact mit der atmosphärischen Luft, sei es unter abnormen 
Verhältnissen durch die Zuführung veränderter Stoffe, oder durch 
den Contact mit besonderen Substanzen. Die normale Lymphe 
führt eine Substanz, welche sehr leicht in Fibrin übergeht, und, 
wenn sie geronnen ist, sich vom Fibrin kaum unterscheidet, welche 
aber, so lange sie im gewöhnlichen Laufe des Lymphstromes sich 
befindet, nicht als eigentlich fertiges Fibrin betrachtet -werden 
kann. Es ist dies eine Sabstanz, welche ich lange, bevor ich auf 
ihr Vorkommen in der Lymphe aufmerksam geworden war, in 
verschiedenen Exsudaten constatirt hatte, namentlich in pleuriti- 
schen Flüssigkeiten*;. 

In manchen Formen der Pleuritis bleibt das Exsudat lange 
flüssig, und da kam mir vor einer Reihe von Jahren der beson- 
dere Fall vor, dass durch eine Function des Thorax eine Flüssig- 
keit entleert wurde, welche vollkonmien klar und flüssig war, aber 



•) Archiv 1847 I. 572. Gesammelte Abhandl. 104, 516. 



Fibrinogene Substanz. 195 

kurze Zeit, nachdem sie entleert war, in ihrer ganzen Masse mit 
einem (Joagnlum sieh darchsetzte, wie es oft genng in Flüssig- 
keiten ans der Bauchhöhle gesehen wird. Nachdem ich dieses Ge- 
rinnsel dnrch Qnirlen ans der Flüssigkeit entfernt und mich von 
der Identität desselben mit dem gewöhnliehen Faserstoff überzeugt 
hatte, zeigte sich am nächsten Tage ein neues Coagulum, und so 
auch in den folgenden Tagen. Diese Gerinnungsfähigkeit dauerte 
14 Tage lang, obwohl die Entleerung mitten im heissen Sommer 
stattgefunden hatte. Es war dies also eine von der gewöhnlichen 
Gerinnung des Blutes wesentlich abweichende Erscheinung, welche 
sich nicht wohl begreifen Hess, wenn wirkliches Fibrin als fertige 
Substanz darin enthalten war, und welche darauf hinzuweisen 
schien, dass erst unter Einwirkung der atmosphärischen Luft Fi- 
brin entstünde aus einer Substanz, welche dem Fibrin allerdings 
nahe verwandt sein musste, aber doch nicht wirkliches Fibrin sei. 
Ich schlug darum vor, dieselbe als fibrinogene Substanz zu 
trennen, und nachdem ich später darauf gekommen war, dass es 
dieselbe Substanz ist, welche wir in der Lymphe finden, so konnte 
ich meine Ansicht dahin erweitem, dass auch in der Lymphe der 
Faserstoff nicht fertig enthalten sei. 

Dieselbe Substanz, welche sich von dem gewöhnlichen Fibrin 
dadurch unterscheidet, dass sie eines mehr oder weniger langen 
Contactes mit der atmosphärischen Luft bedarf, um coagulabel zu 
werden, findet sieh unter gewissen Verhältnissen auch im Blute 
der peripherischen Venen vor, so dass man auch durch eine ge- 
wöhnliche Venaesection am Arme Blut bekommen kann, welches 
sich vom gewöhnlichen Blute durch die Langsamkeit seiner Ge- 
rinnung unterscheidet. Polli hat die so gerinnende Substanz 
Bradyfibrin (langsames Fibrin) genannt. Solche Fälle kommen 
besonders vor bei entzündlichen Erkrankungen der Respirations- 
organe und geben am Häufigsten Veranlassung zur Bildung einer 
Speckhaut (Crusta phlogistica). Es ist bekannt, dass die ge- 
wöhnliche Crusta phlogistica bei pneumonischem oder pleuritischem 
Blut um so leichter eintritt, je wässeriger die Blutflüssi«;keit ist, 
je mehr die BIntmasse an festen Bestandthcilen verarmt ist, aber 
es ist wesentlich dabei, dass auch das Fibrin langsam gerinnt. 
Wenn man mit der Uhr in der Hand den Vorgang conirolirt, so 
überzeugt man sich, dass bei der Crustenbildung eine sehr viel 
längere Zeit vergeht, als bei der gewöhnliehen Gerinnung. Von 

13* 



196 Neuntes Capitel. 

dieser häufigen Erscheinniig, wie sie sich bei der gewöhnlichen 
Crastenbildnng der entzündlichen Blntmasse findet, zeigen sich non 
alimähliche üebergänge zu einer immer längeren Daner des Flüs- 
sigbleibens. 

Das Aensserste dieser Art, was bis jetzt bekannt ist, geschah 
in einem Falle, den Polli beobachtete. Bei einem an Pnenmonie 
leidenden, rüstigen Manne, welcher im Sommer, zu einer Zeit, 
welche gerade nicht die äusseren Bedingangen für die Verlang- 
samung der Gerinnung darbietet, in die Behandlung kam, ge- 
brauchte das Blut, welches aus der geöffneten Ader floss, acht 
Tage, ehe es anfing zu gerinnen, und erst nach 14 Tagen war 
die Coagulation vollständig. Es fand sich dabei auch die andere, 
von mir am pleuritiscben Exsudat beobachtete Erscheinung, dass 
im Yerhältniss zu dieser späten Gerinnung eine ungewöhnlich 
späte Zersetzung (Fäulniss) des Blutes stattfand. 

Da nun Erscheinungen dieser Art überwiegend häufig bei 
Brustaflfectionen beobachtet werden, so überwiegend, dass man 
seit langer Zeit die Speckhaut als Corium pleuriticum bezeichnet 
hat, so scheint daraus mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit her- 
vorzugehen, dass das Respirationsgeschäft einen bestimmenden Ein- 
fluss hat auf das Vorkommen oder Nichtvorkommen der fibrino- 
genen Substanz im Blute. Jedenfalls setzt sich die Eigenthüm- 
lichkeit, welche die Lymphe besitzt, unter umständen auf das 
Blut fort, so dass entweder das ganze Blut daran Antheil ninunt, 
und zwar um so mehr, je grössere Störungen die Respiration er- 
leidet, oder dass neben dem gewöhnlichen, schnell gerinnenden Stoffe 
ein langsamer gerinnender gefunden wird. Oft bestehen nehmlich 
zwei Arten von Gerinnung in demselben Blute neben einander, 
eine frühe und eine späte, namentlich in den Fällen, wo die direkte 
Analyse eine Vermehrung des Faserstoifes, eine Hyperinose 
(Franz Simon) ergibt. Diese hyperino tischen Zustände fuhren 
also darauf hin, dass bei ihnen eine vermehrte Zufuhr von Lymph- 
flüssigkeit zum Blute stattfindet, und dass die Stoffe, welche sich 
nachher im Blute finden, nicht ein Product innerer Umsetzung 
desselben sind, dass also die letzte Quelle des Fibrins nicht im 
Blute selbst gesucht werden darf, sondern an jenen Punkten, von 
welchen die Lymphgefässe die vermehrte Fibrinmasse zuführen. 

Zur Erklärung dieser Erscheinungen habe ich eine etwas 
kühne Hypothese gewagt, welche ich jedoch für vollkommen dis- 



Oertlicber Ursprung des Faserstoffes. 197 

cussionsfähig erachte, nebmlich die, dass dasFibrin, wenn es 
im Körper ausserhalb des Blutes vorkommt, nicht im- 
mer als eine Abscheidung aus dem Blute zu betrach- 
ten ist, sondern häufig als ein Local-Erzeugniss, und 
ich habe versucht, eine wesentliche Veränderung in der Auffas- 
sung der sogenannten phlogistischen Erase in Beziehung auf die 
Localisation derselben einzufuhren*). Während man früher ge- 
wöhnt war, die veränderte Mischung des Blutes bei der Entzün- 
dung als ein von vom herein bestehendes und namentlich durch 
primäre Vermehrung des Faserstoffes bezeichnetes Moment zu be- 
trachten, so habe ich vielmehr die Erase als ein von der localen 
Entzündung abhängiges Ereigniss entwickelt. Gewisse Organe und 
Gewebe besitzen an sich in höherem Grade die Eigenschaft, Fibrin 
zu erzeugen und das Vorkommen von grossen Massen von Fibrin 
im Blute zu begünstigen, während andere Organe ungleich weniger 
dazu geeignet sind. 

Ich habe ferner darauf hingewiesen, dass diejenigen Organe, 
welche diesen eigenthümlichen Zusammenhang eines sogenannten 
phlogistischen Blutes mit einer localen Entzündung besonders 
häufig darbieten, im Allgemeinen mit Lymphgefässen reichlich ver- 
sehen sind und mit grossen Massen von Lymphdrüsen in Verbin- 
dung stehen, während alle diejenigen Organe, welche entweder 
sehr wenige Lymphgefässe enthalten, oder in welchen wir kaum 
Lymphgefässe kennen, auch einen nicht nennenswerthen Einfluss auf 
die fibrinöse Mischung des Blutes ausüben. Es haben schon frü- 
here Beobachter bemerkt, dass es Entzündungen sehr wichtiger 
Organe gibt, z. B. des Gehirns, bei denen man die phlogistische 
Erase eigentlich gar nicht findet. Aber gerade im Gehirn kennen 
wir nur wenige Lymphgefässe. Wo dagegen die Mischung des 
Blutes am frühesten verändert wird, bei den Erkrankungen der 
Respirationsorgane, da findet sich auch ein ungewöhnlich reichli- 
ches Lymphnetz. Nicht bloss die Lungen sind davon durchsetzt 
und überzogen, sondern auch die Pleura hat ausserordentlich reiche 
Verbindungen mit dem Lymphsystem, und die Bronchialdrüsen 
stellen fast die grössten Anhäufungen von Lymphdrüsen -Masse 
dar, die irgend ein Organ des Eörpers überhaupt besitzt. 



*) Handbuch der spec. Pathologie u. Therapie. 1854. I. 75. Gesammelte 
Abhandlangen. 135. 



11?8 Neuntes Capitel. 

Andererseits kennen wir keine Tbatsache, welche die Mög- 
lichkeit zeigte, dass unter einfacher Steigerung des Blutdruckes, 
oder unter einfacher Veränderung der Bedingungen, unter denen 
das Blut strömt, in diesen Organen ein Durchtreten spontan ge- 
rinnender Flüssigkeiten von den Capillareu her in das Parenchym 
oder auf die Oberfläche derselben erfolgen könnte. Man denkt 
sich allerdings in der Hegel, dass im Verhältniss zur Stromstärke 
des Blutes auch eine fibrinöse Zumischung zum Exsudate statt- 
finde, aber dies ist nie durch ein Experiment bewiesen worden. 
Niemals ist Jemand im Stande gewesen, durch blosse Veränderung 
in der Strömung des Blutes im lebenden Körper das Fibrin zu 
einer direkten Transsudation aus den Capillareu in Form eines 
entzfindlichen Processes zu vermögen; dazu bedürfen wir immer 
eines Reizes. Man kann die beträchtlichsten Henmiungen im Cir- 
culationsgeschäft herbeiführen, die colossalsten Austretungen von 
serösen Flüssigkeiten experimentell erzeugen, aber nie erfolgt dabei 
jene eigenthümliche fibrinöse Exsudation, welche die Reizung ge- 
wisser Gewebe mit so grosser Leichtigkeit hervorruft. 

Dass das Fibrin in der Blutflüssigkeit selbst durch eine Um- 
setzung des Eiweisses entstünde, ist eine chemische Theorie, die 
weiter keine Stütze für sich hat, als die, dass Eiweiss und Fibrin 
grosse chemische Aehnlichkeit haben, und dass man sich, wenn 
man die zweifelhafte chemische Formel des Fibrins mit der ebenso 
zweifelhaften Formel des Eiweisses vergleicht, durch das Aus- 
scheiden von ein paar Atomen den Uebergang von Albumin in 
Fibrin sehr leicht denken kann. Allein diese Möglichkeit der 
Formelüberführung beweist nicht das Geringste dafür, dass eine 
analoge Umsetzung in der Blutmasse geschehe. Sie kann mög- 
licherweise im Körper erfolgen, aber auch dann ist es jedenfalls 
wahrscheinlicher, dass sie in den Geweben erfolgt, und dass erst 
von da aus eine Fortführung durch die Lymphe geschieht. Indess 
ist dies um so mehr zweifelhaft, als die rationelle Formel f&r die 
chemische Zusammensetzung des Eiweisses und des Easerstoifes 
bis jetzt noch nicht ermittelt ist, und die unglaublich hohen Atom- 
zahlen der empirischen Formel auf eine sehr zusammengesetzte 
Gruppirung der Atome hindeuten. 

Halten wir daher an der Erfahrung fest, dass das Fibrin nur 
dadurch zum Austritt auf irgend eine Oberfläche gebracht werden 
kann, dass wir ausser der Störung der Circulation auch noch einen 



Fibrittöse und fibrinogene Exsudate. 199 

Reiz, d. h. eine locale Veränderung des Gewebes setzen. Diese lo- 
cale Veränderong genügt aber erfabmngsgemäss für sieb, um den 
Austritt von Fibrin zu bedingen, wenn auch keine Hemmung 
der Circulation eintritt. Es bedarf dieser Hemmuog gar nicht, 
um die Erzeugung von Fibrin an einem bestimmten Punkte ein- 
zuleiten. Im Gegentheil sehen wir, dass in der besonderen Be- 
schaffenheit der gereizten Theile die Ursache der grössten Ver- 
schiedenheiten gegeben ist. Wenn wir einfach eine reizende Sub- 
stanz auf die Hautoberfläche bringen, so gibt es bei geringeren 
Graden der Reizung, mag sie nun chemischer oder mechanischer 
Natur sein, eine Blase, ein seröses Exsudat. Ist die Reizung 
stärker, so tritt eine Flüssigkeit aus, welche in der Blase 7oil- 
kommen flüssig erscheint, aber nach ihrer Entleerung coagulirt. 
Fängt man die Flüssigkeit einer Vesicatorblase in einem ühr- 
schälchen auf und lässt sie an der Luft stehen, so bildet sich ein 
Coagulum; es ist also fibrinogene Substanz in der Flüssigkeit. 
Nun gibt es aber zuweilen Zustände des Körpers, wo ein äusser- 
licber Reiz genügt, um Blasen mit direkt coagulirender Flüssig- 
keit hervorzurufen. Im Winter von 1857 — 58 hatte ich einen 
Kranken auf meiner Abtheilung, welcher von einer Erfrierung der 
Füsse eine Anästhesie zurückbehielt, wogegen ich unter Anderem 
locale Bäder mit Königswasser anwendete. Nach einer gewissen 
Zahl solcher Bäder bildeten sich jedesmal an den anästhetischen 
Stellen der Fusssohle Blasen bis zu einem Durchmesser von zwei 
Zoll, welche bei ihrer Eröffnung sich mit grossen gallertigen Mas- 
sen von fibrinösem Coagulum (nicht etwa mit Eiweiss- Niederschlä- 
gen) erfüllt zeigten. Bei anderen Menschen hätten sich wahrschein- 
lich einfache Blasen gebildet, mit einer Flüssigkeit, die erst nach 
dem Herauslassen erstarrt wäre. Diese Verschiedenheit liegt offen- 
bar in der Verschiedenheit nicht der Blutmischung, sondern der 
örtlichen Disposition. Die Differenz zwischen der Form von Pleu- 
ritis, welche von Anfang an coagulable und spontan coagulirende 
Substanzen abscheidet, und derjenigen, wo coagulable, aber nicht 
spontan coagulirende Flüssigkeiten austreten, weist gewiss auf 
Besonderheiten der localen Reizung hin. 

Ich glaube also nicht, dass man berechtigt ist zu scbliessen, 
dass Jemand, der mehr Fibrin im Blute hat, damit auch eine 
grössere Neigung zu fibrinöser Transsudation besitze; vielmehr 
erwarte ich, dass bei einem Kranken, der an einem bestimmten 



200 Neuntes Capitel. 

Orte sehr viel fibrinbildende Sabstanz producirt, von diesem Orte 
aas viel von dieser Sabstanz in die Lymphe and endlich in das 
Blat übergehen wird. Man kann also das Exsndat in solchen 
Fällen betrachten als den Ueberschnss des in loco gebildeten Fi- 
brins, für dessen Entfernang die Lymphcircnlation nicht genügte. 
So lange der Lymphstrom ausreicht, wird Alles, was in dem ge* 
reizten Theile an Stoffen gebildet wird, aach dem Blute zageführt; 
sobald die örtliche Prodaction über dieses Maass hinansschreitet, 
häufen sich die Producte an, und neben der Hyperinose wird auch 
eine örtliche Ansammlung oder Ausscheidung von fibrinösem Exsu- 
dat stattfinden. Ist diese Deutung richtig, und ich denke, dass 
sie es ist, so würde sich auch hier wieder jene Abhängigkeit der 
Dyscrasie von der örtlichen Krankheit ergeben, welche ich schon 
früher als den wesentlichsten Gewinn aller unserer Untersuchun- 
gen über das Blut hingestellt habe. 

Es ist nun eine sehr bemerkenswerthe Tbatsache, welche 
gerade für diese Auffassung von Bedeutung ist, dass sehr selten 
eine erhebliche Vermehrung des Fibrins Statt findet 
ohne gleichzeitige Vermehrung der farblosen Blut- 
körperchen, dass also die beiden wesentlichen Bestandtbeiie, 
welche wir in der Lymphflüssigkeit finden, auch im Blute wieder- 
kehren. In jedem Falle einer Hyperinose kann man auf eine Ver- 
mehrung der farblosen Eörperchen rechnen, oder, anders ausge- 
drückt, jede Reizung eines Theiles, welcher mit Lymphgefftssen 
reichlich versehen ist und mit Lymphdrüsen in einer ausgiebigen 
Verbindung steht, bedingt auch die Einfuhr grosser Hassen farb- 
loser Zellen (Lymphkörperchen) ins Blut. 

Diese Tbatsache ist besonders interessant insofern, als man 
daraus begreifen kann, wie nicht bloss gewisse Organe, welche 
reich versehen sind mit Lymphgefässen , eine solche Vermehrung 
bedingen können, sondern wie auch gewisse Processe eine grössere 
Fähigkeit besitzen, beträchtliche Mengen von diesen Elementen in 
das Blut zu führen. Es sind dies alle diejenigen, welche früh mit 
bedeutender Erkrankung des Lymphgefäss-Systems verbunden sind. 
Vergleicht man eine erysipelatöse oder eine diffase phlegmonöse 
(nach Rust pseudoerysipelatöse) Entzündung in ihrer Wirkung 
auf das Blut mit einer einfachen oberflächlichen Hautentzündung, 
wie sie im Verlauf der gewöhnlichen acuten Exantheme, nach trau- 
matischen oder chemischen Einwirkungen auftritt, so ersieht man 



Leukocytose und Leukämie. 201 

alsbald, wie gross die Differenz ist. Jede erysipelatöse oder diffuse 
phlegmonöse Entzündung hat die Eigentbümlichkeit, frühzeitig die 
Lymphgefässe zq afficiren und Schwelinngen der lymphatischen 
Drüsen hervorzubringen. In jedem solchen Falle aber kann man 
darauf rechnen, dass eine Zunahme in der Zahl der farblosen 
Blutkörperchen stattGndet. 

Weiterhin ergibt sich die bezeichnende Thatsache, dass es 
gewisse Processe gibt, welche gleichzeitig Fibrin und farblose Blut- 
körperchen vermehren, andere dagegen, welche nur die Zunahme 
der letzteren bewirken. In diese Kategorie gehört gerade die 
ganze Reihe der einfachen diffusen Hautentzündungen, wo auch an 
den Erkrankungsorten keine erhebliche Fibrinbildung erfolgt. An- 
dererseits gehört dahin eine Menge von Zuständen, welche vom 
Gesichtspunkt der Faserstoff- Menge als hypinotische (Franz 
Simon) bezeichnet werden, alle die Processe, welche in die Reihe 
der typhösen zählen, und die darin übereinkommen, dass sie bald 
diese, bald jene Art von bedeutender Anschwellung der Lymph- 
drüsen, aber keine locale Faserstoff-Exsudation hervorbringen. So 
setzt der Typhus diese Yeränderangen nicht nur an der Milz, 
sondern auch an den Mesenterial-Drüsen. 

Den einfachen Zustand von Vermehrung der farblosen Eör- 
perchen im Blute, welcher abhängig erscheint von einer Reizung 
der Blutbereitenden Drüsen, habe ich mit dem Namen der Leu- 
kocytose belegt*). Nun weiss man, dass eine andere Angele- 
genheit lange der Gegenstand meiner Studien gewesen ist, die 
von mir**) sogenannte Leukämie, und es handelt sich zunächst 
darum ,' festzustellen , wie weit sich die eigentliche Leukämie von 
den leukocytotischen Zuständen unterscheidet. 

Schon in den ersten Fällen der Leukämie, welche mir vor- 
kamen, stellte sich eine sehr wesentliche Eigenschaft heraus, 
nehmlich die, dass in dem Gehalt des Faserstoffes im Blute keine 
wesentliche Abweichung bestand***). Späterhin hat sich gezeigt, 
dass der Faserstoff- Gehalt je nach der Besonderheit des Falles 
vermehrt oder vermindert oder unverändert sein kann, dass aber 
constant eine immerfort steigende Zunahme der farblosen Blut- 



*) Gesammelte Abhandlungen 1856. S. 703. 
••) Archiv. 1847. 1. 563. 
***) Froriep'8 Neue Notizen. 1845. No. 780. Gesammelte Abhandl. 149. 



202 Neuntes Capitel. 

körpcrchen stattfindet, und dass diese Zunahme immer deutlicher 
zusammenfällt mit einer Verminderung der Zahl der geförbten 
(rothen) Blutkörperchen, so dass als endliches Resultat ein Zu- 
stand herauskommt, in welchem die Zahl der farblosen Blutkör- 
perchen der Zahl der rothen beinahe gleichkommt, und selbst für 
die gröbere Betrachtung auffallende Phänomene hervortreten. 
Während wir im gewöhnlichen Blute immer nur auf etwa 300 
gefärbte ein farbloses Körperchen rechnen können, so gibt es Fälle 
von Leukämie, wo die Vermehrung der farblosen in der Weise 
steigt, dass auf 3 rothe Körperchen schon ein farbloses oder gar 
3 rothe auf 2 farblose kommen, ja wo die Zahlen für die farb- 
losen Körperchen die grösseren werden*). 

In Leichen erscheint die Vermehrung der farblosen Körper- 
chen meist beträchtlicher, als sie wirklich ist, aus Gründen, die 
ich schon früher hervorhob (S. 185); diese Körperchen sind 
ausserordentlich klebrig und häufen sich bei Verlangsamung des 
Blutstromes in grösseren Massen an, so dass in Leichen die 
grösste Menge stets im rechten Herzen gefunden wird. Es ist 
mir einmal, ehe ich Berlin verliess, der besondere Fall passirt, 
dass ich das rechte Atrium anstach, und der Arzt, welcher den 
Fall behandelt hatte, überrascht ausrief: „Ah, da ist ein Abscess!^ 
So eiterähnlich sah das Blut aus. Diese eiterartige Beschaffenheit 
des Blutes ist allerdings nicht in dem ganzen Girculationsstrome 
vorhanden; nie sieht das Blut im Ganzen wie Eiter aus, weil 
immer noch eine verhältnissmässig grosse Zahl von rothen Ele- 
menten existirt; aber es kommt doch vor, dass das aus der Ader 
fliessende Blut schon bei Lebzeiten weissliche Streifen zeigt, und 
dass, wenn man den Faserstoff durch Quirlen entfernt und das 
defibrinirte Blut stehen lässt, sich alsbald eine freiwillige Schei- 
dung macht, in der Art, dass sich sämmtliche Blutkörperchen, 
rothe und farblose, allmählich auf den Boden des Gefusses senken, 
und hier ein doppeltes Sediment entsteht: ein unteres rothes, das 
von einem oberen, weissen, puriformen überlagert wird. Es erklärt 
sich dies aus dem ungleichen specifischen Gewicht und den ver- 
schiedenen Fallzeiten beider Arten von Körperchen (S. 187). Zu- 
gleich giebt dies eine sehr leichte Scheidung des leukämischen 
Blutes von dem chylösen (lipämischen) , wo ein milchiges Ausse- 

♦) ArchW. 1S53. IV. 43 ff. 



Leukämie. 203 

hen des Serums dorch Fettbeimischung entsteht; defibrinirt man 
solches Blut, so bildet sich nach einiger Zeit nicht ein weisses 
Sediment, sondern eine rahmartige Schicht an der Oberfläche*). 

Es existiren bis jetzt in der Literatur nur vereinzelte Fälle 
von Leukämie, wo die Kranken, nachdem sie eine Zeit lang Ge- 
genstand ärztlicher Behandlung gewesen waren, als wesentlich ge- 
bessert das Hospital verliessen. In der Regel erfolgt der Tod. 
Ich will daraus keineswegs den Schluss ziehen, dass es sich um 
eine absolut unheilbare Krankheit handle; ich hoffe im Gegentheil, 
dass man endlich auch hier wirksame Heilmittel finden wird, aber 
es ist gewiss eine sehr wichtige Thatsache, dass es sich dabei, 
ähnlich wie bei der progressiven Muskelatrophie, um Zustände 
handelt, welche in einem gewissen Stadium, sich selbst überlassen, 
oder wenn sie unter einer der bis jetzt bekannten Behandlungen 
stehen, sich fortwährend verschlimmern und endlich zum Tode 
fähren. Es haben diese Fälle noch ausserdem die besondere Merk- 
würdigkeit, dass sich gewöhnlich in der letzten Zeit des Lebens 
eine eigentliche hämorrhagische Diathese ausbildet und Blu- 
tungen entstehen, die besonders häufig in der Nasenhöhle statt- 
finden (nnter der Form von erschöpfender Epistaxis), die aber 
unter Umständen auch an anderen Punkten auftreten können, so 
in colossaler Weise als apoplectische Formen im Gehirn oder als 
melänaartige in der Darmhöhle. 

Wenn man nun untersucht,* von woher diese sonderbare Ver- 
änderung des Blutes 'Stammt, so zeigt sich, dass in der grossen 
Mehrzahl der Fälle ein bestimmtes Organ als das wesentlich er- 
krankte erscheint, und häufig schon im Anfange der Krankheit 
den Hauptgegenstand der Klagen und Beschwerden der Kranken 
bildet, nehmlich die Milz. Daneben leidet sehr häufig auch ein 
Bezirk von Lymphdrüsen, aber das Milzleiden steht in der 
Regel im Vordergrunde. Nur in einer kleinen Zahl von Fällen fand 
ich die Milz wenig oder gar nicht, die Lymphdrüsen überwiegend 
verändert, und zwar in solchem Grade, dass Lymphdrüsen, die 
man sonst kaum bemerkt, zu wallnussgrossen Knoten sich ent- 
wickelt hatten, ja, dass an einzelnen Stellen fast nichts weiter 
als Lymphdrüsen-Substanz zu bestehen schien**;. Von den Drüsen, 



•) Würzburger Verhandl. 18")6. VII. 119. Gesammelte Abhandl. S. 138. 
♦•j Archiv. 1847. I. 567. 



204 Neuntes Gapitel. 

welche zwischen den Inguinal- und Lumbal -Drüsen gelegen sind, 
pflegt man nicht viel za sprechen; sie haben nicht einmal einen 
bequemen Namen. Einzelne von ihnen liegen längs der Yasa 
iliaca, einzelne im kleinen Becken. Im Laufe solcher Leukämien 
traf ich sie zweimal so vergrössert, dass der ganze Raum des 
kleinen Beckens wie ausgestopft war mit Drflsenmasse, in welche 
Rectum und Blase nur eben hineintauchten. 

Ich habe deshalb zwei Formen der Leukämie unterschieden, 
die gewöhnliche lienale und die seltenere lymphatische. Beide 
combiniren sich allerdings nicht selten mit einander, jedoch herrscht 
auch in diesem Falle die eine von beiden so sehr Tor, dass man 
über die Wahl des Namens kaum in Verlegenheit kommen wird. 
Die Unterscheidung stützt sich nicht allein darauf, dass in dem 
einen Falle die Milz, im anderen die Lymphdrüsen als Ausgangs- 
punkt der Erkrankung erscheinen, sondern noch mehr darauf, dass 
die farblosen Elemente, welche im Blute vorkommen, in beiden 
Fällen verschieden sind. Während nehmlich bei der lienalen Form 
in der Regel verhältnissmässig grosse, entwickelte Zellen mit 
mehrfachen, seltener einfachen Kernen im Blute circuliren, die 
in manchen Fällen überwiegend viel Aehnlichkeit mit Hilzzellen 
haben, so sieht man bei der ausgemacht lymphatischen Form die 
Zellen klein, die Kerne im Verhältniss zu den Zellen gross und 
einfach, in der Regel scharf begrenzt, sehr dunkel contourirt und 
etwas kömig, die Membran häufig so eng anliegend, dass man 
kaum den Zwischenraum constatiren kann. Oefter sieht es aus, 
als ob vollkommen freie Kerne im Blute enthalten wären. In 
jenen gemischten Fällen, wo sowohl die Milz, als die Lymphdrü- 
sen leiden, bieten auch die im Blute vorkommenden Gebilde bei- 
derlei Gestalt dar. Nimmt man die Erfahrungen zusammen, so 
wird man zu der Schlussfolgerung geführt, dass die Yergrösserung 
der lymphatischen Drüsen, die in einer wirklichen Vermehrung 
ihrer Elemente (Hyperplasie) beruht, auch eine grössere Zahl 
zelliger Theile in die Lymphe und durch diese in das Blut fuhrt, 
und dass in dem Maasse, als diese Elemente überwiegen, die 
Bildung der rothen Elemente Hemmungen erfährt Die Leu- 
kämie ist demnach eine Art von dauerhafter, progres- 
siver Leukocytose; diese dagegen in ihren einfachen 
Formen stellt einen vorübergehenden, an zeitwd- 



Leukämisches Blut 205 

lige Zastftnde gewisser Organe geknüpften Vorgang 
dar*). 

Ob damit der ganze Unterschied zwischen Leukämie nnd 
Lenkocytose erschöpft ist, steht dahin. Ich möchte jedoch darauf 
anftnerksam machen, dass bei der Lenkocytose neben den rothen 
Körperchen eine vorübergehende Znmischnng von zahhreichen farb- 
losen Eörperchen stattfindet, ohne dass wir deshalb berechtigt w&* 
ren, jedesmal eine Abnahme der ersteren zu statniren. Bei der 
Leakämie dagegen findet sich eine wirkliche Verminderung der ro- 
then Körperchen ; sie stellt, wie ich früher sagte, einen wirklichen 
Albinismus des Blutes dar. Ofi^enbar erleidet also die Bildung 
der rothen Körperchen eine Hemmung, und es ist gewiss sehr 
charakteristisch, dass in einem Falle von lienaler Leukämie, der 
bei uns vorkam, Klebs die embryonale Form der kernhaltigen 
rothen Körperchen bei einem Kinde von 1^ Jahr antraf. 

Es ist ersichtlich, dass die drei von uns besprochenen dys- 
crasischen Zustände, welche in einer näheren Beziehung zu der 
Lymphflüssigkeit stehen, nehmlich die Hyperinose, die Lenkocytose 
und die Leukämie sich mehrfach berühren. Der erstere, der durch 
Vermehrung des Fibrins ausgezeichnet ist (Hyperinose), bezieht 
sich mehr auf die veränderte BeschaflFenheit der Organe, von wo 
die Lymphflüssigkeit herkommt, während die durch Vermehrung 
der forblosen Zellen bedingten Zustände (Lenkocytose und Leu- 
kämie) mehr von der BescbaiFenheit der Drüsen, durch welche die 
Lymphflüssigkeit strömte, abhängig sind. Diese Thatsachen lassen 
sich nun wohl nicht anders deuten, als dass man in der That die 
Milz und die Lymphdrüsen in eine nähere Beziehung zur Ent- 
wickelung des Blutes bringt. Dies ist noch wahrscheinlicher ge- 
worden, seitdem es gelungen ist, auch chemische Anhaltspunkte 
Zugewinnen. Seh er er hat zweimal leukämisches Blut untersucht, 
das ich ihm übergeben hatte, um dasselbe mit den von ihm ge- 
fundenen Hilzstoffen zu vergleichen; es ergab sich, dass darin 
Hypoxanthin, Leucin, Harnsäure, Milch- und Ameisensäure vor- 
kamen. In einem Falle fiberzog sich eine Leber, die ich einige 
Tage liegen liess, ganz mit Tyrosinkörnem ; in einem anderen 
krystallisirte aus dem Darminhalte Leucin und Tyrosin in grossen 
Massen aus. Die grosse Häufigkeit hamsaurer Sedimente im Harn 

*) Geschwülste. II. 566. 



206 Neuntes Capitel. 

und harnsaurer Concretionen in den Nieren der Leakftmischen 
habe ich wiederholt erwähnt*). Kurz, Alles deutet anf eine ver- 
mehrte Tbätigkeit der Milz, welche normal diese Stoffe in grösserer 
Menge enthält. 

Es ist eine ziemlich lange Reihe von Jahren (seit 1845) ver- 
gangen, während deren ich mich mit meiner Auffassung ziemlieh 
vereinsamt fand. Erst nach und nach ist man, und zwar, virie ich 
leider gestehen muss, zuerst mehr von physiologischer, als von pa- 
thologischer Seite auf diese Gedanken eingegangen, und erst spät 
hat man sich der Vorstellung zugänglich erwiesen, dass im ge- 
wöhnlichen Gange der Dinge die Lymphdrüsen und die Milz in der 
That eine unmittelbare Bedeutung für die Formelemente des Blutes 
haben, dass im Besonderen die körperlichen Bestandtheile des 
letzteren wirkliche Abkömmlinge sind von den Zellen der Lymph- 
drüsen und der Milz, welche in denselben entstehen, aus ihrem 
Innern losgelöst und dem Blutstrom zugeführt werden. Kommen 
wir damit auf die Frage von der Herkunft der Blutkörperchen 
selbst. 

Seit dem vorigen Jahrhundert war man gewöhnt, die Lymph- 
drüsen als blosse Convolute von Lymphgefässen zu betrachten. 
Bekanntlich sieht man schon vom blossen Auge die zuführenden 
Lymphgefässe sich in Aeste auflösen, welche in die Lymphdrüse 
eintreten, innerhalb derselben verschwinden und am Ende aus der- 
selben wieder hervorkommen. Aus den Resultaten der Quecksilber- 
Injectionen, welche man schon vor einem Jahrhundert mit grosser 
Sorgfalt unternommen hat, glaubte man schliessen zu müssen, 
dass das eingetretene Lymphgefäss vielfache Windungen mache, 
welche sich durchscblängen und endlich in das ausfuhrende Gefäss 
fortgingen, so dass die Drüse nichts weiter als eine Zusammen- 
drängung von Windongen der einführenden Gefässe, eine Art von 
Wundernetz, darstelle. Die ganze Sorgfalt der modernen Histo- 
logie hat sich daher darauf gerichtet, ein solches einfaches Durch- 
treten von Lymphgefässen durch die Drüse zu constatiren; nach- 
dem man sich Jahre lang vergebens darum bemüht hatte, hat 
man es endlich aufgegeben. 

Im Augenblick dürfte es kaum einen Histologen geben, wel- 
cher an eine vollkonmiene Continuität der Lymphgefässe innerhalb 



•) Mein Archiv. 1853. Bd. V. S. 408. vgl. 1849. Bd. II. S. 590. 



Bau der Lymphdrüsen. 207 

einer Lymphdrüse dächte; meist ist die Anschauung von KöUi- 
ker acceptirt, dass die Lymphdrüsen den Strom der Lymphe 
unterbrechen, indem das Lymphgefäss, während es seine Wandungen 
verliert, sich in das Parenchym der Drüse auflöst und erst aus 
demselben sich wieder zusammensetzt. Man kann dieses Verhält- 
niss nicht wohl anders vergleichen, als mit einer Art von Filtrir- 
apparat, etwa wie wir ihn im Kohlen- oder Sandfiltrum be- 
sitzen. 
» 

Wenn man eine menschliche Lymphdrüse durchschneidet, so 
bekommt man häufig eine Bildung zu Gesicht, wie von einer 
Niere. Da, wo die zuführenden Lymphgefässe sich auflösen und 
in die Drüse eintauchen, also an dem der Peripherie des Körpers 
oder des betreffenden Organs zugewendeten Umfange liegt eine der- 
bere Substanz; halb umschlossen von derselben findet sich auf 
der inneren oder centralen Seite der Drüse eine Art von Hilus, 
an dem die Lymphgefässe die Drüse wieder verlassen. Derselbe 
ist erfüllt durch ein maschiges Gewebe von oft deutlich areolärem 
oder cavernösem Bau, in welches neben den Vasa lymphatica 
efferentia Blutgefässe eingehen, um von da weiter in die eigent- 
liche Substanz einzudringen. KöUiker hat darnach eine Rinden- 
und Marksubstanz unterschieden; indess ist die sogenannte Mark- 
substanz häufig katmi noch drüsiger Natur. Letztere findet sich 
wesentlich an der Rinde, welche bald mehr, bald weniger dick ist. 
Man thut daher am besten, wenn man jenen Theil einfach den 
Hilus nennt, da aus- und einführende Gefasse dicht zusammenliegen, 
gerade so, wie im Hilus der Niere einerseits die Dreteren und 
Venen abführen, die Arterien zuleiten. Das eigentliche Parenchym 
der Drüse, die Substantia propria derselben (adenoide Substanz 
His) ist hauptsächlich in dem peripherischen Theile (der Rinden- 
substanz) enthalten. 

An diesem unterscheidet man, falls die Druse einigermaassen 
gut entwickelt ist (und in einzelnen Fällen pathologischer Ver- 
grösserung wird dies besonders deutlich), schon mit blossem Auge 
kleine, neben einander gelegene, rundliche, weisse oder graue 
Körner (Fig. 70, A^ F F). Ist eine massige Blutfulle vorhanden, 
so erkennt man ziemlich regelmässig um jedes Korn einen rothen 
Kranz von Gefässen. Diese Kömer hat man seit langer Zeit 
Follikel genannt, aber es war zweifelhaft, ob es besondere Bil- 
dungen seien, oder blosse Windungen des Lymphgefässos, welche 



208 Neuntes Ckpit«!. 

■''«■ "■ an die Oberflftche treten. Bei einer 

■^ feineren mikroskopischen Unterau- 

chnng nnterscbeidet man leicht die 
eigentliche (drüsige) Sabst&nz der 
Follikel voD dem faeerigen Maschen- 
oder Balkenwerk (Stroma, Trabe- 
keln), welches dieselben umgrenzt 
j nnd welches nach anssen conti- 

nnirlich mit dem Bind^ewebe der 
Capsel zusammenhängt. Die innere 
Substanz besteht überwiegend ans 
Haufen kleiner Knndzellen (L y m p h - 
drüseokürperchen), die ziem- 
lich lose liegen, eingescblosseu in 
ein feines Netzwerk von sternförmigen, oft kernhaltigen Balken 
(Reticulum). Letzteres ist zuerst von Kftlliker nachgewiesen 
and nnter meiner Leitung von 6. Eckard*) genauer verfolgt wor- 
den, der den Anscblasa desselben an die Blutcapillarea dargelegt 
hat. VoD den Lymphgef^ssen kommt innerhalb des Stroma's nur 
wenig zu Tage; injicirt man eine Drüse, so geht die Injections- 
masse in die sogenannten Follikel selbst hinein. Untersucht man 
eine Gekrösdrüse w&hrend der Chylification, also vielleicht 4 — 5 
Stunden nach einer fettreichen Mahlzeit, so erseheint ihre ganze 
Substanz weiss, vollständig milchig; das Mikroskop zeigt feiokOr- 
niges Cbylusfett überall zwischen den zelligen Elementen der Fol- 
likel. Der Strom der Lymphe muss sich also zwischen den Drft- 
senzellen durchdrängen; eine freie offene Bahn existirt eigentlich 
gar nicht. Die Drüsenzelleo sind in den Hascbenränmen zusam- 
mengedrängt, im Umfange loser, im Innern dichter, wie die Theil- 
chen in einem EoblenGltrum, so dass die Lymphe gleichsam Gltrirt 



Fi|;. 70. Da rcb schnitte durch die Einde menschlicher Gekrös - Dröten. 
A. Schw&che Verfcrüsserunit der ganz«a Rinde: P Umgebendes Fettgewebe tud 
Cap«e], durch welche Blutf^ifisse r, c, p eintreten. F, F, F Follikel der DrÜM, 
in «elcbe sich die BlutRe^se zum Theil einsenken, bei >, ■ das die Follikel 
trennende Zwischengewebe (ätroma). 

B. Stirkere Veri^rüssening (^80 mal). C dt» parallel -fibrillire Gewebe ihr 
Capsel. n, a das Beliculum, zum Theil leer, tum Theil mit dem keniigen Inhalt 
erfüllL Das Ganu stellt den äusseren Abschnitt eines Follikels dar. 

*) G. Eckard: De glaDdulamm lymphatieanuD (tmctura- Diu. tnang. 
Berol. I8j8 p. 12. Fig. l-III. 



Durchstromung der Lymphdrasen. 209 

ond gereinigt auf der anderen Seite wieder hervorquillt. Die Fol- 
likel sind demnach als Räume zu betrachten, die mit zelligen 
Elementen erfüllt, aber von einem vielbalkigen Reticulum durch- 
setzt sind. Sie können nicht als Windungen oder Erweiterungen 
der Lymphgefässe gelten; im Gegentheil, sie unterbrechen die 
offenen Lympbbahnen, und zwar um so vollständiger, je stärker 
sie entwickelt sind. Aber sie haben keineswegs, wie der äussere 
Anschein vermuthen lässt, eine kugelige Gestalt, sondern sie bil- 
den längere, strangartige, unter einander zusammenhängende Züge, 
welche gegen die Rinde hin dicker werden und rundlich endigen. 
Das sind die sogenannten Markschläuche (His), Markstränge 
(KOlliker) oder Follicularstränge (v. Recklinghausen). 

Durch die sorgfältigen Untersuchungen von His und Frey 
ist neuerlich der Nachweis gefuhrt, dass die eintretenden Lymph- 
gefässe sich nicht ganz und gar in die Follikel auflösen, sondern 
dass sie, indem sie ihre besonderen Wandungen einbüssen, sich 
in sinuöse oder lacunäre Räume (Spalten) verlieren, welche im 
Umfange der Follikel gelegen, aber 'gegen das Innere derselben 
nicht abgeschlossen sind. Auch besteht nach Frey durch Ver- 
mittelung dieser Sinus oder Lacunen eine offene Verbindung zwi- 
schen eintretenden und austretenden Lymphgefässen. Indess 
muss man gerade bei den Lympdrüsen sehr vorsichtig sein, die 
comparativ - anatomischen Erfahrungen ohne Weiteres in die 
menschliche Anatomie zu übertragen. Bei manchen Säugethieren, 
namentlich beim Rind, sind die Randsinus allerdings ziemlich 
gross, und obwohl auch sie durch ein Reticulum durchzogen und 
keineswegs frei von Zellen sind, so mag immerhin ein freierer 
Durchgang durch die Drüse bestehen. Beim Menschen dagegen 
sind die Randsinus viel enger und nicht einmal constant vor- 
handen, so dass eine so scharfe Grenze zwischen den sogenannten 
Mariesträngen und den Lymphbahnen, wie bei manchen Säuge- 
thieren, nicht zu erkennen ist. 

Jedenfalls kann darüber kein Zweifel bestehen, dass die 
Lymphe, indem sie sich durch die engen Spalten des Drüsenge- 
webes hindurchzwängt, aus demselben einen Theil der Parenchym- 
zellen ablöst und mit sich fortschwemmt. Die eintretende Lymphe 
ist verhältnissmässig arm an Zellen*), die austretende dagegen sehr 



*) Gesammelte Abhandl. S. 214. 

Virebow, CelluUr-Palhol. 4. Aut. ^^ 



210 Neuntes Gapitel. 

reich. Diese Zellen erscheinen znoächst in der Lymphe als Lymph- 
körperchen, im Ghylns als Ghylnskörperchen, später im 
Blnte als farblose Blutkörperchen. Ueber diesen Znsammen- 
hang besteht kaum noch ein Streit. Aber man darf die Identifi- 
cimng nicht übertreiben, wie es jetzt so häufig geschieht. Auch 
die einzelne Epidermiszelle war einmal eine Zelle des Rete Mal- 
pighii; nichtsdestoweniger ist sie so sehr verändert, dass man sie 
nicht mehr eine Rete -Zelle nennen darf. Genau so verhält es 
sich auch hier. Wenn eine Lymphdrusenzelle (Parenchymzelle) zu 
einem Lymphkörperchen (Flüssigkeitszelle) wird, so verändert sie 
sich, und wenn ein Lymphkörperchen zu einem farblosen Blut- 
körperchen wird, so verändert es sich wiederum, so dass ein 
Lymphdrusenkörperchen von einem Lymphkörperchen und beide 
von einem farblosen Blutkörperchen regelmässig verschieden sind. 

Freilich gibt es Fälle, wo die Eörperchen fast unverändert 
bleiben, trotzdem dass sie die Drüsen verlassen und in Lymphe 
und Blut übergehen. Schon bei einfacheren Reizungsvorgängen 
finden sich zuweilen Elemente in grosser Zahl im Blute (Fig. 66), 
welche viel mehr den Lymphkörperchen oder den Lymphdrüsen- 
zellen gleichen, als den gewöhnlichen farblosen Blutkörperchen. 
Noch viel auffälliger ist dies bei der lymphatischen Leukämie 
(Lymphämie), und gerade deshalb ist diese so ausserordentlich 
lehrreich. Aber aus diesen Ausnahmefällen darf man nicht die 
Regel machen. Regel ist vielmehr, dass die Drüsenzelle, welche 
fortgeführt wird (auswandert?), ihre Eigenschaften ändert, und 
zwar um so mehr, je weiter sie im Strome der Lymphe und des 
Blutes fortgeführt wird. Daher ist es höchst bedenklich, die farb- 
losen Blutkörperchen einfach Lymphkörperchen zu nennen; mit 
eben so viel Recht könnte man die Lymphdrüsenzellen farblose 
Blutkörperchen heissen. 

Die Parenchymzellen der Lymphdrüsen sind unter sich ziem- 
lich verschieden. Sie konmien jedoch sämmtlich darin überein, 
dass sie verhältnissmässig grosse, granulirte, mit einem oder 
mehreren Eernkörperchen versehene Kerne haben. Diese Keine 
sind ganz überwiegend einfach. Man sieht sie in den Zellen schon 
ohne besondere Zusätze, doch macht Essigsäure sie noch deutli- 
cher. Ueberaus häufig findet man sie „nackt" (Fig. 71, A^ a), 
ohne Zellkörper, denn der letztere ist sehr gebrechlicher Natnr 
und wird bei der Präparation leicht zerdrückt oder aufgelöst. Bei 



Lymphdrüsen- und Lymphlörperchen. 211. 

Flg. 71. 

B 

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9 



@^®! 




vorsichtiger Behandlung findet *man die Kerne von Zellkörpem 
umhüllt, doch sind diese oft so klein, dass sie nur schmale S&ume 
um die Kerne darstellen (Fig. 71, A^ b). Der Kern, wenngleich 
klein, erscheint dann unverhältnissmässig gross in der klei- 
nen Zeile. — Diese Art von Elementen ist die vorherrschende. 
Daneben finden sich jedoch in allen Lymphdrüsen auch grössere, 
mit stärker entwickeltem Leibe, aber immer bleibt der Kern ver- 
b&ltnissmässig gross: er wächst mit der Zelle (Fig. 71, Z?, c). 

Nur diese letztere Form stimmt einigermaassen mit den Zel- 
len der Lymphe überein. Denn auch diese sind verhältnissmässig 
grosse, überwiegend einkernige Zellen, deren grosser körniger 
Kern einen oder mehrere Nucleoli zeigt. Aber der Zellkörper ist 
meist umfangreicher, und er hat so sehr an Dichtigkeit gewonnen, 
dass die Kerne undeutlicher werden. Noch viel mehr ist dies der 
Fall bei den farblosen Blutkörperchen, deren dichter, stark gra- 
nulirter Körper die Kerne ganz verhüllt, so dass erst durch Rea- 
gentien oder durch Wasserimbibition dieselben sichtbar gemacht 
werden müssen. Werden sie aber sichtbar, so sind sie mehrfach, 
in der Regel 3 — 7 an der Zahl, glatt und gänzlich ohne 
Kernkörperchen. Was nach Einwirkung von Essigsäure zu- 
weilen als ein Kernkörperchen erscheint, das erweist sich bei 
stärkerer Yergrösserung als eine kleine Delle an der Kern- 
oberfläche (Fig. 72, A c Xk. e^ B b n. c). 

Ich verstehe daher in der That nicht, wie selbst sehr geübte 
Beobachter in der neueren Zeit alle diese Zellen einfach „identi- 



Fig. 71. Lymphkörperchen aus dem Innern der Lymphdrüsen - Follikel. 
A. Die Kewöbnlicben Elemente: a nackte Kerne, mit und ohne Kernkörperchen, 
einfach und getheilt. h Zellen mit kleineren und grösseren Kernen, die Membran 
dem Kern sehr eng anliegend. B. Vergrösserte Elemente aus einer hyper- 
plastischen Bronchialdrüse bei variolöser Pneumonie (vgl. bei Fig. G4. die zuge- 
hörigen farblosen Blutkörperchen), a grössere Zellen mit Körnern und einfachen 
Kernen. 6 keulenförmige Zellen, c grössere Zellen mit grösserem Kern und 
Kernkörperchen. d Kemtheilung. e keulenförmige Zellen in dichter Aueinandcr- 
lagerung (Zeilentheilung?). C Zellen mit endogener Brut. Vergr. 300. 

14* 



212 Neuntes Capitel. 

ficiren^. Wie sollte man denn Eiter in einer Lymphdrüse erken- 
nen, wenn die Parenchymzellen derselben mit farblosen Blutkör- 
perchen identisch wären? Das farblose BlntkOrperchen war einmal 
eine Lymphdrüsenzelle, aber es hat vollständig aufgehört, dies zu 
sein, nachdem es sich eben zu einem Blutkörperchen entwickelt 
hat, nachdem sein Kern sich getheilt und wesentlich verändert, 
sein Körper sich vergrössert und verdichtet hat Ja, ich finde es 
so sehr verändert, dass ich leichter begreife, wenn jemand seine 
Abstammung aus der Drüse bezweifelt. Wenn ich trotzdem daran 
festhalte, dass das Drüsenparenchym die Matrix der farblosen 
Blutkörperchen ist, so geschieht es im Hinblick auf die Erschei- 
nungen, welche eine gereizte Drüse darbietet. Hier zeigen sich 
auch im Drüsenparenchym nicht nur vergrösserte Zellen, sondern 
man sieht auch fortschreitende Kern- und Zellentheilungen (Fig. 
71, By (f, e). Zuweilen kommen vielkemige Zellen vor und ein- 
zelne Erscheinungen scheinen für endogene Neubildung (Fig. 71, C) 
zu sprechen. Mit zunehmender Reizung werden diese Vorgänge 
immer deutlicher. Je mehr die Drüsen sich vergrössem, um so 
zahlreicher werden die zelligen Elemente, welche in das Blut über- 
gehen, um so grösser und um so mehr entwickelt pflegen auch 
die einzelnen farblosen Zellen des Blutes selbst zu sein. 

Dasselbe Verhältniss scheint bei der Milz obzuwalten. Ur- 
sprünglich haben wir uns Alle gedacht, dass die Venen die Wege 
darstellten, auf welchen die farblosen Körper die Milz verlassen, 
aliein die Verhältnisse sind hier so schwierig, dass eine bestimmte 
Aussage kaum gemacht werden kann. Nach den Untersuchungen 
von Wilhelm Müller scheint es, dass ähnliche Unterbrechungen, 
wie man sie von der Wand der Milzvenen mancher Säugethiere 
schon länger kennt, auch in den Milzcapillaren vorkommen, und 
dass die Wand der letzteren ebenfalls eine siebförmige Beschaffen- 
heit annimmt, welche den Zugang zu einem wandungslosen Systeme 
von Gapillarspalten innerhalb der Pulpa gestattet. Hier würde 
denmach das Blut in einen unmittelbaren Contakt mit den Zellen 
der Pulpa kommen, und erst, nachdem es dieses ,}intermediäre^ 
Kanalnetz passirt hat, in die gleichfalls siebfarmigen Anfänge der 
Venen übertreten. Unter solchen Verhältnissen, wie ich sie schon 
vor Jahren eingehend erörtert habe*), würde allerdings aoch der 



•) Archiv 1848. II. 505. 1853. V. VH. 



Bildung der rothen Blutkörperchen. 213 

Uebergang von Pulpazellen in den Blntstrom keine Schwierigkeit 
haben. Andererseits kennt man sowohl an der Capsel der Milz, 
als an den Gefässscheiden im Innern derselben Lymphgefässe, nnd 
es ist daher die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass auch auf 
diesem Wege Milzelemente den circulirenden Säften zugeführt 
werden. Indess Iftsst sich nicht verkennen, dass die Beschaffenheit 
der Zellen in der lienalen Leuk&mie (Splenftmie) mehr für die 
Abstammung derselben aus der Pulpa und demnach für ihre Ein- 
wanderung in die Blutgefässe spricht. Denn in der Pulpa selbst 
sind überhaupt keine Lymphgefässe bekannt. 

Dabei ist jedoch eine erhebliche Schwierigkeit nicht zu ver- 
schweigen. Die Pulpazellen sind überwiegend grössere, mit einem 
einfachen, granulirten Kern und Kemkörperchen versehene Ele- 
mente, wie sie selbst in der Milz veno nicht die Mehrheit bilden. 
Wenngleich diese Zellen den Lymphkörperchen näher stehen, so 
fehlt ihnen doch die Zeit, sich in farblose Blutkörperchen umzu- 
bilden, da sie direkt in das Blut übergehen müssten, während die 
Lymphkörperchen einen verhältnissmässig langen Weg bis zum 
Blute zu durchlaufen haben. Es müsste also die Umbildung schon 
in der Milz selbst geschehen. Vorläufig lässt sich darüber ebenso 
wenig ein sicheres ürtheil abgeben, wie über die Frage, wo für 
gewöhnlich die Umbildung der farblosen Eörperchen 
in rothe geschehe? 

Dass eine solche geschieht, wissen wir aus der Geschichte 
des Blutes bei niederen Wirbelthieren und beim menschlichen 
Embryo, sowie aus einzelnen Beobachtungen beim erwachsenen 
Menschen. Der Zellkörper (Zelleninhalt) farbloser Eernzellen wan- 
delt sich nach und nach in die rothe Hämoglobinsubstanz um, und 
der Kern verschwindet. Aber dies geschieht regelmässig an ein- 
kernigen Elementen, und daher habe ich von Anfang an den Satz 
vertheidigt, dass die mehrkemigen farblosen Blutkörperchen zu 
einer solchen Umwandlung nicht bestimmt seien, dass sie viel- 
mehr indifferente Gebilde darstellen, welche zum Untergange be- 
stimmt sind*). In der That habe ich schon in meinem ersten 
Falle von Leukämie an ihnen Fettmetamorphose deutlich beob- 
achtet**), und Reinhardt hat diesen Vorgang bestätigt ***). Die 



*) Gesammelte Abhandlungen. S. 217. 
••) Froriep's Neue Notizen. 1845. Nov. No. 780. 
•••) Archiv 1847. I. 65. 



214 Neuntes Capitel. 

eigenthümlich rothe Farbe der Milzpulpa und die Eigenschaft des 
Lympbdrusenparenchyms , an der Luft eine brämilichrothe Farbe 
anzunehmen, sind mir als Anzeichen dafür erschienen, dass diese 
Oi^ane auch zn der Erzeugung des Blutfarbstoffes in einem nä- 
heren Verhältnisse stehen mnssten. 

Durch die neueren Untersuchungen von Neumann, Bizzo- 
zero und Wald ey er ist die Aufmerksamkeit noch auf einen 
dritten Ort, das Knochenmark, gelenkt worden, welchem ähn- 
liche Beziehungen zur Blntbildung zugeschrieben wurden. In der 
That zeigt das rothe Knochenmark neben ungewöhnlich grossen 
venösen Gefässen zahlreiche Rundzellen, unter denen neben über- 
wiegend einkernigen auch nicht selten mehrkemige gesehen wer- 
den. Dass unter gewissen Umständen auch von hier aus eine Zu- 
fuhr zum Blute geschehen mag, ist nicht unwahrscheinlich. In- 
dess scheint mir eine regelmässige Beziehung um so weniger 
wahrscheinlich, als beim Erwachsenen, wo gerade am meisten ein 
Bedfirfniss zu solcher Einfuhr vorliegt, das Mark der meisten 
Knochen in Fettgewebe übergeht, und nur gewisse Abschnitte der 
Spongiosa sich in dem früheren, kleinzelligen Zustande erhalten. 

Ungleich bedeutungsvoller dagegen könnte das Verhältniss der 
Lymphgefässe zu den Geweben auch für diese Frage werden. Bei 
manchen Thieren, und gerade bei unserem gewöhnlichen Versuchs- 
thiere, dem Frosche, fehlen Lymphdrüsen eigentlich gänzlich, und 
wenn man forscht, woher hier die farblosen Blutkörperchen stammen, 
so kommt man leicht auf dieselbe Antwort, die wir f&r das Fibrin 
gegeben haben, nehmlich dass das Gewebe selbst und zwar vor- 
wiegend das Bindegewebe und seine Aequivalente die Quelle ent- 
halte. Alsbald, nachdem ich die Bindegewebskörperchen nachge- 
wiesen hatte, sprach ich die Meinung aus, dass dieselben mit den 
Anfängen der Lymphgefässe in ähnlicher Weise zusammenhängen, 
wie die Lymphdrüsen *), und bald nachher wies ich in einem Falle 
von cougenitaler Makroglossie ^ unmittelbare Uebergänge von Wu- 
cherungsheerden der Bindegewebskörperchen zu grossen Lymph- 
gefilssen nach. Die schönen Untersuchungen v. Recklinghau- 
sen's haben diesen Zusammenhang für zahbeiche Orte des Kör- 
pers dargethan, nur dass nach der Ansicht dieses Forschers nicht 



•) Würzb. Yerhandl. 1855. II. 150, 3U. Gesammelte Abhandl. S. 136. 
••) ArchW VIL 132. 



Die Lymphgefasse. 215 

die BindegewebskOrperchen selbst, sondern nur die von ihnen ein- 
genommenen Räume nod Eanälchen in offener Verbindung mit 
den Lymphgefässen stehen, — eine Differenz, welche mit der 
früher erörterten Frage zusammenhängt, ob die Wandungen der 
Höhlen, in welchen sich die Bindegewebskörpercben befinden, zu 
den in ihnen enthaltenen Zellen gehören, oder nicht (S. 139). 
Die Beobachtungen Chrzonszczewski's fiber die Füllung der 
Bindegewebskörpercben und der Lymphgefasse von Hühnern, detien 
die Ureteren unterbunden sind, mit hamsauren Salzen, selbst die 
Erfahrungen von Eöster über den Nabelstrang sprechen sehr 
zu Gunsten meiner Auffassung, indess will ich dieselbe hier nicht 
betonen, da es für die Untersuchung über den Ursprung der 
Lymphe nicht von entscheidender Bedeutung ist, zu welcher von 
beiden Meinungen man sich bekennt. Besteht überhaupt ein un- 
mittelbarer Zusammenhang, so ist auch eine Ueberwanderung der 
Bindegewebskörpercben oder ihrer Tochterzellen in den Lymph- 
strom zulässig. 

Die grösseren Lymphgefasse, welche eigentlich so genannt 
werden, bestehen, wie die Blutgefässe, aus mehreren Häuten, 
einer bindegewebigen, mit elastischen Theilen stark durchsetzten 
Intima, einer muskulösen Media und einer gleichfalls bindegewe- 
bigen Adventitia. Die innere Oberfläche ist von einem feinen Plat- 
tenepithel überzogen. Die Lymphgefasse sind daher in hohem 
Maasse contraktil. Bei Versuchen an dem Körper eines Hinge- 
richteten, die ich mitEöUiker anstellte*), fanden wir, dass sich 
auf elektrische Reizung peripherische Lymphgefasse bis zum Ver- 
schwinden ihres Lumens, und zwar auf lange Zeit zusammenzogen. 
Bei dem Reichthum dieser Lymphgefasse an Klappen kann solchen 
Contractionen , wie denen gewisser Venen, allerdings ein propul- 
sorischer Einfluss auf den Flüssigkeitsstrom zugesprochen werden. 

Verfolgt man die Lymphgefasse gegen die Peripherie, so 
kommt man zu Verästelungen, welche immer enger werden und 
schliesslich nur noch mikroskopisch erkannt werden können. Von 
ihnen sind am längsten das centrale Chylusgefäss der Darmzotten 
und die kleinen Lymphwurzeln im Schwänze der Froschlarve be- 
kannt. Erst durch v. Recklinghausen ist in zahlreichen Thei- 
len ein reiches Netz von Lymphbahnen entdeckt worden, welches 



*) Zeitschrift für wiss. Zoologie. 1851. 111. 40. 



216 Neuntes Capitel. 

gar keine andere Wand mehr bat, als ein überang dünnes und 
durcbsichtiges Plattenepitbel, das nur durch künstliche Färbun- 
gen, am besten durch Silbernitrat, sichtbar gemacht werden 
kann. Gerade in bindegewebigen Theilen, und zwar sowohl im 
weichen, namentlich interstitiellen Bindegewebe, als auch in har- 
ten, sehnigen und aponeurotiscben Theilen bildet dasselbe zum 
Theil sehr weite und zahlreiche Gan&le von grosser Unregelmässig- 
keit und Veränderlichkeit der Wandungen. Diese lymphati- 
schen Capillaren sind es, welche mit dem Röhrensystem des 
Bindegewebes und seiner Aequivalente in offener Verbindung ste- 
hen und daher für die Abfuhr der Produkte des Bindegewebes die 
natürlichen Wege darstellen. 

Gewiss ist es daher unrichtig, wenn man in der Lymphe nur 
den für die Ernährung der Gewebe unbrauchbaren oder wenigstens 
unbenutzten Rest der aus den Blutcapillaren transsudirenden £r- 
näbrungssäfte sieht. Lymphgefässe sind an manchen Theilen, welche 
sehr arm an Blutgefässen sind, überaus reichlich, und umgekehrt an 
manchen Theilen, welche dicht voll von Blutgefässen stecken, sehr 
spärlich. Ist die Lymphe, wie der Ghylus, der ja doch nur eine mo- 
dificirte Lymphe darstellt, eine zur Bildung und zur Regeneration 
des Blutes dienende Flüssigkeit, so lässt sich auch erwarten, dass 
gerade das Bindegewebe, welches überwiegend die Wurzeln der 
Lymphgefässe und daher die Quellen der Lymphe enthält, einen 
entscheidenden Einfluss darauf ausübt, und man darf in dem Be- 
streben, das blosse Communications- Verhältniss der verschiedenen 
Röhrensysteme festzustellen, nicht übersehen, dass ohne die in 
demselben befindlichen Zellen diese Röhrensysteme keine Bedeutung 
mehr haben würden. In den letzten Jahren hat man in der Lymphe 
immer mehr eine recrementiti eile Flüssigkeit gesehen, welche 
die verbrauchten Stoffe in die allgemeine Blutbahn überführt, da- 
mit sie von da durch die Secretionsorgane ausgeschieden werden; 
es ist Zeit, dass wir wenigstens zum Theil zu der Auffassung 
Hewson's von der plastischen Natur der Lymphe zurück- 
kehren. 



Zehntes Capitel. 

Pyämie und Lenkocytose. 



Vwgleieb d«r farbloMO Blot- nod BlterkSrpercbeo. Die physiologisch« Biterresorptlon : di« an- 

▼ollstiodig« (InspissatioD , kisig« Umwandlang) und dl« voUst&ndige (FettmeUmorphos«, 

mUehlge Umvnndlnng). Intravatation von Blt«r. 
Biter In Ljmphg«fiss«n. Di« Hemmong der Stoff« in den Lymphdrasen. Il«ehanlsche Trennang 

(Filtration); Tittowintngsfarb«n. Mo;;l{cbes Darehkriechen der Eiterkörperchen. Chemische 

Tr«Banng (Attnedon): Krebs, Syphilis. Di« Reiinng der Lymphdrfisen and ihr« Bedentang 

far die L«akocytos«. 
Dl« (physiologische) dig«stiT« ond pa«rperAl« Leakocytos«. Die pathologisch« Lsakocytos« (Sero- 

falos«. Typhos, Kr«bs, Brysip«!). 
DI« lymphoidon Apparat«: solitir« und P«y«rsche Follikel des Darms. Tonsillsn and Zong«n 

follik«!. Thymns. Ilili. 
Völlig« Zarackw«isang d«r Pyamie als morphologisch nachwoisbarer Dyscrasie. 



An die ErwäguDgen des vorigen Gapitels schliesst sich mit ein- 
dringlicher Noth wendigkeit die Frage von der Pyämie an, nnd 
da dies nicht bloss ein Gegenstand von der grössten praktischen 
Bedentang ist, sondern derselbe anch zn den wissenschaftlich am 
meisten streitigen zn rechnen ist, so dürfte es wohl gerechtfertigt 
sein, näher anf seine Besprechung einzugehen. 

Was soll man unter Pyämie verstehen? In der Regel hat 
man sich gedacht, es sei dies ein Zustand, wo das Blut Eiter 
enthalte. Man hat ihn daher auch geradezu purulente Infection 
oder Eitervergiftung genannt. Da aber der Eiter wesentlich 
durch seine morphologischen Bestandtheile charakterisirt wird, so 
handelte es sich natürlich darum, im Blute die Eiterkörperchen 
zu zeigen. Das hat man denn auch redlich versucht, und mancher 
Beobachter glaubte es geleistet zu haben. Nachdem wir jedoch 
erfahren haben, dass die farblosen Blutkörperchen in ihrer ge- 
wöhnlichen Erscheinung, bei Leuten im besten Gesundheitszu- 



218 Zehntes Gapitel. 

Stande, den Eiterkörperchen ganz ähnlich sind (S. 183), so fällt 
damit von vornherein eine wesentliche Yoranssetznng dieser Nach- 
weise weg. Um indess einigermaassen Klarheit in den Gegenstand 
zn bringen, ist es nothwendig, auf die verschiedenen Gesichts- 
punkte, welche hierbei in Betracht kommen, im Einzelnen einzu- 
gehen. 

Die farblosen Blutkörperchen sind zum Verwechseln den 
Eiterkörperchen ähnlich, so dass, wenn man in einem mikrosko- 
pischen Objecto solche Elemente antrifft, man nie ohne Weiteres 
mit Sicherheit angeben kann, ob man es mit farblosen Blutkör- 
perchen oder mit Eiterkörperchen zu thun hat*). Fruherhin hatte 
man, vielfach die Ansicht, dass die Bestandtheile des Eiters im Blute 
präexistirten, dass der Eiter nur eine Art von Secret aus dem Blute 
sei, wie etwa der Harn, und dass er auch, wie eine einfache 
Flfissigkcit, in das Blut zurückkehren könne. Diese Ansicht er- 
klärt die Auffassung, welche in der Lehre von der sogenannten 
physiologischen Eiterresorption, d. h. der Resorption von 
Eiter zum Zwecke der Heilung, sich so lange erhalten hat. 

Man stellte sich vor, dass der Eiter von einzelnen Punkten 
her, an welchen er abgelagert war, wieder in das Blut aufge- 
nommen werden könne, und dass dadurch eine günstige Wendung 
in der Krankheit eintrete, insofern der aufgenommene Eiter end- 
lich aus dem Körper entfernt werde. Man erzählte, dass bei 
Kranken mit Eiter im Pleurasäcke die Krankheit sich durch eite- 
rigen Harn oder eiterigen Stuhlgang entscheiden könne, ohne dass 
ein Durchbruch des Eiters von der Pleura her in den Dann oder 
die Hamwege vorhergegangen sei. Man Hess also die Möglichkeit 
zu, dass durch die circulirenden Flüssigkeiten Eiter in Substanz 
aufgenommen und weggeführt werden könnte. Späterhin, als die 
Lehre von der purulenten Infection mehr und mehr aufkam, hat 
man diesen (vorausgesetzten) Fall unter dem Namen der physio- 
logischen Eiterresorption von der pathologischen unterschieden, 
und es blieb nur fraglich, wie man die erstere in ihrem günstigen 
und die letztere in ihrem malignen Verlaufe sich erklären sollte. 
Diese Angelegenheit erledigt sich einfach dadurch, dass Eiter 
als Eiter nie resorbirt wird. Es gibt keine Form, in der 
Eiter in Substanz auf dem Wege der Resorption verschwinden 



*) Archiv. I. 242. Gesammelte Abhandl. 161, 223, 645. 



Unvollständige Eiterresorption. 219 

könnte; immer sind es die flussigen Tbeile des Eiters, welche 
aufgenommen werden, und daher lässt sich dasjenige, was man 
Eiterresorption nennt, auf folgende zwei Möglichkeiten zurück- 
führen: 

Im einen Falle ist der Eiter mit seinen Eörperchen zur Zeit 
der Resorption mehr oder weniger intact vorhanden. Dann wird 
natürlich in dem Maasse, als Flüssigkeit verschwindet, der Eiter 
dicker werden. Es ist dies die allbekannte Eindickung (In- 
spissation) des Eiters, wodurch dasjenige erzeugt wird, was die 
Franzosen „pus concreto nennen*). Dieses stellt eine dicke Masse 
dar, welche die Eiterkörperchen in einem geschrumpften Zustande 
enthält, nachdem nicht bloss die Flüssigkeit zwischen den Eiter- 
körpereben (das Eiterserum), sondern auch ein Tbeil der Flüssig- 
keit, die sich in den Eiterkörperchen befand, verschwunden ist. 

Der Eiter besteht seinem Haupttheile nach aus kleinen, farb- 
losen Rundzellen, welche im gewöhnlichen Zustande eine dicht an 



Flg. 73. 



a 



b ^ r rf 








a 



c 






o&s- 




der anderen liegen (Fig. 72, C.\ und zwischen welchen sich eine 
geringe Masse von Intercellularflüssigkeit (Eiterserum) befindet. 
Die Eiterkörperchen selbst enthalten gleichfalls eine grosse Menge von 
Wasser und sind deshalb von sehr geringem, specifiscbem Gewichte; 
fast jeder Eiter, mag er auch im frischen Zustande sehr dick aus- 
sehen, hat doch einen so grossen Antheil von Wasser, dass er bei 



Fig. 72. Eiter. A. Eiterkörperchen, a frisch, 6 mit etwas Wasserzusatz, 
c — € nach Essigsäure-Behandlung, der Inhalt klar geworden, die in der Theilung 
begriffenen oder schon getheilten Kerne sichtbar, bei € mit leichter Depression 
der Oberfläche. B, Kerne der Eiterkörperchen bei Gonorrhoe: a einfacher Kern 
mit Kemkorpeicben, b beginnende Theilung, Depression des Kerns, c fortschrei- 
tende Zweitheilung, ä Dreitheilung. C. Eiterkörperchen in dem natürlichen La- 
gerungsverhältniss zu einander. Vergr. 500. 

•) Archiv I. 175, 181. 




220 Zehntes Capitel. 

der EindampfüDg viel mehr verliert, als eine entsprechende Quan- 
tität von Blut. Letzteres macht nur deshalb den Eindrack der 
grösseren Wässrigkeit, weil es sehr viel freie intercellolare, aber 
relativ wenig intracellnlare Flüssigkeit besitzt, während umge- 
kehrt beim Eiter mehr Wasser innerhalb der Zellen, weniger 
ausserhalb derselben befindlich ist. Wenn nun eine Resorption 
stattfindet, so verschwindet zunächst der grösste Tbeil der in- 
tercellularen Flüssigkeit und die Eiterkörperchen rucken näher 

aneinander; bald verschwindet aber auch ein 

Theil der Flüssigkeit aus den ZeUen selbst, 

A |A A ^^<1 ui demselben Maasse werden diese kleiner, 

#^0 ^ A^ unregelmässiger, eckiger, höckriger, bekommen 

die allersonderbarsten Formen, liegen dicht an- 
einander gedrängt, brechen das Licht stärker, 
weil sie mehr feste Substanz enthalten, und 
sehen gleichmässiger aus (Fig. 73). 

Diese Art der Eindickung ist keineswegs ein so seltener 
Vorgang, wie man oft annimmt, sondern im Gegentheil ausser- 
ordentlich häufig, und fast noch mehr wichtig als häufig. Es ist 
dies nehmlich einer von den Vorgängen, die man in der neueren 
Zeit alle unter den Begriff des Tuberkels subsumirt hat, und von 
denen namentlich durch Reinhardt gezeigt ist, dass sie zu einem 
sehr beträchtlichen Theile wirklich auf Eiter, also auf Entzündungs- 
product zurückzuführen sind. Späterhin werden wir sehen, dass 
diese Erfahrungen zu falschen Schlüssen über den Tuberkel selbst 
verwerthet worden sind ; aber dass durch Inspissation Entzündungs- 
producte in Dinge, die man, wenn auch fälschlich, Tuberkel nennt, 
umgewandelt werden können, ist unzweifelhaft. Gerade in der 
Geschichte der Lungentuberculose spielt dieser Act eine sehr grosse 
Rolle. Man denke sich die Lungenalveolen mit Eiter vollgestopft 
und lasse nun Alveole für Alveole die Inspissation ihres Inhaltes 
eingehen, so bekommt man jene käsigen Hepatisationen , welche 
man gewöhnlich unter dem Namen der Tuberkel-Infiltration 
schildert. 

Diese unvollständige Resorption, wo nur die flüssigen Bestand- 



Fig. 73. Eingedickter, käsiger Eiter, n die geächrumpften , verkleinerten, 
etwas verzerrten und mehr homogen und solid aussehenden Körperchen, b ähn- 
liche mit FettkOrucbeu. c natürliches Lagerungsverhältniss 7.u einander. Ver- 
gross. 300. 



Käsige Metamorphose. 22t 

theile resorbirt werden, lässt die Masse der festen Bestandtheile 
als Caput mortanm, als abgestorbene, nicht mehr lebensfähige 
Masse in dem Theile liegen*). Ich habe daher dem Vorgänge 
den Namen der käsigen Metamorphose (Tyrosis) beigelegt. 
Eine solche Art von Eindicknng ist es, welche in grossem Maass- 



Flg. 74. 









Stabe bei der anvollständigen Resorption plenritischer Exsudate 
eintritt, wo sehr grosse Lager von bröckliger Substanz im Pleura- 
säcke zurückbleiben; ebenso im Umfange der Wirbelsäule bei 
Spondylarthrocace, in kalten, zumal parostealen Abscessen u. s. w. 
In allen diesen Fällen ist die Resorption, sobald die Flüssigkeit 
verschwunden ist, zu Ende. Darin beruht die schlimme Bedeu- 
tung dieser Vorgänge. Die festen Theile, welche nicht resorbirt 
werden, bleiben entweder als solche liegen, oder sie können später 
erweichen, werden aber dann gewöhnlich nicht mehr Object der 
Resorption, sondern es geht meist aus ihnen eine Clceration her- 
vor. Auf alle Fälle ist das, was resorbirt wurde, kein Eiter, son- 
dern eine einfache Flüssigkeit, welche überwiegend viel Wasser, 
etwas Salze und sehr wenig eiweissartige Bestandtheile enthalten 
mag, und es kann kein Zweifel sein, dass hier eine der unvoll- 
ständigsten Formen der Resorption vorliegt. 

Die zweite Form von Eiterresorption ist diejenige, welche 
den günstigsten Fall constituirt, wo der Eiter wirklich verschwin- 
det und nichts Wesentliches von ihm übrig bleibt. Aber auch hier 
wird der Eiter nicht als Eiter resorbirt, sondern er macht vorher 
eine fettige Metamorphose durch; jede einzelne Zelle lässt fettige 
Theile in sich frei werden, zerfällt, und zuletzt bleibt nichts weiter 



Fig. 74. Eingedickter, zum Theil in der Auflösung begriffener, hämorrha- 
gischer Eiter aus Empyem, a die natürliche Masse, körnifi^en Detritus, ge- 
schrumpfte Eiter- und ßlutkörperchen enthaltend. 6 dieselbe Masse, mit Wasser 
behandelt; einzelne körnige, entfärbte Blutkörperchen sind deutlich geworden. 
c und ä nach Zusatz von Essigsäure. Vergr. 300, bei ä 520. 

•) Handb. der spec. Pathol. u. Ther. I. 282—284. Archiv XXXIV. 09. 
Geschwülste IL 593. 



222 Zehntes Capitel. 

Fi«. 79. ^i^^g ^ ^]g j}^ FettkOrner und die Zwiscben- 

flüssigkeit. Dann ist also überhaupt keine 




••Vi 





^ (£ . .f Zelle und kein Eiter mehr vorhanden ; an ihre 




•Vi» •-.•--•*.*. 



•rii^.' Stelle ist eine emulsive Masse, eine Art von 

•'.V.* '* 

Milch getreten, welche aus Wasser, etwas 
eiweissartigen Stoffen und Fett besteht, und in 
welcher man sogar mehrfach Zucker nachgewiesen hat, so dass 
dadurch eine noch grössere Analogie mit wirklicher Milch ent- 
steht. Diese pathologische Milch ist es, welche nachher zur 
Resorption gelangt, also wieder kein Eiter, sondern Fett, Wasser 
oder Salze*). 

Das sind die Vorgänge, welche man „physiologische Eiter- 
resorption^ nennen kann, eine Resorption, wo nicht Eiter als 
solcher resorbirt wird, sondern entweder nur seine flüssigen Be- 
standtheile, oder die durch eine innere Umwandlung bedeutend 
veränderte Substanz. 

Es gibt nun allerdings einen Fall, wo Eiter in Substanz das 
Object nicht gerade einer Resorption, aber wenigstens einer In- 
travasation werden und wo dieser intravasirte Eiter innerhalb 
der Gefässe fortbewegt werden kann, der nehmlich, wo ein Blut- 
gefäss verletzt oder durchbrochen wird, und durch die Oefluung 
Eiter in sein Inneres gelangt. Es kann ein Abscess an einer 
Vene liegen, die Wand derselben durchbrechen, und seinen Inhalt 
in ihre Lichtung entleeren**). Noch leichter geschieht ein solcher 
Uebergang an Lymphgefässen, welche in offene Abscesse münden. 
Es fragt sich also nur, in wieweit man berechtigt ist, diesen Fall 
als einen häufigen zu setzen. Für die Venen hat man seit De- 
cennien diese Möglichkeit ziemlich beschränkt; von einer Resor- 
ption des Eiters in Substanz durch dieselben ist man mehr und 
mehr zurückgekommen, aber von der Resorption durch Lymph- 
gefässe spricht man noch ziemlich häufig, und man hat in der 
That manche Veranlassung dazu. 

Es ist dabei ziemlich gleichgültig, ob der Eiter in Lymph- 



Fi^. 75. In der fettigen Rückbildung (Fettmetamorphose) begriffener Eiter. 
a beginnende Metamorphose. 6 Fettkömcbenzellen mit noch deutlichen Kernen. 
c Komchenkugel (Entzüudungskugel). d Zerfall der Kugel, e Emulsion, milchiger 
Dctritu8. Vergr. 350. 



•) Archiv. I. 182. 
^*) Gesammelte Abhaiidl. GOG. 



Eiter in Lymphgef&ssen. 223 

gefässe wirklich ^on aussen hereinkommt, oder, was Andere an- 
nehmen, ob er dnrcb Entzündung in den Lymphgefässen entsteht; 
schliesslich ist die Frage immer die, in wie weit ein mit Eiter 
gefülltes Lymphgefäss im Stande ist, eine Entleerung seines In- 
haltes in den circulirenden Biutstrom zu Stande zu bringen und 
die eigentliche Pyämie zu setzen. Eine solche Möglichkeit muss 
in der Regel geleugnet werden, und zwar aus einem sehr einfachen 
Grunde. Alle Lymphgefässe, welche in der Lage sind, eine solche 
Aufnahme zu er&hren, sind peripherische, mögen sie von äusser- 
lichen oder innerlichen Theilen entspringen, und sie gelangen erst 
nach einem längeren Laufe allmählich zu den Blntgefässen. Bei 
allen finden sich Unterbrechungen durch Lymphdrüsen ; und seitdem 
man weiss, dass die Lymphgefässe durch die Drüsen nicht als 
weite, gewundene und verschlungene Kanäle hindurchgehen (S. 208), 
sondern, nachdem sie sich in feine Aeste aufgelöst haben, in Räume 
eintreten, welche zum grossen Theil mit zelligen Elementen ge- 
füllt sind, so ist es an sich fraglich, ob Eiterkörperchen eine 
Lymphdrüse passiren können. 

Es ist dies ein sehr wesentlicher Punkt, und doch übersieht 
man ihn sonderbarer Weise gewöhnlich, obwohl die tägliche Erfah- 
rung des praktischen Arztes Material genug zu seiner Erledigung 
bietet. Frey glaubt neuerlichst nach den Resultaten künstlicher 
Injectionen schliessen zu können, dass auch Zellen durch die 
Lymphdrüsen hindurch fliessen könnten. Indess stimmt dies wenig 
mit der Erfahrung am Lebenden, welche vielmehr eine Hemmung 
körperlicher Partikeln in den Lymphdrüsen lehrt. Wir haben ein 
sehr hübsches Experiment in der Sitte unserer niederen Bevölke- 
rung, sich die Arme oder auch wohl andere Theile tättowiren zu 
lassen. Wenn ein Handwerker oder ein Soldat auf seinen Arm 
eine Reihe von Einstichen machen lässt, die zu Buchstaben, Zei- 
chen oder Figuren geordnet werden, so wird fast jedesmal bei 
der grossen Zahl der Stiche ein Theil der oberflächlichen Lymph- 
gefässe verletzt. Es ist ja gar nicht anders möglich, als dass, 
wenn man durch Nadelstiche ganze Hautbezirke umgrenzt, we- 
nigstens einzelne Lymphgefässe getroffen werden. Darauf wird 
eine Substanz eingeschmiert , welche in der Körperflüssigkeit un- 
löslich ist, Zinnober, Eohlenpulver oder dergl., und welche, indem 
sie in den Theilen liegen bleibt, eine dauerhafte Färbung derselben 
bedingt. Allein bei dem Einstreichen gelangt ein gewisser Theil 



224 ZebntBt CBpitel. 

der Partiketchen in Lympbgefilsse, wird trotz seiner Schwere vom 
Lymphstrome fortbewegt and gelangt bis za den nächsten Lympb- 
drösea, wo er abfiltrirt wird. Man siebt nie, dass sich Partikelo 
bis über die Lymphdrüsen hioans bewegen und an entferntere 
Paukte gelangen, dass sie sich etwa im Parenchym innerer Organe 
ablagern. Immer in der Däcbeten Drfisenreihe nnd zwar in der 
den eintretenden Lymphgefässen zugewendeten Rindenschicht der- 
selben bleibt die Hasse stecken, üotersacht man die infiltrirten 
Drfisen, so flberzeagt man sich leicht, dass die Grösse vieler der 
abgelagerten Partikelchen geringer ist, als die Grösse aacb des 
kleinsten EiterkOrperchens. 



[n dem Object, nach welchem die beigegebene Zeichnnng 
(Fig. 76) angefertigt worde, ist zufälliger Weise der Punkt ge- 
troffen, wo das Lymphgenas in die Oräse eintritt, nnd von wo 
es zunächst innerhalb der Bindegewebsbalken, welche sich von der 



Fi^. 76. DurcbBchnitt durch die Rinde einer Axilltrdrage bei TUlowinmi; 
der Baut dea Arne. Hau siebt toq der Rinde her ein grosses eintreteDdes G«- 
nss, das sieb leicht Bcbi&QEelt und in feine Aeste auflösL Rinf^umbar Follikel, 
die ^ossentbeils mit Binde|;e«ebe i^füllt sind. Die dnnkle feinköroiRe MasM 

stellt den ali^ielaRerten Zinnober dar. Vcri.T. SO. 



Tätlowirungsfarben in Lymphdrusen. 225 

Capsel aus zwischen die Follikel erstrecken, schranbenförmig fort- 
geht, am sich in seine Aeste aufzulösen. Da, wo diese in die 
benachbarten, hier freilich zum grossen Theile mit Bindegewebe 
erf&Uten (indurirten) Follikel übergehen, haben sie die ganze Masse 
des Zinnobers ausgeschüttet, so dass dieser noch zum Theil inner- 
halb der Zwischenbalken (Trabekel) liegt, zum TheQ jedoch in 
die Follikel selbst eingedrungen ist. Das Präparat stammt von 
dem Arme eines Soldaten, der sich 1809 die Figuren hatte ein- 
reiben lassen, und dessen Tod fast 50 Jahre später erfolgt ist. 
Weiter als bis in die äussersten Rindenschicbten 
ist nichts gekommen; schon die nächste Follikel- 
reihe enthält nichts mehr. Die Partikelchen sind 
aber so klein und der Mehrzahl nach im Yer- 
hältnisse zu den Zellen der Drüse so fein, dass 
sie mit Eiterkörperchen gar nicht verglichen 
werden können. Wo solche Körnchen nicht durch- 
gehen, wo 80 minimale Partikelchen eine Ver- 
stopfung machen, da würde es etwas kühn sein, 
zu denken, dass die relativ grossen Eiterkörperchen durchkommen 
könnten. 

Allerdings kann man sich noch auf eine Eigenschaft der Eiter- 
körperchen berufen, auf welche zuerst v. Recklinghausen die 
allgemeine Aufmerksamkeit gerichtet hat; ic^h meine ihre Fähig- 
keit zu Gestalt- und Ortsveränderungen. Man kann die Möglich- 
keit nicht bestreiten, dass eine Zelle, welche feine Fortsätze aus- 
senden und allmählich ihren ganzen Körper in diese Fortsätze 
nachziehen kann, sich durch so feine Oeflfnungen hindurchzwängen 
mag, dass sie in ihrer gewöhnlichen Gestalt, bei ihrem gewöhnlichen 
Durchmesser immer von denselben angehalten werden würde. Und 
so könnte ein „contraktiles* Eiterkörperchen aus dem Gewebe in 
ein Lymphgefäss kriechen, mit der Lymphe in eine Lymphdrüse 
geflösst werden und hier durch die engen Spalten hindurchkrie- 
chen, um in dem austretenden Lymphgefässe wieder zum Vor- 




Fig. 77. Das mit Zinnober, nach Tättowirunp: des Armes, gefüllte Reticulum 
ans einer Axillardrnse (Fi^. 76). a ein Tbeil eines interfolliculären Balkens mit 
einem Lymphgefässe; 6 ein in den Follikel tretender stärkerer Ast: c, c die 
anastomosirenden, kernhaltigen Netze; die dunklen Korner sind Zinnoberparti- 
kclcheu. Vergr. 300. 

Vlrebov. CellolarPathol. 4. Aafl. j*^ 



226 Zehntes Gapitel. 

schein zn kommen. Das ist denkbar, aber die Erfahrung spricht 
dagegen. Die Lymphdrüsen fiitriren die EiterkOrperchen ab. 

Eine Einrichtung dieser Art, wodurch in den Lymphdrüsen 
der offene Strom der Flüssigkeit unterbrochen und die gröberen 
Parükelcben in einer ganz mechanischen Weise zurückgehalten 
werden, lässt begreiflicher Weise nicht leicht eine andere Form 
der Lymphresorption von der Peripherie her zu, als die von ein- 
fachen Flüssigkeiten. Freilich würde man falsch gehen, wenn man 
die Thätigkeit der Lymphdrüsen darauf beschränken wollte, dass 
sie, wie Filtren, zwischen die Abschnitte der Lymphgefässe ein- 
geschoben sind. Offenbar haben sie noch eine andere Bedeutung, 
indem die Drüsensubstanz unzweifelhaft von der flüssigen Masse 
der Lymphe gewisse Bestandtbeile anzieht, in sich aufnimmt, zu- 
rückhält und dadurch auch die chemische Beschaffenheit der Flüs- 
sigkeit alterirt, so dass diese um so mehr verändert aus der Druse 
hervortritt, als zugleich angenommen werden muss, dass die Drüse 
gewisse Bestandtbeile an die Ly^nphe abgibt, welche vorher in 
derselben nicht vorhanden waren. 

Ich will hier nicht auf minutiöse Verhältnisse eingehen, da 
die Geschichte jeder bösartigen Geschwulst die besten Bei- 
spiele far diesen Satz liefert. Wenn eine Achseldrüse krebsig 
wird, nachdem die Milchdrüse vorher krebsig erkrankt war, und 
wenn längere Zeit hindurch bloss die Achseldrüse krank bleibt, 
ohne dass die folgende Drüsenreihe oder irgend ein anderes Organ 
vom Krebs befallen wird, so können wir uns dies nicht anders vor- 
stellen, als dass die Achseldrüse die schädlichen, von der Milchdrüse 
her aufgenommenen Bestandtbeile sammelt, dadurch eine Zeit lang 
dem Körper einen Schutz gewährt, am Ende aber insufßcient wird, 
ja vielleicht späterhin selbst eine neue Quelle selbständiger Infe- 
ction für den Körper darstellt, indem von den kranken Theilen der 
Drüse aus die weitere Verbreitung des giftigen Stoffes stattfinden 
kann.- Ebenso lehrreiche Beispiele liefert die Geschichte der Sy- 
philis, wo der Bubo eine Zeit lang eine Ablagerungsstätte des 
Giftes werden kann, so dass die übrige Oekonomie in einer ver- 
hältnissmässig geringen Weise afficirt wird. Wie Eicord zeigte, 
findet sich die virulente Substanz gerade im Innern der eigentli- 
chen Drüsensubstanz, während der Eiter im Umfange des Bubo frei 
davon ist; nur so weit als die Theile mit der zugeführten Lymphe 
in Contact kommen, nehmen sie den virulenten Stoff in sich aul 



Einfluss der Drüsenreizung auf BlutmischuDg. 227 

Wenden wir diese Erfahrungen auf die Eiterresorption aD, 
80 kann man selbst in dem Falle, dass wirklich Eiter in Lymph- 
gefässe gelangt, durchaus nicht als nächste und nothwendige Folge 
davon eine Inficirung des Blutes durch eiterige Bestandtheile er- 
Bchliessen ; vielmehr wird wahrscheinlich innerhalb der Drfise eine 
Reteution der Eiterkörperchen stattfinden, und auch die Flüssig- 
keiten, welche durch die Drüse hindurch gelangen, werden wäh- 
rend des Durchganges einen grossen Theil ihrer schädlichen Eigen- 
schaften verlieren. Secundäre Drüsen - Anschwellungen treten in 
verschiedenen Formen nach peripherischen Infectionen auf. Wie 
will man sie anders erklären, als dadurch, dass jede inficirende 
(miasmatische) Substanz, welche als eine wesentlich fremdartige 
oder, wenn ich mich so ausdrücken soll, feindselige für den Kör- 
per zu betrachten ist, indem sie in die Substanz der Drüse ein- 
dringt, von den Zellen der Drüse angesogen wird und daran jenen 
Zustand von mehr oder weniger ausgesprochener Reizung hervor- 
bringt, der sehr häufig bis zur wirklichen Entzündung der Drüse 
sich steigert? Wir werden noch später auf den Begriff der Rei- 
zung etwas genauer zurückkommen, und ich will hier nur so viel 
hervorheben, dass nach meinen Untersuchungen die Reizung 
der Lymphdrüsen darin besteht, dass dieselben in eine 
vermehrte Zellenbildung gerathen, dass ihre Follikel 
sich vergrössern und nach einiger Zeit viel mehr Zel- 
len enthalten als vorher. 

Im Verhältnisse zu diesen Vorgängen geschieht dann auch 
eine Vermehrung; der farblosen Elemente im Blute. Jede bedeutende 
acute Drüsenreizung hat eine schnelle Zunahme der Lymphkörper- 
chen im Blute zur Folge; jede Krankheit, welche Drusenreizung 
mit sich bringt, wird daher auch den Effect haben, das Blut mit 
grösseren Mengen von farblosen Blutkörperchen zu versehen, mit 
anderen Worten, "^inen leukocytotischen Zustand zu setzen. Hat 
man nun schon im Voraus die Ansicht, es sei Eiter resorbirt 
worden, und der Eiter sei die Ursache der eingetretenen Störungen, 
80 ist nichts leichter, als Zellen im Blute nachzuweisen, welche 
wie Eiterkörperchen aussehen, oft in so grosser Menge, dass man 
ihre Zusammenhäufungen (Fig. 67.) in der Leiche wie kleine Eiter- 
punkte mit blossem Auge sehen kann, oder dass sie grosse, zu- 
sammenhängende oder körnige Lager an der unteren Seite der 
Speckhaut des Aderlassblutes bilden (Fig. 69.). Scheinbar ist 

15' 



228 Zehntes Gapitel. 

dieser Beweis so überzeugend als möglich. Man hat die Voraus- 
setznng, dass Eiter in's Blnt gelangt sei; man untersucht das 
Blut und findet wirklich Elemente, die vollkommen aussehen wie 
Eiterkörperchen, und zwar in sehr grosser Zahl. Selbst wenn 
man zugesteht, dass farblose Blutkörperchen wie Eiterkörperchen 
aussehen können, ist doch der Schluss sehr verführerisch, wie man 
ihn zu wiederholten Malen in der Geschichte der Pyämie gemacht 
hat, dass die im Blute aufgefundenen Zellen ihrer grossen Menge 
wegen doch nicht als farblose Blutkörperchen angesehen werden 
könnten, sondern Eiterkörperchen sein müssten. Diesen Schluss 
machte vor Jahren Bouchut bei Gelegenheit einer Pariser Epi- 
demie von Puerperal -Fieber, welches er damals für eine Pyämie 
hielt, neuerlichst aber auf Grund derselben Beobachtung für eine 
acute Leukämie erklärte. Das ist ferner derselbe Schluss, den 
Ben nett in der zwischen uns viel discutirten Prioritätssacbe ge- 
macht hat, da er einen Fall von unzweifelhafter Leukämie einige 
Monate früher beobachtete, ehe ich meinen ersten Fall sah, und 
da er aus der „unerhört^ grossen Zahl der farblosen Eörperchen 
den Schluss zog, es handele sich um eine „Snppuration des 
Blutes"*). Freilich war dieser Schluss nicht originell, sondern ba- 
sirte sich auf die früher (S. 188) erwähnte Hämitis von Piorry, 
der sich dachte, dass das Blut selbst sich entzünde und in sich 
Eiter erzeuge, was man nachher in der Wiener Schule spontane 
Pyämie oder Eitergährung genannt hat. 

Alle diese Irrthümer sind hervorgegangen aus dem Umstände, 
dass man eine so ungeheuer grosse Zahl von farblosen Blutkör- 
perchen fand. Heutzotage ist dieser Befund eben so einfach vom 
Standpunkte der Hämatopoese aus zu erklären, wie er früher allein 
erklärlich schien vom Standpunkte der Pyämie aus. Die Reizung 
der Lymphdrüsen erklärt ohne alle Schwierigkeit die Vermehrung 
der farblosen, eiterähnlichen Zellen im Blute, und zwar in allen 
Fällen, nicht bloss in denen, wo man eine Pyämie erwartete, 
sondern auch in denen, wo man sie nicht erwartete, wo jedoch 
das Blut dieselbe Masse von farblosen Eörperchen zeigt, wie in 
der eigentlichen, dem klinischen Begriffe entsprechenden Pyämie. 

So ergibt sich, dass jede Mahlzeit einen gewissen Reizungs- 
zustand in den Gekrösdrüsen setzt, indem die Ghylus-Bestandtheile, 



•) Vergri. über die Prioritätsfrage mein Archiv V. 45, 77. VII. 174, 565. 



Physiologische Leukozytose. 229 

die denselben zngefuhrt werden, einen physiologischen Reiz für die- 
selben darstellen. Die Milch, welche wir trinken, das Fett unse- 
rer Suppen, die verschiedenen, feiner vertheilten Fette und Oele 
in unseren festeren Speisen gelangen als kleinste Eügelchen in 
die Chylusgefässe und verbreiten sich eben so, wie der Zinnober, 
in den Drüsen; aber die kleinsten Fettkömchen dringen nach 
einiger Zeit durch die Drüse hindurch. Für solche Körper besteht 
also noch eine wirkliche Permeabilität der Drüsengänge, aber auch 
sie werden eine Zeit lang zurückgehalten. Immer dauert es lange, 
ehe nach einer Mahlzeit die Gekrösdrüsen das Fett wieder völlig 
los werden, und es geschieht das Hindnrchschieben der Massen 
offenbar unter eioem verhältnissmässig grossen Drucke. Dabei 
beobachtet man zugleich eine Yergrösserung der Lymphdrüse, und 
ebenso nach jeder Mahlzeit eine Zunahme in der Zahl der farb- 
losen Eörperchen im Blute, eine physiologische Leukocytose, 
aber keine Pyämie. 

In dem Maasse, als eine Schwangerschaft vorrückt, als 
die Lymphge&sse am Uterus sich erweitem, als der Stoffwechsel 
in der Gebärmutter mit der Entwickelung des Fötus zunimmt, 
vergrössem sich die Lymphdrüsen der Inguinal- und Lumbaigegend 
erheblich, zuweilen so beträchtlich, dass, wenn wir sie zu einer 
anderen Zeit fänden, wir sie als entzündet betrachten würden. 
Diese Yergrösserung führt dem Blute auch mehr neue Partikelchen 
zelliger Art zu, und so steigt von Monat zu Monat die Zahl der 
farblosen Eörperchen. Zur Zeit der Geburt kann man fast bei 
jeder Puerpera, mag sie pyämiscb sein oder nicht, in dem defi- 
brinirten Blute die farblosen Eörperchen ein eiterartiges Sediment 
bilden sehen. Auch dies ist eine physiologische Form, welche 
fem davon ist, eine pyämische zu sein. Wenn man sich aber ge- 
rade eine Puerpera aussucht, welche Erankheits- Erscheinungen 
darbietet, die mit dem Bilde der Pyämie übereinstimmen, dann ist 
nichts leichter, als diese vielen farblosen, mehrkemigen Zellen zu 
finden, und sie für jene Eiterkörperchen auszugeben, welche nach 
der Voraussetzung gerade die Pyämie constatiren sollen. Dies 
sind Trugschlüsse, welche aus unvollständiger Eenntniss des nor- 
malen Lebens und der Entwickelung resultiren. So lange man 
sich bloss an die pyämischen Erfahrungen hält, so lange kann 
dies Alles erscheiDen wie ein grosses und neues Ereigniss, und 
man kann sich berechtigt halten, wenn man das Blut einer Wöch- 



230 Zehntes Capitel. 

nerin oatcrsncbt, zu schliettsen, sie habe schon die Pyämie, bevor 
die pyämischen Symptome auftreten. Aber man mag antersnchen, 
wann man will, so wird man stets etwas von Leukocytose finden, 
gerade so, wie es schon seit langer Zeit bekannt ist, dass sich 
bei Schwangeren sehr gewöhnlich eine Speckhant bildet, weil das 
Blnt gewöhnlich mehr von einem langsamer gerinnenden Fibrin 
zugeführt bekommt (Hyperinose). Es erklärt sich dies durch den 
vermehrten Stoffwechsel und die, entzündlichen Vorgängen so nahe 
stehenden Veränderungen im Uterinsystem, welche mit einer ge- 
wissen Reizung der zunächst damit in Verbindung stehenden 
Lymphdrüsen vergesellschaftet sind*;. 

Gehen wir einen kleinen Schritt weiter in dies pathologische 
Gebiet hinein, so treffen wir leukoc}i;otische Zustände in der 
ganzen Reihe aller der Erkraokungen, welche mit Drüsenreizung 
complicirt sind, und bei welchen die Reizung nicht zu einer Zer- 
störuDg der Drüsensubstanz führt. Im Verlaufe einer Scrofulosis, 
bei deren einigermaassen uagünstigem Verlaufe die Drüsen zu 
Grunde gehen, sei es durch Ulceration, sei es durch käsige Ein- 
dickung, Verkalkung u. s. f., kann eine vermehrte Aufnahme von 
Elementen in das Blut nur so lange stattfinden, als die gereizte 
Drüse überhaupt noch leistungsfähig ist oder exisürt; sobald aber 
die Drüse abgestorben, käsig geworden oder zerstört ist, so hört 
auch die Bildung von Lymphzellen und damit die Leukocytose 
auf. Jedesmal dagegen, wo eine mehr acute Form von Störung 
besteht, welche mit entzündlicher Schwellung der Drüsen verbun- 
den ist, findet eine Vermehrung der farblosen Eörperchen im 
Blute Statt. So im Typhus, wo so ausgedehnte markige Schwel- 
lungen der Unterleibsdrüsen auftreten, so bei Krebskranken, wenn 
Reizung der Lymphdrüsen eintritt, so im Verlaufe jener Prozesse, 
welche man als Eruptionen des malignen Erysipels bezeichnet, und 
welche so frühzeitig schon mit Drüsenanschwellung verbunden zu 
sein pflegen. Das ist der Sinn dieser Vermehrung der farblosen 
Elemente, die zuletzt immer zurückführt auf die vermehrte Ent- 
wickelung lymphatischer Gebilde innerhalb der gereizten Drüsen. 

Es ist nun von Wichtigkeit, darauf hinzuweisen, dass man 
gegenwärtig den Begriff' der Lymphdrüsen ungleich weiter ausdehnt, 



^) Verhandl. der (iesellscbaft för Geburtshülfe in Berlin. 1848. UI. 174. 
Gesammelte Abbandl. 760, 777. 



Lymphoide Organe. 231 

als 68 bis vor Eurzem geschehen ist. Erst die neneren histolo- 
gischen Untersuchungen haben gezeigt, dass ausser den gewöhn- 
lichen bekannten Lymphdrüsen, die eine gewisse Grösse und 
Selbständigkeit haben, eine grosse Menge von kleineren Einrich- 
tungen im Körper vorhanden ist, welche ganz denselben Bau be- 
sitzen, welche aber nicht so massenhafte Zusammenordnungen von 
lymphatischen Theilen darstellen, wie wir sie in einer Lymphdrfise 
finden. Dahin gehören im Besonderen die Follikel des Darms, 
sowohl die solitären, als die Peyerschen. Ein Peyerscher Haufen 
ist nichts weiter, als die flächeoartige Ausbreitung einer Lymph- 
drüse; die einzelnen Follikel des Haufens entsprechen, ebenso wie 
die SolitftrfoUikel des Digestionstractus , den einzelnen Follikeln 
einer Lymphdrüse, nur dass die Darmfollikel , wenigstens beim 
Menschen, in einfacher, die Lymphdrüsenfollikel in mehrfacher 
Lage über einander angeordnet sind. Die solitären und Peyerschen 
Drüsen haben also gar nichts gemein mit den gewöhnlichen (Lie- 
berkühnschen) Drüsen, welche durch offene Mündungen nach dem 
Darm hin secerniren; sie haben vielmehr die Stellung und offen- 
bar auch die Funktion der Lymphdrüsen. Gegen die Darmhöhle 
hin sind sie völlig geschlossen, und wenn sie secerniren, so thun 
sie es nur in der Richtung der Lymphgefässe , welche aus ihnen 
hervorgehen. Diese sind ihre Ausführungsgänge. 

In dieselbe Kategorie gehören die analogen Apparate, die wir 
im oberen Theile des Digestionstractus in so grossen Haufen zu- 
sammengeordnet finden, wo sie die Tonsillen, die Follikel der 
Zungenwurzel und die grosse Pharynxdrüse bilden. Wäh- 
rend im Darm die Follikel in einer ebenen Fläche liegen, findet 
sich hier die Fläche eingefaltet und die einzelnen Follikel um 
die Einfaltung oder Einstülpung herumliegend. Früher nannte 
man gerade die Einfaltungen oder Taschen, wie sie an den meis- 
ten Zungenfollikeln einfach, an den Tonsillen mehrfach und ver- 
ästelt vorkommen, Follikel (Bälge), und sah dem entsprechend 
die Oeffnungen der Taschen als Drüsenmündungen an. Allein die 
Taschen sind von einer Fortsetzung der benachbarten Schleimhaut 
und deren Epithel continuirlich ausgekleidet; auch hier haben die 
eigentlichen, lymphatischen Follikel keine nach aussen mündenden 
Ausführungsgänge. Sie liegen unter der geschlossenen Oberfläche. 

In dieselbe Kategorie gehört weiterhin die Thymusdrüse, 
bei welcher die Anhäufung der Follikel einen noch höheren Grad 



2'62 Zehntes Capitel. 

erreicht, als in den Lymphdrüsen. Während viele Lymphdrüsen 
noch einen Hilns haben, wo keine Follikel liegen, so hOrt dies in 
der Thymusdrüse auf. Mit diesem Mangel eines Hilns h&ngt zu- 
sammen, dass man an der Brustdrüse keine erheblichen Verbin- 
dungen mit Lymphgefässen kennt. 

Dahin gehört endlich ein sehr wesentlicher Bestandtheil der 
Milz, nehmlieh die Malpighischen oder weissen Körper 
(Follikel), die bei verschiedenen Leuten in ebenso verschiedener 
Menge durch das Milzparenchym zerstreut sind, wie die solitären 
und Peyersehen Follikel im Darm. Auf einem Durchschnitte durch 
die Milz sehen wir vom Hilus her die Trabekeln mit den Gefässen 
gegen die Gapsei ausstrahlen, in langen Zügen von der rothen 
Milzpulpe umlagert, welche hier und da unterbrochen wird durch 
bald mehr bald weniger zahlreiche weisse Körper von grösserem 
oder kleinerem Umfange, einzeln oder zusammengesetzt, zuweilen 
fast traubenförmig. Der Bau dieser Milzfollikel, welche an den 
Scheiden der Arterien sitzen, stimmt in der Hauptsache mit dem 
der Lymphdrüsen-Follikel. 

Wir können daher diese ganze Reihe von Apparaten als 
mehr oder weniger gleichwerthig mit den eigentlichen Lymph- 
drüsen betrachten; eine Anschwellung der Milz oder der Darm- 
foUikel wird unter Umständen eine ebenso reichliche Zufuhr von 
farblosen Blutkörperchen liefern können, wie dies bei einer An- 
schwellung einer Lymphdrüse der Fall i^. Diese Möglichkeit er- 
klärt es, dass in der Cholera, wo die Veränderung der solitären 
und Peyersehen Follikel im Darm besonders hervortritt, während 
die Schwellung der übrigen Lymphdrüsen viel weniger ausgebildet 
ist, ausserordentlich frühzeitig eine bedeutende Vermehrung der 
farblosen Blutkörperchen eintritt*). Dies erklärt es femer, warum 
bei solchen Pneumonien, die mit grossen Schwellungen der Bron- 
chialdrüsen verbunden sind, gleichfalls eine Vermehrung der farb- 
losen Blutkörperchen stattfindet, welche in anderen Formen der 
Pneumonie, die nicht mit einer solchen Schwellung verbunden 
sind, fehlt. Je mehr die Reizung von der Lunge auf die Lymph- 
drüsen übergreift, je reichlicher von der Lunge schädliche Flüs- 
sigkeiten den Drüsen zugeführt werden, um so deutlicher erleidet 
das Blut diese besondere Veränderung. 

♦) Medic. Reform. 1848. No. 12. u. 15. Gaz. med. de Paris. 1849. No. 3. 



lutrava&atiou von Eiter. 233 

Wenn man auf diese Weise die verschiedenen Krankheiten 
dnrchmnstert, so lässt sich in der That Yom morphologischen 
Standpankte ans gar nichts auffinden, was auch nur entfernt die 
Annahme eines Znstandes, der Pyämie zu nennen wäre, recht- 
fertigte. In den überaas seltenen Fällen, wo Eiter in Venen durch- 
bricht, können unzweifelhaft dem Blute eiterige Bestandtheile zu- 
geführt werden, allein hier ist die Einfuhr von Eiter meist eine 
einmalige. Der Abscess entleert sich, und ist er gross, so ge- 
schieht eher eine Extravasation von Blut, als dass eine anhal- 
tende Pyämie zu Stande käme. Vielleicht wird es einmal gelingen, 
im Verlaufe eines solchen Vorganges Eiterkörperchen mit be- 
stürmten Charakteren im Blute aufzufinden; bis jetzt steht aber 
die Sac^e so, dass man mit grösster Bestimmtheit behaupten kann, 
es sei Niemandem gelungen, mit Gründen, die auch nur einer 
milden Beurtheilung genügen könnten, die Anwesenheit einer mor- 
phologischen Pyämie darzuthun. Es muss daher dieser Name als 
Bezeichnung für eine durch die Beimischung bestimmter sicht- 
barer Gebilde hervorgebrachte Blutveränderung gänzlich aufgegeben 
werden. 



Eilftes Capitel. 



Infection nnd Metastase. 



Pyimie und PhlebitU. CaplUar>PhleblUa nnd Stase. Thromboflia: parietale nnd obetrulrendc ; e4- 
bSelve und sappuratlTe. Pariforme Krweichong der Thromben: Detrltaa des Fibrin* , Ku(- 
ISanng der reiben K5rperchen. Die wahre und («lache PblebltU. Eitercyaten dca Hcraena. 

Embolie. Bf dentang der fortgcieutcn Thromben. Langenmetnataaeu. Zertrümmerung der Emboli. 
Veraehiedener Charakter der Mctaataaea. Bndocarditi« und caplUire EmbuJIe, Latent« 
Py&mie. 

iBfteireade Flflaalgkeiten. Infeetiöae Erkrankung der Ijmpbatlaehen Apparate und der Mila, der 
Secretionsorgan« und der Mnakela. Chemiache 8ubaUn«en im Blut«: Bilbereala«, Arthritis, 
Kalkmetaataaen. lehorrhimle. Fremde KSrperehea in der Blntmisebang: Zellen, Himatosoea, 
Pilse, K5rner. Pjiml« als Sammeinam«. 



ich habe in dem vorangehenden Capitel die Lehre von der Pyämie 
in Beziehnng anf die im Blnte vorkommenden zeiligen Gebilde 
einer genaueren Betrachtang unterworfen, weil sich gerade daran 
die Quelle mancher, auch für andere Gebiete der Pathologie lehr- 
reicher Irrthümer und eine richtigere Methode der Beobachtung 
und Beurtheilung besonders gut darlegen lässt. Wenn ich noch- 
mals darauf zurückkomme, um die geschichtliche Entwlckelung 
dieser Lehre und ihre thatsächlichen Grundlagen zu erörtern, so 
geschieht es nicht bloss der entscheidenden Wichtigkeit wegen, 
welche diese Lehre für die Auffassung der Metastasen und aller 
metastasirenden Dyscrasien hat, sondern auch, weil ich mich be- 
rechtigt erachte, gerade in einem Gebiete, in welchem ich viele 
Jahre lang mit eigenen Untersuchungen beschäftigt war, ein be- 
glaubigtes Urtheil aussprechen zu kOnnen. 

Bis in die neueste Zeit hat man ganz besondere Beziehungen 
der Pyämie zu Gefässaffecüonen und namentlich zu Gefässentzün- 



Phlebitis und Gapülarphlebitis. 235 

dangen*) angenommen. Namentlich seitdem man sich genöthigt 
sab, die Ansicht anfzagebeo, wonach die Eitermasse, welche man 
in der Vene zn sehen glaubte, durch eine Oefihnng der Wand oder 
eine klaffende Lichtnng in dieselbe eingedrungen (absorbirt) sein 
sollte, kehrte man zu der von John Hunter begründeten Lehre 
von der Phlebitis**) zurück. Viele betrachteten dem entsprechend 
den Eiter als ein Absonderungsproduct der Gefässwand. Die Be- 
weise für diese Ansicht waren aber schwer zu liefern, nachdem 
man durch die Erfahrung belehrt war, dass eine primär eiterige 
Venenentzündung nicht vorkomme, sondern dass, wie zuerst von 
Gruveilhier mit Bestimmtheit nachgewiesen ist, im Anfange 
jeder sogenannten Phlebitis oder Arteriitis immer ein Blutgerinnsel 
innerhalb des Gefässes gebildet wird. Aber Gruveilhier selbst 
war durch diese Erfahrung so sehr überrascht worden, dass er 
eine Theorie daran knüpfte, welche gegenwärtig kaum noch be- 
greiflich ist. Er schloss nämlich aus der Unmöglichkeit, in der 
er sich befand, zu erklären, warum die Entzündung der Venen 
mit Gerinnung des Blutes anfange, dass überhaupt jede Entzün- 
dung in einer Gerinnung von Blut bestände. Die Unmöglichkeit, 
die Phlebitis zu erklären, schien beseitigt dadurch, dass die Ge- 
rinnung des Blutes innerhalb der Gefässe zu einem allgemeinen 
Gesetze der Entzündungslehre erhoben und auch die gewöhnliche 
Entzündung auf eine Phlebitis im Kleinen, die von ihm sogenannte 
Gapülarphlebitis, bezogen wurde. Diese Gapülarphlebitis war nahe- 
zu identisch mit der in der deutschen Pathologie gebräuchlichen 
Stase; der abweichende Ausdruck des französischen Forschers er- 
klärt sich nur dadurch, dass er sich eine eigenthümliche Ansicht 
über die Existenz besonderer, kleinster Venen in den Theilen ge- 
bildet hatte, auf welche er nicht bloss die Ernährung, sondern 
auch die Bildung von Cysten, Tuberkeln, Krebs, kurz aller wich- 
tigeren anatomischen Prozesse zurückführte. Diese Art zu denken 
blieb aber der grossen Mehrzahl der gelehrten und noch mehr 
der ungelehrten Aerzte so vollständig fremd, dass die einzehien 
Schiassthesen von Gruveilhier, die man in seiner Formulirung 
in die Wissenschaft aufnahm, ganz und gar missverstanden 
worden. 



*) Gesammelte Abhandlungen S. 636. 
••) Ebendas. S. 4Jd. 



236 KitrieB CapiUl. 

Freilieb batte er io dem einen Punkte Hecht, dtsr aucb seit- 
dem mehr imd mehr anerkannt worden iet, dass der Bogeaannte 
Eiter in den Venen nie zuerst an der Wand liegt, Bondem immer 
zoerst in der Mitte eines Bchon vor ihm vorhandenen Blntge- 
rinnsels auftritt, welches den Anfang des Prozesses überhaapt be- 
zeichnet. Aber er fand fflr diese vortreffliche Beobachtung keine 
richtige Eriilftmng. Er stellte sieb vor, dass die Eitersecretion 
von den Wandungen des Gefässcs ans stattfinde, dass aber der 
Eiter nicht an der Wand liegen bleibe, sondern vermOge der 
nCapiUarit&t" sofort bis in die Hitte des Coagniams wandere. 
Es war dae eine sehr sonderbare Theorie, die sich auch dann 
nnr annähernd begreift, wenn man erwägt, dass in jener Zeit der 
Eiter noch für eine einfache Flüssigkeit (Solution) gehalten wurde. 
Erkennt man in dem Eiter ein flüssiges oder, genauer gesagt, 
ein bewegliches Gewebe, dessen wesentlicher Bestandtheil 
Zellen, also feste Theile sind, so föllt jene Deutung in sich selbst 
zusammen. 

Alleio trotz der falschen Deutung bleiben doch die Thataacben 
stehen, gegen die sich auch heute 
'■i- '*- nichts vorbringen Ifisst, dass als 

erste Erscheinung des Ortlichen 
Vorganges, bevor etwas von Ent- 
zündimg an der GeAsswand zo 
sehen ist, sich ein Blutgerinnsel 
findet, and dass etwas später in- 
C- mitten dieses Gerinnsels sich eine 
Masse zeigt, welche ihrem Ausse- 
hen und ihrer CoDsisteaz nach von 
dem Gerinnsel verschieden ist, da- 
gegen mehr oder weniger Aehn- 
lichkeit mit Eiter darbietet. 

Von diesen Erfahrungen aus- 
gehend, habe ich mich bemOht, die 
Lehre von der Phlebitis ihrem 
•p grßBsten Theile nach überhaupt 

Fig. 78. Thrombose der Vena saphena. S Vena saphena, T Thrombns: 
r, »' klippenstindiKe (valruläre) Thromben, in der Erneichun(t bf^ffen nnil 
durch fristhcre und düitnere Gerinnsel stücke verbunden; (', der fortgesetite über 
die Xündung des GeAsses in dis Vena curelia C hineinragende Pfropf. 



Thrombose. 237 

anfznldsen, indem idh für das Mystische, welches in Grnveilhier's 
Deatung lag, einfach den Ausdruck der Thatsacben einsetzte. Die 
Entzündung als solche ist nicht an Gerinnung gebunden; im 6e- 
gentheil hat sich herausgestellt, dass die Lehre von der Stase auf 
vielfachen Missverstäodnissen beruhe*). Es kann Entzündung be- 
stehen bei vollkommen offenem Strome des Blutes innerhalb der 
Gef&sse des afficirten Theiles. Lassen wir also die Entzündung 
überhaupt bei Seite, und halten wir uns einfach an die Gerinnung 
des Blutes, an die Bildung des Gerinnsels (Thrombus). Alsdann 
scheint es am meisten entsprechend, den ganzen Vorgang in dem 
Ausdrucke der Thrombose zusammenzufassen. Ich habe vor- 
geschlagen**), diesen Ausdruck zu substituiren für die verschie- 
denen Namen von Phlebitis, Arteriitis u. s. w., insoweit es sich 
nehmlich wirklich um eine an Ort und Stelle geschehende Ge- 
rinnung des Blutes handelt. 

Untersucht man die Geschichte dieser Thromben, so ergibt 
sich, dass dieselben in den Gapillaren fast gar nicht vorkommen, 
sondern sich auf die Venen, die Arterien und das Herz beschrän- 
ken, so zwar, dass auch die kleinsten Venen und Arterien davon 
beinahe ganz frei bleiben. Die Mehrzahl der Thromben entsteht 
ursprünglich als wandständige (parietale), während neben 
ihnen der Strom des Blutes noch fortgeht; sie sind sämmtlich zu 
erklären aus örtlichen Veränderungen der Gefässwand und des 
Blutstromes, jedoch können zu dieser Erklärung auch allgemeine 
Veränderungen des Blutes oder der Blut Strömung herangezogen 
werden, insofern sie auf das örtliche Verhalten des Blutstromes 
Einfluss ausüben. Selten finden sich gleich von vornherein total 
verstopfende (obstruirende) Thromben, bei denen der Blut- 
strom gänzlich unterbrochen ist; wo sie vorkommen, ohne dass 
besondere chemische Stoffe durch Einspritzung, Aetzung u. s. f. 
eingewirkt haben, da ist gewöhnlich schon vor der Thrombose 
ein Stillstand des Blutes (durch Ligatur, Compression) eingetreten 
und die Gerinnung ist als die natürliche Folge der Stagnation 
anzusehen. 

In vielen Thromben kommt es überhaupt niemals zu der so- 



*) Handb. der spec. Patfaol. und Ther. I. 53. J. H. Boner Die Stase 
nach Experimenten an der Froschschwimmhaut. Würzburg 1856. 
**) Handbuch der spec. Path. I. 159. 



238 Eilftes Capitel. 

genannten Eiterbildung. Im Gegentheil, es entsteht ans dem Ge- 
rinnsel ein Bindegewebs -Pfropf, gewöhnlich mit Pigment (Häma- 
toidin), zuweilen mit Gefässen. Dies hat man die adhäsive 
Phlebitis oder Arteriitis genannt. Bei der sogenannten suppura- 
tiven Phlebitis, der eigentlich geffirchteten Form, findet sich 
allerdings eine eiterartige Masse, allein diese stammt nicht von 
der Wand, sondern sie entsteht direkt durch eine Umwandlung 
zuerst der centralen Gerinnselschichten selbst, und zwar durch 
eine Umwandlung chemischer Art, wobei in ähnlicher Weise, wie 
man dies durch langsame Digestion von geronnenem Fibrin künst* 
lieh erzeugen kann, das Fibrin in eiae feinkörnige Substanz zer- 
fällt, und die ganze Hasse in Detritus übergeht*). Es ist dies 
eine wirkliche Erweichung und Rückbildung der organischen Sub- 
stanz: die Fäden des Fibrins zertrüm- 
Pis- 79. mem in Stücke, diese wieder in kleinere 

^4. B , und so fort, bis man nach einer gewissen 

'^V-^-^ äS^ ^^^ ^^^^ ^^^ ^^ ganze Masse zusammenge- 





• cT K^/^fe ^p^ setzt findet aus kleinen, feinen, blassen 




,...y Eömem (Fig. 79 A). In Fällen, wo das 

Q^ Q ' Gerinnsel aus verhältnissmässig reinem 

QdO Fibrin bestand, z. B. in parietalen Herz- 

^*i^^ thromben, sieht man manchmal fast gar 

nichts weiter, als diese Eömchen. 
Das Mikroskop löst also die Schwierigkeiten sehr einfach auf, 
indem es nachweist, dass diese Masse, welche wie Eiter aussieht, 
kein Eiter ist. Denn wir verstehen unter Eiter eine wesentlich 
mit zelligen Elementen versehene Flüssigkeit. Ebenso wenig wie 
wir uns Blut ohne Blutkörperchen denken können, ebenso wenig 
existirt Eiter ohne Eiterkörperchen. Wenn wir hier aber eine 
Flüssigkeit finden, welche nichts weiter als eine mit Eömem 
durchsetzte Masse darstellt, so mag diese ihrem äusseren Habitus 
nach immerhin wie Eiter aussehen; nie darf man sie aber als 



Fi^. 79. Puriforme Detritus - Masse aus erweichten Thromben. A die rer- 
schieden flössen, blassen Kömer des zerfallenden Fibrins. B Die bei der Erwei- 
chung frei werdenden , zum Theil in der Rockbildung be^ffenen farblosen Blut- 
körperchen, a mit mehrfachen Kernen, 6 mit einfachen, eckip:en Kernen und ein - 
zelnen Fettkömchen, c kernlose (pyoide) in der Fettmetamorphose. C In der 
Entfikrbung begriffene und zerfallende Blutkörperchen. Vergr. 350. 

*; Zeitschrift für ratiooelle Median. 1846. Y. 226. Gesammelte Abhand- 
lungen S. 95, 104, 328, 524. 



Die puriforme Schmelzung der Thromben. 239 

wirklichen Eiter deuten. Es ist eine puriforme Substanz, 
aber keine purulente. 

Meistentheils aber erscheint neben diesen Eömem eine ge- 
wisse Zahl von anderen Bildungen, z. B. wirklich zellige Elemente 
(Fig. 79, B). Diese sind meist rund (sphärisch), seltener eckig, 
und enthalten in einer fein granulirten Substanz einen, zwei und 
mehr Kerne. Sie besitzen demnach in der That eine grosse Ueber- 
einstimmung mit Eiterkörperchen, imd wenn sehr oft in ihnen 
Fettkömchen vorkommen, welche darauf hindeuten, dass es sich 
hier um ein Zerfallen (Necrobiose) handelt, so kommt, wie wir 
gesehen haben (S. 222), dasselbe ja auch an Eiterkörperchen vor. 
Wenn daher in solchen Fällen, wo die Menge des Detritus ganz 
überwiegend ist, kein Zweifel sein kann über das, was vorliegt, 
80 können in anderen erhebliche Bedenken bestehen, ob nicht doch 
wirklicher Eiter vorhanden sei. Diese Bedenken lassen sich auf 
keine andere Weise lösen, als durch die Geschichte des Thrombus. 
Nachdem wir früher schon gesehen haben, dass farblose Blut- 
körperchen und Eiterkörperchen formell völlig mit einander über- 
einstimmen, so dass wirkliche Scheidungen zwischen ihnen un- 
möglich sind, so kann natürlich an einem Punkte, wo wir in einem 
Blutgerinnsel runde, farblose Zellen finden, die Frage, ob diese 
Zellen farblose Blutkörperchen sind, nur dadurch gelöst werden, 
dass ermittelt wird, ob die Eörperchen schon in dem Thrombus 
vor der Erweichung vorhanden waren, oder ob sie erst bei der- 
selben darin entstanden oder sonst wie hineingelangt sind. Es 
ergibt aber die Verfolgung der Vorgänge mit grosser Bestimmtheit, 
dass die Eörperchen vor der Erweichung präexistiren , und wenn 
auch die Möglichkeit zugelassen werden muss, dass noch nach der 
Bildung des Thrombus farblose Blutkörperchen in denselben hin- 
einkriechen, so ist dies doch nicht die Ursache der Erweichung, 
und noch weniger liegt ein Grund vor, anzunehmen, dass diesel- 
ben erst mit dem Eintritte der Erweichung entstehen oder in das 
Gerinnsel hineingelangen Schon bei Untersuchung ganz frischer 
Thromben*) findet man an manchen Stellen farblose Blutkörper- 
chen in grossen Massen angehäuft; wenn später der Faserstoff 
zerfällt, so werden sie in solcher Zahl frei, dass der Detritus fast 
so zelleoreich wie Eiter ist. Es verhält sich mit diesem Vorgange, 



*) Getiammelte Abhandlungen 515. 



240 Silf^s Gapitel. 

wie wenn ein mit körperlichen Theilen ganz durchsetztes Wasser 
gefroren ist und dann einer höheren Temperatur ausgesetzt wird; 
beim Schmelzen des Eises müssen natürlich die eingeschlossenen 
Körper wieder zum Vorschein kommen. 

Gegen diese Darstellung kann ein umstand eingewendet 
werden, nehmlich der, dass man nicht in der gleichen Weise die 
rothen Blutkörperchen frei werden sieht. Die rothen Eörpercben 
gehen indess gewöhnlich sehr frühzeitig zu Grunde. Sie verlieren 
zuerst ihren Farbstoff, yerkleinem sich dabei, indem dunkle Körn- 
chen an ihrem Umfange hervortreten (Fig. 63. a, 79. 6), und 
verschwinden endlich ganz, indem nur diese Kömchen übrig blei- 
ben*;, welche später resorbirt werden. Der aus den Körperchen 
ausgetretene Farbstoff zersetzt sich und verliert nach und nach 
sein rothes Colorit. Nur sehr selten erhalten sich die rothen 
Körperchen noch in der Erweichungsmasse. In der Regel gehen 
sie zu Grunde, und gerade dadurch erklärt sich die auffällige 
Eigenthümlichkeit, dass aus dem rothen Thrombus eine gelbweisse 
Flüssigkeit entsteht, die das Ansehen und die Farbe, ja sogar 
zum Theil die histologische Zusammensetzung von Eiter hat. Auch 
dafür kann man ohne besondere Schwierigkeiten die Deutung fin- 
den; man muss sich nur erinnern, wie gering die Widerstands- 
fähigkeit der rothen Blutkörperchen gegen die verschiedensten 
Agentien ist. Wenn man zu einem Blutstropfen unter dem Mi- 
kroskope einen Tropfen Wasser setzt, so sieht man die rothen 
Körperchen vor den Augen verschwinden, während die farblosen 
zurückbleiben. 

Das, was man im gewöhnlichen Sinne eine suppurative Phle- 
bitis nennt, ist also weder suppurativ, noch Phlebitis, sondern es 
ist ein Process, der mit einer Gerinnung, einer Thrombusbildung 
aus dem Blute beginnt, und der später die Thromben erweichen 
macht ; die Geschichte des Processes beschränkt sich zunächst auf 
die Geschichte des Thrombus. Ich muss aber gerade hier her- 
vorheben, dass ich nicht, wie man mir hier und da nachgesagt 
hat, die Möglichkeit einer wirklichen Phlebitis (oder Arteriitis) in 
Abrede stelle, oder dass ich irgend wie gefunden hätte, es gäbe 



*) Beitr&ge zur experimentollen Pathologie. IL 12. Archiy. I. 245, 383. 



Phlebitis imd Thrombose. 241 

keine Phlebitis. Allerdings gibt es eine Phlebitis*). Aber 
diese ist eine Entzündung, die wirklich die Wand nnd nicht den 
Inhalt des Gef&sses betrifit. An grösseren Gelassen können sich 
die verschiedensten Wandschichten (Intima, Media, Adventitia) 
entzünden nnd alle möglichen Formen der Entzündung eingehen, 
wobei aber das Lumen ganz intakt bleiben mag. Nach der frü- 
heren Auffassung betrachtete man die innere Gefässhaut wie eine 
seröse Haut, und wie eine solche leicht fibrinöse Exsudate oder 
eiterige Massen hervorbringt, so setzte man dasselbe bei der inne- 
ren Gefässhaut voraus, üeber diesen Punkt ist seit Jahren eine 
Reihe von Untersuchungen angestellt, und ich selbst habe mich 
vielfach damit beschäftigt, aber es ist bis jetzt noch keinem Ex- 
perimentator, welcher vorsichtig das Blut von dem Einströmen in 
die Gefässe abhielt, gelungen, ein Exsudat zu erzeugen, welches 
in das Lumen abgesetzt wurde. Vielmehr geht, wenn die Wand 
sich entzündet, das „Exsudat^ in die Wand selbst; diese verdickt 
sich, trübt sich, und &ngt möglicherweise späterhin an zu eitern. 
Ja, es können sich Abscesse bilden, welche die Wand nach bei- 
den Seiten hin wie eine Pockenpustel hervordrängen, ohne dass 
eine Gerinnung des Blutes im Lumen erfolgt. Andere Male frei- 
lich wird die eigentliche Phlebitis (und ebenso die Arteriitis und 
Endocarditis) die Bedingung für Thrombose, indem sich auf der 
inneren Wand Unebenheiten, Höcker, Vertiefungen und selbst Ul- 
cerationen bilden, welche für die Entstehung eines Thrombus An- 
haltspunkte bieten. Allein da, wo eine Phlebitis in dem gebräuch- 
lichen Sinne des Wortes stattfindet, ist die Veränderung der Ge- 
ftsswand fast immer eine secundäre, welche sogar verhältnissmässig 
spät zu Stande kommt. 

Die jüngsten Theile des Thrombus bestehen immer aus fri- 
scherem Gerinnsel. Die Erweichung, das Schmelzen ( Colli - 
quatio) beginnt in der Regel an den ältesten Schichten, so dass 
also, wenn der Thrombus eine gewisse Grösse erreicht hat, sich 
in seiner Mitte oder an seiner Basis eine mehr oder weniger 
grosse Höhle findet, die allmählich sich vergrössert und der Ge- 
i&sswand näher rückt. Aber in der Regel ist dieselbe nach oben 
und häufig auch nach unten durch einen frischeren, derberen Theil 
des Gerinnsels wie durch eine Kappe abgeschlossen ; dadurch wird. 



*) Gesammelte Abhandlungen 484. 

Virebow, C«llaUrPatboL 4. Anll. ^^ 



242 Eilftes Gapitel. 

wie Cruveilhier sich ausdrückte, der „Eiter*' seqaestrirt und 
die Berührung des Detritus mit dem circulirenden Blute gehindert. 
Nur seitlich oder im Grunde erreicht die Erweichung endlich die 
Wand des Gefässes selbst; diese verändert sich, es beginnt eine 
Verdickung und zugleich Trübung derselben, und endlich erfolgt 
selbst eine Eiterung innerhalb der Wandungen. 

Dasselbe, was wir bis jetzt an den Venen betrachtet haben, 
kommt auch am Herzen vor. Namentlich am rechten Ventrikel 
sieht man nicht selten sogenannte Eitercysten zwischen den Tra- 
bekeln der Herzwand. Sie ragen gegen die Höhle mit rundlichen 
Enöpfchen hervor und stellen kleine Beutel dar, welche beim 
Anschneiden einen weichen Brei enthalten, der ein vollkommen 
eiterartiges Ansehen haben kann. Mit diesen Eitercysten, welche 
übrigens zuerst die Veranlassung gewesen sind, dass Piorry seine 
Lehre von der Hämitis und der damit zusammenhängenden Py* 
ämie aufstellte, hat man sich unendlich viel geplagt und alle nur 
möglichen Theorien darüber gemacht, bis endlich die einfiache 
Thatsache herauskam, dass ihr Inhalt häufig weiter nichts als ein 
feinkörniger Brei von eiweissartigen Theilchen ist, der auch nicht 
die mindeste feinere Uebereinstimmung mit dem Eiter darbietet 
Dies war insofern beruhigend, als noch keine Beobachtung vor- 
liegt, dass ein Kranker, der solche Säcke in grösserer Zahl hatte, 
durch Pyämie zu Grunde gegangen wäre, aber es hätte denjenigen 
auffallen sollen, welche so leicht geneigt sind, die Pyämie mit 
peripherischen Thrombosen, die doch ganz dasselbe sind, in Ver- 
bindung zu setzen. 

Denn natürlich entsteht die Frage, in wie weit durch die 
Erweichung der Thromben besondere Störungen im Körper her- 
vorgerufen werden können, welche man mit dem Namen Pyämie 
bezeichnen dürfte. Hierauf ist zunächst zu erwidern, dass aller- 
dings sehr häufig secundäre Störungen veranlasst werden, aber 
nicht so sehr dadurch, dass die flüssigen Erweichungsmassen 
unmittelbar in das Blut gelangen, als vielmehr dadurch, dass 
grössere oder kleinere Stücke von dem centralen Ende des er- 
weichenden Thrombus abgelöst, mit dem Blutstrom fortgeführt 
und in entfernte Geftsse eingetrieben werden. Dies gibt den 
sehr häufigen Vorgang der von mir so genannten Em helle*), — 



*) Handb. der spec Path. und Thor. I. 167. Gesammelte Abfaandl. 640. 



FortgeseUte ThrombBE. 243 

die grttbste Fonn der im lebenden Körper vorkommenden Me- 
tastase. 

Es ist dies ein Ereigniss, welelies wir hier nur knrz berühren 
können. An den peripherischen Yenen geht die Gefahr hanpt^ 
Bftchlich von den kleinen Aesten ans. Gar nicht selten werden 
diese mit Gerinnselmasse ganz erfüllt. So lange indess der Tbrom- 
bns sich nur in dem Aste selbst befindet, so lange ist für den 
Körper keine besondere Gefahr vorhanden: das Schlimmste ist, 
dasB sich ein Abscess bildet, in Folge einer Peri- oder Uesophte- 
bitis, der sich nach anssen Öffnet. Allein die meisten Thromben 
der kleinen Aeste beschränken sich nicht daranf, bis an die Hnn- 
dnng derselben in den nächsten Stamm vorzudringen; gewöhnlich 
lagert sieb an das Ende des Thrombus immer netie Gerinnsel- 
masse Schicht nm Schicht ans dem Blote ab, der Thrombns setzt 
sich über das Ostinm des Astes hinaas in den nächsten Stamm in 
der Richtung des Blutstromes fort, wächst in Form eines dicken 
Cylinders weiter und wird immer grosser and grösser. Bald steht 
dieser fortgesetzte Thrombns (Fig. 80, t) in gar keinem Ver- 



pig. » 



bftltnisse mehr zo dem ursprünglichen (antochthoneD) Thrombns 
(Fig. 80, c), von dem er ansgegangen ist*). Der forlgesetzte 



Fig. 80. Antocbthone nnd fortgesetzte Thromben c, e" kleinere, Taricöse 
Stiteniste (Venae circum&eise femoris), mit Rutocbtbonen Thromben erTüllt, 
welche aber die Oatien hinaas in den Stamm der CniroWene reichen. (, fortge- 
«etiter ThrombuB, dnrch concentrische Apposition aus dem Blute entstanden. 
(' Auuehen eines fortgesetzten Thrombus, nachdem eine Ablösung von Stücken 
(Embolis) erfolgt ist. 

*) Froriep'B Notizen. 1846. Januar, üo- 794. Gesammelte Abhandlungen 
335, 332. 

16' 



244 Eilftes Gapitel. 

Thrombus kann die Dicke eines Daumens haben, der ursprüngliche 
die einer Stricknadel. Von dem ganz kleinen Pfropf einer Vena 
Inmbalis kann z. B. ein Gerinnsel, so dick, wie die letzte Phalanx 
des Daumens, sich in die Cava fortsetzen. 

Diese fortgesetzten Pfropfe bringen die eigentliche Gefahr mit 
sich; an ihnen erfolgt die AbbrGckelung , welche zu secund&ren 
VerSchliessungen entfernter Gefässe fahrt. Hier ist der Ort, wo 
durch das vorüberströmende Blut grössere und kleinere Partikeln 
abgerissen werden (Fig. 80, f). Durch das ursprünglich ver- 
stopfte Gefäss strömt überhaupt kein Blut, da ist die Circulation 
gänzlich unterbrochen ; aber in dem grösseren Stamme, durch wel- 
chen das Blut immer noch fortgeht, und in welchen die fortge- 
setzten Thrombuszapfen hineinragen, kann der Blutstrom kleinere 
oder grössere Bruchstücke lostrennen, mitschleppen und in das 
nächste Arterien- oder Gapillarsystem festkeilen. 

So erklärt es sich, dass in der Regel alle Thromben in der 
Peripherie des Körpers, wenn überhaupt eine Embolie von ihnen 
ausgeht, secundäre Verstopfungen und Metastasen in der Lunge 
erzeugen. Ich habe lange Zweifel getragen, die metastatischen 
Entzündungen der Lunge sämmtlich als embolische zu betrachten, 
weil es sehr schwer ist, die Gefässe in den kleinen metastatischen 
Heerden zu untersuchen, aber ich überzeuge mich immer mehr 
von der Noth wendigkeit, diese Art der Entstehung als die Regel 
zu betrachten. Wenn man eine grössere Zahl von Fällen sta- 
tistisch vergleicht, so zeigt sich, dass jedesmal, wo Metastasen in 
den Lungen vorkommen, auch Thrombose gewisser peripherischer 
Gefässe besteht. Wir hatten z. B. vom Herbst 1856 bis zum 
März 1858 eine ziemlich grosse Puerperalfieber -Epidemie in der 
Charit^. Dabei stellte sich heraus, dass, so mannichfaltig die 
Formen der Erkrankung auch waren, doch alle diejenigen FfiUe, 
in welchen Metastasen in den Lungen gefunden wurden, auch mit 
Thrombose im Bereiche des Beckens oder der unteren Extremi- 
täten verlaufen waren. Bei den Lymphgefäss-Entzündungen fehl- 
ten die Lungenmetastasen*). Solche statistischen Resultate haben 
eine gewisse zwingende Noth wendigkeit, selbst wo der strenge 
anatomische Nachweis fehlt. 



*) Monatsschrift für Geburtskunde. XI. 413. 



Embolie. 245 

In die Lungen -Arterie dringen die einge- '*»■ '^ 

fährten Tbrombnestücke je nach üirer Grösse 
Terscbieden weit ein. Gewöhnlich setzt sich 
ein solches Stück da fest, wo eine Theilnng des 
Gefässes Btattandet (Fig. 81, £), weil die ab- 
gebenden Qe^se zn klein sind, um das StSck 
noch einznlasaen. Bei sehr grossen Stücken 
werden schon die Eanptäste der Lnngen-Arte- 
rie verstopft, und ea tritt angenblickliche A- 
sphyxie ein; ganz kleine Stücke gehen bis in 
die feinsten Arterien hinein und erzengen von 
da ans die kleinsten, zuweilen miliaren Entzündungen des Pareo- 
chyms'). Für die Dentnng dieser kleinen, oft sehr zahlreichen 
Heerde mnss ich eine Vermathung erwähnen, welche mir erst bei 
meinen spfiteren TJntersnchungeii gekommen ist, von welcher ich 
aber kein Bedenken trage, sie für eine nnabweisliche auszugeben. 
Ich glaube nehmlich, dass, wenn ein grösseres Thrombnsstfick an 
einem bestimmten Punkte emer Arterie eingekeilt ist, hier noch 
eine weitere Zertrümmerung durch den andringenden Blutetrom 
stattfinden kann, so dass die Partikelchen, welche durch die Zer- 
trümmerung des grossen Pfropfes entstehen, in die kleinen Aeste 
geffihrt werden, in welche sich das GefUss anfldst. So allein 
scheint sich die Thatsache zn erkUren, dass man oft im Bezirke 
einer und derselben grösseren Arterie eine grosse Menge von 
kleinen Heerden derselben Art und desselben Alters findet 

Alles das bat mit der Frage, ob im Blute Eiter ist oder 
nicht, gar nicht das Mindeste zu thun. Es handelt sich dabei um 
ganz andere Körper, um Theile von Gerinnseln in einem mehr 
oder weniger veränderten Zustande; je nachdem diese Verände- 
rung den einen oder den anderen Charakter angenommen hat, kann 
auch die Natur der Prozesse, welche sich iu Folge der Verstop- 
fung bilden, sehr verschieden sein. Ist z. B. an dem ursprüngli- 
chen Orte eine faulige oder brandige Erweichung des Gerinnsels 



¥ig. 81. Embolie der Lungenarterie. f MitlelBtarker Äst der Lnngenarterie. 
E der Embolm, txd dem Sporn der sich theilenden Arterie reitend, t, t' der 
einkapselnde (secund&re) Tbrombna: I das Stück TOr dem Embolus, bis m dem 
nichit höheren Collftteral^ßiss c reichend; I' du Stück hinter dem Embolus, die 
abgeiimdeii Aeste r, r' grossentbeils fällend nod znletit koniscb endigend. 

*) QesMDmelte Abbandltui([eD 285 ff. 



246 Eilftes Capitol. 

eingetreten, so wird anch die Metastase einen fanl^en oder bran- 
digen Charakter annehmeD, gerade Bo, wie dies bei einer Inoca- 
lation des fanligen oder brandigen StofTes der Fall sein würde. 
Umgekehrt kommt es vor, dass die secnndftren Stünmgen, ähnlich 
deneo am Orte der Lostrennnng, sehr gGostig verlaufen, indem 
der Embolus, wie der Thrombus, sich organisirt nnd Bindege- 
webe bildet. 

Diese Gntppe von ProzesseD mnss nm so mehr losgelSst wer- 
den von der gewöhnlichen Geschichte der Fyämie, als dieselben 
Vorgänge sich jenseits der Lnnge, auf der linken Seite des Strom- 
gebietes wiederfinden; oft mit demselben Yerlanfe, mit demselben 
Resaltate, nnr noch weniger abhängig von einer QrsprfiDglichen 
Phlebitis. So bildet die Endocarditis nicht selten den Äas- 

pii. >i. 



gangspmikt ähnlicher Metastasen'). Auf einer Herzklappe ge- 
schieht eioe UIceratioD, nicht durch Eiterbildtmg , sondern dnich 
acute oder chronische Erweichung; zertrümmerte Partikeln der 



Fiß. 82. UlcerÖse Endocarditis mitralis. a die freie, glatte Oberfläche der 
Mitralklappe, unter welcher die bindetrenebs - Elemente vergrössert und getrnbt, 
daa Ztri-rheufrenebe dichter sind. A eine stärkere häeeli^e Schirellung, bedicfrl 
durch lunebmende Vpr^rriäseranir und Trfibune des Gewebes, c eine schon in 
Enreichuni; und Zcrtrümmeruns übercpcraugene Schwellungss teile, d, d d«s noch 
wenig veränderte Klappengewebe in der Tiefe, mit zahlreichen, gewucherten Eör- 
pereben. (, e der Beginn der Vei^rrü^serung, Trübung and Wncheranir der Ele- 
mente. Vergr. 80. 

•) ArchJT 1847. l 338 ff. 



CapillEuremboüe. 247 

Elappenoberfl&che oder der aaf dieser Oberfläche abgesetzten Pa- 
rietalthromben werden vom Blntstrome fortgerissen and gelangen 
mit ihm an entfernte Punkte. Die Art der Verstopfimg, welche 
diese Trümmer erzeogen, ist ganz ähnlich der, welche die Brach- 
BtKcke von Venentbromben machen, aber beide haben nicht genau 
dieselbe chemische BeschaffeDheit. Anch begfinstigt ihre Kleinheit 
nnd Mürbigkeit das Eindringen in die kleinsten Gefösse in hohem 
Haasse. Daher findet man nicht ganz selten in kleinen mikrosko- 
pischen GefS^sen, welche mit blossem Ange gar nicht mehr zu 
verfolgen sind, die Verstopfnngsmasse, gewöhnlich bis zn einer 
TheiloDgsstelle nnd noch etwas darüber hinans. Diese Hasse zeigt 
hfiafig eine körnige BesehaiFenheit, jedoch nicht den groben De- 
tritns, wie an der Vene, sondern eine ganz feine nnd zugleich sehr 
dichte EOroermasse ; chemisch hat sie die für die Dotersnchoi^ 
überaas beqneme Eigenschaft, dass sie gegen die gew&Iuilichen 
BeagenUen sehr widerstandsftbig ist and sieb dadurch too anderen 
Dingen leicht unterscheidet. Dies gibt die Capillarembolie*), 




Vig. 83 — 84. Capillarembolie in den Penicilli der Hilzarterie nach Endo- 
cBrdilii (Vel. Gesammelte Abhandlungen zur wiss. Hedicin ISÖ6. S. 716). 83. Ge- 
Üsst eines Penicillus bei lOmali^^r Ver^üi^aeruiif, um die Lage der Terstopfen- 
den Emboli in dem Arteriengobiete zu zei|;en. S4. Eine kun vor ibrer Theilung 
und in den nächst abgehenden Aesten mit Bnichstücken der feinkörnigen Embo- 
Insmasse (tergl. Fig. 82. c) tceröUte Arterie. Vergr. 300. 

*) Gesammelte Abhandl. TU. Archiv IX. 307. Z. 179. 



248 E;ilft6a Capitel. 

eine der wichtigsten Formen der Metastase, welche hänfig kleine 
Heerde in der Niere, in der Milz nnd im Herzfleische selbst her- 
vorbringt, unter Umständen plötzliche Verschliessnngen von 6e- 
fässen im Ange oder Gehirn bedingt nnd je nach Umständen zu 
metastatischen Heerden oder zu schnellen Fnnctionsstöningen 
(Amaurose, Apoplexie) Veranlassung gibt. Auch hier kann man 
sich deutlich überzeugen, dass in frischen Fällen die Gefässwand 
an der embolischen Stelle ganz intakt ist; ja es würde hier die 
Lehre von der Phlebitis nicht mehr zureichen, indem dies über- 
haupt keine Venen, ja nicht einmal Gefässe sind, welche noch 
Vasa vi^orum besitzen, und von welchen man annehmen könnte, 
dass von der Wand her eine Secretion nach innen ginge. Hier 
bleibt nichts übrig, als die Verstopfungsmasse ak eine primär 
innen befindliche, die von den Zuständen der Wand in keiner 
Weise abhängig ist, anzuerkennen. 

Diese Darstellung wird hoffentlich dargethan haben, dass die 
Doctrin der Pyämie von zwei wesentlichen Irrthümem ausgegan- 
gen ist: einmal, dass man £iterkörperchen im Blute zu finden 
glaubte, wo man nur die farblosen Elemente des Blutes selbst 
vor sich hatte; andermal, dass man Eiter in Gefissen zu sehen 
glaubte, wo nichts weiter als Erweichungsprodukte des Fibrins 
und der Blutkörperchen vorhanden waren. Wir haben gefunden, 
dass allerdings diese letztere Reihe die wichtigste Quelle für Me- 
tastasen abgibt Nun ist aber nach meiner Meinung die Geschichte 
derjenigen Prozesse, die man unter dem Namen der Pyämie zu- 
sammengefasst hat, mit der Darstellung dieser Vorgänge (Leuko- 
cytose, Thrombose, Embolie) nicht zu Ende. Freilich, wenn der 
Prozess ganz rein verläuft, so dass sich von dem ersten Orte der 
Störung (Venenthrombose, Endocarditis u. s. w.) nur gröbere 
Massen ablösen und Verstopfung machen, so konunt in vielen 
Fällen der eigentliche Prozess nur durch die Metastase zur Beob- 
achtung. Es gibt Fälle, welche so latent verlaufen, dass die ur- 
sprünglichen Ausgänge vollkommen übersehen werden, und dass 
der erste Schüttelfrost, dessen Eintritt den Kranken und den Arzt 
aufinerksam macht, schon die beginnende Entwickelung der me- 
tastatischen Prozesse anzeigt. Für gewöhnlich muss man aber 
noch ein anderes Moment in Betracht ziehen, welches weder für 
die gröbere, noch für die feinere anatomische Untersuchung direkt 
zugänglich ist; das sind gewisse Flüssigkeiten, welche an sich 



lufections-Metastase. 249 

gleichfalls keine umnittelbare und nothwendige Beziehung zum 
Eiter als solchem, sondern offenbar sehr verschiedene Beschaffen- 
heit und Ableitung haben. 

Schon bei der Betrachtung der Lymphveränderungen habe 
ich hervorgehoben (S. 226), dass Flüssigkeiten, welche von 
Lymphgefässen aufgenommen wurden, innerhalb der Lymphdrüsen- 
Filtren nicht nur von körperlichen Theilen befreit, sondern auch 
von der Substanz der Drüse zumTheil angezogen und zurückge- 
halten werden, so dass sie in derselben eine Wirksamkeit ent- 
falten können. Aehnliche Einwirkungen scheinen auch über die 
Drüsen hinaus stattzufinden. Wo primär durch Venen die Re- 
sorption erfolgt*), wo also überhaupt keine Drüsen zu passiren 
sind, da muss natürlich jedesmal eine Wirkung in die Feme (eine 
Metastase) eintreten. Hierher gehört vor Allem eine Reihe von 
eigenthümlichen Erscheinungen, welche sich als constantes Element 
durch alle infectiösen Prozesse hindurchziehen. Das sind einerseits 
die Veränderungen, welche die lymphatischen und lymphoiden 
Drüsen, nicht sowohl am Orte der primären Affection, als viel- 
mehr im Körper überhaupt erleiden können, andererseits die Ver- 
änderungen, welche die Secretionsorgane darbieten, durch welche 
die Stoffe ausgeschieden werden sollen**). 

Man hat eine Zeit lang geglaubt, dass der Milztumor für 
den Typhus pathognomonisch sei, indem er den Drüsenanschwel- 
lungen im Mesenterium parallel gehe. Allein eine genauere Beob- 
achtung lehrt, dass eine grosse Reihe von fieberhaften Zuständen, 
welche einen mehr oder weniger typhoiden Verlauf machen und 
den Nervenapparat so afSciren, dass ein Zustand der Depression 
an den wichtigsten Gentralorganen zu Stande kommt, mit Milz- 
schwellungen auftreten. Die Milz ist ein ausserordentlich empfind- 
liches Organ, das nicht nur beim Wechselfieber und Typhus, son- 
dern auch (mit Ausnahme der eigentlichen Vergiftungen) bei den 
meisten anderen Prozessen schwillt, in denen eine reichliche Auf- 
nahme von schädlichen, inficirenden Stoffen in das Blut erfolgte. 
Allerdings muss die Milz inmier in ihrer nahen Verwandtschaft 
zum Lymphapparate betrachtet werden, aber ihre Erkrankungen 
stehen ausserdem gewöhnlich in einem sehr direkten Verhältnisse 



^) Handbuch der speciellen Pathologie. I. 297. Gesammelte Abhandl. 698. 
**) Gesammelte Abluuidltingen 701. 



250 Eilftes Capitel. 

ZU analogen Erkrankungen der wichtigen Nachbardrüsen, insbe- 
sondere der L e b e r nnd der Nieren. Bei den meisten Infections- 
zuständen zeigen diese drei Apparate eorrespondirende Yei^wysse- 
ningen, welche mit wirklichen Verändemngen im Innern verbun- 
den sind, die jedoch selbst bei der mikroskopischen Untersuchung 
scheinbar nichts Bemerkenswerthes darbieten, so dass das grobe 
Resultat für das blosse Auge, die starke Schwellung, for den 
Beobachter viel mehr auffällig ist. Bei umsichtiger Vergleichung 
findet sich indess ziemlich viel, so dass wir mit Bestimmtheit 
sagen können, dass die Drnsenzellen schnell verändert werden 
und frühzeitig an den Elementen, durch welche die Secretion ge- 
schehen soll, eine Störung sich einstellt. Aehnlich verhält es sich 
mit den quergestreiften Muskeln und namentlich mit dem 
Herzen, dessen Veränderungen für die Erklärung der Symptome 
von höchster Bedeutung sind. 

Ich werde darauf zurückkommen, da es mir nützlicher er- 
scheint, zunächst auf ein Paar gröbere Beispiele einzugehen, 
welche die Möglichkeit einer unmittelbaren Anschauung solcher, 
aus dem Blute in die Theile eindringender und sich darin ab- 
setzender Stoffe gewähren. 

Wenn Jemand Silbersalze gebraucht, so erfolgt ein Ein- 
dringen derselben in die Gewebe; wenden wir sie nicht in eigent- 
lich ätzender, zerstörender Weise an, so gelangt das Silber in 
einer Verbindung, deren Natur bis jetzt nicht hinreichend bekannt 
ist, in die Gewebstheile und erzeugt an der Applicationsstelle, 
wenn es lange genug angewendet wird, eine Farbenveränderong. 
Ein Kranker, welchem in der Klinik des verstorbenen v. Gräfe 
eine Lösung von Argentum uitricum zu Umschlägen auf das Auge 
verordnet war, gebrauchte als gewissenhafter Patient das Mittel 
vier Monate lang; das Resultat davon war, dass seine Gonjunetiva 
ein intensiv bräunliches, fast schwarzes Aussehen annahm Bei 
Untersuchung eines ausgeschnittenen Stückes derselben &nd ich, 
dass eine Aufiiahme des Silbers in die Substanz erfolgt war, so 
zwar, dass an der Oberfläche das ganze Bindegewebe eine leicht 
gelbbraune Farbe besass, in der Tiefe aber nur in den feinen 
elastischen Fasern oder Korperchen des Bindegewebes die Abla- 
gerung statts^efunden hatte; die eigentliche Grund- oder Inter- 
cellularsubstanz war vollkommen frei geblieben. — Ganz ähnliche 
Ablagerungen geschehen auch in entfernteren Organen bei innerem 



Silber- und Gicbtmetastase. 251 

Gebrauche des Mittels. Die anatomische Sammlung des pathologi- 
schen Instituts entb&lt das sehr seltene Präparat von den Nieren 
eines Menschen, welcher wegen Epilepsie lange Argentum nitricum 
innerlich genommen hatte. Da zeigt sich an den Malpighischen 
Knäulen der Niere, wo die Transsudation der Flüssigkeiten ge- 
schieht, eine schwarzblaue Färbung der ganzen Gef&sshaut, welche 
sich auf diesen Punkt der Rinde beschränkt und in ähnlicher, 
obwohl schwächerer Weise nur wieder auftritt in der Zwischen- 
substanz der Markkanälehen. In der ganzen Niere sind also ausser 
denjenigen Theilen, welche den eigentlichen Ort der Absonderung 
ausmachen, nur die verändert, welche der letzten Capillarauflösung 
in der Marksubstanz entsprechen. — Von der bekannten Silber- 
färbung der äusseren Haut brauche ich hier nicht zu sprechen. 

Ein anderes Beispiel bietet uns die Gicht. Untersuchen wir 
den Gelenktophus eines Arthritikers, so finden wir ihn zusammen- 
gesetzt aus sehr feinen, nadeH&rmigen, krystallinischen Abschei- 
dungen, aus hamsaurem Natron bestehend, zwischen denen höch- 
stens hier und da ein Eiter- oder Blutkörperchen liegt. Hier 
handelt es sich also, wie bei dem Silbergebrauch, um eine kör- 
perliche Substanz, welche in der Regel durch die Nieren abge- 
schieden wird, und zwar nicht selten so massenhaft, dass schon 
innerhalb der Nieren selbst Niederschläge sich bilden, und na- 
mentlich üi den Harnkanälchen der Marksubstanz grosse ErystaUe 
von harnsaurem Natron sich anhäufen, zuweilen bis zu einer Ver- 
stopfung der Harnkanälchen. Wenn jedoch diese Secretion nicht 
regelmässig vor sich geht, so erfolgt zunächst eine Anhäufung 
der harnsauren Salze im Blute, wie dies durch eine sehr bequeme 
Methode von Garrod nachgewiesen worden ist. Dann beginnen 
Ablagerungen an anderen Punkten, nicht durch den ganzen Kör- 
per, nicht an allen Theilen gleichmässig, sondern an bestimmten 
Punkten und nach gewissen Regeln. Ganz ähnliche Ablagerungen 
von hamsauren Salzen, und zwar in den Bindegewebskörperchen 
und den Lymphgefässen des Bauchfells kann man nach den 
experimentellen Untersuchungen von> Zalesky und Ghrzon- 
szczewski erzeugen, wenn man bei Vögeln die Ureteren unter- 
bindet. 

Dies sind ganz andere Formen der Metastase, als die, welche 
wir bei der Embolie kennen gelernt haben. Dass die Verände- 
rungen, welche in der Nierensubstanz durch die Aufinahme von 



252 Eilftes Capitel. 

Silber vom Magen her erfolgen, mit dem übereinstimmen, was 
man von Alters her in der Pathologie Metastase genannt hat, ist 
nicht zweifelhaft. Es ist dies ein materieller Transport von einem 
Orte zum andern (vom Magen zur Niere), wo an diesem zweiten 
Orte dieselbe Substanz, wenn auch etwas verändert, liegen bleibt, 
welche vorher an dem anderen vorhanden war, und wo das Secre- 
tionsorgan in sein Gewebe Partikelchen des Stoffes aufnimmt. 
Dasselbe wiederholt sich in der Geschichte aller jener Metastasen, 
bei denen im Blute selbst nur gelöste Stoffe und nicht Partikel- ' 
chen von sichtbarer, mechanischer Art (Körner, Eörperchen) sicli 
finden. Denn auch das hamsaure Natron im Blute des Arthriti- 
kers kann man so wenig direkt sehen, als die Silbersalze; man 
müsste sie denn erst durch chemische Prozesse sammeln. 

In dieselbe Kategorie gehört eine neue, freilich sehr seltene 
Art von Metastase, welche ich beschrieben habe. Bei massenhafter 
Resorption von Kalksalzen aus den Knochen, insbesondere bei 
ausgedehnter Geschwulstbildung (Knochenkrebs), wird in der Regel 
die Knochenerde &assenhaft durch die Nieren ausgeschieden, so 
dass sich Sedimente im Harne bilden. Die Kenntniss dieser Er- 
scheinung hat sich von der berühmten Frau Supiot her aus dem 
vorigen Jahrhundert in der Geschichte der Osteomalacie erhalten. 
Aber diese regelrechte Abscheidung der Kalksalze wird nicht selten 
durch Störungen der Nierenfunction in derselben Weise alterirt, 
wie bei Arthritis die Abscheidung des harnsauren Natrons; dann 
entstehen ebenso Metastasen von Knochenerde, aber an anderen 
Punkten, namentlich den Lungen und dem Magen. Die Lungen 
verkalken bisweilen in grossen Bezirken, ohne dass die Permea- 
bilität der Respirationswege leidet; die erkrankten Theile sehen 
wie feiner Badeschwamm aus. Die Magenschleimhaut erfüllt sich 
in ähnlicher Weise mit Kalksalzen, so dass sie sich wie ein Reib- 
eisen anfahlt und unter dem Messer knirscht, ohne dass die Ma- 
gendrüsen unmittelbar daran betheiligt werden; sie stecken nur 
in einer starren Masse, und es mag sogar noch eine Secretion 
aus ihnen erfolgen*). 

Diese Art von Metastasen, wo bestimmte Substanzen, aber 
nicht in einer palpablen Form, sondern in Lösung in die Blat- 
masse gelangen, muss jedenfalls für die Deutung des Complexes 



♦) Archiv VUI. 103. IX. 618. 



Fremde Eorperchen im Blute. 253 

Ton Zuständen, welche man in den Begriff der Pyämie zusammen- 
fasst, wohl berücksichtigt werden. Ich sehe wenigstens keine an- 
dere Möglichkeit der Erklänmg für gewisse mehr diffose Prozesse, 
die nicht in der Form der gewöhnlichen nmschriebenen Metastasen 
auftreten. Dahin gehört die allerdings seltene metastatische Pleu- 
ritis, welche ohne metastatischen Abscess in der Lunge sich ent- 
wickelt, die scheinbar rheumatische Gelenkaffection , bei der man 
an den Gelenken keinen bestimmten Heerd findet, die difiuse 
gangränöse Entzündung des Unterhautgewebes, welche nicht wohl 
gedacht werden kann, ohne dass man auf eine mehr chemische 
Art der Infection zurückgeht. Hier handelt es sich, wie man bei 
der Pocken- und der Leicheninfection sieht, um eine Uebertragung 
von verdorbenen, ichorösen Säften auf den Körper, und 
man muss eine Dyscrasie (ich or Öse Infection, Ichorrhämie) 
zulassen, wo in acuter Weise diese in den Körper gelangte icho- 
röse Substanz an den Organen, welche eine besondere Prädilection 
oder Affinität dazu haben, ihre Wirkung entfaltet*). 

Allerdings ist es sehr schwer, gegenwärtig genau anzugeben, 
welcher Natur die sogenannten ichorösen Säfte sind. Insbesondere 
lässt sich die Möglichkeit nicht verkennen, dass mit den Flüssig- 
keiten allerlei feste Theile in die Circulation gelangen, und es 
mag sein, dass in vielen Fällen diese festen Theile eine grössere 
Bedeutung haben, als die blosse Flüssigkeit. Diese, der Blut- 
mischung fremden Körperchen können wiederum sehr ver- 
schiedener Natur sein. In manchen Fällen liegt es nahe, an 
wirkliche Zellen zu denken, welche von einem Orte des 
Körpers aus in die Gefässe aufgenommen werden. Nachdem 
Saviotti selbst eine Pigmentzelle aus dem Bindegewebe der 
Froschschwimmbaut in ein Gefäss hat einwandern sehen, lassen 
sich ähnliche Vorgänge leicht in grosser Zahl denken. Daran 
schliesst sich das Vorkommen fremder Organismen im Blute. 
Bei verschiedenen Wirbelthieren kennt man Hämatozoen, welche 
offenbar von aussen her in die Gefässe dringen und im Blute cir- 
culiren. Beim Menschen ist ausser dem in Aegypten vorkommen- 
den Distomum haematobium wenig Genaueres bekannt, und es ist 
namentlich zu erwähnen, dass die Einwanderung der Trichinen, 
soweit sich übersehen lässt, in der Regel nicht durch die Geftsse, 



*) Gesammelte Abbandl. 702. Verh. der Ges. fär Geburisb. 1865. XYÜ. 23. 



254 Eüftes Gapitel. 

sondern direkt durch die Gewebe nnd Höhlen des Körpers er- 
folgt*). Anders verhält es sich dagegen mit einer Reihe jener 
kleinsten Organismen, die unter den Namen von Vibrionen, Ba- 
kterien, Mlcrococcus aufgeführt werden, und die in der neueren 
Literatur überwiegend als pflanzliche Organismen betrachtet 
werden. Sie haben eine um so grössere Bedeutung, als sie eine 
grosse Zahl maligner Prozesse am Menschenleibe, namentlich die 
fauligen und brandigen, bewirken und sich den ichorösen Säften 
vielfach zumischen. Auch finden sie sich bei Leichen sehr häufig 
in inneren Gefässen des Körpers, und man hat sie im Blute le- 
bender Menschen und Thiere nachgewiesen. Direkte Injectionen 
von Sporen eines grösseren Fadenpilzes, des Aspergillus, welche 
6 rohe in die Gefässe lebender Thiere veranstaltete, haben über- 
dies gelehrt, dass in den verschiedensten Theilen die Sporen 
keimten und „metastatische Heerde'' hervorbrachten. — Erinnert 
man sich endlich daran, dass nach den Untersuchungen v. Reck- 
linghausen's, welche seitdem vielfoch wiederholt worden sind, 
unlösliche Kömchen von Farbstoff, welche in die Höhlen oder 
Gefässe von Thieren eingespritzt werden, von den fiurblosen 
Blutkörperchen und anderen Gewebselementen aufgenommen und 
von ihnen auf ihren Wanderungen mit fortgetragen werden, so 
erschliesst sich hier noch ein reiches Gebiet möglicher Verände- 
rungen des menschlichen Körpers, deren genauere Analyse uns 
erst gestatten wird, zu entscheiden, wie viel von der schädlichen 
Eigenschaft der ichorösen Säfte körperlichen Beimischungen, wie 
viel chemischen Stoffen zuzuschreiben ist. Immerhin können wir 
vor der Hand die ichoröse Infection als ein besonderes Glied ne- 
ben der Leukocytose und Embolie festhalten. 

Bevor wir jedoch dieses Gapitel schliessen, mfissen wir noch 
eine wichtige Bemerkung in Beziehung auf die sogenannte Pyämie 
hinzufügen. Es kommt nicht selten vor, dass im Laufe desselben 
Krankheitsfalles die drei verschiedenen, von uns betrachteten Ver- 
änderungen oder wenigstens zwei derselben neben einander bestehen. 
Es kann eine Vermehrung der farblosen Körperchen (Leukocytose) 
der Art stattfinden, dass man an die morphologische Pyämie glau- 
ben möchte. Dies wird jedenfalls inmier stattfinden, wenn der 



*) ArchiT XVin. S. 535. Die Lebre Ton den Trichinen. 3. AufL Beriin 
1866. S. 32. 



Py&mie als Sammelname. 255 

Prozess mit ausgedehnter Reiznng von Lymphdrüsen yerbnnden 
war. Man kann ferner Thrombenbildung und Embolie mit meta- 
statischen Heerden finden. Es kann endlich zugleich eine Auf- 
nahme von ichorösen oder fauligen Säften statthaben (Ichorrhämie, 
Septbämie). Diese in sich verschiedenen Zustände können sich 
compliciren, fallen aber darum nicht nothwendig zusammen. Will 
man daher den Begriff der Pyämie festhalten, so kann man es 
am Besten für solche Gomplicationen thun; nur muss man nicht 
einen einheitlichen Mittelpunkt in einer eiterigen In- 
fection des Blutes suchen, sondern die Bezeichnung als einen 
Sammelnamen für mehrere, ihrem Wesen und ihrem Ausgangs- 
punkte nach verschiedenartige Vorgänge betrachten. 



Zwölftes Capitel. 

Theorie der Dyserasien. 



AbhlnclfkeU d«r DjserMi«n nnd Ihrer Daaer tob d«r Zofahr der Stoff«. BSsartlge OeediwilM«: 
Krebs - Djaerasle. Loc«Ie und allgemeine Contagion dorch infectISM Pareaeh ja • Silke. B«- 
deatong der Zellen ffir die Disaemination nnd Metastase. Natnr der TiralentCB Sabetaasea. 
RegreasiTe Stoffe als Mittel der Infeetioa: Rots, Syphilis, Taberkel. Imprangea. Waaderaag 
Infectiöser Elemente. Homologe and heterologe Infeetioa. 

Melaa&mie. Besiehung so melanotisehen Geschwülsten and Intenaittens. Abhiagigl^tit Toa Mlls- 
f&rbnng. 

Die rothen Blutkörperchen. Entstehong. Die melaaSsen Formen. Chlorose. Llharaag dor reafl- 
ratorischen Substans: Kohlenoxyd. Blntgifte, Toxie&mie. 

Verschiedene Entstehung der Dyserasien. 



im Vorhergehenden haben wir nicht nur körperliche Theile, son- 
dern anch chemische Stoffe als Vermittler von Dyserasien kennen 
gelernt nnd gefanden, dass diese Dyserasien eine bald Iftngere, 
bald kürzere Daner haben, je nachdem die Znfohr jener Theile 
oder Stoffe kürzere oder längere Zeit andauert. Kommen wir nun- 
mehr kurz zu der Frage zurück, ob neben diesen Formen noch 
irgend eine Art von Dyscrasie nachweisbar ist, bei der das Blut 
als der dauerhafte Träger bestimmter Verändenmgen er- 
scheint, so müssen wir diese Frage entschieden verneinen. 

Je deutlicher nachweisbar eine vnrkliche Verunreinigung des 
Blutes mit bestinmiten, seiner Mischung fremdartigen Stoffen ist, 
um so regelmässiger pflegt der Verlauf der dadurch hervoi^em- 
fenen Erankheitsprozesse ein relativ acuter zu sein. Man denke 
an Vergiftungen und acute Exantheme. Dagegen durften gerade 
jene Erankheits-Formen, bei denen man sich am liebsten, nament- 
lich über die Mangelhaftigkeit der therapeutischen Erfolge, damit 
tröstet, dass es sich um eine tiefe und unheilbare, chronische 



Bösartige Geschwülste. 267 

Dyscrasie handele, wohl am wenigsten in einer zngleich ursprüng- 
lichen und anhaltenden Veränderung des Blutes beruhen; gerade bei 
ihnen handelt es sich in der Mehrzahl der Fälle um ausgedehnte 
und dauerhafte Veränderungen gewisser Organe oder einzelner 
Theile. So ist es mit Krebs, Tuberculose, Aussatz, Hämorrha- 
philie. Ich kann nicht behaupten, dass ein völliger. Abschluss der 
Untersuchungen in Beziehung auf eine dieser Krankheiten vorläge ; 
ich kann nur sagen, dass jedes Mittel der mikroskopischen und 
chemischen Analyse bis jetzt fruchtlos angewendet worden ist auf 
die hämatologische Erforschung des Wesens dieser Prozesse, dass 
wir dagegen bei allen wesentliche Veränderungen kleinerer oder 
grösserer Complexe von Organen oder Organtheilen nachweisen 
können, und dass die Wahrscheinlichkeit, auch hier die dauerhafte 
Dyscrasie als eine secundäre, abhängig von bestimmten organischen 
Punkten, zu erkennen, mit jedem Tage zunimmt. 

Diese Frage ist namentlich genauer zu discutiren bei der 
Lehre von der Verbreitung der bösartigen Geschwülste*), bei 
denen man sich ja auch so häufig damit hilft, die Bösartigkeit 
als im Blute wurzelnd zu denken, so dass das Blut die Local- 
affectionen hervorbringe. Und doch ist es gerade im Verlaufe dieser 
Bildungen verhältnissmässig am leichtesten, einen anderen Modus 
der Verbreitung zu zeigen, sowohl in der nächsten Nachbarschaft 
der Erkrankungsstelle, als auch an entfernten Organen. Es ergibt 
sich, dass ein Umstand die Möglichkeit der Ausbreitung solcher 
Prozesse besonders begünstigt, nehmlich der Reichthum an 
Parenchym- Säften in dem pathologischen Gebilde**). Je 
trockener eine Neubildung ist, um so weniger besitzt sie im All- 
gemeinen die Fähigkeit der Infection, sei es näherer, sei es ent- 
fernterer Orte. Das Cancroid, die Perlgeschwulst, selbst der Tu- 
berkel stecken die Nachbarschaft leicht an, während die entfernten 
Organe häufig gar nicht erkranken; das Garcinom, das Sarcom, 
der Rotz, selbst specifischer Eiter machen sehr leicht örtliche und 
zugleich allgemeine Ansteckung. 

Der Modus der Verbreitung selbst entspricht bei dem Krebs 
in der Regel ganz dem, was wir früher betrachteten. Am leich- 
testen findet eine Leitung innerhalb der Lymphbahnen und ein 



•) Geschwülste L fl, 70, 126. 
**) Handb. der spec. Pathologie und Ther. I. 340. 

Virehow, CelloUr Pathol. 4. Aufl. 17 



258 Zw^ftes Gapitel. 

Ergreifen der Lymphdrösen statt; erst nach und nach treten an 
entfernteren Stellen Prozesse ähnlicher Art auf. Oder der Prozess 
greift auch hier zunächst auf die Venenwandungen über, diese 
werden wirklich krebsig, und nach einer gewissen Zeit wächst 
entweder der Krebs direkt durch die Wand hindurch in das 6e- 
fäss hinein und schreitet hier fort, oder es bildet sich an diesem 
Punkte ein Thrombus, welcher den Erebspfropf mehr oder weniger 
umhüllt, und in welchen die krebsige Masse hineinwächst*). Wir 
haben also hier in zwei Richtungen die Möglichkeit for eine Ver- 
breitung, aber nur in einer Richtung die Möglichkeit eines sofor- 
tigen Ueberganges körperlicher Theile in das Blut, nehmlich nur 
in dem Falle, dass Venen durchbrochen werden. Eine Resorption 
Yon Krebszellen durch Lymphgefässe gehört keineswegs unter die 
Unmöglichkeiten, aber jedenfalls ist so viel sicher, dass nicht 
eher eine allgemeine Verbreitung derselben stattfinden kann, ehe 
die Lymphdrüsen nicht ihrerseits durch und durch krebsig umge- 
wandelt sind, und dieselben krebsigen Massen von ihnen aus in 
abgehende Gefässe hineinwuchem. Nie kann ein peripherisches 
Lymphgefäss einfach, wie die Flüssigkeit, so auch die Zellen 
des Krebses bis zum Blute fortschwemmen; das ist nur denkbar 
und möglich an den Venen. Allein auch hier verhält es sich so, 
dass eine Wahrscheinlichkeit' dafür, dass häufige Verbreitungen 
durch losgelöste Krebszellen stattfinden, durchaus nicht vorliegt, 
aus dem einfachen Grunde, weil die Metastasen des Krebses den 
Metastasen, die wir bei der Embolie kennen gelernt haben, sehr 
häufig nicht entsprechen. Die gewöhnliche Form der metastatischen 
Verbreitung beim Krebs entspricht vielmehr der Richtung zu den 
Secretionsorganen. Die Lunge erkrankt bekanntlich viel seltener 
durch Krebs, als die Leber, nicht nur nach Magen- und Uterus- 
krebs, sondern auch nach Brustkrebs, welcher doch zunächst Lun- 
genkrebs erzeugen müsste, wenn es etwas Körperliches wäre, 
welches fortgeleitet würde, stagnirte und die neue Eruption be- 
dingte. 

Die Art der metastatischen Verbreitung macht es vielmehr 
wsahrscheinlich, dass die Uebertragung häufig durch Flüssigkeiten 
erfolgt, und dass diese die Fähigkeit besitzen, eine Ansteckung 
XU erzeugen, welche die einzelnen Theile zur Reproduction der- 

^ Archiv. L 112. Gesammelte Abbandl. 551. Geschwulste I. 43. 



Dissemination der Geschwülste. 259 

selben Masse bestimmt, die ursprünglich vorhanden war. Man 
denke sich nur einen ähnlichen Prozess, wie wir ihn bei den 
Pocken im Grossen haben. Der Pockeneiter, direkt übertragen, 
leitet allerdings den Prozess ein, aber das Gontagium ist auch 
flüchtig, und es kann Jemand eiterige Pusteln auf der Haut be- 
kommen, nachdem er nur infecte Luft geathmet hat. Einiger- 
maassen Ähnlich scheint es sich auch in den Fällen zu verhalten, 
wo im Laufe hetöroplastischer Prozesse Dyscrasien zu Stande 
kommen, welche ihre neuen Eruptionen nicht an Punkten machen, 
welche nach der Richtung des Lymph- oder Blutstromes ihnen 
zunächst ausgesetzt sein wurden, sondern an entfernten Punkten. 
Wie sich das Silbersalz nicht in den Lungen ablagert, sondern 
hindurchgeht, um sich erst in den Nieren oder der Haut nieder- 
zuschlagen, so kann ein contagiöser Saft von einer Krebsgeschwulst 
durch die Lungen gehen, ohne diese zu verändern, während er 
doch an einem entfernteren Punkte, z. B. in den Knochen eines 
weit abgelegenen Theiles, bösartige Veränderungen erweckt 

Damit ist natürlich die Möglichkeit nicht ausgeschlosscD, dass 
auch zellige Elemente als Träger der contagiösen Stoffe auftreten. 
Wenn man die eigenthümlichen Eruptionen betrachtet, welche bei 
Magenkrebs am Netz, am Gekröse und an anderen Orten des 
Bauchfells auftreten, so wird es allerdings sehr viel leichter, die- 
selben durch das zufällige Ablösen, Hemntergleiten, Liegenbleiben 
und so zu sagen Keimen von krebsigen Zellen von der Oberfläche 
des Magens zu erklären, als sie auf abgesonderte Flüssigkeiten 
zu beziehen^. Denn diese secundären Peritonäal-Krebse bieten in 
Beziehung auf Yielfachheit, Form und Sitz der Heerde die grösste 
Aehnlichkeit mit den contagiösen Schimmelkrankheiten (Mykosen) 
der Haut dar, wo, z. B. bei Porrigo (Favus, Tinea), bei Pityriasis 
versicolor, die sich ablösenden und heruntergleitenden Sporen zu- 
weilen am Rumpfe eine lange Reihe von Eruptionen bilden. Aber 
auch bei dieser Dissemination von Krebs ist es noch nicht er- 
wiesen, dass es die etwa losgelösten Zellen selbst sind, welche 
aus sich, durch neue Proliferation, die secundären Knoten erzeu- 
gen; vielmehr dürfte auch ihnen nur eine contagiöse, katalytische 
Einwirkung auf die Gewebe zuzuschreiben sein, etwa wie dem 



*) Geschwülste I. 54. 



260 Zwölftes Gapitel. 

Samen (Sperma) in Beziehung auf das Ei*). Soweit meine Beob- 
achtung reicht, gehen die jungen Geschwulst -Elemente in allen 
solchen Secundär- Eruptionen aus dem Gewebe des angesteckten 
Ortes hervor. Deshalb habe ich geschlossen**), dass die locale 
Contagion, welche sich von der ersten Erkrankungsstelle zu- 
nächst in der Nachbarschaft ausbreitet, durch Säfte erfolgen 
müsse, welche in die gesunden Gewebe eindringen, sie katalytisch 
erregen und zu neuer selbständiger Wucherung antreiben. Dies 
wäre eine humorale Infection, die doch nichts mit dem Blute 
zu thun hat, sondern, wie bei einem Erysipelas migrans, Ton 
einem Elemente direkt auf das andere fortschreitet, übertragen 
wird. 

Allerdings ist die Frage, welches die eigentlich infectiOse 
(virulente) Substanz sei, und namentlich, ob sie an zellige 
Elemente oder besondere Organismen gebunden oder als ein 
blofis chemischer Stoff anzusehen sei, eine überaus schwierige, 
und nichts berechtigt uns, sie für alle infectiösen Prozesse in 
gleicher Weise zu behandeln. Denn es ist durchaus nicht nöthig, 
dass dieselbe Erklärung für Pocken gilt, wie für Scharlach oder 
wie für Kotz oder wie für Syphilis. Würde dargethan, dass der 
Krebs sich nur durch Zellen fortpflanzte, so folgte daraus noch 
nicht, dass es bei Tuberkel ebenso sein müsse. Nirgends ist die 
Generalisation bedenklicher, als gerade hier. Auch muss ich dar- 
auf aufmerksam machen, dass selbst da, wo die Infection an 
Zellen oder Organismen geknüpft ist, noch nicht dargethan ist, 
dass diese Zellen oder Organismen selbst das Schädliche sind; es 
kann sehr wohl sein, dass die Zellen erst die schädliche Substanz 
absondern, etwa wie die Gährungspilze den Alkohol***). 

In der That hat das genauere Studium der infectiösen Krank- 
heiten gelehrt, dass selbst zerfallende, regressive Substan- 
zen (Detritus) der TrSger der Ansteckung sein können f). Ich habe 
dies zuerst für den Rotz ff) nachgewiesen. Für die Syphilis bat 
Michaelis einen ähnlichen Nachweis versucht, und die neueren 



•) Gesammelte Abhandl. 41, 51, 53. Handb. der spec. Pathol. II. 411 

••) Archiv 1853. V. 245. 
•♦•) Berliner Klinische Wochenschrift 1871. No. 10. 

t) Geschwülste I. 111. 
tt) Spec. Pathologie und Therapie 1855. II. 411. 



Natur der virulenten Substanzen. 261 

Experimentatoren sind wenigstens sehr getheilter Ansicht''). In 
grosser Ausdehnung hat sich eine ähnliche, zuerst von Dittrich 
Yermuthungsweise aufgestellte Ansicht in der Lehre von der Tu- 
berkulose Anerkennung verscbafift, seitdem man dieselbe im Wege 
der Impfung (Inoculation) bei Thieren studirt hat. Nachdem zu- 
erst Villemin positive Resultate erlangt hatte, indem er Tuberkel- 
substanz auf Thiere übertrug, und damit die Ansteckungsfähigkeit 
des Tuberkels erwiesen schien, hat eine Reihe späterer Experi- 
mentatoren, insbesondere Cohnheim und Fränkel dargethan, 
dass die Fähigkeit, Tuberkel hervorzurufen, nicht an Tuberkelstoff 
geknüpft ist, sondern dass die Inoculation von zerfallendem Eiter, 
ja die blosse Einbringung von reizenden Körpern, welche chro- 
nische Eiterung mit nekrobiotischem Zerfall hervorrufen, genügt, 
um eine bald örtliche, bald allgemeine Tuberkulose zu erzeugen. 
Ja, Versuche von Carl Rüge**) an Meerschweinchen haben ge- 
lehrt, dass die Einbringung fremder Körper, z. B. von Korkstück- 
chen in die Bauchhöhle, auch dann Tuberkulose hervorbringen 
kann, wenn weder Eiter, noch Käse, sondern nur chronische 
Entzündung entsteht. Nichtsdestoweniger wird man kaum fehlge- 
hen, wenn man den käsigen Stoffen, mögen sie nun aus Eiter 
oder aus Tuberkel entstanden sein, eine höhere Fähigkeit, die 
tuberkulöse Infection hervorzubringen, zuschreibt. 

Hu88 man daher zugestehen, dass selbst der Detritus orga- 
nisirter Gewebe oder zelliger Theile infectiöse Eigenschaften be- 
sitzen kann, so wird man sich der Erwägung nicht verschliessen 
können, dass auch Secretstoffe, mögen sie nun, wie die Samen- 
fäden, durch den Untergang von Zellen freigeworden sein, oder 
mögen sie, als recrementitielle Stoffe von den noch fortbestehen- 
den Zellen ausgeschieden sein, infectiös werden können. Wenn 
eine Krebszelle in eine Lymphdrüse geführt wird, so könnte durch 
dio von ihr gelieferten Stoffe auch den Drüsenzellen ein specifischer 
Reiz übertragen werden, welcher dieselben bestimmt, nicht bloss 
zu wachsen und sich zu vermehren, wie bei einer gewöhnlichen 
Reizung, sondern auch wirklich krebsig zu werden. In der That 
lassen sich bei secundärem Krebs der Lymphdrüsen Uebergänge 
zwischen Drüsen- und Krebszellen vielfach wahrnehmen. 



♦) Geschwülste I. 112. 11. 474. 

**) C. Rüge Einige Beiträge zur Lehre von der Tuberkulose. Inaug. Diss. 
Berlin 1869. S. 26. 



262 Zwölftes Gapitel. 

Auch anf dem Wege der Impfang ist es mehreren neueren 
Eiperimentatoren gelungen, Krebs auf Thiere zu übertragen^. 
Aber noch ist nicht genau festgestellt, ob in diesen, verh&Itiiiss- 
massig seltenen und daher noch nicht über allen Zweifel erhabe- 
nen Yersuchen die geimpften Krebszellen selbst weitere Brat aus 
sich hervorgebracht haben, oder ob sie nur katalytisch-erregend auf 
die Gewebstheile einwirkten. Dieses ist erst durch weitere Unter- 
suchungen festzustellen. 

Die neueren Erfahrungen über die Wanderungen zelliger 
Elemente (S. 189) haben überdies eine neue Möglichkeit der Er- 
klärung mancher Erscheinungen gebracht, welche früher nur durch 
die Annahme contagiöser Säfte gedeutet werden konnten. Es ist 
damit nicht bloss die Auswanderung von infectiösen Elemen- 
ten in die Nachbarschaft, sondern auch deren Uebergang in die 
Girculation und ihre Einwanderung in entfernte Organe in den 
Kreis der zulässigen Interpretation eingetreten. Die Bildung von 
Metastasen in entfernten Punkten des Körpers, sowie die durch 
reichlichere Anwesenheit von Parenchymsäften begünstigte Neigung 
zur Infection lässt sich dadurch sehr bequem erklären. Aber man 
darf um der Bequemlichkeit der Erklärung willen nicht übersehen, 
dass der thatsächliche Nachweis allein eine Entscheidung bringt. 
Wenn sich im Umfange eines Tuberkels wieder Tuberkel bilden, 
welche in einer gewissen Entfernung von dem ersten liegen, so 
lässt sich dies so erklären, dass von dem ersten Heerde Tuber- 
kelzellen ausgewandert seien, welche an den accessorischen Knoten 
gekeimt sind. Aber dieselbe Erklärung passt nicht mehr auf den 
Fall, den ich mehrmals gesehen habe, dass sich in der Nähe eines 
kankroiden Geschwürs des Oesophagus eine multiple Eruption 
miliarer Tuberkel auf der Pleura bildet. Hier kommt man noth- 
wendig auf blosse Stoffe zurück, und man überzeugt sich, dass 
es eine doppelte Art der Infection gibt: eine homologe, 
wo die Secundärprodukte den ursprünglichen gleich oder ähnlich, 
und eine heterologe, wo sie davon verschieden sind. 

Auch darf man nicht übersehen, dass ein wirklicher Ueber- 
gang geformter Theile in das Blut nicht nothwendig in denjenigen 
Organen, zu welchen diese Theile gelangen, analoge Erkrankungen 
erzeugen muss, wie an dem Orte ihrer Bildung bestanden. In 



*; Geachwälste I. 87. 



Melanämie. 263 

dieser Beziehimg will ich einen Zustand erwähnen, welcher in der 
neueren Zeit mehr&ch besprochen worden ist, die von mir soge- 
nannte Melanämie*). Es ist dies ein Znstand, welcher sich am 
nächsten an die Geschichte der Leukämie anlehnt, insofern es 
sich dabei nm Elemente des Blutes handelt, welche, wie die farb- 
losen Eörperchen bei der Leukämie, von bestimmten Organen aus 
in das Blut gelangen und mit dem Blute circuliren''*). Die Zahl 
der bekannten Beobachtungen darüber ist schon ziemlich gross, 
man möchte fast sagen, grösser als vielleicht noth wendig wäre, 
denn es scheint in der That, dass hier und da Verwechselungen 
von Pigment mit cadaverösen Producten ''*'') mit untergelaufen sind, 
welche aus der Geschichte der Affection wieder hinauszubringen 
sein dürften. Unzweifelhaft gibt es aber einen Zustand, in wel- 
chem farbige Elemente im Blute vorkommen, welche in dasselbe 
nicht hineingehören. Einzelne Beobachtungen solcher Art finden 
sich schon seit längerer Zeitf) und zwar zuerst in der Geschichte 
der melanotischen Geschwülste, wo man öfter angegeben hat, 
dass in ihrer Nähe schwarze Partikelchen in den Geftssen vor- 
konmien, und wo man sich dachte, dass hieraus die melanotische 
Dyscrasie entstände ff). Dies ist aber gerade der Fall nicht, den 
man meint, wenn man heut zu Tage von Melanämie redet. In 
den letzten Jahren ist keine einzige Beobachtung bekannt gewor- 
den, welche in Beziehung auf den Uebergang melanotischer Ge- 
schwulsttheile in das Blut einen Fortschritt darböte. 

Die erste Beobachtung derjenigen Reihe, welche ich im en- 
geren Sinne als Melanämie bezeichne, ist von Heinrich Meckel 
bei einer Geisteskranken gemacht worden, kurze Zeit, nachdem 
ich die Leukämie beschrieben hatte. Er fand, dass auch hier die 
Milz in einem sehr erheblichen Maasse vergrössert, aber zugleich 
mit schwarzem Pigment durchsetzt war, und er leitete daher die 
Veränderung im Blute von einer Aufiiahme farbiger Partikelchen 
aus der Milz ab. Die nächste Beobachtung habe ich selbst ge- 



*) Gesammelte Abhandlungen 201. 
♦♦) Archiv. 1853. V. 85. 
'^*) Gesammelte Abbandl. 730. Note, 
t) Herr Dr. Stiebel sen. in Frankfurt a. M. macht mich darauf aufmerk- 
sam, dass er schon in einer Recension von Schönlein^s klinischen Vorträgeji 
(in Häser's Archiv) das Vorkommen von Pigmentzellen im Blute besprochen 
habe. Anm. der sweiteii Au0. 

tt) Geschwülste IL 285. 




264 Zwölftes Oapitel. 

macht*), und zwar in einer Richtung, die nachher sehr frachtbar 
geworden ist, bei einem Intermittenskranken, welcher lange Zeit 
mit einem beträchtlichen Milztumor behaftet war; ich fand in 
seinem Herzblute pigmentirte Zellen (Fig. 85). Meckel hatte 

nar freie PigmentkOmer und Schollen gese- 
Fig. S5. hen. Die von mir gefundenen Zellen hatten 

vielfache Aehnlicbkeit mit farblosen Blutkör- 
perchen ; es waren sphärische, manchmal aber 
auch mehr längliche, kernhaltige Elemente, 
innerhalb deren sich mehr oder weniger 
grosse, schwarze Körner fanden. Auch in 
diesem Falle bestätigte sich das Vorkommen 
einer grossen schwarzen Milz. Seit jener Zeit ist durch Meckel 
selbst, sowie durch eine Reihe von anderen Beobachtern in 
Deutschland, zuletzt durch Frerichs, in Italien durch Tigri, 
die Aufmerksamkeit auf diese Zustände immer mehr gelenkt wor- 
den. Tigri hat die Krankheit geradezu nach der schwarzen Milz 
als Milza nera bezeichnet, während nach der Ansicht von Meckel, 
welche durch Frerichs an Ausdehnung gewonnen hat, es viel- 
mehr eine Form der schwereren Intermittenten wäre, welche auf 
diese Weise zu erklären sein sollte. 

Meckel suchte den Grund der schweren Zufidle darin, dass 
die Elemente, welche in's Blut gelangen, sich an gewissen Orten 
in den feineren Capillarbezirken anhäuften und hier Stagnation 
und Obstruction erzeugten. So namentlich in den Gapillaren des 
Gehirns, wo sie sich nach Art der Emboli an den Theilungsstellen 
festsetzen und bald Gapillarapoplexien , bald die comatösen und 
apoplektischen Formen der schweren Wechselfieber bedingen sollten. 
Frerichs hat noch eine andere Art der Verstopfung hinzugefügt, 
die der feinen Lebergefässe, welche endlich zur Atrophie des Le- 
berparenchyms Veranlassung geben soll. 

Es würde demnach hier eine ausserordentlich wichtige Reihe 
von SecundärzuföUen existiren, die direkt von der Dyscrasie ab- 
hängig wären. Leider kann ich selbst wenig darüber sagen, da 



Fi^ 85. Melanämie Blut aus dem rechten Herzen (v^l. Archiv fär patbol. 
Anatomie und Physiologie. Bd. IL Fig. 8) Farblose Zellen von verschiedener 
Gestalt, mit schwarzen, zum Theil eckigen Pigmentkörnern erfüllt Yergr. 300 

*) Archiv 1349. IL 594. 



Veräuderuugeu der rotheu Blutkurptiicheu. 26ö 

ich seit meinem ersten Falle nicht wieder in der Lage war, etwas 
Aehnliches za beobachten. Ich habe wohl schwarze Milzen, sowie 
Lebern mit schwarzem Pigment im interstitiellen Gewebe gefan- 
den, aber keine Melanämie nnd keine melanämische Embolie. Ich 
kann also auch nicht mit Sicherheit über den Werth der Bezie- 
hungen nrtheilen, welche man aufgestellt hat über den Zusammen- 
hang der secundären Veränderungen mit der Blutverunreinigung. 
Nur das möchte ich hervorheben, dass alle Thatsachen, welche man 
in Bezug auf diese Zustände kennt, darauf hinweisen, dass die Ver- 
unreinigung des Blutes von einem bestimmten Organe ausgeht, 
dass dies Organ, wie bei den farblosen Blutkörperchen, gewöhn- 
lich die Milz ist, dass aber selbst diejenigen Beobachter, welche 
das im Blute enthaltene Pigment an entfernten Punkten in den 
Gefissen stocken lassen, daraus nur mechanische Störungen ab- 
leiten, aber nicht melanotische Secundärgeschwülste. Dass die 
schwere Intermittens, wie Griesinger meinte, an die Melanämie 
geknüpft sei, ist entschieden unrichtig, und wenn, wie ich finde, 
das schwarze Pigment in den melanämi sehen Lebern constant in 
den Bindegewebskörperchen der portalen Scheiden liegt, so ist 
damit noch lange nicht dargethan, dass diese Eörperchen selbst 
eingewandert sind. — 

Ich habe im Verlaufe meiner Darstellung bis jetzt kaum etwas 
von den Veränderungen der rothen Eörperchen des Blutes 
erwähnt, nicht etwa, weil ich sie für unwesentliche Bestandtheile 
hielte, sondern weil bis jetzt über ihre Veränderungen ausseror- 
dentlich wenig bekannt ist. Die Geschichte der rothen Blutkör- 
perchen ist immer noch mit einem geheimnissToUen Dunkel um- 
geben, da eine völlige Sicherheit über die Entstehung dieser Ele- 
mente auch gegenwärtig noch nicht gewonnen ist. Ihre Entstehung 
aus farblosen Zellen, so bestimmt wir sie auch voraussetzen 
müssen, ist beim geborenen Menschen nicht regelmässig zu ver- 
folgen. Dass die gewöhnlichen farblosen Blutkörperchen über das 
Stadium hinaus zu sein scheinen, wo ihre Neubildung zu rothen 
Eörperchen noch eintritt, habe ich schon erwähnt (S. 213); ob 
jedoch im Chylus oder in der Lymphe selbst, in der Milz oder 
im Enochenmark schon solche Umbildungen geschehen, ist erst 
genauer festzustellen. Nur bei Froschblut ist es v. Rec kling- 
hausen in seiner „ Zuchtkammer ^ auch ausserhalb des Eörpers 



266 Zwölftes Gapitel. 

gelungen, eine allmähliche Umbildung farbloser Blutkörperchen in 
rothe zu beobachten. Für den Menschen ist diese Erfahrung nicht 
ohne Weiteres zu verwerthen. Wir wissen von ihm nur so viel 
mit Bestimmtheit, wie ich schon früher (S. 172) hervorhob, dass 
die ersten rothen Blutkörperchen aus embryonalen Bildungszellen 
des Eies ebenso direkt hervorgehen, wie alle übrigen Gewebe sich 
aus denselben aufbauen. Wir wissen femer, dass in den ersten 
Lebensmonaten auch des menschlichen Embryo Theilungen der 
rothen Blutkörperchen stattfinden, wodurch eine Vermehrung der- 
selben im Blute selbst hervorgebracht wird. Allein nach dieser 
Zeit ist, ganz vereinzelte Beobachtungen über das Vorkommen 
kernhaltiger Blutkörperchen (S. 205) abgerechnet. Alles dunkel, 
und zwar fällt dieses Dunkel ziemlich genau zusanmien mit der 
Periode, wo die Blutkörperchen im menschlichen und Sftugethier- 
Blute aufhören, Kerne zu zeigen. Wir können nur sagen, dass 
gar keine Thatsache bekannt ist, welche für eine fernere selb- 
ständige Entwickelung oder für eine Theilung der rothen Eörper- 
chen im Blute selbst spräche; Alles deutet mit Wahrscheinlichkeit 
auf eine Zufuhr hin. Selbst 6. Zimmermann, welcher annahm, 
dass kleine bläschenförmige Eörperchen im Blute vorkämen, welche 
in demselben nach und nach durch Intussusception wüchsen und 
endlich zu rothen Blutkörperchen würden, leitete jene bläschen- 
förmigen Eörperchen aus dem Ghylus ab. 

Indess scheint mir diese Beobachtung nicht richtig gedeutet zu 
sein. Die von Zimmermann beschriebenen Gebilde sind offenbar 
Bruchstücke alter Blutkörperchen (S. 193), wie sie Wertheim 
. neuerlich nach Verbrennungen gesehen haben will. Ausserdem fin- 
den sich nicht selten ungewöhnlich kleine Blutkörperchen auch 
im frischen Blute (Fig. 6 1 A), allein wenn man sie genauer unter- 
sucht, so ergibt sich an ihnen eine Eigenthümlichkeit, welche an 
jungen (embryonalen) Formen nicht bekannt ist, nehmlich dass 
sie ausserordentlich resistent gegen die verschiedensten Einwir- 
kungen sind. An sich sehen sie schön dunkelroth aus, sie haben 
eine gesättigte, manchmal fast schwarze Farbe; behandelt man 
sie mit Wasser oder Säuren, welche die gewöhnlichen rothen 
Eörperchen mit Leichtigkeit auflösen, so sieht man, dass eine un- 
gleich längere Zeit vergeht, bevor sie verschwinden. Setzt man 
zu einem Tropfen Blut viel Wasser hinzu, so sieht man sie nach 
dem Verschwinden der übrigen Blutkörperchen noch längere Zeit 



Melanose Blatkorperched. 267 

Übrig bleiben. Diese Eigenthümlichkeit stimmt am meisten aberein 
mit Verändernngen, welche in solchem Blute eintreten, welches in 
Extravasaten oder innerhalb derGefässe lange Zeit in Stase sich 
befanden hat. Hier führt diese Yeränderong unzweifelhaft zu 
einem Untergang der Körper, und es kann daher mit grosser 
Wahrscheinlichkeit auch für das circulirende Blut geschlossen 
werden, dass diese kleinen Eörperchen nicht junge, in der Ent- 
wickelung begriffene, sondern im Gegentheil alte, im Untergang 
begriffene Formen darstellen. Ich stimme daher im Wesentlichen 
mit der Auffassung von Karl Heinrich Schultz überein, welcher 
diese Körper unter dem Namen von melanösen Blutkörperchen 
beschrieben hat und sie für die Vorläufer der „Blutmauserung ^ 
ansieht, für Körperchen, welche sich vorbereiteten zu den eigent- 
lich ezcrementiellen Umsetzungen. 

In manchen Zuständen wird die Zahl dieser Elemente unge- 
heuer gross. Bei recht gesunden Individuen findet man sehr wenig 
davon, nur im Pfortaderblut glaubt Schultz immer viele dieser 
Körperchen gesehen zu haben. Sicher ist es aber, dass es krank- 
hafte Zustände gibt, wo ihre Menge so gross wird, dass man fast 
in jedem Blutstropfen eine kleinere oder grössere Zahl davon an- 
trifft Diese Zustände lassen sich jedoch bis jetzt nicht in be- 
stimmte Kategorien bringen, weil die Aufimerksamkeit darauf 
wenig rege gewesen ist. Man findet sie in leichten Formen von 
Intermittens , bei Gyanose nach Herzkrankheiten, bei Typhösen, 
bei den Infectionsfiebem der Operirten und im Laofe epidemischer 
Erkrankungen, immer jedoch in solchen Krankheiten, welche mit 
einer schnellen Erschöpfung der Blutmasse einhergehen und zu 
kachectischen und anämischen Zuständen führen. In der Regel 
sieht solches Blut sehr dunkel aus und ninmit selbst beim Stehen 
an der Luft oder beim Zusätze von Neutralsalzen nicht jene hoch- 
rothe Farbe an, welche das normale Blut so sehr auszeichnet. 
Auch vom klinischen Gesichtspunkte aus besteht für die Mehrzahl 
dieser Krankheitszustände die Wahrscheinlichkeit eines reichlichen 
Zugrundegehens von Blutbestandtheilen innerhalb der Blutbahn. — 

Ausser diesen Verändenmgen kennen wir mit Bestimmtheit 
noch eine andere Reihe, wo es sich um quantitative Veränderungen 
in der Zahl der Körper handelt. Diese Zustände, deren Haupt- 
repräsentaut die Chlorose ist, zeigen eine gewisse Aehnlichkeit 



268 Zwölftes Capitel. 

mit jenen, welche mit Yermehning der farblosen BlatkOrperchen 
einhergehen, mit der Leakämie im engeren Sinne nnd den Mobs 
lenkocytotischen Zuständen. Die Chlorose unterscheidet sich aber 
dadurch von ihnen, dass die Zahl der zelligen Eörperchen im 
Blute überhaupt geringer ist. Während in der Leukämie gewisser- 
maassen an die Stelle der rothen Eörperchen farblose treten und 
eine Verminderung der Zahl der zelligen Elemente im Blute nicht 
zu Stande kommt, ja zuweilen sogar eine Art von Plethora lym- 
phatica dadurch bedingt wird, so vermindern sich bei der Chlorose 
die Elemente beider Gattungen, ohne dass das gegenseitige Ver- 
hältniss der farbigen zu den farblosen in einer bestimmten Weise 
gestOrt würde. Es setzt dies eine verminderte Bildung überhaupt 
voraus, nnd wenn man schliessen darf (wie ich allerdings glaube, 
dass man kaum anders kann), dass auch die rothen Eörperchen 
von Elementen der Milz und der Lymphdrüsen herstanunen, so 
würde Alles darauf hindeuten, dass in der Chlorose eine vermin- 
derte Bildung von Zellen innerhalb der Blutdrfisen stattfinde. Die 
Leukämie erklärt sich natürlich viel einfacher, insofern wir hier 
Repräsentanten der zelligen Elemente im Blute finden, und wir 
uns denken können, dass ein Theil der Elemente, anstatt in rotte 
umgewandelt zu werden, seine Entwickelung ganz als farblose 
fortsetzt In der Geschichte der Chlorose dagegen waltet noch 
viel Dunkel, da wir ein primäres Leiden der Blutdrüsen mit Be- 
stimmtheit nicht nachweisen können. Die anatomischen Erhhnm- 
gen deuten darauf hin, dass die chlorotische Störung schon sehr 
frühzeitig angelegt wird. Man findet gewöhnlich die Aorta und 
die grösseren Arterien, häufig das Herz und den Sezualapparat 
mangelhaft gebildet, was auf eine congenitale oder doch in früher 
Jugend erworbene Disposition schliessen lässt. Wenn diese Dispo- 
sition in der Regel erst zur Pubertätszeit wirkliche Störungen von 
pathologischem Werthe hervorbringt, so würde es doch irrig sein, 
wenn man deshalb die Disposition leugnen wollte. Meine Ansicht 
geht sogar dahin, dass diese Disposition unheilbar ist, wenngleich 
sie durch zweckmässige Behandlung, insbesondere diätetische Pflege 
latent gemacht werden kann. — 

Endlich muss hier noch eine dritte Reihe von Zuständen er- 
wähnt werden, diejenige nehmlich, wo die innere Beschaffenheit 
der Blutkörperchen Veränderungen erfahren hat, ohne dass dadurch 



Toxicfimie. 269 

ein bestimmter morphologischer Effect hervorgebracht würde. Hier 
handelt es sich wesentlich um Functionsstörongen , welche wahr- 
scheinlich mit feineren Verändenmgen der Mischung zusammen- 
hängen, also Veränderungen der eigentlichen respiratorischen 
Substanz. So gut nehmlich, wie wir bei den Muskeln die Sub- 
stanz des Primitivbündels, die compacte Masse des Syntonlns oder 
Myosins als contractile Substanz erfinden, so erkennen wir im In- 
halte des rothen Blutkörperchens die eigentlich functionirende, re- 
spiratorische Substanz. Sie erfälirt unter gewissen Verhältnissen 
Veränderungen, welche sie ausser Stand setzen, ihre Function 
fortzuführen, eine Art von Lähmung, wenn man will. Dass etwas 
der Art vorgegangen ist, ersieht man daraus, dass die Eörperchen 
nicht mehr im Stande sind, Sauerstoff aufzunehmen, wie man dieses 
experimentell unmittelbar erhärten kann. Dass es sich dabei aber 
um molekulare Veränderungen in der Mischung handelt, dafür 
haben wir bequeme Anhaltspunkte in der Wirkung solcher giftiger 
Substanzen, welche schon in minimaler Menge das Hämoglobin 
80 verändern, dass es in eine Art von Paralyse versetzt wird. 
£s sind dies die Blutgifte im engeren Sinne des Wortes, bei 
denen nicht bloss, wie bei den meisten Giften, die schädliche Sub- 
stanz durch das Blut hindurchgeht, um zu anderen Theilen z. B. 
zu Ganglienzellen, Drüsenzellen, zu gelangen, sondern bei denen 
das Blut selbst in seinen specifischen Elementen den Hauptangriff 
zu erfahren hat. Hierher gehört ein Tbeil der flüchtigen Wasser- 
stoffverbindungen, z. B. Arsenikwasserstoft', Cyanwasserstoff; femer 
nach Hoppe-Seyler's und Bernard's Untersuchungen das 
Kohlenoxydgas , von dem verhältnissmässig kleine Mengen aus- 
reichend sind , um die respiratorische Fähigkeit der Eörperchen 
zu vernichten. Analoge Zustände sind schon früherhin vielfach 
beobachtet worden im Verlaufe anderer Infectionskrankheiten, z. B. 
der typhoiden Fieber, wo die Fähigkeit, Sauerstoff aufzunehmen, 
in dem Maasse abnimmt, als die Krankheit einen schweren acuten 
Verlauf gewinnt. Mikroskopisch sieht man aber ausser einzelnen 
melanösen Eörperchen fast gar nichts, nur das chemische Expe- 
riment und die grobe Wahrnehmung vom blossen Auge zeigen die 
veränderte Beschaffenheit an. Man kann daher sagen, dass in 
diesem Gebiete der Toxicämie das Meiste noch zu machen ist. 
Wir haben mehr Anhaltspunkte, als Thatsachen. 



270 Zwölftes Capitel. 

Fassen wir nun das, was wir fiber das Blut yorgefthrt haben« 
kurz zusammen, so ergiebt sich in Beziehung auf die Theorie 
der Dyscrasien, dass entweder Substanzen in das Blnt gelangen, 
welche anf die zelligen Elemente desselben schädlich einwirken 
und dieselben ausser Stand setzen, ihre Function zu verrichten, 
oder dass von einem bestimmten Punkte aus, sei es von aussen, 
sei es von einem Organe aus, Stoffe dem Blute zugeführt werden, 
welche von dem Blute aus auf andere Organe nachtheilig einwir- 
ken, oder endlich dass die Bestandtheile des Blutes selbst nicht 
in regelmässiger Weise ersetzt und nachgebildet werden. Nirgends 
in dieser ganzen Reihe finden wir irgend einen Zustand, welcher 
darauf hindeutete, dass eine dauerhafte Fortsetzung von be- 
stimmten, einmal eingeleiteten Veränderungen im Blute selbst 
sich erhalten konnte, dass also eine permanente Dyscrasie möglich 
wäre, ohne dass neue Einwirkungen von einem bestimmten Atrium 
oder Organe aus auf das Blut stattfinden. In jeder Beziehung 
stellt sich uns das Blut dar als ein abhängiges und nicht als ein 
unabhängiges oder selbständiges Fluidum; die Quellen seines Be- 
standes und Ersatzes, die Anregungen zu seinen YeränderuDgen 
liegen nicht in ihm, sondern ausser ihm. Daraus folgt consequent 
der auch fär die Praxis ausserordentlich wichtige Gesichtspunkt, 
dass es sich bei allen Formen der Dyscrasie darum handelt, ihren 
Ortlichen Ursprung, ihre (in Beziehung auf das Blut selbst) äussere 
Veranlassung aufzusuchen. — 



Dreizehntes Capitel. 

Das peripherische NerYensystem. 



D«r NcrTCDApptrat Sein« pritendirt« Blnhcit. 

Die Mtrrenfucrn. Peripherische Nerven. Faseikel, PrimitlTfAser. Perinenriom und Nearllem. 
Sehwann'iche Seheide. Atfeneylinder (eleetritehe SabiUoi). Markstoff (Mjella), ProtagoD, 
Phosphor der NerTentubtUni. Marklote nod markhültlge Fatero. Ueborgaog der eioen in 
die anderen: Hypertrophie des Optlcoi. Verichledene Breite der Fasern. 

Die peripherleehen Nerrenendlgnngen. Vater'tehe (Pacini'eehe) und Tastkörper. MarUose Faeorn 
der Haut mit Endignng Im Rete. Unteneheidang von Geflss-, Nerven- nnd Zellenterritoriea 
in der Haut. Eodkolben der SebleimhantnerTen. H6here Sinnesorgane: Riech-, Oeschmaoks- 
oadHörtellea. Retina: nervSse nnd bindegewebige Thelle. ArbeiUnerven: Mnskel-Bndplatten, 
Verbiadnng der Nerven mit Drfisen- nnd anderen Zellen. 

Die Thelinng der Nenrenfasem. Das eleetrisehe Organ der Fische. Die Muskelnerren. Weitere 
Betraehtnng ftber NerTeuterritorlen. 

Nervenplesne mit gaaglioformen Knoten. Darmsehleimhaat. Geflise. Pleznt mjeaterleas. 

Irrthimer der Nenropathologen. 



JNachdem wir die humoralpathologischen Gesichtspunkte in der 
Betrachtung der Dyscrasien erörtert haben, so dürfte es nicht 
bloss dem historischen Rechte nach, sondern auch der Wichtigkeit 
des Gegenstandes nach gerathen sein, nnnmehr die Grundlagen 
der solidarpathologischen Doctrin in ihrer modernen Gestalt als 
Nenropathologie zu prüfen. Wenden wir uns daher jetzt zn der 
Einrichtung des Nervenapparates. 

Die überwiegende Masse des Nervenapparates besteht aus 
faserigen Bestandtheilen. Diese sind' es auch, aufweiche 
sich fast alle die feineren, physiologischen Entdeckungen beziehen, 
welche die letzten Jahrzehnte gebracht haben, während der andere, 
der Masse nach viel kleinere Theil des Nerven -Apparates, die 
graue oder gangliöse Substanz, bis jetzt selbst der histologi- 



272 Dreizehntes Capitel. 

sehen Untersnchnng Schwierigkeiten entgegengestellt hat, welche 
noch lange nicht überwunden sind, so dass die experimentelle Er* 
forschnng dieser Substanz kaum in Angriff genommen werden 
konnte. Es wird freilich oft behauptet, man wisse gegenwärtig 
viel von dem Nervensystem, aber unsere Eenntniss beschränkt 
sich grossentheils auf die weisse Substanz, den faserigen Antheil, 
während wir leider eingestehen müssen, dass wir über die, ihrer 
functionellen Bedeutung nach offenbar viel höher stehende, graue 
Substanz in vielen Beziehungen immer noch sowohl anatomisch, 
als namentlich physiologisch in grosser Unsicherheit uns bewegen. 

Sobald man die Frage von der Bedeutung des Nervensystems 
innerhalb der Lebensvorgänge anatomisch betrachtet, so ergibt ein 
einziger Blick, dass der Standpunkt, von welchem die Neuro- 
Pathologie auszugehen pflegt, ein sehr verfehlter ist. Denn sie 
betrachtet das Nervensystem wie ein ungewöhnlich Einfaches, das 
durch seine Einheit zugleich die Einheit des ganzen Organismus, 
des Körpers überhaupt bedinge. Wer aber auch nur ganz grobe 
anatomische Vorstellungen über die Nerven hat, der sollte es sich 
doch nicht verhehlen, dass es mit dieser Einheit sehr misslich be- 
stellt ist. Schon das Scalpell legt den Nervenapparat als ein aus 
ausserordentlich vielen, relativ gleichwerthigen Theilen zusammen- 
geordnetes System ohne erkennbaren einfachen Mittelpunkt dar. Je 
genauer wir histologisch untersuchen, um so mehr vervielfältigen 
sich die Elemente, und die letzte Zusammensetzung des Nerven- 
systems zeigt sich nach einem ganz analogen Plane angelegt, wie 
die aller übrigen Theile des Körpers. Eine unendliche Menge zel- 
liger Elemente von mehr oder weniger grosser Selbständigkeit 
tritt neben und grossentheils unabhängig von einander auch in 
dem Nervensystem in die Erscheinung. 

Schliessen wir zunächst die gangliöse Substanz aus und hal- 
ten wir uns einfach an die faserige Masse, so haben wir einerseits 
die eigentlichen (peripherischen) Nerven im engeren Sinne des 
Wortes, andererseits die grossen Anhäufungen weisser Mark- 
masse, wie sie den grössten Theil des kleinen und grossen Ge- 
hirns und der Stränge des Rückenmarks zusammensetzt. Die 
Fasern dieser verschiedenen Abschnitte sind im Grossen ähnlich 
gebaut, zeigen aber im Feineren vielfache und zum Theil so er- 
hebliche Verschiedenheiten, dass es Punkte gibt, wo man noch 
in diesem Augenblick nicht mit Sicherheit sagen kann, ob die 



Nervenbnndel, 273 

Elemente, welche man vor sich hat, wirklich Nerven sind, oder 
ob sie einer ganz anderen Art von Fasern angehßren. Am eicher- 
Bten ist man über die Zasammeosetzong der gewöhnlichen peri- 
pberiscben Nerven; hier unterscheidet man im Allgemeinen mit 
ziemlicher Leichtigkeit Folgendes: 

Alle mit blossem Ange za verfolgenden Nerven enthalten 
eine gewisse Snmme von UnterabtbeilnDgen, Bündeln oder F&sci- 
keln, welche sieb nachher als Aeste oder Zweige auseinanderlösen. 
Verfolgen wir diese einzelnen, sich weiter nnd weiter verlheüen- 
den Zweige, so beb&lt der Nerv fast unter allen Verhältnissen bis 
nahe za seinen letzten Theilnngen eine fascikuläre Einrichtnng, 
so dass jedes Bündel wieder eine kleinere oder grössere Zahl von 
sogenannten Primitivfasem amschliesst. Der Ansdmck Primitiv- 
faser, welchen man hier gebraucht, ist ursprünglich gewählt wor- 
den, weil man den Nervenfascikel für ein Analogen der Primitiv- . 
bündel des Muskels hielt. Späterbin ist die Vorstellung von einem 
besonderen Bindemittel zwischen den einzelnen Nervenfasern fast 
verloren gegangen, nnd erst dnrcb Robin ist in neuerer Zeit die 
Aufaierksamkeit wieder auf die Snbstanz hingelenkt worden, wel- 
che das Bündel znsammenbäll; er nannte dieselbe Perineurium. 
Es ist dies ein sehr dichtes, fast 
aponeurotisches und daher leicht ^^«- ^' 

durchscheinendes Bindegewebe, in ' 
welchem sich bei Zusatz von 
Essigsäure kleine Kerne zeigen. 
Verschieden davon ist das mehr 
lockere Bindegewebe, welches die 
Fascikei znsammeubält und eine 
Scheide für den ganzen Nerven 
bildet, das sogenannte Neurilem. 

Wenn wir kurzweg von Ner- 
venfasern im histologischen Sinne sprechen, so meinen wir immer 
die Primitivfaser, nicht den i'ascikel, welcher vom blossen Auge 
als Faser erscheint nnd daher in der Vnigärsprache oft so genannt 



Fiß 86. Qaerschaitt durch einen ts'ervenslAmin dea Plexus bracbialia. 
/, / Neurilcm, ton dem eine grO^nere Scheide /' und feinere durch helle Linien 
beieichnete Fortsätze durch den Nerven verlauren und ihn in kleine Fascikei 
scheiden. Letztere zeigen die dunklen, punklfürmieen Uurchachuitte der Primitiv- 
bsem und doiwischen daa Perincuriiiiii. Ver^. 80. 



274 Dreizehntes Capitel. 

wird. Jene feineteD, mikroskopischeo Fasern besitzen wiedemm jede 
fQr sich eine äussere Membran, die sogenannte Scbwaan'scbe 
Scheide; an ihr steht man, wenn man sie vollkommen frei macht 
vom Inhalte, was allerdings sehr schwierig ist, was aher zuweilen 
nnter pathologischen Verhältnissen spontan auftritt, z. B. bei ge- 
wissen ZustSndeo der Atrophie, wandstäudige Kerae (Fig. 6, c). 
Innerhalb dieser membrantisen RShren Hegt die e^entliche Ner- 
ven-Snbatanz, welche sich bei den gew5hDlichen Nerven noch- 
mals in zweierlei Bestandtheile scheidet. Diese sind hei dem ganz 
frischen Nerven kaum als zwei zu erkennen, treten aber kurze 
Zeit nach dem Absterben oder Herauaschneiden des Nerven oder 
nach Einwirkung irgend eines Medinms auf den Nerven sofort 
ganz deutlich ans einander, indem der eine dieser Bestandtheile 
eine schnelle, gewöhnlich als Gerinnung bezeichnete VerSndemng 
er^rt, dnrch welche er sich von 
dem anderen Bestandtheile absetzt 
(Fig. 87). Ist dies geschehen, so 
sieht man im Innern der Nenen- 
faser deutlich den sogenannten 
Axencylinder (das Primitivband 
von R e m a k), ein sehr feines, zartes, 
blasses Gebilde, und um ihn herom 
eine ziemlich derbe, dunkle, hier 
und da zusammenfliessende Masse, 
dasNervenmark oder die Mark- 
scheide; letztere fQllt den Raum 
zwischen Axencylinder und der 
äusseren Membran ans. Meist ist 
aber die Nervenröhre so stark ge- 
füllt mit dem Inhalte, dass man 
bei der gewöhnlichen Betrachtung von den einzelnen Bestandtheilen 
fast gar nichts sieht, wie denn überhaupt der Axencylinder inner- 
halb der Markmasse schwer erkennbar ist. Baraas erklärt es sich. 



Fig. 87. Grane und weisse Nervenfasern. A Ein graner, gelslini'iser Nerren- 
fasciliel aus der Wunel de« MesPDieriums, nach Behandlung mit Essigsäure. 
ß E^ine breite, weisse Primilivfaser ans dem N, cruralisr a der frdgflegte Aien- 
cylinder, r, r die varilü>e Paser mit der Uarkscheide, am Ende bei m, m der 
Markslnff (Myelin! in geschlängeJIen Figuren hervortretend. C Feine, weisse Pri- 
mitivfaser aus dem Gehirn, mil fiei hervorlrclendem Axencylinder. Vcrgr. 300. 



Markhaltige und marklose Neirenfasern. 275 

dass man Jahre lang über seine Existenz gestritten und vielfach 
die Ansicht ausgesprochen hat, er sei gleichfalls eine Gerinnungs- 
Erscheinung, indem eine Trennung des ursprünglich gleichmässigen 
Inhaltes in eine innere und äussere Masse stattfinde. Dies ist 
aber unzweifelhaft unrichtig: alle Methoden der Untersuchung 
geben zuletzt dies Primitivband zu erkennen; selbst auf Quer- 
schnitten der Nerven sieht man ganz deutlich im Innern den 
Axencylinder und um ihn herum das Mark. 

Das sogenannte Nervenmark ist es, was den Nervenfasern 
überhaupt das weisse Ansehen verleiht; überall, wo die Nerven 
diesen Bestandtheil enthalten, erscheinen sie weiss, überall, wo 
er ihnen fehlt, haben sie ein durchscheinendes, graues Aussehen. 
Daher gibt es Nerven, welche der Farbe nach der gangliösen 
Substanz sich anschliessen, verhältnissmässig durchsichtig sind, ein 
mehr helles, gelatinöses Aussehen besitzen; man hat sie deshalb 
graue oder gelatinöse Nerven genannt (Fig. 87 A). Zwischen 
grauer und weisser Nervenmasse überhaupt besteht also nicht der 
Unterschied, dass die eine gangliös, die andere faserig ist, sondern 
nur der, dass die eine Mark enthält, die andere nicht ; indess ge- 
braucht man den Ausdruck „graue Substanz*^ gewöhnlich nur von 
der wirklich gangliösen Masse, nicht von den grauen, marklosen 
Nerven. Den Zustand der Marklosigkeit bei den Nervenfasern 
kann man im Allgemeinen als den niederen, unvollständigeren 
bezeichnen; die Markbaltigkeit zeigt eine reichere Ernährung und 
höhere Entwickelung an. 

Nichts lehrt vielleicht die unmittelbar praktische Bedeutung 
dieser beiden Zustände so auffallend, als eine zuerst von mir ge- 
machte Beobachtung an der Retina, an welcher in einer sehr un- 
erwarteten Weise die sonst durchscheinende graue Nervenmasse 
in undurchsichtige weisse verwandelt war. Ich fand*) nehmlich 
ganz zufällig eines Tages in den Augen eines Mannes, bei dem 
ich ganz andere Veränderungen vermuthete, im Umfange der Pa- 
pilla optici, wo man sonst die gleichmässig durchscheinende Re- 
tina sieht, eine weissliche, radiäre Streifung, wie man sie an der- 
selben Stelle im Kleinen zuweilen bei Hunden und ziemlich con- 
stant in einzelnen Richtungen bei ELanincheu triflit. Die mikrosko- 
pische Untersuchung ergab, dass in ähnlicher Weise, wie bei 

♦) Archiv 1856. X. 190. 

18^ 



276 Dreizehntes Gapitel. 





diesen Tbieren, in der Retina markhaltige Fasern sich entwickelt 
hatten, and dass die Faserlage der Retina dnrch die Anfinahme 
von Markmasse dicker nnd nndorchsichtig geworden war. Die 
einzelnen Fasern verhielten sich dabei so, dass, wenn man sie 
von den vorderen nnd mittleren Theilen der Retina ans nach 
hinten gegen die Papille hin verfolgte, sie allmählich an Breite 
znnabmen, nnd zngleicb in einer zuerst fast unmerklichen, später 
sehr auffälligen Weise eine Abscheidung von Mark in ihrem In- 
neren erkennen Hessen. Das ist also eine Art von Hypertrophie, 
aber sie beschränkt die Function der Retina wesentlich, denn das 
Mark lässt die Lichtstrahlen nicht durch und die zarte Haut 
wird daher mehr und mehr getrübt. 

Dieselbe Veränderung geschieht am Nerven, während er sich 
entwickelt. Der junge Nerv ist eine feine Röhre, welche in ge- 
wissen Abständen mit Kernen besetzt ist und einen blassgrauen 
Inhalt besitzt. Erst später erscheint das Mark, der Nerv wird 
damit breiter, und der Axencylinder setzt sich deutlich ab. Man 
kann daher sagen, dass die Markscheide ein nicht absolut noth- 
wendiger Bestandtheil des Nerven ist, sondern ihm erst auf einer 
gewissen Höhe seiner Entwickelung zukommt. 

Es folgt daraus, dass diese Substanz, welche man früher als 
das Wesentliche im Nerven betrachtete, nach der jetzigen An- 
schauung eine mehr untergeordnete Rolle spielen muss. Nur die- 
jenigen, welche auch jetzt noch keinen Axencylinder zulassen, 



Fi^. 88. Markige Hypertrophie des Opticus innerhalb des Auges. A Die 
hintere Uüifte des Bulbus, von vom gesehen; von der Papilla optici (?ehen nach 
vier Seiten radiäre Ausstrahlungen von weissen Fasern aus. B Die Opticusfasern 
aus der Retina bei SOOmali^er Verprrösserung : a eine blasse, gewöhnliche, leicht 
variko.se Faser, b eine mit allmählich zunehmender Markscheide, r eine solche 
mit frei hervor»tebendem Axencylinder. 



Harkstoff (Myelin). 277 

sehen sie natürlich nicht bloss als den bei Weitem überwiegenden 
Bestandtheil , sondern auch als den eigentlich fanctionirenden 
Nerveninhalt an. Sehr merkwürdig ist es aber, dass dieselbe 
Substanz eine der am meisten verbreiteten ist, welche überhaupt 
im thierischen Körper vorkommen. Ich war sonderbarer Weise 
znerst bei der Untersuchung von Lungen auf Gebilde gestossen, 
welche ganz ähnliche Eigenschaften darboten, v^e man sie am 
Nervenmark wahrnimmt. So auffallend dies auch war, so dachte 
ich in der That nicht an eine üebereinstimmung, bis nach und 
nach durch eine Reihe weiterer Beobachtungen, welche im Laufe 
mehrerer Jahre hinzukamen, ich darauf geführt wurde, viele Ge- 
webe chemisch darauf zu untersuchen*). Dabei stellte es sich 
heraus, dass fast gar kein zellenreiches Gewebe vorkommt, in dem 
jene Substanz sich nicht in grosser Masse vorfände; allein nur 
die Nervenfaser hat die Eigenthümlichkeit, dass die Substanz als 
solche sich abscheidet, während sie in allen anderen zelligen 
Theilen in einer fein vertheilten Weise im Inneren der Elemente 
enthalten ist und erst bei chemischer Veränderung des Inhaltes 
oder bei chemischen Einvrirkungen auf denselben frei wird. Wir 
können aus den Blutkörperchen, aus den Eiterkörperchen, aus den 
epithelialen Elementen der verschiedensten drüsigen Theile, aus 
dem Inneren der Milz und ähnlicher 
Drusen ohne Ausführungsgänge überall Fig. 89. 

durch Extraction mit heissem Alkohol ^^ ^ 

diesen Stoff gewinnen. Es ist dieselbe /S^ßjßl f " W ? 
Substanz, welche den grössten Be- ^^^ t^|? 

standtheil der gelben Dottermasse im ® ^^ Z^ 

Hühnerei bildet, von wo ihr Geschmack 

und ihre Eigenthümlichkeit, namentlich ihre eigenthümliche Zähig- 
keit und Klebrigkeit, welche den höheren technischen Zwecken 
der Küche so vortrefflich dient, jedermann hinlänglich bekannt ist. 
Ich schlug für diese Substanz den Namen Markstoff oder 
Myelin vor. Später hat 0. Liebreich diesen Körper genauer 
studirt und nachgewiesen, dass das gewöhnliche Myelin keine ganz 



Fig. 89. Tropfen von Markstoff (Myelin, nach Gobley Lecithin). A Ver- 
schieden gestaltete Tropfen aus der Markscheide von Hiranerven, nach Aufquellunjj 
dnrch Wasser. B Tropfen aus zerfallendem Epithel der Gallenblase in der n^- 
tnrlicben Flüssigkeit. Vergr. 300. 

•) Archiv. 1845. VI. 562, 



278 Dreizehntes GapiteL 

reine chemische Sabstanz ist; ihren wesentlichen Antheil bildet 
eine Stickstoff und Phosphor enthaltende Substanz, welcher er 
den Namen Protagon beigelegt hat. Andere Untersncher haben 
denn auch ans den anderen von mir angegebenen Theilen, wie 
ans Blutkörperchen nnd Eiter, Protagon dargestellt. 

Für die Lehre von den Ner^enfnnctionen hat diese Substanz 
das besondere Interesse, dass sie die Veranlassung zu der oft be- 
sprochenen Auffassung von der Bedeutung des Phosphors für die 
eigentliche Nerventhätigkeit , namentlich auch für die Denkthätig- 
keit gegeben hat. Auch hat man pathologisch geglaubt, aus ver- 
mehrter Abscheidung von Phosphorverbindungen durch die Secre- 
tionsorgane, namentlich durch die Nieren, auf einen vermehrten 
Verbrauch von Nervensubstanz schliessen zu kOnneo. Wenn es 
nun auch richtig ist, dass Phosphorsäure (in Verbindung mit Gly- 
cerin) ein gewöhnliches Zersetzungsproduct des Protagons ist, und 
wenn daher bei vollständiger Zerstörung von Nerven- oder Gehirn- 
theilen Phosphorsäure in grösserer Menge in's Blut und in die 
Secrete gelangen kann, so ist doch leicht ersichtlich, dass dieselbe 
in keiner Weise der eigentlich fimgirenden Substanz des Nerven 
oder des Gehirns entstammt, und dass sie am allerwenigsten da 
erwartet werden kann, wo bei Erhaltung des Nerven als solchen 
nur ein durch seine Thätigkeit vermehrter Umsatz seiner Substanz 
vorausgesetzt wird. Das ,)Phosphoresciren der Gedanken*^ kann 
also zu den Träumen der Wissenschaft gerechnet werden. 

Wird die Ernährung des Nerven erheblich gestört, so ninunt 
die Markscheide an Masse ab, ja sie kann unter Umständen gänz- 
lich verschwinden, so dass der weisse Nerv wieder auf einen 
grauen oder gelatinösen Zustand zurückgeführt wird. Das gibt 
eine graue Atrophie, gelatinöse Degeneration, wobei die 
Nervenfaser an sich existirt und nur die besondere Anfüllung mit 
Markmasse leidet. Daraus erklärt es sich, dass man an vielen 
Punkten, wo man früher nach der anatomischen Erfahrung einen 
vollständig fonctionsunfähigen Theil erwarten zu dürfen glaubte, 
durch die klinische Beobachtung mit Hülfe der Electricität den 
Nachweis liefern konnte, dass der Nerv noch fiinctionsf&hig sei, 
wenn auch in einem geringeren Maassstabe, als normal. Und so 
ist auch diese Erfahrung wieder ein Beweis geworden, dass das 
Mark nicht derjenige Bestandtheil sein kann, an welchen die 
Function des Nerven als solche gebunden ist. Zu demselben 



Äzancjlioder und Markscheide. 279 

ScbluBS haben ancb die physikaliBchen Untersnchnngen geführt, 
and man betrachtet daher gegenwärtig ziemlich allgemein den 
Axencylinder ab den wesentiicben Theil dea Nerven. Derselbe 
ist auch im blassen Nerven vorhanden, aber nar im weissen Ner- 
ven hebt er sich dnrch seine Abl&song von der umgebenden Mark- 
scheide deatlicher hervor. Der Axencylioder würde also die eigent- 
liche electrische Substanz der Physiker Bein, und man kann 
allerdings die Hypothese zalasaen, dass die Harkscheide mehr als 
eine isolirende Masse dient, welche die Electricitfit in dem Nerven 
selbst zusammenhält und deren Entladung eben nur an den mark- 
losen Enden der Fasern zu Stande kommen lässt. 

Die Besonderheit des Markstotfes äussert sich am häufigsten 
darin, dass, wenn man einen Nerven zerreisst oder zerschneidet, 
das Mark gewöhnlich aus demselben hervortritt (Fig. 87, m,'m) 
und zugleich, namentlich bei Einwirkung von Wasser, eine eigen- 
tbflmliche Rnnzelung oder Streifnug annimmt (Fig. 89, A). Es 
sangt nehmlich Wasser auf, was allein beweist, dass es keine 
neutrale fettige Substanz in dem früher angenommenen Sinne ist, 
sondern höchstens wegen seines grossen Quellnugsvermögens mit 
gewissen seifenartigen Verbindungen verglichen werden kann. Je 
länger die Einwirkung des Wassers dauert, um so längere Massen 
von Markstoff schieben sich aas den Nerven heraus. Diese haben 
ein eigenthfimlich bandartiges Änssehen, bekommen immer neue 
Runzeln, Streifen und Schichtungen, und führen zu den sonder- 
barsten Figaren. Häufig lösen sich auch einzelne Stücke 
los und schwimmen als besondere, geschichtete Körper n«. w. 
beram, welche in neuerer Zeit zu Verwechselungen 
mit den Corpora amylacea Veranlassung gegeben ha- 
ben, von denen sie sieh jedoch durch ihre chemischen 
Reactionen auf das Bestimmteste unterscheiden. — 

In Beziehung auf die histologische Verschiedenheit 
der Nerven unter eich ergibt die üntersnchung, dass 
an manchen Orten die eine oder andere Art ihrer 
Ausbildung ausserordentlich vorwaltet. Einerseits 
nehmlich unterscheiden sich die Nerven wesentlich 
durch die Breite ihrer Primitivfaseni, andererseits 



Fip. 90, Breite und sthmale Nervenfasern au8 dem N. cniralis mit unregel- 
mätiaiger ÄufquelluDg des UarksioSes. Vergr. 300. 



280 Dreizehntes Gapitel. 

durch die Markhaltigkeit derselben. Es ^bt sehr breite, mittlere 
und kleine weisse, und ebenso breite und feine graue Fasern. 
Eine sehr beträchtliche Grösse erreichen die grauen überhaupt 
selten, weil die Grösse eben abhängig ist von der Zunahme des 
Inhaltes, allein überall zeigt sich doch wieder eine Verschiedenheit, 
so dass gewisse Nerven feiner, andere gröber sind. 

Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass in den Endstücken die 
Nervenfasern in der Regel feiner werden, und dass die letzte Ver- 
ästelung verhältnissmässig die feinsten zu enthalten pflegt; jedoch 
ist das keine absolute Regel. Beim Opticus finden wir schon vom 
Augenblicke seines Eintrittes in das Auge an gewöhnlich nur ganz 
schmale, blasse Faser (Fig. 88, a), während die Nerven der Tast- 
körperchen der Haut bis ans Ende verhältnissmässig breite und dunkel 
contourirte Fasern zeigen (Fig. 92). Eine sichere Ansicht über die 
Bedeutung der verschiedenen Faserarten je nach ihrer Breite und 
Markhaltigkeit hat sich bis jetzt noch nicht gewinnen lassen. Eine 
Zeit lang hat man geglaubt, unterschiede der Art aufstellen zu kön- 
nen, dass die breiten Fasern als Abkömmlinge des Cerebrospinal- 
Gentrums, die feinen als Theile des Sympathicus betrachtet werden 
müssten, allein dies ist nicht durchzuführen, und man kann nur 
so viel sagen, dass die gewöhnlichen peripherischen Nerven aller- 
dings einen grossen Gehalt an breiten, die sympathischen einen 
verhältnissmässig grösseren Antheil von feineren Fasern enthalten. 
An vielen Orten, wie z. B. im Unterleibe, überwiegen graue, 
breite Fasern (Fig. 87, -4), deren nervöse Natur von Einigen 
noch bezweifelt wird. Es ist also vorläufig ein sicherer Sehluss 
über die etwaige Verschiedenheit der Functionen aus dem blossen 
Bau noch nicht zu ziehen, obwohl kaum bezweifelt werden kann, 
dass solche Verschiedenheiten vorhanden sein müssen, und dass 
eine breite Faser an sich andere Fähigkeiten, sei es auch nur 
quantitativ verschiedene, darbieten muss, als eine feine, eine mark- 
baltige andere, als eine marklose. Allein über alles das ist bis 
jetzt mit Sicherheit nichts ermittelt; und seitdem durch die feinere 
physikalische Untersuchung nachgewiesen ist, dass alle Nerven, 
nicht wie man früher annahm, nur nach der einen oder der an- 
deren Seite hin leiten, sondern die Leitungsfähigkeit nach beiden 
Seiten hin besitzen, so scheint es nicht gerechtfertigt, Hypothesen 
über die centripetale oder contrifugale Leitung an diese Erfahrung 
von der verschiedenen Breite der Fasern unmittelbar anzuknüpfen. 



Nerven-EudiguDg. 281 

Die grosse Verschiedenheit, welche in Beziebnng anf die Function 
der einzelnen Nerven zn bemerken ist, lässt sich bis jetzt nicht 
80 sehr auf die Verschiedenartigkeit des Baues dereelbeo beziehen, 
als vielmehr anf die Besonderheit der Einrichtungen, mit welchen 
der Xerv verbanden ist. Es ist einerseits die besondere Bedeu- 
tung des Central Organs, von welchem der Nerv ausgeht, anderer- 
seits die besondere Bescbaffenhelt des Endes, in welches er ge- 
gen die Peripherie hio verläuft, welche seine specifiscbe Leistung 
erklären. 

In der Verfolgung der Endigungen, welche die Nerven gegen 
die Peripherie hin darbieten, hat die Histologie gerade in den 
letzten Jahren wobl ihre glänzendsten Triumphe gefeiert. Frflher- 
hin stritt man sich bekanntlich darum, ob 
die Nerven in Schlingen aasgingen oder in ''> ^'' 

Plexus oder frei endigten, und man war 
gleich exclnsiv nach der einen, wie nach 
der anderen Richtung hin. Heutzutage ha- 
ben wir Beispiele für die meisten dieser 
Endignngen, am wenigsten aber für die 
Form, welche eine Zeit lang als die regel- 
rechte betrachtet wurde, nehmlich für die 
Scblingenbildung. 

Die deutlichste, aber sonderbarer Weise 
fanctionell bis jetzt am wenigsten bekannte 
Endigungsform ist die in den sogenannten 
Vater'schen oder Pacini'schen Kör- 
pern, — Organen, über deren Bedeutung 
man immer noch nichts anzugeben weiss. 
Man findet sie beim Uenschen verbältniss- 
mässig am meisten ausgebildet im Fettge- 
webe der Fingerspitzen, aber auch In ziem- 
lich grosser Anzahl im Gekröse, am deut- 
lichsten und bequemsten aber im Mesenterium 
der Katzen, in welches sie ziemlich weitbinauf- 

Fig. 91. Vater'scher oiler Pacini'scher Körper aus d«m Unterhauirettn^eirebe 
der Fingerspitze. S Der atia einer dunkel ran itigen, markhaltieen Primitiv-Serren- 
faser n und dem dicken, mit LBne.skemen versehenen Perineunum p, p hcNle- 
bende Stiel, C Der eif^entlichs Ki'.rper mit concenlrischen Laßen des kolbig an- 
geschwollenen PerineuTium und der renltalen Höhle, in welcher der blasse Äicn- 
c;linder fortläuft und frei endigt. Vergr. 150. 



282 Dreizehntes Gapitel. 

reichen, während sie beim Menschen gewöhnlich bloss an der Wnrzel 
des Gekröses liegen, wo das Dnodennm mit dem Pancreas znsam- 
menstösst, in der Nähe des Plexus solaris. Ueberdies zeigt sich 
eine sehr grosse Variabilität bei verschiedenen Individuen. Einige 
haben sehr wenig, andere sehr viel davon, und es ist sehr leicht 
möglich, dass daraus gewisse individuelle Eigenthümlichkeiten re- 
sultiren. So habe ich z. B. mehrmals bei Geisteskranken sehr 
viele solche Körper gefunden, worauf ich indessen vorläufig kein 
grosses Gewicht legen will. 

Ein Pacini'scher Körper stellt, mit blossem Auge gesehen, 
ein weissliches, gewöhnlich ovales und an dem einen Ende etwas 
zugespitztes, 1 — IV" langes Gebilde dar, das an einem Nerven 
festhängt, und zwar so, dass in einen jeden Körper nur eine 
einzelne Primitivfaser übergeht. Der Körper zeigt eine verhält- 
nissmässig grosse Reihe von elliptischen und concentrischen La- 
gen oder Blättern, welche am oberen Ende ziemlich nahe an ein- 
ander stossen, am unteren weiter von einander abweichen und im 
Inneren einen länglichen, gewöhnlich gegen das obere Ende 
spitzeren, von einer feinkörnigen Substanz erfüllten Raum um- 
schliessen. Zwischen diesen Blättern erkennt man deutlich eine 
regelmässige Einlagerung von Kernen. Wenn man die Blätter 
gegen den nervösen Stiel hin verfolgt, so sieht man sie zuletzt 
in das hier sehr dicke Perineurium übergehen. Man kann sie 
daher als colossale Entfaltungen des Perineuriums betrachten, 
welche aber nur eine einzige Nervenfaser umschliessen. Verfolgt 
man nun die Nervenfaser selbst, so bemerkt man, dass der mark- 
haltige Theil gewöhnlich nur bis in den Anfang des Körperchens 
reicht; dann verschwindet das Mark, und man sieht den Axen- 
cylinder allein fortgehen. Dieser verläuft nun in der centralen 
Höhle, um gewöhnlich in der Nähe des oberen Endes einfach, oft 
mit einer kleinen kolbigen Anschwellung, im Gekröse sehr häufig 
in einer spiralförmigen Windung zu enden. In seltenen Fällen 
kommt es vor, dass die Primitivfaser innerhalb des Körperchens 
sich in zwei oder mehrere Aeste theilt. Aber jedesmal scheint 
hier eine Art von Endigung vorzuliegen. Was die Körper zu be- 
sagen haben, welche Verrichtung sie ausüben, ob sie irgend etwas 
mit sensitiven Functionen zu thun haben, oder ob sie irgend eine 
Leistung des Centrums anzuregen berufen sind, darüber wissen 
wir bis jetzt nichts. — 



Tutkörper. 283 

Eine gewisse Aehnlichkeit mit diesen Gebilden zeigen die in 
der letzten Zeit so viel Hiseotirten Tastkörper. Wenn man die 
Haot und nameutlieh den empfindenden Theil derselben mikrosko- 
pisch nntersucht, so nnterscheidet man, wie dies von Meissner 
nod Rad. Wagner zuerst gefunden ist, zweierlei Art«n von Pa- 
pillen oder Wfirzeben, mehr schmale nnd mehr breite, zwischen 
denen freilich Uebergänge vorkommen (Fig. 9'2), In den schmalen 



findet man constant eine einfache, zuweilen eine verästelte Ge< 
^sschlinge, aber keinen Nerven. Es ist diese Beobachtnag in- 
sofern wichtig, als wir darcb sie zar Keontniss eines neuen ner- 
venlosen Theiles gekommen sind, la der anderen Art von Papillen 
findet man dagegen sehr häufig gar keine Gefässe, sondern Nerven 
nnd jene eigenthümliclien Bildungen, welche man als Tastkßrper 
bezeichnet hat. 

Der Tastkörper erscheint als ein von der übrigen Substanz 
der Papille ziemlieb deutlich abgesetztes, länglich ovales Gebilde, 
das Wagner, freilich etwas kflhn, mit einem Tannenzapfen ver- 
glichen hat. Es sind meistens nach oben und unten abgerundete 



Fig. 92. Nerven- und Geßsipapillen von der Haut der Fiogercpilie, nsch 
Ablösung der Oherh«ut und des Rete UalpißhÜ. ^ Nervenpspille mil dem T«sl- 
körper, zu dem zvei PrimitiTfaiern t, treleo : im Gruode der Papille feine ela»' 
tische Netze r. Ton denen feine Fasern ausstrablen, ztrisrhen und an denen 
Biadegewebskörperchen lu sehen sind, ß, (', l> GeR^spapillen, hei C einfache, 
bei B und /> verästelte Ge^tsscblin^en, daneben feine elastische Fasern und 
Bindegewebskörperchen; p der horizontal fortlaufende Papillarkörper, bei r feine 
■temfönni([e Elemente der eigentlichen Cutis. Vei^. 300. 



284 Dreizehntes Gapitel. 

Knoten, an denen man nicht, wie an den Pacini'schen Körpern, 
eine längliche Streifang sieht, sondern vielmehr eine Qaerstreifdng 
mit querliegenden Kernen. Zu jedem solchen KOrper tritt nun ein 
Nerv und von jedem kehrt ein Nerv zurück, oder richtiger, man 
sieht gewöhnlich an jeden Körper zwei Nervenfäden treten, meis- 
tentheils ziemlich nahe an einander, die sich bequem bis an die 
Seite oder die Basis des Körpers verfolgen lassen. Von da ab ist 
der Verlauf sehr zweifelhaft, und in einzelnen Fällen variiren die 
Zustände so sehr, dass es noch nicht gelungen ist, mit Bestimmt- 
heit das gesetzmässige Verhalten der Nerven zu diesen Körpern 
zu ermitteln. In manchen Fällen sieht man nehmlich ganz deut- 
lich den Nerven hinaufgehen und auch wohl sich um den Körper 
herumlegen. Zuweilen scheint es, als ob wirklich der Tastkörper 
in einer Nervenschlinge liege und auf diese Weise die Möglichkeit 
einer intensiveren Einwirkung äusserer Anstösse auf den Nerven 
gegeben sei. Andere Male sieht es wieder aus, als ob der Nerv 
viel früher schon aufhörte und sich in den Körper selbst einsenkte. 
Einige haben angenommen, wie Meissner, dass der Körper selbst 
dem Nerven angehöre, welcher an seinem Ende anschwölle. Dies 
halte ich nicht für richtig; nur das scheint mir zweifelhaft zu 
sein, ob der Nerv im Innern des Körpers endigt oder im Umfange 
desselben eine Schlinge bildet. 

Neuere Untersuchungen von P. Langerhans haben jedoch 
gelehrt, dass die Nervenpapillen ausser den zu den Tastkörpem 
gehenden markhaltigen Fasern noch ein sehr reiches Geflecht 
markloser Fasern enthalten, welche von Strecke zu Strecke kern- 
haltige, ganglienartige Anschwellungen besitzen. Von diesen gehen 
feine Fortsätze aus, welche über die Grenze der Papillen hinaus 
in das Rete Malpighii eindringen und zwischen den Zellen dessel- 
ben birnförmige Anschwellungen bilden, von welchen wiederum 
feine Fortsätze ausgehen. Letztere dringen bis zwischen die obe- 
ren Lager der Rete -Zellen und endigen hier mit feinen, knopf- 
artigen Anschwellungen. Dieses niarklose Geflecht findet sich 
übrigens auch an Stellen der Haut, wo keine Papillen und Tast- 
körper vorkommen. 

Abgesehen von der anatomischen und physiologischen Frage, 
hat das Beispiel der Hautpapillen einen grossen Werth für die 
Deutung pathologischer Erscheinungen, weil wir hier in an sich 
ganz ähnlichen Theilen zwei vollkonmiene Gegensätze finden: 



Hautpapillen. 285 

einerseits nervenlose und gefässreiche, andererseits 
gefässlose, nur mit Nerven versehene Papillen. Die 
besonderen Beziehungen, welche die Lager des Rete und der 
Epidermis zn den beiden Arten von Papillen haben, scheinen, ab- 
gesehen von den marklosen Fasern, keine wesentlichen Verschie- 
denheiten darzubieten. Die Zellen der Oberhaut ernähren sich 
über den eioen, wie über den anderen, und sie scheinen über den 
einen so wenig innervirt zu werden, wie über den anderen. 

Dies sind Thatsachen, welche auf eine gewisse Unabhängig- 
keit der einzelnen Theile hindeaten und welche bestimmte Ge- 
sichtspunkte liefern, dass grosse, selbst nervenreiche Theile ohne 
Gefässe bestehen, sich erhalten und fdnctioniren können, und dass 
andererseits Theile, die verhältnissmässig viele Gefässe enthalten, 
absolut der Nerven entbehren können, ohne in Unordnung ihrer 
Ernährungszustände zu gerathen. Freilich ist dies an keinem Orte 
augenfälliger, als an der Haut und gerade deshalb scheint mir die 
Verschiedenheit der einzelnen Hautwärzchen untereinander theo- 
retisch so wichtig zu sein, dass ich die Aufmerksamkeit dafür be- 
sonders in Anspruch nehmen zu müssen glaube. 

Denkt man sich an einer Hautpapille die Gefässe, Nerven 
und Tastkörper hinweg, so bleibt nur noch eine geringe Masse 
von Gewebe übrig, aber auch innerhalb dieses geringen Restes 
gibt es noch wieder zellige Elemente mit Intercellularsnbstanz 
(Bindegewebe). Die Sache ist demnach so, dass unmittelbar an 
die (epidermoidalen) Zellen des Rete Malpighii Bindegewebe mit 
Bindegewebskörperchen (Fig. 17) stösst, welche sich nach der In- 
jection sehr deutlich von den Gefässen unterscheiden (Fig. 92.). 
Besonders günstig far eine Untersuchung ist der Fall, wenn durch 
irgend eine Erkrankung, z. B. den Pockenprocess , eine leichte 
Schwellung der ganzen Haut stattgefnnden hat und die Elemente 
ein wenig grösser sind, als normal. In gewöhnlichen Papillen ist 
es etwas schwieriger, die Bindegewebselemente wahrzunehmen, 
doch sieht man sie bei genauerer Betrachtung überall, auch neben 
den Tastkörpem. 

Demnach findet sich auch in den feinsten Ausläufern der 
Haut gegen die Oberfläche hin nicht eine amorphe Masse, welche 
in einem constanten Emährungs -Verhältnisse zu Gefässen und 
Nerven steht; vielmehr erscheint als einheitliche Einrichtung, als 
eigentlich constituirende Grundmasse der verschiedenen (Gefäss- 



286 Dreizehntes Capitel. 

und Nerven-) Papillen immer nnr die Bindegewebssnbstanz. Erst 
dadurch gewinnen die einzelnen Papillen eine yerschiedene Bedeu- 
tung, das8 zu dieser Grundmasse in dem einen Falle Gefässe, in 
dem anderen Nerven hinzukonmien. 

Wir wissen allerdings wenig über die besonderen Beziehun- 
gen, welche die gefässhaltigen Papillen zu den Functionen der 
Haut haben, indessen lässt sich kaum bezweifeln, dass, wenn 
man erst mehr im Stande sein wird, die verschiedenen Hautthä- 
tigkeiten zu sondern, auch den Gef&sspapillen eine grössere Wich- 
tigkeit zugesprochen werden wird. So viel kOnnen wir aber jetzt 
schon sagen, dass es falsch ist, sich zu denken, dass in einem 
jeden anatomischen Theile der Haut eine besondere Nervenverbrei- 
tung existire. Gleichwie physiologische Versuche zeigen, dass 
relativ grosse Empfindungskreise in der Haut vorhanden sind, so 
lehrt auch die feinere histologische Untersuchung, dass die Zahl der 
zur Oberfläche aufsteigenden Nerven eine relativ spärliche ist. Die 
Grefässe sind zahlreicher, als die ankommenden Nerven. Will man 
also die Haut in bestimmte Territorien eintheilen, so versteht es 
sich von selbst, dass die Nerven- Territorien grösser ausfallen müssen^ 
als die Gefäss-Territorien. Aber auch jedes durch eine einzige Ca- 
pillarschlinge bezeichnete Gefass-Territorium (Papille) zerfällt wie- 
der in eine Reihe von kleineren (Zellen-) Territorien, welche frei- 
lich alle an dem Ufer des einen Capillargeftsses liegen, aber in 
sich begrenzt sind, indem jedes durch ein besonderes zelliges Ele- 
ment beherrscht wird*). 

Auf diese Weise kann man es sich sehr wohl erklären, wie 
innerhalb einer Papille einzelne (Zellen-) Territorien erkranken 
können. Gesetzt z. B., ein solches Territorium schwillt an, ver- 
grössert sich und wächst mehr und mehr hervor, so kann eine 
baumförmige Verästelung entstehen (spitzes Condylom, Fig. 93^, 
ohne dass die ganze Papille in gleicher Weise afScirt wäre. Das 
Gefäss wächst erst späterhin nach und schiebt sich in die schon 
grösser gewordenen Aeste hinein. Nicht das Gefäss ist es, wel- 
ches durch seine Entwickelung die Theile hinausschiebt, sondern 
die erste Entwickelung geht immer vom Bindegewebe des Grund- 
stockes aus. Es hat daher das Studium der Hautzustände ein 
besonderes Interesse für die Eritik der allgemein -pathologischen 

•^ Archiv 1852. IV. 389. 



NeiTMi-TeiTitorieii, 

Flg. 93. 



Doctrineo. Was zonScbst den nenropathologischen Standponkt 
betrifEt, so ist es ganz nobegreiflicb, wie ein Nerv, der inmiltea 
eioer ganzen Grnppe von nervenloeen Theilen liegt, es machen 
soll, am innerhalb dieser Grnppe eine einzelne Papille, zu welcher 
er gar nicht hinkommt, zn einer pathologischen Thätigkeit zu 
vermögen, an welcher die äbrigen Papillen desselben Nerven- 
Territorioms keinen Theil nehmen. Eben so schwierig ist die 
Dentong dieses Verhältnisses vom Standpunkte eines Hnmoral- 
patbologen da, wo es sich am Erkrankungen von gefUsslosen Pa- 
pillen handelt. Selbst wo innerhalb einer Ge^s-Papüle die ver- 
schiedenen Zellen-Territorien in verschiedene Zustände geratheo, 
würde diese Verschiedenheit der Zosttode nicht wohl begreiflich 
sein, wenn man den ganzen Emährangsvorgang einer Papille als 
einen einheitlicheii und als direct abhängig von dem Generalzu- 
stande des Gefässes ansehen wollte, welches sie versorgt. 

Aehnliche Betrachtungen kann man freilich an allen Punkten 
des Körpers anstelleo, indess bietet die Haut doch ein besonders 
gfinstiges Beispiel dafür, wie verkehrt es war, wenn man alle 
Gefäese nnter einen particularen Nerveneinflass stellte. Bleiben 
wir bei der Haut stehen, so beschränkt sich die Einwirkui^, welche 
ein Nerv auszuüben im Stande ist, darauf, dass die zuführende 
Arterie, welche eine ganze Reihe von Papillen zusammen versorgt 



Fig. 93. Der Oruadstock eines spitzen Condjloms Tom Penis mit stArk 
knospenden and verisleiten Papillen, nach TÖlliger AblösuitK der Epidennii nnd 
des Rele MalpigfaiL Vergr. 11. 



2g 8 Dreizehntes Capitel. 

(Fig. 53), in einen Zustand der VerengerunR oder Erweiterong 
versetzt wird, and dass dem entsprechend eine verminderte oder 
vermehrte Znfiihr zu einem grösseren Bezirke, einer Gmppe von 
Papillen stattfindet. 

W. Eranse hat in der letzten Zeit an verschiedenen Schleim- 
häuten, wie an der Conjanetiva bnlbi, in der Mondschleimhant 
unter der Zunge und am weichen Gaumen, an den Papillen der 
Zunge, sowie an gewissen Debergangsstellen von der äusseren 
Haut zur Schleimhaut, namentlich an den Lippen und der Eichel, 
Endkolben an den Nerven gefunden, welche sich den Tastkör- 
perchen oder eigentlich noch mehr den Vater'schen Körperchen 
anschliessen. Es dringt nehmlich die schliesslich marklos gewor- 
dene Nervenfaser, zuweilen unter eigenthümlichen Windungen und 
Enäuelbildung, in eine sehr feinkörnige, von einer Bindegewebs- 
hülle umgebene 'Anschwellung ein. — 

Betrachten wir nun andere Beispiele der Nerven-Endigungen, 
80 zeigt sich nirgends eine Wahrscheinlichkeit für eigentliche 
Schlingenbildung. Ueberall, wo man sichere Kenntnisse gewinnt, 
ergibt sich, dass die Nerven entweder übergehen in einen grossen 
Plexus, in eine netzförmige Ausbreitung, oder dass sie direct en- 
digen in besonderen Apparaten. Bei der Mehrzahl der letzteren 
verlieren sich die Nerven zuletzt in eigenthümliche, besonders ge- 
staltete Ausläufer oder Fortsätze, welche theils neben den anderen 
Gewebselementen zerstreut liegen, theils zu besonderen Hassen 
zusammengefügt sind. Eine solche Art der Endigung findet sich 
an allen höheren Sinnesorganen. Indess bietet die Unter- 
suchung hier so grosse Schwierigkeiten, dass noch an keinem 
einzigen Punkte eine allgemein angenommene Auffassung gesichert 
ist. So viele rntersuchungen man auch über Retina und Cochlea, 
über Nasen- und Mundschleimhaut in den letzten Jahren gemacht 
hat, so sind doch die letzten Fragen über das histologische De- 
tail, namentlich über den Zusammenhang der Nerven mit den 
Endapparaten, noch nicht ganz erledigt. Fast überall bleiben 
zwei Möglichkeiten für die Endigung der Nerven: entweder sie 
laufen gegen die Oberfläche hin in eigenthümliche, von den ge- 
wöhnlichen Nervenfasern abweichende Gebilde aus, welche aber 
doch den Nerven als solchen angehören, also selbst nervös sind, 
oder sie verbinden sich an ihrem Ende mit Elementen eines an- 
deren Gewebstypus, z. B. mit Epithelialzellen. 



Höhere Sinnesorgane. 289 

Die ersten üntersuchnngen der Nasen- and Mandschleim- 
hant schienen mehr für das letztere Verhältniss zn sprechen. 
Man fand hier gewisse Stellen, welche sich dnrch die Beschaffen- 
heit ihres Epithels wesentlich von der übrigen Schleimhant unter- 
scheiden: an der Nasenschleimhant die sogenannte Regio olfactoria, 
an der Znnge die Papulae fdngiformes (wenigstens beim Frosch). 
Während das Epithel an der gewöhnlichen Schleimhant meist 
dicker und ans mehrfachen, über einander geschobenen Reihen an 
der Oberfläche flimmernder Gylinderzellen zusammengesetzt ist, 
bildet es an den genannten Orten eine einfache Lage von bald 
mehr, bald weniger gefärbten, nicht flimmernden Zellen. Letztere 
gehen nach unten (innen) in längere Fortsätze über, welche in 
das Bindegewebe eindringen. Als zuerst Eckhardt und dann 
Ecker an der Nasenschleimhant diese Beobachtung machten, 
glaubten sie annehmen zu dürfen, dass diese Fortsätze sich mit 
den in dem Bindegewebe eingeschlossenen Nervenfasern unmittel- 
bar verbänden. Allein mehr und mehr ist man von dieser Ansicht 
zurückgekommen, und es ist namentlich das Verdienst von Max 
Schnitze, dargethan zu haben, dass die Nervenenden sich neben 
und zwischen jenen eigenthümlichen Epithelial zellen finden. Die 
Nervenfasern theilen sich an ihrem Ende in zahlreiche, kleine Fäd- 
chen, welche über das Bindegewebe hinaus zwischen die Epithe- 
lialzellen eintreten und sich hier zu besonderen zellenartigen, mit 
Kernen versehenen, jedoch sehr feinen Gebilden ausweiten, aus 
denen zuweilen noch wieder feinere Endfädchen über die freie 
Oberfläche hervorstehen. Damit ist die Frage nach der Bedeutung 
jener eigenthümlichen Epithelialzellen und ihrer Verbindungen nach 
innen hin noch immer nicht gelöst, aber so viel doch sicherge- 
stellt, dass die Geruchs- und Geschmacksobjecte unmittelbar 
mit den letzten Endgebilden der Nerven (Riech- und Ge- 
schmackszellen) in Berührung kommen. 

Ganz ähnliche Verhältnisse fand Max Schnitze im inneren 
Ohr, namentlich in dem Vorhofe und den Ampullen, wo die 
letzten Nervenendigungen durch das Epithel hindurchtreten und 
in frei hervorstehende, steife Haare (Hörhaare) auslaufen. Die 
seit Corti so vielfach untersuchte Endigungsweise des Hörnerven 
in der Schnecke ist dagegen immer noch nicht ganz aufgeklärt. 
Hier findet sich ein überaus zusammengesetzter, sehr zarter Ap- 
parat, an welchem eine Reihe von Fasern mit gestielten Zellen 

VIrrho«. CollnUr PathAl. 4. Aufl. 19 



290 



DreiielmteB Capltel. 



etwa 60 in Yerbindmig steht, wie die Tasten eines Fortepiano's 
mit den Saiten deBselben. Was hier nervfis ist, was Dicht, ist 
sehr schwer za scheiden. Erst in der letzten Zeit hat Ä. Bött- 
cher einen Zasammenbai^ der Endfasern des Nervus Cochleae 
mit inneren nnd änsseren HOrzellea beschrieben, welche an der 
Seite der Bogenfasem im Canalis Cochleae gelegen sind. 

Ungleich besser, obwohl immer noch nicht ganz vollständig, 
sind wir über die empfindenden Tbeile des Auges nDt«rrichtet, 
nnd ich will daher, bei der groaeen praktischen Bedeutung dieser, 
dnrcb die Ophthalmoskopie der direkten Untersuchung bei Leb- 
zeiten zugänglich gemachten Theile, etwas specieller darauf ein- 
gehen. 

Alsbald nach seinem Eintritte in das Innere, des Bulbus brei- 
tet sich der Opticus von der sogenannten Papille her nach aUen 
Seiten so ans, dass seine völlig marklosen Fasern an der vorde- 
ren, dem Glaskörper zugewendeten Seite der Retina verlaufen 
(Fig. 94, /). Nach hinten schliesst sich daran eine verschieden 



y 



A 



Fig. 94. A VerticalBcbnilt dnrcb die ganm Dicke der Retina, auh Hir- 
tuog in Chrome&ure, J Uembraua limitaos (uterior) mit den aufsteigendeo Stüli- 
fuem. / Fwerschicht des Opiicus. g OanglicD schiebt, n graue, feinkümige 
Schiebt mit durcbtreteDden Radiärfaaem. k laoere (vordere) Kümerschicht 
i iDlennedi&re oder ZwiscbenkÖmerschicht. £' Aeugeere (hintere) KömerKhkhl. 
t SUbcheogchicht mit Zapfen- Vergr. 300. B, V (Dacli H. Häller) boUrte 
BadiärfaMm. 



Retina. 291 

dicke Lage, welche den Haupttheil der Retina ausmacht, aber in 
keiner Weise aus einer einfachen Ausstrahlung des Opticus her- 
vorgeht. Diese Lage, welche man sehr uneigentlich eine Haut 
(Netzhaut) nennt, zeigt zu äusserst, der Pigmentzellenscliicht der 
Aderhaut (Chorioides) unmittelbar anliegend, ein eigenthümliches 
Stratum, über welchem ein sonderbares Geschick geschwebt hat, 
indem man dasselbe längere Zeit an die vordere Seite der lietina 
verlegte; es ist dies die berühmte Stäbchenschicht (Fig. 94, a). 
Diese Schicht, welche zu den verletzbarsten Theilen des Auges 
gehört und deshalb den früheren Untersuchen! vielfach entgangen 
war, besteht, wenn man sie von der Seite her betrachtet, aus 
einer sehr grossen Menge dicht gedrängter, radiär gestellter Stäb- 
chen, zwischen denen in gewissen Abständen breitere zapfenför- 
mige Körper erscheinen. Betrachtet man die Retina von der hin- 
teren Oberfläche her, d. h. von der Seite der Chorioides aus, so 
sieht man in regelmässigen Abständen die Zapfen, umgeben von 
den Enden der Stäbchen, welche als feine Punkte erscheinen. 

Was nun zwischen der Stäbchenschicht und der eigentlichen 
Ausbreitung des Sehnerven liegt, das ist wieder ein sehr zusam- 
mengesetztes Ding, an welchem man eine Reihe regelmässig auf 
einander folgender Schichten unterscheiden kann. Zunächst vor 
der Stäbchenschicht und von derselben durch ein zartes Häutchen 
(Membrana limitans posterior s. externa M. Schnitze) getrennt, 
folgt eine verhältnissmässig diclce Lage, welche fast ganz aus 
groben, runden Körnern zusammengesetzt erscheint: die sogenannte 
äussere Kömerschicht (Fig. 94, **). Dann kommt eine verschieden 
starke, jedoch im Ganzen dünnere Lage von mehr amorphem 
Aussehen: die Zwischenkörnerschicht (Fig. 94, i). Dann kommen 
wieder gröbere Körner (die innere Kömerschicht), welche, wie die 
Kömer der äusseren Lage, Kerne besitzen (Fig. 94, k). Darauf 
folgt nochmals eine feinkörnige oder vielmehr feinstreifige Lage 
von mehr grauem Aussehen (Fig. 94, n) und dann erst die ziem- 
lich dicke Lage der Opticusfasern , welche ihrerseits nach vorne 
von einer Membran begrenzt wird, der Membrana limitans anterior 
8. interna (Fig. 94, Q, welche dem Glaskörper dicht anliegt. In- 
nerhalb der grauen Schicht sieht man, zum Theil noch in die 
Faserschicht des Opticus eingesenkt, eine Reihe von grösseren 
Zellen, die sich als Ganglienzellen ausweisen (Fig. 94, g). Sie 
hängen mit den Opticusfasem unmittelbar zusammen. 

19* 



292 Dreizehntes Gapitel. 

Diese ausserordentlich zusammengesetzte Beschaffenheit einer 
auf den ersten Blick so einfachen, so zarten Membran macht es 
leicht erklärlich, dass es lange gedauert hat, ehe das Verbältr 
niss ihrer einzelnen Theile auch nur annähernd ermittelt wurde. 
Einer der ersten Schritte, der in der Erkenntniss dieses Verhältr 
nisses gemacht wurde, war die Entdeckung von Heinrich Mül- 
ler, dass man von der Limitans interna aus bis tief in die Eör- 
nerschichten hinein eine Reihe von feinen parallelen Faserzügen 
verfolgen kann, radiäre Fasern, auch Müller'sche Fasern*) ge- 
nannt, welche an gewissen Stellen Kerne tragen (Fig. 94, £, Q. 
Die Kadiärfasem sind im Wesentlichen senkrecht auf den Ver- 
lauf der Opticusfasern gestellt, aber das Verhältniss beider zn 
einander ist schwer zu ergründen. Die grösste Schwierigkeit be- 
stand darin, zu ermitteln, ob die radiäre Faser, sei es durch di- 
rekte Umbiegung, sei es durch seitliche Anastomose, in Opticus- 
oder Ganglienfasern übergehe, also selbst nervös sei, oder ob es 
sich nur um eine dichte Aneinanderlegung handle, so dass die 
Nerven nur in einem innigen Nachbarverbältnisse zu den Kadiär- 
fasem stehen. Auch den Tastkörper konnte man ja als eine kör- 
perliche Anschwellung des Nerven selbst oder als ein besonderes 
Gebilde ansehen, an welches der Nerv nur heran- oder hereintritt 
Diese Frage ist lange streitig gewesen. Bald ist die Wahrschein- 
lichkeit etwas grösser geworden, dass es sich um direkte Ver- 
bindungen, bald dass es sich nur um Aneinanderlagerung handle. 
Zuerst verständigte man sich über die gröberen Faserzüge, weiche 
von der Membrana limitans anterior mit breiter, fast dreieckiger 
Basis anheben (Fig. 94, l) und in regelmässigen Abständen durch 
die Retina nach hinten verlaufen; sie sind sicher bindegewebiger 
Natur und bilden ein interstitielles Gewebe, welches dem 
Ganzen eine Art von Halt oder Stütze bietet (Stütz fasern). 
Ich habe zuerst durch die pathologische Beobachtung den unter- 
schied dieses Zwischengewebes von dem nervösen Antheil darge- 
legt**). Max Schnitze hat sodann gezeigt, dass die vorderen 
Enden der Zapfen und Stäbchen mit den äusseren Körnern (Zapfen- 
und Stäbchenkörnem) zusammenhängen und diese wiederom in 
feine Fasern übergehen, welche die Zwischenkörnerschicht dnrcb- 



*) Neuerlich nennt Kolliker nur diejenigen Fasern, welche mit den nc^ 
y5sen Theilen zusammenhängen, Müller'sche. 

♦♦) Archiv 1856. X. 177. Taf. II. Fig. 4—5. 



Licht-Empfindung. 293 

setzen. An der Grenze der inneren Körnerschicht angelangt, bildet 
jede f^aser eine kleine dreieckige Anschwellung, ans welcher nach 
Hasse je drei Fädchen ausgehen, die in die äussere Eörnerschicht 
eintreten. Hier wird vermuthet, dass sie mit den Kömern selbst 
zusammenhängen, und dass andererseits diese wieder mit Fort- 
sätzen der Ganglienzellen in direkter Verbindung stehen. Indess 
ist es noch nicht gelungen, diese überaus zarten und verwickelten 
Verhältnisse ganz zu entwirren. Noch weniger ist es klar, in 
welcher Ausdehnung das interstitielle Gewebe dieser Schichten 
mit eigenen zelligen Elementen ausgestattet ist; nur das scheint 
festzustehen, dass auch die gröberen Radiärfasern dem Bindege- 
webe angehören. 

Trotz dieser Mängel kann schon jetzt nicht mehr bezweifelt 
werden, dass für die Licht-Empfindung der ganze Apparat wesent- 
lich ist, und dass der Opticus an sich mit allen seinen Fasern und 
Ganglienzellen existiren könnte, ohne irgendwie die Fähigkeit zu 
haben, Lichteindrücke zu empfangen; diese erlangt er erst durch 
seine Verbindung mit der Stäbchenschicht und den Kömerlagen. 
Gerade die Papilla optici, d. h. die Stelle des Augen-Hintergrun- 
des, wo bloss Opticusfaseru liegen und nicht ein solcher Apparat, 
ist zugleich die einzige, welche nicht sieht (blinder Fleck). Damit 
das Licht also überhaupt in die Lage komme, auf den Sehnerven 
einwirken zu können, bedarf es der Berühmng mit jenem End- 
apparat, und, nachdem M. Schnitze gefunden hat, dass die 
letzten Ausläufer der Nerven in Form feinster Fäserchen die Li- 
mitans externa durchbohren und sich den Stäbchen und Zapfen 
äusserlich anlegen, so ist es auch physikalisch nicht zweifelhaft, 
dass der Nerv nicht selbst die Vibrationen der Lichtwellen em- 
pfängt, sondern dass die Schwingungen der Zapfen und Stäbchen 
auf die Enden des Sehnerven einwirken und in denselben die 
eigenthümliche Licht -Erregung erzeugen. 

Bei Erwägung dieser Verhältnisse wird man sich der Ueber- 
zeugung nicht entziehen können, dass die specifische Energie der 
einzelnen Nerven nicht sowohl in der Besonderheit des inneren 
Baues ihrer Fasern als solcher bemht, sondern dass es wesentlich 
auf die besondere Art der Endeinrichtung ankommt, mit welcher 
der Nerv, sei es durch Continuität, sei es durch Contact, in Ver- 
bindung steht. Nur darin bemht die besondere Fähigkeit der ein- 
zelnen Sinnesnerven. Betrachtet man einen Querschnitt des Opticus 



294 Dreizehntes Capite!. 

ausserhalb des Auges, so bietet er keine solchen Besonderheiten an- 
deren Nerven gegenüber dar, dass sie erklären könnten, wamm 
gerade dieser Nerv für Licht mehr leitangsfähig ist, als die an- 
deren Nerven; erwägt man dagegen die besonderen Verhältnisse, 
unter welchen sich seine letzten Enden verbreiten, so wird die 
ungewöhnlich grosse Empfindlichkeit der Ketina gegen das Licht 
vollständig begreiflich. — Aehnlich verhält es sich mit den übrigen 
Sinnesnerven. — 

Die bisherige Erörterung bezog sich wesentlich auf Empfin- 
dungs- und Sinnesnerven, bei denen es sich darum handelte, ihre 
peripherischen Enden durch besondere Anordnung oder Ausstattung 
für die Aufnahme der Sinneseindrücke zu befähigen. Anders ver- 
hält es sich mit derjenigen Klasse von Nerven, welche von den 
Centralorganen aus die Anregung zu besonderen Thätigkeiten der 
Peripherie zuleiten sollen. Ich will sie kurzweg als Arbeits- 
nerven bezeichnen. Dahin gehören vor Allen die Muskel- und 
Drüsennerven. Auch sie erlangen ihre eigentliche Bedeutung erst 
durch ihre Verbindung mit besonderen Apparaten, aber sie unter- 
scheiden sich dadurch von den Empfindungsnerven, dass diese 
Apparate nicht mehr Bestandtheile der Nerven, sondern selbstän- 
dige Einrichtungen sind, welche nur der Anregung der Nerven 
bedürfen, um in Thätigkeit zu gerathen. Auch hier haben erst 
die letzten Jahre Aufklärung gebracht. 

Zuerst zeigte D o y fe r e bei Wirbellosen einen nahen Zusammen- 
hang der motorischen Nerven mit den Muskeln. Er fand, dass 
eine feine Nervenfaser an das Primitivbündel selbst herantritt und 
hier mit einer eigenthümlichen Anschwellung, dem Nervenhügel, 
endigt(S. 81). Später hat W. Kühne diese Verhältnisse in grosser 
Ausdehnung bei den Wirbelthieren und dem Menschen verfolgt. Es 
hat sich ergeben, dass eine einzelne markhaltige Nervenfaser bis 
zu dem einzehien Primitivbündel (Muskelfaser) herantrttt, das Sar- 
kolemm desselben durchbohrt, marklos wird und sich schnell zu 
einer, mit Kernen reichlich versehenen Endplatte (elektrische 
Platte) ausbreitet, welche sich unmittelbar auf die muskulöse 
Substanz auflegt. An organischen Muskelfasern hat Franken- 
häuser unmittelbare Verbindungen der Nervenenden mit den 
Kemkörperchen bemerkt. 

In ähnlicher Weise haben sich Verbindungen der Nervenenden 
mit Drüsenzellen ergeben. Pflüg er hat an der Speicheldrüse 



Verästelung der Neirenfasem. 



295 



Fig. 95. 



gesehen, wie die Nerven die Tnnica propria durchbrechen and sich 
mit den Drusenzellen selbst, ja sogar mit den Kernen derselben 
verbinden, — eine Art der Vereinigung, die er später auch von 
der Leber beschrieben hat. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden 
sich diese Erfahrungen schnell vermehren, und damit für das Stu- 
dium der Innervationsvorgänge ein ganz neues Gebiet der Erfah- 
rungen sich erschliessen. Zahlreiche zerstreute Beobachtungen der 
früheren Zeit deuten darauf hin, und schon jetzt haben sie jede 
Möglichkeit, das sogenannte Gontinuitätsgesetz wieder aufzurichten, 
von vorn herein beseitigt (S. 80). — 

Bevor wir jedoch die Betrachtung über die Nerven -Endi- 
gungen abschliessen, müssen wir noch eine kurze Zeit bei der 
Untersuchung verweilen, wie sich die Nerven verhalten, bevor sie 
in diese Endausbreitungen übergehen. Hier kommen noch zwei 
Punkte in Betracht: nehmlich ihre Verästelung und ihre ple- 
xusartige Ausbreitung. Es sind dies 
Punkte, auf welche die neueren Dntersucher 
hauptsächlich durch Rudolf Wagner geleitet 
worden sind. Die Untersuchungen, welche 
dieser Forscher über die Verbreitung der 
Nerven im elektrischen Organ der Fische an- 
stellte, gaben den wesentlichen Anstoss zu 
der Begründung der Lehre von der Veräste- 
lung der Nervenfasern. Bis dahin hatte man 
die Nervenfasern als zusammenhängende, ein- 
fache Röhren betrachtet, welche vom Centrum 
bis ans Ende einfach neben einander fortliefen. 
Gegenwärtig weiss man, dass sich die Nerven 
wie Gefässe verbreiten. Indem sich eine Ner- 
venfaser direkt, gewöhnlich dichotomisch theilt, 
ihre Aest^ich wieder theilen und so fort, so 
entsteht zuweilen eine überaus reiche Veräste- 
lung. Die Bedeutung derselben ist natürlich 
höchst verschieden, je nachdem der Nerv sen- 
sitiv oder motorisch ist, je nachdem er also entweder von einer 
grösseren Fläche her die Eindrücke sammelt, oder auf eine 




Fig. 95. Theilung einer Primitiv-Nervenfaser bei t, wo sich eine Einscbnä- 
ning findet; 6', 6" Aeste. a eine andere Faser, welche die Torige kreuzt. Yer- 
gross. 300. 



29ti Dreizehntes Gapitel. 

grössere Fläche hin die motorische Erregong aasstrahlt. Ein 
wahrhaft miraculöses Beispiel haben wir in der neneren Zeit 
kennen gelernt in dem Nerven des durch die interessanten 
Experimente du Bois-Reymond's so berühmt gewordenen 
elektrischen Welses (Malapterurus). Hier hat Bilharz gezeigt, 
dass der Nerv, welcher das elektrische Organ versorgt, ur- 
sprünglich nur eine einzige mikroskopische Primitivfaser ist, 
welche sich immer wieder und wieder theilt und sich schliesslich 
in eine enorm grosse Masse feinster Aeste auflöst, welche sich 
an das elektrische Organ verbreiten. In diesem Falle muss also 
die Wirkung mit einem Male von einem Punkte aus sich über 
die ganze Ausbreitung der elektrischen Platten äussern. 

Beim Menschen fehlen uns für diese Frage noch bestimmte 
Anhaltspunkte, weil die colossalen Entfernungen, über welche die 
einzehien Nerven sich verbreiten, es fast unmöglich machen, ein- 
zelne bestimmte Primitivfasern vom Gentrum bis in die letzte 
Peripherie zu verfolgen. Aber es ist gar nicht unwahrscheinUch, 
dass auch ,beim Menschen in einzelnen Organen analoge Einrich- 
tungen existiren, wenn auch vielleicht nicht so frappante. Ver- 
gleicht man die Grösse der Nervenstämme an gewissen Punkten 
mit der Summe von Wirkungen, die in einem Organe, z. B. in 
einer Drüse stattfinden, so kann es kaum zweifelhaft erscheinen, 
dass analoge Einrichtungen auch hier vorhanden sind. 

Diese Art der Verbreitung hat insofern ein besonderes Inter- 
esse, als viele räumlich getrennte Theile dadurch unter einander 
verbunden werden. Das elektrische Organ der Fische besteht ans 
einer Menge von Platten, aber nicht jede Platte wird auf einem 
nur für sie bestimmten Wege vom Centrum aus innervirt. Der 
Wels setzt nicht diese oder jene Platte in Bewegung, sondern er 
muss das Ganze in Bewegung setzen; ja er ist ausser Stande, 
die Wirkung zu zerlegen. Er kann die Wirkung stärker oder 
schwächer einrichten, aber er muss jedesmal das Gan^ in An- 
spruch nehmen. Denken wir uns dem entsprechend gewisse Mns- 
keleinrichtungen, so haben wir auch da keine Anhaltspunkte für 
die Annahme, dass jedes Element des Muskels besondere, unge- 
theilt vom Gentrum ausgehende und somit unabhängige Nenen- 
fasern empfange. Im Gegentheil findet in der Regel eine besondere 
Zerlegung der Nerven -Wirkung in den Muskeln nur in sehr be- 
schränktem Maasse statt, wie wir ja aus eigener Erfaihrung au 



NervengeSecbte. 297 

aas selbst wisHcn, and wenn, wie wir sehen, aach die einzelnen 
Mnakelfasern in unmittelbarer Verbindung mit einzelnen Nerven- 
fasern Btehen, welche in sie eingeben, so sind dies doch nicht 
Fasern, welche als einfache, nngetheilte Bahnen vom Centram aas- 
gehen, sondern eben nnr Endäste einfacherer Stämme. Vom nen- 
ristiachen Standponkte ans schliesst man, dass der Wille oder 
die Seele oder das Gehirn im Stande sei, durch besondere 
Fasern anf jeden einzelnen Theil zn wirken; in der That ist dies 
aber gar nicht der Fall, sondern es bleibt den Centren meist nar 
ein einziger Weg za einer Summe gleichartiger Elementar- Apparate. 
Was nun die Nervenplexus anbetrilft, so kennen wir 
gegenwärtig beim Menseben die ausgedehntesten Einrichtungen 
der Art in der Submucosa des Darmes , wo zuerst durch 



Meissner, dann durch Billroth und Manz die Verhältnisse 
genauer erörtert worden sind. Die Submucosa des Darms ist dar- 

Fifc- 'J6. Nerveuplexua aus der Submucosa des Darmes vom Kiuito, nach 
einem I'räparale vou Hrn. Billtatb. b, n. n Nerven, wel.ho sich zu eiuein 
Nelze verbinden, in dc^si^u Knutenpuiikton kcnirficbe. gaiiiilioforuio Anschwel- 
lungen liefen, r, e Ueföiac, dazwischen Kern« des Binde yuve bes. Vergr. ISO. 




298 Dreizehntes Gapitel. 

nach, wie schon Willis sagte, eine Tnnica nervea. Wenn man: 
den eintretenden Nerven nachgeht, so sieht man, dass sie, nach- 
dem sie sich getheilt haben, znletzt in wirkliche Netze übergehen, 
welche bei Nengebomen an gewissen Stellen sehr grosse kern- 
reiche Knotenpunkte haben, von denen ans sie in Geflechte aus- 
strahlen, so dass dadurch eine so grosse Aehnlichkeit mit dem 
Capillarnetz entsteht, dass einzebie Beobachter beide verwechselt 
haben. 

Wie weit sich solche Einrichtungen im Körper überhaupt er- 
strecken, ist noch nicht ergründet, denn auch hier handelt es sich 
um fast ganz neue Thatsachen, welche erst in letzter Zeit die 
Aufmerksamkeit der üntersucher mehr in Anspruch nahmen. Wahr- 
scheinlich wird sich die Zahl solcher Nervenhäute erheblich ver- 
grössem lassen. Eis hat gezeigt, dass die Geftssnerven sich zum 
Theil in grossen plexiformen Auflösungen an den Gefässhfiuten 
verbreiten, und L. Auerbach hat in der Muscularis des Darmes 
ein eben so ausgedehntes, als in seinen einzelnen Einrichtungen 
merkwürdiges Geflecht, den von ihm sogenannten Plexus myen- 
tericus nachgewiesen. Um jedoch etwaigen Hissverständnissen 
vorzubeugen, muss ich sogleich hinzusetzen, dass manche dieser 
plexusartigen Ausbreitungen keineswegs einfach sind. Am Darm 
tragen die erwähnten grösseren Knotenpunkte den Habitus von 
Ganglien an sich, so dass gewissermaassen neue Sammelpunkte 
des Nervenapparates mit der Möglichkeit einer Verstärkung oder 
Hemmung der Wirkungen eintreten. Für die Function ist diese 
Einrichtung offenbar von grosser Bedeutung, denn wir würden 
uns am Darm die peristaltische Bewegung nicht wohl erklären 
können, wenn nicht eine Einrichtung existirte, welche von Netz 
zu Netz, von Theil zu Theil Reize übertrüge, die nur an einem 
Punkte dem Darme zugekommen sind. Die bis vor Kurzem be- 
kannten Verhältnisse der Nervenverbreitung genügten nicht, um 
den Modus der peristaltischen Bewegung einigermaassen zu er- 
klären, während sich hier die bequemsten Anhaltspunkte der 
Deutung bieten. — 

So viel im Wesentlichen über die allgemeinen Formen, welche 
man bis jetzt für die peripherischen Endigungen der Nerven kennt. 
Im Ganzen entsprechen diese Erfahrungen wenig dem, was man 
sich früher gedacht hat, und was noch jetzt die Neuropatbologen 
*« — ^»••nAu. Die Vorstellung eines Neuropathologen von reinem 



Wege der Nervenwirkungen. 299 

Wasser geht bekaDntlich dahin, dass ein Nervencentrom im Stande 
sei, vermittelst der Nervenfasern auf jeden kleinsten Theil seines 
Territoriums eine besondere Wirkung auszuüben. Soll an einem 
kleinen Punkte des Körpers Krebsmasse oder Eiter entstehen 
oder eine einfache Ernährungsstörung erfolgen, so bedarf der Neu- 
ropatholog einer Einrichtung, vermöge welcher das Gentralorgan 
im Stande ist, der Peripherie innerhalb ihrer kleinsten Bezirke 
seine Einwirkung gesondert zukommen zu lassen, irgend eines 
Weges, auf welchem die Boten gehen können, welche nun einmal 
die Ordre jedem einzelnen der entferntesten Punkte des Organis- 
mus zu überbringen bestimmt sind. Die wirkliche Erfahrung lehrt 
nichts der Art. Gerade an den Stellen, wo wir eine so ausser- 
ordentlich vervielfältigte Einrichtung der Endapparate kennen, wie 
ich sie bei den Sinnesorganen schilderte, haben die Nerven keine 
Beziehung auf die Ernährung und insbesondere keine nachweisbare 
Einwirkung auf elementare Theile. Fast an allen anderen Orten 
werden entweder ganze Flächen oder Organ -Abschnitte in einer 
gleichmässigen Weise innervirt, oder es werden von diesen Flächen 
oder Organ- Abschnitten aus Sammel- Erregungen zu den Gentren 
geführt. An vielen Theilen, von denen wir allerdings nachweisen 
können, dass ein Nerven-Einfiuss auf sie stattfindet, z. B. an den 
kleinen Gefässen, wissen wir bis jetzt noch nicht einmal, wie weit 
einzelne Abschnitte derselben besondere Nervenfasern enthalten. 
So schlecht sind die anatomischen Grundlagen der neuropatholo- 
gischen Doctrin. 



Vierzehntes Capitel. 



Bfickenmark und Gehirn. 



Die n«rvös«B Centralorxfta«. Grau« Sabttans. Pigmentirt« Ganglieasellen. Foruiu« dar fiintH— 
teil«»: apolar«, aalpolara aad bipolar« Zellen. VcreehicdeDe Bedeutaag der FortsaUe: ll«r- 
vrn> oder AxeneylinderfortaiUe, Gaagliea> aod R^ieerrorUäu«. Häck«aiBark: aoloriack« aad 
senitiiW« GangUenavIlen. Uoltipolare (pol j klon«) Formen. Kerakörperchenfiden aad Ker^ 
ruhrea. Inaere Verechledenheit der GaagUeniellen. Schvierigkett der Untrrsnckaaf. Die 
Nerven dee eiektriechea Organe der Fleche. Da« Grosc> aad Klciahira dee Ueaechca. 

Dm iluckenmark. Weic»e aad graae Subitaaa. Cenualkanal. Ganglioee Grappea. Weiace Skriage 
aad ComaiUeurcD. 

UeduUa oblongata. Kinde de« Kleiahlrae: Koraer> and Stabehen cchiehL Pejchiacb« G«agUea> 
Bellen de« Gehirna. 

Das Uürk^nmark de« Petroai7Bon nad die narklosen Faeern deeeelben. 

Die Zviecheaiubeuaa vlokcretiticlles Gewebe). Epcndjaa Tcntriealoraia. Kearogli«. Corpora 
aaijlacea. Graue oder gelatinöse Atrophie dee Küekenmarke. Saadkörper (Corpora areaacea) 
der Haute de« Gcbtrni and Kückeamark». 



iNaehdem wir die peripherischen Einrichtungen des Xerrenappa- 
rates besprochen haben, so erübrigt nns, nm die Uebersicht der 
Nerveneiurichtnngen zu venollstandigen, noch die wichtige Reihe 
der centralen Theile, oder im engeren Sinne der Ganglien- 
Apparate. Wie ich schon friiher hervorhob, so finden ym diese 
überwiegend in denjenigen Theilen der Centralorgane , wo graue 
Substanz lagert. Nur ist das bloss graue Aussehen nicht ent- 
scheidend für die gangliöse Beschaffenheit eines Theiles: insbe- 
sondere darf man nicht glauben, dass etwa die Ganglienzellen es 
seien, welche die graue Farbe wesentlich bedingen. An manchen 
Stollen befindet sich graue Masse, ohne dass Ganglienzellen vor- 
handen sind. So enthalt die äusserste Schicht der Grosshinurinde 
keine deutlichen Ganglienzellen mehr, obwohl sie grau aussieht: 
hier findet sich eine durchscheinende Biudesubstanz, welche mit 



Pigmentirte Ganglienzellen. 301 

vielen feineren Gefässen durchsetzt ist nnd je nach der Füllung 
derselben bald mehr grauroth, bald mehr weissgrau erscheint. 
Andererseits kommt es häufig vor, dass, wo Ganglienzellen liegen, 
die Substanz gerade nicht grau aussieht, sondern eine positive 
Farbe hat, die zwischen bräunlichgelb und schwarzbraun schwankt. 
So haben wir an dem Gehirne kleinere Abschnitte, welche schon 
seit langer Zeit unter dem Namen der Substantia nigra, fusca, 
ferruginea bekannt sind; hier haftet die schwarze oder braune 
Farbe, die wir mit blossem Auge wahrnehmen, an den Ganglien- 
zellen als den eigentlich gefärbten Punkten. 

Diese Färbung stellt sich erst im Laufe der Jahre ein. Je 
älter ein Individuum wird, um so lebhafter werden die Farben; 
jedoch scheinen unter Umständen auch pathologische Prozesse den 
Eintritt und die Stärke derselben zu beschleunigen. So ist es an 
den Ganglien des Sympathicus eine auffallende Erscheinung, dass 
gewisse Erankheitsprozesse , z. B. der typhöse, einen wirksamen 
Einfluss auf die frühe Pigmentirung zu üben scheinen. Da aber 
das Pigment etwas relativ Fremdartiges in der inneren Zusam- 
mensetzung der Zelle darstellt, insofern als es, soviel wir wissen, 
nicht der eigentlichen Function dienstbar ist, sondern als träge 
Masse hinzutritt, so dürfte es in der That wohl möglich sein, dass 
man diese Zustände als eine Art von vorzeitigem Altem (Senium 
praecox) der Ganglienzellen zu betrachten 
bat An diesen Zellen unterscheidet man p^^ ^^ 

(Fig. 97, a) ausser dem sehr deutlichen, 
grossen Kerne mit seinem grossen, glän- 
zenden Eemkörperchen den eigentlichen 
Zellkörper, welcher aus einer feinkörnigen 
Grundsubstanz (Protoplasma) besteht und 
das an einer gewissen Stelle, gewöhnlich 
excentrisch neben dem Kern, zuweilen 
rings um denselben gelagerte Pigment um- 
schliesst. Unter Umständen nimmt das letztere an Masse so sehr 
zu, dass ein grosser Theil der Zelle damit ausgefüllt wird. Je 




Fig. 97. Elemente ans dem Qanfflion Gasseri. a Oanglienzelle mit kern- 
reicher (bindegewebiger und epithelialer) Scheide, die sich um den abgehenden 
Nenrenfortsatz erstreckt; im Innern der grosne, klare Kern mit Eemkörperchen 
nnd um ihn Pigmentanhäufung. 6 Isolirte Ganglienzelle mit dem an sie heran- 
tretenden blassen Fortsatz, c Feinere Nervenfaser mit blassem Axencylinder. 
Vergr. 300. 



302 Vierzehntes Capitel. 

reicher diese Ablagerung wird, um so dunkler erscheint die ganze 
Stelle schon für das blosse Auge. 

Früher hat man sich die Ganglienzellen in der Regel als 
einfach runde, kugelige Gebilde (Ganglienkugeln) gedacht. Alleio 
man hat sich mehr und mehr überzeugt, dass diese Form eine 
künstliche, erst durch das Abreissen der Fortsätze bei der Prä- 
paration entstandene ist, dass vielmehr von jeder Ganglienzelle 
nach gewissen Richtungen Fortsätze ausgehen, welche sich endlich 
mit Nerven oder mit anderen Ganglienzellen in Verbindung setzen 
oder in eigenthümlicher Weise verästeln. Viele Granglienzellen be- 
sitzen gleichzeitig mehrere Fortsätze, von denen jedoch nur einer 
mit einer wirklichen Nervenfaser direkt in Verbindung steht: der 
Nerven- oder Axencylinder-Fortsatz. Hier und da scheint 
durch Ganglienfortsätze eine direkte Verbindung zwischen 
zwei Ganglienzellen hergestellt zu werden. Verhältnissmässig 
häufig, namentlich in den Gentralorganen, sind Fortsätze mit mehr- 
facher und zuletzt sehr feiner Verästelung, die ich Reiserfort- 
sätze nennen will. 

Die Nervenfaser -Fortsätze sind bei ihrem Ursprünge aus den 
Ganglienzellen blass, und auch da, wo sich endlich ihr U ebergang 
in gewöhnliche, dunkelconturirte Nervenfasern verfolgen lässt, sieht 
man sie erst in einer gewissen Entfernung von der Ganglienzelle 
dicker werden, indem sie sich alhnählich mit einer Markscheide 
versehen. Dieser Umstand, welchen man früher nicht gekannt 
hat, erklärt es, dass man so lange Zeit über das wahre Verhält- 
niss im Unklaren geblieben ist. Die unmittelbaren Fortsätze der 
Ganglienzellen, namentlich im Gehirn und Rückenmark, sind daher 
nicht Nerven im gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern blasse 
und oft so feine Fasern, dass sie kaum noch eine Aehnliohkeit 
mit den früher geschilderten marklosen Fasern haben, sondern wie 
blasse Axencylinder erscheinen (Fig. 97, a, 6.). 

Lange hat man erwartet, wesentliche Verschiedenheiten unter 
den Ganglienzellen, je nach den groben Abschnitten des Nerven- 
Apparates, also namentlich Verschiedenheiten zwischen den Zellen 
des Sympathicus und denen des Hirns und Rückenmarks zu fin- 
den. Allein auch in diesem Punkte hat sich das Gegentheil als 
richtig ergeben, namentlich seitdem Jacubo witsch die Thatsache 
kennen gelehrt hat, dass zweistrahlige Zellen, welche den gewöhn- 
lichen Zellen der sympathischen Ganglien vollkommen analog sind. 



Polyklone Qanglieozellen. 303 

auch in der Mitte des Rückenmarks und mancher Theile, welche 
wir schon dem Gehirne zurechnen, vorkommen*). Dass der Sym- 
pathicus mit einem grossen Theile seiner Fasern im Rückenmarke 
wurzelt, weiss man schon lange; wenn nun auch, wie ich mich 
überzeugt habe, zweistrahlige Elemente im Rückenmarke und an- 
dererseits vielstrahlige Elemente in sympathischen Granglien, z. B. 
im 6. coeliacum, vorkommen, so kann man sagen, dass auch in 
histologischer Beziehung das Rückenmark nicht einen einfachen 
und nothwendigen Gegensatz zu dem Grenzstrange darstellt. 

Will man die Formen der Ganglienzellen genauer kennen 
lernen, so geschieht dies am leichtesten an dem Rückenmark, 
welches überhaupt für die Zusammenordnung eines wirklichen 
Centralorgans im engsten Sinne des Wortes den klarsten Ausdruck 
darstellt. In der grauen Substanz (den Hörnern) desselben finden 
sich überall und zwar fast auf jedem Querschnitte verschieden- 
artige Ganglienzellen. Jacubowitsch hat drei verschiedene For- 
men davon unterschieden: die eine nannte er motorisch, die an- 
dere sensitiv, die dritte sympathisch. Ich werde auf ihre Anord- 
nung bei weiterer Besprechung des Rückenmarkes zurückkommen ; 
hier will ich zunächst nur ihre Formen im Allgemeinen besprechen. 

Nachdem es feststeht, dass es Ganglienzellen ohne Fortsätze 
(apolare) überhaupt nicht gibt, ist die Frage über die Zahl der 
Fortsätze sehr viel discutirt worden. Man beschrieb zunächst 
hauptsächlich uni- und bipolare (besser monoklone und di klone) 
Zellen. Allein auch die sogenannten unipolaren (Fig. 97) werden, 
je genauer man untersucht, immer seltener. Die meisten Zellen 
besitzen mindestens zwei Fortsätze, sehr viele sind multipolar oder 
genauer vielästig (polyklon). 

Eine multipolare Zelle besitzt einen grossen Kern mit Eem- 
kOrperchen, einen kömigen Inhalt (Protoplasma) und, wenn sie 
besonders gross und alt ist, einen Pigmentfleck; sie entsendet 
nach verschiedenen Richtungen hin Ausläufer oder Fortsätze. 
Mindestens einer dieser Ausläufer, der sich durch seine festere 
BeschaiFenheit auszeichnet, geht, wie zuerst Deiters gezeigt hat, 
in eine Nervenfaser über. Dieses ist der schon vorher (S. 302) 



*) Ich habe öbrigens solche Zellen schon vor langer Zeit ans dem mensch- 
lichen Rückenmark beschrieben (Archiv 1847. I. 459 Anm.). 



Vienehntes Capitel. 





5^\ 



Tig. 98. Gsn);licnx«Uen sus den Centralorf^neii: A, B, ('ins dem Rücken- 
nurk«, aarh Präparaten den Hrn. Gorlftch, D aus d«r Gehirnrinde. A GrosM, 



Fortsätze der Ganglienzellen. 305 

erwähnte Axencylinder-Fortsatz. Die übrigen Ausläufer, nicht sehr 
glücklich als Protoplasma fortsätze bezeichnet, theilen sich 
nach kürzerem oder längerem Verlaufe in zahlreiche, kleine Kei- 
scrchen, welche die graue Substanz durchziehen. Was aus ihnen 
weiterhin wird, ist noch unbekannt; nur glaubt Deiters gefunden 
zu haben, dass gewisse feine Aestchen, welche unter rechten Win- 
keln von diesen Fortsätzen ausgehen, gleichfalls mit Nervenfasern 
zusammenhängen. Jedenfalls beginnt schon hier das physiologisch 
wichtige Verhältniss, welches ich vorher besprach (S. 29G, 299), dass 
von einzelnen Punkten des Nervensystems aus ganze Massen von 
Fäden oder Fasern ausgehen, ein Verhältniss, welches darauf hin- 
deutet, dass bei der Thätigkeit (Reizung) der Nerven zwar von 
Anfang an je nach Umständen diese oder jene Bahn benutzt 
werden kann, dass aber innerhalb gewisser Bahnen die Wirkung 
auf die ganze Verästelung sich relativ gleichmässig fortsetzen 
kann. 

Die multipolaren Zellen des Rückenmarks sind meist verhält- 
nissmässig gross. Die stärksten derselben (Fig. 98, A.) liegen 
an denjenigen Stellen der grauen Substanz angehäuft, welche dem 
Eintritte der motorischen (vorderen) Wurzeln entsprechen; man 
kann sie deshalb kurzweg als motorische oder Bewegungszel- 
len bezeichnen. Diejenigen Ganglienzellen, welche die Fasern der 
sensitiven (hinteren) Wurzeln aufnehmen (Fig. 98, ß.), und welche 
man in Kürze sensitive oder Empfindungszellen nennen mag, 
sind in der Regel kleiner und zeigen nicht eine so vielfache und 
weitreichende Verästelung, wie die Bewegungszellen. Ein grosser 
Theü von ihnen besitzt nur 3, vielleicht 4 Aeste. Die von Ja- 
cubowitsch sympathisch genannten Zellen (Fig. 98, C.) sind 
wiederum grösser, haben aber gewöhnlich nur 2 Aeste und zeich- 
nen sieh durch eine mehr rundliche Form aus. Es sind dies Ver- 
schiedenheiten, welche allerdings nicht so durchgreifend sind, dass 
man schon jetzt im Stande wäre, einer isolirten Ganglienzelle in 
jedem einzelnen Falle sofort anzusehen, welcher Kategorie sie an- 
gehört, aber sie sind doch, wenn man die einzelnen Gruppen ins 



vielstrahli^e (muliipolare, polyklone) Zellen aus den Vonlorbörnem (BewepiJnffs- 
zellen). ii Kleinere Zellen mit drei grösseren Fortsätzen aus den llinterhörnern 
(Kinpfindnn^szcllen). C Zweistrahlige ())i|>olare, diklonc), mehr nindüche Zelle 
aus der Nähe der hinteren Commissur (»ympathisohe Zelle). Vergr. 300. 

Vlrehow, CrlluUr Patliol. 4. Aufl. 20 



306 Vierzehntes Capitel 

Auge fasst, so auffallend, dass man zu Betrachtungen über die 
verschiedene Bedeutung derselben angeregt wird. 

Wahrscheinlich wird man im Laufe der Zeit noch weitere 
Verschiedenheiten, auch vielleicht in der inneren Einrichtung der 
Zellen, erkennen; bis jetzt lässt sich darüber nichts weiter aus- 
sagen, als dass verschiedene Beobachter, zuerst Harless, feinere 
Fasern bis zu dem Kern und Eernkörperchen verfolgt haben 
(Eernkörperchenfäden und Kernröhren). Am genauesten 
hat in der letzten Zeit Frommann diese merkwürdigen Verhält- 
nisse studirt, deren Eigenthümlichkeit noch dadurch erhöht wird, 
dass einzelne Ganglienzellen einen mehr faserigen Bau ihres Lei- 
bes zeigen, während bei der grossen Mehrzahl der Zellkörper eine 
feinkörnige Beschaffenheit darbietet. Indess liegen alle diese Ver- 
hältnisse noch so im Dunkeln, dass sich irgend welche gesetz- 
mässigen Aufstellungen daraus noch nicht ableiten lassen. Es 
ist dies eine sehr grosse und beklagenswerthe Lücke unserer 
Kenntnisse, weil gerade hier der Punkt ist, wo die specifische 
Action der wichtigsten Elemente des Körpers zu erklären wäre. 
Aber man darf auch nicht übersehen, dass diese Verhältnisse mit 
zu den schwierigsten gehören, welche überhaupt der anatomischen 
Untersuchung unterworfen werden, und dass die Herstellung von 
Objecten, welche auch nur das eigene Auge überzeugen, fast im- 
mer daran scheitert, dass eine wirkliche Isolirung der Elemente 
mit allen ihren Fortsätzen und Verbindungen kaum jemals gelingt 
und dass man wegen ihrer ausserordentlichen Gebrechlichkeit fast 
immer genöthigt ist, sie auf gehärteten Durchschnitten zu verfol- 
gen. Wenn man Schnitte macht in Theilen, welche zu einem 
grossen Theile aus Fasern bestehen und in welchen die Fasern 
theils longitudinal , theils transversal, theils schräg verlaufen, wo 
also überall ein Geflecht besteht, so hängt es ja ganz und gar 
von einem glücklichen Zufalle ab, ob man in einem und demselben 
Schnitte den Verlauf einer einzelnen Faser über grössere Strecken 
hinaus mit einer gewissen Bestimmtheit verfolgen kann. Diese 
Schwierigkeit lässt sich allerdings dadurch ausgleichen, dass man 
die Schnitte in allen möglichen Richtungen führt und so die Wahr- 
scheinlichkeit steigert, dass man endlich einmal auf diejenige Rich- 
tung stossen wird, in welcher sich ein Ast vollständig auflöst, 
aber erfahrungsgemäss bleibt auch dann noch die Schwierigkeit so 
gross, dasfl man niemals die ganze Verbreitung und Verbindung 



Reiserwerk des Gehirns und Rückenmarks. 307 

einer irgendwie vielästigen Zelle in den Gentralorganen auf einmal 
hat übersehen können. 

Auch in dieser Beziehung ist das elektrische Organ ein 
besonders glücklicher Aasgang der Untersuchung geworden. Hier 
gelang es Bilharz, die eine Faser, welche das ganze periphe- 
rische Organ versieht (innervirt), in eine einzige, centrale Ganglien- 
zelle zurück zu verfolgen. Auch diese Zelle, welche so gross ist, 
dass man sie mit blossem Auge bequem wahrnehmen kann, hat 
nach anderen Richtungen hin feinere Ausstrahlungen. Die weiteren 
Beziehungen dieser letzteren zu ermitteln, ist bis jetzt eben so 
wenig gelungen, wie wir im Stande gewesen sind, von der feine- 
ren Anatomie des menschlichen Gehirns ein nach allen Seiten hin 
befriedigendes Bild zu gewinnen, namentlich zu entdecken, in wel- 
chem Maasse darin Verbindungen von Zellen unter einander vor- 
kommen. Bei den Untersuchungen des Rückenmarks hat es sich 
herausgestellt, dass nicht alle Fortsätze der Ganglienzellen in 
Nervenfasern übergehen, sondern dass ein Theil derselben wieder 
zu Ganglienzellen geht und Verbindungen zwischen Ganglienzellen 
herstellt. Einzelne Beobachter geben bestimmt an, direkte Anasto- 
mosen von Ganglienzellen unter einander gesehen zu haben, und 
es lässt sich ein solcher Zusammenhang wohl nicht bezweifeln. 
Indess scheint dies doch ein sehr seltener Fall zu sein. Die Re- 
gel ist, dass die nicht direkt in Axencylinder übergehenden Fort- 
sätze sich mehr und mehr verästeln und erst, nachdem sie ganz 
feine Fäserchen oder Reiserchen gebildet haben, mit den von an- 
deren Ganglienzellen ausgehenden Fäserchen anastomosiren. Auf 
diese Art entsteht z. B. in der grauen Substanz des Rückenmarks 
ein zusammenhängendes Reiserwerk, welches bis zum Ge- 
hirn aufsteigt. Es lässt sich denken, dass dadurch die grösste 
Mannichfaltigkeit der Leitung und Strömung ermöglicht wird. Auch 
im Gehirn, zumal in der grauen Rindensubstanz, haben die 
Ganglienzellen ganz ähnliche Beschaffenheit (Fig. 98, D). An der 
Oberfläche des Grosshirns, wo die Ganglienzellen in mehrfachen 
Schichten über einander stehen, sind die Reiserfortsätze nach innen 
gerichtet, während gewöhnlich ein stärkerer Fortsatz zur Oberfläche 
aufsteigt und hier umbiegt. Schon Valentin hat diese „Schlin- 
genbildung^ gesehen. Ob jedoch dieser Fortsatz in einen Axen- 
cylinder fortgeht, ist immer noch zweifelhaft. Noch complicirter 
sind die Verhältnisse an der Rinde des E^einhirns, wo mehrere, 

20* 



308 VierzehDtes Capitel. 

stärkere Fortsätze gegen die Oberfläche aasstrahlen nnd in Reiser 
übergehen, während nach innen nnr ein einziger Fortsatz gerich- 
tet ist, der ziemlich sicher zn Nerven verfolgt ist. In dieser Ge- 
gend, wo schon änsserlich erkennbar eine rostfarbene Schicht sich 
der granen Substanz anschliesst und sie von der weissen Central- 
masse trennt, findet sich eine mächtige Eömerlage ; die ganze Ein- 
richtung gewinnt so eine gewisse Aehnlichkeit mit jenen ganz 
feinen Einrichtungen der radiären Fasern der Retina (S. 292). 

So schwierig es ist, über die Natur und Verbindung der ner- 
vösen Elemente ins Klare zu kommen, so häufen sich die Schwie- 
rigkeiten doch noch mehr, wenn es sich um die Zusammensetzung 
der nervösen Centralorgane im Ganzen handelt. Hier hat es sich 
immer als das Vort heilhafteste erwiesen, sich zunächst an das- 
jenige Gentralorgan zu halten, welches als Grundlage der Wirbel- 
thier-Entwickelung überhaupt dient, nehmlich an das Rücken- 
mark; es ist dies dasjenige, dessen Struktur wir am besten über- 
sehen können. 

Das Rückenmark ist bekanntlich, wie man auf jedem Quer- 
schnitte vom blossen Auge mit Leichtigkeit sehen kann, an ver- 
schiedenen Stellen seines Verlaufes verschieden reich an weisser 
Substanz, so jedoch, dass fast überall die weisse Substanz über 
die graue das Uebergewicht hat. Letztere tritt auf Querschnitten 
unter der Form der bekannten Hörner hervor, die sich durch ihre 
bald blassgraue, bald grauröthliche Färbung von dem reinen Weiss 
der übrigen Masse deutlich absetzen. So weit nun, als die Sub- 
stanz vom blossen Auge weiss erscheint, besteht sie wesentlich 
aus wirklichen markhaltigen Nervenfasern, welche durch schwache 
Züge eines weichen Interstitialgewebes in grössere und kleinere 
Bündel abgetheilt sind (Fig. 99.). Ein grosser Theil dieser Fa- 
sern ist von so beträchtlicher Breite, dass die Masse des Mark- 
stoifes (Myelins) an gewissen Punkten eine ausserordentlich reich- 
liche ist. 

Die graue Substanz der Hörner ^ dagegen ist die eigentliche 
Trägerin der Ganglienzellen, aber auch hier ist das graue Aus- 
sehen keineswegs der Anwesenheit der Ganglienzellen zuzuschrei- 
ben; vielmehr bilden, wie wir nachher sehen werden, die Ganglien- 
zellen immer nur einen kleinen Theil dieser Substanz, und das 
graue Aussehen ist hauptsächlich dadurch bedingt, dass hier jener 



Central kanal des Rückenmarks. 309 

aodnrchsichtige , stark lichtbrcchende Stoff (der Markstoffj nicht 
abgeschieden ist, welcher die weissen Nerven erfüllt. 

Inmitten der grauen Substanz befindet sich, wie Stilling 
zuerst bestimmt gezeigt hat, jener centrale Kanal (Canalis 
spinalis), den man früher so vielfach vermuthet, häufig auch als 
regelmässigen Befund bezeichnet hat, der aber doch niemals früher 
regelmässig demonstrirt werden konnte. Bei den älteren Beob- 
achtern, z.B. Portal, handelte es sich immer um vereinzelte pa- 
thologische Befunde, von welchen sie ihre Kenntnisse über diese 
Einrichtung hernahmen, und von welchen aus sie ziemlich will- 
kürlich schlössen, dass das Vorhandensein eines Kanals die Re- 
gel sei. 

Der Gentralkanal ist so fein, dass besonders glückliche Durch- 
schnitte dazu gehören, um ihn mit blossem Auge deutlich wahr- 
nehmen zu können. Gewöhnlich erkennt man nichts weiter als 
einen rundlichen, grauen Fleck, d^r sich von der Nachbarschaft 
durch eine etwas grössere Dichtigkeit unterscheidet. Erst die 
mikroskopische Untersuchung zeigt innerhalb des Fleckes den 
Querschnitt des Kanals als ein feines Loch (Fig. 99, c c). Wie 
fast alle freien Oberflächen des Körpers, ist er mit einem Epithe- 
liallager überkleidet. Es ist ein wirklich regelmässiger, constanter 
und persistenter Kanal in aller Form Rechtens. Derselbe setzt 
sich durch die ganze Ausdehnung des Rückenmarkes fort vom 
Filum terminale*), wo er nicht immer ganz deutlich herzustellen 
ist, bis zum vierten Ventrikel hinauf, wo seine Einmündungssteile 
in dem sogenannten Sinus rhomboidalis an der gelatinösen Sub- 
stanz des Calamus scriptorius liegt. Hier kann man ihn als eine 
direkte Fortsetzung vom Boden des vierten Ventrikels aus zunächst 
in eine feine trichterförmige Spalte oder Linie verfolgen. 

Die Ganglien-Zellen des Rückenmarkes finden sich in der 
grössten Masse in den vorderen und seitlichen Theilen der Vorder- 
hömer. Und zwar sind es hauptsächlich die grossen vielstrahli- 
gen Elemente, welche ich früher (S. 305) besprochen habe. Ihre 
Fortsätze sind zum Theil verfolgt worden in austretende Nerven 
der vorderen Wurzeln; sie geben also motorischen Nerven ihren 
Ursprung. 



•) Untersuchungen über die Entwickeluii«; des Schüdelj^ruudes. Berlin 1857. 
S. 92. 



310 Vierzehntes fapitel. 

Eine analoge, jedoch weniger deutlk'h grappirte Anhftofang 
findet sich gegen die Basis der hinteren Hörner hin ; es sind klei- 
nere, mebrBtrahlige Zellen, wie ich sie gleichfolls beschrieben habe. 
Sie bftngen mit den Fasem zusammen, welche in die hinteren 
Wurzeln eintreten, dienen also wahrscheinlich der sensitiven 
Function. Ansserdem zei^ sich gewöhnlich noch eine dritte, bald 
mehr zQsammengefasste, bald mehr zerstreute Gnippe von Zellen, 
welche ihrem Baae nach an die bekannten Formen der Zellen in 
den Ganglien erinnern (Fig. 98, C. 99, gg'). Ihre besondere 



StelloDg innerhalb des Rackenmarks ist allerdings nicht so klar 
bezeichnet, wie die der anderen Theile; vielleicht sind üie als die 
Quelle der sympathischen Wurzeln zu betrachten, welche vom 



Vif. 99. Die üälfle eiiien Querschniltea aus dem llalMheil« des Kürken- 
markes. /n Piaaura anterior, /p Fissiira posterior. <;■ Centralkanal mit dem ten- 
tralan Ependjmradrn. co Commissura anterior mit sich krcuunden ütnenUfent. 
■■,, CommiMura posterior, ru Vordere Wurzeln, rp hintere, gm AnhäufuDK der 
Bewegungszellen in den Vorderhöraem, w KmpfindiniESiellen der HinlerhGmer, 
gl' sympathische Zellen. Die scbwarzpuuktirle Uasse stellt die Querschnine der 
weissen Substanz (Nervenfasern der Vorder-, Seilen- und HiDler!<trinKej de$ 
Rückenmarkes mit ihren lobulären Ablheilungen dar. Vergr. 12. 



Weisse Substanz des Röckenmarkes. 311 

Rückenmarke sich zum Grenzstrang begeben, indess ist dies noch 
lange nicht ausgemacht. 

Innerhalb der weissen Substanz der Vorder-, Seiten- und 
Hinterstränge finden sich die markhaltigen Nervenfasern, welche 
im Allgemeinen einen auf- oder absteigenden Verlauf nehmen, so 
dass wir auf Querschnitten dieser Theile des Rückenmarkes fast 
nur Qaerschnitte von Nervenfasern zu Gesicht bekommen. Unter 
dem Mikroskope sieht man hier zahllose, dunkle Punkte oder bei 
stärkerer Vergrösserung Ringe, von denen jeder einer Nervenfaser 
entspricht und gewöhnlich noch einen dritten, bei Garminfärbung 
stärker hervortretenden Kern oder Fleck, den Querschnitt des 
Axencylinders, enthält. Die ganze Fasermasse der Rückenmarks- 
stränge ist von innen nach aussen in eine Reihe von Gruppen 
oder Segmenten von im Ganzen radiärer Anorduung, gewisser- 
maassen in keilförmige Lappen zerlegt, indem sich zwischen die 
einzelnen, auch hier fasciculären Abtheilangen eine bald kleinere, 
bald grössere Masse von Bindegewebe mit Gefässen einschiebt. 
Letzteres hängt nach innen mit der reichlicheren Bindegewebs- 
masse der grauen Substanz, nach aussen mit dem Bindegewebe 
der Pia mater, welche d^e ernährenden Gefässe zufahrt, zu- 
sammen. 

Was nun die Nervenfasern der Rückenmarksstränge be- 
trifft, so dürfte ein gewisser Theil von ihnen der ganzen Länge 
des Rückenmarkes nach fortgehen, aber sicherlich darf man nicht 
annehmen, dass sie alle vom Gehirne herkommen; ein wahr- 
scheinlich viel beträchtlicherer Theil stammt wohl von den Gang- 
lienzellen des Rückenmarkes selbst und biegt alsbald in die vor- 
deren oder, hinteren Stränge um. Ausserdem bestehen zwischen 
den beiden Hälften des Rückenmarkes direkte Verbindungen, 
Commissuren, indem Fasern von einer Seite zur anderen hin- 
übertreten, thcils in der Weise, dass sie mit denen der entgegen- 
gesetzten Seite sich kreuzen (vordere Commissur, Fig. 99, ca), 
theils so, dass sie gestreckt und parallel verlaufen (hintere Com- 
missur, Fig. 99, cp). 

Mit diesen anatomischen Erfahrungen kann man sich ein 
freilich noch immer sehr ungenügendes Bild machen von den We- 
gen, auf welchen die Vorgänge innerhalb der Centraltheile pas- 
siren. Jede besondere Thätigkeit hat ihre besonderen 
elementaren zelligen Organe; jede Art der Leitung 



312 



Yicrzehates Capitel. 



findet ihre bestimmt vorgezeichneten Bahnen. Auch im 
Grossen entsprechen den fnnctionellen Verschiedenheiten ganz be- 
stimmte Eigenthümlichkeiten in der Struktur der einzelnen Cen- 
traltheile, namentlich entwickeln sich nach oben hin die hinteren 
Homer allmählich immer kräftiger, nnd in dem Maasse, als diese 
Entwickelang vorschreitet, macht sich die Entfaltung der Medolla 
oblongata, des grossen und kleinen Gehirns, wobei mehr und mehr 
die motorischen Theile in den Hintergrund treten, um zuletzt fast 
ganz zu verschwinden. Der Anlage nach und im Grossen bestehen 
in allen diesen Theilen analoge Verhältnisse; das Einzige, was 
bis jetzt wenigstens als eine besonders charakteristische Eigen- 
thümlichkeit der cerebralen Apparate betrachtet werden kann, ist 




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t -r^.ve >.itf-! ujkaj..cu:T.\.en. 



Kleinhirn. 313 

die schon früher hervorgehobene Erscheinung, dass am Kleinhirn 
an der inneren Seite der hier überall einfachen Lage der Ganglien- 
zellen eine besondere Schicht vorkommt, die am meisten Aehn- 
lichkeit hat mit den Körnerschichten der Retina (Fig. 100, B). 
Denn auch hier finden sich verästelte, fast baamförmige Fäden, 
welche kleine Körnchen in oft mehrfacher Reihe in sich schliessen, 
and welche sich an die Ganglienzellen in einer wesentlich anderen, 
namentlich sehr viel feineren Weise anfügen, als das bei den 
eigentlichen Nervenfortsätzen der Fall ist. Nach aussen von der 
Ganglienschicht zeigt die graue Substanz eine so auffällig radiäre 
Streifong, dass man früher dieselbe gleichfalls mit der Stäbchen- 
schicht der Retina parallelisirte. Indess ist dies eine ziemlich grobe 
Aehnlichkeit, für die irgend ein histologischer Nachweis nicht ge- 
liefert werden kann. Es ist vielmehr die Interstitialsubstanz, 
welche diese streifigen Abtheilungen besitzt; wie kürzlich Herm. 
Hadlich gefunden hat, ist sie von langen parallelen Stützfasern 
durchzogen, welche mit dreieckigen Enden gegen die Oberfläche 
ansetzen. 

Die Rindenschichten des Gross- und Kleinhirns enthalten einen 
solchen Reichthnm von Ganglienzellen, dass Meynert nach einer 
ganz wahrscheinlichen Schätzung ihre Zahl auf eine Milliarde be- 
rechnet. Wenn nicht bezweifelt werden kann, dass diese Zellen zu 
einem grossen Theile der eigentlichen psychischen Thätigkeit 
dienen, so ist es gewiss bemcrkenswerth, dass ihre Anhäufungen 
sich durch ein allmähliches Anwachsen und Vermehren aus den 
hinteren Abschnitten des Rückenmarkes entfalten, dass sie also 
genetisch dem empfindenden Antheile desselben angehören. Un- 
zweirelhaft bieten diese psychischen Ganglienzellen manches 
Besondere und Eigenthfmiliche auch in ihrer Gestalt dar; nichts- 
destoweniger ist es unmöglich, bis jetzt aus ihren Besonderheiten 
und Eigenthümlichkeiten irgend einen Grund für die Vollkommen- 
heit ihrer Function abzuleiten. Wir müssen uns vor der Hand 
damit begnügen, ihre Existenz und ihre äusseren Eigenschaften 
kennen gelernt zu haben. — 

Der Typus der Rückenmarksbildung, welchen wir beim Men- 
schen kennen gelernt haben, ist im Wesentlichen derselbe durch 
die ganze Reihe der Wirbelthiere oder, wie man sie besser nennen 



314 Vienehutes Capil«t. 

würde, Harkthiere *) , diu* dass beim HeoscbeD im Allgemeinen 
eine ^sserc Complication und ein grüsserer Reichthnm sowohl 
an Nervenfasern, ala an GaDgliensubstanz liervortritt. Es 'mt ge- 
wiss sehr interessant, in dieser Beziehung den Darchsclinitt vom 
Rückenmarke eines der niedrigsten Wirbelthiere zn vei^leicben. 
Ich wähle dazu das Neanange (Petromyzon). Bei diesem Thiere, 
welches bekanntlich nahe an der untersten Grenze der Wirbel- 
thiere überhaupt steht, stellt das Rückenmark ein sehr kleines 
plattes Band dar, welches in der Fläche etwas eingebogen ist and 
auf den ersten Anblick wie ein wirkliches Ligament aassieht 
Macht man einen Querschnitt davon, so enthält dieser an sich 



dieselben Thcile, die wir beim Menschen sehen, aber Alles nor 
in der Anlage. Was wir bei aas graue Sabstauz neunen, das 
findet sich ancb hier wieder zu beiden Seiten in der Gestalt je 
eines plattlänglichea Lappens , welcher einzelne GangüenzelleD, 
aber nur sehr wenige enthält, so dass man aaf jeder Seit« des 
Qaerschnittes vielleicht 4 — 5 davon findet. In der Mitte befindet 
sich der Centralkanal , und zwar mit derselben Epithelialscbicht, 



Fig. 101. Durrhscboitl durch ik? Rüi-keDmark des Pelromttoa fluviatilis. 
F Fi.sjura (<Kler ceoauer L'oininissura) anlerior. P Fissiira posl^rior. r C«ntral- 
kanal mil Epilhel. gm poise. fielslrabliSf t.iaui:li«niellen mit Fortsätzen in der 
Kit'htum: der vorilerea Wurzeln, i/p kleinere. niebntnthli)re Zellen mit Fortsätien 
zu ilen hinteren Wuneln, <it ßrosse, nini1lii-he Zellen in >ler N&he der binleren 
Comoiissur sfmpalhinche Zellen'. », n (juenturi-hscbnilta der f^oxita. bliesen 
NerrenriAem |llüller'sche FAsem). n' leere Lücken, aus welcben die grossen 
Nerven aus'jefalleu sind, n'' Lücke fär kleinere Fusern. .Ausserdem lablreicbe 
Vuerscbnine feinerer uud gröberer Fasern- 

') Vercl. meiiWD ^'o^t^alr ober das Rückenmark in der von mir and 
T. Hnitzendorff beraii>i:ecebenen Sammlung gemeinverstäudlicb«r wisscnscbifl- 
litber Vorträge. 1871. :^erie V. lieft IM. 



Rückenmark des Petromyzon. 315 

wie beim MeDBcheo. Nach nntcn und vom davon sieht man ge- 
wöhnlich eine Reihe von grßsseren ronden Lücken, welche ganz 
ungewöbalicb dicken, zuerst von Johannes Müller gesehenen, 
marklosen Nervenfasern (Fig. 102, a) entsprechen. Weiter nach 
aassen liegen noch einzelne dickere, überwiegend jedoch eine 
grosse Menge ganz feiner Fasern, welche dem Querschnitte ein 
sehr bantes, regelmässig getüpfeltes Aussehen geben. Unter den 
Ganglienzellen kann man anch hier verschiedene Arten unter- 
scheiden. Nach aussen in der graaen Substanz li^en vielstrahlige, 
naeb vom grossere, nach hinten kleinere und einfachere Zellen. 
Mehr nach innen und hinten dagegen finden sich grossere, mehr 
mndliche, wie es scheint, diklone (bipolare) Zellen, den sympa- 
tfaiscben Formen vergleichbar. Diese Zellen commnniciren über 
die Mitte durch wirkliche Faser- Verbindungen, und ausserdem findet 
man Fortsätze zu den Nerven, welche nach vorne und rückwärts 
aus dem Rückenmarke hervortreten und die vordere and hintere 
Wurzel bilden. Das ist das einfachste Schema, welches wir für 
diese Verhältnisse besitzen, der allgemeine Typus für die anato- 
mische Einrichtung dieser Thetle. 

Besonders zu bemerken ist hier, duss 
beim Petromyzon in der ganzen Substanz "*■ •"'■ 

dos Rückenmarkes kein MarkstofT in iso- Jl 

lirter Ausscheidung vorhanden ist, wie wir , S J "■ 

ihn beim Menschen haben; man findet nur 
einfache, blasse Fasern, welche Stannius 
geradezu als nackte Asencytinder ange- G 
sprochen hat. Abgesehen davon, dass sie 
zum Theil einen colossalen Durchmesser 
haben, so findet man bei genauerer Unter- 
suchung, wie bei den gelatinösen, grauen 
Fasern des Menschen, eine auf Querschnit- 
ten, besonders nach Färbung mit Carmin 
sehr deutliche Membran und im Centnim 
eine feinkörnige Substanz, ähnlich einem 
Axencylinder, so dass man versucht wird, 



Fift' 102. Blasse Fiueru aas dem Itilckenmarke des Pclromjzoa fluviitilis. 
A Breite , Bchmale und Teinsle Fasern. B QiierschniMe lon breiten Fagero mit 
deutlicher Uembraa und kürnig^cm Ceulniii]. Ve:^. 300. 



316 Vierzehntes Capitel. 

sie mit gewöhnlichen weissen Nervenfasern zn vergleichen. Reiss- 
ner hat neuerlich eine ähnliche Ansicht vertreten. — 

Gewinnt man so eine allgemeine Uebersicht über die Ein- 
richtung eines centralen Nervenapparates, so darf man doch nicht 
vergessen, dass dies nur die eigentlich nervösen Theile desselben 
sind. Will man das Nervensystem in seinem wirklichen Verhalten 
im Körper, die nervösen Elemente in ihrem Znsammenhalte sta- 
diren, so ist es unumgänglich nöthig, auch diejenige Masse zu 
kennen, welche zwischen den Nerventheilen vorhanden ist, 
welche diese Theile umfasst und den ganzen Organen Festigkeit 
und Gestalt gibt: das Interstitialgewebe des Gehirns und 
Kückenmarks*). 

Es ist gar nicht so lange her, dass man das Vorhandensein 
einer solchen Zwischenmasse eigentlich nur bei den peripherischen 
Nerven zuliess und sich begnügte, das Neurilem bis auf die Häute 
des Rückenmarkes und Gehirnes zurück zu verfolgen, höchstens 
dass man noch innerhalb der Ganglien und im Sympathicus ein 
besonderes Umhüllungsgewebe anerkannte. Allerdings hatte schon 
1810 Ken f fei die Existenz eines „fibrösen Gewebes" im Rücken- 
marke vertheidigt, aber bis auf wenige Ausnahmen (Fr. Arnold) 
hatten alle Anatomen sich gegen diese Auffassung erklärt. Na- 
mentlich im Gehirne deutete man die Zwischensubstanz gerade als 
eine wesentlich nervöse Masse. Eine solche erschien in der That 
so lange als ein natürliches Desiderat, als man eine directe Ueber- 
tragung der Erregungen von Faser zu Faser zuliess, als man 
also die Nothwendigkeit einer wirklichen Continuität der Leitung 
innerhalb der Nerven selbst nicht anerkannte. So sprach man 
beim Gehirne von einer feinkörnigen, zwischen die Fasern einge- 
schobenen Masse, welche freilich keine vollständige Verbindung 
zwischen den Fasern herstelle, indem sie eine gewisse Schwierig- 
keit in der üebertragung der Erregungen von einer Faser zur 
anderen bedinge, welche aber doch eine Leitung zwischen denselben 
ermögliche, indem bei einer beträchtlichen Höhe der Erregung 
eben auch eine direkte (seitliche) üebertragung von Faser zu 
Faser stattfinden könne. Diese Masse ist jedoch unzweifelhaft nicht 
nervöser Natur, und wenn man ihre Beziehung zu den bekannten 



•\ i"i 



) Ge:>cbwülöte IL 125 ff. 



Ependym. 317 

Grappen der physiologischen Gewebe aufsucht, so kann man dar- 
über nicht im Unsicheren bleiben, dass es sich um eine Art des 
Bindegewebes handelt, also um ein Aequivalent desjenigen Ge- 
webes, welches wir bei den Nerven als Perineurium kennen ge- 
lernt haben (S. 273). Allein der Habitus dieser Substanz ist aller- 
dings sehr weit verschieden von dem, was wir Perineurium oder 
Neurilem nennen. Letztere sind verhältnissmässig derbe, zum 
Theil sogar harte und zähe Gewebe, während das Interstitialge- 
webe der Centren ausserordentlich weich und gebrechlich ist, so 
dass man nur mit grosser Schwierigkeit überhaupt dahin kommt, 
seinen Bau kennen zu lernen. 

Ich wurde zuerst auf seine Eigenthümlichkeit aufmerksam 
bei Untersuchungen, die ich vor 25 Jahren über die sogenannte 
innere Haut der Hirnventrikel (Ependyma) anstellte*). Da- 
mals bestand die Ansicht, welche zuerst durch Purkinje und 
Valentin, später namentlich durch Heule geltend geworden 
war, dass eine eigentliche Haut in den Hirnventrikeln gar nicht 
existire, sondern nur ein Epithelial-Ueberzug, indem die Epithelial- 
Zellen unmittelbar auf der Fläche horizontal gelagerter Nerven- 
fasern auf sässen. Diese Epithelialschicbt war es, welche Purkinje 
Ependyma ventriculorum nannte. Seine Annahme ist freilich von 
den Pathologen nie getheilt worden. Die pathologische Anschauung 
ging ziemlich unbekümmert neben den histologischen Angaben ein- 
her. Indess erschien es doch wünschenswerth, eine Verständigung 
zu gewinnen, da in einem bloss epithelialen Ependyma nicht wohl 
eine Entzündung vorkommen konnte, wie man sie einer serösen 
Haut zuzuschreiben pflegt. Bei meinen Untersuchungen ergab sich 
nun, dass allerdings unter dem Epithel der Ventrikel eine Schicht 
vorhanden ist, welche an mtmchen Stellen ganz den Habitus von 
Bindegewebe, an anderen jedoch eine so weiche Beschaffenheit 
besitzt, dass es überaus schwierig ist, eine Beschreibung von 
ihrem Aussehen zu liefert Jede kleinste Zerrung ändert ihre 
Erscheinung: man sieht bald körnige, bald streifige, bald netzför- 
mige oder wie sonst geartete Substanz. Anfangs glaubte ich mich 
beruhigen zu dürfen bei dem Nachweise, dass hier überhaupt ein 
dem Bindegewebe analoges Gewebe existire und eine Haut zu 



•> Zeitschrift für Psychiatrie. 184G. Heft 2. 242. Gesammelte Abhand- 
luDgen S85. 



318 Vienehntes CapiteL 

coQBtatiren sei. AUeio, je mehr ich mich mit der ÜDterBncbaog 
derselben beschäftigte, um so mehr Überzeogte ich mich, dus 
keine eigenüiche Grenze zwischen dieser Haut uad den tieferen 
GewebsLagen bestehe, and dass man nur in nneigentlicbem Sinne 
Ton einer Haat sprechen kßnne, da man doch bei einer Haut vor- 
aassetzt, dass sie von der Unterlage mehr oder weniger verschie- 
den ond trennbar sei. Im Groben Usst sich freilich nicht selten 
eine solche Trennung ancfa hier vomehiuen, aber im Feineren ist 
es durchaus nicht mßglich. Man sieht, wenn man die Oberfläche 
irgend eines Durchschnittes der Ventrikelwand bei stärkerer Ter- 
grössenuig einstellt, zunächst an der Oberfläche ein bald mehr, 
bald weniger gnt erhaltenes Epithel (Fig. 103, E). Im günstigsten 



Falle trifit man Cyllnder-Epithel mit Gilien, welches sich wenig- 
stens nrsprünglich durch die ganze Ausdehnung der Hohle des 



Fiff. 103. Epcndjms «entrirnlorum und Neuro(r)i> <om Bodfo des Tierten 
nirnTeiilrikeh. E Epithel , A' Nervenfasern. DmKiKrbrn der freie Tbeil der 
Neuroglia mit lablreichea Bindegewebszellen und Kernen, hei b ein Qefäs«, im 
Uebri([en zahlreicbe Corpon amjlacca, welche bei i-ii noch iM>1irl d&rgcstelll sind. 
Vercr. ?m. 



Ependyma ventriculorum. 319 

Rückenmarkes (Centralkanal) und des Hirnes (Ventrikel) erstreckt. 
Unter dieser Lage folgt eine bald mehr, bald weniger reine Schicht 
von bindegewebsartiger Structnr, welche auf den ersten Blick 
gegen die Tiefe hin allerdings scharf abgesetzt erscheint, denn 
schon mit blossem Auge, namentlich nach Behandlung mit Essig- 
säure, erkennt man sehr deutlich eine äussere, graue und durch- 
scheinende Lage, während die tiefere Schicht weiss aussieht. 
Dieses weisse Aussehen rührt daher, dass hier markhaltige Ner- 
venfasern liegen, zunächst der Oberfläche einzelne, dann immer 
mehrere und dichter gedrängte, in der Regel der Oberfläche pa- 
rallel (Fig. 103, N), So kann es allerdings scheinen, als sei hier 
eine besondere Haut, die man von den letzten Nervenfasern ab- 
trennen könnte. Vergleicht man nun aber damit die Masse, welche 
zwischen den Nervenfasern selbst liegt, so zeigt sich keine we- 
sentliche Verschiedenheit; es ergibt sich vielmehr, dass die ober- 
flächliche Schicht weiter nichts ist, als der über die Nervenele- 
mente hinaus zu Tage gehende Theil des Zwischengewebes, wel- 
ches überall zwischen den Elementen vorhanden ist, und welches 
nur hier in seiner Reinheit zur Erscheinung kommt*). Es ist 
also das Verhältniss ein continuirliches. 

Es erhellt aus dieser Darstellung, , dass es ein ganz müssiger 
Streit war, wenn man Jahre lang darüber discutirte, ob die Haut, 
welche die Ventrikel auskleide, eine Fortsetzung der Arachnoides 
oder der Pia mater oder ob sie eine eigene Haut sei. Es ist, 
streng genommen, gar keine Haut vorhanden, sondern es ist die 
Oberfläche des Organs selbst, welche unmittelbar zu Tage geht. 
Auch an dem Gelenkknorpel müssen wir es als einen müssigen 
Streit bezeichnen, welche Art von Haut den Knorpel überzieht, 
da der Knorpel selbst bis an die Oberfläche des Gelenkes heran- 
tritt. In gleicher Weise geht auch nichts von der Arachnoides, 
nichts von der Pia mater auf die Oberfläche der Ventrikel: die 
letzte Ausbreitung, welche diese Häute nach innen aussenden, ist 
die Tela (Velum) chorioides mit den Plexus chorioides. üeber 
diese hinaus findet sich kein seröser Ueberzug mehr, welcher die 
innere Fläche der Himhöhlen auskleidet. Aus diesem Grunde 
kann man die Zustände der Himhöhlen nicht vollkommen verglei- 
chen mit den Zuständen der gewöhnlichen serösen Säcke. Es kann 



•) Archiv 1854. VI. 138. 



320 Vierzehntes Capitel. 

allerdings an der Tela chorioides oder den Plexns eine Reihe von 
Erscheinungen auftreten, welche parallel stehen den Störungen 
anderer seröser Häute, aber nie findet dies ganz in derselben Art 
an der Ventrikeloberfläche des Gehirns selbst statt. 

Das interstitielle Gewebe der Centralorgane des Nervensystems 
bildet demnach an der Oberfläche der Himhöhlen, und, wie ich so- 
fort hinzufuge, auch des Centralkanals des Rückenmarks eine 
hautartige Schicht, welche continuirlich in die Zwischenmasse, den 
eigentlichen Kitt, welcher die Nervenmasse zusammenhält, über- 
geht. Obwohl zu der grossen Klasse der Gewebe der Bindesub- 
stanz gehörig (S. 40), zeigt es doch so wesentliche Eigenthüm- 
lichkeiten, dass ich mich veranlasst sah, ihm den neuen Namen 
der Neuroglia (Nervenkitt) beizulegen*). Die Ansicht, dass es 
sich um ein Aequivalent des Bindegewebes handele, ist in der 
neueren Zeit fast von allen Seiten recipirt worden, allein über 
die Art seiner Zusammensetzung und über die Ausdehnung, in 
welcher man die einzelnen im Gehirn und Rückenmark vorkom- 
menden Elemente dieser Substanz zuzurechnen hat, sind die Mei* 
nungen noch getheilt. Schon als ich meine ersten weitergehenden 
Untersuchungen über diese Theile anstellte, ergab es sich, dass 
gewisse sternförmige Elemente, welche in der Mitte des Rücken- 
marks, im Umfange des nachher genauer constatirten Centralkanals, 
in dem von mir so genannten centralen Ependymfaden**) vor- 
kommen, und welche bis dabin als Nervenzellen betrachtet worden 
waren, unzweifelhaft der Neuroglia angehörten. Es ist späterhin, 
namentlich durch die Dorpater Schule unter Bidder, eine Reih& 
von Untersuchungen publicirt worden, in denen man die Mehrzahl 
aller Zellen des Rückenmarks diesem Bindegewebe zugerechnet 
hat. Bidder selbst fasstc zuletzt alle Zellen, welche in der hin- 
teren Hälfte des Rückenmarkes vorkommen, also auch wirkliehe 
Ganglienzellen, als Bindegewebskörper auf. Auf der anderen Seite 
leugnete Jacubowitsch früher, dass überhaupt im Hirn oder 
Rückenmark irgendwo zellige Theile des Bindegewebes vorkom- 
men; das freilich auch von ihm als Bindesubstanz anfgefasste 
Zwischengewebe schilderte er als eine ganz amorphe, fein granu- 
lirte oder netzartige Masse, welche durchaus nirgend geformte 



•) Gesammelte Ahham». 890. 
••) Archiv VI, 137. 



Neuroglia. 321 

Theile mit sich führe. Zwischen diesen Extremen, so glaube ich, 
ist es empirisch vollkommen gerechtfertigt, die Mitte zu halten. 
Es kann meiner Ueberzengnng nach nicht bezweifelt werden, dass 
die grossen Elemente, welche in den hinteren Hörnern des Rücken- 
marks enthalten sind, Nervenzellen sind, allein auf der anderen 
Seite mnss ebenso bestimmt behauptet ^ werden, dass, wo Neuroglia 
vorkommt, dieselbe stets eine gewisse Zahl von zelligen, ihr ge- 
hörigen Elementen enthält. An der Oberfläche der Hirnventrikel 
kommen gewöhnlich der Oberfläche parallel liegende Spindelzellen 
vor, ähnlich, wie man sie in anderen Bindegewebsarten findet, 
bald kleinere, bald grössere; macht man schräge Schritte, so 
geben sie sich oft als sternförmige Elemente zu erkennen 
(Fig. 103). 

Ein ganz ähnlicher Bau, wie wir ihn früher vom Bindegewebe 
kennen gelernt haben, insbesondere ähnliche Elemente mit einer 
weichen, feinfaserigen oder netzförmigen Intercellularsubstanz finden 
sich auch zwischen den Nervenfasern des 
Hirns und Bückenmarks vor, aber sie sind so fi«. io4. 

weich und gebrechlich, dass man meist nur *^ * ^ 

Kerne wahrnimmt, die in gewissen Abständen ^ ^.^' ^ ^ 
in der Masse zerstreut sind. Wenn man aber ^5y 

genau sucht, so kann man selbst an frischen 
Objecten regelmässig einzelne weiche, zellige Körper erkennen, 
welche einen feinkörnigen Leib und grosse, granulirte Kerne mit 
Kernkörperchen besitzen und als rundliche oder linsenförmige, 
häufig mit feinen Fortsätzen versehene Gebilde in einer allerdings 
nicht sehr beträchtlichen Menge zwischen den Nervenelementen 
liegen. An gewissen Stellen ist es freilich bis jetzt unmöglich 
gewesen, eine scharfe Grenze zu ziehen zwischen beiden Geweben, 
80 namentlich an der Oberfläche des * kleinen Gehirns zwischen 
den Kömern, welche ich vorher (S. 313) schilderte, und welche 
mit grossen Ganglienzellen zusammenhängen, einerseits und den 
Elementen dos Bindegewebes andererseits. Namentlich wenn man 
die Theile aus dem Zusammenhange gerissen sieht, so kann man 
nicht leicht einen Unterschied machen; eine bestimmte Deutung 



Fig. 104. Elemente der Neuroglia aus der weissen Substanz der Gross- 
birnhemispbäre des Menschen, a freie Kerne mit Kernkürperrhen, h Kerne mit 
körnigen Resten des bei der Präparation zertrümmerten ZellenparencbymS) r yoII- 
standige Zellen. Vergr. ;i00. 

Virrhuw, Ollular l'athul. 4. AuA. 21 



322 Vierzehntes Gapitel. 

ist nur so lange möglich, als man sie in ihrer naturlichen Lage 
übersieht. 

Wie in allen Geweben der Bindesnbstanz, so liegen auch hier 
die Elemente (Glia - Zellen) in einer Intercellnlarsnbstanz , welche 
je nach den einzelnen Orten in sehr verschiedener Mächtigkeit 
auftritt. Im Allgemeinen ist die gliöse Intercellularsubstanz weich, 
aber, wie wir schon bei der Betrachtung des Ependyms sahen 
(S. 317), sie bietet sehr verschiedene Grade der Festigkeit und 
der inneren Zusammensetzung dar. Obwohl sie frisch fast überall 
eine mehr gleichmässige , mit feinen Pünktchen oder Körnchen 
versehene, weiche und gebrechliche Masse darstellt, die deshalb 
von Einigen geradezu als eine Art von Protoplasma angesprochen 
wird, so zeigt sie doch auch ohne besondere Vorbereitung an 
manchen Stellen eine faserige, mehr oder weniger der Intercellu- 
larsubstanz des Bindegewebes analoge Beschaffenheit. Erhärtet 
man sie vorsichtig durch chemische Mittel, so tritt überall eine 
feinfaserige Einrichtung hervor. Diese Fäserchen sind von ausser- 
ster Zartheit, so dass es in der grauen Substanz noch nicht ge- 
lungen ist, sie überall von den reiserförmigen Fortsätzen der 
Ganglienzellen (S. 307) zu unterscheiden, ja dass Einzelne sogar 
einen Zusammenhang zwischen beiden angenommen haben. Diese 
Schwierigkeit ist namentlich dadurch bedingt, dass die gliösen 
Fäserchen an zahlreichen Stellen ein feines Netzwerk bilden, wel- 
ches sich den Hirnzellen so eng anschliesst, dass man Mühe hat, 
die Ausläufer dieser Zellen, welche gleichfalls fibrillär sind, von 
den intercellularen Fibrillen zu trennen. Verhältnissmässig am 
nächsten unter den Geweben der Bindesubstanz steht das Schleim- 
gewebe. 

Gewiss ist es von erheblicher Wichtigkeit zu wissen, dass 
in allen nervösen Theilen, sowohl den centralen, als den periphe- 
rischen, ausser den eigentlichen Nervenelementen noch ein zweites 
Gewebe vorhanden ist, welches sich anschliesst an die grosse 
Gruppe von Bildungen, welche den ganzen Körper durchziehen, 
und welche wir in den früheren Capiteln als Gewebe der Binde- 
substanz kennen gelernt haben. Spricht man von pathologischen 
oder physiologischen Zuständen des Hirns oder Rückenmarks, so 
handelt es sich zunächst immer darum, zu erkennen, in wieweit 
dasjenige Gewebe, welches getroffen ist, welches leidet oder err^ 
ist, nervöser (parenchymatöser, specifischer) oder gliöser (inter- 



Neuroglia. 323 

stitieller) Art ist. Für die Deutung krankhafter Processe gewinnen 
wir 80 von vornherein die wichtige Scheidung der Affectionen der 
Nerven, des Hirns und Rückenmarks in interstitielle und paren- 
chymatöse [nervöse]*), und die Erfahrung lehrt, dass gerade das 
interstitielle Gewebe einer der häufigsten Sitze krankhafter Ver- 
änderung, z. B. fettiger Degeneration, Induration, Proliferation ist. 
Es versteht sich von selbst, dass die Erkrankungen dieses inter- 
stitiellen Gewebes ganz denen anderer Bindcgewebsmassen glei- 
chen, dass also auch Gehirn, Rückenmark und Nerven dieselben 
Arten von Yeränderang erfahren können, die an der Haut, der 
Cornea, dem interstitiellen Gewebe der Leber oder Nieren vor- 
kommen. 

Innerhalb der Neuroglia verlaufen die Gefässe, welche daher 
von der Nervenmasse fast überall ausser ihrer Adventitia (Lymph- 
scheide) noch durch ein leichtes Zwischenlager getrennt sind und 
nicht in unmittelbarem Gontact mit derselben sich befinden. Die 
Neuroglia erstreckt sich in der besonders weichen Form, welche 
sie an den Central- Organen, besonders am Gehirne hat, nur noch 
auf diejenigen Theile, welche als direkte Verlängerungen der 
Hirnsubstanz betrachtet werden müssen, nehmlieh auf einige hö- 
here Sinnesnerven. Der Olfactorius und Acusticus zeigen noch 
dieselbe Beschaffenheit der Zwischenmasse, während in den übri- 
gen Theilen, selbst schon im Opticus, eine zunehmende Masse 
eines derberen Gewebes auftritt, welches den Charakter des Peri- 
neuriums anninunt 

Perineurium und Neuroglia sind also äquivalente Theile, nur 
dass die letztere eine weiche, markige, gebrechliche, fast schlei- 
mige Beschaffenheit hat, während das erstere sich den fibrösen 
Theilen anscUiesst. Das Neurilem aber verhält sich zum Peri- 
neurium, wie die Hirn- und Rückenmarkshäute zu der Neuroglia. 

Ueberall, wo Neuroglia vorhanden ist, zeigt sich noch enie 
ganz besondere Eigenthümlichkeit, welche sich bis jetzt weder 
chemisch noch physikalisch deuten lässt; überall da können nehm- 
lich jene eigenthümlichen Körper vorkommen, welche schon durch 
ihren Bau an die Körner der Pflanzenstärke erinnern und deshalb 
von ihrem Entdecker, Purkinje, den Namen der Corpora 
amylacea (Fig. 103, a) erhielten. Durch ihre chemische Reaction 



*) Entwickelung des Schädel grundes 96, 100. 

21 



324 Vierzehntes Capitel. 

stellen sie sich den pflanzUchen vollständig an die Seite. Am 
meisten ausgedehnt and am mächtigsten liegen sie im Ependyma 
der Himventrikel und des Spinalkanals, und zwar am so reich- 
licher, je grosser die Dicke der Ependymaschicht ist. Man findet 
sie gewöhnlich an manchen Stellen nar vereinzelt, an anderen 
dagegen nimmt ihre Zahl so sehr za, dass die ganze Dicke des 
Ependyms davon in einer solchen Weise eingenommen ist, dass 
es aussieht, als wenn man ein Pflaster vor sich hätte. Die Cor- 
pora amylacea treten aber merkwürdiger Weise auch unter pa- 
thologischen Verhältnissen häufig in grosser Menge auf, wenn 
durch eine krankhafte Störung die Hasse der Neuroglia im Ver- 
hältnisse zur Nenensubstanz zunimmt, z. B. nach Processen' der 
Atrophie (S. 278). Bei der Tabes dorsualis, wie man früher 
sagte, der gelatinösen oder grauen Atrophie einzelner Rücken- 
marksstränge, wie ich den Zustand genannt habe*), findet man 
in dem Maasse, als die Atrophie fortschreitet, als die Nerven un- 
tergehen, in gewissen Richtungen, z. B. in den hinteren Strängen, 
meist zunächst an der hinteren Spalte keilförmige Züge, in wel- 
chen die bis dahin weisse Substanz von aussen her grau und 
durchscheinend wird. Es sieht dann aus, als entstände neue graue 



Fig. 105. 





Substanz. Diese Umwandlung kann fortschreiten und geht gewöhn- 
lich in der Weise fort, dass der Keil immer höher und höher 
steigt und zugleich an Breite zunimmt. In seinen Grenzen schwin- 
det nun allmählich die ganze markhaltige Substanz; man findet 
keine deutlichen Nerven an diesen Stellen mehr; dagegen durch- 



Fip. 105. Durchschnitt des Rückenmarkes bei partieller (lobularer) erauer 
oder frelatinöser Atrophie (De<reneration). / Fissur« longitudfnalis posterior, 
9y 8 hintere, m, m vordere Nervenwuncln, in Verbindung mit der grauen Sub* 
stanz der Qr>mer. In A geringere, in B ausgedehnte Atrophie, die sich in den 
Hintersträngen um die Mittelspalte /, und bei / in den Seitenaträngen teigt. 
Natürliche Grüsne. 

•) Archiv VUI. 143, 540. X. 192. XLVUI. 520. 



Corpora amylacea. 325 

setzt sich die Nenroglia sehr Mafig mit einer massenbaften An- 
bäofang von Corpora amylacea. 

Trotz dieser Massenhaftigkeit ist es für die Betrachtung mit 
dem blossen Ange ganz unmöglich, irgend etwas von der Anwe- 
senheit der Corpora amylacea wahrzunehmen. Man sieht weder 
die einzelnen Körper, welche niemals zu einer makroskopischen 
Grösse anwachsen, noch ihre Haufen. Denn die Körper sind so 
wenig lichtbrechend, dass ihre Anwesenheit sich durch keiae grö- 
bere Eigenschaft oder Wirkung bemerkbar macht. Sie lassen sich 
daher nur durch das Mikroskop diagnosticiren. 

Nirgends im Körper hat man bis jetzt ein vollständiges Ana- 
logen dieser Art von Bildungen gefunden. Nur in denjenigen 
Theilen, welche bei der embryonalen Entwickelung als direkte 
Ausstülpungen aus der Himsubstanz hervorgehen, nehmlich in 
den höheren Sinnesorganen, wo ursprünglich eine gewisse Quan- 
tität von Centralnervenmasse in Sinneskapseln eintrat, namentlich 
in dem Acusticus, Olfactorius, Opticus, in der Cochlea und Re- 
tina kommen zuweilen Corpora amylacea vor, doch ist bis jetzt 
die chemische Reaction an denen der Retina nicht gelungen. 
Auch bei Thieren fehlt es bis jetzt fast ganz an analogen Beob- 
achtungen, und erst in der letzten Zeit hat Bütschli bei der 
Gregarine, einer entozoischen Monere, ähnliche Körper aufge- 
funden. Sehr bemerkenswerth ist der Umstand, dass auch der 
Neugeborne noch nirgends Corpora amylacea besitzt, ja dass sie 
selbst bei der so häufigen congenitalen grauen Atrophie der 
Rückenmarksstränge fehlen. Ihre Entwickelung beginnt erst in 
einer späteren Zeit des Lebens, und man wird daher um so eher 
geneigt, sie für ein pathologisches Produkt zu halten, als ihre 
Zahl und selbst ihr zeitliches Erscheinen sehr wesentlich durch 
das Auftreten pathologischer Prozesse bestimmt wird. Nichts- 
destoweniger sind sie bei Erwachsenen so constant, dass man sie 
als einen typischen Bestandtheil der Nenroglia betrachten muss. 

Isolirt man solche Körper, so zeigen sie in jeder Beziehung 
eine so vollständige Analogie mit pflanzlicher Stärke, dass schon 
lange, bevor es mir gelang*), die Analogie der chemischen 
Reaction zu finden, wegen der morphologischen Aehnlichkeit die 
Bezeichnung der Corpora amylacea eingeführt war. Freilich hat 



•) ArchiY VI. 135, 416. VIII. 143. 



326 Vierzehntes Capilel. 

man von manchen Seiten die chemische Uebereinstimmang der 
thierischen nnd pflanzlichen Ämyloidkörper bezweifelt; namentlich 
hatte Heinrich Meckel grosse Bedenken dagegen, indem er 
vielmehr eine Beziehung der ersteren zu Cholestearin annahm. 
In der neueren Zeit ist aber selbst von Botanikern vom Fach die 
Sache untersucht worden, und jeder, der sich genauer damit be- 
schäftigte, hat bis jetzt dieselbe Ueberzeugung gewonnen, welche 
ich aussprach. Nägeli erklärt die Körper des Grehirns für ganz 
veritable Stärke. 

Morphologisch erscheinen sie entweder als ganz runde, regel- 
mässig geschichtete Körper, oder das Centrum sitzt etwas seitlich, 
oder es sind Zwillingskörper; meist sehen sie mehr homogen, 
blass, mattglänzend, wie fettartig aus. Behandelt man sie mit 
Jod, so färben sie sich blassbläulich oder graublau, wobei freilich 
die richtige Concentration des Reagens sehr viel ausmacht. Setzt 
man hinterher Schwefelsäure zu, so bekommt man bei regelrech- 
ter Einwirkung, am besten bei sehr langsamer Einwirkung des 
Reagens ein schönes Blau. Wirkt Schwefelsäure stark ein, so er- 
hält man eine violette, schnell braunroth oder schwärzlich wer- 
dende Färbung, welche von der Färbung der Nachbartheile sich 
auf das Entschiedenste absetzt, denn diese werden gelb oder 
höchstens gelbbraun. 

Mit den Corpora amylacea darf eine in ihrer Nachbarschaft 
häufig vorkommende und in morphologischer Beziehung ihnen sehr 
nahe stehende Art von Bildungen nicht verwechselt werden, nehm- 
lich die Körner des Gehirnsandes. Am längsten kennt man 
dieselben aus der Basis der Zirbel (Conarium, Glandula pinealis), 
wo sie in einem grösseren Häufchen, dem von den Gebrüdern 
Wenzel sogenannten Accrvulus zu liegen pflegen. Jedoch sind 
sie manchmal durch einen grossen Theil der Substanz der Zirbel 
zerstreut. Xächstdem fand man sie in den Plexus choroides, na- 
mentlich in dem sogenannten Glomus, wo sie pathologisch zu- 
weilen gleichfalls grosse Haufen bilden. Ich habe indess gezeigt, 
dass sie auch an zahlreichen anderen Stellen der Hirnhäute, und 
zwar sow^ohl der Pia, als der Dura mater, unter pathologischen 
Verhältnissen in Lymphdrüsen und an serösen Häuten vorkom- 
men*). Jedenfalls finden sie sich physiologisch niemals im Innern 



•) Würzburger Verhandl. I. 144. II. 53. VII. 228. Geschwülste II. 107. 



Sandkörper der Hirnhäute. 327 

der nervösen Theile; ihr Vorkommen ist streng gebunden an die 
Hänte. Diese Sandkörper (Corpora arenacea) bestehen, wie die 
Corpora amylacea, ans concentrischen Schichten, aber sie werden 
sehr schnell der Sitz einer Ealkablagerung, welche sie allmählich 
|];anz nnd gar durchdringt. Löst man die Ealksalze durch Säuren, 
so bleibt ein streifiges Gerüst einer lamellären organischen Sub- 
stanz, welche niemals Jod- oder Jod-Schwefelsäure-Keaction gibt. 
Auch ihre beträchtliche Grösse, welche schnell makroskopisch 
wird, gestattet leicht ihre Unterscheidung von den Corpora amy- 
lacea. Dagegen kommen sie darin mit den letzteren überein, 
dass sie beim Neugebomen noch nicht vorhanden sind, sondern 
sich erst im Laufe des extrauterinen Lebens entwickeln. 



Fünfeelmtes Capitel. 

Leben der Elemente. Thätigkeit nnd Betzbarkelt. 



Dat L«bea der eioulnea Theile. Die Einheit der Neuristeo. Einw&nde dr^e^en. Uythologiscbe 
Natur der n«uristi»<<hen Lehren. Aniaiiemne: Arrhaeim, Z«llenseeie. Das BewoMtaein. Die 
Th&tigkeit der einzelnen Theile. Begriff der Reiiuui;: raasion und Action. Die Erregbarkeit 
(Reitbarkeit) alt allgemeines Kriterinm des Lebeni. Partieller Tod: Nekrobloa« und Nekroae. 
Nlobterregbarkeit der IntereellularsnbstanB. 

Verrichtung, Ernährung and Bildung als allgemeine Formen der Lebensthatigkeit. Verecbiedenbeit 
der Reiibarkelt Je nach diesen Formen. 

Fnnrtionelle Reiabarkelt. NerT, lluakei, Flimmerepithel, Drüsen. Ermndnng und fanctlovell« 
Restitation. Reiamlttel. 8peeifisehe Beilehung derselben. Mu^kelirritabilitit. Geringer prak* 
tiseher Werth derselben. 

NerTcnirritabilltaL Grosse Bedeutung derselben. Palsehe Deutung derselben als Empfindllcbkeit 
oder als Coutrac tili tat. Innervation. Bewusste und unbewusste Empfindungen. NerTenkraft 
(SerTcnsrele, NeurilitatV Hperifische Unterschiede der constituireaden Theile des Nerve»- 
Systems. Die Leitung der Electricit&t als Zubehftr der Nervenfasern , die Sammiong (Hen» 
mnng, Verstärkung) und Lenkung als ZabehSr der Ganglionaellen. Iloderatlons • Einrich- 
tungen. Itistinctivcs und intellectucUes Leben. Bewasstsein. Nothvendigkeit einer histolo- 
gischen Localisatlon der nerTosen Functionen. Erregung der Ganglienseilen : rerscbiedeoe 
Energie und verschiedene Combination (Sjnergie) derselben. Spannung und Entladung voo 
Ganglienzellen. Ps>chologi.sehe Auffassung der Affecte nnd Triebe. Die patholoKische Nervea- 
function: quantitative Abvreichung (Krampf, Lähmung) und comblnatorische Abvreicbaag 
^Epilepsie). 

Drusen-Irritabilitat. Verschiedene Gruppen von Drüsen Je nach dem Typus der Serretioa. Die 
Drüsen mit persistenten Zellen: Leber, Nieren. Glyko^reuie. 

Automatische Elemente. Geschichtliches. Sarkode, I'rottiplasma. AmSboide Er^ebeinuagen. Bo- 
wegliche Zellen. Verwechielungen des Automatismus mit den Wirkungen' physikalischer Os- 
mose (Kchrunpfung nnd Schwelinng). Aeussere (icstalt Veränderungen mit Aussenden and 
Einsiehen von Fortsitsen (Polymorphismus); innere Molerularbewe:;ung, Vacuolenbilduag, 
Abschnürong von Theilen des Zollkorpers. Bef««ti^te (fixe) und bewegliche «mobile) Zeilen. 
Wanderung und llobilislrnng der Zellen. Vnracilät: Biutkorperchenhaltige Zellen. Ileduai- 
•ches Eindringen von fremden Korpern in Zellen. Der Automatismu!» als Merkmal der Iiri* 
tabilität. 

Die pathologischen Abvreichongea der Function: Mangel (De(ect\ Schwächung und Btcigemag. 
Absolute Zurückweisung der Annahme qualitativer Ueterolo({ie. 




Einheit der Nearisten. 329 



Wenn man, wie es in den vorhergehenden Capiteln versucht 
worden ist, die gesammte histologische Einrichtung des Körpers 
überblickt, so scheint es mir, man müsse mit Nothwendigkeit zu 
demjenigen Schlüsse geführt werden, der, meiner Ansicht nach, 
als Ausgangspunkt für alle weiteren Betrachtungen zu dienen 
hat, welche über Leben und Lebensthätigkeit angestellt werden, 
zu dem Schlüsse nehmlich, dass jeder Theil des Körpers eine 
Hehrheit von kleineu wirkungsfähigen Centren oder Elementen 
darstellt, und dass nirgends, soweit unsere Erfahrung reicht, ein 
einfacher anatomischer Mittelpunkt existirt, von dem aus die 
Thätigkeiten des Körpers in einer erkennbaren Weise geleitet 
werden*). Schon nach den Erfahrungen des täglichen Lebens, die 
einem Jeden fast von selbst zufliessen, ist dies die einzige Deu- 
tung, welche zugleich ein Leben der einzelnen Theile und ein 
Leben der Pflanze anzunehmen gestattet. Sie allein setzt uns in 
den Stand, eine Vergleichung anzustellen sowohl zwischen dem 
Gesammtleben des entwickelten Thieres und dem Einzelleben 
seiner kleinsten Theile, als auch zwischen dem Ganzen des Pflan- 
zenlebens und dem Leben der einzelnen Pflanzentheile. Sie macht 
es endlich möglich, die Entwickelimgsgcschichte des Eies und 
des Fötus auf dieselben Grundgesetze zurückzuführen, welche 
für das spätere Leben und die krankhafte Störung Gültigkeit ha- 
ben. Und das ist das Hauptkriterium, nach welchem 
wir den Werth einer biologischen Theorie beurtheilen 
müssen. 

Die entgegenstehende Auffassung, welche noch vor Kurzem 
mit einer gewissen Energie heraustrat, diejenige, welche im Ner- 
vensystem den eigentlichen Mittelpunkt des Lebens sieht, hat die 
überaus grosse Schwierigkeit vor sich, dass sie in demselben Ap- 
parate, in welchen sie die Einheit verlegt, die gleiche Zerspaltung 
in unzählige, einzelne Centren wiederfindet, welche der übrige Kör- 
per darbietet, und dass sie an keinem Punkte des Nervensystems 
den wirklichen Mittelpunkt aufzuweisen vermag, von welchem, als 
von einem bestimmenden, alle Theile derselben beherrscht würden. 

Man hat gut reden, dass das Nervensystem die Einheit des 

*) Archiv IV. 376. VIU. 15. IX. 34. Gesammelte Abhandl. 50. 



38ü Fünfzehntes Capitel. 

Körpers bewirke, insofern allerdings kein anderes System vorban- 
den ist, welches sich einer so vollkommenen Verbreitung dnrch 
die verschiedensten peripherischen nnd inneren Organe erfreat. 
Allein selbst diese weite Verbreitung, selbst die vielfachen Ver- 
bindungen, die zwischen den einzelnen Theilen des Nervenappa- 
rates bestehen, sind keinesweges geeignet, um ihn als einfaches 
Gentrum aller organischen Thätigkeiten erscheinen zu lassen. Wir 
haben im Nervenapparate bestimmte kleine, zellige Elemente ge- 
funden, welche als Mittelpunkte der Bewegung dienen, aber wir 
finden nicht Eine einzelne Ganglienzelle, von welcher alle Bewe- 
gung in letzter Instanz ausginge; die verschiedensten einzelnen 
motorischen Apparate stehen auch mit den verschiedensten ein- 
zelnen motorischen Ganglienzellen in Beziehung. Allerdings sam- 
meln sich die Empfindungen an bestimmten Ganglienzellen, allein 
auch hier finden wir keine einzelne Zelle, welche etwa als Cen- 
trum aller Empfindung bezeichnet werden könnte, sondern wieder 
sehr viele kleinste Centren. 

Die Neuristen (ich wähle diese Bezeichnung der Kurze we- 
gen für die Anhänger der, am meisten in gewissen neuropatholo- 
gischen Werken niedergelegten Ansicht von der dominirenden Be- 
deutung des Nervensystems) haben sich ihre Sache dadurch leicht 
gemacht, dass sie nachzuweisen versuchten, wie alle Lebensthätig- 
keit vom Nervensystem aus angeregt, alle einzelnen Lebensver- 
ricbtungen durch Nerveneinfluss (Innervation) hervorgerufen wür- 
den. Dass von diesem Standpunkte aus die Geschichte der EizeUe 
und aller ihrer Tochterelemente bis zu dem Zeitpunkte hin, wo 
Nerven existiren, einfach bei Seite geschoben werden muss, liegt 
auf der Hand. Dass auch im entwickelten Individuum die Lebens- 
vorgänge aller derjenigen Theile, in denen wir bis jetzt noch 
keine Nerven kennen, — ich erwähne nur die Knorpel, die Linse, 
den Glaskörper, — als nicht vorhanden betrachtet werden müssen, 
bedarf keines Beweises. Aber wenn man auch annehmen wollte, 
wozu die ungeahnten Entdeckungen der letzten Jahre im Gebiete 
der feinsten Anatomie der Nerven einen scheinbaren Grund dar- 
bieten, dass es bei weiterer Forschung gelingen werde, in allen 
Theilen des ausgewachsenen Körpers Nerven aufzufinden, so sind 
wir doch noch fern davon, beweisen zu können, dass jeder ein- 
zelne Theil von diesen Nerven beeinflusst wird. Die blosse Exi- 
stenz eines Nerven beweist doch noch nicht, dass er eine Ein- 



Mythologischer Charakter des Neurismus. 331 

Wirkung auf seine Nachbarschaft ausübt. Die Enden des Geruchs- 
nerven treten, wie wir sahen (S. 289), bis zwischen die Epithel- 
zellen der Regio olfactoria, aber sie „riechen^ eben, und es wäre 
kühn, wenn man sofort annehmen wollte, dass sie ausserdem das 
benachbarte Epithel innerviren. 

Wir können aber noch mehr zugestehen. Selbst wenn dar- 
gethan würde, dass jeder einzelne, noch so kleine Theil des Kör- 
pers innervirt wird, so folgt daraus noch keineswegs, dass in 
dieser Innervation das ganze Leben der Theile enthalten ist. Die 
Blutkörperchen sind gewiss ohne irgend eine direkte Verbindung 
mit Nervenfasern, sowohl die rothen, als die farblosen; nichts- 
destoweniger kann man sich vorstellen, dass von den Nerven aus 
auf sie eine Einwirkung, etwa eine elektrische, ausgeübt werde. 
Allein hören die Blutkörperchen auf zu leben, wenn wir sie diesen 
Emwirkungen entziehen? Kespiriren nicht die rothen Blutkörper- 
ehen auch ausserhalb des Körpers? Fahren die farblosen nicht 
unter dem Mikroskope fort sich zu bewegen? Der Gedanken- 
gang der Neuristen ist ein vollständig mythologischer. 
Wie sie heute die Gewebe des Körpers im Verhältnisse zu dem Ner- 
vensystem betrachten, so betrachteten die Naturvölker die lebenden 
Individuen im Verhältnisse zu der Sonne, und gewiss mit eben so 
viel Recht. Wärme und Licht sind die „belebenden*' Faktoren der 
Welt. Leben ist ohne Licht und Wärme unmöglich. Das Calidum 
innatum der altgriechischen Philosophen führte ganz consequent 
zu der Sonne hin. Sollen wir nun aber dabei stehen bleiben, 
dass jede unserer Lebensverrichtungen von der Sonne abhängig 
sei? Dass, weil die Sonne eine nothwendige Vorbedingung alles 
Lebens ist, auch das ganze Leben nichts als Sonnenwirkung sei? 
Ein solcher Sonnendienst wäre jedebfalls dem Nervendienste noch 
vorzuziehen, denn wir gewinnen hier wenigstens eine andere Ein- 
heit, als in dem Nervensystem. 

Denn das Nervensystem ist eben ein System, d. h. ein aus 
vielen wirkenden Theilen zusammengesetztes Ganzes. Wenn wir 
zunächst aus ihm das Rückenmark als den für die gewöhnlichen 
Lebensvorgänge des Wirbelthierkörpers am meisten bestimmen- 
den Theil auslösen, so wird niemand leugnen können, dass wir 
hier eine Art von Mittelpunkt (genauer Mittelglied) finden, zu 
dem zahllose Ströme hingehen und von dem eben so zahllose 
Ströme ausgehen. Aber sicherlich ist dieser Mittelpunkt kein ein- 



332 Fünfzehutes Capitel. 

heitlicher im philosophischen Sinne, und unsere Neuristen fiber- 
sehen nur zu leicht, dass selbst materiell hier jene Einheit nicht 
zu finden ist, welche sie suchen. Man kann das Rückenmark in 
eine gewisse Zahl von Abschnitten zerlegen, von denen jeder ein- 
zelne gewisse peripherische Theile innervirt und auch noch nach 
der Zerlegung zu innerviren fortfährt. Aber mit jedem Schnitte 
durch das Rückenmark schaffen wir uns ein getrenntes „System^, 
eine immer grössere Zahl gesonderter „Mittelpunkte^. 

Mit dem Gehirn ist es nicht anders. Die Anatomie „zerlegt*^ 
es in eine grosse Zahl besonderer Provinzen mit specifischer 
Tbätigkeit, von denen jede ihr eigenes Leben lebt, und in diesen 
Provinzen kommen wir endlich auf jene Milliarde kleinster 
Ileerde oder Elemente, welche wir vor Kurzem zum Gregenstande 
unserer Betrachtung gemacht haben. Nirgends in der körperlichen 
Einrichtung ist hier eine wirkliche Einheit, und selbst der Le- 
bensknoten (noeud vital) von Flourens hilft uns nicht über die 
materielle Schwierigkeit hinweg. Denn er beweist nur, dass ge- 
wisse, für das Collectivleben des Körpers unentbehrliche Functio- 
nen, namentlich die Thätigkeit des Vagus, auf eine gewisse 
Gruppe von Ganglienzellen zurückgeführt werden kann. 

Der Neurismus führt daher zu dem ersehnten Ziele nicht. 
Man muss alsdann über das Körperliche hinaus gehen und mit 
dem alten Georg Ernst Stahl in den Hafen des Animismus 
einlaufen. Nur die immaterielle Seele bietet die Möglichkeit einer 
wirklichen Einheit. Aber diese Wirklichkeit ist nur eine gedachte. 
Sie ist nicht mehr Gegenstand der naturwissenschafdicheu Beob- 
achtung, der Messung, des Experiments. Auch genügt die Eine 
Seele nicht zur Erklärung des Lebens der einzelnen Theile. Man 
muss dann noch einen Schritt weiter rückwärts machen und mit 
Paracelsus und van Helmont jedem einzelnen Theile seine be- 
sondere Seele, seinen Archaeus sichern. Wie man von der Ge- 
hirnsecle zu der Rückenmarksseele gelangt ist, so konunt man 
bei der heutigen Kenntniss der Dinge nothwendig zu einer oder 
eigentlich zu zahllosen Zellenseelen. Die Eizelle nimmt diese 
Seele von der Mutter mit und überträgt sie auf die unendliche 
Brut von neuen Zellen, welche sie ihrerseits hervorbringt, bis die- 
selbe sich in den Ganglienzellen des neuen Gehirns wieder zu 
einer Gehirnseele entfaltet. 

Man bewegt sich hier in einem Kreise. Wie man es auch 




Leben der einzelnen Theile. 333 

anfängt, um zur Einheit zn gelangen, immer langt man wieder 
bei der Vielheit an. Sind das Lebensprineip und die Seele iden- 
tisch, so ist auch die Seele in jedem einzelnen Theile. Die Er- 
fahrungen des Nervenlebens gestatten es am allerwenigsten, das 
Lebensprineip auf eine einzelne Stelle zu localisiren. Alle Thä- 
tigkeiten, welche vom Nervensystem ausgehen, und gewiss sind 
es sehr viele, lassen uns nirgends anders eine Einheit erkennen, 
als in unserem eigenen Bewusstsein *} ; eine anatomische oder 
physiologische Einheit ist wenigstens bis jetzt nirgends nachweis- 
bar. Und, wie gesagt, könnte man wirklich in dem Nervensystem 
mit seinen zahlreichen einzelnen Centren den Mittelpunkt aller 
organischen Thätigkeit nachweisen, so würde man damit nicht 
gewonnen haben, was man sucht, die einfache Einheit. Macht 
man sich die Gründe klar, die uns zu dem Aufsuchen einer sol- 
chen Einheit veranlassen, so kann es nicht zweifelhaft sein, dass 
wir durch die geistigen Phänomene unseres Ichs immerfort irre 
geführt werden in der Deutung der organischen Vorgänge. Da 
wir uns selbst als etwas Einfaches und Einheitliches fühlen, so 
folgern wir, dass von diesem selben Einheitlichen alles Andere 
bestimmt werden müsse. 

Man verfolge aber doch einmal die Entwickelung einer be- 
stimmten Pflanze von ihrem ersten Keime bis zu ihrer höchsten 
Entfaltung; hier trifft man eine ganz analoge Reihe von organi- 
schen Vorgängen, wie bei der Entwickelung eines Thieres, ohne 
dass man auch nur vermutben könnte, es bestände eine solche 
Einheit, wie wir sie unserem Bewusstsein nach in uns voraus- 
setzen. Niemand ist im Staude gewesen, ein Nervensystem bei 
den Pflanzen zu zeigen; nirgend hat man gefunden, dass von 
einem einzigen Punkte aus die ganze entwickelte Pflanze be- 
herrscht werde. Alle heutige Pflanzenphysiologie beruht auf der 

« 

Erforschung der Zellenthätigkeit, und wenn man sich immer noch 
sträubt, dasselbe Princip auch in die thierische Oekonomie einzu- 
führen, so ist, wie ich glaube, gar keine andere Schwierigkeit da, 
als die, dass man die ästhetischen und moralischen Bedenken 
nicht zu überwinden vermag. 

Es kann natürlich an diesem Orte unsere Sache nicht sein, 
diese Bedenken zu widerlegen oder zu zeigen, wie sie sich ver- 



•) Gesammelte Abhandl. 14, IG. Archiv VII. 18. 



334 Fünfzehntes Gapitel. 

mitteln Hessen; icb hatte nur zu zeigen, wie sowohl die Physio- 
logie, als die Pathologie, die uns zunächst interessirt, überall anf 
dasselbe cellalare Princip zurückführt, und wie dieses Princip 
überall den einheitlichen Auffassungen widerstreitet, welche man 
vom neuristischen Standpunkte ans behauptet. Es ist dies im 
Grunde kein neuer und ungewöhnlicher Gedanke. Wenn man seit 
Jahrtausenden von einem Leben der einzelnen Theile spricht, 
wenn man den Satz zulässt, dass unter krankhaften Verhältnissen 
ein Absterben einzelner Theile, eine Nekrose, ein Brand eintreten 
kann, während das Ganze noch fortexistirt, so geht daraus her- 
vor, dass etwas von imserer Art zu denken in der allgemeinen 
Auffassung längst gegeben war. Nur ist man sich darüber nicht 
vollkommen klar geworden. Spricht man von einem Leben und 
Sterben der einzelnen Theile, so muss man auch wissen, worin 
das Leben und Sterben sich äussert, wodurch sie wesentlich cha- 
rakterisirt sind. 

Das Gharakteristicum des Lebens finden wir in der T bat ig- 
keit, und zwar einer Thätigkeit, zu der jeder einzelne Theil je 
nach seiner Eigenthümlichkeit etwas Besonderes beiträgt, inner- 
halb deren er aber auch immer etwas besitzen muss, welches mit 
dem Leben der übrigen Theile übereinstimmt. Wäre dies nicht 
der Fall, so würden wir keine Berechtigung haben, das Leben als 
etwas Gleichartiges, als eine gemeinsame Eigenschaft alles Orga- 
nischen zu betrachten. 

Diese Thätigkeit (Action) des Lebens geht, so viel wir we- 
nigstens beurtheilen kOnnen, nirgends, an keinem einzigen Theile 
durch eine ihm etwa von Anfang an zukommende und ganz in 
ihm abgeschlossene Ursache vor sich, sondern überall sehen wir, 
dass eine gewisse Erregung dazu nothwendig ist. Jede Lebens- 
thätigkeit setzt eite Erregung, wenn man will, eine Reizung 
voraus. Diese besteht in einer passiven Veränderung (passio, 
pathos), welche das lebende Element durch eine äussere Einwir- 
kung erfährt, welche aber nicht so gross ist, dass die wesentliche 
Einrichtung des Elementes dadurch gestört wird. Auf diese pas- 
sive Veränderung (Irritamentum) folgt ein activer Vorgang, 
eine positive Leistung des Elementes selbst, von der wir an- 
nehmen, dass sie aus den lebendigen Eigenschaften des Elementes 
als ein selbständiges Ereigniss folge. Daher erscheint uns die 



Nekrobiose nnd Nekrose. 335 

Erregbarkeit der einzelnen Theile als das Eriterinm, wonach 
wir beurtheilen, ob der Theil lebe oder nicht lebe*). 

Ein abgestorbener Theil zeigt allerdings auch anatomisch 
häufig grosse Veränderungen. Ich habe in dieser Beziehung zwei 
grössere Gruppen unterschieden. In der einen Gruppe, welche die 
Nekrobiose**) umfasst, gehen dem Absterben schon gewisse 
Veränderungen der organischen Einrichtung voraus, welche zu 
einer Zerstörung, häufig zu einer wirklichen Zertrümmerung 
(Detritus) der Elemente führen. Am Schlüsse des Processes 
findet sich der organische Theil gar nicht mehr vor: es ist ein 
Defect vorhanden. In der anderen Gruppe, welche die eigentliche 
Nekrose liefert, stirbt der Theil ab, ohne dass seine äussere 
Erscheinung eingreifende Veränderungen erfährt ; relative Integrität 
der Form ist das unterscheidende Merkmal. Freilich kann der 
nekrotische Theil nachher wesentliche Veränderungen erfahren, 
aber dieses sind cadaveröse Veränderungen, und ihr Eintritt 
kann sich verhältnissmässig sehr lange verzögern. An Hartgebil- 
den, namentlich Knochen, ist dies hinreichend bekannt; dasselbe gilt 
aber auch für Weichgebilde und selbst für ganz zarte, mindestens 
für die erste Zeit nach ihrem Absterben. Ob ein Nerv lebe oder 
todt sei, das können wir unmittelbar, durch seine anatomische 
Betrachtung, keineswegs mit Sicherheit erkennen, wir mögen ihn 
nun mikroskopisch oder makroskopisch untersuchen. In der äusse- 
ren Erscheinung, in den gröberen Einrichtungen, die wir mit un- 
seren Hülfsmitteln entziffern können, ist, wenn wir frisch abge- 
storbene Nerven in Betracht ziehen, keine Möglichkeit gegeben, 
eine solche Unterscheidung zu machen. Ob ein Muskel lebt oder 
abgertorben ist, können wir anatomisch kaum beurtheilen, da wir 
die Muskelstructur noch erhalten finden an Theilen, welche schon 
seit Jahren abgestorben sind. Ich habe in einem Kinde, welches 
bei einer Extrauterinschwangerschaft 30 Jahre im Leibe seiner 
Mutter gelegen hatte, die Structur der Muskeln so intact gefun- 
den, wie wenn das Kind eben erst ausgetragen gewesen wäre ***). 
Czermak hat Theile von Mumien untersucht und an ihnen eine 
Reihe von Geweben gefanden, welche so vollständig erhalten 



♦) ArchiY IV. 285. VIII. 37. IX. 51. XIV. 1. 
••) Handb. der spec. Pathologie und Ther. I. 273, 279, 306. 
♦♦♦) Würzb. Verhandl. I. 104. Gesammelte Abhandl. 791. 



336 Fünfzehntes Capiiel. 

waren, dass man sehr wohl hätte anf den SchlusB kommen kön- 
nen, diese Theile wären ans einem lebenden Körper hergenommen. 
Der Begriff des Todten, des Abgestorbenen, Nekrotischen beruht 
ja eben darauf, dass wir bei und trotz der Erhaltung der Form 
nicht mehr die Erregbarkeit finden*). Am deutlichsten hat sieh 
diese Erfahrung gerade in der neueren Zeit bei den Untersuchun- 
gen über die feineren Eigenschaften der Nerven gezeigt. Er^t 
nachdem man auch am sogenannten ruhenden Nerven durch die 
Untersuchungen du Bois-Reymond's eine Thätigkeit kennen 
gelernt, nachdem mau eingesehen hat, dass auch in dem ruhen- . 
den Nerven fortwährend elektrische Vorgänge stattfinden, dass er 
fortwährend eine Wirkung auf die Magnetnadel ausübt, kann man 
mit Sicherheit durch das physikalische Experiment beurtheilen, 
wann der Nerv todt ist. Denn sowie der Tod eingetreten ist, 
hören jene Eigenschaften auf, welche untrennbar mit dem Leben 
des Nerven verbunden sind. 

Diese Eigenschaft der Erregbarkeit, welche wir an einzelnen 
Theilen in einer so ausgesprochenen und so evident nachweisbaren 
Weise finden, tritt immer mehr zurück, je niedriger organisirt der 
Theil ist, und am wenigsten sicher sind unsere Kriterien an den 
Geweben, welche die Bindegewebsformation umfasst. Hier sind 
wir in der That häufig in grosser Verlegenheit, zu entscheiden, 
ob ein Theil lebt oder ob er schon abgestorben ist. Es erklärt 
sich diese Schwierigkeit aus dem Umstände, dass diese Gewebe in 
der Regel ihrer Hauptmasse nach aus Intercellularsubstanz bestehen, 
und dass, wenn wir sie auf ihre Erregbarkeit prüfen wollen, nur 
die verhältnissmässig kleinen und spärlichen Zellen in Betracht 
kommen. Nirgends ist Intercellularsubstanz erregbar. 
Es ist dies eine überaus wichtige Erfahrung, welche sowohl 
für die physiologische Deutung der Gewebe, als auch für die 
Lehre von dem Leben der einzelnen Theile als einer 
ausschliesslich cellularen Eigenschaft von grösster Bedeu- 
tung ist. Früher hat man immer mit dem ganzen Gewebe expe- 
rimentirt; erst in der neuesten Zeit hat man angefangen, auch 
die experimentelle Forschung auf die mikroskopischen Elemente 
zu richten, und es hat sich auch bei den Geweben der Binde- 

♦) Spec. Pathologie und Therapie. 1. 279 




Function, Nutrition, Formation. 337 

Substanz ergeben, dass ihre Zellen, z. B. auf elektrische Keizang 
erregbar sind. 

Wena man nun weiter analysirt, was man unter Erregbarkeit 
verstehen soll, so ergibt sich alsbald, dass damit die Eigenschaft 
der lebenden Thetle gemeint ist, vermöge welcher sie auf äussere 
Einwirkung in Thätigkeit gerathen. Es sind aber die verschiede- 
nen Thätigkeiten, welche auf irgend eine äussere Einwirkung her- 
vorgerufen werden können, wesentlich dreierlei Art*); und ich 
halte es für sehr wichtig, dass man diesen Punkt für die Grup- 
pirung physiologischer und pathologischer Vorgänge bestimmt ins 
Auge fasse, um so mehr, als er gewöhnlich nicht mit besonderer 
Deutlichkeit hervorgehoben zu werden pflegt. 

Entweder nehmlich handelt es sich bei dem Hervorrufen einer 
bestimmten Thätigkeit um die Verrichtung, oder um die Erhal- 
tung, oder um die Bildung eines Theiles: Function, Nutrition, 
Formation. Damach lassen sich sämmtliche physiologischen und 
pathologischen Elementar -Vorgänge in drei grosse Gruppen zer- 
legen : functionelle, nutritive (trophische) und formative (plastische). 
Allerdings lässt sich nicht leugnen, dass an gewissen Punkten die 
Grenzen zwischen diesen verschiedenen Vorgängen verschwinden, 
dass insbesondere zwischen den nutritiven und den formativen 
Vorgängen, und ebenso zwischen den fanctionellen und den nu- 
tritiven Uebergänge bestehen, allein in dem eigentlichen Akt un- 
terscheiden sie sich doch ganz wesentlich, und die inneren Ver- 
änderungen, welche der einzelne erregte Theil erleidet, je nach- 
dem er nur fungirt, oder sich ernährt, oder der Sitz besonderer 
Bildungsvorgänge wird, sind erheblich verschieden*^). Das Resultat 
der Erregung, oder wenn man will, der Reizung eines lebenden 
Theiles kann also je nach Umstanden ein bloss functioneller Vor- 
gang sein, oder es kann eine mehr oder weniger starke Ernäh- 
rung des Theiles eingeleitet werden, ohne dass nothwendig die 
Function gleichzeitig erregt wird, oder es kann endlich ein Bil- 
dungsvorgang einsetzen, welcher mehr oder weniger viele neue 
Elemente schaut. Diese Verschiedenheiten werden in dem Maasse 
deutlicher, als die einzelnen Gewebe des Körpers mehr geeignet 



♦) ArchiT XIV. 13. 
•♦) Spec. Pathol. und Tber. I. 272. Archiv VIII. 27. 

Virebo«, CelluUr Paihol. 4. Anf). 2*2 



338 Fimfzehiitos Capitel. 

Bind, dem einen oder dem anderen Erregungszustände zm ent- 
sprechen. 

Wenn wir von Verrichtungen der Thefle sprechen, so re- 
dacirt sich bei einer gnten Zahl von Geweben die wahre Function 
anf ein Minimum. Wir wissen im Ganzen sehr wenig zu sagen 
▼on der eigentlichen Function (im höheren Sinne des Wortes) bei 
fast allen Geweben der Bindesubstanz, bei der grössten Zahl der 
Epithelial - Elemente. Wir können wohl sagen, was sie fBr einen 
Nutzen haben, aber sie erschienen bis vor Kurzem iomier mehr 
als relativ träge Hassen, welche weniger der eigentlichen Function 
dienen, sondern vielmehr als Stutzen für den Körper, als Ded^en 
für die Oberflächen, unter Umständen verbindend oder vermittehid 
oder trennend, aber wesentlich passiv wirkend. Anders dagegen 
verhält es sich mit denjenigen Theilen, welche durch die Eigen- 
thümUchkeit ihrer inneren Einrichtung einer schnelleren Verände- 
rung zugänglich sind: den Nerven, den Muskeln und einzelnen 
anderen Gebilden, z. B. unter den epithelialen den Drüsenzellen, 
dem Flimmer- Epithel. Am frühesten hat begreiflicherweise die 
Erregbarkeit der Nerven die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, 
und 60 ist es gekommen, dass viele Jahre hindurch der Begriff 
der Irritabilität sich ausschliesslich an die Nerven knfipfte, ein 
umstand, der das Aufkommen des Neurismus in hohem Maasse 
begünstigt hat. 

Bei allen Geweben, welche erheblichen Functionen Mienstbar 
sind, finden wir die Function hauptsächlich begründet in der fei- 
neren ümordnung, oder, wenn man es schärfer ausdrückt, in feinen 
räumlichen Veränderungen der inneren Masse, des Zelleninhaltes 
oder des Protoplasma. Es ist also hier der eigentliche Zellkörper 
in seiner specifischen, inneren Ausstattung, welcher entscheidet; 
es handelt sich dabei wenig um die Membran und, wenigstens in 
den meisten Fällen, wohl wenig um den Kern. Das Protoplasma 
verändert sich unter gewissen Einwirkungen verhältnissmässig 
schnell, ohne dass wir jedoch jedesmal von der ümordnung der 
einzelnen Inbaltspartikeln morphologisch etwas wahrnehmen könn- 
ten. Höchstens sehen wir als grobes Resultat eine wirkliche Lo- 
comotion einzelner Theile, aber der Hergang lässt sich nicht so 
weit für das Verständniss auflösen, dass man daraus einfach be- 
urtheilen könnte, in welcher Weise diese Locomotion durch die 
kleinsten Partikelcfaen , welche den Zelleninhalt zusammensetzen. 



Innerer Hergang der Function. 339 

bedingt wird. Wenn in einem Nerven eine Erregung stattfindet, 
80 wissen wir jetzt, dass damit eine Yeränderong seines elektri- 
schen Zustandes verbünden ist, eine Veränderung, welche nach 
AUem, was uns über die Erregung der Elektricität in anderen 
Körpern bekannt ist, mit Noth wendigkeit bezogen werden muss 
auf eine veränderte Stellung, welche die ein- 
zelnen Holekeln zu einander annehmen. Den- "* ^^^' 
ken wir uns den Axencylinder aus elektrischen 





Molekeln zusanmiengesetzt, so können wir uns 
vorstellen, dass je zwei dieser Molekeln in dem ]|^S^,^i^^£ 
Momente der Erregung eine veränderte Stellung 
zu einander einnehmen. Von diesen Stellungen der Molekeln sehen 
wir jedoch nichts, denn Molekeln sind überhaupt nicht sichtbar. Der 
Axencylinder sieht während der Function nicht anders aus, als sonst. 
Wenn wir einen Muskel während der Action betrachten, so be- 
merken wir allerdings, dass die Zwischenräume, welche zwischen 
den einzelnen sogenannten Scheiben liegen (S. 56), kürzer wer- 
den, und da wir nun wissen, dass die Substanz des Muskels aus 
einer Reibe von kleinen Fibrillen besteht, welche ihrerseits von 
Strecke zu Strecke, entsprechend diesen Scheiben, kleinste Körn- 
chen enthalten, so schliessen wir daraus mit einer gewissen Sicher- 
heit, dass wirkliche örtliche Verscliiebungen der Kömchen gegen 
einander stattfinden. Aber diese Verschiebungen können nicht mehr 
zurückgeführt werden auf einen sichtbaren oder unmittelbar er- 
kennbaren Grund. Wir können keine bestimmte chemische Ver- 
änderung, keine Umwandlung der Ernährungszustände der Tbeile 
wahrnehmen; wir sehen nur eine Verrückung, eine Dislocation 
der Partikeln, von der es freilich wahrscheinlich ist, dass sie auf 
einer geringen chemischen Vei-änderung der Molekeln beruht. 

Bei dem Flimmer -Epithel sitzen feine Cilien an der Ober- 
fläche der Zellen; diese bewegen sich in einer gewissen Richtung 
und üben in dieser Richtung auf kleine Theile, welche ihnen nahe 
kommen, einen locomotorischen Effect aus. Isoliren wir die ein- 
zelnen Zellen, so zeigt sich, dass eine jede oben einen Saum 
(Deckel) von einer gewissen Dicke hat, an welchem kleine haar- 



Fig. 106. Bildliches Schema des Zustandes der Nerven-Molekeln im ruhen- 
den (peripolaren, Ä) und im elektrotonischen (dipolaren li) Zustande des Nerven. 
Nach Ludwig Pbysiol I. 103. 

22* 



340 Fünfzehntes Capitel. 

fönnige Yerlängeningen hervortreten. Diese bewegen sich alle in 
der Art, dass eine Cilie, welche im ruhigen Zustande ganz gerade 
steht, sich einbiegt und wieder znrück|chlägt. Aber wir sind 
ausser Stande, innerhalb der einzelnen Cilien weitere Verändenm- 
gen wahrzunehmen, durch welche die Bewegung vermittelt würde. 

Gerade so verhält es sich mit den Drüsenzellen, von welchen 
wir gar nicht zweifelhaft sein können, dass sie einen bestimmten 
locomotorischen EiTect haben. Denn nachdem Ludwig durch die 
Untersuchung der Speicheldrüsen gezeigt hat, dass der Druck des 
ausströmenden Speichels grösser ist, als der Druck des zuströ- 
menden Blutes, so bleibt nichts anderes übrig, als zu schliessen, 
dass die Drüsenzellen einen bestimmten motorischen Effect auf 
die Flüssigkeit ausüben; die Secret -Masse wird mit einer be- 
stimmten Gewalt hervorgetrieben, welche nicht von dem Blutdruck 
oder einer besonderen Muskel- Action, sondern von der specifischen 
Energie der Zellen als solcher ausgeht. Engelmann glaubt 
neuerlich sogar an den Hautdrüsen des Frosches eine selbständige, 
von den Muskeln unabhängige Zusammenziehung beobachtet zu 
haben. Allein an einer Drüsenzelle, während sie fnngirt, können 
wir eben so wenig einen eigenthümlichen , materiellen Vorgang 
innerhalb der constituirenden Theilchen wahrnehmen, wie an den 
Nerven, den Muskeln oder dem Flimmer-Epithel. 

Diese Thatsachen werden wesentlich verstärkt dadurch, dass 
wir wahrnehmen, wie gerade die functionellen Fähigkeiten der 
einzelnen Theile eine gewisse Störung erfahren durch eine längere 
Dauer der Verrichtung. An allen Theilen treten gewisse Zustände 
der Ermüdung auf. Zustände, wo der Theil nicht mehr im 
Stande ist, dasjenige Maass von Bewegung von sich ausgehen zn 
lassen, welches bis dahin an ihm zn bemerken war. Allein um 
wiederum in den leistungsfähigen Zustand zu kommen, bedürfen 
diese Theile keineswegs immer einer Ernährung, einer Aufnahme 
von Nahrungsstoff; die blosse Ruhe reicht aus, um innerhalb einer 
gewissen Zeit die Möglichkeit einer neuen Thätigkeit herbeizu- 
führen. Ein Nerv, den wir aus dem Körper herausgeschnitten haben 
und zum Experiment verwenden, wird nach einer gewissen Zeit 
leistungsunfahig; wenn man ihn unter günstigen Verhältnissen, 
welche seine Austrocknung hindern, liegen lässt, so wird er all- 
mählich wieder leistungsfähig. Diese functionelle Restitution, 
welche ohne eigentliche Ernährung stattfindet und aller Wahr- 



Flimmerbewegung. 341 

sebeiDlicbkeit nach daranf beruht, dass die Molekehi, welche aus 
ihrer gewöhnlichen Lagerung herausgetreten sind, allmählich wie- 
der in dieselbe zurückkehren, können wir an verschiedenen Theilen 
hervorrufen durch gewisse Reizmittel. Nach der Auffassung der 
Neuristen würden diese Mittel nur auf die Nerven und erst ver- 
mittelst der Nerven auf die anderen Theile einwirken; allein ge- 
rade hier haben wir einige Thatsacben, welche sich nicht wohl 
anders deuten lassen, als dass in der That eine Wirkung auf die 
Theile selbst stattfindet. 

Wenn wir eine einzelne Flimmerzelle nehmen, sie, ganz vom 
Körper isolirt, frei schwimmen lassen und abwarten, bis vollkom- 
mene Ruhe eingetreten ist, so können wir die eigenthümliche Be- 
wegung ihrer Cilien wieder hervorrufen, wenn wir eine kleine 
Quantität von Eali oder Natron der Flüssigkeit zufügen, eine 
Quantität, welche nicht so gross ist, dass ätzende Eifecte auf die 
Zelle hervorgebracht werden, welche aber genügt, um, indem ein 
Theil davon in die Zelle eindringt, eine gewisse Veränderung an 
ihr zu erzeugen. Es ist aber besonders interessant, dass die Zahl 
der fixen Substanzen, durch welche wir das Flimmer-Epithel reizen 
können, sich auf diese beiden beschränkt. Daraus erklärt es 
sich, dass Purkinje und Valentin, welche zuerst und zwar 
sogleich in sehr ausgedehnter Weise Experimente über die Flim- 
merbewegung anstellten, nachdem sie mit einer sehr grossen Zahl 
von Substanzen experimentirt und, wer weiss was Alles versucht 
hatten, mechanische, chemische und elektrische Reize, zuletzt zu 
dem Schlüsse kamen, es gebe überhaupt kein Reizmittel für die 
Flimmerbewegung. Ich hatte das Glück, zufällig auf die eigen- 
thümliche Thatsache zu stossen, dass Eali und Natron solche 
Reizmittel seien*). Neuerlich hat W. Kühne entdeckt, dass unter 
den gasförmigen Substanzen sich noch ein mächtiger Erreger der 
Flimmerbewegung findet, nehmlich der Sauerstoff, während Koh- 
lensäure und Wasserstoff dieselbe hemmen. Gewiss können wir 
hier keinen Nerveneinfluss mehr zu Hülfe rufen; derselbe er- 
scheint um so weniger zulässig, als nach bekannten Erfahrungen 
die Flimmerbewegung im todten Körper sich noch zu einer Zeit 
erhält, wo andere Theile schon zu faulen angefangen haben. Ich 
sah die Flimmer- Epithelien der Stirnhöhlen und der Trachea in 



•\ 



) Archiv VI. 13:{. 



342 Fünfzehntes Capitel. 

menschlichen Leichen noch 36 bis 48 Stnnden post mortem in 
vollständiger Thätigkeit, zu einer Zeit, wo jede Spnr von Erreg- 
barkeit in den übrigen Theilen längst verschwunden war. 

Aehnlich verhält es sich mit den übrigen erregbaren Theilen, 
insbesondere mit den Muskeln, an denen W. Kühne diese Ver- 
hältnisse mit 80 grosser Umsicht untersucht hat. Fast überall 
zeigt sich, dass gewisse £rregungsmittel leichter als andere wir- 
ken, und dass manche gar nicht im Stande sind, einen erhebli- 
chen Effect hervorzubringen. Fast überall ergeben sich spe ei- 
nsehe Beziehungen. Wenn wir die Drüsen ins Auge fassen, 
so ist es eine bekannte Thatsache, dass es specifische Substanzen 
gibt, wodurch wir im Stande sindj auf die eine Drüse zu wirken, 
nicht auf die anderen, die specifische Energie einer Drüse zu 
treffen, während die übrigen unbetheiligt bleiben. Bei den Drüsen 
lässt sich freilich ungleich schwieriger die Wirkung der Nerven 
ausschliessen, als beim Flimmer-Epithel, allein wir haben gewisse 
Versuche, wo man nach Durchschneidung aller Nerven, z. B. an 
der Leber, durch Injection reizender Substanzen in das Blut im 
Stande gewesen ist, eine vermehrte Absonderung des Organes her- 
vorzurufen, indem man Stoffe anwandte, welche erfahrungsmässig 
zu dem Organe eine nähere Beziehung haben. 

Am meisten bat sich, wie bekannt, diese Discussion in neuerer 
Zeit concentrirt auf die Frage von der Muskel -Irritabilität, eine 
Frage, welche gerade deshalb so schwierig gewesen ist, weil sie 
von Hall er mit einer grossen Exclusion eben auf dieses einzelne 
Gebiet beschränkt wurde. Haller kämpfte aufs Aeusserste da- 
gegen, dass irgend ein anderer Theil ausser den Muskeln irritabel 
sei; sonderbarer Weise kämpfte er sogar gegen die Irritabilität 
von solchen Theilen, welche, wie die feinere Untersuchung der 
Späteren gezeigt hat, Muskel-Elemente enthalten, z. B. die mitt- 
lere Haut der Gefässe. Ja, er gebrauchte ziemlich energische 
Ausdrücke, wo er die von Anderen schon damals behauptete Er- 
regbarkeit der Gefässe zurückwies. Ich habe schon angeführt 
(S. 129), dass wir gerade in dem Gefäss -Apparate grosse Ab- 
schnitte finden, z. B. am meisten ausgesucht an den Nabelge- 
fässen des Neugebornen, in denen massenhafte Anhäufungen von 
Musculatur, aber keine Spur von Nerven erkennbar sind. Trotz- 
dem besteht daran Irritabilität in einem hohen Maasse; wir können 
Zusammenziehungen der Muscularis mechanisch, chemisch und 



MuskeMrriUbilitat. 343 

elektrisch herbeiführen. Ebenso verhält es sich mit vielen anderen 
kleinen Gefässen, welche keineswegs in der Weise, wie dies die 
Neoropathologen annehmen müssen, in allen Abschnitten Nerven- 
fasern zeigen. Aach hier können wir an jedem einzelnen Pnnkte, 
wo Muskeln existiren, unmittelbar die Contraction hervorrufen. 

Die Erledigung der Frage von der Muskel-Irritabilität ist in 
der neueren Zeit besonders dadurch gefördert worden, dass man 
durch die Anwendung bestimmter Gifte, namentlich des Worara- 
(Curare-) Giftes dahhi gelangt ist, die Nerven bis in ihre letzten, 
dem Versuche zugänglichen Endigungen zu lähmen, und zwar so, 
dass nicht wohl noch der Einwand erhoben werden kann, dass 
die Erregbarkeit der letzten Endigungen der Nerven in dem Mus- 
kel erhalten sei. Die Lähmung des Worara-Giftes beschränkt sich 
vollständig auf die Nerven, während die Muskeln ebenso voll- 
ständig reizbar bleiben. Während man die stärksten elektrischen 
Ströme i^uf den Nerven vergebens einwirken lässt, ohne irgend 
etwas von Bewegung hervorzubringen, so genügen die kleinsten 
mechanischen, chemischen oder elektrischen Reize, um den be- 
treffenden Muskel in Erregung zu versetzen. 

Wenn daher die so lange streitige Frage dahin entschieden 
ist, dass es wirklich eine eigenthümliche Muskel-Irritabilität gibt, 
welche an der Muskelsubstanz als solcher haftet, so ist das Er- 
gebniss doch praktisch nicht von so grosser Bedeutung, wie man 
hätte erwarten können. Denn thatsächlich sind fast alle Muskel- 
bewegungen, welche die Physiologie und die Pathologie kennen, 
durch Nerveneinwirkung hervorgerufen: eine wirkliche Selbst- 
bewegung der Muskeln findet nur in ganz anomalen Fällen statt. 
Nichtsdestoweniger ist es für das Urtheil von höchster Wichtigkeit 
zu wissen, dass die Bewegung als solche eine Function des Muskels 
ist, und dass der Nerv nichts anderes thut, als den Anstoss zu 
dem in der Muskelsubstanz schon vorbereiteten Vorgange zu geben. 
Die Natur dieses Vorganges ist nicht abhängig von der Eigen- 
thümlichkeit der Nerveneinwirkung, sondern einzig und allein von 
der Eigenthümlichkeit der Muskelsubstanz. 

Die Neuristen haben jedoch ans derartigen Thatsachen, wie 
sie auch in der Reihe der secretorischen Vorgänge in ähnlicher 
Weise vorkommen, weitgehende Schlüsse in Beziehung auf die 
absolute Abhängigkeit der vitalen Vorgänge von Innervation ge- 
zogen. Dies ist in keiner Weise anzuerkennen. Man kann die 



344 Ffmfzehntes Capitel. 

Nerven eines Mnskels oder einer Drnse zerschneiden nnd den 
Zusammenhang der Organe mit den Gentren aufheben, ohne dass 
deshalb die Fähigkeit des Muskels zur Gontraction oder die der 
Drüse zur Secretion aufhört. Ja man kann den Muskel oder die 
Druse aus dem Körper herausschneiden, sie definitiv dem Organis- 
mus entfremden, ohne] dass zunächst die Eigenschaften der Gon- 
traction oder Secretion dadurch geändert werden. Wollte man 
sich hier selbst darauf beziehen, dass in den ausgeschnittenen 
Muskeln oder Drüsen noch Nerven -Enden vorhanden seien, so 
hat dieses an sich hinfällige Argument schon deshalb keine Be- 
deutung, weil die neuristiscbe Doctrin nur dann einen theoreti- 
schen Werth besitzt, wenn sie den Nervenapparat in seinem Zn- 
sammenhange, in seiner sogenannten Einheit in Rechnung stellen 
kann, keineswegs aber, wenn sie mit einzelnen peripherischen Ab- 
schnitten von Nerven arbeitet. Denn diese letzteren sind vielmehr 
als vorzügliche Beispiele für das Leben der einzelnen Theile, also 
für die cellulare Anschauung zu betrachten. 

Ich gestehe demnach die hohe Dignität des Nervenapparates 
und der an ihm geschehenden Vorgänge vollständig zn; ja ich 
gehe so weit, zu sagen, dass in dem gewöhnlichen Gange des 
menschlichen Lebens die Mehrzahl der Einzelvorgänge im Körper 
durch Nerveneinwirkung hervorgerufen oder geleitet wird. Wenn 
daraus jedoch in keiner Weise gefolgert werden darf, dass diese 
Einzelvorgänge selbst bloss passive Veränderungen der innervirten 
Theile sind, so darf noch weniger die Meinung zugelassen werden, 
als sei die Nerventbätigkeit keine cellulare, nnd als müsse die 
Nerven-Irritabilität als das eigentliche Wesen des Lebens 
angesehen werden. Betrachten wir diese viel besprochene Eigen- 
schaft daher etwas näher: 

Die Lehre von der Irritabilität der Nerven beruht zunächst 
auf der Erfahrung, dass irgend eine Verletzung oder Reizung der- 
selben Schmerz erzeugt oder wenigstens empfindlich ist. Genan 
genommen ist diese Empfindlichkeit eben das, was man die 
Irritabilität genannt hat; man reizte die verschiedensten Gewebe, 
um zu sehen, ob sie irritabel seien, und beurtheilte ihre Irrita- 
bilität wesentlich danach, ob auf die Reizung Schmerzempfindung 
eintrete oder nicht. In diesem beschränkten Sinne würde N'^rven- 
Irritabilität die Eigenschaft bedeuten, zu den Centralorganen ge- 
hende und dort zum Bcwusstsein kommende, durch äussere Reize 



Nerven -Irritabilitiit. 345 

hervorgeriifene Vorgänge zu bewirken. Allein diese Vorgänge 
stellen nur die eine, nehmlich die recipirende Seite der Nerven- 
thätigkeit dar; die andere, die im gewöhnlichen Sinne active oder 
motorische Seite, wird dabei gar nicht berührt. Die Anhänger 
der Nerven -Irritabilität haben daher nicht gezOgert, anch diese 
Seite mit in ihre Betrachtungen hineinzuziehen; ja, es hat nicht 
lange gedauert, bis man daraus geradezu die Hauptsache gemacht 
hat. So kam es, dass schon Hai 1er Irritabilität und Contracti- 
lität verwechselte, und dass er die Irritabilität gewisser Theile 
leugnete, weil sie sich auf Reize nicbt contrahlren wollten. 

Der Grundfehler in dieser Betrachtungsweise liegt darin, dass 
man von ganz falschen Einheiten ausging. Man hatte keine ein- 
heitlichen Elemente und demgemäss auch keine einheitlichen Vor- 
gänge. Man verwechselte zuerst Nerventhätigkeit und Inner- 
vation. Es liegt auf der Hand, dass Innervation nur diejenige 
Nerventhätigkeit bezeichnen kann, welche auf andere, nicht ner- 
vöse Theile gerichtet ist, also z. B. die Erregung der Muskel- 
oder Drfisenelemente zur Thätigkeit Nun ist es freilich möglich, 
dass diese Thätigkeit ihrem Wesen nach identisch ist mit der- 
jenigen, welche im Nerven selbst stattfindet, also etwa elektrisch 
ist, und man kann sich vorstellen, dass von den Nervenenden die 
elektrische Bewegung sich wirklich direkt auf die Muskel- oder 
Drfisensubstanz überträgt. Aber selbst wenn dies allgemein rich- 
tig wäre, was erst zu beweisen ist, so würde daraus doch nicht 
hervorgehen, dass die Thätigkeit des Nerven, insofern sie Elektri- 
cität hervorbringt, in irgend einer Weise gebunden ist an die 
Möglichkeit, dieselbe an bestimmte andere Theile des Körpers 
abzugeben und in diesen besondere Thätigkeitsäusserungen her- 
vorzurufen. Ein ganz isolirter und aus dem Körper entfernter 
Nerv kann gereizt und in Thätigkeit gesetzt werden. Ueberdiess 
passt die Formel der Innervation nur für diejenigen Nerven, 
welche ich (S. 294) Arbeitsnerven genannt habe; sie ist ganz un- 
brauchbar für die Empfindnngsnerven, welche zu Ganglienzellen 
gehen und gerade in der Erregung dieser letzteren ihre haupt- 
sächliche „Thätigkeit*^ entfalteti. 

Hier stossen wir auf ein neues Hinderniss. Die Neuristen 
knüpften die (wenn ich so sagen darf, rückläufige) Irritabilität 
an bewusste Empfindungen, namentlich an Schmerzäusserungen. 
Allein wir wissen, dass das Bewusstsein nur einem Theile der- 



346 Fönfzebütes Gapitel. 

jenigen Empfindungen zukommt, welche dem Gehirn zuströmen, 
dass es dagegen an sich gänzlich fremd ist allen demjenigen Em- 
pfindungen, welche dem Bückenmark und dem spinalen Abschniite 
des Gehirns angehören, und noch mehr jenen Perceptionen , um 
nicht zu sagen, Empfindungen, welche nur die Ganglien des Sym- 
pathicus berühren. Erst seitdem das Gebiet der Reflexvorgftnge 
genauer studirt ist, hat man begriffen, dass nicht alle Bewegungs* 
erscheinungen, welche auf Reizung von Empfindungsnerven ein- 
treten, Schmerzäusserungen sind, man müsste denn auch einen 
unbewussten Schmerz annehmen. Wollte man dies aber thun, was 
in einer gewissen Weise berechtigt wäre, so würde man doch so- 
fort in einen Wirbel gerathen, der schliesslich zur Aufstellung eines 
unbewussten Bewusstseins führen müsste. Ein solches ist 
freilich in der sogenannten Rückenmarksseele gleichsam personi- 
ficirt schon geschaffen worden; indess müssto man noch einen 
Schritt weiter gehen, und eine besondere Nervenseele wählen, 
wenn man einmal für alle Theile sich die spiritualistische Erklä- 
rungsform sichern wollte. 

Diese Nervenseele oder, wie die mehr naturphilosophischen 
Neuristen sagten, diese Nervenkraft (Neurilität Lowes) müsste 
nothwendigerweise jedem nervösen Theile oder Elemente zuge- 
schrieben werden, und Irritabilität würde alsdann bedeuten cUe 
Fähigkeit des Theiles oder Elementes, diese Seele oder Kraft in 
Thätigkeit zu setzen. Aber gewiss ist es ein gewagter und nichts 
weniger als berechtigter Schritt, allen nervösen Theilen die gleiche 
Kraft zuzuschreiben. In der That ist noch niemand so weit ge- 
gangen, neben der Gehirnseele und der Rückenmarksseele auch 
noch besondere Ganglien- und Nervenseelen aufzustellen. Das all- 
gemeine Zugeständniss, dass es nervöse Theile gibt, die nicht ein- 
mal das „unbewusste Bewusstsein^ besitzen, dass also innerhalb 
des Nervensystems specifische Unterschiede zwischen 
den constituirenden Elementen vorhanden sind, reicht 
aus, um es verständlich zu machen, warum man mit der Annahme 
einer einfachen Nervenkraft nicht ausreicht. Man mag dieselbe 
nun spiritualistisch oder materialistisch constmiren, man mag sie 
Anima oder Elektricität nennen, man ist ausser Stande, nach 
dem Stande unserer Kenntnisse damit alle functionellen Erschei- 
nungen zu erklären. Daher muss man sich dazu verstehen, die 
Nervenfasern und die Nervenzellen nicht einfach zu identificiren. 



Nerven-Thatigkeit 347 

Alles, vas vir über elektrische Vorgänge an Nerven wissen, 
bezieht sich auf Nervenfiasem und zwar wesentlich auf Leitnng 
(Condnction) der Elektricität in denselben. Indess darf man deshalb 
nicht so weit gehen, die Nervenfasern nnr als Condnktoren der 
Elektricität aufzufassen, denn es ist leicht ersichtlich, dass, wenn 
von dem peripherischen Ende eines durchschnittenen Nerven ans 
durch direkte Reizung Bewegungen inducirt werden können, dies 
nur geschieht, indem der gereizte Nerv in sich Elektricität her- 
vorbringt Auch die Nervenfasern sind also functionell reizbar. 
Aber ich gestehe hier, wie bei der Muskel -Irritabilität zu, dass 
dies ein anomaler Fall ist, der im gewöhnlichen Leben selten 
vorkommt, und dass man daher als die eigentlichen Erreger 
der elektrischen Strömungen die Ganglienzellen anzusehen hat. 
Ob jedoch die Vorgänge im Innern dieser Zellen selbst elektrische 
sind, das ist bis jetzt nicht bekannt. Gewiss liegt es nahe, zu 
vermuthen, dass auch in den Ganglienzellen selbst elektrische 
Vorgänge stattfinden, ja Manches spricht dafür, dass diese Zellen 
die Fähigkeit besitzen, diese Vorgänge zu modificiren, d. h. ab- 
zulenken, zu verstärken und zu schwächen. Die empfindenden 
Nervenfasern sind fest durchgehende an ihren peripherischen En- 
den mit Nervenzellen in Verbindung, so dass jede von aussen 
eintretende Veränderung (Reizung) erst die Nervenzelle passiren 
muss, ehe sie in die eigentliche Nervenfaser übergeht und zu 
den centralen Ganglienzellen geleitet wird. Auch die motorischen 
Nervenfasern laufen kurz vor ihrem Ende vielfach in besondere 
gangliöse Apparate aus, gleichwie sie an ihrem Ursprünge aus 
Ganglienzellen hervorgehen. Welche andere Bedeutung können 
diese Zellen haben, als die einer Sammlung der in den Nerven 
geschehenden Bewegung, welche einerseits die Möglichkeit einer ver- 
schiedenen Ablenkung des Nervenstromes (Direction, Derivation), 
andererseits die Möglichkeit einer zdtweisen Abschwächung 
und Hemmung desselben und dann einer nachfolgenden Ver- 
stärkung mit vielleicht explosiver Wirkung gewährt? Gleichwie 
früher das Studium der Reflexvorgänge, so führt gegenwärtig 
die sich immer mehr ausdehnende Eenntniss der von mir so ge- 
nannten Moderations -Einrichtungen im Nervensystem*), 
wofür zuerst der Vagus, dann der Splanchnicus , schliesslich 



*) Handb. der spec. Patbol. u. Ther. 1854. I. 19. 



348 Fünfzehntes Capitel. 

selbst das Gehirn so ausgezeichnete experimentelle Beispiele ge- 
liefert haben, mit Nothwendigkeit anf Ganglienzellen nnd nicht 
auf Nervenfasern zurück. Erscheinungen, wie die des Elektroto- 
nus, sind im lebenden Organismus nicht bekannt. Trotzdem 
lassen die Vorgänge der Reflexion und Derivation, der Hemmung 
und Verstärkung eine Interpretation im Sinne der elektrischen 
Theorie zu. 

Aber eine solche Interpretation ist nicht mehr möglich bei 
jenen verwickelten Vorgängen des instinktiven und intellek- 
tuellen Lebens, welche überhaupt die höchste Entwickelung der 
thierischen Function darstellen. Wer ist im Stande, den Instinkt 
oder gar den Verstand elektrisch zu construiren? oder gar das 
Bewnsstsein als ein Analogen eines mechanischen Vorganges nach- 
zuweisen? Wie so oft, hat man sich auch in diesem Falle über 
die Schwierigkeiten des Einzelnen hinwegzusetzen gesucht, indem 
man die Einzelerfahrung verallgemeinerte. So hat noch neuerlich 
E. Hering das Gedächtniss als eine allgemeine Function der 
organisirten Materie dargestellt, und Wallace hat den noch wei- 
teren Schritt gethan, das Bewnsstsein als eine allgemeine Eigen- 
schaft der Substanz anzusprechen. Er ist auf diese Weise, ohne es 
zu ahnen, nahezu auf denselben Standpunkt der Naturanschauuog 
gelangt, den vor fast zweihundert Jahren sein grosser Landsmann 
Glisson, der Erfinder des Wortes Irritabilität, einnahm, indem 
er der Substanz überhaupt drei Functionen beilegte, welche er 
als perceptiva, appetitiva und motiva bezeichnete. Leider ist es 
mit der Generalisation allein nicht gethan; man muss auch Be- 
weise beibringen. Sonst bedeutet die Generalisation nichts als das 
Bestreben, eine Schwierigkeit möglich weit von sich zu entfernen 
und dadurch unmerklich zu machen. 

Eine Erklärung der organischen Vorgänge lässt sich am we- 
nigsten auf dem Wege der speculativen Verallgemeinerung ge- 
winnen. Jeder Schritt auf diesem Wege fQhrt von der Forschung 
ab. Was uns in der organischen Welt noththut, ist nicht die Gene- 
ralisation, sondern vielmehr die Localisation. Das Bewnsstsein, 
das Gedächtniss, das Denken und Vorstellen überhaupt smd nicht 
einmal allgemeine Functionen aller Theile des Körpers. Wie soll- 
ten wir zu der Vermuthung kommen, dass auch die unorganische 
Substanz daran Antheil hat? Im Laufe von Jahrtausenden ist 
man allmählich dabin gekommen, den Nervenapparat als Träger 



Errefjrung der Ganglienzellen. 349 

dieser Functionen zu bestimmen. Nachdem sich zuletzt mehr und 
mehr die Aufmerksamkeit auf das Gehirn concentrirt bat, ist ganz 
folgerichtig die Frage aufgeworfen worden, welche Theile des Ge- 
hirns der „Sitz^ der psychischen Functionen seien, und nachdem 
auch diese Frage zunächst nur im groben Sinne behandelt war, 
ist man endlich im Wege der Histologie zu den Ganglienzellen 
gelangt. Hier freilich lassen uns sowohl die Histologie als das 
Experiment und die pathologische Beobachtung im Stiche. Wir 
können noch nicht sagen, welche Ganglienzellen es sind, die so 
merkwürdige Functionen haben, und in welchen ihrer Bestandtheile 
dieselben ihre Erklärung finden. Aber dass an gewisse Gruppen 
von Himelementen die psychische Thätigkeit geknüpft ist, dass 
innerhalb dieser Gruppen Ganglienzellen die eigentlich wirksamen 
Elemente sind, und dass diese Ganglienzellen gewisse specifische 
Eigenthümlichkeiten haben müssen, wodurch sie sich von anderen 
unterscheiden, daran können wir nicht wohl zweifeln. Jedoch nur 
die immer mehr localisirende Untersuchung wird uns dahin 
führen, diese Eigenthümlichkeiten wirklich zu ergründen. 

Sprechen wir nun von Nerven-Irritabilität im Sinne der Gen* 
traleinrichtungen, so ist damit offenbar etwas anderes gemeint, als 
wenn wir nur an die Nervenfasern denken. Es ist die Erregung 
der Ganglienzellen, um welche es sich handelt Diese Erre- 
gung kann eine willkürliche oder unwillkürliche, eine bewusste 
oder unbewusste, eine perceptive (sensitive) oder motorische sein, 
je nachdem diese oder jene Art von Ganglienzellen dabei bethei- 
ligt ist. Manche Verschiedenheiten der eintretenden Tbätigkeiten 
erklären sich offenbar durch die verschiedene Energie der 
einzelnen Ganglienzellen: wie wir Bewegungs- und Empfindungs- 
zellen unterscheiden, so können wir auch innerhalb der Bewe- 
gungszellen die den einzelnen muskulösen Apparaten zugehörigen 
von einander trennen, und ebenso innerhalb der Empfindungszellen 
die gewöhnlichen spinalen Ganglienzellen von den Riech-, Sch- 
und Hörzellen u. s. w. des Gehirns sondern. Andere Verschieden- 
heiten dagegen resultiren aus der combinirten Erregung und Zu- 
sanmienwirkung (Synergie) mehrerer, in sich verschiedener Gang- 
lienzellen oder Ganglienzellen-Gruppen. Jede Reflex-Erregung, jede 
bewusste und willkürliche Erregung setzt die gleichzeitige oder 
doch innerhalb kurzer Zeiträume auf einander folgende Thätigkeit 
verschiedener Ganglienzellen voraus. Für viele Fälle sind wir im 



350 Fänfzebot68 Capitel. 

Stande, durch eine genaue Analyse des Vorganges diejenigen 
Gruppen zu bezeichnen, welche in Wirlcsamkeit treten. Aber das 
eigentliche Wesen der Erregung der einzehien Zellen selbst zu 
erklären, sind wir bis jetzt nicht befähigt. 

Bei einer früheren Gelegenheit^ habe ich darauf aufimerksam 
gemacht, dass allerdings auch bei den Erregungsvorgftngen der 
Gentren sich Zustände der Spannung und der Entladung un- 
terscheiden lassen. „Man schliesst sich^, sagte ich damals, „mit 
diesem bildlichen Ausdrucke sowohl an die Terminologie der 
Psychologen, als auch an die der Physiker und Praktiker an, und 
man gewinnt wenigstens einen, die Thatsachen kurz bezeichnenden 
Ausdruck, welcher die Möglichkeit zulässt, ohne sie jedoch noth- 
wendig zu machen, dass auch die Zustände der Ganglien sich 
den bekannten Zuständen elektrischer Theile unterordnen^. Die 
kleinste peripherische oder centrale Erregung setzt zunächst eine 
gewisse Störung oder Veränderung in dem inneren Zustande einer 
Ganglienzelle. Diese kann sich fast unmittelbar auf die Fortsätze 
derselben fortsetzen und damit abgeleitet werden. Es kann aber 
auch eine Hemmung in der Fortleitung des Stromes eintreten 
und die Störung für eine gewisse Zeit innerhalb der Zelle be- 
schränkt bleiben, indem die in ihrer Anordnung oder ihrem che- 
mischen Verhalten veränderten Theilchen der weiteren Fortsetzung 
der Bewegung Hindemisse entgegenstellen. Kommt endlich die 
Ableitung, vielleicht in stürmischer Weise, zu Stande, so er- 
scheint die dadurch hervorgebrachte Leistung als befreiende 
That, welche das leidende Organ entlastet, Erleichterung und 
Ausgleichung bringt. Im psychologischen Sinne entspricht die 
Störung dem Affect, der, indem er zur Hotion drängt, zum 
Triebe wird, und der in der zur Befriedigung des Triebes füh- 
renden Handlung seine Lösung findet. 

Diese Erfahrungen gelten in gleicher Weise für das gewöhn- 
liche Nervenleben, wie für das Geistesleben, für die Physiologie, 
wie für die Pathologie. Allerdings nehmen die Erscheinungen der 
Erregung, der Spannung und der Entladung unter krankhaften 
Verhältnissen nicht selten überaus seltsame und selbst wunder- 
bare Formen an. Aber als Regel muss überall festgehalten wer- 
den, dass auch die Erscheinungen des kranken Nervenlebens 



*) Handb. der spec. Pafholo^ne und Therapie. 1854. I. 17. 



Stönmgen der Nerrenthätigkeit. 351 

nicht qualitativ verschieden sind von denen des gesnnden. 
Kein Nerv, keine Ganglienzelle kann, soviel wir wissen, anter 
pathologischen Bedingongen etwas Anderes thnn oder leisten, als 
sie nach ihren, ein für allemal gegebenen Einrichtungen überhaupt 
zu thnn oder zu leisten im Stande sind. Ein Tastnerv kann nicht 
sehen, ein Sehnerv nicht hören, eine Empfindungszelle nicht be- 
wegen. Zuweilen macht sich freilich eine starke Neigung der 
Menschen geltend, den Nerven qualitativ verschiedene Leistungen 
zuzuschreiben. Der Hesmerismus hat Manchem den Glauben bei- 
gebracht, man könne mit den Hautnerven, z. B. der Oberbauch- 
gegend, lesen. Die Tischrücker meinten, mit Empfindungsnerven 
Holz bewegen zu können. Alles das sind entweder Betrügereien, 
oder Selbsttäuschungen. Die pathologische Nervenfonction ist von 
der physiologischen nur dadurch verschieden, dass sie entweder 
quantitative Abweichungen, oder ungewöhnliche Com- 
binationen erfährt. 

Die quantitativen Abweichungen ergeben ein Mehr oder We- 
niger an Leistung: Krampf oder Lähmung. Die combinatori- 
schen (synergischen) Abweichungen zeigen eine Verbindung von 
nervösen, sei es an sich physiologischen, sei es quantitativ von 
den physiologischen verschiedenen Erscheinungen mit einander. 
Solcher Art ist die Epilepsie, bei welcher starke unwillkürliche 
Gontractionen von willkürlichen Muskeln (Krämpfe) mit Lähmung 
des Bewusstseins sich combiniren. Diese Gombination ist so auf- 
fülig, dass man sich in früheren Zeiten nicht anders zu helfen 
wusste, als dass man die Epileptiker Besessene nannte und irgend 
einen bösen Geist in sie hineinfahren liess, der mit ihren Gliedern 
arbeitete. Eine solche Heterologie der Kräfte existirt nicht. Was 
im Epileptiker arbeitet, sind seine eigenen Nerven, und trotz 
aller Absonderlichkeit der Leistung ist dieselbe doch in jedem 
ihrer Theile eine vorgezeichnete und in diesem Sinne eine phy- 
siologische. — 

Wenn sowohl bei den Muskeln, als bei den Nerven die Irri- 
tabilität eine so sehr in die Augen springende Eigenschaft ist, 
däss sie seit langen Jahren ein Gegenstand anhaltender Untersu- 
chungen gewesen ist, so verhält es sich wesentlich anders mit 
der Drüsen-Irritabilität. Begreiflicherweise kann es sich hier 
nur um die Erregbarkeit der Drüsenzellen, des specifischen Par- 



352 Fünfzehntes Capitel. 

enchyms, und nicht am die an sich unzweifelhafte und gewiss 
in vielen Fällen sehr wirksame Erregbarkeit der Hnsknlatar der 
Geftsse und Ausführongsgänge der Drüsen handeln. Aber gerade 
deshalb ist die Frage eine sehr complicirte, die nur unter grossen 
Schwierigkeiten gelöst werden kann. Es konunt hinzu, dass man 
die Drusenfunction noch weniger unter einheiüicben Gesichts- 
punkten behandeln kann, wie die Muskel- und Nervenfunction. 
Denn der Typus der Drusenfunction ist in sich ganz verschieden. 
Eine Reihe sehr wichtiger Drfisen, insbesondere alle dem Gene- 
rationssysteme angehörigen, arbeiten mehr nach dem nutritiven 
oder formativen Typus; sie müssen bei der gegenwärtigen Be- 
trachtung ausgeschieden werden. Wir können hier nur diejenigen 
Drüsen besprechen, deren Elemente eine grössere Dauer haben 
und demgemäss den Act der Function überleben. Dahin gehören, 
soweit sich bis jetzt erkennen lässt, die beiden wichtigsten Drü- 
sen: die Leber und die Nieren. Aber auch an ihnen ist es 
schwer, die Function von der Nutrition zu scheiden, insofern ihre 
Function auf Stoffwechsel beruht. Es werden Stoffe in die Drfi- 
senzellen aufgenommen, in denselben verändert und von denselben 
in diesem veränderten Zustande ausgeschieden. Nichts ist in dieser 
Beziehung so charakteristisch, wie die Glykogenie in der Le- 
ber. Aus differenten Stoffen, wie aus den Arbeiten Bernard's 
hervorgeht, selbst aus stickstoffhaltigen, entsteht in den Leber- 
zellen eine stickstofflose Substanz, das Glykogen; dieses wird in 
Zucker übergeführt und letzterer in die Blutgefässe ausgeschieden 
und durch die Lebervenen dem allgemeinen Kreislaufe zugeleitet 
Mannichfache Reize, mögen sie nun durch Innervation oder durch 
den Contact scharfer, durch das Blut zugefuhrter Stoffe hergestellt 
werden, erregen diese Thätigkeit der Leberzellen und steigern die 
Zuckerzufuhr zum Blute. 

Auch in dieser Form hat die Drüsenthätigkeit Manches an 
sich, wodurch sie den Emährungsvorgängen nahe tritt, und es 
lässt sich begreifen, dass die Lehre von der functionellen Reiz- 
barkeit nach dieser Seite hin wenig ausgebildet ist. Wahrschein- 
lich würde sie auch jetzt noch wesentlich auf muskulöse und ner- 
vöse Theile beschränkt geblieben sein, wenn nicht in ziemlich u!ki- 
erwarteter Weise ihr aus dem Gebiete der scheinbar trägen Ein- 
zelzellen eine jsehr reiche Verstärkung an positiven Erfahrungen 
zugeflossen wäre. Diese war von um so grösserer Bedeutung, als 



Automatische Bewegungen. 353 

hier znerst automatische Vorgänge bekanntwurden, welche in 
der augenfälligsten Weise von allem Nerveneinflusse frei sind. 

Die Reihe dieser Entdeckungen wurde eingeleitet durch eine 
schnell steigende Zahl von Beobachtungen auf dem Felde der Bo- 
tanik und der Zoologie, welche zum Theil jenes Grenzgebiet be- 
trafen, welches Hacke 1 seitdem unter der Bezeichnung des Pro- 
tistenreiches abgeschieden hat. Indess lieferten auch unzweifel- 
haft einzellige Pflanzen, zumal Algen, welche frei im Wasser le- 
ben, und isolirte Pflanzentheile , wie die Sporen, sehr wichtige 
Anhaltspunkte. Daran schlössen sich neue Erfahrungen über die 
automatische Substanz niederer Wasserthiere, namentlich über die 
sogenannte Sarkode der Süsswasserpolypen durch Ecker, sowie 
über die contractile Substanz der Polythalamien durch M. Schnitze 
und der Radiolarien durch Häckel. Seit diesen Autoren ist all- 
mählich der Name Protoplasma in einer solchen Ausdehnung 
für diese Substanzen gebräuchlich geworden, dass man sich des 
Bedenkens allerdings nicht entschlagen kann, dass derselbe weit 
über das Maass eines wissenschaftlichen Verständnisses hinaus in 
Anwendung gebracht wird. Immerhin kann man zugestehen, dass 
er bei diesen niederen Organismen eine höhere Berechtigung hat. 
Wenn bei den durch de Bary und W. Kühne genauer bekannt 
gewordenen Myxomyceten diese Substanz nicht bloss der Bewe- 
wegung dient, sondern auch in sich neue Gewebselemente erzeugt, 
so trifft die Bezeichnung gewiss in hohem Maasse zu. Noch mehr 
würde dies der Fall sein, wenn jener neu entdeckte Organismus, 
welcher den Boden des atlantischen Oceans überzieht, der Bathy- 
bius, in der That keine zellige Organisation erreichte, sondern, 
wie Huxley beschreibt, auf einer niederen Stufe der Differenzi- 
rung stehen bliebe. Für die vergleichende Physiologie ist jedoch 
am meisten entscheidend gewesen die Kenntniss eines bis in die 
neueste Zeit hinein den Infusorien zugerechneten Wesens, der 
Amoebe, deren sehr einfache Organisation und eben so einfache 
Lebensthätigkeit sie gewissermaassen als den Prototyp des Auto- 
matismus erscheinen Hess. So ist es gekommen, dass die Ge- 
sammtheit der hier in Betracht kommenden Erscheinungen den 
Namen der amöboiden erhalten hat. 

Auch die eigentlich cellulare Erforschung der automatischen 
Vorgänge begann bei niederen Thieren. In immer steigender Zahl 

Vlrchow, C«llal«r Pathol. 4. Aufl. 23 



364 Fünfzehntes Capitel. 

wurden bewegliche Elemente im Innern des Körpers bei 
Cepbalopoden, Cmstaceen, Würmern n. s. f. anfgefbnden. Bei den 
Wirbeltbieren begannen, wie ich schon früher (S. 64, 189) er- 
wähnt habe, die Beobachtungen mit dem Studinm der Flimmer- 
Zellen, der Pigmentzellen und der farblosen Blutkörperchen, denen 
sich endlich durch die Entdeckung von Recklinghausen 's die, 
trotz aller meiner Anstrengungen bis dahin von Vielen kaum noch 
als Elemente anerkannten Bindegewebskörperchen, sowie die Eiter- 
körperchen anschlössen. 

Manche der hier in Frage kommenden Erscheinungen waren 
allerdings schon länger bekannt, aber anderen Reihen von Vor- 
gängen angeschlossen. Ich selbst hatte sie in höchst charakteri- 
stischer Weise an zwei verschiedenen Arten von Elementen ge- 
sehen und gezeichnet, nehmlich an Exsudatzellen und an Enor- 

pelkörperchen*). Indess war damals die Nei- 
pig. 107, 1. gung ^ alle Veränderungen der Zellen auf 

Jfa %^ A0 Exosmose und Endosmose zurückzufuhren, 

JB V^ so vorherrschend, dass ich im Zweifel ge- 

Jj^/m^ ^^K^ blieben war, ob ich nicht Erscheinungen der 
" "^Ä^ ^^ Schwellung und Schrumpfung vor mir 
'\ hätte, welche durch bloss medianische Ein- 

wirkung von Flüssigkeiten verschiedener Con- 
centration herbeigeführt wurden. Die zum Theil sehr auffälligen 
osmotischen Veränderungen**) der Zellen entsprechen zum Theil 
dem, was ich au einer anderen Stelle (S. 174, Fig. 61 e — A) von den 
rothen Blutkörperchen beschrieben habe, gehen jedoch noch darüber 
hinaus und sie konnten wohl als Grund der grössten Formverände- 
rungen angesehen werden. Die neueren Beobachter sind gerade im 
Gegentheil so sehr von der Allgegenwart und Allwirkung des Pro- 
toplasma überzeugt, dass manche von ihnen auch alle diese, der 
wahren Osmose angehörigen Erscheinungen mit zu den Wirkungen 
des Protoplasma rechnen. Wie mir scheint, wird noch manche 



Figf. 107, I. Automatische Zellen aus Hydrocele lymphatica. durch Function 
entleert. Man sieht theil s einzelne haarfürmige, theil s gedräng:te büschelige Fort- 
sätze. Der Zelleninbalt (Protoplasma) feinkörnig; in einzelnen Zellen kleine 
(schwärzliche) Fettkömchen, in zweien Vacuolen. Vergr. 300. 

♦) Archiv 18G3. Bd. XXVIII. S. 237. 

*^) Zeitschrift för rationelle Uedicin 1846. Bd. IV. S. 278. Gesammelte 
Abhandl. S. 86. Archiv 1847. I. 105. III. 237. 



Automatische Gestaltverändening der Zellen. 355 

Arbeit dazu gehören, diese zwei Beihen, die active und die pas- 
sive, auseiDanderzülösen. 

unter den automatischen Veränderungen der Zellen sind fol- 
gende vier zu nennen: 

1) Die äussere Gestaltveränderung, insbesondere das 
Aussenden und Einziehen von Fortsätzen. Nirgends habe 

Fig. 107, H. 




ich dies in so grosser, ja, ich kann wohl sagen, ungeheurer Aus- 
dehnung gesehen, wie an jungen Enorpelzellen, namentlich an 
Enchondromzellen. Grohe hat es in gleicher Weise constatirt. 
Hier sah ich (Fig. 107, IL) von Zellen, welche, so lange sie in 
ihren Capseln enthalten waren, eine rundlich-kugelige Gestalt be- 
sassen, allmählich Fortsätze ausgehen, die als ganz feine Reiser- 
chen begannen. Nach und nach verlängerten sie sich, sendeten 
neue Reiser und Aeste aus, schoben sich immer weiter und wei- 
ter hinaus und wurden so lang, dass man sie nicht auf einmal 
im Gesichtsfelde des Mikroskopes übersehen konnte. Aus einer 
kugeligen oder linsenförmigen Zelle wurde so ein Gebilde, welches 
einer vielstrahligen Ganglienzelle glich. Auch darin zeigt sich 
eine gewisse Uebereinstimmung mit den Bewegungen niederster 
Organismen, dass die ausstrahlende Substanz anfangs homogen. 



Fip^. 107, II. Automatische Zellen aus frisch exstirpirtem Enchondrom: kör- 
niger Zellkörper, grosser Kern mit je zwei Nucleoli. a Zelle mit homogenen 
verzweigten Ausläufern nach zwei Richtungen, 6 mehrfache feine Reiser neben 
den grossen, zum Theil körnigen Ausläufern. Vergr. 300. 

23* 



356 



Fänf zehntes Capitel. 



sp&ter in dem Maasse, als der Zellkörper sich mehr in die Fort- 
sätze hineinschiebt y Icörnig ist. An kleineren Randzellen (Fig. 
107, I.) treten die Ansl&ufer bald in feinen Bfischeln, bald in 
Form einzelner Haare oder Cilien zn Tage. Bei weiterer Beob- 
achtong habe ich an pathologischen Knorpelzellen auch wahrge- 




nommen, wie der Zellkörper mehr und mehr in Fortsätze sich 
auflöste und dem entsprechend sich, fast bis zur Unkenntlichkeit, 
verschmächtigte (Fig. 107, III. a u. c). Ja, ich sah schliesslich 
die einzelnen Fortsätze sich einander nähern, in* einander fliessen 
und sich gleichsam organisch mit einander verbinden, wie es ganz 
ähnlich an den sogenannten Pseudopodien der Polythalamien und 
Badiolarien beobachtet wird. 

In ähnlicher Weise, wie dieses Ausstrahlen der Fortsätze 
geschieht, erfolgt auch das Einziehen derselben. Einer nach dem 
andern verkürzt sich, zieht sich allmählich in den Zellkörper zu- 
rück und verschwindet. Die Zelle nimmt schliesslich wieder ihre 
rundliche Form an, ja nicht selten wird diese so auffällig kugelig 
und zugleich die Dichtigkeit des Gebildes so gross, dass schon 
daran der ,)C!ontractions^-Zustand erkannt werden kann. 

So auffällig diese Vorgänge sind, so muss ich doch betonen, 
dass ganz ähnliche durch abwechselnde Einwirkung concentrirter 
und diluirter Flfissigkeiten hervorgebracht werden können, zumal 
wenn ungleich dichte Mischungen auf die Zellen einwirken. Durch 
concentrirte Salz- oder Zuckerlösungen kann man das Zurück- 
gehen der Fortsätze leicht bewirken, wie man umgekehrt durdi 



Fi|B^. 107, in. Au8 derselben Geschwulst, wie Fi^. 107, II. Die automatischen 
Zellen noch mehr in Fortsätze aufgelöst, letztere viel mehr Terüstelt. Der Zell* 
körper fast verschwunden. Vergr. 300. 



Molecularbewegung und Vacuolen in Zellen. 



357 



verdünnte alkalische Lösungen zaweilen recht ausgezeichnete Fort- 
satzbildungen hervorrufen kann. 

2) Das Auftreten von Molecularbewegung im Innern 
des Zellkörpers (Protoplasma's). Diese Erscheinung ist zuerst 
(1845) von Reinhardt an Eiter körperchen, sodann von Remak 
an Scbleimkörperchen gesehen und von mir genauer beschrieben 
worden*). Sie lässt sich durch einen Wechsel in den Concen- 
trationszuständen mit Leichtigkeit herbeiführen. Erst sehr viel 
später ist die allgemeine Aufmerksamkeit für dieses Phänomen 
durch Brücke erregt worden, der darin einen besonderen vitalen 
Act sieht. Es lässt sich dies nicht ganz in Abrede stellen, inso- 
fern manche automatischen Vorgänge, z. B. die Aussendung von 
Fortsätzen mit einer moleculären Vibration beginnen, indess darf 
man doch nicht so weit gehen, jede Art der intracellularen Mole- 
cularbewegung als vital anzusehen. 

3) Die Bildung von Vacuolen im Protoplasma. Schon 
seit langer Zeit sind aus Pflanzenzellen und aus niederen Thieren 




Flg. 107, IV. 









inmitten der kömigen Substanz ihres Körpers helle, blasenfürmige 
Räume bekannt. Aehnliche kommen auch in Zellen der höheren 



Fi (f. 107, IV. Eiterkorperchen des Frosches im Humor aqueus nach 
V. Recklinghausen. (Mein Archiv 1863. Hd. XXVIII. Taf. II. V'ig, 1.). 
Vcrf^r. 350. Fig. 1 — 7. Formen, welche dasselbe Korpcrchen der Reihe nach 
innerhalb fünf Minuten annahm. Fi^. 17—18. Dasselbe Kurperchcn, mit Vacuolen 
besetzt. 

•) Zeithchrift für rationelle Medicin 1846. IV. 278. (Jos. Abh. S. 8G. 



358 Fünfzehntes Capitel. 

Thiere and des Menschen vor. Jedoch scheide ich diejenigen, 
welche von einer besonderen Hant umkleidet sind (Physaliden), 
ausdrücklich aus. Die genauere Beobachtung Yacuolen tragender 
Rundzellen (Fig. 107, I. Fig. 107, IV. 17 u. 18) ergibt, dass die 
hellen Räume manchmal einfach leere oder eigentlich von Wasser 
eingenommene Stellen, Wassertropfen innerhalb des sogenannten 
Protoplasmas sind, andermal dagegen von einer zähen, in Wasser 
schwerer löslichen und zuweilen in Form hyaliner Tropfen aus 
den Zellen austretenden Substanz erfüllt sind. In beiden Fällen 
wird durch concentrirtere Medien, namentlich Salzlösungen die 
Erscheinung aufgehoben. Ebenso kann man sie jedoch auch durch 
Maceration der Zellen in verdünnten alkalischen Salzlösungen 
künstlich erzeugen. Auch hier muss man daher sehr vorsichtig 
sein in der Deutung. 

4) Die Abschnürung einzelner Theite des Zellkör- 
pers. Es ist dies eine ähnliche Erscheinung, wie wir sie bei den 
rothen Blutkörperchen besprochen haben (S. 193, 266). Im Zusam- 
menhange mit automatischen Bewegungen hat sie schon Bon er*) 
beobachtet; später ist sie von Beale, Stricker und Anderen 
als ein häufigeres Phänomen nachgewiesen worden. 

Diese verschiedenen Erscheinungen, welche nicht selten neben, 
sehr oft kurz nach einander an einer und derselben Zelle auftre- 
ten, verändern das Ausseben derselben so auffällig, dass es häufig 
unmöglich ist, ohne unmittelbare Beobachtung des Vorganges sich 
von der Identität der Zellindividuen zu überzeugen. Es sind in 
der That proteusartige Metamorphosen. Allerdings kann man sie 
sämmtlich, wie es jetzt gewöhnlich geschieht, auf Contraction be- 
zieben. Indess haben sie doch fast durchweg gewisse Eigenthüm- 
lichkeiten, welche ihre Veränderungen von den eigentlichen Gon- 
tractionsveränderungen unterscheiden: diese Veränderungen er- 
folgen nehmUch mit groser Langsamkeit, man kann fast sa- 
gen, Trägheit, aber zugleich nicht in einer vorgezeichneten Form 
oder Ordnung, wie die Bewegung muskulöser oder flimmernder 
Elemente, sondern mit dem Anscheine der Freiheit und 
Willkür und daher zuweilen auch der Absichtlichkeit. 

Erwägt man andererseits, dass in nicht wenigen Fällen es 
überaus schwer ist, die Grenzen zwischen den automatischen und 

*) J. H. Boner Die Stase. Inaug. Diss. Wärzburg 1856. S. 7. 



Fixe und mobile Zellen. 359 

den osmotischen Veränderungen za ziehen, so wird man begreifen, 
mit welchen Schwierigkeiten das Studium dieser Phänomene um- 
geben ist. Auch eine blosse Schrumpfung durch Exosmose 
oder Schwellung durch Endosmose, also ganz physikalische 
Acte ohne alle Beziehung zum Leben, kann unter Umst|lnden 
vorkommen, wo sie den Eindruck der Freiwilligkeit und selbst 
der Absichtlichkeit macht. Umgekehrt wieder sind wir bei vielen 
automatischen Acten in der That ganz ausser Stande, zu erken- 
nen, ob eine Absicht bestand, ob der Vorgang auf einer Erregung 
beruhte, ob demnach das Element selbst ein reizbares ist und ob 
der automatische Vorgang als ein Beweis der Irritabilität der 
Zelle angesehen werden darf. In dieser Beziehung haben wir 
jedoch zwei bestimmte Anhaltspunkte: zunächst den Nachweis, 
der zuerst bei den automatischen Pigmentzellen der Froschhaut 
geführt wurde, dass die Veränderungen unter dem Nerveneinflusse 
stehen ; sodann die Thatsache, dass wir durch stärkere Reizmittel, 
wie Elektricität , Wärme, Licht, chemische Substanzen automati- 
sche Vorgänge hervorzurufen vermögen. So hat noch kürzlich 
wieder Roll et t die Beobachtung W. Kühne's bestätigt, dass 
die Homhautkörperchen sich auf elektrische Schläge zusammen- 
ziehen. 

Handelte es sich bei diesen Vorgängen nur um befestigte 
(fixe) Elemente der Gewebe, so könnte man vielleicht glauben, es . 
werde bei weiterer Forschung gelingen, überall einen Zusanmien- 
hang derselben mit Nerven aufzufinden. Aber das Vorhandensein 
automatischer Eigenschaften an losen und in Flüssigkeiten be- 
findlichen (infusoriellen) Zellen überhebt uns in dieser Beziehung 
einer jeden Sorge. Wie schon erwähnt (S. 189), hat Wharton 
Jones zuerst an den farblosen Blutkörperchen solche Vorgänge 
beobachtet. Damit war für Jedermann, der lernen wollte, der 
Beweis geliefert, dass es sich um einfache Zellen -Eigenschaften 
handelte. Später hat dann v. Recklinghausen in der Horn- 
haut und im Bindegewebe neben den fixen Elementen auch be- 
wegliche wahrgenommen und zuerst festgestellt, dass dieselben 
wirkliche Orts Veränderungen vornehmen, also wahre Wander- 
z eilen sind. 

Die von Waller und Cohnheim gefundene (S. 189) That- 
sache, dass die farblosen Blutkörperchen nicht bloss ihre Gestalt 
verändern, sondern auch die Fähigkeit der Orts Veränderung be- 



3()0 FünfzcliQtes Capitel. 

sitzen, so dass sie selbst die Gefasse verlassen ond anf Oberflächen 
and in Gewebe des Körpers aaswandern, hat es in hohem Maasse 
erschwert zu erkennen, ob gewisse mobile Elemente, welche sich 
im Inneren von Geweben finden, in dieselben eingedrangene farb- 
lose Blatkörperchen oder mobilisirte Elemente des Gewebes 
selbst sind. So ist eine grosse Verwirrung in der Interpretation 
der Thatsachen entstanden, und es ist in der That in vielen 
Fällen noch jetzt ganz unmöglich, genau festzustellen, wofür man 
sich entscheiden soll. Jeder Einzelne urtheilt unter solchen Ver- 
hältnissen mehr nach der von ihm angenommenen Formel, als 
nach der wirklichen Beobachtung. Meiner Erfahrung nach ist es 
irrig, eine einzige Formel als richtig anzunehmen. Sowohl im 
Bindegewebe, als in jungen Epitheliallagen können vorher befe- 
stigte Zellen mobilisirt und ebenso vorher mobile Zellen fiurt 
werden. Die Mobilisirung geschieht in Folge von Reizung, und 
insofern hat man ein Recht, auch diesen Act als eine Wirkung 
der Reizbarkeit der Zellen anzusehen. 

Die Gewebsolemente des menschlichen Körpers, welche einer 
Mobilisirung unterliegen, gehören, abgesehen von den lymphatischen 
und Blutzellen, ausschliesslich der Gruppe der bindegewebigen und 
epithelialen Formationen an. Für viele dieser Elemente ist mit 
dieser Erkenntniss erst die Möglichkeit gegeben, ihnen überhaupt 
eine Function in dem strengen Sinne des Wortes zuzuschreiben. 
Xach ihrer Mobilisirung verhalten sie sich, wie die Amoebe und 
andere ähnliche Sonderorganismen, die Hack el in der Klasse der 
Moneren vereinigt hat. Sie erscheinen als vollständig individu- 
alisirte, wenigstens zeitweise gänzlich freie und abgesonderte Kör- 
per, welche den Gedanken der Zellen -Individualität im höchsten 
Maasse veranschaulichen. 

Es ist endlich noch eine besondere Eigenschaft zu besprechen, 
welche aus dem bisher mitgetheilten als eine einfache Consequenz 
folgt; das ist die Voracität dieser Elemente (S. 101, 189). Sie 
„fressen^ allerlei Dinge, auch vollständig unverdauliche und nicht as- 
similirbare. Auch in dieser Beziehung gleichen sie vielen niederen 
Organismen. Namentlich durch Ehren berg waren die sogenann- 
ten Färbungen der Infusorien mit FarbstoiFtheilchen, namentlich 
mit Indigo und Carmin in Gebrauch gekommen; es sollte damit 
gezeigt werden, dass diese „Thiere^ Mund, Magen und Ader be- 
sässen, also eine vollkommene Organisation hätten. Genauere 



Blutkurpercheuhalligo Zellen. 361 

Beobachtungen haben auch für die Infasorien gelehrt , dass diese 
Argumentation falsch war; sie haben im Gegentheil gezeigt, dass 
manche Wesen an jeder beliebigen Stelle ihrer Oberfläche andere 
Körper aofinehmen, in ihr Inneres pressen und, in verschiedener 
Weise verändert, wieder aaswerfen können, ohne dass sie Mund, 
Magen oder After besitzen. * 

Für die Lehre vom Menschen trat diese Frage zuerst in einer 
entscheidenden Weise in den Vordergrund bei Gelegenheit der so- 
genannten blutkörperchenhaltigen Zellen. Schon als ich 
meine ersten Beobachtungen über die Entstehung der pathologi- 
schen Pigmente veröffentlichte*), musste ich mich gegen die da- 
mals von Eölliker und Ecker vectheidigte Hypothese erklären, 
welche dahin ging, dass unter gewissen Verhältnissen Haufen von 
Blutkörperchen sich zusammenballten und daraus Zellen entstän- 
den. Andererseits hatten Rokitansky und Engel für patholo- 
gische, Ger lach und Schaffner für physiologische Verhältnisse 
die Möglichkeit aufgestellt, dass in gewöhnlichen Zellen nachträg- 
lich eine Neubildung von rothen Blutkörperchen stattfinde, dass 
also diese Zellen Mutterzellen für Blut darstellten. Ich wies nach**), 
dass es sich hier um das Eindringen präexistirender Blutkörper- 
chen in präexistirende Zellen, also um keinerlei Art von Neubil- 
dung, sondern nur um die Incorporirung von Blutkörperchen in 
andere Zellen handle, und da diese Zellen, wenigstens zum Theil, 
persisCiren und aus den Blutkörperchen Pigment hervorgeht, um 
eine secundäre Pigmentbildung in Gewebselementen. Obwohl ich 
schon damals auf die Analogie dieser Vorgänge mit dem „Fres- 
sen^ der mundlosen Infusorien hinwies, so hielt ich doch das 
Eindringen der Blutkörperchen in die Zellen für einen mechani- 
schen Act, welcher durch die Gewalt des extravasirenden Blutes 
hervorgebracht werde. Ich dachte mir, dass das aus Gefassru- 
pturen austretende Blut durch Rupturen der Wand in Zellen ein- 
dringe und hier liegen bleibe. 

Erst Preyer hat bei direkter Beobachtung unter dem Mikroskop 
gefunden, dass manche bewegliche Zellen, z. B. farblose Blutkör- 
perchen, unter Umständen rothe Blutkörperchen umfassen, in 
ihr Inneres hineinpressen und in sich aufnehmen. In besonders 



•) ArHiiv 1847. I. 381, 451. 
♦*j Archiv lö.Vi. IV. 515. 1853 V. 405. 



362 Fünfzehntes Capitel. 

ausgezeichneter Weise ist später dargethan worden, dass dieselben 
Farbstoff körner, welche die Infusorien, ^fressen^, von farblosen 
Blntkörperchen and anderen Zellen gleichfalls anfgenommen wer- 
den: Indigo, Carmin, Zinnober werden auf diese Weise incorporirt, 
und manche Zellen zeigen eine ungemein grosse Gefrässigkeit für 
derartige fremde, glefchviel ob verdauliche und veränderliche oder 
unverdauliche und unveränderliche Körper. Eohlenstückchen wer- 
den auf diese Weise von Schleimkörperchen der Luftwege mit 
grosser Leichtigkeit aufgenommen (S. 15, Fig. 8, ß b). 

Dass es sich bei diesem „Fressen^ nicht einfach um Er- 
nährung handelt, habe ich schon früher bemerkt (S. 101). Aber 
"ich muss auch davor warnen, jedes Eindringen von fremden Kör- 
pern in das Innere von Zellen als das Resultat automatischer Be- 
wegungen anzusehen. Unzweifelhaft gibt es auch Incorporirungen 
fremder Körper, wobei das incorporirende Element sich ganz passiv 
verhält. Ein mikroskopisches Kohlensplitterchen kann vermöge 
der Schärfe und Spitzigkeit seiner Ecken gewiss ebenso gut in 
eine Zelle hineindringen, wie ein scharfes Instrument in den Kör- 
per. Kleine Entozoen und Pilze dringen vermöge ihrer eigenen 
Tbätigkeit, mag diese nun in selbständigen Bewegungen, oder in 
fortschreitendem Wachsthum und Absorption entgegenstehender 
Widerstände beruhen, in das Innere von Grewebselementen ein; 
ja sie können dieselben gänzlich erffillen und die specifische Sub- 
stanz verdrängen oder aufzehren. Wir wissen dies nicht nur von 
den Trichinen, welche in Muskelfasern einwandern, sondern auch 
von Pilzen und Vibrionen, die in pflanzliche und thierische Zellen 
eindringen und sich darin vermehren. 

Diese Anfäbrungen werden genügen, um zur Vorsicht in der 
Deutung der Beobachtungen aufzufordern. Veränderungen, welche 
dem Anscheine nach vollständig unter einander übereinstimmen, 
kommen auf ganz verschiedene Weise zu Stande. Trotzdem kann 
kein Zweifel darüber bleiben, dass die Voracität der Elemente, 
gleich der Migration und dem Polymorphismus derselben, als Er- 
gebniss ihrer Tbätigkeit und als Merkmal ihrer Irritabilität wirk- 
lich existirt. Alle diese Erscheinungen gehören demselben Gebiete 
an, — einem Gebiete, welches ich mit dem Namen des Anto- 
matismus bezeichne, und dessen Kenntniss vielleicht als das 
wichtigste Ergebniss der auf das Einzelleben bezüglichen For- 
schungen 'der Neuzeit bezeichnet werden darf. Die Zahl der func- 



Pathologische Störung der Zellen. 363 

tioDell activen £leineBte des Körpers ist dadurch auf das Aeusserste 
vermehrt worden. 

Auch auf diesem Gebiete, wie auf dem aller anderen fnnctio- 
uellen Theile, beschränkt sich die pathologische Störung auf das 
Quantitative. Nirgends gibt es qualitative Abweichungen. Die 
Function ist da oder sie ist nicht da; ist sie da, so ist sie ent- 
weder verstärkt oder geschwächt. Das gibt die drei Grundformen 
der Störung: Mangel (Defect), Schwächung und Verstär- 
kung der Function. Eine andere Function, als die physiolo- 
gische, wohnt auch unter den grössten pathologischen Störungen^ 
keinem Elemente des Körpers bei. Der Muskel empfindet nicht, 
der Nerv bewegt keinen Knochen, der Knorpel denkt nicht. Auch 
hier ist es nur die oft höchst sonderbare und complicirte Synergie 
verschiedener Theile oder gar die Combination activer und passi- 
ver Zustände, welche eine scheinbar quantitative Abweichung er- 
geben. Aber eine wissenschaftliche Analyse wird und muss jedes- 
mal ergeben, dass auch die ungewöhnlichste Krankheit keine neue 
Form, keine eigentliche Heterologie der Function mit sich bringt. 



Sechzehntes Capitel. 

Notritiye^and formatire Reizung. Neubildong und 

Entzandung. 



Natritive Eeisbarkeit. Genaaere Definition der Brn&hraDg. Hyp«rtrophi« und HypcrplMi«. 
Atrophie, ApiMle und Nokroblote alt Fornen de« Schwunde« (PhthiiU): r«gre««ive Pro- 
ce««e. Weeen der Ernihrnng: Anfnahm« und Aneiffnong der Stoffe dnreh eigene ThitigheiL 
Croditit und Aesimilellon. Fizirnng der Stoffe: Gegenteti sn todten und «chleclit emihrten 
Theilen; Beeorption und Kachexie. Gate Ernihrnng. Strletum et laxam, Tonne und Atonie, 
Kraft und Schwäche. Torgor vlulie. Motritlve Reise: trophtaehe Nerven. Krankhafte Hy- 
pertrophie: parenchjmatSee Entafinditng; trnbe Schwellnng. Niere, Knorpel, Haot, Homhant 
Die nenropathologlsche und die humoralpathologieche Doetrin. ParenchjaiatAee Sdivellung. 
NutrltiTc Beetitntion and Nekrobiote. Stadien der parenchjmatAeen Entsnndnag. Active 
Natur dieses Proceetet. 

Porroatlve Reisbarkeit Theilnng der KernkÖrperchen and Kerne (Nueleation) : vielkemlge £!•• 
mente, Rieeensellen (Knochenmark, Mjeloidgetehwulet, lymphatische Neabildnngen). For- 
mative Muskelreisang im Ver^ieich snm Moskelvaehsthnm. Nenbiidnng der Zellen durch 
Theilung (fisslpare Cellulation) : Knorpel, epitheliale und bindegewebige Nenbiidnng. Wn- 
chernng (Proiiferation). Anawanderung der farblosen BlutkSrperehen und ans ihnen hetver- 
gehende Organisation. Die plastischen (histogenetischen) Stoffe; der Bildungatrlcb. Negation 
der estracellularen Neubildung und der Bildnngsstoffe. Die Ncnblldung als Thitigkeit der 
Zellen. Pormative Reise. Die humoral pathologische und nenropathologlsche Doctrin. 

EntsÜDdlirhe Beicung, Entsnndnng. Nenroparalytlsche Bnta&ndung (Vagus, Trigeainns); Lnpra 
anaesthetiea. Pridlsposition und neurotische Atrophie. Die EntsAndnng als CoUeetiv Vorgang. 



Während die fanetioaelle Reizbarkeit, deren Wirkungen wir im 
vorigen Capitel besprochen haben, den Liebiingsgegenstand der 
Stadien unserer Physiologen darstellt und daher im Lanfe der 
letzten Jahrzehnte fast ausschliesslich von ihnen verfolgt worden 
ist, 80 ist das Gebiet der nutritiven Reizbarkeit noch ge- 
genwärtig vielmehr der pathologischen Untersuchung vorbehalten 
geblieben, und manche sehr wichtige Seite der Betrachtung hat 
sich deshalb lange der allgemeinen Aufmerksamkeit entzogen. Es 
war dies der Grund, weshalb ich schon früher, im fünften und 
sechsten Capitel, die Ernährung zum Gegenstande einer besonderen 



Nutritive Reizbarkeit. 365 

Erörterang gemacht habe. Auf diese Erörterung kann ich mich 
hier beziehen. Man wird danach leicht ersehen, dass ich nnter 
der Bezeichnung der nutritiven Reizbarkeit die Fähigkeit der ein- 
zelnen Theile verstehe, auf bestimmte Erregungen mehr oder we- 
niger viel Stoff in sich aufzunehmen und festzuhalten. Ich kann 
sogleich hinzusetzen, dass mit einer solchen vermehrten Aufnahme 
in das Innere der Elemente die wichtigsten jener Prozesse be- 
ginnen, welche das Gebiet der pathologischen Anatomie ausmacheo. 

Ein Theil, der sich ernährt, kann sich dabei entweder be- 
schränken auf die einfache Erhaltung seiner Masse, oder er kann, 
wie wir besonders in pathologischen Fällen sehen, eine grössere oder 
geringere Masse von Material in sich auihehmen, als im gewöhnlichen 
Laufe der Dinge geschehen wäre. In welcher Weise oder in welcher 
Masse aber auch die Aufnahme erfolgen mag, so bleibt doch die 
Zahl der histologischen Elemente vor und nach einer bloss nutriti- 
ven Erregung sich gleich. Dadurch unterscheidet sich die einfache 
Hypertrophie von der Hyperplasie (numerischen oder adjunctiven 
Hypertrophie), mit welcher sie im äusseren Effect oft eine so 
grosse Aehnlichkeit hat (S. 90, Fig. 29, B). Solche einfache 
Hypertrophien beobachten wir an den Muskeln, den Nerven (S. 
275), den Epithelien, insbesondere den Drusenzellen, den Zellen 
des Bindegewebes, am häufigsten des Fettgewebes. Eine Steigerung 
der naturlichen, adäquaten Reize bedingt sehr leicht eine der- 
artige Ycrgrösserung der Elemente. Ein Muskel, der gegen grössere 
Widerstände zu arbeiten hat, bekommt dickere Primitivbundel ; 
das Epithel einer Niere, welche mehr Harnstoff abzusondern hat, 
vergrössert sich. Daher haben diese Hypertrophien häufig eine 
compensatorische Bedeutung. Das Herz wird hypertrophisch, 
wenn die arterielle Blutbahn kleiner wird; die eine Niere wird 
hypertrophisch, wenn die andere schrumpft. 

Ebenso unterscheidet sich die einfache Atrophie sowohl von 
der Aplasie, der ursprünglichen Mangelhaftigkeit in der Bildung 
einzelner Theile, als auch von der Nekrobiose (numerischen oder 
degenerativen Atrophie), welche eine wirkliche Zerstörung und 
Detritusbildung bedingt (S. 335). Seit alter Zeit hat man diese 
drei, in sich verschiedenen Zustände ganz gewöhnlich unter dem- 
selben Namen zusammengefasst: die Bezeichnung des Schwun- 
des oder der Schwindsucht (Phthisis, Phthoe, Tabes), obwohl 
häufiger in dem Sinne eines allgemeinen, den ganzen Körper be- 



366 Sechzehntes Capitel. 

treffenden Prozesses angewendet, bat doch bis in die neueste Zeit 
auch als Ausdrack für locale Prozesse gedient, z. B. Phthisis bnlbi, 
testicnli. Will man sich jedoch das Verständniss der krankhaften 
Vorgänge sichern, so muss man nothwendig die drei Vorgänge 
ans einander halten*). Denn es liegt auf der Hand, dass me 
mangelhafte Bildung und Entwickelnng ganz andere Bedingungen 
und ein ganz anderes Wesen hat, als eine mangelhafte Erbaltong 
eines im Uebrigen regelmässig gebildeten und entwickelten Thei- 
les. Letztere stellt immer einen Rückgang (regressiven Prozess) 
dar. Insofern stimmt sie überein mit der Nekrobiose, welche den 
Rückgang in seiner schlinmisten Form ausdrückt. Aber die Nekro- 
biose ist eine Art des örtlichen Sterbens; der davon befallene 
Theil stirbt definitiv ab, und er kann nur wieder ersetzt werden 
durch einen regenerativen Prozess der Neubildung, während der 
atrophische Theil trotz seines verschlechterten Zustandes persisürt, 
sich erhält und bei Verbesserung dieses Zustandes im Wege der 
einfachen Ernährung reparirt oder restaurirt wird. Derselbe 
Theil, oder sagen wir noch genauer, dasselbe Element kann im 
Laufe der Zeit in immer wechselnder Weise bald normal ernährt 
werden, bald atrophisch und hypertrophisch werden, wie das Bei- 
spiel der Muskeln vortrefflich lehrt. Grundbedingung ist jedoch, 
dass das Element überhaupt vorhanden ist und dass trotz alles 
Wechsels die erhaltende Thätigkeit nicht aufhört. 

Die wahre Ernährung ist also unter allen Verhältnissen auf 
die Erhaltung des Theils gerichtet, und begreiflicherweise kann 
sie nur ein Mehr oder Weniger normaler Vorgänge darstellen. 
Sie besteht nicht etwa in einer blossen Aufnahme, auch nicht in 
einem blossen Stoffwechsel, der sich aus Aufnahme und Abgabe 
zusammensetzt, sondern ganz wesentlich in der Aneignung der 
Stoffe. Bei letzterer ist wiederum zweierlei zu unterscheiden. 
Zunächst die Umwandlung der aufgenommenen Stoffe in die be- 
sondere Substanz des Parenchyms, die sogenannte Assimilation. 
Wenn wir in der Nahrung auch die mannichfaltigsten Stoffe, selbst 
Parenchymsubstanz gemessen, so gelangen doch höchstens das 
Wasser und einige Stoffe von mehr indifferenter Art, niemals die 
specifische Parenchymsubstanz als solche vollständig präparirt vom 



*) Handb. der spec. Pathologie und Ther. I. 304. 



Assimilirung und Fixining der Nährstoffe. 367 

Magen oder vom Blute aus in die Gewebe*). Es genügt nicht, 
Blutwurst zu essen, um Blutkörperchen zu erzeugen, oder Hühner- 
eier, um Harkstoff in die Nerven absetzen zu lassen; ehe aus 
Fleisch wieder Fleisch, aus genossener Leber wieder Leber wird, 
müssen die daraus entstandenen Verdauungsstoife (Peptone) erst 
wieder einer chemischen Umsetzung unterliegen, und die Emäh- 
rungs-Thätigkeit besteht gerade zu einem wesentlichen Theile 
darin, dass die in noch er u dem Zustande aufgenommene Sub- 
stanz in wirkliche Gewebssubstanz umgewandelt wird. Dies kann 
ganz und gar innerhalb der Zellen geschehen; sehr häufig, ins- 
besondere bei allen mit Intercellularsubstanz versehenen Geweben, 
ist die Assimilation erst vollendet, wenn die neu entstandene 
Substanz in die Umgebung der Zellen abgesondert ist. Binde- 
gewebe (leimgebendes Gewebe) kann nicht einfach dadurch re- 
staurirt werden, dass wir Leim, etwa in Form einer Brühe, ge- 
niessen. Dieser Leim geht, wie das genossene Eiweiss, zum 
grösseren Theile in Harnstoff über, ohne wieder zu eigent- 
lichem Gewebsmaterial verwendet zu sein. Die Ernährung der 
Bindegewebs -Intercellularsubstanz haben wir uns vielmehr so zu 
denken, dass aus einem Theile der Peptone neues Bluteiweiss ge- 
bildet wird, dass sodann von diesem ein Theil in die Bindege- 
webskörperchen aufgenommen und umgesetzt wird, und dass end- 
lich dieser umgesetzte, leimartige Stoff aus den Körperchen in die 
Intercellularsubstanz ausgeschieden wird. Die assimilirende Thä- 
tigkeit ist daher keineswegs eine so einfache, wie man sie sich 
häufig denkt. 

Zweitens gehört jedoch zu der Ernährung die Fixirung der 
aufgenommenen und assimilirten Stoffe. Ich verstehe darunter die 
Fähigkeit, diese Stoffe an dem Orte, wohin sie zur Bewahrung 
des Status quo gehören, auch festzuhalten, sie dem Spiele des 
Stoffwechsels, insbesondere der Exosmose zu entziehen. Hämo- 
globin ist eine in Wasser lösliche Substanz. Es genügt, Blutkör- 
perchen in eine grosse Menge von Wasser zu versetzen, um sie 
auf dem Wege der Exosmose gänzlich „auszulaugen^. Dass eine 
ähnliche Auslaugung nicht schon durch das Blutwasser (Liquor 
sanguinis) geschehe, wird nicht bloss durch die concentrirtere Mi- 
schung desselben gehindert, sondern auch durch die Constitution 



•) Vj^I. meinen Vortrag über Nahrunfr-s- und Genussraittel (Sammlung ge- 
meinverst wisH. Vorträge Serie U. Heft 48. S. 22. Beriin 18G8. 



368 Sechzehntes CapiteL 

der lebenden Blutkörperchen selbst. Rollett hat gezeigt, dass 
man durch Frost in kürzester Zeit die Blutkörperchen in dem 
gewöhnlichen Blutwasser zur vollständigsten Auslaugong bringen 
kann. Dasselbe geschieht auch im Körper überall, wo die Blut- 
körperchen absterben; die todten Eörperchen lassen das Blutroth 
fahren, und dieses vertheilt sich alsbald mit dem Blutwasser in 
die umgebenden Theile. So entstehen die cadaverösen Färbungen 
der Leichen und die eigenthümlichen Farben des Brandes beim 
Lebenden ; so kommen jene sonderbaren Entfärbungen der Blut- 
körperchen in Extravasaten und Thromben zu Stande, welche wir 
früher besprochen haben (S. 240, Fig. 79 6). 

Wenn der Blutfarbstoff eben seiner Farbe we^en ein beson- 
ders günstiges Object für diese Betrachtung ist, so haben wir ein 
anderes, welches wegen der grossen Häufigkeit und der bedeuten- 
den Wirkungen seiner Exosmose der Au&nerksamkeit in noch 
weit höherem Maasse würdig ist. Das ist das Wasser. Bei Ge- 
legenheit einer Erörterung der käsigen Metamorphose habe ich die 
Frage des Stoffwechsels im Todten des Weiteren besprochen*) 
und namentlich auch den schnellen Wasserverlust hervorgehoben, 
von welchem todte Theile im Körper betroffen werden (S. 220). 
Das Welken der Blätter, die Krustenbildung und Humification 
äusserer, die Schrumpfung, der Collapsus innerer thierischer Theile, 
welche abgestorben sind, stehen auf einer Linie. Dürres Laub, 
geschrumpfte Zellen sind vollkommene Analoga. 

Der Umstand, dass die aus den Zellen austretenden Stoffe 
oft nach kurzer Zeit gänzlich verschwinden, hat zu der in früherer 
Zeit ganz allgemeinen Annahme geführt, es handle sich hier we- 
sentlich um Resorption. Allein das Dürrwerden der Blätter, 
die Humification brandiger Glieder beruhen auf Wasserverdunstung 
und nicht auf Resorption. Ueberdiess ist die Resorption, wo sie 
eintritt, z. B. bei den käsigen Umwandlungen, nur ein secundärer 
Act. Es war daher allerdings richtiger, als man das Wesen des 
Vorganges in einer vermehrten Exosmose suchte. Aber die 
Exosmose setzt einen Austausch von Stoffen voraus; überdiess 
erfolgt sie durch die Force majeure der ausserhalb der Zelle be- 
findlichen Stoffe. Davon ist hier gar nicht die Rede. Der Wasser- 
austritt aus todten Theilen geschieht auch da, wo gar kein Aus- 

•) Verbandl. der Berliner med. Gesellschaft 1865— C6. S. 245. 



Tonus und Atonie 369 

tausch vorhanden ist, wo gar keine durch Concentration oder Mi- 
schung ausgezeichnete Intercellalarflüssigkeit vorhanden ist. Der 
eigentliche Grund liegt in der Unfähigkeit der todten Elemente, 
ihre Bestandtheile noch festzuhalten. 

Das, was an todten Theilen im Extrem hervortritt, findet 
sich bei der Atrophie in geringerem Grade. Wenn ein atrophiren- 
der Nerv sein Myelin verliert, wenn eine Pigmentzelle ihr Pigment 
einbusst, so braucht sie noch nicht todt zu sein oder zu sterben. 
Aber ihre innere Festigkeit ist erschüttert, die Solidität des inne- 
ren Baues ist beeinträchtigt, und die Folge ist eine Verkleine- 
rung mit Verschlechterung der Constitution. Das ist 
das, was die Alten zum Theil mit dem Ausdrucke der Kachexie 
(Habitus malas) bezeichneten, und was in der antiken solidarpa- 
thologischen Lehre vom Laxum et strictum einen verständli- 
chen Ausdruck gefunden hat. Denn es liegt auf der Hand, dass 
dem welken und schlafTen Zustande der Atrophie der derbe und 
straffe Zustand der guten Ernährung und noch mehr der wahren 
Hypertrophie gegenübersteht. Hier ist nicht bloss eine reichlichere 
Aufhäufung wohl assimilirten Stoffes, sondern auch eine stärkere 
Fixirung desselben vorhanden. Nirgends ist dies deutlicher er- 
kennbar, als an den Muskeln, an welche sich daher auch die tech- 
nische Sprache lange angeschlossen hat. Die straffe Faser der 
früheren Autoren ist zunächst die gut genährte Muskelfaser (das 
Primitivbündel) und erst weiterhin jede andere Faser. 

Dem Strictum et laxum der Methodiker entspricht zum Theil 
der Tonus und die Atonie der Neueren. Auch hier hat man 
in den letzten Jahren fast ausschliesslich den neuristischen Stand- 
punkt eingenommen und den Tonus als die Folge einer dauern- 
den Innervation gedeutet. Für einzelne Theile mag dies zutreffen. 
Aber allgemein betrachtet entsprechen diese Bezeichnungen den 
Ernährungszuständen der Gewebe ; wie ich ausgeführt habe *), be- 
deutet Tonus in diesem allgemeinen Sinne die nutritive Spannung 
(Tension). Daher galt der Tonus als Merkmal eines gesunden, 
normalen Zustandes der Theile, wo der günstigen Ernährung auch 
eine grosse Leistungsfähigkeit (Kraft) entspricht, während Atonie 
ausser der schlechteren Ernährung zugleich die Erschlaffung (Re- 
laxatio) und Schwäche (Debilitas) bedeutet. Insofern schiebt sich 



•) Archiv VI. 139. VIII. 27. XIV. 27. 

VIrehow, Cellnlar-Pjithol. 4. Aufl. '^4 



370 Sechzehntes Gapitel. 

in die Vorstellung neben dem nutritiven Moment zugleich die Vor- 
aussetzung eines functionellen mit hinein. 

Ungleich dehnbarer ist der zu gewissen Zeiten viel gebrauchte 
Ausdruck des Tu r gor vitalis. Obwohl derselbe in vielen Fällen 
auch nichts anderes, als die nutritive Ffille eines Theiles bedeutet, 
so knüpfte sich doch meistentheils zugleich die Vorstellung von 
einer stärkeren Füllung der Gefässe (Hyperämie) daran. Wie bei 
dem Tonus die Nerven, so traten bei dem Turgor die Blutgefässe 
mit in die Betrachtung ein. Auch diese Betrachtung hat ihre Be- 
rechtigung. Denn offenbar ist eine gewisse Freiheit der Circulation 
Vorbedingung für eine reichlichere Zufuhr von Emährungsmaterial 
und insofern auch für eine kräftigere Ernährung. 

Aber wir haben schon früher gesehen, dass die Gefässffillung 
und der reichere Zustrom von Blut die Ernährung nicht Doth- 
wendig bestimmt (S. 158). Auch in gefässlosen Geweben ernäh- 
ren sich die Elemente; ja sie leben und erhalten sich in voll- 
ständiger Trennung von den Geweben und von den GefSsseo. 
Nach der alten Vorstellung wird der Theil ernährt und verhält 
sich dabei mehr oder weniger passiv; die Thätigkeit der Gefässe 
bestimmt seine Ernährung. Nach meiner Auffassung ernährt er 
sich: er verhält sich durchaus activ, und die Thätigkeit der Ge- 
fässe kann nur seine eigene Thätigkeit fordern oder unterstfitzen. 
Jede einzelne Zelle verhält sich, wie eine kleinste Pflanze; sie 
wählt ihr Emährungsmaterial aus ihrer Umgebung*). Jedes 6e* 
websstück ernährt sich, wie die Frucht im Mutterleibe, die wohl 
an die Gefässe der Mutter grenzt, aber keinen Zusammenhang 
mit ihnen hat. Kann man eine grössere Uebereinstimmung denken, 
als die blosse Juxtaposition der Frucht im Mutterleibe mit einer 
oculirten Knospe? Die Geschichte der Transplantation von KOr- 
pertheilen, me sie in den jüngsten Tagen bei der Behandlung von 
Wunden in immer grösserer Ausdehnung mit dem grössten Erfolge 
geübt wird, gibt die schönsten Beispiele für diese Selbstemähning 
bloss juxtaponirter Theile. 

Aber freilich bedarf auch die Emährungsthätigkeit bestimmter 
Erregungsmittel. Ohne diese bleibt ein lebender Theil inmitten 
der grössten Fülle von Emäbmngsstoffen träge und unthätig. Die 
nutritiven Reize sind keineswegs immer Nahrungsstoffe: ein 



•) ArchiT IV. 381. 



Nutritive Reize. 371 

grosser Theil derjenigen Substanzen, welche wir Gennssmittel 
nennen, reizt die Gewebe zn stärkerer Ernäbmng. Vermehrte 
Function, mechanische und chemische Einwirkungen der verschie- 
densten Art haben vermehrte Aufnahme von Nahrungsstoffen im 
Gefolge*). Wie das Licht auf die Pflanzengewebe, so wirkt me- 
chanische Bewegung auf viele Thiergewebe reizend ein. Auch der 
Nervencinfluss darf hier nicht ausgeschlossen werden, aber man 
soll nur nicht im Sinne der Neuristen die gesammte Ernährung 
als eine Wirkung trophischer Nerven betrachten. Ein grosser 
Theil der Emährungsvorgänge hat mit Nerven nicht das Mindeste 
zu thun. Wo aber die Ernährung durch Innervation bestimmt 
wird, da hat die letztere nur einen modificirenden Einfluss auf 
die auch ohne sie vorhandene Ernährung. Wie die Muskelirrita- 
bilität aliein es erklärt, dass die Innervation des Muskels eine 
Contraction zum Gefolge hat, so erklärt die nutritive Erregbarkeit 
der einzelnen Theile, dass der Einfluss trophischer Nerven die 
Aufnahme und Assimilation der Nahrungsstoffe anregen kann. 

Es ist aber für die pathologische Auffassung äusserst wichtig 
zn wissen, dass ein Theil, der in Folge seiner Energie und in 
Folge einer Reizung eine grosse Quantität von Material in sich 
aufiümmt, deshalb nicht *nothwendiger Weise in einen dauerhaften 
Zustand der Yergrösserung zu gerathen braucht, sondern dass im 
Gegentheile gerade unter solchen Verhältnissen oft eine nachträg- 
liche Störung in der inneren Einrichtung hervortritt, welche den 
Bestand des Theiles in Frage stellt und welche der nächste Grund 
wird für den Untergang desselben. Jedes Gewebe besitzt erfah- 
rungsgemäss nur gewisse Möglichkeiten nnd Grade der Vergrösse- 
rung, innerhalb deren es im Stande ist, sich regelmässig zu con- 
serviren; wird dieser Grad, und namentlich schnell, überschritten, 
so sehen wir immer, dass für das weitere Leben des Theiles 
Hindernisse erwachsen, und dass, wenn der Prozess besonders 
acut von Statten geht, eine Schwächung des Theiles bis zu voll- 
ständigem Vergehen desselben eintritt. 

Vorgänge dieser Art bilden schon einen Theil jenes Gebietes, 
das man in der gewöhnlichen Sprache der Entzündung zurech- 
net**). Eine Reihe von entzündlichen Vorgängen stellt in ihrem 



*) Handb. der spec. Pathol. und Ther. I. 338. 
••) ArchiY IV. 277, 314, 316. 

24 



372 Secbiehntes Capilel. 

ersten Anfange gar nichts weiter dar, als eine vermehrte Auf- 
nähme von Material in das Innere der Zellen, welche ganz der- 
jenigen ähnlich sieht, welche bei einer einfachen Hypertrophie 
stattfindet. Wenn wir z. B. die Geschichte der Bright'schen Krank- 
heit in ihrem gewöhnlichen Verlaufe betrachten, so er^bt sieb, 
dass das Erste, was man überhaupt in einer solchen Niere wahr- 
nehmen kann, darin besteht, dass im Innern der gewundenen and 
im üebrigen noch ganz intacten Uarnkanälchen der Binde die 
einzelnen Epithelialzellen , welche schon normal ziemlich gross 
sind, sich weiter Tergrössern. Aber sie werden nicht bloss sehr 
gross, sondern sie erscheinen auch zi^leicb sehr trübe, indem in 
das Innere der Zellen überall eine reichli- 
'*>'<"- chere Masse von eiweissartigem, körnigem 

Material eintritt. Das ganze HamkanSlchen 
wird durch diese Scbwelinng der Zellen 
breiter, und es erscheint schon für das 
blosse Auge als ein gewundener, weissli- 
cher, opaker Zog. Isoliren wir die einzelnen 
Zellen, was ziemlich schwierig ist, da die 
Cohäsion derselben schon zu leiden pflegt, 
so sehen wir sie erfüllt mit einer kCmigen 
Hasse, welche scheinbar nichts anderes enthält, als dieselben 
Körnchen , die auch nonnal im* Inneren der Drflsenzellen vorban- 
den sind. Ihre Anhäufung wird nm so dichter, je energischer und 
acuter der Prozess vor sich geht; ja, allmählich wird selbst der 
Kern undeutlich. Dieser Znstand von trüber Schwellung, wie 
ich ihn genannt habe, ist an vielen gereizten Theiten der Aus- 
druck der nutritiven Irritation. Er begleitet eine gewisse Form 
der sogenannten Entzündung, und macht einen nicht geringen 
Tbeil desjenigen aus, was man seit alten Zeiten als Entzüu- 
dangflgeBchwalst (Tumor inflammatorius) bezeichnete. 

Zwischen diesen schon degenerativen Vorgängen und der ein- 
fachen Hypertrophie finden sich gar keine erkennbaren Grenz^i. 
Wir können von vornherein nicht sagen, wenn wir einen solchen 
vergrOsserten, mit reichlicherem Inhalte verseheneu Theü antreffen, 

Fig, IGT. AbschniU eines gewuudeuen HaraldinälcheDS uis der Riode der 
Niere bei Morbus Bri)[btii. a die ziemlicb DOrmileD Epithelien, b ZusUad träbcr 

Scbwellung, r beginnende Tettige Uetamorpbose und Zerfall. Bei b und c grüsser« 
Breite des Kanals. Vergr. 300. 



Entzündliche Reizung. 373 

ob er sich noch erhalten oder ob er zu Grunde gehen wird, und 
daher ist es für den Anatomen, wenn er gar nichts über den 
Prozess weiss, durch den etwa eine solche Veränderung eingetre- 
ten ist, in vielen Fällen ausserordentlich schwierig, die einfache 
Hypertrophie von derjenigen Form der entzündlichen Prozesse zu 
scheiden, welche wesentlich mit einer Steigerung der Ernährungs- 
Aufnahme beginnt*). 

Auch bei diesen Vorgängen ist es nicht wohl möglich, den 
einzelnen Elementen die Fähigkeit abzustreiten, von sich aus auf 
eine Anregung, die ihnen direct zukommt, eine vermehrte Stoff- 
Aufnahme stattfinden zu lassen; mindestens widerstreitet es allen 
Erfahrungen, anzunehmen, dass eine solche Aufnahme das Resultat 
einer besonderen Innervation sein müsse. Nehmen wir einen nach 
allen Beobachtungen ganz nervenlosen Theil, z. 6. die Oberfläche 
eines Gelenkknorpels. Hier können wir, wie dies schon vor einer 
Reihe von Jahren durch die schönen Experimente von Red fern 
dargethan ist, durch direkte Reize Vergrösserungen der Zellen 
hervorbringen. Dasselbe beobachtet man im spontanen Ablaufe 
pathologischer Vorgänge. So zeigen sich nicht selten hügelartige 
Erhebungen der Knorpel - Oberfläche ; wenn wir solche Stellen 
mikroskopisch untersuchen, so finden wir, wie ich in einem frü- 
heren Capitel an einem Rippenknorpel zeigte (S. 26, Fig. 14), 
dass die Zellen, welche sonst ganz feine, kleine, linsenförmige 
Körper darstellen, zu grossen, runden Elementen anschwellen, 
und in dem Maasse, als sie mehr Material in sich aufnehmen, 
ihre Grenzen hinausschieben, so dass endlich die ganze Stelle 
sich höckerig über die Oberfläche erhebt. Nun gibt es aber in 
dem Gelenkknorpel gar keine Nerven; die letzten Ausstrahlungen 
derselben liegen in dem Marke des zunächst anstossenden Kno- 
chens, welches von der gereizten Stelle der Oberfläche durch eine 
^^ — 1 Linie dicke, intacte Zwischenlage von Knorpelgewebe ge- 
trennt sein kann. Es wäre nun gewiss ausser aller Erfahrung, 
wenn man sich vorstellen sollte, dass ein Nerv von dem Knochen- 
marke aus eine specielle Action auf diejenigen Zellen der Ober- 
fläche ausüben könne, welche der Punkt der Reizung gewesen 
sind, ohne dass die zwischen dem Nerven und der gereizten Stelle 
gelegenen Knochen- und Knorpelzellen gleichzeitig getroffen wür- 



•) ArchiY 1852. IV. 263. (Aus einer Vorlesung von 1847). 



374 Sechzehntes CapiteL 

den. Wenn wir durch einen Knorpel einen Faden ziehen, so dass 
weiter nichts, als ein traumatischer Reiz stattfindet, so sehen wir, 
wie alle Zellen, welche dem Faden anliegen, sich vergrOssera 
dnrch Aufnahme von mehr Material. Die Reizung, welche der 
Faden hervorbringt, erstreckt sich nur bis auf eine gewisse Ent- 
fernung in den Knorpel hinein, während die weiter abliegenden 
Zellen durchaus unberührt bleiben. Solche Erfahrungen können 
nicht anders gedeutet werden, ald dass der Reiz in der That auf 
die Theile einwirkt, welche er trifft; es ist unmöglich, zu 
schliessen, dass er auf irgend einem, der Doctrin vielleicht mehr 
entsprechenden Wege durch einen sensitiven Nerven zum Rücken- 
mark geleitet und dann erst wieder durch Reflex auf die Theile 
zurück geleitet werde. 

Freilich sind wenige Grewebe im Körper so vollständig ner- 
venlos, wie der Knorpel; allein auch dann, wenn man die nerven- 
reichsten Theile verfolgt, zeigt es sich überall, dass die Ausdeh- 
nung der Reizung oder, genauer gesagt, die Ausdehnung des 
Reizungsheerdes keinesweges der Grösse eines bestimmten Ner- 
venterritoriums entspricht, sondern dass in einem sonst normalen 
Gewebe die Grösse des Heerdes wesentlich correspondirt mit der 
Ausdehnung der localen Reizung. Wenn wir das Experiment mit 
dem Faden an der Haut machen, so wird durch denselben eine 
ganze Reihe von Nerventerritorien durchschnitten. Es werden aber 
keinesweges die ganzen Territorien der Nerven, welche an dem 
Faden liegen, in denselben krankhaften Zustand versetzt, sondern 
die nutritive Reizung beschränkt sich auf die nächste Umgebung 
des Fadens. Kein Chirurg erwartet bei solchen Operationen, dass 
etwa alle Nerventerritorien, welche der Faden kreuzt, in ihrer 
ganzen Ausdehnung erkranken. Ja, man würde sich in hohem 
Grade über die Natur beklagen müssen, wenn jede Ligatur, jedes 
Setaceum über die Grenzen, welche es zunächst berührt, hinaus 
auf* die ganze Ausbreitung der Nervenbezirke, welche es dorch- 
setzt, einen Entzündung erregenden Einfluss ausübte. An der 
Hornhaut lässt sich dies Verhältniss sehr klar verfolgen: an 
Stellen, wo keine Gefässe mehr hinreichen, liegen noch Nerven; 
sie besitzen eine netzförmige Anordnung und lassen kleinere Ge- 
websbezirke zwischen sich, welche frei von Nerven sind. Wenden 
wir nun irgend ein Reizmittel direkt auf die Hornhaut an, z. B. 
eine glühende Nadel oder Lapis infernalis, so entspricht der Be- 



Verbältniss des Nerven zur nutritiven Reizung. 375 

zirk, welcher dadarch in krankhafte Tbätigkeit versetzt wird, 
keinesweges einer Nervenausbreitong. Es kam einmal vor, als 
Hr. Fried r. Strube anter meiner Anleitung seine Untersuchun- 
gen fiber die Hornhaut machte*), dass die Aetzung bei einem 
Kaninchen gerade einen stärkeren Nervenfaden traf, allein die Er- 
krankung fand sich nur in der nächsten Umgebung dieser Stelle, 
keinesweges im ganzen Gebiete des Nerven. 

Hau kann also, auch wenn man Erfahrungen, wie ich sie 
vom Knorpel angeführt habe, nicht gelten lassen will, durchaus 
nicht umhin, zuzugeben, dass die Erscheinungen der Reizung an 
nervenhaltigen Theilen keine anderen sind, als an nervenlosen, 
und dass der nächste EiFect wesentlich darauf beruht, dass die 
umliegenden Elemente sich vergrössern, anschwellen, und wenn 
es ihrer viele sind, dadurch eine Geschwulst des ganzen Theiles 
entsteht. Das ist es, was man beobachtet, wenn man irgendwo 
einen Ligaturfaden durch die Haut hindurchzieht. Untersucht man 
am folgenden Tage die nächste Umgebung des Fadens, so sieht 
man die active VergrOsserung der zelligen Elemente, ganz unbe- 
schadet der Gefäss- oder Nervenverbreitungen, welche vorhan- 
den sind. 

Es liegt hier, wie man sieht, ein wesentlicher Unterschied 
vor von denjenigen Ansichten, welche man gewöhnlich über die 
nächsten Bedingungen dieser Schwellungen aufgestellt hatte. Nach 
dem alten Satze: Ubi Stimulus, ibi affluxus, dachte man sich ge- 
wöhnlich, dass das Nächste, welches einträte, die vermehrte Zu- 
strömung des Blutes sei, welche von den Neuropathologen wieder 
zurückgeführt wurde auf die Erregung sensitiver Nerven, und 
dass dann die unmittelbare Folge der vermehrten Zuströmung eine 
vermehrte Ausscheidung von Flüssigkeit sei, welche das Exsudat 
constituire, das den Theil erfüllt. 

In den ersten schüchternen Versuchen, welche ich machte, 
diese Auffassung zu ändern, habe ich deshalb auch noch den Aus- 
druck des parenchymatösen Exsudates gebraucht**). Ich 
hatte mich nehmlich überzeugt, dass an vielen Stellen, wo eine 
Schwellung erfolgt war, absolut nichts weiter zu sehen war, als 



*} Fr. Strube. Der normale Bau der Cornea und die pathologischen AI)- 
weicbungen in demselben. Inaug. Diss. Würzb. 1851, S. 23, 
') ArchiY IV. 261, 274. 



••^ 



376 Sechzehntes Capitel. 

die bekannten Theile des Gewebes (Parenchym). An einem Ge- 
webe, welches ans Zellen besteht, sah ich anch nach der Schwel- 
lung (Exsndation) nur Zellen, an Geweben mit Zellen und Inter- 
cellularsnbstanz nur Zellen und Intercellnlarsabstanz, — die ein- 
zelnen Elemente allerdings grösser, voller, mit einer Menge von 
Stoif erfüllt, mit welcher sie nicht hätten erfüllt sein sollen, aber 
kein Exsudat in der Weise, wie man sich dasselbe bis dahin 
dachte, frei oder in den Zwischenräumen des Gewebes. Alle Hasse 
war innerhalb der Elemente, im eigentlichen Parenchym des Or- 
ganes enthalten. Das war es, was ich mit dem Ausdrucke des 
parenchymatösen Exsudates sagen wollte, und wovon ich den 
Namen der parenchymatösen Entzündung ableitete. Allerdings ist 
dieser Name schon vor mir gebraucht worden, aber in einem an- 
deren Sinne, als der war, den ich meinte, und der seitdem gang- 
barer geworden ist, als es nothwendig war. Ich sprach von Ex- 
sudat, insofern damals (1846) alle im Laufe krankhafter Vorgänge 
an die Oberfläche oder in das Innere der Theile tretenden Stoffe 
unter diesem Namen zusammengefasst wurden. Indess schon sehr 
frühzeitig führte ich diese Art der Exsudate auf Abweichungen 
der Emährungsströme (Osmose) zurück. Nachdem ich später 
die nutritive Activität der organischen Elemente, die Ansaugung 
der Flüssigkeiten durch die Zellen als das Entscheidende kennen 
gelernt hatte, erschien der Ausdruck Exsudat allerdings ganz un- 
genau, und ich habe längst aufgehört, ihn für diese Zustände za 
gebrauchen. Parenchymatöse Schwellung drückt das Be- 
sondere derselben vollständig aus. Dieser Ausdruck besagt, dass 
eine besondere Form der Reizung besteht, welche von anderen 
Formen bestimmt unterschieden werden muss, insofern hier die 
einmal gegebenen constituirenden Elemente des Gewebes eine 
grössere Masse von Stoff in sich aufnehmen, sich dadurch ver- 
grössern und anschwellen, während ausserhalb dieser vergrösserten 
Elemente weiter nichts vorhanden ist. Es handelt sich dabei also 
um eine Art von acuter Hypertrophie mit Neigung zur 
Degeneration. 

Ein besonderes charakteristisches Beispiel solcher Entzündung 
mag folgender Fall zeigen. Es war dies eines der auffälligsten 
Beispiele, welche mir vorgekommen sind. Es handelte sich dabei 
um eine sogenannte Keratitis. Bei einem Kranken des Herrn 
von Gräfe fand nach heftiger diffuser phlegmonöser Entzündung 



Hornhaut- Entzündung. 377 

der Extremit&ten eine Sasserat schnelle entzündliche Trübung der 
Hornhaut statt. Als mir die Hornbaat übergeben warde, schien 
es mir, als ob sie in ihrer ganzen Dicke andarchsicfatig und Re- 
schwollen w&re. Die Geßlsse des Randes waren stark mit Blut 
gefüllt. Als ich aber die Hornhaut durch einen senkrechten Schnitt 

Fig. tDB. 



IQ zwei Uülften zerlegte, und parallel der SchnittHäche verticale 
Darchscbnitte führte, so ergab sich alsbald, schon bei schwacher 
VergrOsserung, dass die Trübung keinesweges gleicbmüssig durch 
die ganze Ausdehnung der Homhautschnitte ging, sondern sich 
auf eine bestimmte Zone beschrünk4£. Diese Zone ist so charak- 
teristisch in Beziehung auf die verschiedenen möglichen Deutun- 
gen, dass der Fall, wie ich glaube, ein ganz besonderes Interesse 
für die Prüfung der Theorie darbietet. 

Es zeigte sich nämtich, dass die Trübung unmittelbar vom 
Rande der Hornhaut begann, und zwar nur an der hinteren (in- 
neren) Seite, dicht an der Descemetscbcn Haut, da wo sich die 
Iris anschliesst. Von da stieg die Trübung fast treppenförmig in 
dem llornhautachnitt nach vorne hinauf bis in einige Entfernung 
von der äusseren Oberfläche. Ohne letztere zu erreichen, ging sie 
gleichmässig bis zur Mitte der Hornhunt fort, um auf der anderen 
Seite in ähnlicher Weise wieder herttnterzngehen. So bildete sich 



Fig. 108- Parenchymat.'.,'JC Keratitis. Uurchsohnitt (iuri'h die Hälfte der 
Cornea. A, A »ordere (äussero), li, B hintere {innere) -Seite der nornluiut. 
(', C die getrübte Zone mit vergr.'p>stTten Hornhautkilriiercheu. Vergr. 18. 



378 Sechzehntes Gapitel. 

ein trüber Bogen durch die ganze Ausdehnung des Hornhaut- 
Schnittes hindurch, welcher die äussere (vordere) Oberfläche nir- 
gends erreichte und auch die mittleren Theile der hinteren Fläche 
frei liess. Denkt man sich die EmähruDg der Hornhaut ausge- 
hend vom Humor aqueus, so passt diese Form der Trübung nicht, 
denn man müsste vielmehr erwarten, dass dann zunächst die (in- 
nerste) hinterste Schicht in ihrer ganzen Ausdehnung verändert 
würde. Handelte es sich umgekehrt um eine Einwirkung von 
aussen, so müsste die Trübung in den änssersten Schichten liegen. 
Hinge die Trübung wesentlich ab von den Gelassen, so würden 
wir, da die Gefässe nur am Rande und mehr an der vorderen 
Fläche liegen, hier die Haupt-Erkrankung haben erwarten können. 
Gingen endlich die Veränderungen von den Nerven aus, so wür- 
den wir eine netzförmige Verbreitung, aber nicht einen Bogen in 
dem Durchschnitt finden. 

Den Bau der Hornhaot habe ich schon früher (S. 125) be- 
sprochen. Ich führte an, dass er im Allgemeinen blätterig (la- 
mellös) sei, dass aber die Blätter nicht wirklich getrennt seien, 
sondern vielmehr unter einander zusammenhingen, indem eine 
überall continuiriiche Grund- oder Intercellularsubstanz durch re- 
gelmässige Lagen von Zellen (Hornhautkörperchen) in parallele 
Schichten abgetheilt würde. Der vorliegende Fall zeigt also auch 
darin eine Besonderheit, dass die Trübung nicht in denselben 
Schichten (Blättern, Lamellen) 'blieb, sondern dass sie, indem sie 
sich von einem Blatte zum anderen fortsetzte, eines nach dem 
anderen wieder verliess, um in das nächst höhere oder tiefere 
fortzugehen. Woraus bestand nun aber die, zugleich mit An- 
schwellung der Hornhaut verbundene Trübung oder kurzweg, die 
trübe Schwellung? Etwa in der Art, wie man sich dies früher 
meist vorstellte, aus einem zwischen die Hornhautblätter ergosse- 
nen, einem sogenannten interstitiellen Exsudate? Im Gegentheil, 
bei stärkerer Vergrösserung zeigte sich sofort, was man übrigens 
bei jeder Form von Keratitis constatiren kann, dass die Verän- 
derung wesentlich an den Körpern oder Zellen der Hornhaut be- 
stand. In dem Maasse, als man sich von aussen oder innen her 
der getrübten Stelle näherte, sah man die kleinen und schmalen 
Elemente der normalen Theile immer grösser und trüber werden. 



•) ArchiT IV. 285. XIV. 53. 



Keratitis. 379 

Zuletzt fanden eich an ihrer Stelle starke, fast kanalartige Züge 
oder Schläuche. Wahrend diese Vergrössenmg der Elemente, 
diese, wie gesagt, acate Hypertrophie erfolgt, wird zugleich 

Flg. 10». 



der Inhalt der Zellen trüber, und diese Opacitftt des Inhaltes ist 
es, welche wiederum die Trübung der ganzen Haut bedingt. Die 
eigentliche Grand- oder Intercellularsubstanz kann dabei vollkom- 
men frei sein. Die Trübung hinwiederam war durch die Anwe- 
senheit feiner Eömchen bedingt, welche zum Theil fettiger Natur 
waren, so dass der Prozess schon einen degenerativen Charakter 
anzunehmen schien. Ich würde auch gar kein Bedenken getragen 
haben, zu glauben, dass hier eine Zerstörung der Hornhaut wirk- 
lich eingeleitet war, allein Herr von Gräfe*) versicherte mich, 
dass nach seiner Erfahrung eine solche Keratitis sich bei glück- 
lichem Verlaufe vrieder znrückbilden k(>nne. In der Sache liegt 



Fig. 109. PBrcnchTinalüse Keratitis (vcrgl. Fig. 108) bei st&rkerer Ver- 
grössening. Bei A die Ilornhautkürperchen in fa.it DormBler Weise, bei B Ter- 
grössert. bei C und U noch »larker vergrüsscrt und zueleich getrübt Ver- 
grüss. 330. 

*) A. T. GräTe geborte im Jahre IS.^8, als ich diese Vorträge hielt, tM meinen 
fleisaJKstea Zuhörern. Ich v&r ebenso überrascht, als eerübri, als ich in diesen 
Tagen in einem Exemplare der Cellular- Pathologie aus seliiem Nachla.ise noch 
die von seiner Hand gest^hriebeneu Notiien fand, in denen er den Gang der Vor- 
trige für sich verzeichnet halle. 



380 Sechzehntes Capitel. 

auch dnrchans nichts, was dieser Möglichkeit widerstreitet; da die 
Zellen noch existiren und nnr ihr veränderter Inhalt durch Reso- 
lution und Resorption weggeschafft werden muss, so kann ja eine 
vollständige Restitution eintreten. 

Gerade dieser Gesichtspunkt der einfach nutritiven Re- 
stitutionsfähigkeit so veränderter Gewebe ist es, der für die 
praktische Auffassung eine sehr grosse Bedeutung hat. Hier, wo 
weiter nichts vorgegangen ist, als dass die Elemente vermöge 
ihrer Activität eine grössere Masse von Stoff* in sich aufgehäuft 
haben, hier kann möglicher Weise auch der üeberschuss von Stoff 
wieder entfernt werden, ohne dass die Elemente angegriffen wer- 
den. Die Elemente können einen Theil dieses Inhaltes umsetzen, 
in lösliche Stoffe verwandeln (Resolution), und das Material kann 
in dieser löslichen Form auf demselben Wege, auf dem es ge- 
kommen, wieder verschwinden (Resorption). Die Structur des 
Gewebes im Grossen bleibt dabei dieselbe; es ist nichts Neues 
oder Fremdartiges zwischen die Theile eingeschoben; das Gewebe 
bleibt in seiner natürlichen Anlage und in seiner ursprunglichen 
Zusammensetzung unverändert. 

Das ist die parenchymatöse Entzündung, der höchste Grad 
der nutritiven Reizung, ein Vorgang, der sich unmittelbar an die 
Hypertrophie anschliesst und der nur dadurch, dass in sehr kur- 
zen Zeiträumen die beträchtlichste Aufnahme von neuem Stoff in 
die Elemente des Gewebes stattfindet, die Gefahr des inneren Zer- 
falls, der nachfolgenden Degeneration mit sich bringt. Denn ob- 
wohl die Elemente als die eigentlich thätigen, activen Theile die 
Stoffe an sich ziehen und in sich aufnehmen, so kann es doch 
sein, dass sie dieselben nicht assimiliren, dass dieselben keine 
dem natürlichen Mischungsverhältnisse des Zellenkörpers homologe 
Beschaffenheit erreichen und so die Constitution desselben zer- 
rütten*). Der gewöhnliche Ausgang des Prozesses ist daher die 
Nekrobiose, wobei entweder eine direkte Erweichung, oder, was 
noch häufiger und bei subacutem und chronischem Verlaufe die 
Regel ist, Fettmetamorphose eintritt. Auf den activen Anfang 
folgt demnach ein passives Ende. Wenn man den ersteren eine 
Entzündung nennt, so kann man sagen, es gehe die parenchyma- 



•) Archiv XIV. 35. 



Parenchymatöse Entznndr*ig. 381 

tOse Entzündung in Erweichung oder Fettmetamorphose aus. 
Letztere sind spätere Stadien oder Ausgänge der Entzündung. 

Die parenchymatösen Entzündungen gehören mit zu den 
allerhäufigsten und zugleich schwersten Erkrankungen des Men- 
schen. Sie begleiten*) insbesondere die Mehrzahl der von mir so 
genannten Infectionskrankheiten : die acuten Exantheme (Schar- 
lach, Pocken), den Typhus, die Puerperal- und Wundfieber, die 
phlegmonösen und erysipelatösen Prozesse, viele Intoxicationen. 
Nicht selten findet man sie gleichzeitig an zahlreichen Organen 
des Körpers, namentlich an den Nieren und der Leber, dem Her- 
zen und den willkürlichen Muskeln, so jedoch, dass bei einzelnen 
Infectionskrankheiten dieses, bei anderen jenes Organ stärker und 
häufiger ergriffen zu sein pflegt. 

Manche haben bezweifelt, ob man in der That ein Recht 
habe, diese Vorgänge als Entzündungen und als unmittelbare 
Wirkungen der Entzündungsursache anzusehen. Insbesondere ist 
die Meinung aufgestellt, die parenchymatösen Veränderungen seien 
nur die Folge primärer Veränderungen in dem Interstitialgewebe. 
An den Nieren z. B. erkranke das Epithel nur deshalb, weil das 
umgebende Bindegewebe verändert sei. Ich muss dies bestimmt 
in Abrede stellen. Es gibt sehr ausgedehnte interstitielle Nephri- 
tiden, bei denen das Epithel wenig oder gar nicht verändert wird, 
und ebenso die allerstärksten parenchymatösen Formen, bei welchen, 
wenigstens von Anfang an, das Interstitialgewebe ganz intact ist. 
Ich möchte aber rathen, diese Frage überhaupt nicht an den 
zusammengesetzten Organen zu studiren. Wählt man ein Organ, 
wie die Niere, in welchem ausser dem specifischen Parenchym 
(den mit Zellen besetzten Eanälchen) noch interstitielles Gewebe 
vorhanden ist, so geräth man in eine eigenthümliche Schwierigkeit, 
an welcher die von mir gewählte, in dieser Beziehung nicht ganz 
glückliche Terminologie die Schuld trägt. Der von Erasistratus 
herstammende Name des Parenchyms, als Ausdruck für die Sub- 
stantia propria, schafft hier einen Gegensatz zwischen dem epi- 
thelialen und dem bindegewebigen Antheil, der an anderen Orga- 
nen nicht vorhanden ist. An der Hornhaut nennen whr gerade 
den bindegewebigen Antheil Parenchym und trennen von demsel- 
ben das vordere und hintere Epithel als besondere Häute. Paren- 



) Gesammelte Abhandlungen 701, 703. 



382 Sechzehntes Capitel. 

chymatOse Keratitis hat daher in Beziehung auf das befallene Ge- 
webe einen ganz anderen Sinn, als parenchymatöse Nephritis. In 
Beziehung auf den Prozess aber, und darauf kam es mir für die 
Terminologie allein an, besteht die vollstäodigste Uebereinstim- 
mung, denn es sind in beiden Fällen die Gewebselemente selbst, 
welche die Veränderung und zwar eine acute, irritative Ernäh- 
rungsstörung erfahren. Zweifelt jemand daran, ob diese wirklich 
irritativ sei, so möge er doch die Untersuchung an einfachen Thei- 
len, wie die Hornhaut, das Bindegewebe, die Knorpel, beginnen. 
Hier lassen sich durch mechanische, thermische, chemische Reizung 
die vollkommensten Formen der parenchymatösen Entzündung her- 
vorrufen. — 

An die Vorgänge der nutritiven Reizung schliessen sich sehr 
oft unmittelbar die Anfänge formativer Veränderungen an. 
Wenn man nehmlich an bestimmten Theilen die fortschreitende, 
sich steigernde Reizung verfolgt, so sieht man, dass die Elemente 
oft kurze Zeit, nachdem sie eine nutritive Vergrösserung erfahren 
haben, weitere Veränderungen zeigen, welche nicht mehr der Ernäh- 
rung angehören. Meist beginnen die letzteren im Inneren der Kerne*). 







Gewöhnlich ist das Erste, was man wahrnimmt, dass das Kern- 
körperchen (Nucieolus) ungewöhnlich gross, in vielen Fällen etwas 




Fig. 110. Elemente aus einer Yon Herrn Textor 1851 exstirpirten meU- 
notiscben Geschwulst an der Parotis. A Freie Zellen mit Tbeilung der Kem- 
körpercben und Kerne. B Netz der Bindegewebskörpercben mit Kemtheilong. 
Vergr. 300. 

*) Ueber die Theilung der Zellenkeme. Archiv XL 89. 



Kernlheilnng. 3g 3 

l&Dglich, zaweilen BtSbchennrmig wird. Dann folgt als nächstes 
Stadinm, dass das KernkOrperchen eine Einscbnürnng bekonamt, 
biBqaitfönnig wird; etwas später findet man zwei Eernkörpercben. 
Diese Tbeilnng der EernkOrperchen bezeichnet das bevorstehende 
Theilen des Eeraes selber. Das folgende Stadiom ist dann, dass 
nm einen solchen getheilten Kernk&rper aach eine biBqnitfömiige 
EinacbnOning oiid später eine wirkliche Theilnng des Eemes zn 
Stande kommt, wie wir sie schon früher bei den farblosen Blnt- 
nnd Eiterkörperchen gesehen haben (Fig. 8, A b. 65. 72). Hier 
handelt es sieb offenbar am etwas wesentlich Anderes, als vorhin 
tei der natritiven Reizung. Bei- der einfachen oder degenerativen 
Hypertrophie bleibt, zonächst wenigstens, der Eern ganz intaet; 
hier dagegen, bei der formaüven Reizni^, wird der Kern häufig 
sehr früh verändert, während der Zellkdrper eine relativ geringe 
Abweichung erfährt, böchsteos dass er gr&sser wird, woraus wir 
schliessen, dass eine gewisse Menge von nenem Inhalt aofgenom- 
mea ist 

In manchen Fällen beBchränken sich die Veränderungen auf 
diese Reihe von Umbildnngeo, als deren Schlass die Tbeilnng des 
Kernes zn betrachten ist. Diese kann sich wiederholen, so dass 
3, 4 Kerne nnd mehr entstehen (Fig. 16, b, c, d). So kommt 
es, dass wir zuweilen Zellen finden, nicht bloss imter pathologi- 
schen Verhältnissen, sondern ancb nicht selten bei ganz normaler 
Eatnickelnt^;, welche 20 — 30 Kerne and noch mehr besitzen. 



?ö 



Im Harke der Knochen, namentlich bei jungen Kindern, finden 
sich amfangreiche Gebilde, welche ganz voller Kerne stecken, 



Fig. 111. HArkielleD des Enochsna. n Klein« Zellen mit einfachen nnd 
relheilien Kernen, b, b Grosse, lielkeniige Elemenle. Vergr. 3&0. Nach Kol- 
li k er Hikr. Änat. I. 364. Fig. 113. 



384 Sechzehntes Gapitel. 

und in welchen die Kerne zuweilen so gross werden, wie die 
ganze nrsprfingliche Zelle. Robin, der sie zuerst anfTand, aber 
ihre zellige Natnr nicht erkannte, nannte sie aus letzterem Grande 
vielkernige Platten (plaques ä plusieurs noyaux) und neuerlichst 
Markplatten (myeloplaxes). Indess sind es wirkliche, vergrösserte 
Zellen. Aber sie sind nicht auf das Knochenmark beschränkt son- 
dern sie finden sich, besonders unter pathologischen Verhältnissen, 
an den verschiedensten Orten. Eine Reihe solcher Beispiele habe 
ich früher*) zusammengestellt und durch Abbildungen erläutert, 
darunter auch das von Frey hervorgehobene, jedoch nicht ganz 
richtig gedeutete Vorkommen solcher Gebilde in Lymphdrüsen; 
Dieselben Bildungen kommen besonders in manchen GeschwQlsten 
80 massenhaft vor, dass man in England danach eine besondere 
Geschwulst -Species unterscheidet, welche nach dem Vorschlage 
von Paget als Myeloid-Tumor (Markgeschwulst) in die Clas- 
sification aufgenommen ist. Der jüngere N61aton hat sie später 
als Tumeur ä myeloplaxes wieder beschrieben. Ich kann eine 
besondere Species von Geschwulst darin nicht erkennen; es sind in 
der Regel sarcomatöse Formen**). Jede ausschliessliche Beziehung 
zum Knochenmark muss diesen Zellen abgesprochen werden. Denn 
sie finden sich auch in Geschwülsten der Weichtheile , die gar 
nichts mit Knochen zu thun haben, und, wenngleich weniger 
gross, in lymphatischen Neubildungen, z. B. beim Typhus, bei 
Tuberkulose, bei der Perlsucht des Rindviehs***). Ich habe daher 
denselben den allgemeinen Namen der Riesenzellen (cellulae 
giganteae) beigelegt (S. 95, Fig. 31). 

Der gereizte Muskel zeigt ganz ähnliche Formen f). Während 
für gewöhnlich die quergestreiften Muskeln in gewissen Abständen 
mit Kernen, jedoch nicht sehr reichlich, versehen sind, so finden 
wir, wenn wir einen Muskel in der Nähe einer gereizten Stelle, z. B. 
einer Wunde, einer Aetzungs- oder Geschwürsfläche, einer Trichine 
untersuchen, dass in den Primitivbündeln eine Vermehrung der Kerne 
vor sich geht. Zuerst bemerkt man Kerne mit zwei Kemkörperchen; 
dann kommen eingeschnürte, dann getheilte Kerne (vgl. Fig. 25, 6, r. 
26, ß, C), und so geht es fort, bis wir an einzelnen Stellen, wo 



•) Archiv XIV. 46. 
••) Geschwülste IL 209, 316, 337. 
•••) Ebendas. II. S. 618, 637, 638, 672, 746. 
t) Archiv IV. 313. XIV. 51. Taf. I. Fig. 3 r. 



i. 



Formative Muskelreiiung. 3g5 

die Tbeilangea BoaeseDhaft geschehen sind, ganze Grnppeo von 
Keinen oebeo einander, oder ganze Reihen derselben hinter ein- 




ander finden (Fig. 112). lo den ausgesprochenen Ffillen dieser 
Art nimmt die Zahl der Kerne so sehr zn, dass man auf den 
ersten Blick kanm noch Mnskeln za sehen glaubt, und dass 
Bruchstücke der Primitivbüadel die grfisste Aehnlichkeit darbieten 
mit jenen Plaqaes ä plusieurs noyaax im Knochenmark. Diese 
excessive Vermehrang der Kerne, Nacleation*) ist etwas ganz 
Eigenthümliches , welches scfaoa an den Anfang einer wirklichen 
Neubildung anstreift, obwohl die Neubildung im gewöhnlichen 
Sinne eich nicht auf einzelne Theile der Zellen beschränkt. Aber 
gerade für die Uuskeln ist es sehr wichtig, dass genau dieselbe 
Bestihr&nkuDg bei der ersten embryonalen Bildung, im Laufe des 
ersten Wachsthums der Muskelprimitivhündel stattfindet. Denn 
dies ist der Uodus, wie der Muskel ursprünglich wächst. Wenn 



Fig. 112. Kemlfaeiluni! in MuHkel primitiv bündeln des OberscheDlets im 
Umfuge einer Krebseescbnulst. Bei A ein Primilivbiindel, itessea Querst reifimg 
nirht öberall aiis^efülirt «ordpii ist, mil seinem n*tiirlirhen , spindeirörmigen 
Ende /, und mit beginnender KernvennehrunR. li Starke Kcmwucheruiig. Ver- 
gröss. 30U. 

•) Artbiv XIV. (12. 



386 Sechzehntes Capitel. 

man einen wachsenden Mnskel verfolgt, so sieht man dieselbe 
Theilung der Kerne; nachdem Gmppen und Reihen von Kernen 
in ihm entstanden sind, so schieben sich diese beim Wachsen 
durch immer reichlichere Zwischenmasse allmählich ans einander. 
Obwohl nun ein L&ngenwachsthnm an dem pathologisch gereizten 
Muskel nur dann mit Sicherheit demonstrirt werden kann, wenn 
der Muskel zugleich ausgedehnt wird, wie dies durch die Span- 
nung unterliegender Geschwülste, am Herzen durch Widerstände 
der Circulation geschieht, so müssen wir doch die vollkommene 
Analogie mancher krankhaften Reizungsvorgänge am Muskel mit 
den natürlichen Wachsthumsvorgängen als eine sichere Thatsache 
festhalten. Denn der bildende Akt des wirklichen Wachsthums 
beginnt mit einer Vermehrung der Centren, und als solche müssen, 
wie schon vor langer Zeit John Goodsir gezeigt I^at, die Kerne 
in Beziehung auf die Zellen betrachtet werden*). 

Geht man nun einen Schritt weiter in der Betrachtung dieser 
Vorgänge, so konunen wir an die Neubildung der Zellen 
selbst (Cellulation). Nachdem die Wucherung der Kerne 
stattgefonden hat, so kann allerdings, wie wir gesehen haben, die 
Zelle als zusammenhängendes Gebilde sich noch erhalten, allein 
die Regel ist doch, dass schon nach der ersten Kemtheilung die 
Zellen selbst der Theilung verfallen, und dass nach einiger Zeit 
zwei, dicht neben einander liegende, durch eine mehr oder weni- 
ger gerade Scheidewand getrennte, je mit einem besonderen Kern 
versehene Zellen gefunden werden (Fig. 9, i, b). Fissipare 
Bildung ist der regelmässige Modus der Vermehrung onganischer 
Elemente. Die beiden durch die Theilung entstandenen Zellen 
können später auseinander rücken, wenn es ein Gewebe ist, wel- 
ches Intercellularsubstanz erzeugt (Fig. 9, r, cf), oder dicht an- 
einander liegen bleiben, wenn es sich um ein bloss aus Zellen 
bestehendes Gewebe handelt (Fig. 29, C). Bei weiterem Verlaufe 
kann eine immer fortgehende Theilung der Zellen stattfinden und 
zu dem Entstehen grosser Zellengruppen aus ursprünglich eing- 
ehen Elementen führen (Fig. 14. 23). 

Am bequemsten übersieht man dies am wachsenden oder ge- 
reizten Knorpel. Durch die fortgesetzte Theilung der ursprünglich 
einfachen Knorpelzellen entstehen anfangs kleine Häufchen ver- 



•) ArchW rV. 383. IX. 43. XIV. 32. 



Knorpel-Wachatbum. 387 

hKltnissnillasig kleiner Zellen. Letztere vermehren eich vod Nenera 
fissipar, die Hänfcben werden grosser. Endlich wachsen auch die 



neugebildeteo Zellen dnrch Intussnsception neuer Stoffe und zn- 
letzt werden sie grösser, als die nrsprfiDglirhen Zellen, von denen 
sie ausgegangen sind. Es war dies der Punkt, wo ifh zuerst anf 
die DebereiDstinamang des thierisrhcn Warhsthnms mit dem pflanz- 
lichen aufmerksam wurde*), ond von wo aas ich allmählich das 
Gesetz der contiDalrlichen Entwickelnng (S. 24) darcli immer mehr 
ausgedehnte Untersuchungen aufbauen konnte. 

Der plastische Vorgang ist natürlich am einfnchMten zu über- 



Fig. 113, I. Wncbernng (Proliferation) des wachsenden Diapbynenknorpels 
TOn der Tibia eines Kiodes. l.äni^sschnilt. <i Die zum Theil eiiifarhen, zum 
Theil in die Wucherung eintretenden Knor[)elel erneute in der Epiphysen grenze. 
b I)ie durch wiederholte Theilung einfacher Zellen eutstanilenen /.oilengruppen. 
c Die durch Wachsthum und VergriJssermiR der einielneo Zellen liedeutend ent- 
wickeTlen Zeilengrappen gegen den Verkattun|rsraiid der Diaphyse hin; die 
Intercellularsubatani ImiDer apirlicher. d Durchachnitl eines Blutgeßsses. Ver- 
gröSB. 150. 

•) Archiv (1849) III. 220. Einheit 8V>p>lrehunccn in der wissenschaftlichen 
Uedlcin. Berlin 1849. S. 35. Gesammelte Abhaudl. 43. Archii S.l\. 38. 

25' 



ßSS Sechzehntes Capite). 

sehen in Geweben, welche ganz und gar ans Zellen bestehen, da- 
her am besten am Epithel. Er ist hier nm so mehr charakteris- 
tisch, als wenigstens die geschichteten Epithelien fort und fort 
in der Nenbildnng begriffen sind nnd in ausgezeichnetem Sinne 
abfällige Gewebe (S. 70) darstellen. Das Haar wächst, indem 
immer neue Elemente an seiner Zwiebel gebildet werden, welche 
die älteren vor sich her schieben; das Nageiblatt wird durch 
immer nenen Nachwuchs vom Falze her über das Nagelbett fort- 
gedrängt (S. 34); die Epidermis selbst regenerirt sich fortwährend 
ans den oberen Lagen des Rete Malpighii. Aehnlich verhält es 
sich mit den lymphatischen Drüsen, deren Zellen immer neu ent- 
stehen nnd als vollständig getrennte Elemente sich von einander 
scheiden. 

Ungleich verwickelter sind die Verhältnisse in bindegewebigen 
Theilen, wo die neuen Zellen um sich wieder Intercellnlarsubstanz 
ausscheiden und diese oft so reichlich wird, dass die Zellen da- 
durch ganz in den Hintergrund der Betrachtung gedrängt werden. 
Bis zu dem Augenblicke, wo ich die Struktur des Bindegewebes 
kennen lehrte, richtete sich daher auch die Aufmerksamkeit fast 
ausschliesslich auf die Intercellnlarsubstanz oder, wie man oft 
sagte, auf die Fasern, und die wunderbarsten Theorien der Neu- 
bildung bauten sich auf dieser missverstandenen Interpretation 
der Gewebsstruktur auf. In Wahrheit geht die Bildung des Bin- 
degewebes ebenso durch Vermehrang der Zellen vor sich, wie die 
der epithelialen Formationen, und in günstigen Objecten kann 
man sogar die Reihen der jungen Elemente weit sicherer wahr- 
nehmen, da sie durch die Intercellnlarsubstanz festgehalten and 
gleichsam eingemauert sind. An der Stelle einzelner Spindelzeilen 
sieht man dann zuweilen lange Reihen semmelfOrmig an einander 
gereihter Rundzellen; ja in einzelnen Fällen findet man im An- 
schlüsse an einen Grundstock von Spindelzellen zahlreiche aus- 
strahlende Reiben von jungen, theils länglichen, theils rundlichen 
Zellen, welche die junge Brut des durch die Reizung veränderten 
Nachbargewebes darstellen (Fig. 113, IL). Je langsamer und 
anhaltender die Vermehrung erfolgt, um so mehr überzeugend 
sind die Objecto, und daher eignen sich Geschwulsttheile dazu 
im Ganzen mehr, als entzündliche Neubildungen. 

Den Vorgang der Zellen Vermehrung nenne ich Wucherung, 



Proliferation*). Was im wachsendeu KOrpor als Ansdruclv 
eines tmbekannten, von der Befrachtung her fortdaaemden , im- 
manenten Reizes, den ich den Wachathamsreiz nennen will, 
erfolftt, das tritt im erwachsenen KOrper als das Resultat eioer 
direkten Reizong der Gewebe ein. Kehren wir z. B, aaf den 
Fall zurück, welchen wir vorhin betrachteten, dass ein einfach 
mechanischer Reiz durch das Einziehen eines Fadeus in die 
Tbeile gesetzt wird, so beschränkt sich in der Regel die ein- 
tretende Schwellung nicht einfach auf die VergrOssening der be- 
Btebenden Elemeote (nutritive Reizung), sondern es Snden Thei- 
tnngen und VermehruDgen derselben statt (fonnative Reizung). 
[m Umfange eines Fadens, welchen wir durch die Haut ziehen, 
zeigt sich gewöhnlich schoo am zweiten Tage eine Reihe von 



Fig. U:t, 11. Uikroskonischor Schnitt a 
feri. KcihcnneUe Proliferalion der ZcIleD m 
larsubätani. Vergr. 350. 

•) Spec. Paibol. und Ther. I. 330. 



390 Sechzehntes Capitel. 

jüDgen Elementen *}. Dieselbe Veränderung kann man dnrch einen 
chemisöhen Reiz hervorbringen. Wenn man z. B. ein Spanier an 
die Oberfläche eines Theiles applicirt, so ist das Nächste, dass 
die Zellen anschwellen, aber alsbald beginnen bei regelmässigem 
Fortgange der Reizung die Element^ sich zu theilen und es tritt 
eine mehr oder weniger reichliche Wucherung der Zellen ein. 

Ein Umstand erschwert das Studium dieser Neubildungs- Vor- 
gänge in hohem Maasse. Es ist dies die Auswanderung der 
farblosen Blutkörperchen, welche selbst iu das Innere von 
Geweben in grösserer Zahl eindringen und sich hier mit den Ele- 
menten der Gewebe mischen. In manchen Fällen ist es unmög- 
lich zu erkennen, was ausgewandert und was neugebildet ist. 
Viele der neueren Beobachter, welche sich nur vorübergehend mit 
Forschungen dieser Art beschäftigt haben, sind daher auf den 
schon von G. Zimmermann aufgestellten Satz zurückgekommen, 
dass alle Neubildung von den farblosen Blutkörperchen ausgebe. 
Einige haben das W^achsthum der epithelialen Gewebe auf Wan- 
derzellen zurückgeführt ; andere haben das Bindegewebe, die Mus- 
keln und Nerven daraus hervorgehen lassen. Diese Einseitigkeit 
ist, wie zum Theil schon durch umständliche, unter allen Cautelen 
vorgenommene Untersuchungen festgestellt ist, durchaus irrthüm- 
lich. Sie ist weder für die epithelialen, noch für die bindegewe- 
bigen Theile zulässig. Wie im Knorpel, bei dem meines Wissens 
noch niemand die jungen Elemente auf farblose Blutkörperchen 
gedeutet hat, die alten Zellen (Mutterzellen) sich theilen und 
neue Zellen (Tochterzellen) hervorbringen, unter deren Erzeu- 
gung sie selbst aufhören zu existiren, so bringen auch die Binde- 
gewebskörperchen durch progressive Theilung nene Brut hervor. 
Die epithelialen Zellen erleiden, wie Eberth, F. Uoffmann und 
Heiberg gezeigt haben, nicht selten eigenthümliche Gestaltver- 
änderungen, partielle Verlängerungen und Auswüchse, ehe sich 
ihre Theile von einander trennen. An Hornhautzellen hat Stricker 
vor der Theilung mancherlei amöboide Erscheinungen wahrgenom- 
men, welche der Mobilisirung dieser Elemente entsprechen. Von 
den Blutcapillaren weiss man schon seit langer Zeit, namenüicb 
durch Eölliker und Joseph Meyer, dass von ihnen zunächst 



*) Archiv XIV. 61. 



Farblose Blutkörperchen und Neubildung. 391 

Fortsätze anssprossen, welche Kerne erhalten, zellig werden und 
endlich neue Capillaren herstellen. 

Die Erfahrungen von der Auswanderung der farblosen Blut- 
körperchen, weit entfernt, die von mir vertretene Gnindanschauung 
von der cellularen Ableitung der* neuen Zellen, den Grundsatz: 
Omnis cellula e cellula (S. 24) zu erschüttern, haben vielmehr 
denselben nur gestützt. Manche irrthümliche Deutung ist dadurch 
corrigirt worden, aber das cellulare Princip hat eine wesentliche 
Verstärkung erfahren. Mag ein grosser Theil der Exsudatzellen 
direkt aus dem Blute stammen, mögen sich diese Zellen, wie 
Stricker angiebt, im Exsudate weiter theilen und vermehren, 
immerhin stammt die junge Brut von früheren Zellen ab. Die 
plastischen Exsudate sind nicht mehr im alten Smne plastisch 
(S. 23), und es ist nicht das freie Plasma oder Fibrin, welches 
durch organische Erystallisation neue Zellen liefert, nicht die In- 
tercellularsubstanz , welche, wie noch Schwann vom Eoiorpel 
lehrte, als Cytoblastem die jungen Elemente aus sich hervor- 
bringt, sondern es ist die Zellsubstanz selbst, das Protoplasma 
der Neueren, woraus im Wege der fortschreitenden Proliferation 
die organischen Einheiten neu geschaffen werden. Der Bildungs- 
trieb (nisus formativus), die plastische Kraft (vis plastica) 
haftet an den schon existirenden Elementen, nicht an dem freien 
Blastem, dem Succus nutritius. 

Sonderbarerweise behaupten Einzelne, meine ganze Theorie 
der Neubildung sei auf das Bindegewebe gebaut; nur aus ihm 
hätte ich die neuen Elemente hervorgehen lassen. Zu keiner Zeit 
habe ich solche Vorstellungen gehegt. Ich habe zu allen Zeiten 
die formativen Eigenschaften der Epithelialformationen anerkannt; 
ich habe zuerst die mit Kernvermehrung einhergehenden Reizungs- 
processe an den Muskelprimitivbündeln und den Capillaren be- 
schrieben*); ja ich habe zu einer Zeit, wo die farblosen Blutkör- 
perchen noch sehr missachtet waren, die Organisation des Throm- 
bus auf sie bezogen**). Es liegt mir daher sehr fem, in irgend 
einer Weise den erfreulichen Fortschritten unseres positiven Wis- 
sens mich neidisch entgegenstellen zu wollen; im Gegentheil, ich 



*) ArchiT XIV. 51. 
**) Gesammelte Abhandlungen 327. 



31)2 Secbzebutcü Capitel. 

begrüsse jede neue Entdeckung auf diesem Gebiete als eine neue 
Waffe zur Vertheidigung meiner Grundanscbauung. 

Um nicht miss verstanden zu werden, will ich sogleich hin- 
zusetzen, dass diese Grundanscbauung durchaus verträglich ist 
mit der Aufstellung verschiedener Arten von Zellenbildung (Cyto- 
genesis), vorausgesetzt, dass es Zellsubstanz ist, welche das Ma- 
terial dazu liefert. Es ist keineswegs nöthig, dass jede Neubil- 
dung mit Theilung anbebt; wir werden später sehen, dass auch 
die endogene Zellbildung innerhalb gewisser Grenzen zulässig er- 
scheint. Ein wirklicher Gegensatz würde erst entstehen, wenn 
extracelluläre Neubildung irgendwo vorkäme. Da dies für 
den menschlichen Körper von niemand mehr behauptet wird, so 
liegt wenigstens für jetzt kein Grund zur Unruhe vor. 

Ueber die durch die Neubildung (Neoplasie) entstehenden Ge- 
webe, insbesondere über die pathologischen, habe ich früher, na- 
mentlich im vierten Capitel, weitläufiger gehandelt; auch werden 
wir später darauf noch weiter zurückkommen. Hier genügt es 
festgestellt zu haben, dass die im strengsten Sinne productive 
und positive Leistung der Neubildung von der forma- 
tiven oder plastischen Thätigkeit der Elemente aas- 
geht, nicht von beliebigen, mit den Emährungsstoffen mehr oder 
weniger identischen Substanzen, die man noch vor Kurzem als 
histogenetische bezeichnete. Dass auch im Innern der 6e- 
webselemente gewisse Substanzen die Träger der formativen Reiz- 
barkeit seien, soll damit natürlich nicht ausgeschlossen sein; der 
chemischen Forschung ist hier ein gewiss sehr lohnendes Feld 
noch vorbehalten. Wir, als Biologen, haben zunächst den Gewinn 
festzuhalten, dass es eine Lebensthätigkeit der geformten 
Elemente ist, neue Elemente hervorzubringen, und zwar eine 
Thätigkeit, welche an den Elementen selbst haftet, wenngleich 
äussere Reize dazu gehören, um sie in Wirksamkeit zu setzen. 
Diese formativen Reize können sehr mannichfaltiger Art sein: 
mechanische, chemische, physikalische. Wie die Spermatozoiden 
die Eizelle zu ihrer plastischen Thätigkeit reizen, so sind es an- 
dere Stoffe kataly tischer Art, welche andere Zellen zu oft ebenso 
wubderbaren Leistungen anregen. 

Immer handelt es sich dabei um Akte, welche durchaus gar 
keine Verschiedenheit in ihrem Geschehen erkennen lassen, mag 
der Theil nervenhaltig oder nervenlos sein, Gefasse führen oder 



EiaÜuüä der Circulatiou auf die formattvea Vorgfiu^e. 3^3 

Dicht. Demnach können wir also anch nicht sagen, dass irgend 
etwas von diesen Vorgängen mit Nothwendigkeit gebunden er- 
schiene an Nerven- und Gefässthätigkeit; im Gegentheil, wir wer- 
den hier auf die Theile selbst gewiesen. Die Beziehung der Ge- 
lasse ist durchaus nicht in dem Sinne zu deuten, wie man dies 
gewöhnlich tbut, dass die Zufuhr reichlicheren Materials, die Ex- 
sudation von Plasma das Bestimmende ist; die Aufnahme von 
Material in das Innere der Elemente, aus welchem die Yergrösse- 
rung und die späteren Theile hervorgeben sollen, ist vielmehr un- 
zweifelhaft ein Akt der Elemente selbst. Denn wir haben bis 
jetzt gar keinen Modus, auf irgend einem Wege der Experimen- 
tation durch eine primär die Gefässe treffende Einwirkung eine 
Wucherung der Zellen in dem gesunden Körper hervorzurufen. 
Man kann die Circulation in den Theilen steigern, so weit sie 
zu steigern ist, ohne dass daraus eine Schwellung oder Vermeh- 
rung der Elemente unmittelbar folgte. Gerade die schon früher 
erwähnten Experimente mit der Durchschneidung des Sympatbicus 
haben bekanntlich ergeben, — ich selbst habe diese Experimente 
sehr häufig angestellt und in diesem Sinne verfolgt*), — dass 
ein vermehrter Zustrom von Blut (Fluxion, Gongestion, Hyperämie) 
Wochen lang bestehen kann, ein Zustrom von Blut, welcher mit 
starker Steigerung der Temperatur und entsprechender Röthung 
verbunden ist, so gross, wie wir sie irgend in Entzündungen an- 
treffen, ohne dass dadurch die Zeilen des Theiles im Mindesten 
vergrössert oder gar an ihnen Vorgänge der Wucherung herbei- 
geführt werden (S. 158). Wenn man nicht die Gewebe selbst 
reizt, die Irritation in die Theile selbst einbringt, sei es, dass 
man die reizenden Stoflfe von aussen oder von dem Blute aus 
wirken lässt, so kann muu nicht auf den Eintritt dieser Verände- 
rungen rechnen. Das ist der wesentliche Grund, aus welchem ich 
folgere, dass diese unzweifelhaft aktiven Vorgänge in der beson- 
deren Thätigkeit der Elementartheile begründet sind, — einer 
Thätigkeit, welche nicht an vermehrten Zustrom von Blut gebun- 
den ist, welche freilich dadurch begünstigt wird, aber auch voll- 
ständig unabhängig davon vor sieh gehen kann, und welche sich 
ebenso deutlich an gefässlosen Theilen darstellt*^). 



•) Spec. Pathologie und Ther. I. 274. 
♦♦) Ebendaselbst I. 62, 152. 



394 Sechzehntes Capitel. 

Schon bei einer früheren Gelegenheit*) habe ich daranf hin- 
gewiesen, dass Zunahme der Em&hmng in dem Sinne, dass da- 
mit eine Vergrössemng und Vermehnmg der Elementartheile des 
Körpers bezeichnet wird, nicht identisch sei mit Steigerung des 
Stoffwechsels, welche in einem bloss vermehrten Umsatz der Ge- 
webstheile bestehen könne. Ein solcher vermehrter Dmsatz mag 
immerhin in einem Theile stattfinden, zu dem mehr Emährunga- 
material strömt, eben so .wie in der Regel ein Mensch, der viel 
isst, auch mehr umsetzt und ausscheidet, als einer, der wenig 
Nahrung zu sich nimmt. Das blosse Tielessen macht aber noch 
nicht dick und stark. Ein Organ, welches in Folge einer ver- 
mehrten Zuströmung von Blut (Fluxion) mehr Stoff in sich auf- 
nehmen und festhalten (fixiren, assimiiiren) soll, muss in einen 
gewissen Zustand der Erregung (Reizung) versetzt werden. Diese 
Erregung kann durch das zuströmende Blut gesetzt werden. Ent- 
weder enthält dieses Blut besondere Stoffe, welche aof den Theil 
erregend einwirken, wie Excretstoffe auf die Excretionsorgane, 
oder der Theil befindet sich in einem solchen Zustande von Reiz- 
barkeit, dass auch das gewöhnliche Blut genfigt, um die Erregung 
wirklich hervorzurufen. Letzterer Fall fuhrt auf die wichtige, 
wenngleich in neuerer Zeit so sehr vemachlftssigte Lehre von den 
Pr&dispositionen, also auf prfiexistirende krankhafte oder we- 
nigstens mangelhafte Zustände der Organe**). Diese könn^i uns 
aber um so weniger bestimmen, far gesunde Organe eine gleiche 
Einwirkung zuzulassen, als ja gerade der krankhafte Znstand der 
pridisponirten Theile (loci minoris resistentiae) uns wiederum auf 
die Frage von der Bedeutung der Theile selbst hinleitet. 

Ganz ähnlich, wie mit der Einvirirkung der Gefässe, verhält 
es sich mit der Einwirkung der Nerven, auf welche man firnber 
so grossen Werth legte. Zunächst muss man erwägen, dass die 
neueren Erfahrungen allmählich die Lehre von den sogenannten 
neuroparalytischen Entzündungen gänzlich verändert ha- 
ben***). Die beiden Nerven, um die es sich bei der Diseussion 
der entzündlichen Phänomene fast ausschliesslich gehandelt hat, 
sind der Vagus und der Trigeminus, nach deren Durchschneidung 



•« 



*^ Spec. Pathologe and Ther. L 327. 

EbencUselbjt I. 21. 23, 7S, 152, 281. 2S9, 340. 
•: ArchiT \UL 33. Vergl. Sp«c. Pathol. L 61. 



Neuroparaly tische EntzönduDg. 395 

man in dem einen Falle Pnenmonie, in dem anderen die berühm- 
ten Verändemngen des Angapfels, namentlich der Cornea, ein- 
treten sah. Diese Erfahrungen haben sich dahin aufgelöst, dass 
allerdings nach dem Durchschneiden Entzündungen eintreten kön- 
nen, dass diese aber so gedeutet werden müssen, dass sie trotz 
der Durchschneidung auftraten. Vom Vagus ist es be- 
kanntlich schon vor längerer Zeit durch Traube dargethan wor- 
den, dass die Lähmung der Stimmritze, welche das Eintreten von 
Mundflüssigkeiten in die Luftwege erleichtert, ein Hauptmittel für 
die Entstehung der Entzündung ist. Die genauere Deutung der 
pathologisch - anatomischen Befunde hat überdies herausgestellt, 
dass sehr Vieles von dem, was man Pneumonie genannt hatte, 
eben nichts weiter als Atelectase mit Hyperämie der Theile war; 
die wirkliche Pneumonie ist sicher zu vermeiden, wenn die Mög-* 
lichkeit des Hineingelangens fremder Körper in die Bronchien ab- 
geschnitten wird. Dasselbe ist für die Trigeminus-Entzündungen 
erreicht worden, und zwar durch ein sehr einfaches Experiment. 
Nachdem man sich früher auf die manniehfachste Weise bemüht 
hatte, die verschiedenen störenden Einwirkungen auf das seiner 
Empfindung beraubte Auge zu beseitigen, so ist es endlich in 
Utrecht gelungen, ein sehr einfaches Mittel zu finden, um dem 
Auge wieder einen empfindlichen Apparat zu substituiren; Sn eilen 
nähte bei Thieren, welchen er den Trigeminus durchschnitten hatte, 
das empfindende Ohr vor das Auge. Von der Zeit an bekamen 
die Tbiere keine Entzündungen mehr, indem einerseits ein directer 
Schutz gegeben, andererseits die Thiere durch die Anwesenheit 
einer empfindenden Decke vor traumatischen Einwirkungen auf 
das Auge bewahrt wurden. So wie man die Empfindung, nicht 
am Auge selbst, sondern nur vor dem Auge herstellte, so war 
damit auch die an sich rein traumatische Entzündung beseitigt. 

Bernard hat gegen dieses Experiment eingewendet, dass es 
nicht constante Resultate ergebe, und dass überhaupt die Nerven- 
durchschneidung bei geschwächten Thieren sehr leicht Ernäh- 
rungsstörungen und selbst Entzündungen erzeuge. Dieses kann 
gewiss nicht geleugnet werden und ist wenigstens von mir nie 
geleugnet worden. Im Gegentheil habe ich immer auf diese 
asthenischen Entzündungen, die ja in der Pathologie stets 
anerkannt worden sind und sich der täglichen Beobachtung des 
Arztes wie in natürlichen Experimenten darbieten, hingewiesen. 



396 Sechzehntes Ca|utel. 

„Die asthenischen Entziindangen sind als reine £nt- 
zündangen in geschwächten Theiien oder Körpern zn 
betrachten^, so habe ich vor 17 Jahren meine Anschaaung 
formulirt*); den Unterschied sthenischer und asthenischer Formen 
aber fand ich darin, dass bei den ersteren ein grösserer Bruch- 
tbeil der constituirenden Gewebspartikeln unverändert, noch kräftig 
bleibe, und dass damit eine grössere Möglichkeit der Ausgleichung 
der Störungen gegeben sei, indem von demjenigen Bruchtheile aus, 
der seine Integrität bewahrt hat, die Regulation ausgehen könne. 

Weiter hin habe ich, wie schon früher Valentin, hervor- 
gehoben, dass „mit dem Nachlasse der Innervation ein 
Nachlass der Widerstandsfähigkeit der Theile oder 
kurz, eine grössere Prädisposition zu Erkrankungen 
hervortrete"**). Ich habe ferner in einer Vollständigkeit, wie 
vor mir kein anderer Autor, eine ganze Klasse von Störungen 
unter der Bezeichnung der neurotischen Atrophien gesam- 
melt und dadurch den Scbluss befestigt, dass unzweifelhaft eine 
Einwirkung des Nervensystems auf die Gewebe bestehe***). Aber 
ich muss noch heute, wie damals, aussagen, dass diese Thatsa- 
cben in keiner Weise darthun, dass es bestimmte Nerven giebt, 
welche der Ernährung vorstehen, und dass die Einwirkung dieser 
Nerven eine directe ist. Jedenfalls ist in allen Fällen von Neuro- 
paralyse der Mangel an Innervation nur ein Grund der Schwä- 
chung, aber nicht ein Grund der Reizung. Diese geht von an- 
deren Einwirkungen aus, welche das Gewebe erfährt, aber sie 
steigert sich leicht zur Entzündung, weil das Gewebe weniger be- 
fähigt zur Regulation ist und weil also jede Störung dauerhafter 
und energischer wirkt, als an einem gesunden Theile. In welcher 
Ausdehnung diese Entzündung, welche man immerhin eine neuro- 
paralytische nennen kann, sich ausdehnen und zerstörend wir- 
ken kann, habe ich in der Geschichte der Lepra anaesthetica 
dargethanf). 

Eine ganz andere Gestaltung hat jedoch diese Frage ange- 
nommen, seitdem Samuel den Nachweis trophischer Nerven 






Spec. Pathologe und Ther. I. 80. 
Ebendaselbst I. 276. Vergl. Archiv IV. 275. 
♦♦^ Ebendaselbst I. 319, 323. Gesammelle Abhandl. 689. Entwickelimg 
des Schädeitrrundes 109. 

t) (ie^rhwüUte II. .VJS. 



Einfluss der Nerven auf formative Prozesse. 397 

durch Versuche darzuthun gesucht hat, in denen entzündliche 
Reizung der Theile durch starke Erregung der Nerven hervorge- 
bracht werden sollte. Dies wäre also gerade das umgekehrte der 
neuroparalytischen Entzündungen, und es ist nur das Auffällige 
dabei, dass der Verlauf der Localprozesse genau derselbe sein soll, 
wie der früher bei Durchschneidung, also Lähmung der Nerven 
beobachtete. Eine genauere Prüfung dieser Versuche ist dringend 
nothwendig; sollte sich dabei ihre Richtigkeit herausstellen, so 
würde doch daraus nur folgen, wie Samuel selbst sehr richtig 
dargelegt hat, dass auch von den Nerven aus den Theilen wirk- 
liche Entzündungsreize zugeführt werden können. 

Die Frage von der selbständigen Thätigkeit (Autonomie) der 
Elemente des Gewebes wird davon nicht im Geringsten berührt. 
Denn wir können sowohl an gelähmten, als an ganz und gar 
nervenlosen Theilen durch directe Irritamente dieselben Rei- 
zungsvorgänge hervorrufen, welche wir an unveränderten und ner- 
venreichen Theilen erzeugen. Schnelligkeit, Grad und Ausdehnung 
der Prozesse mögen verschieden sein, die Prozesse selbst sind es 
nicht. Mindestens dürfen wir auch jetzt noch sagen: es ist gar 
keine Form von irritativen Störungen bekannt, welche aus der 
aufgehobenen Action eines Nerven direct hergeleitet werden könnte. 
Ein Theil kann gelähmt sein, ohne dass er sich entzündet; er 
kann anästhetisch sein, ohne dieser Gefahr unmittelbar ausgesetzt 
zu sein. Es bedarf immer noch eines besonderen Reizes, sei es 
mechanischer oder chemischer Art, sei es von aussen oder vom 
Blute her, um die eigentbümliche Erregung der an sich autono- 
men Gewebselemente zu Stande zu bringen. Auf diese Weise 
gewinnen wir eine Reihe von Verbindungen zwischen eminent 
pathologischen Thatsachen und den nächsten Vorgängen des phy- 
siologischen Lebens, Thatsachen, welche aber nur dann in ihrer 
besonderen Bedeutung sich erkennen und definiren lassen, wenn 
man eben die Scheidungen macht, welche ich im Anfange dieses 
Capitels hervorhob, das heisst, wenn man die Erregungen je nach 
ihrem fnnctionellen, nutritiven oder formativen Werthe trennt. 
Wirft man sie zusammen, wie es in der Lehre von der Inner- 
vation fast immer geschehen ist, sondert man namentlich nicht 
die formativen und nutritiven Vorgänge, dann kommt man auch 
zu keiner einfachen Erklärung der Erscheinungen. 

Dies gilt namentlich für die eigentlich entzündlichen 



398 Sechzehntes Capitel. 

Reizungen. Sie lassen überhaupt nie eine einfache Deulnng zu, 
weil es sich dabei nm keine einfachen (elementaren) Prozesse 
handelt*). In der Entzündung finden wir neben einander alle 
möglichen Formen der Reizung. Ja wir sehen sehr häufig, dass, 
wenn das Organ selbst aus verschiedenen Theilen zusammengesetzt 
ist, der eine Theil des Gewebes sich fnnctioneli oder nutritiv, der 
andere degegen sich fonnativ verändert. Wenn man einen Muskel 
ins Auge fasst, so wird ein chemischer oder traumatischer Reiz 
an den Primitivbündeln desselben vielleicht in dem ersten Moment 
eine functionelle Reizung setzen: der Muskel zieht sich zusammen; 
dann aber stellen sich nutritive Störungen (trübe Schwellung) 
oder formative Veränderungen (Kernvermehrung) ein. Im Zwi- 
schen -Bindegewebe, welches die einzelnen Muskelbündel zusam- 
menhält, gibt es meist sofort wirkliche Neubildungen, sehr leicht 
Eiter. Hier handelt es sich also um eine wesentlich formative 
Reizung, wShrend das entzündete Primitivbündel in sich weder 
Eiter, noch neue Muskelsubstanz zu erzeugen pflegt; vielmehr treten 
hier bei einer gewissen Höhe der Reizung am häufigsten degenerative 
nutritive Prozesse ein. Auf diese Weise kann man die drei Formen 
der Reizung an einem und demselben Organ von einander trennen. 
Natürlich kann dabei auch gleichzeitig noch eine Exsudation and 
eine Reizung der Nerven bestehen, aber letztere hat (zumal wenn 
man von der Function des Organs absieht) mit den Prozessen 
im eigentlichen Gewebe keinen Zusammenhang von Ursache und 
Wirkung, sondern sie ist ein CoUateraleffect der ursprünglichen 
Störung. Für den Krankheitsprozess im Ganzen mag sie eine 
grosse Bedeutung erlangen, sei es, dass der Schmerz als ein her- 
vorstechendes Symptom sich fühlbar macht, sei es, dass directe 
oder reflektorische Veränderungen an den Gelassen dadurch herbei- 
geführt werden. Letztere können einen grossen Einfluss auf die 
eintretenden Transsudationen ausüben und so eine neue Compli- 
cation darstellen. Aber es ist leicht ersichtlich, dass mit jeder 
neuen Complication das Krankheitsbild eben auch ein mehr zu- 
sammengesetztes wird, und dass man sich nicht einem einheitli- 
chen Prozesse, sondern vielmehr einem Collektivprozesse gegen- 
über sieht. Die Entzündung als solche aber bedarf weder der 
Nerven, noch der GefSsse, weder des Schmerzes, noch der Exsu- 



•) ArcbiT IV. 279. 



Entzündliche Reizung. 399 

dation: sie kann als einfach nutritiver oder fonnativer Vorgang 
bestehen, von anderen ähnlichen nur ausgezeichnet durch den 
Charakter der Acuit&t und namentlich der Gefahr*). 

Diese Erfahrung ist meines Erachtens als der für die ärzt- 
liche Anschauung wichtigste Erwerb meiner speciellen histologi- 
schen Untersuchungen anzusehen, und er ist um so sicherer, als 
man ihn sowohl durch das Experiment, als durch physiologische 
und pathologische Erfahrung controliren kann. Später werde ich 
zeigen, wie das Studium der entzündlichen Prozesse dadurch eine 
klarere Auffassung gewinnt. 



*) Handb. der spec. Pathologie und Therapie. I. 7G. 






Siebzehntes Capitel 

Passive Torgänge. Fettige Degeneration. 



Die puilven Vorgioge in ihren beiden Uaaptrichtnngen xar Degeneration: Nekrobiose (Erwri- 

chnng nnd Zerfall) und Indaration. 
Die fettige Degeneration. Histologisclie Geschichte des Fettea im Thierkörper: dai Fett ait Ge- 

webibestandtheil , alt traniitorische Infiltration nnd als nekrobiotiacher Stoff. 
Das Fettgewebe. Poiysarcie. Fettgeachwfilste. Die interstitielle Fettbildung. Fettige Degeneration 

der Maskeln. 
Die Fettinfiltration nnd Fettretention. Darm: Strnctar nnd Function der Zotten. Beaorptioa sod 

Reiention des Chylns. Leber: intermedi&rer BtolTweehsel durch die Gallenginge. Pettleber. 
Die Fettmetamorphose. Drusen : Secretion des Haut^chmeers nnd der Milch (Colottrnm). Kln- 

cbeniellen nnd Kornchenkugeln. Eotxundnngikugeln. Fettmetamorphose des Lnnfenepitbcl«. 

Gelbe Hirnerweiebnng. Corpus luteum des Bierstocks. Arcus senilis der Hornhaut. Uorbai 

Brigbtii. Optisches Verhalten der fettig metamorphosirten Oewcbe. — Maskeln: Pettncta- 

morphose des Hemfleisches. Feltbilduiig fn den Muskeln bei Verkrömranngen. — Arterie: 

fettige Usur nnd Atherom. Fettiger Detritus. 



J5i8 jetzt habe ich fast nar von den Thätigkeiten der Zellen ge- 
handelt und von den Vorgängen, welche an ihnen eintreten, wenn 
sie ihre Lebendigkeit auf irgend eine äussere Einwirkung: hin za 
erkennen geben. Es gibt aber im Körper auch eine ziemlich 
grosse Reihe von passiven Vorgängen*), welche verlaufen, 
ohne' dass dabei eine besondere Thätigkeit der Elemente nach- 
weisbar wäre, ja welche häufig unmittelbar durch eine Hemmung 
der Thätigkeit bedingt werden. Es wird nützlich sein, bevor wir 
in der Darstellung der activen Prozesse weiter gehen, diese pas- 
siven Vorgänge etwas genauer zu besprechen. Denn die Leidens- 



•) Archiv IX. 51. XIV. 8. Speo. Pathol. u. Thcr. I. 10. 



Passive Degeneration. 401 

liresc&ichte der Zellen, von welcher die Pathologie den Namen* 
trfigt, ist zusammengesetzt ans Vorgängen, welche der activen, 
nnd solchen, welche der passiven Reihe angehören ; ja, das grobe 
Resultat, der sogenannte Erankheitsansgang, hat trotz des ver* 
schiedenen Charakters der Prozesse in vielen Fällen eine so grosse 
Uebereinstimmung, dass die endlichen Verändemngen, welche wir 
nach einer gewissen Zeitdauer des Prozesses antreffen, in beiden 
Reihen nahezu dieselben sein können. Aus diesem Grunde ist es 
eine Zeit lang sehr schwer gewesen, Grenzen zwischen den zwei 
Reihen zu ziehen, und ein grosser Theil der Verwirrung, welche 
die Anfangsperiode der mikroskopischen Bestrebungen bezeichnete, 
ist bedingt gewesen durch die ausserordentliche Schwierigkeit, die 
activen und passiven Störungen auseinander zu bringen. 

Passive Störungen nenne ich diejenigen Veränderungen der 
Elemente, wobei sie in Folge äusserer ungünstiger Bedingungen 
sofort entweder bloss Einbusse an Wirkungsfäbigkeit erleiden, 
oder vollständig zu Grunde gehen, in welchem Falle natürlich ein 
Snbstanzverlust, ein Defect, eine Verminderung der Summe der 
Eörperbestandtheile entsteht. Beide Reihen von passiven Vorgän- 
gen zusammengenommen, diejenigen, welche sich durch Schwä- 
chung zu erkennen geben, und diejenigen, welche mit vollständi- 
gem Untergange der Theile endigen, bilden das Hauptgebiet der 
sogenannten Degenerationen, obwohl, wie wir späterhin noch 
genauer betrachten müssen, auch in der Reihe der activen Pro- 
zesse ein grosser Theil desjenigen unterzubringen ist, was man 
degenerativ nennt. 

Es ist natürlich ein wesentlicher Unterschied, ob ein Element 
überhaupt als solches bestehen bleibt, oder ob es ganz und gar 
untergeht, ob es am Ende des Prozesses, wenn auch in einem 
Zustande sehr verminderter Leistungsfähigkeit, noch vorhanden 
ist, oder ob es überhaupt ganz zerstört ist. Darin liegt für die 
praktische, namentlich für die prognostische Auffassung die grosse 
Scheidung, dass für die eine Reihe von Prozessen die Möglichkeit 
einer Reparation der Zellen besteht (nutritive Restitution), 
während in der anderen eine direkte Reparation unmöglich ist 
und eine Herstellung nur geschehen kann durch einen Ersatz ver- 
mittelst neuer Elemente von der Nachbarschaft her (regenera- 
tive oder formative Restitution). Denn wenn ein Element 

Vireiio«, CcllQlar-Patbol. 4. Anfl. 26 



402 Siebzehntes CapiteL 

ZU Gnmde gegangen ist, so ist natürlich von ihm ans keine wei- 
tere Entwickelnng oder Neubildnng möglich*). 

Diese letztere Kategorie, wo die Elemente unter dem Ablaufe 
des Prozesses zu Grunde gehen, habe ich vorgeschlagen (S. 335) 
mit einem Ausdrucke zu bezeichnen, welcher von E. H. Schultz 
für die Krankheit überhaupt gebraucht worden ist, mit dem der 
Nekrobiose**). Inmier nehmlich handelt es sich hier um ein 
Absterben, um ein Zugrundegehen, man möchte fast sagen, um 
eine Nekrose. Aber der gangbare Begriff der Nekrose bietet doch 
gar keine Analogie mit diesen Vorgängen, insofern wir uns bei 
der Nekrose den mortificirten Theil als in seiner ftusseren Form 
mehr oder weniger erhalten denken. Hier dagegen verschwindet 
der Theil, so dass wir ihn in seiner Form nicht mehr zu erkeiH 
neu vermögen. Wir haben am Ende des Prozesses kein nekroti- 
sches Gewebe, keine Art von gewöhnlichem Brand, sondern eine 
Hasse, in welcher von den früheren Geweben absolut gar nichts 
mehr wahrnehmbar ist. Die nekrobiotischen Prozesse, welche von 
der Nekrose völlig getrennt werden müssen, haben im Allgemeinen 
als Endresultat eine Erweichung im Gefolge. Dieselbe b^^innt 
mit Brüchigwerden der Theile ; diese verlieren ihre Cohftsion, zer- 
fliessen endlich wirklich, und mehr oder weniger bewegliche, breiige 
oder flüssige Producte treten an ihre Stelle. Man könnte daher 
geradezu diese ganze Reihe von nekrobiotischen Prozessen Er- 
weichungen nennen, wenn viele von ihnen nicht verliefen, ohne 
dass für die grobe Anschauung, d. h. für das unbewailhete Auge, 
die Halacie jemals zur Erscheinung kommt. Wenn nehmlich inner- 
halb eines zusammengesetzten Organs, z. B. eines Muskels, ein 
solcher Vorgang eintritt, so entsteht allerdings jedesmal eine grobe 
Hyomalacie, sobald an einem bestimmten Punkte alle Huskelele- 
mente auf einmal getroffen werden, aber weit häufiger geschieht 
es, dass innerhalb eines Muskels nur eine gewisse Zahl von 
Primitivbündeln getroffen wird, während die anderen unversehrt 
bleiben. Freilich tritt dann auch eine Malacie ein, aber eine so 
feine, dass sie für die grobe Betrachtung gar nicht zugänglich 
wird und nur mikroskopisch nachzuweisen ist. In diesem Falle 
spricht man fälschlich von einer Muskelatrophie, obgleich der Vor- 



*) Spec. Pathologie und Therapie. I. 21. 
**) Ebendaselbst L 273, 279. 



Fettige Degeneration. 408 

gang, welcher die einzelnen Primitivbündel getroffen hat, sich 
seiner Natnr nach gar nicht von den Vorgängen unterscheidet, 
welche man ein anderes Mal Mnskelerweichnng nennt. 

Das ist der Grund, warum man nicht einfach den Ausdruck 
der Erweichung, der für die grobe pathologische Anatomie vor- 
behalten werden muss, auf die histologischen Vorgänge anwenden 
kann, und warum es besser ist, Nekrobiose zu sagen, wo es sich 
um diese feineren Vorgänge handelt. Das Gemeinschaftliche aller 
Arten von nekrobiotischen Prozessen besteht aber darin, dass der 
getroffene Theil am Ende des Prozesses und durch den Prozess 
zersetzt, untergegangen, vernichtet ist. 

Eine zweite Reihe von passiven Prozessen bilden die einfach 
degenerativen Formen, wo am Ende des Vorganges der getrof- 
fene Theil zwar vorhanden ist, aber sich in irgend einem weniger oder 
gar nicht mehr actionsf&higen Zustande befindet, wo er in der Regel 
starrer geworden ist. Man könnte daher diese Gruppe im Gegensatze 
zu der vorher erwähnten als Verhärtungen (Indurationen) 
bezeichnen, und damit eine schon äusserlich von den nekrobioti- 
schen Prozessen trennbare Gruppe bilden. Allein auch der Aus- 
druck der Induration würde leicht missverständlich sein, insofern 
auch hier wieder viele Zustände vorkommen, wo wenigstens die 
Härte des Organes im Ganzen nicht bedeutender ist, sondern wo 
nur einzelne kleinste Theile sich verändern, so dass für das Tast- 
gefühl keine auffallenden Veränderungen bemerkbar werden. 

Ich bebe aus der Reihe der passiven Prozesse einige als 
Typen hervor, und zwar diejenigen, welche die grösste Wichtig- 
keit für die praktische Anschauung haben. 

unter den nekrobiotischen Prozessen ist der unzweifelhaft am 
weitesten verbreitete und fast der wichtigste unter allen bekannten 
cellularen Störungen die Fettmetamorphose*), oder wie man 
von Alters her gewohnt ist zu sagen, die fettige Degeneration. 
Dieser Prozess bringt eine zunehmende Anhäufung von Fett in 
den Organen mit sich. Der alte Begriff der fettigen Degeneration 
hatte den Sinn, dass man dabei an eine immer steigende Verän- 
derung der Art dachte, dass zuletzt an die Stelle ganzer Organ- 
theile reines Fett träte. Es hat sich aber ergeben, dass dieser 



^) Archi? I. 141, 144. 

26 



404 Siebzehntes Capitel. 

alte Begriff, wie er noch jetzt in der pathologischen Sprache sich 
vielfach erhalten hat, eine grosse Reihe unter sich vollkommen 
verschiedener Vorgänge zusammenfasst, und dass man noihwendig 
irre gehen musste, wenn man vom Standpunkte der Paihogenie 
aus die ganze Gruppe auf einfache Weise deuten wollte. 

Die Geschichte des Fettes in Beziehung zu den Geweben 
lässt sich im Allgemeinen in einer dreifachen Richtung betrachten. 
Wir finden erstlich eine Reihe von Geweben im Körper vor, welche 
als physiologische Behälter far Fett dienen, und in welchen das 
Fett als eine Art von nothwendigem Zubehör enthalten ist, ohne 
dass jedoch ihr eigener Bestand durch die Anwesenheit des Fettes 
irgendwie gefährdet wäre. Im Gegentheil, wir sind sogar gewöhnt, 
nach dem Fettgehalt gewisser Gewebe das Wohlsein eines Indivi- 
duums zu schätzen und den Grad der andauernden Füllung der 
einzelnen Fettzellen als Kriterium für den glücklichen Fort^ 
gang des Stoffwechsels überhaupt anzusehen. Dies ist also der 
gerade Gegensatz zu deq nekrobiotischen Vorgä&gen, wo der Theil 
unter der Anhäufung des Fettes wirklich ganz und gar aufhört 
zu existiren. 

In einer zweiten Reihe stellen die Gewebe keine regelmässi- 
gen Behälter für Fett dar, aber wohl treffen wir in ihnen zu ge- 
wissen Zeiten vorübergehend Fett an, welches nach einiger Zeit 
wieder aus ihnen verschwindet, ohne den Theil deshalb in einem 
veränderten Zustande zurückzulassen. Das ist der Fall bei der 
gewöhnlichen Resorption des Fettes aus dem Darme. Wenn wir 
Hilch trinken, so erwarten wir nach alter Erfahrung, dass die- 
selbe vom Darme allmählich in die Milchge^se übergehe und von 
da aus dem Blute zugeführt werde; wir wissen, dass der üeber- 
gang des Verdauten vom Darm in die Milchgefässe durch das 
Darmepithel und die Zotten hindurch erfolgt, und dass das Epithel 
und die Zotten einige Stunden nach der Mahlzeit voll von Fett 
stecken. Von einer solchen fetthaltigen Zotte oder Epithelzelle 
setzen wir aber voraus, dass sie unter natürlichen Verhältnissen 
endlich ihr Fett abgeben und nach einiger Zeit wieder vollkommen 
frei sein werde. Das ist eine Fett-Infiltration von rein tran- 
sitorischem Charakter. Verzögert sich die Entleerung des Fettes, 
bleibt die an sich nur für vorübergehende Zwecke vorhandene Fett- 
füllung bestehen, so gibt das eine Fett-Retention. 

Endlich in einer dritten Reihe werden die Gewebe von Pro- 



Fettzellgewebe. 405 

zessen getroffen, welche zur fettigen Nekrobiose führen. Diese 
hat man in neuerer Zeit häufig als eigentbümlich pathologische 
betrachtet. Allein, wie sich überall gezeigt hat, dass die patho- 
logischen Prozesse keine specifischen sind, dass vielmehr für sie 
Analogien in dem normalen Leben bestehen, so kann man sich 
auch überzeugen, dass die nekrobiotische Entwickelung von Fett 
ein ganz regelmässiger, typischer Vorgang an gewissen Theilen 
des gesunden Körpers ist, ja, dasa wir crie sogar in sehr grobem 
Style im physiologischen Leben antreffen. Die wichtigsten Typen 
für dieses Yerhältniss haben wir einerseits in der Secretion der 
Milch, des Hautschmeeres, des Ohrenschmalzes u. s. w., anderer- 
seits in der Bildung des Corpus luteum im Eierstocke. An allen 
diesen Theilen geht eine Fettentwickelung genau in der Weise 
vor sich, wie wir sie bei der nekrobiotischen Fettmetamorphose 
unter krankhaften Bedingungen antreffen; was wir Hautschmeer, 
Hilch oder Colostrum nennen, das sind die Analoga für die pa- 
thologischen Fettmassen, welche aus der fettigen Erweichung her- 
vorgehen. Wenn Jemand statt in der Milchdrüse im Gehirn Milch 
fabricirt, so gibt dies eine Form der Hirnerweichung; das Product 
kann morphologisch vollständig übereinstimmen mit dem, was in 
der Milchdrüse ganz normal gewesen wäre. Hier ist aber der 
grosse unterschied, dass, währ^d in der Milchdrüse die zu Grunde 
gehenden Zellen sich ersetzen durch neue nachrückende Elemente, 
der Zerfall der Elemente in einem Organe, welches nicht zum 
Nachrücken eingerichtet ist, ta einem dauerhaften Verluste fuhrt. 
Derselbe Prozess, welcher an einem Orte die glücklichsten, ja die 
süssesten Resultate liefert, bringt an einem anderen einen schmerz- 
lichen und bitteren Schaden mit sich. 

Betrachten wir diese drei verschiedenen physiologischen Ty- 
pen nach einander. Im ersten Falle finden wir die Anfüllung der 
Zellen mit Fett in der Weise, dass am Ende jede einzelne Zelle 
ganz und gar voll von Fett steckt. Das gibt den Typus des so- 
genannten Fettzellgewebes oder kurzweg Fettgewebes, wie 
es namentlich in der Unterhaut (Tela subcutanea) in so grosser 
Masse vorkommt, wo es einerseits die Schönheit, namentlich der 
weiblichen Form, andererseits die pathologischen Zustände der 
Obesität oder Polysarcie bedingt. Ebenso bildet das Fettgewebe 
das gewöhnliche, schon seit mythologischen Zeiten so berühmte 
gelbe Ejiochenmark (MeduUa ossium). üeberall besteht das Fett- 



406 SiebiebnteB Cspitel. 

^ewebe aas einer meist geringen Menge von IntercellalarsabsUiu 
and aas Fettzellen. Letztere besitzen immer eine Hembran ond 
einen fettigen oder öligen Inhalt. Das Fett erf^t den innereo 
Banm so voUsULodig, die Membran ist so ansserordentlicb dünn, 
zart ond gespannt, daas man gewöhnlich gar nichts weiter sieht, 
als den Fetttropfen, und dass bis in die neoeste Zeit noch immer 
darüber discntirt worden ist, ob die Fettzellea wirkliche Zellen 
seien. Es ist in der That sehr schwer, sich davon deutlich zn 
Überzeagen, allein wir haben sehr schOne HQlfsmittel in dem Ver- 



laufe der natürlichen Prozesse. Wenn Jemand magerer wird, so 
schwindet das Fett allmählich, die Membran verliert von ihrer 
Spannuig, sie erscheint nicht mehr so dünn nnd zart ond tritt 
um 80 schärfer hervor, je kleiner die innere Fettmasse wird. Sie 
ist dann denüich vom Fetttropfen abgesetzt. Innerhalb der Zelle 
liegt ein erkennbarer Kern (Fig. 1 14, A, a). Es ist hier also eine 
wirkliche, vollständige Zelle mit Kern nnd Membran vorhanden, 
an welcher aber der eiweissartige Inhalt fast ganz and gar darch 
das anfgenommene Fett verdrängt worden ist. Dieses sogenannte 
Fettzellgewebe ist eine Form des Bindegewebes (S. 47), und 
wenn es sich znrückbildet, so sieht man sehr deatlich, dass es 
metaplastisch in Binde- oder Schleimgewebe*) überseht, indem 
zwischen den Zellen wieder eine grössere Menge von &aerig- 
schleimiger Intercellnlarsnbätanz znm Vorscheine kommt' (Fig. 
114, A, b, B). 

Fig. 114. FettullR«webe kos dem PaDaicnlas. A Du gewöhnliche Unter- 
biuttrewebe, mit Fettzellen, etwas Zwischen^webe und bei b Qeßsuchlingen; 
a eine isoMrte Fettzelle mit Kerabrin, Kern nad Kernkürperchen. B itrophüches 
Fett bei I'hthiaiH. Vcr^rüss. .tOO, 

*) Archiv XVI. 15. Geschwülste I. 399. 



Interstitielle Fettd«ganerntioD der UuBkeln. 407 

Fettgewebe ist es, welches nicht bloss unter DmständeD Fo- 
lysarcie niid Obesität hervorbringt, indem immer grossere Hassen 
TOD Bindegewebe in die Fettfflllmig hineingezogen werden, sondern 
welches aoch die Groodlage aller anomalen Fettgebilde ist. Die 
einzelnen Formen dieser Gebilde, namentlich die virklicben Fett- 
geschwälate (Lipome), nnterscheiden BJch unter einander nur darcb 
die grössere oder geringere Hasse von interstitiellem, zwischen 
den LUppchen der Fettzellen gelegenen Bindegewebe, von welchem 
ihre grössere oder geringere Consistenz abh&ngt*). — Dasselbe 
Fettgewebe ist es auch, welches anter krankhaften Verhältnissen 
in einer Reibe von solchen Ffillen aoftritt, welche man nach alter 
Tradition fettige Degeneration nennt. Namentlich die fettige 
Degeneration der Unskeln stellt in vielen Fällen nichts 
weiter dar, als eine mehr oder weniger weit fortgescbrittene Ent- 
wickelong von Fettzellgewebe zvriscben den Hnskelprimitivbündeln. 
Es ist dies ein ähnlicher Vorgang, vrie wir ihn bei der Hästong 
von Thieren finden, wie ihn z. B. jede Ochsenzonge sehr scb5n 
zeigt, nnd wie manche einfach gemästete Mnakeln anch beim Hen- 
st^en ihn darbieten. Zwischen die einzelnen Hnskelprimitivbändel 
schieben sich Fettzellen ein, welche natürlich streifenweise nach 



dem Verlauf der Hnskelfasem liegen; letztere können sich dabei 
erhalten. Die Grundlage der Entwickelung ist hier das interstitielle 
Bindegewebe, an welchem es mir zuerst mit Bestimmtheit gelang, 
den Uebergang der BindegewebskOrperchen in Fettzellen zu beob- 



Fie. 115, InteratiHelle Feltwuchenmit (Mäghinif) der Muskeln. /, / Reihen 
ton ioteratitiellen Fetliellen; ■>, «, m MuskelprimiiivbSndel. Vergr. 300. 
*} QeicbwülBle I. 3U8. 



408 Siebzehntes Capitel. 

achten*). Bei dieser sogeoanntea Fettdegeneration der Muskelo 
kann es, namentlich im Anfange der Entwickelung and bei grosser 
Regelmässigkeit derselben, vorkommen, dass ganz einfache Reihen 
hinter eioander liegender Fettzellen mit den Reihen der Maskel- 
Elemente abwechseln (Fig. 115). In diesem Falle, wo die Primi- 
tivbündel dnrch die Fettzellen auseinander gedrängt werden nnd 
gewöhnlich in Folge ihrer Anhäufung die Circulation im Muskel 
beeinträchtigt, das Fleisch also blass wird, sieht es für das blosse 
Auge oft so aus, als sei gar kein Muskelfleisch mehr Yorhanden. 
untersucht man z. B. an einer Unterextremität, welche in Folge 
einer Ankylose des Enie's lange unbewegt geblieben ist, die 
Gastrocnemii, so findet man zuweilen nur eine gelbliche, kaum 
streifig aussehende Masse ohne jedes fleischige Ansehen, allein 
bei feinerer Untersuchung zeigt sich, dass die an sich erhaltenen 
Primitivbündel noch immer durch das Fett hindurchgehen. Selbst 
in diesem Falle, wo das Fett eine bedeutende Erschwerung für 
den Muskelgebrauch bildet, sind die Muskelprimitivbündel doch 
noch vorhanden und in gewisser Weise wirkungsfähig. Es unter- 
scheidet sich daher dieser Prozess wesentlich von der Nekrobiose, 
wo das Primitivbündel als solches zu Grunde geht. Denn er stellt 
eine rein interstitielle Fettgewebsbildung dar, wobei gewöhnliches 
Bindegewebe in Fett übergeht, und man sollte daher lieber den 
Ausdruck der fettigen Degeneration vermeiden, welcher so leicht 
missverstanden werden kann. 

Diese Form kommt besonders am Herzen ziemlich häufig vor 
und kann, wenn sie eine grosse Ausdehnung erreicht, erhebliche 
Störungen der Bewegungsfähigkeit des Herzfleisches hervorbringen. 
Aber ihrem pathologischen Werthe nach steht sie tief unter der 
eigentlichen Fettmetamorphose, obwohl diese hinwiederum im 
äusserlich sichtbaren Resultat nicht entfernt ihr gleichkommt. 
Das, was die alten Anatomen als Fettherzen beschrieben haben, 
waren meistentheils nur fettig durchwachsene Herzen; was man 
dagegen heut zu Tage meint, wenn man von einer eigentlichen 
fettigen Degeneration (Metamorphose) des Herzens spricht, das ist 
nicht dieses Fettwerden des Herzens, dieses Durchwachsen seines 



*) Archiv VIII. 538. üeber die Bildung der FettzeUen im Knochenmark 
und im Unterh&utgewebe vergl. meine Untersuchungen über die Entwickelung 
des Schädelgrundes 49. 



Fettresorption im Darm. 409 

Fleisches mit Fettzellen, sondern es ist vielmehr die wirkliche, im 
Innern des Fleisches vor sich gehende Umsetzung der Substanz 
(Fig. 25, d. 121), auf welche ich noch zurückkommen werde. In 
dem letzteren Falle liegt das Fett in, im ersteren zwischen den 
Primitivbündeln. — 

Die zweite Reihe von Vorgängen, welche ich aufstellte, ist 
die trän sitoris che Anfüllung gewisser Organe mit Fett, wie 
wir sie im Wesentlichen bei der Digestion antreffen. Hat Jemand 
eine fettige Substanz genossen, und ist diese in den Zustand der 
Emulgirung übergeführt, so finden wir, dass, wenn sie in das obere 
Ende des Jejunum gelangt, zum Theil schon im Duodenum, die 
Zotten der Schleimhaut weisslich, trübe und dicker werden. Die 
feinere Untersuchung ergibt, dass sie mit sehr feinen, kleinsten 
Fettkömchen erfüllt werden, welche viel feiner sind, als wir sie 
in irgend einer künstlichen Emulsion herstellen können. Diese 
Körnchen, welche sich schon im Chymus finden, berühren zuerst 
das Cylinderepithel, mit welchem jede einzelne Darmzotte umgeben 
ist. An der Oberfläche jeder Epithelzelle findet sich aber, wie von 
Kölliker zuerst bemerkt ist, ein eigenthümlicher Saum, welcher, 
wenn man die Zelle von der Seite her betrachtet, feine, senkrechte 
Strichelchen erkennen lässt; von der Oberfläche aus gesehen, er- 
scheint die Zelle sechseckig und mit vielen kleinen Punkten besetzt, 
wie getüpfelt (Vergl. das Epithel der Gallenblase Fig. 15, sowie 
Fig. 116, A), Kölliker hat die Vermuthung aufgestellt, dass 
diese kleinen Striche und Punkte feinen Porenkanälchen entsprä- 
chen, und dass die Resorption so vor sich ginge, dass die kleinen 
Partikelchen des Fettes durch diese feinen Poren an der Ober- 
fläche der Epithelzellen aufgenommen würden. Der Gegenstand 
liegt indess so sehr an der Grenze unserer optischen Apparate, 
dass es bis jetzt nicht möglich gewesen ist, eine vollkommene 
Klarheit darüber zu gewinnen, ob die Striche wirklich feinen Ka- 
nälen entsprechen, oder ob es sich vielmehr, wie Brücke an- 
nimmt, um eine Zusammensetzung des ganzen oberen Saumes aus 
Stäbchen oder Säulchen, ähnlich den Flimmerhaaren, handelt. Ich 
bin durch meine Untersuchungen auch mehr zu letzterer Ansicht 
disponirt worden, zumal da an denselben Orten die vergleichende 
Histologie wirkliches Flimmerepithel als Aequivalent nächweist. 
Jedenfalls ist soviel sicher, dass einige Zeit nach der Digestion 



410 SiebuhntM Cftpitol. 

das Fett nicht mebr aussen an den Zellen liegt, sondern sieb 
innen in ihnen findet, nnd zwar zuerst am Sosseren (^en) Ende 
derselben; dann rücken seine Körnchen nach nnd nach weiter ood 
gehen in den Zellen nach innen, and zwar so deutlich reihenweise, 
dass es den Eindrack madit, als gingen feine Kanäle durch die 



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ganze Länge der Zellen selbst hindurch (Fig. 116, C, a). Allein 
auch das ist eine Frt^e, welche mit unseren optischen Apparaten 
nicht so bald gelöst werden dOrfte. Geni^, die grobe Thataacfae 
bleibt stehen, daas das Fett durch die Zeilen geht nnd zwar in 
derWeiee, dass anfänglich nur der äussere Tbeil derselben damit 
erfflllt ist, dann eine Zeit kommt, wo sie ganz voll von Fett sind, 
etwas später die äussere Partie wieder ganz frei wird, während 
die innere noch etwas enthält, bis endlich alles Fett spurlos aas 
den Zellen verschwindet. Auf diese Weise kann man den allmäh- 
lichen Fortgang von Stunde zu Stunde Terfolgen. Nachdem daa 
Fett bis in die innere Spitze der Zellen hineingerückt ist, so be- 
ginnt es, in das Bogeoannte Parenchym der Zott« überzugefaeD 
(Fig. 116, C). Ob die Epithelzellen, wie zuerst von Heidenhain 
behauptet worden ist, an ihrem unteren (centralen) Ende tu- 

fig. 116. Danniotten imd FettresorptioD. ^ Nonosl« Dumiotten dM Hen- 
acbea uis dem iejonum, bei a du lum Tbeil noch sanheode Cjlinderepithel 

mit dent feinen Saum und Kernen; c das reolraJe Chylu^fiss, r, r Blutfe- 
fasM: im äbriirei) Pareai^hym die Kerne des Bindegewebes und der KnikeliL — 
B Zöllen im Zusbnde der Coatraction vom Huad. — C Heaicblicbe Dkrmiotto 
wibrend der Chylus- Resorption. D bei Cbjlas-ReteQtion: an dar Spitze ein gtnaatr, 
txu einer krfatBlIioischea Hölle ftuitretender Fetltropfen. Vergr. £80- 



Resorption and Retention des Chylus. 411 

mittelbar mit feinsten Ausläufern der Bindegewebskörperchen der 
Zotte zusammenhängen, ist noch streitig, jedoch durch Eimer 's 
sorgsame Untersuchung zu höchster Wahrscheinlichkeit geführt. 

Es ist höchst schwierig, mit Sicherheit über diese feinsten 
Einrichtungen der Gewebssubstanz zu urtheilen. In der Regel 
finden wir innerhalb der Zotten das Netz der Blutgefässe etwas 
unter der Oberfläche (Fig. 116, A^ v, v), dagegen in der Axe 
eine ziemlich weite, stumpf endigende Höhlung, den Anfang des 
Ghylusgefässes , soweit es bis jetzt mit Sicherheit erkennbar ist 
(Fig. 116, A^ c). An der Peripherie der Zotten hat Brücke eine 
Lage von Muskeln entdeckt, welche für die Digestion von grosser 
Bedeutung ist, insofern dadurch ein Heranziehen der Zottenspitze 
gegen ihre Basis, eine Verkürzung möglich ist, wie man sehr 
leicht sehen kann. Wenn man Zotten vom Darme eines eben ge- 
tödteten Thieres abschneidet, so sieht man unter dem Mikroskop, 
dass sie sich zusammenziehen, sich runzeln, dicker und kürzer 
werden (Fig. 1 1 6, B). Offenbar erfolgt dadurch ein Druck in der 
Richtung von aussen nach innen, welcher die Fortbewegung der 
anfgenonunenen Säfte befördert. So weit wäre die Sache ziemlich 
klar, allein was das noch übrig bleibende Parenchym für einen 
Bau hat, ist äusserst schwer zu sehen. Ausser der Muskeliage 
bemerkt man noch kleinere Kerne, welche, wie ich schon vor 
Jahren hervorhob, hin und wieder ziemlich deutlich in feinen zel- 
ligen Elementen eingeschlossen sind. Diese Parenchymzellen ana- 
stomosiren unter sich und mit dem centralen Chylusgefässe. Bei 
der Resorption sieht es aus, als ob das Fett, welches in den 
Zotten immer weiter nach innen dringt, das ganze Parenchym er* 
füllte, jedoch ergibt eine feinere Untersuchung, zumal an weniger 
stark gefüllten Zotten, dass das Fett auf prädestinirten Strassen, 
nehmlich durch die Bindegewebskörperchen, seinen Weg verfolgt*). 
So gelangt es endlich in das centrale Chylusgefäss. Von hier be- 
ginnt der regelmässige Strom des Chylus. 

Am wenigsten verständlich ist in diesem Hergange die Auf- 
nahme des Fettes in die Epithelialzellen. Zu wiederholten Malen ist 



^) Ich habe mich neuerlichst durch die Untersuchunfi^ tod Querschnitten 
chylusfi^efnllter Zotten beim Menschen überzeugt, dass das Fett nicht discret im 
Parenchym, sondern heerdweise im Innern besonderer kleiner (Zellen?) Räume 
liegt 

Anm. zur zweiten Auflage (18j9). 



412 Siebzehntes Gapitel. 

daher die Meinung anfgetancht, dass hier gröbere OeühnngeD, 
wirkliche Stomata existiren. Insbesondere hat diese Frage in der 
neueren Zeit durch Letzerich eine besondere Bedeutung erlangt 
Er richtete die Aufmerksamkeit auf gewisse, schon längere Zeit 
bekannte Elemente, die sogenannten Becherzellen. Es sind dies 
offene Zellen von fast trichterförmiger Gestalt, welche gewöhnlich 
in gewissen Entfernungen von einander zwischen den gewöhnlichen 
Cylinderzellen des Darmepithels zerstreut vorkommen. Ich sah sie 
am Darm eines Hingerichteten, der ganz frisch untersucht wurde. 
Letzerich glaubt in ihnen die eigentlichen Aufoahme- Organe 
des Fettes zu erkennen. Diese Meinung ist unzweifelhaft irrig. 
Das von mir vorher Angeführte ist mit grösster Bestimmtheit za 
sehen: jede Epithelzelle ist fähig, Fett aufzunehmen, 
und ich möchte eher sagen, die Becherzellen seien es am wenig* 
sten. Das mechanische Problem ist damit wenig gefördert, indess 
wird man schwerlich bei dem gegenwärtigen Stande unserer Kennt- 
nisse noch auf blosse Dpuckverhältnisse zurückgehen können. Aller 
Wahrscheinlichkeit „fressen^ die Zellen. das Fett, und es handelt 
sich um einen der an die Thätigkeit der Elemente geknüpften 
automatischen Vorgänge (S. 360), bei welchen das Protoplasma 
betheiligt ist. 

Jedenfalls setzt der Vorgang eine emulsive Beschaffenheit des 
Fettes voraus, welches überall in feinster Zertheilung durch die 
Gewebstheile hindurchdringt. In dem regelmässigen Gange smd 
es so ausserordentlich zarte Partikeln , ^ass , wenn man frischen, 
noch warmen Chylus untersucht, man fast nichts von körperlichen 
Theilen darin erkennen kann*). Allein jede Störung, welche in 
dem Resorptionsgeschäfte stattfindet und längere Zeit hindurch das 
Fortrücken hindert, bedingt ein Zusammenfliessen der Fettpartikeln ; 
innerhalb der Gewebe, in welchen die Fett-Retention erfolgt, 
scheiden sich alsdann immer grössere Fettkömer ab, und diese 
fliessen endlich zu ganz grossen Tropfen zusammen. Solche finden 
wir sowohl in den Epithelialzellen, als auch innerhalb des Zotten- 
gewebes, namentlich in dem centralen Ghylusgefisse, und es kommt 
vor, dass das Ende des letzteren sich erweitert, kolbig ausgedehnt 
wird, und dass die Anhäufung von Fett darin so beträchtlich wird, 



♦) Archiv I. 152, 162, 262. Beiträge rar exper. Pathologie. Heft IL 71 
Gesammelte Abhandl. 139. 



FettretentioxL 413 

dass man sie schon mit blossem Ange erkennt*). Lieberkühn 
hielt diesen Zustand f&r den Ausdruck eines normalen Verhält- 
nisses, und nannte die Ausweitungen Ampullen. Ich habe gezeigt, 
dass dieselben eine rein pathologische Bedeutung haben, und dass 
auch die von E. H. Weber bemerkte Scheidung in einen dunklen 
und hellen Theil (Fig. 116, D) nur auf einer Trennung des Fett- 
tropfens in eine feste Rinde und einen flüssigen und nach Berstung 
der Rinde austretenden Inhalt beruht. Nirgends sieht man diese 
Zustände auffälliger und häufiger, wie in der Cholera, wo schon 
1837 durch Böhm gute Schilderungen davon geliefert worden sind. 
Sie bedeuten im Allgemeinen die Hemmung des Lymphstromes 
durch die Respirations - und Cürculationsstörungen. Da bekanntlich 
die Cholera -Anfälle überwiegend häufig in der Digestionsperiode 
eintreten und mit grossen Hemmungen des Respirationsgeschäftes 
verlaufen, welche sich durch den ganzen Venenapparat geltend 
machen, so müssen sie natürlich auch auf den Chylusstrom zu- 
rückwirken. So erklärt sich die colossale Anstauung (Retention) 
von Fett in den Zotten. Dies ist also, wenn man will, schon ein 
pathologischer Zustand, aber derselbe beruht nur auf einer vor- 
übergehenden Hemmung und wir haben allen Grund anzunehmen, 
dass, wenn der Chylusstrom wieder frei wird, auch diese grösse- 
ren Fetttropfen allmählich wieder beseitigt werden. Damit kommen 
vnr auf andere Gebiete, wo die Grenze zwischen Physiologie und 
Pathologie sich sehr schwer ziehen lässt. Ein solcher Fall findet 
sich namentlich an der Leber. 

Seit alter Zeit weiss man, dass die Leber dasjenige Organ 
ist, welches überwiegend leicht in einen Zustand sogenannter fet- 
tiger Degeneration geräth, und schon lange hat man gerade die 
Eenntniss dieses Zustandes auf dem Wege populärer Experimen- 
tation verwerthet. Die Geschichte der Gänseleberpasteten beweist 
dies in der angenehmsten Weise. Obgleich Lereboullet in 
Strassburg behauptete, dass die Fettlebem der gemästeten Gänse 
physiologische seien, die sich von den pathologischen, welche man 
nicht isst, sondern nur beobachtet, wesentlich unterschieden, so 
muss ich doch bekennen, dass ich bis jetzt ausser Stande gewesen 
bin, einen Unterschied zwischen physiologischen und pathologischen 
Fettlebem zu entdecken; ich meine viehnehr, dass gerade, indem 



*) Wünb. Yerhandl. IV. 354. Gesammelte Abhandlungen 732. 



414 Siebzehntes Gapitel. 

man die Identität beider znlässt, der einzig richtige Gesicbtsponkt 
auch far die pathologische FetÜeber gewonnen wird. Wir kennen 
nehmlich eine Thatsache, welche gleichfalls znerst von Eölliker 
beobachtet worden ist, dass nehmlich bei sangenden Thieren regel- 
mässig einige S